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Wissensarbeit und Arbeitswissen


Wissensarbeit und Arbeitswissen

Zur Ethnografie des kognitiven Kapitalismus
Arbeit und Alltag, Band 5 1. Aufl.

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Ausgehend von der Erkenntnis, dass Wissen prozessual und kontextabhängig ist, werden in diesem Band dessen Erzeugung und Nutzung mit ethnografischen Methoden untersucht. Dabei geht es neben der vieldiskutierten "Wissensarbeit" auch um das "Arbeitswissen" überhaupt. Anhand ganz unterschiedlicher Berufszweige von den Creative Industries über Forschung und Verwaltung bis zum medizinischen und pflegerischen Bereich wird dargestellt, wie sich der Umgang mit Wissen im Zeichen zunehmender Ökonomisierung verändert.
Inhalt

1 Einführung

Wissensarbeit und Arbeitswissen:
Zur Ethnografie des kognitiven Kapitalismus
Gertraud Koch und Bernd Jürgen Warneken11

Anmerkungen zu materiell-diskursiven Umwelten der Wissensarbeit
Stefan Beck27

2 Wissensarbeit in den Creative Industries

Design als postindustrielle Wissensarbeit
Katrin Pallowski43

Field-configuring Events (FCE):
Raumpolitiken und professionelle Szenen im Designbereich
Bastian Lange59

Wie stabilisieren Organisationen Wissen?
Projektarbeit in den Creative Industries
Hannes Krämer81

Usereinbindung im Web 2.0 – Front-Line-Work als strukturelle
Schließung in Open-Innovation-Prozessen
Christian Eismann und Sabine Hornung101

3 Körper – Wissen – Arbeit

Körper-Wissen als Arbeitspraxis in der postfordistischen Dienstleistung
Irene Götz121

Wohlfühlmanager der Berührungsindustrie – Ethnografisches über
den Einsatz von Gefühl und inkorporiertem Wissen im Friseursalon
Sarah Braun127

Erfahrungswissen und Körperarbeit als
Arbeitsbewältigungsstrategien in der stationären Altenpflege
Petra Schweiger143

Mit Leib und Wissen Mutter
Petra Schmidt153

Den Körper ins Spiel bringen
Manuela Barth167

4 Erfahrungswissen in verschiedenen Arbeitsfeldern

Am Schalter – au guichet: Kulturvergleichende teilnehmende
Beobachtung des Umgangs mit »Wissen« in Sozialbürokratien
Franz Schultheis175

(Erfahrungs-)Wissen als Planungsressource:
Neue Formen der Wissens(ver?-)nutzung im Unternehmen
am Beispiel agiler Entwicklungsmethoden
Stefan Sauer und Sabine Pfeiffer195

Der Wandel von Arbeitswissen und Wissensarbeit:
Das Beispiel Landwirtschaft
Birgit Huber211

Die Ausbildung von Fachkräften als Konflikt um
Wissens- und Vermittlungsformen
Anke Bahl227

Wissenswerter Smalltalk –
Beobachtungen in einer Lebertransplantationsambulanz
Katrin Amelang247

Videografische Zugänge zur Verwissenschaftlichung der Arbeit
am Beispiel medizinisch-technischen Arbeitswissens
Ines Langemeyer261

5 Wissensregimes in Verhandlung

Kontrolle durch die (Selbst-)Objektivierung von Erfahrungswissen
und Widersprüche im Konzept der Vertrauensorganisation
Stephanie Porschen281

Prekäre versus kreative Arbeitskultur im Prozess
der Computerisierung
Nadine Müller299

Von Ton-Trägern und gespeicherten Klängen –
Digitalisierungsprozesse und die Veränderung der Arbeit
in Medienarchiven
Johannes Müske321

Wissensdynamiken und Flexibilisierung von Arbeit in der
Luftfahrtindustrie: Der Trend zum multipel einsetzbaren
Mitarbeiter
Claudia Schlager335

Die Bottles-United-Theorie
Alpar Fendo347

Hochschulbildung: Vom öffentlichen Gut zur Ware zum Gemeingut?
Andreas Wittel359

Arbeit an der Ware »Ich«: Zum subjektiven Umgang mit dem
»unternehmerischen Selbst« in Career Services
Laura Glauser379

6 Wissen revisited

Selektives Wissen
Orvar Löfgren397

Autorinnen und Autoren417
Arbeit und Alltag
Gertraud Koch ist Professorin am Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie an der Universität Hamburg. Zuvor war sie an der Zeppelin Universität tätig, wo sie von 2003 bis 2013 den Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft und Wissenanthropologie inne hatte.
Bernd Jürgen Warneken war außerplanmäßiger Professor am Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen.
Wissensarbeit und Arbeitswissen:
Zur Ethnografie des kognitiven Kapitalismus
Eine Einleitung


Gertraud Koch und Bernd Jürgen Warneken


In Gesellschaften, die sich selbst in der Transition zu Wissensgesellschaften begreifen, gilt Wissen als wesentliche Ressource, die Wohlstand, Entwicklung und nachhaltig produktive Arbeit sichern hilft. Wissen ist dabei allerdings, wie der britische Arbeitsforscher Collin Williams anmerkt, weniger als ein »Rohstoff« und damit als gänzlich neuer Produktivfaktor zu verstehen. Vielmehr handele es sich bei der Betonung des Wissens um eine veränderte Perspektive auf den Faktor Arbeit und auch deren Kommodifizierung (Williams 2005; Williams 2007). Die mit dieser Fokussierung auf Wissen einhergehenden Veränderungen in der Ökonomie bezeichnet Moulier-Boutang (2001) mit dem Begriff »capitalisme cognitif« (vgl. auch Pahl/Meyer 2007) und sieht diesen in Zukunft als primären Modus des kapitalistischen Wirtschaftens. Die Verfügbarkeit und der Zugriff auf sogenannte Externalitäten, also im Umfeld von Unternehmen vorzufindende und mit niedrigen Transaktionskosten einzuverleibende Ressourcen, die sogenannte »netware«, hat dabei einen zentralen Stellenwert. Aus Sicht der Arbeitsforschung stellen sich mit dem postulierten Bedeutungszuwachs von Wissen neue Fragen nach dem Zusammenhang von Wissen, Arbeit und deren kapitalistischer Verwertung. Dabei geht es nicht nur um die Wissensarbeit, die schon seit einiger Zeit als paradigmatisch für zukünftige Arbeitsformen diskutiert wird, sondern genereller um die Nutzbarmachung und die Honorierung verschiedener Wissensformen in unterschiedlichen Arbeitsfeldern. Die Arbeitskulturenforschung kann mit einer kulturtheoretisch informierten Perspektive hier insbesondere auch die Engführungen kognitivistischer Wissensverständnisse erkennbar werden lassen.


Der vorliegende Band, hervorgegangen aus einer Tagung im April 2011 an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen, knüpft somit an die kulturanthropologischen und arbeitssoziologischen Diskussionen um den Stellenwert verschiedener Wissensformen in der heutigen Arbeitswelt an. Eine brauchbare Einteilung dieser Formen liefert Frank Blackler, der embrained, embodied, encultured, embedded und encoded knowledge unterscheidet (Blackler 1995). In vielen Analysen der aktuellen, postfordistischen Arbeitskultur wurde davon ausgegangen, dass im Zuge von steigender Verwissenschaftlichung und Informatisierung die Bedeutung von embodied knowledge (von stummem, spontanisiertem, erfahrungsbasiertem Wissen) und embedded knowledge (gruppen- oder organisationskulturell geprägtem Wissen) abnehme und embrained knowledge und encoded knowledge, also kognitives und objektiviertes Wissen, ins Zentrum rückten. Dieser Annahme ist jedoch insbesondere in den letzten Jahren immer mehr widersprochen worden. Dabei wurde vor allem von wissensanthropologischer Seite darauf hingewiesen, dass auch wissenschaftliches Wissen implizite, teils schwer benennbare Anteile hat und zudem in kulturelle Kontexte und soziale Arrangements eingebunden ist. Von arbeitssoziologischer Seite wurde gezeigt, dass nicht nur bei Arbeitswissen allgemein, sondern auch bei sogenannter Wissensarbeit situated skills und pragmatic knowledge eine wesentliche Rolle spielen. Informatiker zum Beispiel kommen nicht mit explizierbarem Fachwissen aus, sondern arbeiten auch mit praktischem Wissen und partizipieren an Handlungs- und Deutungsroutinen ihrer Abteilung. Postuliert wird darüber hinaus ein Trend zur Vervielfältigung der in die heutige Arbeitswelt einbringbaren Wissensformen. Demnach ermöglichen beziehungsweise verlangen die Produktivkräfte und die Organisationsformen der postfordistischen Epoche, dass Arbeitnehmer in ihre Arbeit mit dem ganzen »kulturellen Gepäck« (Gorz 2003) einsteigen, das sie sich in ihrer Arbeits- und Freizeitbiografie erworben haben. Auch die Diagnose einer zunehmenden »Subjektivierung der Arbeit« (Moldaschl/Voß 2002) schließt die wachsende Chance respektive Pflicht ein, jeweils individuelle Kombinationen von kodifiziertem, kognitivem und inkorporiertem, erfahrungsgesättigtem und situationsflexiblem Wissen in die Arbeit einzubringen.


Zusammen mit der verstärkten Aufmerksamkeit auf nicht-kognitiven Wissensimplikaten und nicht-kodifizierten Wissensmodi zeichnet die aktuelle Wissensforschung eine Betonung des Prozesscharakters von Wissen aus. So plädiert Frank Blackler dafür, sich von einer auf Wissensbestände fokussierten Wissensforschung zu verabschieden und ihren Gegenstand eher als knowing denn als knowledge zu bezeichnen, nicht zuletzt, weil so die falsche Grenzziehung zwischen Wissen und Lernen aufgehoben würde. Stefan Beck nennt, in Rekurs auf die US-amerikanische Kulturanthropologie, alles Wissen prozessual und praxisbezogen und bestimmt deshalb als Forschungsaufgabe die Ermittlung von Entstehung, Performanz und Transformation von Wissen, ob nun in speziellen Laborversuchen oder im Alltagshandeln. (Beck 2009) Daraus ergibt sich: Wenn Wissensarbeit und Arbeitswissen als sozial, kulturell und situativ »geerdet« anzusehen sind, wenn sich neues Wissen in sozialer Interaktion bildet und mit dem kommunikativen Aushandeln der Lernergebnisse verbunden ist, dann bedarf es einer dieser praxeologischen Sichtweise auf Wissen angemessenen Methodologie der Wissensforschung. Gefragt sind dann insbesondere dichte Beschreibungen von Prozessen der Wissensgenerierung, Wissensfixierung, Wissensvermittlung und Wissensnutzung. »Detailed ethnographic studies are needed to illuminate the ways in which people improvize, communicate and negotiate within expanded activity systems« (Blackler 1995: 1040). Dem aktuellen Stand der Wissenstheorie entspricht mithin eine Wissensempirie, in der qualitativen Methoden und insbesondere einer – freilich den teilweise entörtlichten Handlungsfeldern angemessenen – Feldforschung eine zentrale Bedeutung zukommt.


Konkret bedeutet dies, ethnografisch zu erforschen, wie Wissen – in dem breiten kulturanthropologischen Verständnis des Begriffs – in Arbeitsprozessen als eine aktiv gemanagte und implizit vorhandene Ressource eingesetzt und verwertet wird, wie Wissensordnungen dabei zur Anwendung gebracht beziehungsweise modifiziert werden, aber auch, wo sich Wissen der Steuerbarkeit entzieht beziehungsweise dieser entgegenwirkt. Eine Rolle spielen hier insbesondere die Vielfalt und das Zusammenwirken unterschiedlicher Wissensformen, wobei mit Praxis, Erfahrung und Emotionalität gerade jene Aspekte des Wissens im Vordergrund stehen, die im dominanten wissensgesellschaftlichen Diskurs nur marginale Beachtung finden oder gar nicht als spezifische Dimensionen des Wissens thematisiert werden. Die eingängige Differenzierung in Arbeitswissen und Wissensarbeit taugt so weniger zur Klassifizierung von Arbeitsformen, etwa in Wissensarbeiter und Wissenswerker (Nonaka/Takeuchi 1997; Kocyba 1999) als zur Bestimmung der spezifischen Mischungsformen der Anwendung und der Generierung von Wissen in einem Tätigkeitsbereich.


Die postfordistische Arbeitskraft – Arbeitkraftunternehmer und Self-Entrepreneur (Pongratz/Voß 2000) – wird dabei im Hinblick auf ihre Bildungsanforderungen (Strauß 2002) und spezifischen Wissensdimensionen als intellektuelles, soziales, kulturelles und als emotionales Kapital (Illouz 2006) thematisierbar. Zunehmend geht es dabei um die Realisierung von Wissensunterschieden, zum Beispiel migrationsbedingten, schicht- oder genderspezifischen Erfahrungshorizonten. Subjektivierung und die zeitliche und räumliche Entgrenzung der Arbeit (Schönberger/Springer 2003; Herlyn et al. 2009) können so im Zugriff auf lebensweltlich und biografisch gebundene Wissensbestände und -formen (Erfahrungswissen, Habitus) rekonstruiert werden. Dabei stehen die neuen Formen der Steuerung und Verwertung im Vordergrund, die insbesondere dort notwendig und erprobt werden, wo es um intellektuelle und kreative Arbeitskapazitäten (Vester 2009), um virtualisierte Arbeitszusammenhänge (Hirschfelder/Huber 2004) und frei verfügbare, aber hoch spezialisierte Open-Source-Wissensbestände oder aus dem Internet rekonstruierbares Konsumentenwissen geht.


Die mit der Ausrufung der Wissensgesellschaft artikulierte notwendige Neuausrichtung der Arbeitswelt auf die Sicherstellung von Lernprozessen, auf permanentes Innovieren, auf Wissensaktualisierung, auf Vernetzung und auf dichte Kommunikationsinfrastrukturen werfen Fragen nach den damit einhergehenden Veränderungen in der Arbeitswelt und für die Arbeitenden auf. Ausgerechnet in den als innovativ und als für die Wissensgesellschaft paradigmatisch geltenden creative industries mit ihren projektförmigen Arbeitsformen zeigen sich verstärkt prekäre Lebensverhältnisse (Götz/Lemberger 2009). Sie verweisen stellvertretend auf die Widersprüchlichkeiten, die im capitalisme cognitif (Moulier-Boutang 2001) aufkommen und in die empirischen Studien in diesem Band leiten.

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