Details

Wie der Fußball Deutsche macht


Wie der Fußball Deutsche macht

Die Fußballweltmeisterschaft 2006 in der Fernsehberichterstattung
1. Aufl.

von: Sven Ismer

35,99 €

Verlag: Campus Verlag
Format: PDF
Veröffentl.: 08.09.2016
ISBN/EAN: 9783593433905
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 389

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Die Fußballweltmeisterschaft 2006 hat Deutschland nachhaltig verändert. Viele Deutsche entdeckten während des »Sommermärchens« ihre nationalen Emotionen neu. »Schwarz-Rot-Gold« avancierte – an Autos, Balkonbrüstungen und in Gesichtsbemalungen – fast über Nacht zur Norm. Warum der Fußball die Macht hat, jahrzehntelang gültige Vorbehalte gegenüber dem Patriotismus abzubauen und ob der »neue Patriotismus« tatsächlich tolerant und weltoffen ist, untersucht Sven Ismer in seinem Buch. Dabei verknüpft er Perspektiven der Nationalismus-, Emotions- und Ritualforschung mit einer empirischen Analyse der Fernsehberichterstattung über das Turnier.
Inhalt

Einleitung 9

Prolog - Von der "englischen Krankheit" zum Nationalsport 18
Aufstieg zum Symbol von Gemeinschaft 19
Fußball und die Volksgemeinschaft des Nationalsozialismus 22
Fußball in der Bundesrepublik 24

1. Nationalismus, Nation und nationale Identität 33
1.1 Die Praxis des Nationalismus 40
Alltag 41
Kultur 45
Tradition 52
Macht 56

1.2 Nation als Gemeinschaft 61
Kommunikation 64
Imagination 68
1.3 Nationale Identität 72
Praktische Identität 75
Kategoriale Identität 76
Hierarchisierung von Kategorien 83

2. Zur Rolle von Emotionen in der Praxis des Nationalismus 89
2.1 Emotionen aus Emotionen 92
Episodische Emotionen 92
Sentimente 94
2.2 Emotion und Relevanz 96
Nature vs. Nurture in der Emotionssoziologie 97
Emotionen verleihen ›authentische Relevanz‹ 99
2.3 ›Richtige‹ und ›falsche‹ Emotionen 102
Emotionsnormen in der Soziologie 103
Veränderungen des ›Normalen‹ 112
2.4 Kollektive Emotionen 115
Kollektive Emotionen und Interaktion 118
Kollektive Emotionen und Identität 128
2.5 Zusammenfassung 140

3. Rituale der Gesellschaft 144
3.1 Rituale zwischen Makro-Repräsentation und Mikro-Interaktion 145
Stabilität und Wandel 147
Symbole und das Sakrale 150
Glaubensvorstellungen und Praxis 154
3.2 Rituale und Medien 159
Makrorituale und Medien 161
Mesorituale und Medien 165
Mikrorituale und Medien 168
3.3 Zusammenfassung der theoretischen Überlegungen 170

4. Daten und Methode der Analyse 177
4.1 Fußballberichterstattung in der Forschung 178
4.2 Zu Umfang und Auswahl der Daten 183
4.3 Zur Spezifik des untersuchten Materials 184
4.4 Sozialwissenschaftliche Zugänge zu audiovisuellen Daten 186
4.5 Das methodische Vorgehen der Studie 189
Grundzüge der dokumentarischen Methode 189

5. Wie der Fußball Deutsche macht - Analyse der Berichterstattung 199
5.1 Integration 200
5.2 Alltag und Efferveszenz - Sich deutsch machen 205
Sich-Einlassen 206
In der Gemeinschaft 214
"Land im Rausch" 217
Teamgeist 228
Kollektive Intentionalität 234
Gemeinschaftsgenese 244
5.3 ›Das Eigene‹ und ›das Andere‹ 250
Zugehörigkeit 250
Mitsingen 261
›Deutsch-Sein‹ 265
Zwei "Lichtgestalten" 278
Das Team der Anderen 295
Der Star der Anderen 297
Die Fans der Anderen 307
5.4 Führung und Unterordnung 315
Sakralisierung des Banalen 316
"Chefschweiger" Frings & der "aufopferungsvolle" Ballack 320
Klinsmann: Charisma oder Kompetenz? 326

6. Rückpass 341

Verzeichnis der audiovisuellen Quellen 356
Literatur 357
Danksagung 389
Sven Ismer, Dr. phil., ist Soziologe und Ethnologe; er lehrte und forschte an den Universitäten Bielefeld, Hamburg und Berlin.
Einleitung

Das Eröffnungsspiel der FIFA Fußball WM 2006 verfolgte ich in einem Hörsaal der Universität Hamburg neben zwei mir bekannten Studenten. Als die deutsche Nationalhymne gespielt wurde, standen beide auf, legten die rechte Hand auf die Brust und sangen mit. Ich war, vorsichtig formuliert, erstaunt. Als ich mich später auf dem Heimweg mit dem Fahrrad durch das Hamburger Schanzenviertel bewegte, musste ich immer wieder "Deutschland!" gröhlenden jungen Männern ausweichen, die mir, berauscht vom Sieg und Bier, vor das Fahrrad taumelten oder versuchten, mich mit ihren Fahnen zu behängen. "Na, das kann ja heiter werden…", dachte ich, und begann, mich vor den kommenden vier Wochen etwas zu fürchten. Bereits nach dem WM-Sieg der deutschen Nationalmannschaft 1990 hatte es Autokorsos mit Deutschland-Fahnen gegeben - kurz bevor das Land von einer Welle der Gewalt gegen Flüchtlinge und Menschen mit Migrationshintergrund überzogen wurde. Auch wenn man sicherlich den meisten FußballpatriotInnen Unrecht tut, wenn man sie in einem Absatz mit den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda nennt: Die Flaggen beim Fußball passten zu dem Nationalismus und Rassismus, der damals wie heute das Leben vieler Menschen in Deutschland zum Albtraum macht. Unvergessenes visuelles Symbol der Übergriffe in Rostock bleibt bis heute das Foto eines betrunkenen Anwohners, der mit einem Trikot der Nationalmannschaft bekleidet und feuchtem Fleck im Schritt den rechten Arm zum Hitlergruß streckt.
Trotz alledem würde ich mich selbst durchaus als Fußballfreund bezeichnen, ich gehe häufiger in das ein oder andere Stadion, sehe fast jedes Spiel meines Hamburger Lieblings-Clubs und hatte mich auch 2006 auf die WM gefreut. Allerdings blieb, anders als es bei vielen meiner Bekannten und auch KollegInnen der Fall war, mein Unbehagen gegenüber dem überraschenden Ausbruch von Patriotismus bestehen. Zwar konnte ich die netten und bunten Seiten der WM durchaus genießen, dennoch fragte ich mich, welche nachhaltigen Veränderungen mit der Veranstaltung einhergehen würden. Was bedeutet es für die Zukunft, wenn bislang tief verankerte Vorbehalte gegenüber einer Emotion wie Nationalstolz über Bord geworfen werden, wenn plötzlich "Flagge zeigen" von intellektuellen Autoritäten wie Günter Grass als "schönes Gefühl" bezeichnet wird (Ismer 2015: 360), und selbst im eigenen Freundeskreis viele Leute finden, es sei doch "nichts dabei"? Die Gefahren einer Einstellung, welche die Welt vor allem durch die Brille der Nation betrachtet, zeigen sich schließlich fortlaufend aufs Neue in vielen Teilen der Welt. Aber was hat das Eine mit dem Anderen zu tun? In der Soziologie, Politikwissenschaft und Sozialpsychologie ist die Differenzierung zwischen einem harmlosen, eventuell sogar wünschenswerten Patriotismus auf der einen Seite und einem gefährlichen und abzulehnenden Nationalismus auf der anderen Seite ebenso verbreitet wie umstritten (vgl. u.a. Fleiß u.a. 2009; Brown 1999; Mummendey u.a. 2001). Wenn Menschen stolz auf die demokratischen Errungenschaften ihrer Nation sind, so heißt es auf der einen Seite, könne dies ein Bollwerk gegen Rassismus darstellen (vgl. Blank/Schmidt 2003; Heyder/Schmidt 2002). Entgegen gehalten wird dieser Einschätzung, dass Patriotismus in der Regel als Konstrukt gemessen wird, indem die Identifikation mit Nation und die Wertschätzung von Demokratie und Sozialstaat kombiniert werden. Während Letzteres tatsächlich negativ mit Fremdenfeindlichkeit korreliert, ist bei Ersterem das Gegenteil der Fall (Wagner u.a. 2012). Es ist also keineswegs der ›Stolz auf das Eigene‹, der Toleranz und Wertschätzung ›dem Anderen‹ gegenüber mit sich bringt, sondern vielmehr eine hiervon nicht abhängige Einstellung, die Werte wie Toleranz impliziert. Auch in Bezug auf die WM 2006 waren die empirischen Befunde überaus widersprüchlich. Während die Einen der Veranstaltung, die ja unter dem Motto ›Die Welt zu Gast bei Freunden‹ stand, bescheinigen, einen Rückgang von Xenophobie bei gleichzeitig steigendem Patriotismus bewirkt zu haben (Kersting 2007), diagnostizierten die Anderen eine unmittelbar nach der WM verstärkte Tendenz zu nationalistischen Einstellungsmustern, die wiederum mit einer stärkeren Neigung zur sogenannten "gruppenbasierten Menschenfeindlichkeit" einhergehe (Becker u.a. 2007). War also der ›Party-Patriotismus‹ der WM 2006 ein harmloser Spaß und Ausdruck einer weltoffenen und toleranten Gesellschaft oder der Türöffner für neuen Nationalismus?
Grundsätzlicher stellt sich die Frage, warum der Fußball überhaupt eine solche Wirkung auf Millionen von Menschen haben kann: Warum ist Fußball in der Lage, ein Land so zu prägen und jahrzehntelang verankerte gesellschaftliche Normen zu verändern? Sicherlich trugen im Falle der WM 2006 eine Reihe von Faktoren zum Erfolg der Veranstaltung bei, zu nennen wären äußere Umstände wie das gute Wetter, aber auch die sehr wohlwollende Reaktion der ausländischen Presse auf die Stimmung im Gastgeberland. Die Deutschen probierten sich aus, von außen kam dazu das Signal "Gut so!" - ein kaum zu unterschätzender Einflussfaktor. Dennoch bin ich der Ansicht, dass die Antworten auf die oben gestellten Fragen einen gründlicheren und tiefergehenden Blick auf die Beziehung zwischen Fußball und der Nation erfordern: Die nachhaltige Wirkung der WM 2006 ist mit dem Verweis auf ihre situativen Rahmenbedingungen nicht hinreichend zu erklären.
Denn eines ist, trotz aller Schatten, die kurz vor ihrem zehnten Jubiläum durch die heute bekannt werdenden Umstände der Vergabe der Veranstaltung an Deutschland auf die WM 2006 fallen, gewiss: Das sogenannte ›Sommermärchen‹ hat zu einer bemerkenswerten und beständigen Veränderung der Einstellung vieler Deutscher insbesondere zu Fragen der ›nationalen Identität‹ und des Ausdrucks derselben beigetragen. Zwar deuten Untersuchungen (u.a. Kersting 2007; Gerhards/Mutz 2010; Mutz 2013) darauf hin, dass ein erhöhter ›Nationalstolz‹ als Effekt von Fußball-Großveranstaltungen ein relativ flüchtiges Phänomen ist und entsprechende Befragungswerte nach Ende des Turniers rasch auf das Ausgangsniveau zurück fallen, dennoch hat sich das Phänomen eines massenhaft enttabuisierten Umgangs mit Nationalstolz und einem entsprechenden Gebrauch nationaler Symbolik bei diversen anderen Gelegenheiten nach der WM 2006 stets aufs Neue gezeigt (zum Beispiel Handball-WM im Winter 2006/07; Fußball Europameisterschaften 2008 und 2012; Fußball Weltmeisterschaften 2010 und 2014). Aus heutiger Sicht lässt sich konstatieren, dass im Sommer 2006 große Teile der diesbezüglichen Zurückhaltung über Bord geworfen wurden, die hierzulande seit der Diktatur des Nationalsozialismus in weiten Teilen der Bevölkerung Bestand hatten. An ihre Stelle trat etwas, das als "neuer", "fröhlicher" oder auch "Party-Patriotismus" bezeichnet wurde. Nicht nur beim Fußball, auch bei anderen Großereignissen des Sports malen sich heute Tausende BürgerInnen die Nationalfarben ins Gesicht, hissen Flaggen auf ihren Balkonen oder befestigen sie an ihren Autos und singen mit Inbrunst und der Hand auf dem Herzen die Nationalhymne - Formen der demonstrativen emotionalen Identifikation mit der Nation, die bis 2006 weitgehend tabuisiert waren. Im Vokabular der Emotionssoziologie könnte man auch sagen: Die feeling rules (Hochschild 1979) der Gesellschaft haben sich geändert.
Deutschland ist nicht das einzige Beispiel, das einen Einfluss von Fußball-Großveranstaltungen auf gesellschaftliche Transformationsprozesse in Bezug auf die Identifikation mit einer Nation vermuten lässt. In vielen von Bürgerkriegen, ethnischen Konflikten oder religiösen Spaltungen heimgesuchten Gesellschaften wird immer wieder Hoffnung auf die angeblich vereinende Macht des Fußballs gesetzt, so geschehen im Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste (Bloomfield 2010: 185f.), im komplexen Prozess des nation building in Bosnien-Herzegowina (Robelli 2009) oder auch im Vorfeld der Weltmeisterschaft in Südafrika (Eason 2009). In Südafrika wie auch in anderen Gastgeberstaaten wurde vielen der durch FIFA und UEFA ausgerichteten Welt- und Europameisterschaften auch von sozialwissenschaftlicher Seite bescheinigt, einen signifikanten Einfluss auf Einstellungen der BürgerInnen zur jeweiligen ›nationalen Identität‹ ausgeübt zu haben (siehe zum Beispiel für die WM 1998 in Frankreich Dauncey/Hare 2000; für die WM 2002 in Japan/Südkorea Horne/Manzenreiter 2004; für die EM 2004 in Portugal Marievoet 2006; für die WM 2010 in Südafrika Heerea u.a. 2013).
Doch wie lässt sich dieses offenbar große Potential des Fußballs beziehungsweise seiner gesellschaftlichen Nutzung zur Konstruktion gesellschaftlicher Kohäsion verstehen? Erklärungen finden sich in den genannten Studien kaum, was damit zusammenhängen mag, dass die AutorInnen zumeist einen sportwissenschaftlichen Hintergrund haben und sich eher für die (messbaren) Auswirkungen solcher Veranstaltungen auf verschiedene Bereiche einer Gesellschaft als für die diesen Auswirkungen zugrunde liegenden sozialen Mechanismen interessieren. In der Nations- und Nationalismusforschung hält sich das Interesse am Fußball und an den Großereignissen wie WM und EM generell in Grenzen. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen (zum Beispiel Houlihan 1997; Abell u.a. 2007), spielt Sport im Allgemeinen und Fußball im Speziellen beispielsweise in Nations and Nationalism, der wohl wichtigsten Zeitschrift der Nationalismusforschung, kaum eine Rolle. Dieses Buch strebt an, diese Lücke zu füllen und dem Zusammenhang von Fußballmegaevents und dem Phänomen Nation aus einer nationstheoretischen Perspektive auf den Grund zu gehen. Dabei wird zum einen nach einer Erklärung für den beschriebenen Einfluss des Fußballs auf die Identifikation mit Nation gesucht und zum anderen der Frage nachgegangen, welche Vorstellungen von ›Nation‹ und ›nationaler Identität‹ durch den Fußball beziehungsweise durch die mediale Inszenierung des Fußballs vermittelt werden, um auf diese Weise einen Beitrag zur Beantwortung der Frage nach dem ›Wesen‹ des ›Party-Patriotismus‹ zu liefern. Während die erste Frage vor allem durch eine Zusammenführung von Theoriedebatten, die bisher nur wenig Kenntnis voneinander genommen haben, beantwortet werden kann, bildet die zweite Frage den Ausgangspunkt für eine empirische Untersuchung der Berichterstattung über die WM 2006.
Trotz der oben genannten Beispiele sollte jedoch kein Zweifel daran bestehen, dass es nicht der Fußball an sich ist, der Normen verändert, Nationen befriedet oder auch gänzlich neu entstehen lässt, sondern die Rolle, die dem Fußball in vielen Ländern aus benennbaren Gründen zugefallen ist, und die, unter gewissen Voraussetzungen, auch eine andere gesellschaftliche Praxis hätte erfüllen können. Beginnen wird die Arbeit aus diesem Grund mit einer kurzen Einführung in die Geschichte des Fußballs in Deutschland. Dieser historische Abriss soll zunächst aus einer sozialgeschichtlichen Perspektive klären, warum ausgerechnet der Fußball in Deutschland wichtigster Nationalsport ist. Warum wurde nicht beispielsweise Handball (immerhin anders als Fußball eine in Deutschland erfundene Sportart) zum Lieblingssport der Deutschen oder warum blieb es nicht beim vom Beginn an mit dem deutschen Nationalismus eng verbundenen Turnen?
Im Anschluss an diese Einführung in die Fußballgeschichte ist es notwendig, sich der Verbindung von Fußball und Nation theoretisch zuzuwenden, um die erste der oben genannten Fragen nach einer Erklärung für den großen Einfluss des Fußballs zu beantworten. Den Anfang wird im ersten Kapitel eine theoretische Auseinandersetzung mit den Begriffen Nationalismus, Nation und nationale Identität machen. Zur Strukturierung der ersten zwei Abschnitte dieses Kapitels dient eine Reihe von Begriffen, die zum einen zentrale Kategorien der Nations- und Nationalismusforschung darstellen und die zum anderen gute Anknüpfungspunkte für das Herausstellen der Verbindungen von Nation und Fußball bieten. Im dritten Abschnitt des ersten Kapitels wird der Begriff der ›nationalen Identität‹ kritisch diskutiert und aus einer Perspektive eingeführt, die essentialisierende Konnotationen vermeidet. Das Kapitel verfolgt in seiner Gesamtheit nicht nur das Ziel, relevante Teile der Forschung aufzugreifen und darzustellen, sondern auch, mögliche Defizite zu thematisieren. Für das Verständnis des Zusammenhangs von Nation und Fußball liegt das wichtigste Defizit der Nationsforschung in der weitgehenden Ausblendung der affektiven Bestandteile von nationaler Zugehörigkeit. Auch der von Brubaker (2009) ausgerufenen ›kognitiven Wende‹ in der Nationsforschung lässt sich der Vorwurf einer ›Emotionsblindheit‹ machen, die den Blick auf entscheidende Bestandteile der untersuchten Phänomene erschwert. Besonders für die hier verfolgten Fragestellungen ist eine Verknüpfung der theoretischen Überlegungen zu Nation, Nationalismus und ›nationaler Identität‹ mit der Emotionsforschung vielversprechend: Die patriotische Euphorie im Zuge der WM 2006 ist in erster Linie ein kollektives emotionales Phänomen. Auch die Frage nach der Änderung gesellschaftlicher Normen bezüglich des Ausdrucks von nationaler Zugehörigkeit berührt in vielen Punkten Normen, die sich auf den Ausdruck von Emotionen beziehen.
Aus diesem Grund wird sich das zweite Kapitel ausführlich dem Thema der Emotionen zuwenden. Dabei werden vier Punkte gesondert fokussiert. Während der erste Abschnitt die notwendige begriffliche Differenzierung zwischen episodischen Emotionen und Sentimenten einführt sowie das Verhältnis beider Phänomene zueinander thematisiert, wird der zweite Teil des Kapitels eine Sicht auf Emotionen entwickeln, die an die Nations- und Nationalismusforschung anschlussfähig ist. Zu diesem Zweck wird ausgehend von der ›Nature vs. Nurture‹ Debatte der Emotionsforschung argumentiert, dass die Verbindung beider Positionen einen produktiven Beitrag zu den hier untersuchten Fragestellungen leisten kann. Im dritten Abschnitt des Kapitels wird schließlich der Bogen zur Ausgangsfrage gespannt, indem das Thema der Emotionsnormen und die Frage nach den Möglichkeiten der Veränderung von Emotionsnormen behandelt werden. Abgeschlossen wird das Kapitel durch einen Abschnitt, der sich einem Bereich der Emotionsforschung widmet, dem in einer Studie, die sich mit Fußball und Nation befasst, besondere Bedeutung zukommt: dem Bereich der kollektiven Emotionen. Der Abschnitt gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil thematisiert ausgewählte Forschungsperspektiven auf kollektive Emotionalität, die diese vor allem vor dem Hintergrund der zugrunde liegenden Interaktion fokussieren. Hier geht es zunächst um emotionale Ansteckung, also um ein Phänomen, das einen großen Beitrag zu der besonders starken Emotionalität bei Anlässen wie einem Fußballspiel leistet. Im Anschluss wird anhand von Durkheims Begriff der ›kollektiven Efferveszenz‹ der Zustand der kollektiven Euphorie selbst thematisiert, bevor abschließend der in einer Durkheimschen Tradition stehende Begriff der ›emotionalen Energie‹ (Collins 2004) eingeführt wird, der die Bedeutung des Erlebens von Interaktionsritualen für das Individuum in den Mittelpunkt stellt. Im zweiten Teil des Kapitels werden in zwei Abschnitten kollektive Emotionen thematisiert, die sich aus (Gruppen-)Zugehörigkeiten der unterschiedlichsten Art ergeben, die also in einem engen Zusammenhang mit den Themen Identität und Identifikation stehen.
In seiner Gesamtheit verfolgt das zweite Kapitel das Ziel, eine emotionstheoretische Grundlage zu erarbeiten, die an die im ersten Kapitel dargelegte Perspektive auf Nationalismus, Nation und ›nationale Identität‹ anschlussfähig ist. Emotionen sind jedoch ein flüchtiges Phänomen, ebenso schnell verklungen, wie sie entstanden sind. Um untersuchen zu können, auf welche Weise die im Fußball geweckten Emotionen zu dauerhaften Veränderungen hinsichtlich der Bedeutung von Nation und nationaler Identität beitragen können, bedarf der analytische Rahmen einer weiteren Ergänzung.
Deshalb wird sich das dritte Kapitel in zwei Schritten dem Begriff des Rituals zuwenden, der diese Erweiterung zu leisten vermag und bereits vielfach als theoretischer Ausgangspunkt für Analysen des Fußballs genutzt wurde (zum Beispiel Bromberger 1998; Pornschlegel 2002). Der erste dieser Schritte dient der Einführung in die Ritualtheorie anhand der Verdichtung auf einige für die Thematik besonders relevante Aspekte. Ein erster Abschnitt beschäftigt sich mit dem Gegensatz von Stabilität und Wandel, der sich sowohl in einer traditionellen Polarität von Perspektiven der Ritualforschung findet, wie auch ein grundlegendes Paradox der Nation beschreibt, die auf Tradition ebenso angewiesen ist, wie auf stetige Modernisierungen. Ein weiterer Abschnitt thematisiert die Begriffe des Symbols und des Sakralen. Hier geht es insbesondere um die Frage des Transfers von im Ritual erlebten Erfahrungen des Außerordentlichen, Sakralen in das außerrituelle, alltägliche Leben für den Symbole eine zentrale Rolle spielen. Abschließen wird den ersten Teil eine Auseinandersetzung mit der Durkheimschen Distinktion der im Ritual bedeutsamen Glaubensvorstellungen von der (rituellen) Praxis. Im zweiten Teil des Kapitels wird der ritualtheoretische Rahmen um den Begriff der Medien erweitert. Auf Makro-, Meso- und schließlich Mikroebene werden die spezifischen Bedingungen und Besonderheiten dargestellt, denen mediatisierte Rituale unterliegen, bevor eine Zusammenfassung der erarbeiteten theoretischen Perspektive das Kapitel abschließt.
Die drei theoretisch ausgerichteten Kapitel verfolgen in ihrer Gesamtheit zwei Hauptziele. Zum einen sollen im Dienste eines besseren Verständnisses des Zusammenhangs zwischen Fußball und Nation Theoriedebatten zusammengeführt werden, die bisher überraschend wenig Notiz voneinander genommen haben. Auf diese Weise soll eine Antwort auf die Frage nach der Bedeutung des Fußballs für die Nation gefunden werden. Zum anderen wird in der Auseinandersetzung mit den dargestellten Forschungs-Perspektiven eine "theoretische Sensibilität" aufgebaut, die im Rahmen einer empirischen Analyse dazu beitragen kann, eine über "Deskription hinausgehende Konzeptualisierung" (Mey/Mruck 2011: 15) der Analyseergebnisse zu entwickeln.
Eine solche empirische Analyse steht im Mittelpunkt des zweiten Teils des Buches. Ziel dieser Analyse ist es, sich der Verbindung von Fußball und Nation aus einer anderen Richtung zu nähern, als dies im theoretischen Teil der Arbeit geschehen ist. Wurde dort danach gestrebt, zu verstehen, warum Fußball eine solch wichtige Rolle für die Nation und die Beziehung zwischen Individuum und Nation spielt, geht es der empirischen Untersuchung darum zu klären, welche im Jahr 2006 spezifischen Vorstellungen von Nation und nationaler Identität im (Medien-)Fußball konstruiert werden. Dies geschieht nicht zuletzt auch mit Blick auf die eingangs angesprochene Debatte über den in- oder exkludierenden Charakter des ›Party-Patriotismus‹.
Ausgehend vom Interesse an den Veränderungsprozessen, die mit der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland einhergingen wurde die TV-Vorberichterstattung zu den sieben Spielen der deutschen Fußballnationalmannschaft im Rahmen dieser WM als Datengrundlage ausgewählt. Die empirische Analyse wendet sich damit einem Gegenstand zu, der bisher nur wenig Aufmerksamkeit in der sozialwissenschaftlichen Forschung erhalten hat, obwohl, wie Hackforth es unter Bezug auf die TV-Sportberichterstattung formuliert, "das Medium Fernsehen […] als ›image former‹ für die Vorstellungswelt der Menschen angesehen werden [kann]" (2000: 1f.). Trotz der großen Relevanz der TV-Berichterstattung konzentrieren sich die meisten vorliegenden sozialwissenschaftlichen Untersuchungen von Sportberichterstattung auf Printmedien, ein Umstand, der bisher auch für die Beschäftigung mit der WM 2006 zutreffend ist (ein Forschungsüberblick befindet sich Kapitel 4.1). Bei der Analyse der Vorberichte stehen zwei Aspekte im Mittelpunkt des Interesses. Zum einen soll untersucht werden, welche Vorstellungen von Nation und nationaler Identität in der Berichterstattung enthalten sind. Zum anderen sollen darüber hinaus Techniken und Strategien der Medienschaffenden rekonstruiert werden, die dazu dienen, das Publikum möglichst intensiv in das Geschehen einzubinden.
Vorstellungen über Nation und nationale Identität sind in der Fußballberichterstattung meist nicht explizit ausformuliert, sie liegen vielmehr, so die Annahme, der Ausgestaltung dieser Berichterstattung implizit zu Grunde. Es handelt sich um den Bereich des Wissens der Medienschaffenden, den Bohnsack (2009) unter Berufung auf Karl Mannheim als atheoretisches Wissen bezeichnet. Es ist naheliegend, dass dieses atheoretische, habituelle Wissen nur mithilfe einer qualitativen Methodik rekonstruiert werden kann, also eine Vorgehensweise gewählt werden muss, die eher nach einem deutenden Verstehen strebt, als nach einem verifizierenden Erklären (von Kardorff 1995). Das vierte Kapitel der Arbeit gibt zunächst einen Überblick zur Forschungslage und zu Umfang und Auswahl der Daten für die empirische Studie. Im Anschluss wird auf Grundlage der Spezifik der ausgewählten Daten die methodische Orientierung an der dokumentarischen Methode begründet und ihre Verfahrensweise vorgestellt.
Das fünfte Kapitel bietet dann eine zusammenfassende und systematisierte Darstellung der auf dieser methodischen Grundlage erfolgten Analysen. Dabei dienen die Ergebnisse dieser Analysen in Bezug auf die beiden oben genannten Fragen nach den Strategien der Zuschauer-Einbindung einerseits und nach übergeordneten inhaltlichen Prinzipien beziehungsweise Sinnebenen anderseits als gliedernde Struktur.
Den Abschluss der Arbeit bildet ein Fazit, welches die zentralen Aussagen und Ergebnisse noch einmal zusammenfasst, die Vorgehensweise kritisch reflektiert und Forschungsperspektiven aufzeigt.

Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:

Auf Tuchfühlung
Auf Tuchfühlung
von: Marie-Luise Angerer, Benjamin Steininger, Detlef Thiel, Karin Harrasser, Martin Dornberg, Daniel Fetzner, Antoine Hennion, Jana Herwig, Gertrud Koch, Niklaus Largier, Tokomo Mamine
PDF ebook
22,99 €
Empathie in Unternehmen
Empathie in Unternehmen
von: Rudolf Andreas Graf, Michael Wittmann
EPUB ebook
15,99 €
Medien, Kultur und Sport
Medien, Kultur und Sport
von: Mariana Grgic, Ivo Züchner
PDF ebook
27,99 €