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Vom Glück in der Schweiz?


Vom Glück in der Schweiz?

Weibliche Arbeitsmigration aus Deutschland und Österreich (1920-1965)
Geschichte und Geschlechter, Band 68 1. Aufl.

von: Andrea Althaus

39,99 €

Verlag: Campus Verlag
Format: PDF
Veröffentl.: 11.05.2017
ISBN/EAN: 9783593436098
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 447

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Bis weit in die 1960er-Jahre hinein stammte ein Großteil der weiblichen Haus- und Gastgewerbsangestellten in der Schweiz aus Deutschland und Österreich. Anhand lebensgeschichtlicher Erzählungen untersucht Andrea Althaus die Deutungen der Arbeitsund Lebenserfahrungen dieser Migrantinnen. In ihrer gendersensiblen Analyse der weiblichen Arbeitsmigration eröffnet sie zugleich einen neuen Blick auf die schweizerische Migrationspolitik und Überfremdungsdiskurse im 20. Jahrhundert.
Inhalt
Einleitung 9

1. Lebensgeschichten - Geschichte(n), die das Leben schreibt? 27
1.1 Lebensgeschichten in der historischen Forschungspraxis 28
1.2 Gedächtnis-, erzähl- und biografietheoretische Grundlagen 35
1.2.1 Wer erzählt, erinnert sich 35
1.2.2 Wer sich erinnert, erzählt 38
1.2.3 Selbst- und Weltverständnis 43
1.3 Lebensgeschichten: Historische Fakten eigener Art 49
1.4 Datenerhebung und -analyse 52

2. Deutsche und österreichische "Dienstmädchen" in Politik und Diskursen 57
2.1 Politik und Diskurse I: 1910-1935 57
2.1.1 Die Angst vor einer "Germanisierung" 57
2.1.2 Überfremdungsdiskurs und Hausdienst 61
2.1.3 "Überfremdung" wird Recht 74
2.2 Politik und Diskurse II: 1935-1949 78
2.2.1 "Dienst im Haus ist Dienst am Volk" 78
2.2.2 Überfremdungsdiskurs und Gastgewerbe 90
2.2.3 Reformen in Hausdienst und Gastgewerbe 93
2.2.4 Kontroverse zur Einwanderung von "Dienstmädchen" 97
2.2.5 Sanitarische Grenzuntersuchungen 106
2.2.6 Alliierte Ausreisesperren 111
2.3 Politik und Diskurse III: 1950-1970 117
2.3.1 Erwünschte und unerwünschte Arbeitskräfte 117
2.3.2 Angst vor einer "neuen Überfremdung" 124
2.3.3 Arbeitskräftebedarf im Gastgewerbe 130
2.3.4 "Mägdedämmerung"? Hausdienst am Wendepunkt 135
2.3.5 Einführung des Kontingentsystems 140
2.4 Politik und Diskurse in der Zusammenschau 145

3. Vorgeschichten: Von Elternhäusern und Kinderstuben 149
3.1 Sozio-biografisches Kollektivporträt I 149
3.2 Kindheits- und Jugenderzählungen 159
3.2.1 Autoritäre Erziehung und Konflikte 160
3.2.2 Arbeitsethos und Kinderarbeit 174
3.2.3 Verhinderte Bildung 182
3.2.4 Kriegskindheiten 191

4. Migrationserzählungen 199
4.1 Die Schweiz in Sicht 200
4.1.1 Der Traum vom großen Geld? 200
4.1.2 Einfach fort! 208
4.1.3 Vorstellungen, Netzwerke, Stellenvermittlung 218
4.1.4 Behördengänge und Amtswege 235
4.1.5 Vom Weggehen, Reisen und Ankommen 239
4.2 Arbeits-Verhältnisse: Arbeit und Beziehungen 251
4.2.1 Haus- und gastgewerbliche Arbeitsverhältnisse 252
4.2.2 Arbeit, Arbeit, Arbeit 260
4.2.3 Zur Bewertung von Hausarbeit 273
4.2.4 Beschützen und Erziehen 280
4.2.5 Kost, Logis und Lohn 293
4.2.6 Trinkgelder und sexuelle Übergriffe im Gastgewerbe 302
4.2.7 "Stellen- und Berufswechsel verboten!" 309
4.3 Außer Haus 322
4.3.1 Frei-Zeiten und Freundschaften 322
4.3.2 Fremdenfeindlichkeiten 337
4.4 Sozio-biografischer Kollektivporträt II 348

5. Die Migrationserfahrung im lebensgeschichtlichen Kontext 353
5.1 Break free: Emanzipationsgeschichten 355
5.2 Lernzeiten: Bildungsgeschichten 372
5.3 Karrieren: Erfolgs- und Abstiegsgeschichten 390

Schlussbetrachtungen 407
Dank ............... 417
Transkriptionszeichen 419
Abkürzungsverzeichnis 420
Abbildungsverzeichnis 422
Tabellenverzeichnis 423
Literatur und Quellen
Andrea Althaus, Dr. phil., ist Zeithistorikerin.
Einleitung
Alles Leben ist Bewegung.
Leonardo da Vinci
"Mädchen, geh in die Schweiz und mach dein Glück!" Diesem sprichwört-lichen Rat folgten im Laufe des 20. Jahrhunderts Tausende deutsche und österreichische Frauen. Sie verließen ihre Herkunftsregionen, um als Dienst-, Kinder-, Küchen- oder Zimmermädchen, als Haushälterinnen, Serviertöchter, Buffetfräuleins oder Köchinnen in schweizerischen Privat-haushalten, Gastwirtschaften oder Hotels zu arbeiten. Die Lebensge-schichten dieser Frauen, die von den 1920er Jahren bis in die 1960er als Haus- oder Gastgewerbsangestellte in die Schweiz gingen, und die Migrati-onsbewegung, an der sie teilnahmen und die sie prägte(n), ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit.
Die weibliche Arbeitsmigration aus Deutschland und Österreich in die Schweiz hat bisher in der Forschung kaum Beachtung gefunden. Die Ver-mutung, dass dies an der schlechten Quellenlage oder der historisch-gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit der Thematik liegen könnte, ist schnell widerlegt. Dazu genügt es, einen Blick in die Statistiken der eidgenössischen Fremdenpolizei zu werfen, eine zeitgenössische Tageszeitung aufzuschlagen oder eine Fahrt im öffentlichen Verkehr durch das ländliche Österreich zu unternehmen. Als ich während einer Forschungsreise für diese Arbeit mit dem Bus durch das niederösterreichische Mostviertel fuhr, kam ich als einzige Passagierin schnell mit dem Fahrer ins Gespräch. Sofort bemerkte er meinen Schweizerakzent und begann von seinen Ferien in Davos zu schwärmen. Er besuche dort jedes Jahr seine Tante. Auf meine Frage, was eine Niederösterreicherin dazu bewogen habe, in die Bündner Alpen aus-zuwandern - mein Dissertationsthema hatte ich ihm noch nicht verraten -, antwortete er, dass "damals in den 50ern" doch "alle jungen Frauen" in die Schweiz gegangen seien. Seine Tante habe zuerst als Kellnerin gearbeitet, dann den Wirt geheiratet und das Restaurant übernommen. Schmunzelnd fügte er hinzu, er habe eben keinen reichen Onkel in Ame-rika, sondern eine reiche Tante in der Schweiz. Im sprichwörtlichen Sinn scheint diese in der Schweiz ihr Glück gemacht zu haben. Bemerkenswert an der Begegnung mit dem niederösterreichischen Busfahrer sind zwei Dinge. Erstens stellt er dem Prototyp des männlichen Überseewanderers, der üblicherweise als Normalfall erfolgreicher Auswanderung gilt, mit der (erfolg)reichen Schweizgängerin ein weibliches Pendant zur Seite. Zweitens hat mir diese Busfahrt vor Augen geführt, dass die Arbeitsmigration junger Frauen in die Schweiz - zumindest in gewissen Landesteilen und Familien - auch heute noch präsent ist und für die 1950er Jahre als Massenphänomen erinnert wird.
In der Tat gehörte die Schweiz in den ersten sechs Jahrzehnten des
20. Jahrhunderts sowohl in Deutschland als auch in Österreich zu den beliebtesten Destinationen für Arbeitsmigrant_innen. Die Schweiz, die weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg Schäden erlitten hatte, lockte mit gutem Essen, hohen Löhnen, idyllischen Landschaften und unzerstör-ten Städten. "Es war für mich das Paradies", fasst die Österreicherin Maja Pichler, die von 1957 bis 1964 als Hotelangestellte in der Schweiz war, die Imaginationen vieler Schweizgängerinnen zusammen. Für die Wahl der Schweiz als Zielland waren neben den paradiesischen Vorstellungen vor allem die persönlichen Netzwerke der Migrantinnen von Bedeutung. Frauen, die bereits dort arbeiteten oder gearbeitet hatten, zogen ihre Ver-wandten und Freundinnen nach. Sie "zündeten" sich gegenseitig an, wie eine andere Schweizgängerin das in migrationshistorischen Kreisen als "Kettenmigration" bekannte Phänomen bezeichnet. Das Migrantinnen-netzwerk wurde auch von den Schweizer Arbeitgeber_innen genutzt. Nicht selten baten diese ihre ehemaligen Angestellten darum, in ihrem Bekanntenkreis nach einer Nachfolgerin zu suchen. In der Schweiz herrschte nämlich seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ein viel beklagter Hausangestelltenmangel. Ab Mitte der 1930er Jahre und insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Fremdenverkehr in der Schweiz einen großen Aufschwung erfuhr, wurde auch im Gastgewerbe das Fehlen von weiblichen ›Hilfskräften‹ proklamiert und heftig diskutiert. Um den Personalmangel zu bekämpfen, griffen Arbeitgeber_innen besonders gerne auf die deutschen und österrei-chischen Frauen zurück, denn diese galten als arbeitsam und anspruchslos.
Das Zusammenwirken dieser verschiedenen migrationsfördernden Faktoren hatte zur Folge, dass sich im Untersuchungszeitraum die weibli-che Arbeitsmigration aus Deutschland und Österreich in die Schweiz zum Wanderungssystem verfestigte. In der Migrationsforschung wird darunter eine "relativ stabile und lang anhaltende migratorische Beziehung zwischen einer Herkunfts- und Zielregion" verstanden. Das etablierte Wanderungssystem, das vor allem über soziale Beziehungen aufrechter-halten wurde, bot (jungen) Frauen die Möglichkeit, von zu Hause fortzu-gehen. Die Gründe dafür reichen vom Ausbrechen aus dem Elternhaus, über das Stillen der Abenteuerlust bis zum Bedürfnis, sich weiterzubilden oder mehr Geld zu verdienen.
Die Zahl der Frauen, die an dieser Migrationsbewegung teilnahmen, ist hoch. Abgesehen von den Kriegsjahren arbeiteten von 1920 bis 1960 jährlich geschätzt 30.000 Deutsche und Österreicherinnen in schweizeri-schen Haus- und Gastwirtschaften. Auch wenn es sich bei dieser Zahl - aufgrund lückenhafter und uneinheitlicher Statistiken - um einen Richtwert handelt, zeigt sie doch, dass die hier untersuchte Migrationsbewegung kein marginales Phänomen war. Im Untersuchungszeitraum stellten die Deutschen und Österreicherinnen den größten Anteil an den weiblichen ausländischen Haus- und Gastgewerbsangestellten in der Schweiz. Im Hausdienst stammten 1930 von den insgesamt 110.600 weiblichen Hausangestellten gut 29 Prozent (32.500 Personen) aus den benachbarten Staaten
- mehr als 81 Prozent davon aus Deutschland (23.100 Personen) und Österreich (3.500 Personen). 1960 betrug der Ausländerinnenanteil an den 81.600 weiblichen Angestellten im schweizerischen Hausdienst sogar 36 Prozent (29.500 Personen). Davon kamen immer noch 56 Prozent aus Deutschland (12.600 Personen) und Österreich (4.000 Personen).
Im Gastgewerbe arbeiteten 1920 insgesamt 50.600 Frauen, wovon knapp 20 Prozent (10.000 Personen) nicht in der Schweiz geboren sind. Mit einem Prozentsatz von fast 64 Prozent waren auch hier die Deutschen (5.100 Personen) und Österreicherinnen (1.250 Personen) stark vertreten. Vierzig Jahre später, im August 1960, waren 38.100 Ausländerinnen im schweizerischen Gastgewerbe tätig. 40 Prozent davon kamen aus Deutschland (7.250 Personen) und Österreich (8.200 Personen).
Die Lebensgeschichten der Frauen, die sich hinter den statistischen Zahlen verbergen, und ihre Erzählungen über die Migrationserfahrung stehen im Zentrum meines Interesses.
Fragestellungen, Herangehensweise und Begründung des Untersuchungszeitraums
Grundlegende Prämisse meiner Arbeit ist das Verständnis von Migration als einem lebensgeschichtlichen Prozess. Das heißt, Migration wird nicht nur als Mobilität im geografischen Raum definiert, sondern auch als Bewegung im lebenszeitlichen Sinn verstanden. Durch das Unterwegs-Sein und den Ortswechsel machen Migrant_innen Erfahrungen in neuen sozialen und kulturellen Räumen. Dies prägt ihre biografischen Perspektiven und verändert ihre lebensweltlichen Deutungen. Gleichzeitig sind bei freiwilligen Migrationen die biografischen Hintergründe der Migrant_innen bedeutsam für die Migrationsentscheidung und die Lebensgestaltung in der Migration. Demnach analysiere ich, anhand von biografisch-narrativen Interviews und autobiografischen Aufzeichnungen, die Migrationserzählungen in ihrem jeweiligen lebensgeschichtlichen Kontext. Ich frage danach, wie ehemalige Schweizgängerinnen ihre Migrationserfahrung vor dem Hintergrund ihrer Kindheit und Jugend und in der Perspektive auf ihr späteres Lebens erzählen. Ausgehend von der Kritik an einem Umgang mit lebensgeschichtlichen Quellen, die Erzählung verkürzt mit Erfahrung oder gar historischem Ereignis gleichsetzt, lese ich die Lebensgeschichten nicht nur auf ihre Inhalte, sondern interpretiere sie auch hinsichtlich ihrer narrativen Gestaltung. Welche Themen finden Eingang in die Erzählung? Wie werden die einzelnen Erzählteile zu einem kohärenten und konsistenten Ganzen organisiert und welches Selbstbild wird in dieser biografischen Konstruktion vermittelt? Diese Fragen zielen darauf, die einzelnen Lebensgeschichten in ihrer individuellen Spezifik wahrzunehmen und die verhandelten Themen in ihrem konkreten biografischen Kontext zu deuten. Auf dieser Grundlage vergleiche ich die Narrative sowohl in erzählstruktureller als auch thematischer Hinsicht. Der Vergleich der Erzählstrukturen dient dazu, herauszufinden, welcher Erzählmuster sich die ehemaligen Schweizgängerinnen bei der Darbietung ihrer Migrationserfahrung bedienen und welche Arten von Geschichten sie erzählen. Die Berücksichtigung narrativer Strukturen ermöglicht es, die Deutung von Geschichte, wie sie in Lebensgeschichten hergestellt wird, zu analysieren und auf diese Weise das Making-of subjektiver Sinngebungen in den Blick zu bekommen.
Durch Ausloten von thematischen Gemeinsamkeiten und Unterschie-den zwischen den Erzählungen arbeite ich die Charakteristika des Wande-rungssystems, wie sie in den Lebensgeschichten der historischen Akteurin-nen bedeutsam gemacht werden, heraus. Warum haben junge Frauen so zahlreich entschieden in die Schweiz zu gehen? Welche biografischen Hintergründe und Erfahrungen machen sie in der Präsentation ihrer Mi-grationsmotivation stark? Wie stellen sie die Arbeitsverhältnisse im schweizerischen Hausdienst und Gastgewerbe dar? Wie erinnern und erzählen sie ihre (Lebens-)Erfahrungen als ›ausländische Arbeitskraft‹ in der Schweiz? Um ein Wanderungssystem anhand von Erzählungen interpretieren zu können, ist nicht nur deren Verortung in ihrem biografischen Kontext notwendig. Von eminenter Wichtigkeit ist auch ihre historische Kontextualisierung. In welchen diskursiven Traditionen stehen die Narrative? Auf welche historischen Ereignisse und Zusammenhänge verweisen sie? Welche Rolle spielen das Geschlecht und die nationale Zugehörigkeit der Migrantinnen in der Ausgestaltung des Wanderungssystems, das auf individueller Ebene Möglichkeiten aufwarf und Grenzen zog?
Zur Beantwortung dieser Fragen fokussiere ich auf politische, rechtli-che, ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen und Diskurse in der Schweiz. Da Migrationspolitik seit Ende des Ersten Weltkriegs stark national ausgerichtet war (und immer noch ist), wird der nationale Rahmen stark gemacht. Damit sollen regionale Unterschiede nicht nivelliert werden. Selbstverständlich variieren Migrationserfahrungen je nachdem, ob jemand aus einem Dorf in Vorarlberg oder einer Industriestadt in Norddeutschland stammt, ob jemand ins ländlich geprägte Berner Oberland oder in die französischsprachige Großstadt Genf ging. Der Bedeutung von Regionalität wird auf der Ebene der Migrationserzählungen Rechnung getragen. Im Bereich der Einwanderungspolitik regulierte und rahmte jedoch das Konzept des Na-tionalstaates das Wanderungssystem. Auch diskursiv wurde in der Schweiz nicht differenziert zwischen Württembergerinnen und Steire-rinnen, sondern von den Deutschen und den Österreicherinnen geredet. Dies beeinflusste die Lebensrealitäten der Arbeitsmigrantinnen in gravie-render Weise. Erfreuten sich die deutschen und österreichischen Haus- und Gastgewerbsangestellten bei den Arbeitgeber_innen großer Beliebt-heit, waren sie seit Ende des Ersten Weltkrieges immer wieder Gegenstand gesellschaftlicher und politischer Überfremdungsdiskurse. Wurde ihnen während der Wirtschaftskrisen der 1920er und 1930er Jahre vorgeworfen, den arbeitslosen Schweizerinnen die Arbeitsplätze wegzunehmen und den Arbeitsmarkt zu ›überfremden‹, sah man in ihnen im Zuge der ›geistigen Landesverteidigung‹, die sich gegen die nationalsozialistische Ideologie wandte, ab Mitte der 1930er eine nationale Bedrohung. Von den ›innersten Zellen des Staates‹ aus, den Familien, würden sie aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Berufstätigkeit und ihres Geschlechts die staatliche Souveränität der Schweiz gefährden. Als Hausangestellte erzögen sie fremde Kinder und als spätere Ehefrauen von Schweizern den eigenen Nachwuchs in nationalsozialistischer Manier. Zudem würden sie als ›fünfte Kolonne‹ Spionage betrieben. Nach dem Krieg fürchtete man sich nicht mehr nur vor einer ideologischen Beeinflussung durch deutsche und österreichische Haus- und Gast-gewerbsangestellte, sondern auch vor einer biologischen Infizierung des schweizerischen ›Volkskörpers‹ mit ansteckenden Krankheiten.
Die Überfremdungsdiskurse wirkten sich zum einen in Form von Fremdenfeindlichkeiten auf die Migrantinnen aus, zum anderen beein-flussten sie die schweizerische Migrationspolitik - was wiederum die Le-bens- und Arbeitsbedingungen der Schweizgängerinnen bestimmte. Der Begriff der ›Überfremdung‹, der heute vorwiegend von populistischen Parteien und Politiker_innen verwendet wird, war im Untersuchungszeit-raum fester Bestandteil der Behördensprache. Die ›Überfremdungsbe-kämpfung‹ und der ›Schutz des einheimischen Arbeitsmarktes‹ leiteten das Handeln der mit migrationspolitischen Fragen betrauten Arbeitsmarkt- und Fremdenpolizeibehörden. Ihren rechtlichen Niederschlag fanden diese Grundsätze im Bundesgesetz über Aufenthalt und Niederlassung von Ausländern (ANAG), das 1934 in Kraft trat. Auf dieser gesetzlichen Grundlage wurden Aufenthaltsbewilligungen bis zum Ende des Untersuchungszeitraumes ausschließlich befristet und für die Beschäftigung in so genannten ›Mangelberufen‹ ausgestellt. Entsprechend des geschlechtlich segregierten Arbeitsmarktes erhielten Migrantinnen die Aufenthaltsbewilligung nur für Stellen in weiblich konnotierten Arbeitsbe-reichen. Dazu gehörten neben der Textil- und Nahrungsmittelindustrie vor allem der Hausdienst und das Gastgewerbe. Die deutschen und österreichischen Arbeitsmigrantinnen arbeiteten - anders etwa als die Italienerinnen - mehrheitlich in Hausdienst und Gastgewerbe. Im Februar 1952 waren von den weiblichen deutschen Arbeitskräften in der Schweiz knapp 85 Prozent als Haus- oder Gastgewerbsangestellte beschäftigt. Bei den österreichischen Arbeitsmigrantinnen lag der Prozentsatz mit 87 Prozent sogar etwas höher. Die Untersuchung der weiblichen Arbeitsmigration aus Deutschland und Österreich in die Schweiz auf den Hausdienst und das Gastgewerbe zu beschränken, hat also nicht nur forschungspraktische Gründe, sondern entspricht der Arbeitsrealität der meisten Schweizgängerinnen.
Betrachtet man insgesamt den Frauenanteil an der deutschen und österreichischen Wohnbevölkerung in der Schweiz, wird deutlich, dass dieser überdurchschnittlich hoch war. 1920 betrug der Frauenanteil bei beiden Nationalitäten gut 60 Prozent. 1950 waren zwei Drittel der Deutschen in der Schweiz weiblich. Bei den Österreicher_innen betrug der Frauenanteil 1950 sogar 75 Prozent. Da bis in die 1940er Jahre die Deutschen und Österreicher_innen die größten Einwanderungsgruppen in der Schweiz darstellten, war die ausländische Wohnbevölkerung in der Schweiz insgesamt weiblich dominiert. 1920 waren 56 Prozent und 1950 59 Prozent der Ausländer_innen weiblichen Geschlechts. Die Sinnhaftigkeit den Fokus auf weibliche Migrierende zu legen, wird durch diese Zahlen unterstützt. Gerade im Hinblick darauf, dass der Untersuchungsgegenstand der historischen Migrationsforschung lange Zeit auf die Migrationen von Männern reduziert blieb - ein Aspekt, auf den ich gleich zurückkomme.
Infolge der günstigen wirtschaftlichen Entwicklungen in der BRD und Österreich fand in der ersten Hälfte der 1960er Jahre eine Umschichtung in der nationalen Zusammensetzung der Haus- und Gastgewerbsange-stellten statt. Immer mehr Italienerinnen, Spanierinnen und Griechinnen reisten ein, während die Zahl der Deutschen und Österreicherinnen konti-nuierlich zurückging. 1961 stammten noch 28 Prozent aller ausländischen Arbeitnehmerinnen aus Deutschland und Österreich. Fünf Jahre später hatte sich ihr Anteil fast halbiert und lag 1966 bei knapp 16 Prozent. Das Ende meines Untersuchungszeitraumes in die 1960er Jahre zu legen, bot sich in Anbetracht dieser Entwicklung an. Zudem liegt diese Wahl in strukturellen Veränderungen in Hausdienst und Gastgewerbe begründet. Im Hausdienst vollzog sich in den 1960ern die Umstellung auf den ›dienstbotenlosen‹ Haushalt. Die Hausarbeit wurde den (Haus-)Frauen übertragen oder von einer tage- oder stundenweise beschäftigten Person erledigt. In den 1960er Jahren kam es auch im Gastgewerbe zu fundamentalen Umstrukturierungen in der Personalrekrutierung. Dies hängt mit massiven Zuwanderungsbeschränkungen zusammen, die der schweizerische Bundesrat in Reaktion auf Überfremdungsdebatten ab 1963 schrittweise einführte. In der Folge konnten Gastwirt_innen nicht mehr unbeschränkt auf ausländische Arbeitskräfte zugreifen.
Den Beginn meines Untersuchungszeitraumes um 1920 anzusetzen, hängt ebenfalls mit migrationspolitischen Entwicklungen zusammen. Bis zum Ersten Weltkrieg hatten zuwandernde Personen die Grenze zur Schweiz ohne Weiteres passieren und sich niederlassen können. Nach dem Krieg wich diese liberale Einwanderungs- und Niederlassungspolitik einem auf Abwehr und Kontrolle gerichteten Umgang mit Immigrant_innen, was das Wanderungssystem stark beeinflusste. Da die meisten mir zur Verfügung stehenden lebensgeschichtlichen Quellen die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg berühren, liegt der zeitliche Schwerpunkt der Arbeit in der Nachkriegszeit. Auf eine Rekonstruktion der politischen, rechtlichen und diskursiven Entwicklungen der Zwischenkriegszeit soll jedoch nicht verzichtet werden, da es sich dabei um eine wichtige Vorgeschichte handelt, um die lebensgeschichtlichen Erfahrungen der Schweizgängerinnen einordnen zu können und die sie erwartenden migrationspolitischen Strukturen verständlich zu machen. Lebensgeschichten als erinnerte Erzählungen haben bekanntermaßen nicht nur eine historische Dimension, sondern sind auch von der gegenwärtigen Perspektive und einer antizipierten Zukunft der Erzählenden geprägt. Genau genommen reicht der Untersuchungszeit-raum also bis heute. Die Jahre 1920 bis Ende der 1960er beziehen sich auf die Zeit, in denen die Migrationen durchgeführt und erlebt wurden.
Quellenkorpus
Die Konzeption der Arbeit, die vorsieht, das zu untersuchende Wande-rungssystem ausgehend von lebensgeschichtlichen Erzählungen zu rekon-struieren, diese jedoch in ihrem konkreten historischen Kontext zu veror-ten, erforderte das Zusammentragen unterschiedlicher Quellenarten. Zum einen umfasst mein Quellenkorpus biografisch-narrative Interviews und schriftliche Lebensgeschichten ehemaliger Schweizgängerinnen, zum ande-ren besteht dieses aus zeitgenössischen Publikationen und Quellen aus staatlichen oder zeithistorischen Archiven. Um Interviewpartnerinnen und autobiografische Quellen zu finden, startete ich im Juli 2011 einen Medienaufruf in der Badischen Zeitung. Zudem schrieb ich 52 Österreicherinnen direkt an, die sich auf einen ähnlichen Medienaufruf in der Steiermark gemeldet hatten, und deren Adressen mir freundlicherweise von Ute Sonnleitner, Anita Prettenthaler-Ziegerhofer und Karin Schmidlechner von der Universität Graz zur Verfügung gestellt wurden.
Auf meine Aufrufe meldeten sich insgesamt 120 Personen, die entwe-der selber als Haus- oder Gastgewerbsangestellte in der Schweiz waren, eine ehemalige Schweizgängerin kannten oder zur Thematik passende Quellen auf dem Dachboden lagerten und bereit waren, mir diese zur Verfügung zu stellen. 27 Personen traf ich persönlich zu einem lebensge-schichtlichen Interview. Das durchschnittliche Interview dauerte knapp 3,5 Stunden, sodass ich über 90 Stunden Interviewmaterial sammeln konnte. Im Rahmen einer Lehrveranstaltung zur Theorie und Praxis der Oral History, die ich gemeinsam mit Karin Orth im Wintersemester 2011/2012 an der Universität Freiburg durchführte, befragten Studierende zusätzlich zehn ehemalige Schweizgängerinnen. Zudem erklärten sich 30 Frauen bereit, mir schriftlich aus ihrem Leben und über ihre Erfahrungen in der Schweiz zu berichten. Dazu schickte ich ihnen einen Schreibaufruf, der neben einer allgemeinen Ermunterung zu schreiben, Anregungen zur thematischen Gestaltung bot. Die Erinnerungstexte sind unterschiedlich lang und reichen von einseitigen Notizen bis zu umfangreichen 20-seitigen Lebensgeschichten. Etliche Interviewpartnerinnen und Beiträgerinnen zum Schreibaufruf überließen mir zusätzlich Briefe, Fotografien, Tagebuchauszüge oder persönliche Dokumente wie Reisepässe und Arbeitszeugnisse. Zudem wurden mir von Privatpersonen vier autobiografische Aufzeichnungen sowie ein lebensgeschichtliches Interview zugeschickt, die ohne mein Zutun entstanden sind.
In den auf Oral-History-Interviews und Ego-Dokumente spezialisierten Archiven der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg sowie den beiden Wiener Sammlungen Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen und Sammlung Frauennachlässe konnte ich von sieben weiteren Personen Lebensgeschichten und Ego-Dokumente für eine Sekundäranalyse in das Quellenkorpus aufnehmen. Insgesamt umfasst mein Sample also lebensgeschichtliche Erzählungen von 79 Personen - zu einem je ähnlich großen Teil in mündlicher und schriftlicher Form.
Zur Rekonstruktion des historischen Kontextes recherchierte ich in Archiven in der Schweiz, Österreich und Deutschland. Bei meiner Suche nach geeigneten Quellen ließ ich mich von der Frage leiten, in welcher Weise, und unter welchen Umständen, die mit der Arbeitsmigration in die Schweiz betrauten Behörden, Frauenorganisationen, Berufsverbände sowie die Printerzeugnisse die Einwanderung in die Schweiz im Allgemeinen und die deutschen und österreichischen Haus- und Gastgewerbsangestellten im Speziellen zum Thema machten. Als besonders ertragreich zur Beantwortung dieses Fragekomplexes stellten sich die Bestände der eidgenössischen Fremdenpolizei und der Sektion für Arbeitskraft und Auswanderung des Bundesamtes für Industrie, Gewerbe und Arbeit im Schweizerischen Bundesarchiv in Bern heraus. Neben Dossiers zur Migrationspolitik waren hier insbesondere die Akten von und über die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für den Hausdienst sowie die gastgewerblichen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände von Relevanz. Im Bundesarchiv in Koblenz sowie im Österreichischen Staatsarchiv in Wien fanden sich in den mit der Regulation von Arbeitsmärkten befassten Behörden Unterlagen zur Arbeitsmigration in die Schweiz. Die Sichtung der Bestände diverser Frauenorganisationen in der Gosteli-Stiftung - Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung in Worblaufen stellte sich als gewinnbringend heraus für Erkenntnisse über die Rolle bürgerlicher Frauenorganisationen in der Ausgestaltung des Wanderungssystems. Diesbezüglich von Relevanz waren auch die Akten betreffend die Schweizerische Zentralstelle für Frauenberufe im Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich und der Bestand des Berufsverbandes der katholischen Arbeitnehmerinnen in der Hauswirtschaft im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte in München. Zur Rekonstruktion des Handelns von Frauenorganisationen und Berufsverbänden auf lokaler Ebene - am Beispiel von Basel-Stadt - dienten mir die Unterlagen der kantonalen Sektionen der Arbeitsgemeinschaft für den Hausdienst, der Freundinnen junger Mädchen sowie des katholischen Mädchenschutzvereins im Staatsarchiv Basel-Stadt. Besonders hilfreich zur Analyse von gesellschaftlichen Diskursen über Deutsche und Österreicherinnen in Hausdienst und Gastgewerbe waren die Pressedokumentationen und die Sammlung zeitgenössischer Publikationen des Schweizerischen Wirtschaftsarchivs in Basel.
Diese breite Quellenbasis ermöglichte es, die Migrationserzählungen sowohl in ihrem biografischen als auch in ihrem historischen Kontext zu deuten. In dieser doppelten Kontextualisierung kann die Arbeitsmigration deutscher und österreichischer Frauen in schweizerische Haushalte und Gastwirtschaften differenziert dargestellt werden.
Positionierung im Forschungsstand
Meine Arbeit beruht auf neueren Ansätzen historischer Migrationsfor-schung, die dafür plädieren Arbeitsmigrationen nicht nur als ökonomisch-politischen Prozess zu verstehen. In der Kritik an Erklärungsmodellen der neoklassischen Ökonomie, die Wanderungsbewegungen als Resultat eines Ungleichgewichtes von Angebot und Nachfrage von Arbeitskräften inter-pretieren und die Migrationsforschung lange Zeit dominierten, formulier-ten Migrationshistoriker_innen, wie Christiane Harzig oder Dirk Hoerder, die Notwendigkeit Erfahrungen und Erinnerungen von Migrant_innen in die Analyse miteinzubeziehen. Auf diese Weise könnten Migrationsbewe-gungen neu ausgelegt werden.
Dass subjektive Sichtweisen das Potential haben, Meisternarrative zu hinterfragen, wird auch in meinem Buch gezeigt. Ältere Forschungen zur Arbeitsmigration, insbesondere zur Arbeitsmigration in die Schweiz, redu-zieren die Beweggründe von Arbeitsmigrant_innen meist auf die Verbesse-rung ihrer ökonomischen Lebensbedingungen. In der Analyse der Migrationserzählungen der Schweizgängerinnen kann dargelegt werden, dass die höheren Löhne nicht als die ausschlaggebenden Faktoren zum Verlassen der Herkunftsregion präsentiert werden. Allerdings möchte ich die erfahrungsbasierten Ansätze in der Migrationsforschung dahingehend präzisieren, als dass ich Erfahrungen, wie sie in Ego-Dokumenten zur Sprache kommen, als Erzählungen deute.
Mit der Entscheidung die Migration von Frauen ins Zentrum zu setzen, reiht sich die Studie ein in eine geschlechtersensible Migrationsforschung. Eine solche wird von feministischer Seite seit einigen Jahren in der Kritik an der jahrzehntelang androzentrierten Migrationsforschung gefordert. Migrantinnen sind darin nur als Anhängsel ihrer (ökonomisch) aktiven Ehemänner betrachtet und dadurch unsichtbar gemacht worden. Den Fokus auf selbstständig migrierende Frauen zu legen, trägt nicht nur dazu bei, deren Sichtbarkeit zu erhöhen. Es ermöglicht auch, die biografischen Erfahrungen der Migrantinnen, die migrationspolitischen Entscheidungen, die rechtlichen Rahmenbedingungen, die gesellschaftlichen Diskurse und die ökonomisch-arbeitsmarktlichen Strukturen als in hohem Maße ge-schlechtsspezifisch wahrzunehmen.

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