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Ungleichheit als System?


Ungleichheit als System?

Der Schulerfolg von Migranten im internationalen Vergleich
Staatlichkeit im Wandel, Band 26 1. Aufl.

von: Janna Teltemann

44,99 €

Verlag: Campus Verlag
Format: PDF
Veröffentl.: 08.10.2015
ISBN/EAN: 9783593432670
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 418

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Die Frage nach den Voraussetzungen für die erfolgreiche Integration von Zuwanderern steht in vielen Industriestaaten im Mittelpunkt politischer und sozialwissenschaftlicher Debatten. Janna Teltemann zeigt am Beispiel der Schulleistungen junger Zuwanderer, wie unterschiedliche Rahmenbedingungen der Aufnahmegesellschaften mit den individuellen Voraussetzungen zur Eingliederung zusammenwirken. Der Vergleich der PISA-Studienergebnisse zeigt, dass Bildungssysteme, Sozialpolitik und Integrationsmaßnahmen den Bildungserfolg, insbesondere von Migranten der ersten und zweiten Generation, sehr unterschiedlich beeinflussen
Inhalt

Dank9

1 Einleitung 11

2 Der Bildungserfolg von Migranten - Empirische Befunde21
2.1 Einfache Ländervergleiche23
2.2 Ländergruppenvergleiche30
2.3 Institutionenanalysen36
2.4 Zusammenfassung44

3 Theoretische Grundlagen47
3.1 Das Modell der soziologischen Erklärung48
3.1.1 Die Logik der Situation48
3.1.2 Die objektive Definition der Situation: Soziale Produktionsfunktionen50
3.1.3 Die subjektive Definition der Situation: Frame - Selektion52
3.1.4 Die Logik der Selektion54
3.1.5 Die Logik der Aggregation56
3.2 Theorien zur Erklärung des Integrationsprozesses von Zuwanderern57
3.2.1 Die klassische Assimilationstheorie: Robert E. Park und die Chicago School59
3.2.2 Ronald Taft - Assimilation als "attitude change"64
3.2.3 Die "zweite Generation" der Eingliederungstheorien67
3.2.4 Neuere Ansätze73
3.2.5 Das Modell der intergenerationalen Integration79
3.2.6 Zusammenfassung82
3.3 Theorien zur Erklärung von Bildungserwerb und Bildungsentscheidungen84
3.3.1 Handlungstheoretische Erklärungen von Bildungsungleichheit86
3.3.2 Der Einfluss des Kontextes auf Bildungsungleichheit106
3.3.3 Ethnische Bildungsungleichheit: Erklärungsansätze110
3.4 Zusammenfassung: Die Erklärung ethnischer Bildungsungleichheit115

4 Der Einfluss von Bildungssystem, Wohlfahrtsstaat und Einwanderungsregime auf ethnische Bildungsungleichheit125
4.1 Bildungssysteme125
4.1.1 Stratifizierung132
4.1.2 Standardisierung134
4.1.3 Ressourcen139
4.1.4 Empirische Befunde und Hypothesen141
4.2 Wohlfahrtsstaat149
4.2.1 Sozialpolitik und wohlfahrtsstaatliche Arrangements im internationalen Vergleich150
4.2.2 Wohlfahrtsstaaten und Zuwanderung156
4.2.3 Wohlfahrtsstaaten und Integration von Zuwanderern159
4.2.4 Empirische Befunde und Hypothesen167
4.3 Integrationsregime174
4.3.1 Zum Zusammenhang von politischen Regulationen und Integrationsverläufen181
4.3.2 Empirische Befunde und Hypothesen186
4.4 Zusammenfassung195

5 Daten und Methode197
5.1 Operationalisierung197
5.1.1 Abhängige Variablen197
5.1.2 Kontrollvariablen201
5.1.3 Unabhängige Variablen202
5.2 Datenstruktur und Analyseverfahren231
5.2.1 Das lineare hierarchische Mehrebenenmodell für kontinuierliche abhängige Variablen232
5.2.2 Die Modellschätzung236
5.2.3 Analysen mit PISA-Kompetenzmaßen237
5.2.4 Aussagekraft der Daten und Methode241

6 Empirische Analysen245
6.1 Bildungssystem252
6.1.1 Multivariate Analysen253
6.1.2 Exkurs: Effekte institutioneller Veränderungen285
6.1.3 Zusammenfassung und Diskussion288
6.2 Wohlfahrtsstaat292
6.2.1 Multivariate Analysen293
6.2.2 Zusammenfassung306
6.3 Integrationsregime308
6.3.1 Multivariate Analysen309
6.3.2 Zusammenfassung324

7 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen329

Abbildungen und Tabellen343
Literatur349
Anhang381
Staatlichkeit im Wandel – Sonderforschungsbereich der Universität Bremen
Janna Teltemann, Dr. rer. pol., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungszentrum für soziale Ungleichheit und Sozialpolitik (SOCIUM) an der Universität Bremen.
1 Einleitung

Migration, die räumliche Wanderung von Personen, kann als konstituie-render Bestandteil der Menschheitsgeschichte betrachtet werden. Die resi-dentiellen Bewegungen von Menschen sind zudem ein entscheidender Faktor für sozialen Wandel. Migration ermöglicht im erfolgreichen Fall die Verbreitung vor allem solcher gesellschaftlicher Institutionen, die ökonomische Produktivität, soziale Ordnung und Gleichheit fördern. Aus soziologischer Sicht ist zunächst festzustellen, dass Menschen wandern, um ihre Lebenschancen zu verbessern. Wenngleich Ziele und Motivationen variieren, kann angenommen werden, dass Menschen Reichtum Armut vorziehen, lieber in Sicherheit als in Angst und Gefahr leben, Gesundheit und Gleichheit anstreben und Krankheit, Elend und Ungleichheit vermeiden möchten. In dem Maße, wie Migranten die Institutionen und Werte ihrer reicheren, sichereren und egalitäreren Aufnahmeländern adaptieren; an ihre Nachkommen weitergeben und durch transnationale Migration in ihre Herkunftsländer einbringen, kann sich tatsächlich ein sozialer Wandel im oben dargestellten Sinne vollziehen.
Mit der sich intensivierenden Internationalisierung im 20. Jahrhundert, bis dahin ungeahnten Entwicklungen in den Bereichen der Mobilität und Telekommunikation und einer neuen politischen Weltordnung seit den 1990er Jahren haben internationale Wanderungsbewegungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts sowohl quantitativ als auch qualitativ eine neue Dimension erreicht. Zwischen 1990 und 2010 ist die weltweite Zahl an Migranten Schätzungen zufolge um mehr als 40 Prozent gestiegen. In diesem Zuge hat sich die politische, wirtschaftliche, soziale - und damit auch sozialwissenschaftliche - Bedeutung von Migration verändert. Ein großer Teil der Migranten wandert in die wirtschaftlich starken Staaten der OECD. Diese Länder stehen durch die neue oder anhaltende Zuwanderung vor teils beträchtlichen demographischen und sozialen Herausforderungen, da die Systemintegration (Lockwood 1964) durch Zuwanderung aus dem Gleichgewicht zu geraten droht.
Der Kern der Systemintegration ist die individuelle Sozialintegration aller Gesellschaftsmitglieder, dabei kann zwischen der kulturellen, der sozialen, der emotionalen und der strukturellen Dimension unterschieden werden (Esser 2006: 27). Für Zuwanderer umfasst die individuelle Sozialintegration idealtypischerweise den Erwerb kultureller Fertigkeiten des Aufnahmelandes (z.B. der Sprache), die Übernahme sozialer Beziehungen zu Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft, die Inklusion in die funktionalen Teilsysteme und schließlich die Übernahme einer neuen kulturellen Identifikation.
Viele nicht-einwanderungserfahrene europäische Länder stehen gegen-wärtig in Hinblick auf die Integration von Zuwanderern vor zunehmenden sozialen Problemen, da sie sich als traditionell homogene Gesellschaften häufig durch ein ethnisch-kulturell geprägtes Verständnis von Nationalität und Volkstum auszeichnen. Ihre Bildungs- und Sozialsysteme sind nur begrenzt auf die Inklusion von "Outsidern" eingerichtet. In der Folge kann die strukturelle Sozialintegration der Zuwanderer misslingen, womit auch die Integration in den anderen Dimensionen eingeschränkt ist und schließlich die Gefahr von Unterschichtung und ethnischen Konflikten droht. Die Frage nach den Bedingungen der erfolgreichen Sozialintegration von Zuwanderern steht entsprechend in vielen Aufnahmeländern nicht nur weit oben auf der politischen Agenda, sondern ist auch Gegenstand einer wachsenden Fülle sozialwissenschaftlicher Forschungsarbeiten. Die Notwendigkeit der strukturellen Integration von Zuwanderern wird noch deutlicher, wenn neben den individuellen und sozialen Folgen auch ökonomische Auswirkungen mangelnder Integration betrachtet werden. Viele klassische ökonomische Positionen nehmen an, dass zwischen dem Bildungsniveau der Bevölkerung und langfristigem wirtschaftlichem Wachstum ein kausaler Zusammenhang besteht (Barro 1991; Barro 2001; Hanushek/
Kimko 2000; Hanushek/Wößmann 2007; Mankiw et al. 1992). In Hinblick auf den sich in vielen industrialisierten Ländern vollziehenden demographischen Wandel und die sich verstärkende globale Konkurrenz gerät die Nicht-Nutzung des Humankapitals von Zuwanderern zu einem Standortnachteil. Dieser Wettbewerbsnachteil wird durch fehlende Steuer-einnahmen und Transferkosten zum Ausgleich der Arbeitslosigkeit von Zuwanderern noch verstärkt. Eine weitere Folge kann eine Erosion der gesellschaftlichen Solidarität und "Umverteilungstoleranz" (Mau/Burkhardt 2009a: 196) sein, die die Zustimmung zu redistributiven Sozialpolitiken - die eigentlich die strukturelle Integration von Individuen befördern sollen - untergraben kann. Auf Seiten der Zuwanderer stellen die subjektiv wahrgenommenen Möglichkeiten für sozialen Aufstieg und Teilhabe in der Aufnahmegesellschaft entscheidende Anreize dar, um durch Investitionen in gesellschaftlich relevante Güter (wie zum Beispiel der Sprache des Aufnahmelandes) die eigene Sozialintegration zu befördern. Die Institutionenstruktur der Aufnahmeländer und die Opportunitäten und Restriktionen, die sich aus ihr ergeben, stellen den Rahmen dar, auf dessen Grundlage Zuwanderer sich für oder gegen integrative Handlungen entscheiden. Zu diesen Rahmenbedingungen gehören das Bildungssystem und der Arbeitsmarkt, die Verfügbarkeit sozial- und integrationspolitischer Maßnahmen aber auch die Haltungen und Einstellungen der Aufnahmelandgesellschaft gegenüber Zuwanderung und Integration.
Seit Beginn der soziologischen Migrations- und Integrationsforschung im Chicago des frühen 20. Jahrhunderts wird die Integration von Zuwan-derern als mehrgenerationaler Prozess verstanden. Entscheidend sind nicht nur die Erfahrungen und Handlungen der ersten Generation, der "Ankommer", sondern vor allem die ihrer Kinder. Die zweite Generation ist es, die den Kulturkonflikt zwischen Herkunfts- und Aufnahmeland austrägt. Die klassischen Assimilationstheorien (u.a. Park 1950) gehen davon aus, dass die erste Generation lediglich die notwendigsten Handlungsweisen der Aufnahmegesellschaft übernimmt, darüber hinaus jedoch zur Abschottung tendiert, um den Kulturschock der Migration abzupuffern. Die zweite Generation hat hingegen oft eine duale Orientierung in kultureller, normativer und kognitiver Hinsicht. Diese Marginalität macht sie vulnerabel - je nachdem, wie unterstützend die institutionellen und sozialen Rahmenbedingungen wirken, kann sie Desorientierung oder eine positive Mobilisierung erzeugen (Esser 1990: 74). Für die zweite Generation wird die Inklusion in die Bildungssysteme der Aufnahmeländer und der individuelle Erfolg, den sie in diesen erreichen, als der entscheidende Schlüssel zur erfolgreichen Sozialintegration angesehen (Levels/Dronkers 2008; Marks 2005). Doch trotz der hohen politischen und sozialwissenschaftlichen Relevanz der Bildungsintegration von Zuwanderern angesichts einer wachsenden Schülerschaft mit Migrationshintergrund in den westlichen Indust-rieländern wurden jugendliche Migranten und ihre Adaptions- und Integ-rationserfahrungen bis weit in 1990er Jahre hinein weitgehend vernachläs-sigt. Stattdessen wurde vor allem die Arbeitsmarktbeteiligung der ersten Generation als Indikator für den Grad der Integration von Zuwanderern untersucht. Dabei wurde in empirischen Studien überwiegend davon aus-gegangen, dass, neben individuellen sozioökonomischen und kulturellen Ressourcen, vor allem die Migrationsbiographie der Einwanderer die Möglichkeiten ihrer Partizipation und Interaktion im Aufnahmeland bedingt. Entsprechend überwogen Einzelfallstudien, die sich auf die Situation von Migranten eines Aufnahmelandes oder auf eine bestimmte Herkunftsgruppe in mehreren Ländern bezogen. Einige solcher Studien haben auch die Bildungsbeteiligung junger Migranten im Aufnahmeland untersucht. Die Ergebnisse lassen sich mit Cornelia Kristen (1999: 5) auf einen gemeinsamen Nenner bringen: "Ethnische Benachteiligungen sind zum festen Bestandteil der Bildungssysteme moderner Gesellschaften geworden".
Die frühen Fallstudien haben als Erklärungsfaktoren für die Leistungsunterschiede zwischen Migranten und Einheimischen überwiegend soziokulturelle Merkmale der Familie oder der Herkunftskultur ausgemacht (Alba et al. 1994; Kao et al. 1996; Portes/MacLeod 1996). Als wichtige Determinanten des Bildungserfolgs von Migranten wurden unter Bezug auf die klassischen Assimilationstheorien die Kompetenz in der Aufnahmelandsprache und die Dauer des Aufenthalts im Aufnahmeland identifiziert. Durch das Augenmerk auf Erklärungsfaktoren auf der Individualebene wurden jedoch Anreize oder Hindernisse, die sich aus der Sozialstruktur und den Institutionen der Aufnahmeländer ergeben, vernachlässigt. Mit Blick auf die Arbeitsmarktntegration von Zuwanderern erster Generation ist die Bedeutung von Kontextfaktoren in den letzten Jahren verstärkt diskutiert und auch empirisch untersucht worden (Kloosterman 2000; Kloosterman/Rath 2001; Schunck/Windzio 2009). Dabei wurde der Einfluss von Aufnahmeländern auf Integration mit Blick auf vier Bereiche diskutiert: bestehende ethnische Beziehungen innerhalb der Aufnahmegesellschaft, institutionelle Unterschiede von Arbeitsmärkten, Wohlfahrtsstaats- und Integrationspolitiken sowie die sich verändernden politischen und sozialen Grenzziehungen durch neue Governanceformen und Transnationalisierung (Reitz 2002).
Gleichzeitig wurde mit dem Aufkommen internationaler Schulleis-tungstests (wie z.B. der OECD PISA-Studie) die international verglei-chende Analyse der Bildungsbeteiligung junger Zuwanderer verstärkt in den Blick genommen. Die Ergebnisse der Schulleistungstests haben ge-zeigt, dass sich die Leistungsunterschiede zwischen Migranten und Ein-heimischen deutlich zwischen verschiedenen Aufnahmeländern unter-scheiden und dass sich die Unterschiede nicht mit den bekannten individuellen Einflussfaktoren des sozioökonomischen Status und der Migrationsbiographie erklären lassen. Entsprechend ist auch in dieser Integrationsdimension verstärkt die Bedeutung von institutionellen Rah-menbedingungen in den Aufnahmeländern diskutiert worden. Der Groß-teil der bislang vorliegenden Arbeiten konnte jedoch häufig nicht lediglich Hypothesen über den Einfluss bestimmter institutioneller oder strukturel-ler Faktoren entwickeln. Diese Schwäche liegt in erster Linie in den Untersuchungsdesigns begründet. So wurden in empirischen Analysen typischerweise die Aufnahmeländer als unabhängige Dummy-Variablen in Regressionsmodelle aufgenommen, oder die Länder wurden idealtypischen Ländergruppen oder Regimen (zB. traditionelle Einwanderungsländer oder kolonialen Einwanderungsländern) zugeordnet, um Unterschiede zwischen Ländergruppen mit ähnlichen Merkmalen zu untersuchen. Abgesehen von der häufig nicht eindeutigen Einordnung der zu vergleichenden Länder können auf diese Weise keine Aussagen über den Einfluss spezifischer Merkmale getroffen werden (Przeworski/Teune 1970). Eine weitere Schwäche liegt aber auch in der fehlenden integrierten Theorie, welche Erklärungen von Prozessen des Bildungserwerbs mit den bisherigen Theorien zur Integration und Annahmen über den Einfluss von institutionellen Rahmenbedingungen auf die Entstehung ethnischer Bildungsungleichheit verbinden würde. Angesichts der wachsenden Bedeutung der strukturellen Integration von Zuwanderern für eine Reihe von Aufnahmeländern, ist diese methodische und theoretische Vernachlässigung überraschend. Denn wenn die Prozesse der Sozialintegration von Zuwanderern tatsächlich erklärt werden sollen, müssen die institutionellen und sozialen Merkmale der Aufnahmeländer in die Analyse einbezogen werden (Esser 1980: 59, 2006: 37). Die Analyse des Einflusses des Aufnahmekontextes ist nicht nur deshalb nötig, da die Nicht-Beachtung der strukturellen Einbettung nur unter Konstanthaltung desselben vertretbar ist. Bereits die klassischen Studien zur Integration von Migranten haben darauf hingewiesen, dass es nicht ausreicht, auf die individuellen Veränderungen und Anpassungen der Zuwanderer beim Prozess der Eingliederung zu schauen. Vielmehr ist der Verlauf der Adaptionsprozesse nicht nachvollziehbar "without a full analysis of the absorbing society, the demands it makes on the immigrant, and the possibilities it offers him" (Eisenstadt 1954: 11). Der Einfluss des Aufnahmekontexts auf die individuellen Integrationsprozesse von Migranten kann nur vollständig analysiert werden, wenn die als relevant erachteten, unterschiedlichen Merkmale von Ländern operationalisiert und in Zusammenhang mit variierenden Integrationsergebnissen gestellt werden. Für die Bildungsbeteiligung von Zuwanderern im Vergleich zu einheimischen Schülern wurde dies bislang kaum versucht. Dieser Mangel ist unter anderem forschungspraktisch begründet, da, um die Zufälligkeit gemessener Zusammenhänge ausschließen zu können, eine bestimmte Zahl von Aufnahmeländern und Varianz in den betrachteten Merkmalen erforderlich ist. Häufig fehlen Datensätze, die eine Messung der Merkmale einer ausreichenden Anzahl von Aufnahmeländern ermöglichen würden. Eine Folge dieser Situation ist, dass wiederholt ähnliche Ländergruppen untersucht werden (häufig EU oder OECD) und dabei die Erfahrungen anderer, neuer Aufnahmeländer systematisch vernachlässigt werden. Die zu prüfenden Theorien sollten sich jedoch auch an den zu beobachtenden Erfahrungen dieser neuen Aufnahmeländer messen lassen.
Vor diesem Hintergrund soll in diesem Buch untersucht werden, in welcher Weise institutionelle und sozialstrukturelle Merkmale von Auf-nahmeländern den Bildungserwerb junger Migranten und damit ihre strukturelle Assimilation - und in der Folge auch die Systemintegration der Aufnahmeländer - beeinflussen. Ziel ist es, die im internationalen Vergleich variierenden Integrationsergebnisse, gemessen über Leistungsunterschiede zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund, durch Unterschiede in der Institutionenstruktur der Aufnahmeländer zu erklären. Um zu einer solchen empirischen Erklärung zu gelangen, muss jedoch zunächst theoretisch erklärt werden, wie sich der Bildungserwerb von Zuwanderern vollzieht, und inwiefern welche Institutionen der Aufnahmeländer diesen Prozess strukturieren. Somit besteht ein weiteres Ziel dieses Buchs, einen Beitrag zu einer integrierten erklärenden Theorie ethnischer Bildungsungleichheit zu leisten.
Im zweiten Kapitel werden theoretische Ansätze und empirische Be-funde vorheriger vergleichender Untersuchungen des Bildungserfolgs von Zuwanderern dargestellt, um die hier verfolgte Fragestellung zu präzisie-ren. Die bisherigen Studien kommen überwiegend zu dem Ergebnis, dass Aufnahmelandinstitutionen wie Einwanderungs- und Integrationspolitiken offensichtlich eine Rolle für den Bildungserwerb von Zuwanderern spielen. Hinsichtlich ihres Beitrags zur Theorieentwicklung zeichnen sich die meisten der Arbeiten durch einen eher empirischen Zugang aus, der vor allem auf das Überprüfen der Ergebnisse früherer Studien abzielt, jedoch eine theoretische Explikation der den Effekten und Zusammenhängen zugrunde liegenden Mechanismen vernachlässigt. Ausgehend von diesem Befund folgt im ersten Teil des dritten Kapitels eine Darstellung der erkenntnistheoretischen Grundlagen einer soziologischen Erklärung von Integration, Bildungserwerb und ethnischer Bildungsungleichheit. Hartmut Essers Modell der soziologischen Erklärung (Esser 1999b) dient dabei als Heuristik, um eine Systematisierung und Integration bestehender, jedoch bislang unverbundener Annahmen zu ermöglichen.
Der individuelle Bildungserfolg von Zuwanderern wird als ein Indika-tor ihrer Sozialintegration verstanden, deshalb erfordert eine Theorie eth-nischer Bildungsungleichheit eine Verbindung von Theorien des Bildungs-erwerbs mit Theorien zum Verlauf der Integration von Zuwanderern. Hierfür wird im zweiten Teil des dritten Kapitels ein Überblick über Theorien zur Erklärung der Integration von Zuwanderern gegeben. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Einfluss von Merkmalen des Kontextes, in welchem sich die Integration vollzieht. Mit Essers synthetisierendem Modell der intergenerationalen Integration (Esser 2008) lässt sich der Ein-gliederungsprozess als Ergebnis von Investitionsentscheidungen der Zu-wanderer verstehen. Dabei können diese Investitionen entweder in den Aufnahmekontext und dessen Erfolgsbedingungen oder in den Herkunftskontext erfolgen. Der Bildungserfolg junger Zuwanderer kann somit als Investition in den Aufnahmekontext verstanden werden. Da eine erfolgreiche Bildungsinvestition jedoch von komplexen Bedingungen abhängt, werden im Abschnitt 3.3 allgemeine Theorien des Bildungserwerbs und der Entstehung von sozialen und ethnischen Bildungsungleichheiten zusammengefasst. Auf dieser Grundlage wird schließlich in Abschnitt 3.4 eine integrierte Theorie skizziert, die ethnische Bildungsungleichheit als Ergebnis zweier Faktoren, nämlich zwischen Einheimischen und Migranten variierenden Leistungen und zwischen Einheimischen und Migranten variierenden Bildungsentscheidungen konzipiert. Den Theorien zum Integrationsverlauf und zum Bildungserwerb folgend sind allem drei Institutionenkomplexe für die ethnische Bildungsungleichheit eine Rolle spielen: das Bildungssystem, das Wohlfahrts- und sozialpolitische Regime und das System der Regulation von Einwanderung und formaler Integration. Diese zentralen Institutionen von Aufnahmeländern unterscheiden sich aufgrund unterschiedlicher historischer Erfahrungen und sich daraus ergebender Pfadabhängigkeiten und sind zugleich in ihren Ausprägungen nicht unab-hängig voneinander. Die Institutionen des Bildungssystems, das System sozialer Sicherung und die Einwanderungs- und Eingliederungsbestim-mungen wirken immer als Opportunitäten oder Restriktionen, welche die subjektiv wahrgenommen Kosten und Nutzen assimilativer Handlungen von Migranten strukturieren (Crul/Schneider 2010; Soysal 1994: 5). In welcher Weise sie dies tun, wird in Kapitel 4 dargestellt. Dabei werden jeweils zunächst die Entstehungsbedingungen und Merkmale von Bil-dungssystemen (Abschnitt 4.1), von Wohlfahrtsstaaten (4.2) und Einwan-derungs- und Integrationsregimen (4.3) dargestellt. Daran anschließend folgen auf Basis des Modells der soziologischen Erklärung, der Annahmen des Modells der intergenerationalen Integration und weiterer theoretischer Vorarbeiten Überlegungen zum Zusammenhang des jeweiligen Institutionenkomplexes mit den individuellen Integrationsverläufen von Zuwanderern. Nach einem Überblick bestehender empirischer Arbeiten zum Einfluss von Bildungssystemen (4.1.4), Wohlfahrtsstaatsregimen (4.2.4) und Einwanderungs- und Integrationspolitiken (4.3.2) werden schließlich Hypothesen zum Einfluss der Institutionen auf den Schulleistungsunterschied zwischen Migranten und Einheimischen formuliert, die im weiteren Verlauf empirisch überprüft werden. Dazu werden im fünften Kapitel die Datenbasis und geeignete Analysemethoden vorstellt. Abschnitt 5.1 widmet sich der Operationalisierung der abhängigen und unabhängigen Variablen und der Kontrollvariablen. Der zweite Abschnitt des fünften Kapitels widmet sich den Analyseverfahren, speziell dem linearen hierarchischen Mehrebenenmodell für kontinuierliche abhängige Variablen. In Kapitel 6 folgen die multivariaten Analysen zur Überprüfung der im vierten Kapitel hergeleiteten Hypothesen. Dazu wird in Abschnitt 6.1 zunächst ein Überblick über den Grad ethnischer Bildungsungleichheit in verschie-denen Ländern gegeben. Die drei Institutionenkomplexe der Bildungssys-teme, Wohlfahrtsstaaten und Migrations- und Integrationsregime werden in den Abschnitten 6.2 bis 6.4 untersucht. Dazu werden multivariate Analysen durchgeführt, die es erlauben, die Hypothesen unter Konstant-haltung der Kontrollmerkmale zu testen, um Effekte selektiver Migrations-prozesse von den Effekten der Institutionen auf die ethnische Bildungs-ungleichheit zu trennen. Jeder Abschnitt endet mit einer kurzen Zusammenfassung der Ergebnisse. Das siebte Kapitel fasst schließlich die theoretischen und empirischen Befunde der Arbeit zusammen und reflektiert diese auch in Hinblick auf zukünftige Forschung in diesem Be-reich.

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