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Umwelt und Entwicklung in globaler Perspektive


Umwelt und Entwicklung in globaler Perspektive

Ressourcen - Konflikte - Degrowth
1. Aufl.

von: Hans-Jürgen Burchardt, Filka Sekulova, Nina Ulbrich, Michael Watts, Stefan Peters, David Córtez, Frederico Demaria, Kristina Dietz, Bettina Engels, Joan Martínez-Alier, Oliver Pye, Francois Schneider

30,99 €

Verlag: Campus Verlag
Format: PDF
Veröffentl.: 06.04.2017
ISBN/EAN: 9783593436173
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 280

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Umweltpolitische Themen gewinnen an Bedeutung für die internationale Politik. In der Praxis erscheinen ökologische Bedenken gegenüber dem Wachstumsimperativ jedoch oft als Papiertiger. Dieses Buch diskutiert am Beispiel der Rohstoffpolitik die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen einer intensivierten Rohstoffausbeutung sowie die damit verbundenen sozialökologischen Konflikte. Außerdem werden Vorschläge für Alternativen zum dominanten Wachstumsmodell analysiert und Anregungen für eine Neujustierung des Entwicklungsbegriffs gegeben.
Inhalt
Umwelt und Entwicklung in globaler Perspektive7
Stefan Peters und Hans-Jürgen Burchardt
Der (Neo-)Extraktivismus in Lateinamerika nach dem Ende des Rohstoffbooms33
Hans-Jürgen Burchardt und Stefan Peters
Politische Ökologie von Öl und Gas am Golf von Guinea -Einsichten aus Nigeria61
Michael Watts
Chinas Rohstoffpolitik in Afrika: Neue Strategien auf alten Pfaden89
Nina Ulbrich
Konflikte um Bergbau in Subsahara-Afrika113
Bettina Engels
Jenseits von David gegen Goliath: Der Konflikt um die Megaminería in Uruguay135
Stefan Peters
Klimaschutz im Norden, Entwicklung im Süden? Europäische Agrotreibstoffpolitik und Palmölexpansion in Südostasien159
Oliver Pye
Grüne Ökonomie: Strategien, Widersprüche und blinde Stellen ›grün-ökonomischer‹ Krisenbearbeitung 181
Kristina Dietz und Carla Noever Castelos
Der Übergang von ›Sumak Kawsay‹ zum neoextraktivistischen ›Buen Vivir‹ 205
David Cortez
Degrowth - vom aktivistischen Slogan zur sozialen Bewegung223
Federico Demaria, François Schneider, Filka Sekulova und Joan Martínez-Alier
Postwachstum durch Zeitwohlstand - wie sich eine Schimäre in Realpolitik verwandeln lässt247
Hans-Jürgen Burchardt
Autorinnen und Autoren279
Dr. Stefan Peters ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel. Hans- Jürgen Burchardt ist dort Professor für Internationale und intergesellschaftliche Beziehungen.
Umwelt und Entwicklung in globaler Perspektive
Stefan Peters und Hans-Jürgen Burchardt
Entwicklung soll grüner werden. Dies ist eine der zentralen Botschaften der im September 2015 von der UN-Generalversammlung verabschiedeten Sustainable Development Goals (SDGs). Als Nachfolger der Millenniumsziele (MDGs) setzt sich die Weltgemeinschaft mit den SDGs zum Ziel, "economic, social and technological progress […] in harmony with nature" zu bringen (UN 2015: 2). Dies übersetzt sich in 17 Haupt- und 169 Unterziele der Agenda for Sustainable Development, die bis 2030 erreicht werden sollen. Handlungs- und Veränderungsbedarf wird dabei nicht mehr ausschließlich im Globalen Süden verortet; auch vom Globalen Norden wird eine Richtungsänderung eingefordert. Die hierfür verabschiedeten Ziele beinhalten nicht nur die Förderung von Wirtschaftswachstum und die Reduzierung von Armut und Ungleichheit, sondern auch den Kampf gegen den Klimawandel, fortschreitende Desertifikationsprozesse, den Verlust von Biodiversität sowie die Erhöhung des Anteiles erneuerbarer Energien am globalen Energiemix und die Ermöglichung des Zugangs zu sauberem Trinkwasser für alle Menschen (UN 2015). Diese kursorische Aufstellung der Zielsetzungen und Stoßrichtung der SDGs macht deutlich: Die internationale Politik der kommenden 15 Jahre steht im Zeichen von Umwelt und Entwicklung.
Für die Bearbeitung dieser Herausforderungen für die Gegenwart und die Zukunft kann durchaus auf Erfahrungen der Vergangenheit zurückgegriffen werden: So ist etwa das Thema ›Nachhaltigkeit‹ bereits seit drei Jahrzehnten fest auf der politischen Agenda verankert. Mit dem Brundtland-Bericht von 1987 wurde der Begriff, verstanden als "dauerhafte Entwicklung […], die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß zukünftige Generationen ihre Bedürfnisse nicht befriedigen können" (Hauff 1987: 46), in der internationalen Politik etabliert. Fünf Jahre später wurde Nachhaltigkeit auf der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung (UNCED) in Rio de Janeiro (1992) gar zu einem globalen Leitbild erhoben. Die Agenda 21 lieferte zudem eine konkrete Programmatik zur politischen Implementierung von Nachhaltigkeitsstrategien. Die Zielsetzung dieser und anderer momentan prominent diskutierter Ansätze (Green Economy, Green New Deal) besteht dabei stets in der Versöhnung von Entwicklung - primär verstanden als Wachstum - und Umweltschutz mittels marktförmiger Instrumente und technologischer Innovationsstrategien (Sachs 1999; Dietz/Engels 2016).
Die Ergebnisse dieser Quadratur des Kreises fielen bisher bescheiden aus. Anstatt Umweltprobleme zu lösen, sind die vom Menschen verursachten, massiven Veränderungen der natürlichen Bedingungen zu einem zentralen Charakteristikum unserer Erdepoche geworden und haben unter dem Stichwort ›Anthropozän‹ sowie mit Fokus auf den Klimawandel Eingang in die wissenschaftlichen, umweltpolitischen und auch gesellschaftlichen Debatten gefunden (Crutzen et al. 2011; Lewis/Maslin 2015). Der Klimawandel veranschaulicht die ökologischen Konsequenzen des bis heute vorherrschenden Wirtschafts- und Entwicklungsmodells besonders eindringlich. So fasst der jüngste Sachstandsbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) die Zukunftsperspektiven der Menschheit wie folgt zusammen: "Fortgesetzte Emissionen von Treibhausgasen werden eine weitere Erwärmung und langanhaltende Veränderungen aller Komponenten des Klimasystems verursachen und damit die Wahrscheinlichkeit von schwerwiegenden und irreversiblen Folgen für Menschen und Ökosysteme erhöhen" (IPCC 2014: 8). Angesichts solcher Befunde sind auch die Erfolgsaussichten der umweltpolitisch beachtlichen Entscheidung der UN Klimakonferenz von Paris Ende 2015, die benchmark für die Erderwärmung auf maximal 1,5° Celsius über die vorindustrielle Zeit festzulegen, skeptisch zu bewerten. Diese Zweifel wurden auf dem jüngsten Weltklimagipfel vom November 2016 in Marrakesch tendenziell bestätigt: Die zögerlichen Verhandlungsfortschritte lassen erkennen, dass die absehbare klimapolitische Zurückhaltung der USA unter dem neuen Präsidenten Donald Trump, die Uneinigkeit der internationalen Gemeinschaft bei zentralen Fragen der Umsetzung von Umweltschutzmaßnahmen sowie widersprüchliche Signale seitens der Europäischen Union substantielle Veränderungen in der internationalen Klimapolitik wenig wahrscheinlich machen (Clémençon 2016; Dröge 2016; Götze/von Brackel 2016).
Gleichzeitig überdeckt der Fokus auf den Klimawandel eine Vielzahl von weiteren Umweltproblemen. Diese umfassen den Verlust von Biodiversität, Artensterben, die Übernutzung von Meeren und Agrarflächen, die fortschreitende Desertifikation, Luftverschmutzung sowie die Umweltbelastungen durch die Expansion und Intensivierung der Rohstoffausbeutung. Diese und weitere Beispiele illustrieren, dass die ökologischen Belastungsgrenzen der Erde (planetary boundaries) bereits heute massiv überschritten werden (Rockström et al. 2009). Laut dem jüngsten Living Planet Report des World Wide Fund for Nature (WWF 2016: 6) bräuchte die Menschheit für das derzeitige Niveau des Ressourcenverbrauchs Zugriff auf 1,6 Erden. Die Vielzahl von Konferenzen, Abkommen und Deklarationen kann somit insgesamt nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bilanz der internationalen Umweltpolitik auch ein Vierteljahrhundert nach der wegweisenden Rio-Konferenz über Umwelt und Entwicklung bescheiden ausfällt.
Ein wesentlicher Grund für das Verfehlen umweltpolitischer Ziele liegt im inhärenten Wachstumszwang des westlich geprägten Entwicklungsmodells sowie dem damit verbundenen ressourcenintensiven Wirtschafts- und Konsummodell begründet. Obwohl das öffentliche Bewusstsein dafür steigt, dass die Fortführung und/oder Übertragung des kapitalistischen Entwicklungsmodells mittel- und langfristig zwangsläufig zum ökologischen Kollaps des Planeten führt (klassisch: Meadows et al. 1972), bleibt die Wachstumsfixierung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ungebrochen. Diese Fokussierung auf den Anstieg der Wirtschaftsleistung hat zur Konsequenz, dass die von der internationalen Politik offerierten Leitbilder und Nachhaltigkeitsstrategien - trotz anderslautender Proklamationen - kaum in einen strukturellen oder institutionellen Wandel der praktischen Politik oder gar in ein Abweichen vom Wachstumsparadigma selbst münden. Vielmehr gelingt es ihnen bestenfalls Wachstum weniger umweltschädlich zu gestalten und so die globalen sozialökologischen Verwerfungen des aktuellen Wirtschafts- und Entwicklungsmodells hinauszuzögern (Altvater 2011; Brand 2012; Klein 2014; siehe auch den Beitrag von Dietz und Noever Castelos in diesem Band).
Im Feld der Rohstoffpolitik zeigen sich die Grenzen von Strategien zur Versöhnung von Wachstum und ›Entwicklung‹ einerseits sowie ökologischer Nachhaltigkeit und Umweltschutz andererseits mit besonderer Deutlichkeit. Während sich die internationale Umweltpolitik mit der Vorbereitung von Klimagipfeln und der Ausarbeitung der Sustainable Development Goals beschäftigte, dominierte in der internationalen Rohstoffpolitik eine entgegengesetzte Dynamik: Hohe Wachstumsraten der aufstrebenden Schwellenländer und insbesondere Chinas führten zwischen 2003 und 2013/14 zu kräftigen Steigerungen der Nachfrage nach natürlichen Ressourcen, einem entsprechenden Preisanstieg für agrarische, mineralische und fossile Rohstoffe sowie der deutlichen Ausweitung der Extraktionstätigkeit. Angesichts der Endlichkeit nichterneuerbarer Ressourcen wurde die Welt Zeuge eines technologischen Wettlaufs zur Entwicklung neuer Fördermöglichkeiten (zum Beispiel fracking oder die Ausweitung von Tiefseeerdölförderung), der Intensivierung und territorialen Expansion der Rohstoffförderung sowie einer zunehmenden Rohstoffkonkurrenz im "race for what's left" (Klare 2013). Dies hatte zur Konsequenz, dass das Thema ›Umwelt und Entwicklung‹ jenseits von Debatten über ›nachhaltige Entwicklung‹ oder ›grünes Wachstum‹ um eine weitere Facette ergänzt wurde: die Renaissance rohstoffbasierter Entwicklungsmodelle.
Trotz zunehmender Beachtung umweltpolitischer Themen durch die Wissenschaft wurden diese beiden kontrastierenden Tendenzen der internationalen Umweltpolitik - forcierte Rohstoffextraktion einerseits und die Suche nach umweltfreundlichen politischen Strategien anderseits - von der Forschung bisher noch zu wenig analytisch in Bezug gesetzt. Der vorliegende Sammelband setzt hier an, untersucht das Spannungsfeld von Umwelt und Entwicklung und möchte damit aus einer globalen Perspektive einen Beitrag für eine Neuausrichtung der Forschung zu internationalen Umweltpolitiken leisten.
Rohstoffbasierte Entwicklungsmodelle
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts ist das Entwicklungsmodell Rohstoffexport erneut en vogue. Im Fahrwasser des Booms der Primärgüterpreise wurde die Extraktion und des Exports natürlicher Ressourcen massiv ausgeweitet und intensiviert. Dies ermöglichte hohe Wachstumsraten sowie insbesondere in Lateinamerika mit dem Entwicklungsmodell des Neo-Extraktivismus (Gudynas 2009; Burchardt/Dietz 2014; Svampa 2015; siehe auch den Beitrag von Burchardt und Peters in diesem Band) teilweise beachtliche soziale Entwicklungserfolge.
Diese Dynamiken implizierten eine entwicklungstheoretische und -politische Reise zurück in die Zukunft. Schließlich galt vielen Pionieren der Entwicklungsforschung der Rohstoffexport - gerade mit Blick auf die Erfahrungen Europas und Nordamerikas (Barbier 2011) - noch als Wachstumsmotor, Triebkraft für Industrialisierungs- und Modernisierungsschübe und somit als willkommene Abkürzung auf dem Weg zur ›Entwicklung‹. Hierfür sollten die Einnahmen aus der Förderung und dem Export von Primärgütern die chronisch kapitalarmen Staaten des Globalen Südens mit den notwendigen finanziellen Ressourcen für die Umsetzung ehrgeiziger Entwicklungsprojekte ausstatten (Ginsburg 1957; Rostow 1960). Diese optimistische Einschätzung des entwicklungsfördernden Potenzials natürlicher Ressourcen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst vom lateinamerikanischen Strukturalismus und der Dependenztheorie in Frage gestellt. Angesichts fallender terms-of-trade von Primärgütern und der hohen Anfälligkeit gegenüber externen Krisenfaktoren wurde eindringlich auf die Fallstricke des Entwicklungsmodells Rohstoffexport hingewiesen (klassisch: Prebisch 1950; Galeano 1971). Doch erst mit dem Einbruch der Weltmarktpreise für natürliche Ressourcen am Beginn der 1980er Jahre hielt die These, dass Rohstoffreichtum Entwicklungsprozesse nicht etwa beschleunigt, sondern vielmehr be- oder gar verhindert, unter dem Stichwort des Rohstofffluches (Resource Curse) Einzug in den wissenschaftlichen und entwicklungspolitischen Mainstream (Gelb et al. 1988; Auty 1993).
Mit dem Rohstoffboom zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde der Entwicklungspessimismus der Resource Curse jedoch zunehmend von Stimmen - auch wichtiger internationaler Entwicklungsagenten - überlagert, die wieder die Potenziale des Rohstoffexports unterstreichen (Sinnott et al. 2010; AfDB et al. 2013; Bárcena/Prado 2016). Gleichzeitig schienen sich positive Einschätzungen der Entwicklungspotenziale des Rohstoffexportmodells auch empirisch zu bestätigen. Die Einnahmesteigerungen aus dem Rohstoffexport erweiterten den Verteilungsspielraum der Staaten und schienen sie mit ›magische Fähigkeiten‹ (Coronil 1997) auszustatten. Große Infrastruktur- und prestigeträchtige Entwicklungsprojekte wurden in Angriff genommen, die Staatsapparate expandierten, Sozialleistungen wurden ausgeweitet, teilweise wurden sogar Diversifizierungsstrategien umgesetzt (SENPLADES 2013; Ovadia 2016) und fast überall füllten sich gleichzeitig die Bankkonten von führenden Politikern sowie ihnen nahestehenden Unternehmern und Beratern (Báez 2015; Soares de Oliveira 2015; Sutherland 2015). Doch mit dem Preisverfall für Primärgüter ab 2013/14 versagten die staatlichen Zauberkräfte ein weiteres Mal. Das Ende des Rohstoffbooms stürzte viele Rohstoffstaaten in eine tiefe Wirtschaftskrise, vorherige (soziale) Entwicklungserfolge drohen wie ein Kartenhaus zusammenzufallen und teilweise lassen sich bereits zunehmende politische Instabilitäten beobachten. Die Ergebnisse des letzten "commodity super-cycle" (Erten/Ocampo 2013) verdeutlichen: Der Versuch die soziale Frage über die Expansion der Rohstoffausbeutung und damit auf Kosten der Umwelt zu lösen hat sich wirtschaftlich, sozial und ökologisch erneut als wenig nachhaltig erwiesen.
Obwohl die extreme Krisenanfälligkeit rohstoffbasierter Entwicklungsmodelle hinlänglich bekannt ist, scheint für viele Länder des Globalen Südens eine Abkehr vom Rohstoffextraktivismus wenig wahrscheinlich. Einerseits sind die Wirtschaftsstrukturen meist einseitig auf Naturressourcen ausgerichtet. Die mangelnde ökonomische Diversifizierung versperrt kurz- und mittelfristig das Umschwenken auf alternative Entwicklungswege. Andererseits lässt sich trotz der Endlichkeit der Ressourcen und international zunehmender Diskussionen um eine ökologische Wende noch keine wirkliche Abkehr vom ressourcenintensiven Wirtschafts- und Wachstumsmodell erkennen. In der Konsequenz ist der jüngste Einbruch der Rohstoffpreise eine temporäre Erscheinung und eine neuerliche Boomphase bereits absehbar. Das Entwicklungsmodell ›Rohstoffexport‹ wird in Zukunft eher weiter an Bedeutung gewinnen und nicht nur als Wirtschafts-, sondern auch als Gesellschaftsmodell wichtige Teile des Globalen Südens prägen.
Dies wurde von Teilen der Forschung durchaus erkannt: Die jüngste Bedeutungssteigerung der Rohstofforientierung ging mit einem Anstieg der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema einher und hatte rege geführte Kontroversen über die Möglichkeiten und Grenzen extraktivistischer Entwicklungsmodelle zur Folge. Einen Großteil der Forschung konzentriert sich dabei auf die Frage, ob und unter welchen Bedingungen Rohstoffabhängigkeit wirtschaftliche, soziale und/oder politische Entwicklungserfolge begünstigt bzw. versperrt (Überblick: Frankel 2012; Heinrich/Pleines 2012). Meist wird das Thema in einer dichotomen Gegenüberstellung zwischen der (tendenziell) fatalistischen und deterministischen Resource Curse These und der optimistischen Diagnose eines Resource Blessing verhandelt. Dieses dichotome framing der Fragestellung brachte indes selbst bei Engführung des Entwicklungsbegriffs auf wirtschaftliches Wachstum keinen klaren Befund hervor: Eine aktuelle Metastudie kommt zu dem Ergebnis, dass von 605 untersuchten Regressionsanalysen 40 Prozent einen positiven, 20 Prozent einen negativen und weitere 40 Prozent keinen Zusammenhang zwischen natürlichen Ressourcen und Wirtschaftswachstum konstatieren (Havranek/Horváth/Zeynalov 2016).
Diese Unsicherheiten der Wissenschaft gehen nicht zuletzt auf methodisch-konzeptionelle Engführungen zurück. So verstellt die Fokussierung auf quantitative Methoden und large-N Vergleichsdesigns den Blick für die internen Dynamiken einzelner Extraktionsgesellschaften und kann Kontextspezifika nicht ausreichend in die Analyse einbeziehen. Zudem basiert die Indikatorenbildung meist auf einem eurozentrischen bias. Unabhängig davon ob Rohstoffe als entwicklungspolitischer Fluch oder Segen aufgefasst werden, ist der Vergleichsmaßstab stets das westlich-liberale Wirtschafts-, Sozial- und Politikmodell. Folglich stellen Wirtschaftswachstum, Armutsbekämpfung und die liberal-repräsentative Demokratie zentrale Kriterien der Evaluierung dar. In die Praxis übertragt sich dies in Form von Politikempfehlungen seitens internationaler Organisationen und wissenschaftlicher Thinktanks, die in der Regel auf Ansätzen basieren, die über Institutionenaufbau, Transparenzinitiativen oder ein effizienteres Resource Management die politische Steuerung und die wirtschaftlichen Entwicklungspotenziale von Rohstoffstaaten optimieren wollen (Hendrix/ Noland 2014; van der Ploeg 2014). Die verschiedenen Strategien zielen - oft mit mäßigem Erfolg - darauf ab, der ökonomischen Krisenanfälligkeit von Rohstoffstaaten entgegenzuwirken sowie Korruption, Klientelismus und Nepotismus einzudämmen. Hingegen schenken diese entwicklungspolitischen Empfehlungen zur Verbesserung des Resource Management den mit dem Entwicklungsmodell Rohstoffexport unweigerlich verbundenen Umweltbelastungen, den Konsequenzen der Expansion der Ausbeutung von Primärgütern für die lokale Gesellschaft oder den spezifischen politischen und sozialen Konfigurationen von Extraktionsgesellschaften in der Regel wenig bis gar keine Beachtung. Eine solche Priorisierung aufwendig präsentierter Politikempfehlungen auf der Basis eurozentrischer Annahmen muss fast zwangsläufig zu wiederkehrenden entwicklungspolitischen Fehlschlägen führen. Tatsächlich verpufften verschiedene entwicklungspolitische Initiativen zur Förderung von Transparenz oder Good Governance im Rohstoffsektor oder zum Aufbau von Stabilisierungsfonds häufig oder wurden teilweise von der Politik sogar aktiv unterlaufen (Pegg 2009; Sovacool et al. 2016).
Angesichts wenig eindeutiger Befunde über die entwicklungspolitische Performance von Rohstoffstaaten sowie ernüchternder Ergebnisse von Initiativen zur Verbesserung des resource governance ist ein Perspektivwechsel der Forschung zu Rohstoffen und Entwicklung dringend erforderlich. Statt weiterhin den Fokus auf Rentenökonomien und Rentier-Staaten zu legen und ihre ›Defizite‹ im Vergleich zu westlichen Modellen erst möglichst genau zu beziffern und anschließend mit entwicklungspolitischen Instrumenten zu behandeln, gilt es zunächst ein besseres Verständnis für die wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen und soziokulturellen Besonderheiten von Rentengesellschaften zu gewinnen. Hierfür braucht es eine stärkere soziologische Fundierung der Rententheorie, die es erlaubt, die gesellschaftlichen Spezifika von Rohstoffstaaten kontextsensibel zu analysieren. Zentrale Forschungsfelder sind dabei einerseits die Analyse der Prägekraft der Renteneinnahmen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sowie die Mechanismen zur (Re-)Produktion sozialer Ungleichheiten und gesellschaftlicher Machtverhältnisse mittels der Distribution von Rohstoffrenten. Andererseits braucht es vertiefte Kenntnisse über die aus der gesellschaftlichen Durchdringung der Renteneinnahmen erwachsenden Besonderheiten des Habitus, quasi-naturalisierten Formen der Einforderung eines Teils der Rohstoffrente durch die Bevölkerung sowie den Spezifika der gesellschaftlichen Naturverhältnisse in "Rentengesellschaften" (zum Begriff: Peters 2015). Der vorliegende Band legt darum einen besonderen Fokus auf qualitative Fallstudien zur Analyse von mit der Rohstoffausbeutung verbundenen sozialökologischen Konflikten.
Sozialökologische Konflikte
Das Thema Rohstoffe und Entwicklung ist nicht nur von erheblicher entwicklungspolitischer Bedeutung, es beinhaltet auch beachtliche Konfliktpotenziale. Die jüngste Forcierung rohstoffbasierter Entwicklungsmodelle hat hohe Investitionen angezogen und zu einer Expansion der "commodity frontier" (Moore 2000) in ländliche und oftmals sozial marginalisierte Gebiete beigetragen. In den Extraktionszonen geht die Rohstoffausbeutung mit Veränderungen der Landnutzung, massiven Umweltbelastungen insbesondere in Form der Verschmutzung von Böden und Trinkwasser, water grabbing (Mehta/Veldwisch/Franco 2012) sowie tief greifenden sozialen Transformationen einher. Gemeinsam ist diesen verschiedenen Konsequenzen der Vertiefung extraktivistischer Entwicklungsmodelle, dass sie jeweils die traditionelle Lebensweise und Existenzgrundlage der lokalen Bevölkerung untergraben. Hieraus ergeben sich vielfältige "Konflikte um Natur" (Dietz/Engels 2014), die in vielen Ländern des Globalen Südens sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht bereits das gesellschaftliche Konfliktgeschehen prägen. Häufig werden solche Proteste gegen Extraktionsprojekte von den Regierungen kriminalisiert und repressiv beantwortet. Diese Dynamiken haben mittlerweile auch vermehrte Aufmerksamkeit seitens der internationalen Zivilgesellschaft und der Wissenschaft erhalten (Omeje 2008; Gerber 2011; Dietz/Engels 2016; Haslam/
Ary Tanimoune 2016).
Eine genauere Betrachtung der vielfältigen Extraktionskonflikte zeigt erstens, dass die Umweltbelastungen auch im Bereich der Rohstoffförderung keineswegs sozial neutral wirken, sondern zur Verschärfung bestehender und Entstehung neuer sozialökologischer Disparitäten beitragen. Diese zentrale Einsicht der politischen Ökologie (Bryant/Bailey 1997) verdeutlicht, dass das framing der Auswirkungen von Rohstofforientierung auf Entwicklung als Fluch bzw. Segen in vielerlei Hinsicht fehlleitend ist. Vielmehr gilt es die jeweiligen Konsequenzen der Rohstoffausbeutung für verschiedene soziale Gruppen und auf unterschiedlichen Maßstabsebenen (scales) - international, national und lokal - in den Blick zu nehmen.
Auf internationaler Ebene zeigt sich die Zentralität der Rohstoffförderung im Globalen Süden für die Gesellschaften des Globalen Nordens: Beruht doch dessen ressourcenintensives Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell ebenso wie der Lebensstil weiter Teile der Mittel- und Oberschichten des Globalen Südens auf der kontinuierlichen Rohstoffzufuhr vornehmlich aus dem Süden. Dies gilt auch für aktuelle umweltpolitische Initiativen aus dem Umfeld der Green Economy. Schließlich basieren Politiken zur Förderung von Agrartreibstoffen oder Elektromobilität auf dem Raubbau an natürlichen Ressourcen im Globalen Süden etwa auf Palmölplantagen oder im Lithiumbergbau (Dietz et al. 2015; Vogel 2016; siehe auch den Beitrag von Pye in diesem Band). Die ›grüne Ökonomie‹ lagert auf diese Weise die sozialökologischen Konsequenzen und Konflikte der ›ökologischen Wende‹ bequem an die Orte der Lagerstätten und Rohstoffextraktion aus.
Auf der nationalen Ebene ermöglichen die Einnahmesteigerungen aus dem Rohstoffexport dem Staat die Finanzierung von Sozialprogrammen, von denen nicht zuletzt die urbane Armutsbevölkerung profitiert, während die Umweltbelastungen der Expansion und Intensivierung des Extraktionsmodells in erster Linie von der meist ländlichen und oft indigenen Bevölkerung in den "sacrifice zones" (Shade 2015) der Rohstoffausbeutung getragen werden. Auf diese Weise werden bestehende ethnische und sozialgeographische Ungleichheiten oft noch weiter vertieft. Die Aussicht auf ein Stück vom Kuchen der Rohstoffeinnahmen hat dabei nicht selten zur Folge, dass soziale Bewegungen und Gewerkschaften, die vor allem im städtischen Raum aktiv sind, den sozialökologisch motivierten Kämpfen der Bevölkerung in den Extraktionsgebieten distanziert gegenüberstehen.
Auch auf der lokalen Ebene der Extraktionsgebiete steht die Bevölkerung der Rohstoffausbeutung - trotz oft massiver Umweltbelastungen - keineswegs durchgehend ablehnend gegenüber. Schließlich wecken neue Extraktionsprojekte insbesondere in strukturschwachen Gemeinden oft die Hoffnung auf einen lokalen Wirtschaftsboom, die Schaffung von Arbeitsplätzen und/oder Teilhabe an den Rohstoffeinnahmen. Hieraus erwachsen Potenziale für Spaltungen lokaler Gemeinschaften zwischen Befürwortern und Gegnern der Rohstoffausbeutung sowie über die Aufteilung und Nutzung der Einnahmen aus den Extraktionsprojekten (Anthias 2016; siehe auch den Beitrag von Peters in diesem Band).
Zweitens ist der Widerstand der lokalen Bevölkerung gegen die Extraktionstätigkeiten nicht immer primär von Bedenken bezüglich der ökologischen Belastungen durch die Rohstoffausbeutung oder der Sehnsucht nach der Bewahrung eines traditionellen, naturverbundenen Lebensstils motiviert. In vielen Fällen liegen die Gründe für die Extraktionskonflikte vielmehr in der Einforderung eines größeren Anteils an den Einnahmen aus der Rohstoffförderung. Sowohl Militanz als auch die Abhaltung von Konsultationen der lokalen Bevölkerung haben sich dabei oft als erfolgreiche Strategien zur Verbesserung der Verhandlungsposition und zur Erhöhung des lokalen Anteils an den Rohstoffeinnahmen erwiesen (Torres 2016; siehe auch den Beitrag von Watts in diesem Band). Weitere wichtige Faktoren für Konflikte um Extraktionsprojekten auf lokaler Ebene liegen in der Anprangerung der Arbeitsbedingungen in der Rohstoffförderung (Benya/
Webster 2013; siehe auch den Beitrag von Pye in diesem Band), der Präferenz für den (meist ebenfalls mit starken Umweltbelastungen einhergehenden) handwerklichen Bergbau (Chambí Mayta 2016; siehe auch die Beiträge von Engels und Ulbrich in diesem Band) oder der Verteidigung historisch persistenter Privilegien der lokalen Mittel- und Oberschicht gegenüber den zu erwartenden massiven sozialstrukturellen Transformationen durch den Bergbau (siehe auch den Beitrag von Peters in diesem Band). Um Missverständnissen vorzubeugen: Diese unterschiedlichen Aspekte sollen keineswegs die Bedeutung ökologischer Bedenken der lokalen Bevölkerung negieren. Es geht vielmehr darum, vermehrt die Vielschichtigkeit der Konfliktkonstellationen und Motivationslagen für die Ablehnung von konkreten Extraktionsprojekten herauszuarbeiten und damit verkürzten oder simplifizierenden Analysen entgegenzuwirken.
Bei der Fallauswahl weist die Forschung zu sozialökologischen Konflikten drittens oft eine Tendenz zu einem selection bias auf. Nicht selten scheint die Auswahl der Fallbeispiele durch politische Sympathie mit den Widerstandsbewegungen begründet zu sein und bisweilen finden sich Anzeichen einer Romantisierung der Naturverbundenheit traditioneller und häufig indigener Gemeinschaften. Eine solche Schwerpunktsetzung der Forschung zu sozialökologischen Konflikten im Rohstoffbereich ist insofern bereichernd, als dass sie die Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm holt und politische Mobilisierungen aktiv begleitet. Gleichzeitig läuft sie jedoch Gefahr, den Blick für Fälle zu verstellen, in denen die Rohstoffausbeutung - trotz immenser sozialökologischer Belastungen - auf weitgehende Zustimmung innerhalb der lokalen oder nationalen Bevölkerung stößt. Dies lässt sich insbesondere dort beobachten, wo eine lange Tradition von Bergbau oder Erdölförderung besteht. Dies hat zur Konsequenz, dass innerhalb der lokalen und/oder nationalen Bevölkerung die Rohstoffextraktion nicht hinterfragt, sondern praktisch als ›natürliche‹ Aktivität wahrgenommen wird. Im Bereich der Erdölförderung lassen sich solche Phänomene an so verschiedenen Orten wie in Kasachstan, Venezuela, den arabischen Golfmonarchien oder dem argentinischen Patagonien beobachten. Die breite Zustimmung der Bevölkerung zur Extraktionstätigkeit liegt dann nicht alleine darin begründet, dass die Rohstoffausbeutung ein zentraler Pfeiler der Wirtschaft ist, sie hat sich zudem zu einem festen Bestandteil der lokalen bzw. nationalen Identität entwickelt (Tinker Salas 2009; Ostrowski 2010; Baeza/Chanampa 2016; Barrionuevo/Peters 2016; Hertog 2016). Hieraus speist sich oft ein tief verankerter "commodity consensus", bei dem anders als bei Svampa (2015) nicht primär ein Regulationsmodell gemeint ist, sondern der die tiefgreifende gesellschaftliche Durchdringung der Rohstoffförderung auf den Punkt bringt.
Alternativen zum Extraktivismus: buen vivir und degrowth
Die mangelnde Nachhaltigkeit rohstoffbasierter Entwicklungsmodelle und die insgesamt zunehmenden sozialökologischen Konflikte um Extraktionsprojekte haben in den vergangenen Jahren vermehrte Reflektionen über Alternativen angestoßen. Auf der Ebene der internationalen Politik verlassen die Reformvorschläge dabei in der Regel jedoch nicht die doxa von Wachstum und Entwicklung. Mit Blick auf die ökologischen Grenzen des westlichen Wirtschafts-, Wachstums- und Gesellschaftsmodells wird gleichwohl zunehmend deutlich, dass eine kritische Diskussion der sozial-ökologischen Konsequenzen von ›Entwicklung‹ erforderlich ist. In diese Richtung bewegen sich jüngere Vorschläge für eine Neubestimmung des Verhältnisses von Umwelt und Entwicklung. Besondere Aufmerksamkeit haben dabei jüngere Debatten über degrowth oder Postwachstumsgesellschaften sowie über das aus Lateinamerika stammende indigene Konzept des ›guten Lebens‹ (buen vivir) erfahren. Beide Ansätze zeichnen sich durch eine konzeptionelle Offenheit aus, die vielfältige Ansatzpunkte anbietet, aber leider auch Gefahr läuft, in Vagheit umzuschlagen. Hinter den genannten Begriffen und Konzepten verbirgt sich eine Vielzahl von widersprüchlichen Ansätzen: So üben sich sowohl Konservative als auch Vertreter der (radikalen) Linken in Wachstumskritik und das ›gute Leben‹ propagieren die Regierungen Ecuadors und Boliviens mit ihren neo-extraktivistischen Entwicklungsstrategien ebenso wie ihre Kritiker aus sozialen und indigenen Bewegungen (Überblick: Hidalgo-Capitán/Cubillo-Guevara 2014; siehe auch den Beitrag von Cortez in diesem Band).
Degrowth-Konzepte zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie sich kritisch gegenüber der dominante Produktions- und Lebensweise des Globalen Nordens positionieren. Dabei werden die auf einem übermäßigen Ressourcenverbrauch, hohen Schadstoffemissionen und einer massiven Abfallerzeugung basierenden Modelle angeprangert und vorgeschlagen, Wohlstand und gesellschaftliche Entwicklung vom Wachstumszwang und damit vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln (Überblick: Muraca 2012; siehe auch den Beitrag von Demaria, Sekulova, Schneider und Martínez-Alier in diesem Band). Diese Überlegungen erhalten mittlerweile eine steigende Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und haben bereits einen produktiven Austausch zwischen Wissenschaft, sozialen Bewegungen und der Politik eingeleitet. Bezugspunkte sind dabei meist die Gesellschaften des Globalen Nordens; Bezüge zum Globalen Süden werden primär als Nullsummenspiel gedacht, in dem eine Seite schrumpfen muss, damit die andere wachsen kann. In seiner entwicklungs- und wachstumskritischen Stoßrichtung fokussiert degrowth zudem stark auf lokale Gesellschaften, kleinteilige regionale Vernetzungen und dezentrale Produktionsbasen sowie oft auch auf Formen direkter Mitbestimmung in der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Sphäre (Latouche 2004). Trotz vielfältiger Vorschläge für Alternativen zum Wachstumsimperativ ist es dieser Bewegung bisher jedoch nicht gelungen, Ansätze zu entwickeln, die nicht primär an Moral und Verzicht derjenigen appellieren, die es sich leisten können, sondern breiten Teilen der Bevölkerung eine attraktive Alternative zum Status quo offerieren. Bedenkt man, dass in vielen Gesellschaften des Globalen Nordens die Prognose "Degrowth by design or desaster" (Victor 2008) von immer breiteren Bevölkerungsgruppen geteilt wird, scheint durchaus Spielraum für eine Neudefinition gesellschaftlicher Entwicklungsleitbilder vorhanden zu sein. Die Herausforderung besteht heute also primär darin, politikfähigen Alternativvorschläge zu entwickeln und ihnen die notwendige Sichtbarkeit zu verschaffen (siehe auch den Beitrag von Burchardt in diesem Band).
Im Globalen Süden entstand mit dem indigenen Konzept des ›guten Lebens‹ (buen vivir, sumak kawsay oder suma qamaña) ein weiterer innovativer Zugang zur sozialökologischen Dimension von Entwicklung. Buen vivir beschreibt eine politisch-philosophische Alternative zu westlichen Entwicklungs- und Modernitätsvorstellungen, die auf der harmonischen Koexistenz von Mensch und Natur basiert. Prinzipiell geht es um ein sinnstiftendes, gemeinschaftsbildendes und kulturell verankertes Verständnis von Mensch-Umwelt-Beziehungen, eine Vorstellung sozialer Beziehungen basierend auf Reziprozität und Solidarität sowie eine Kritik am kolonialen Charakter westlicher Lebensformen und Wachstumsvorstellungen, die Traditionen und lokalem Wissen hohe Bedeutung einräumt (Cortez/Wagner 2013; Hidalgo-Capitán/Cubillo-Guevara 2014). Statt alternative Entwicklungswege zu beschreiten, sollen ›Alternativen zur Entwicklung‹ (Acosta 2015: 70) gefunden werden, in denen mit den Ideen eines immerwährenden Fortschritts sowie der gesellschaftlichen Prosperität durch Wirtschaftswachstum und Naturbeherrschung radikal gebrochen wird.
Gleichzeitig ist das ›gute Leben‹ im Regierungsdiskurs der Andenstaaten Bolivien und Ecuador omnipräsent und wurde hier - ebenso wie die ›Rechte der Natur‹ - sogar in der Verfassung verankert sowie zum Leitbild für verschiedene nationale Entwicklungspläne erhoben (SENPLADES 2013). Diese politische Erfolgsstory des buen vivir wird allerdings dadurch getrübt, dass die politische Praxis den kritischen Impetus als ›Alternative zur Entwicklung‹ entleerte. Die Entwicklungsmodelle Boliviens und Ecuadors basieren auf der Intensivierung der Ausbeutung natürlicher Ressourcen und laufen der Umsetzung der Prinzipien des ›guten Lebens‹ in vielerlei Hinsicht entgegen. Das ›gute Leben‹ wurde in der Regierungspraxis auf die Reduzierung von Armut und Ungleichheit sowie die Ausweitung des Zugangs zu Bildung und Gesundheit durch einen wachstumsgenierenden extraktivistischen Entwicklungsstaat zurechtgestutzt (Unceta Satrustegui 2013; Ranta 2016; Peters 2017).

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