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Tatort Gehirn


Tatort Gehirn

Auf der Suche nach dem Ursprung des Verbrechens
1. Aufl.

von: Hans J. Markowitsch, Werner Siefer

18,99 €

Verlag: Campus Verlag
Format: EPUB
Veröffentl.: 13.08.2007
ISBN/EAN: 9783593403281
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 261

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Hirnforschung ist ein spannendes Feld – hier wird sie zum Krimi: Gibt es den »Fingerabdruck« eines Verbrechens im Gehirn? Neurowissenschaftler gehen dieser Frage auf den Grund und suchen im Gehirn nach dem Ort, an dem Kriminalität entsteht.
In Labors und Gerichtssälen bahnt sich eine Revolution an. Grund dafür ist die kriminalistische Hirnforschung, die mit Forschungsprogrammen und modernster Technik den Ursprung des Verbrechens untersucht. Ob es um Terroristenfahndung oder um neuropsychologische Gerichtsgutachten über Verbrecher geht – die gesellschaftliche Relevanz dieser Hirnforschung ist hoch. Und die ethischen Fragen, die sich aus ihr ergeben, sind gravierend: Lassen sich die neuen Forschungen für die Prävention von Verbrechen nutzen? Sollten wir das tun? Wie und in welchem Ausmaß? Mit vielen spannenden Fallbeispielen ist dieses fesselnde Buch auf dem aktuellen Stand der Forschung.
Inhalt


1.Er kann nicht denken, was er will

2.Die Vermessung des Kopfes

3.Die Physiologie der Wahrheit

4.Über Schmetterlinge im Kopf

5.Ein Verbrechergehirn

6."Sonst schieße ich dich ab!"

7.Aus dem Kernspin vor den Kadi

Literatur

Register
Auf der Suche nach dem Ursprung des Verbrechens
Hans J. Markowitsch ist Professor für Physiologische Psychologie an der Universität Bielefeld und einer der profiliertesten Hirnforscher Deutschlands.
Werner Siefer, Diplom-Biologe, ist Redakteur im Ressort Forschung und Technik des Focus. Eines seiner Spezialgebiete ist die Hirnforschung. Bei Campus veröffentlichte er zusammen mit Christian Weber »Ich.Wie wir uns selbst erfinden« (2006).
Vom Fall des Bösen und dem Aufstieg des Psychischen

Während der Hexenverfolgung im Mittelalter erreichte die Macht des Satans ihren Höhepunkt - natürlich nur in der Vorstellung der Menschen. Die kirchliche Inquisition klagte massenhaft Frauen an, mit dem Teufel im Bund zu stehen sowie Unzucht mit ihm zu treiben, und verbrannte sie zur Strafe auf dem Scheiterhaufen. Wissenschaftler erkennen heute darin alle Anzeichen einer Massenpsychose.
Mit der Aufklärung trat die Vernunft ihren Vormarsch an und die Schlange verlor an Einfluss - sichtbar daran, dass "der Böse" seine Körperlichkeit verlor und zu "dem Bösen" wurde, einem Neutrum. In der zunehmenden Versachlichung der Welt lieferte der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804), berühmt für den kategorischen Imperativ, eine auf Verantwortung basierende Erklärung für die Herkunft allen Übels. Er äußerte, der Ursprung des Bösen liege in der menschlichen Natur begründet. Der Mensch missbrauche seine Freiheit und erhebe aus Eigennutz die Selbstliebe zur Grundlage der Sittengesetze.
Auch wenn Teufelsaustreibungen im katholischen Umfeld weiterhin vorkommen, auch wenn Despoten und Diktatoren wie Idi Amin, Pol Pot, Pinochet oder Hitler als Inbegriff des Bösen gelten - in der Wissenschaft spielt der Begriff des Bösen keine Rolle mehr, auch nicht im Strafrecht. Kein Mensch ist mehr böse, höchstens eine Tat ist es. Und die Ursachen für ein Leiden oder ein Fehlverhalten suchen Wissenschaft und Gesellschaft zusehends im Gehirn. Das lässt sich auf Franz Gall (1758-1828) zurückführen. Er vertrat die Auffassung, dass die Talente eines Menschen an seinem Schädel erkennbar wären - eine Fehllehre, die unter dem Namen Phrenologie bekannt wurde und für die er belächelt wurde und wird. Gall war aber der Erste, der die Wesenszüge des Menschen im Gehirn ansiedelte.
Der Aufstieg des Psychischen verknüpft sich mit dem bizarren Unfall eines amerikanischen Gleisarbeiters im Jahr 1848. Eine rund ein Meter lange Eisenstange schoss Phineas Gage infolge einer Explosion durch den Kopf. Der Unglückliche überlebte, doch aus einem verantwortungsbewussten, verlässlichen und respektierten Vorarbeiter war ein aufbrausender, von seinen Instinkten gesteuerter Mensch geworden. Die Wesensänderung des Phineas Gage vom Guten zum Schlechten erregte das Interesse von Ärzten, Psychologen und Hirnforschern. Rund 60 Prozent aller einführenden Bücher zur Psychologie berichten noch heute von dem seltsamen Unglück. Erstmals existierten hier deutliche Belege dafür, dass bestimmte Regionen im Gehirn das soziale Verhalten steuern. Werden sie zerstört, wie bei Gage, so ist es mit der Verträglichkeit des Betroffenen dahin - wenn er auch nicht gleich zum Verbrecher werden muss.
Gages Fall einer erworbenen Soziopathie, so der Fachausdruck, ist historisch - doch es verbinden sich damit eine Reihe von hochaktuellen und brisanten Fragen: Liegen die eigentlichen Ursachen von Gewaltverbrechen im Gehirn? Ist unser Vermögen, das Gute und das Schlechte zu erkennen und entsprechend zu handeln, in den Schaltkreisen von Nervenzellen kodiert? Kann eine mehr oder minder ausgeprägte Fehlfunktion in den Neuronen-Netzwerken das fein austarierte Gleichgewicht sozialen Verhaltens zerstören und den Menschen im besten Fall zu einem Außenseiter, im schlimmsten zu einer Bestie, die kein Mitgefühl kennt, machen?
Die Antwort lautet: ja! Neurowissenschaftler haben faszinierende und sehr eindeutige Zusammenhänge darüber zusammengetragen, wie die Schädigung mancher Regionen des Gehirns, Fehlfunktionen des Stoffwechsels oder aus der Balance geratene Botenstoffe zu psychischen Symptomen führen können, die Persönlichkeitsveränderungen bis hin zum Serienmörder begünstigen. Die Spurensuche wird erleichtert durch neue Techniken, die es erlauben, einem Menschen ins Gehirn zu schauen. In den Jahrhunderten zuvor war dies Sache der Pathologen, die nach dem Ableben einer Person das Gehirn sezierten, um Hinweise auf Genialität oder Schädigungen zu entdecken. Heute gewinnen Neurowissenschaftler mithilfe von Durchleuchtungsverfahren einzigartige Einblicke in Denkprozesse und ihre Störungen, und zwar am lebenden Menschen und bei einzelnen Individuen.
Es geht hier also nicht um den Sexualtäter oder den Gewaltmörder, wie er als abstrakter Fall in theoretischen Diskussionen meist herhalten muss. Es geht um einzelne Schicksale von Mördern, Totschlägern, Sexualverbrechern, Vergewaltigern, Simulanten, Räubern, Betrügern und deren Opfern. Um Menschen aus so-zialen Brennpunkten, die mit Gewalt und Misshandlung aufwuchsen und nie die Chance hatten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Zusammen mit den zahlreichen, zum Teil selbst erlebten Fallbeispielen, die wir hier schildern werden, verdichten sich diese Schicksale zu einer statistisch abgesicherten Gewissheit: Für Kapitalverbrecher oder solche, die eine regelrechte Verbrecherlaufbahn eingeschlagen haben, findet sich fast immer ein hirnbiologischer Hintergrund. Verbrecher sind, mit anderen Worten, nicht normal. Das mag mancher vermutet haben, aber wie andersartig sie sind, das lässt sich in der Gesamtheit und im Einzelfall immer besser belegen.

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