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Splitter von Licht und Nacht


Splitter von Licht und Nacht

Jiddische Gedichte: Anna Margolin, Kadja Molodowsky, Malka Heifetz Tussman und Rochl Korn
Campus Judaica, Band 28 1. Aufl.

von: Anna Margolin, Kadja Molodowsky, Malka Heifetz Tussman, Rochl Korn, Peter Comans

30,99 €

Verlag: Campus Verlag
Format: PDF
Veröffentl.: 20.06.2013
ISBN/EAN: 9783593419640
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 452

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Ihre Gedichte sind Brücken aus Papier: Brücken zwischen Osteuropa und Amerika, Brücken in die Zeit vor der Shoah, Brücken aus der Tradition in die Moderne. Die vier Dichterinnen, deren Werke in diesem Band präsentiert sind, wurden Ende des 19. Jahrhunderts geboren. Sie wuchsen auf in der reichen Kultur des jiddischen Osteuropa und erlebten die turbulenten Jahrzehnte der Emanzipation als Frauen und als Jüdinnen. Sie wanderten aus in die Neue Welt und wurden durch die Shoah ihrer europäischen Wurzeln beraubt. Trotz dieser Gemeinsamkeiten hatten sie eine sehr unterschiedliche Sicht auf die Welt und fassten ihre Erfahrungen in Gedichte, die einen lyrischen Dialog ergeben, einen Austausch zwischen vier Frauen mit ähnlichem Hintergrund, aber sehr eigenen Persönlichkeiten. Ein faszinierender Blick in eine vergangene Welt, die in den Gedichten zu neuem Leben erwacht.

Anna Margolin (1887–1952), Kadja Molodowsky (1894–1975), Malka Heifetz Tussman (1896–1987) und Rochl Korn (1898–1982) gelten im englischsprachigen Raum als die wichtigsten Vertreterinnen jiddischer Lyrik. Übersetzt und herausgegeben von Peter Comans, der bereits als Übersetzer Abraham Sutzkevers hervorgetreten ist, präsentiert der Band erstmals eine Auswahl ihrer Gedichte in deutscher Sprache.
Inhalt (jiddish)

Ana Margolin

Lider (Nju-Jork, 1929)

Ich bin gewen a mol a jingling
Portret
Majn shtam redt
A shtot bajm jam
Majn hejm
Langzam un lichtik
Wiolinen
Ful mit nacht un gewejn
»Gewen iz efsher dos majn glik …«
»Nejn, gornit zogn …«
»Uralte merderin nacht …«
»Ich hob nit gewust, majn liber …«
Shlanke shifn
Di nacht iz arajn in majn hojz
Hart harts
Epitaf
Shejne werter fun marmor un gold
Harbst [»In hejsn sharfn glants fun tifn wildn gortn …«]
Far nacht
Harbst [»Der tser fun fargejn …«]
Shnej
Ades
Mejdlech in Krotona Park
Finfte ewenju, far nacht
Tojern
Dos shtoltse lid
Tojt-mid fun der last fun a cholem
Blojz ejn lid
Tsu Frants Werfel
Af a balkon

[1932]

Shiker fun bitern emes

Kadje Molodowski

Cheshwndike necht (Wilne, 1927)

Frojen-lider
I Es weln di frojen fun unzer mishpoche …
II Tsu dem wel ich kumen …
III Amol iz a shtejnerner trep azoj zis wi a kishn …
IV Dem shpigl muz ich opkern …
V Lang un mild zenen di tamez-owike baginens …
VI Far kales oreme wos zenen dinst mejdlech gewen …
VII In necht azojne frilingdike do …
VIII In necht wen ich bin wach …
fun: Opgeshite bleter
I Werter opgeshite – opgeshite bleter …
X Es hot zich itster winter-tsajt farshmekt mir …
XI For ich mit der ban af majrew …
fun: In blojen baginen
VI S’faln tropns fun majn dach …
fun: Oreme wajber
VII Es hengt noch alts dos bild fun Mojshe Montefjori …

Dzhike-gas (Warshe, 1933)

Dzhike-gas
Majn papirene brik
Iz majn shtub den a shif
Januar
fun: In grinem bojm ligt grojer ash
A lid tsu majn klejder-shank

Frejdke (Warshe, 1935)

Majn shlep-shif

In land fun majn gebejn (Shikage, 1937)

Un doch …
Wen kejner ruft mich nisht
Der wajser karshnbojm
Ojsjes
A benkl awekgeshtelt tsukopns

Der mejlech Dowid alejn iz geblibn (Nju-Jork, 1946)

Ejl chanun
A briw tsu Eljohu hanovi
Briw fun geto
A lid wegn zich
Tsu a kinds portret
Nacht
Tojter shabes
Der mejlech Dowid alejn iz geblibn
Es kumen nit mer kejn briw
A tfile
Majne kinder
In shtal fun lebn

[1958]
Wen s’bliakewet majn ojg
Majne »foterlender«

Licht fun dornbojm (Buenos-Ajres, 1965)

Af majn dorn blit a rojz
On werter
Mir zenen itst shojn wi tswej groje tojbn
Ajzerner cholem
Majn shprach
Ich derrojcher majn sigaret
Libshaft
Ich bin a widerkol
Bletlech

Malke Chejfets Tuzman

Lider (Los Andzheles, 1949)

Mit tsejn in erd
Mit dir, mentsh
Wi zindik ich bin
Zun un regn
Wi azoj bistu klug geworn, mame
Gebundn
Umetik un gut

Mild majn wild (Los Andzheles, 1958)

Firiber
Knechtshaft
Erdtsiternish
Klugshaft

Shotns fun gedenken (Tel-Aviv, 1965)

Zolst lib hobn
Waser on loshn
A mum
Wi dos shulechl
Hachnoedike sho
In a shprots af tog
Opnejg
Shotns fun gedenken

Bleter faln nit (Tel-Aviv, 1972)

Jisroel-brojt
Dich gezen tswishn bejmer
Wen Brochele iz krank geworn
Duner majn bruder
Majn shwester
Cholile
Hert uf
A naketer frimorgn
Bleter

Unter dajn tsejchn (Tel-Aviv, 1974)

Efn di towlen
Letster epl
Tsu Jerusholaim
fun: Almoneshaft
Werter-went
Fun a briw tsu Marsha

Hajnt iz ejbik (Tel-Aviv, 1977)

Bahit
Tseloches
Arojs un arajn
Majn mes-les
Tsu Rochl Korn
Bloe blikn
Shejn wi di welt
Nasturtsjes

[1981]
Biterbrojt
A briw un an entfer

Un ich shmejchl (nit dershinen, 1985)

Genarnitse

Rochl Korn

Dorf (Wilne, 1928)

Ch’bin durchgewejkt mit dir
Shtikerajen
Lejwe
Berls ku
Di alte Hanke

Rojter mon (Warshe, 1937)

A briw
Wi berezes wajse –
A lid fun nechtn
fun: Farwjaneter friling
Majne hent
Papirene rojzn

Hejm un hejmlozikejt (Buenos-Ajres, 1948)

In weg
Majn mame dawnt hajnt
Pamirer berg
Tsu majn tochter
Ch’wil tsugejn amol

Bashertkejt (Montreal, 1949)

Af di treplech fun wagon
A briw fun Uzbekistan
Es iz majn hant-gelenk –
A naj klejd
Kejner wejst es nisht
Dojres

Fun jener zajt lid (Tel-Aviv, 1962)

Fun jener zajt lid
Ch’hob hajnt bajnacht
Pejsechdike nacht
Alts wos iz ejnzam
Durch der kargshaft fun gojrl

Di gnod fun wort (Tel-Aviv, 1968)

Zog zich nisht op fun mir
Di ershte shure fun a lid
Shwajg mich arajn
Kalt iz mir, majn mame
Fun danen biz ahin
Artur Zigelbojm
Bloe neplen

Af der sharf fun a rege (Tel-Aviv, 1972)

Ale wistenishn
A farnacht bajm jam
Harbstiker etjud
Bagegenish
Ch’shrajb on a shure

Farbitene wor (Tel-Aviv, 1977)

Wi hostu mich farshemt
Ch’wel mitnemen



Inhalt (deutsch)

Anna Margolin

Gedichte (New York, 1929)

Ich war vor langer Zeit ein Jüngling
Porträt
Mein Volk spricht
Eine Stadt am Meer
Mein Zuhause
Langsam und lichthell
Violinen
Erfüllt von Nacht und Weinen
»Vielleicht war das mein Glück …«
»Nein, gar nichts sagen …«
»Uralte Mörderin Nacht …«
»Ich habe nicht gewusst, mein Lieber …«
Schlanke Schiffe
Die Nacht ist herein in mein Haus
Hartes Herz
Epitaph
Schöne Wörter aus Marmor und Gold
Herbst [»Im heißen, scharfen Glanz des tiefen, wilden Gartens …«]
Abend
Herbst [»Die Trauer des Vergehens …«]
Schnee
Odessa
Mädchen im Crotona-Park
Fünfte Avenue, am Abend
Tore
Das stolze Gedicht
Zu Tode erschöpft von der Last eines Traumes
Nur ein einziges Lied
An Franz Werfel
Auf einem Balkon

[1932]

Trunken von bitterer Wahrheit

Kadja Molodowsky

Cheshwn-Nächte (Wilna, 1927)

Frauengedichte
I Es werden die Frauen aus unsrer Familie …
II Zu dem werd ich kommen …
III Eine steinerne Treppe ist manchmal so süß wie ein Kissen …
IV Den Spiegel muss ich wegdrehen zur Wand …
V Lang und milde ist die Morgendämmerung im Tames und im Ow …
VI Für arme Bräute, wenn sie Dienstmägde gewesen …
VII Es ist in Nächten frühlingslind wie dieser ...
VIII In Nächten wenn ich wach bin …
aus: Abgefallne Blätter
I Wörter, die ich ausgesprochen – abgefallne Blätter …
X Jetzt, in der Winterzeit, verspür ich ein Verlangen …
XI Ich fahr mit der Bahn nach Westen …
aus: In der blauen Morgendämmerung
VI Regen tropft von meinem Dach …
aus: Arme Frauen
VII Noch immer hängt das Bild des Moses Montefiori …

Dzhike-Straße (Warschau, 1933)

Dzhike-Straße
Meine papierene Brücke
So ist mein Zimmer denn ein Schiff
Januar
aus: Auf dem grünen Baum liegt graue Asche
Ein Gedicht an meinen Kleiderschrank

Frejdke (Warschau, 1935)

Mein Schleppschiff

Im Land meiner Gebeine (Chicago, 1937)

Und doch …
Wenn niemand mich ruft
Der weiße Kirschbaum
Schriftzeichen
Ein Schemel, an das Kopfende gestellt

Der König David allein ist geblieben (New York, 1946)

Gnädiger Gott
Ein Brief an den Propheten Elijah
Briefe aus dem Ghetto
Ein Gedicht über sich selbst
An ein Kinderbild
Nacht
Toter Schabbes
Der König David allein ist geblieben
Es kommen keine Briefe mehr
Ein Gebet
Meine Kinder
Im Stall des Lebens

[1958]

Verliert einmal mein Auge seinen Glanz
Meine »Vaterländer«

Licht vom Dornbaum (Buenos Aires, 1965)

Auf meinem Dorn blüht eine Rose
Ohne Wörter
Wir sind inzwischen wie zwei graue Tauben
Eisentraum
Meine Sprache
Ich rauche meine Zigarette
Liebe
Ich bin ein Nachhall
Blätter

Malka Heifetz Tussman

Gedichte (Los Angeles, 1949)

Mit den Zähnen in der Erde
Mit dir, Mensch
Wie sündig ich bin
Sonne und Regen
Wie bist du weise geworden, Mame
Gebunden
Schwermütig und gut

Mild mein Wild (Los Angeles, 1958)

Störe
Knechtschaft
Erdbeben
Weisheit

Schatten der Erinnerung (Tel Aviv, 1965)

Sollst lieben
Wasser ohne Sprache
Ein Makel
Wie die kleine Synagoge
Stunde der Demut
In aller Frühe
Eskapade
Schatten der Erinnerung

Blätter fallen nicht (Tel Aviv, 1972)

Israel-Brot
Dich gesehen bei den Bäumen
Als Brochele krank war
Donner mein Bruder
Meine Schwester
Nein bloß nicht
Schluss damit
Ein nackter Morgen
Blätter

Unter deinem Zeichen (Tel Aviv, 1974)

Öffne den Buchdeckel
Letzter Apfel
An Jerusalem
aus: Witwenschaft
Wörter-Wände
Aus einem Brief an Marcia

Heut ist ewig (Tel Aviv, 1977)

Steh mir bei
Zum Trotz
Hinaus und herein
Mein Tageslauf
An Rochl Korn
Blaue Blicke
Schön wie die Welt
›Nasturtsjes‹

[1981]

Bitterbrot
Ein Brief und eine Antwort

Und ich lächle (unveröffentlicht, 1985)

Schwindlerin

Rochl Korn

Dorf (Wilna, 1928)

Ich bin durchtränkt mit dir
Stickereien
Lejwe
Berls Kuh
Die alte Hanka

Roter Mohn (Warschau, 1937)

Ein Brief
Wie weiße Birken …
Ein Gedicht von gestern
aus: Verwelkter Frühling
Meine Hände
Papierne Rosen

Heimat und Heimatlosigkeit (Buenos Aires, 1948)

Unterwegs
Heute betet meine Mutter
Pamirgebirge
Meiner Tochter
Ich möchte manchmal hingehn

Schicksal (Montreal, 1949)

Auf dem Trittbrett des Wagons
Ein Brief aus Usbekistan
Mein Handgelenk
Ein neues Kleid
Keiner weiß es ja
Generationen

Jenseits des Gedichts (Tel Aviv, 1962)

Jenseits des Gedichts
Heute Nacht
Die Nacht vor Pejsech
Alles was einsam ist
Die Kleinlichkeit des Schicksals

Die Gnade des Wortes (Tel Aviv, 1968)

Sag Dich nicht los von mir
Die erste Zeile eines Gedichtes
Schweig mich hinein
Kalt ist mir, meine Mame
Von hier nach dort
Artur Ziegelboim
Blaue Nebel

Auf der Schneide eines Augenblickes (Tel Aviv, 1972)

Alle Wüsten
Ein Abend an der See
Herbstliche Etüde
Begegnung
Ich schreibe eine Zeile hin

Vertauschte Wirklichkeit (Tel Aviv, 1977)

Wie hast Du mich beschämt
Mitnehmen will ich


Sag ganz laut: Ich! Ich bin! – Vier jiddische Dichterinnen
Anmerkungen zu den Gedichten
Zur Transkription aus dem Jiddischen
Dank
Bibliographie
Jiddische Gedichte als Brücken in eine vergangene Welt
Anna Margolin (1887–1952), Kadja Molodowsky (1894–1975), Malka Heifetz Tussman (1896–1987) und Rochl Korn (1898–1982) gelten im englischsprachigen Raum als die wichtigsten Vertreterinnen jiddischer Lyrik. Übersetzt und herausgegeben von Peter Comans, der bereits als Übersetzer Abraham Sutzkevers hervorgetreten ist, präsentiert der Band erstmals eine Auswahl ihrer Gedichte in deutscher Sprache.
Fun jener zajt lid (Tel-Aviv, 1962)

Fun jener zajt lid

Fun jener zajt lid iz a sod faran
un in sod a hojz mit a shtrojenem dach –
es shtejen draj sosnes un shwajgn zich ojs,
draj shomrim af shtendiker wach.

Fun jener zajt lid iz a fojgl faran,
a fojgl brojn-gel mit a rojtlecher brust,
er kumt dort tsu flien jedn winter afsnaj
un hengt, wi a knosp af dem naketn kust.

Fun jener zajt lid iz a stezhke faran,
azoj shmol un sharf, wi der din-dinster shnit,
un emets, wos hot zich farblondzhet in tsajt,
gejt dort um mit shtile un borwese trit.

Fun jener zajt lid kenen wunder geshen
noch hajnt, in a tog, wos iz chmarne un gro,
wen er dejfekt arajn in dem gloz fun der shojb
di tsefiberte benkshaft fun a wundiker sho.

Fun jener zajt lid ken majn mame arojs,
un shtejn af der shwel a wajle fartracht
un mich rufn ahejm, wi a mol, wi a mol:
– Genug zich geshpilt shojn, du zest nisht? S’iz nacht.


Jenseits des Gedichts (Tel Aviv, 1962)

Jenseits des Gedichtes

Jenseits des Gedichts ist ein Obsthain ganz nah
und im Obsthain ein Haus, das ist strohüberdacht,
und es stehen drei Kiefern und schweigen sich aus
wie drei Wächter auf ständiger Wacht.


Jenseits des Gedichts ist ein Vogel ganz nah,
ein Vogel braungelb und mit rötlichem Bauch,
und er kommt jeden Winter aufs Neue geflogen,
eine Knospe, so hängt er im blattlosen Strauch.

Jenseits des Gedichts ist ein Saumpfad ganz nah,
er ist schmal, zieht sich fein wie der dünn-dünnste Schnitt.
Jemand geht dort, verirrt und verloren in Zeit,
wandelt barfuß vorüber mit lautlosem Tritt.

Jenseits des Gedichts können Wunder geschehn,
selbst im Grau dieses Tages, ganz wolkenverhangen,
wenn er wieder und wieder aufs Fensterglas haucht
einer schmerzlichen Stunde entflammtes Verlangen.

Jenseits des Gedichts steht vielleicht meine Mutter
auf der Schwelle noch lang, hat an etwas gedacht,
und sie ruft mich nach Hause, wie einst, so wie einst:
»Hast genug jetzt gespielt. Siehst du nicht? Es ist Nacht.«


Ch’hob hajnt bajnacht

Ch’hob hajnt bajnacht gefilt a lid af majne lipn –
es iz gewezn wi a pejre zaftik-zis un harb,
nor es iz ojsgerunen in majn blut bajm togs bagin,
un s’gejen mir blojz noch zajn rejech un zajn farb.

Zajn shtiln tsiter her ich alts in shtamlenish fun zachn,
wos hobn durch dem lid gezolt nisgale wern;
zej shtejen itst farlozte, mit farmachte hertser,
un s’ken zej mer nisht efenen kejn betn un bashwern.

S’wejnt mit farfritn tojt in mir ajeder ejwer,
un s’iz majn kop gebojgn owldik tsu dr’erd;
es hot mich Got gerufn banajen dem berejshes,
un ich – ich hob zajn shtim farfelt un nisht derhert.

Farwjanet iz der tog shojn in zajn frister sho,
un in majn hant akoredik welkt s’wajse blat papir –
s’hot mit a chmare Got farshtelt far mir zajn ponem,
un wi a fremde shtej ich itst baj majn farshemter tir.


Heute Nacht

Ich spürte heute Nacht auf meinen Lippen ein Gedicht,
es war wie eine Frucht, so eine saftig-süße und doch herbe,
jedoch zerrann es mir im Blut, kaum dass der Tag begann,
und seither gehen mir noch nach sein Duft und seine Farbe.

Ich hör sein Zittern immerzu in Dingen, die nur stammeln,
die ihre Offenbarung im Gedicht gefunden hätten.
Jetzt stehen sie verlassen, zugesperrt die Herzen,
und öffnen kann sie nichts, kein Bitten und kein Betteln.

Es weint um diesen frühen Tod in allen meinen Gliedern,
ich beug mein Haupt zur Erde, von der Trauer Last beschwert.
Mich hatte Gott berufen, seine Schöpfung zu erneuern,
und ich, ich habe seinen Ruf versäumt und nicht gehört.

Der Tag ist fahl geworden schon in seiner frühsten Stunde,
und unfruchtbar verwelkt in meiner Hand das weiße Blatt Papier.
Gott hält vor mir sein Angesicht verborgen hinter einer Wolke,
und ich steh da wie eine Fremde, eine Schmach für meine Tür.


Pejsechdike nacht

Ch’ken nisht ufshtejn fun bet
un efenen far dir
di tir.

Majne kuljes
ongeshpart on der want,
wi gezotlte ferd,
wartn, az emetsens hant
zol tsufirn zej tsu mir.

Ch’bin fremd geworn der erd,
un der himl
iz mir tsugetejlt azoj karg,
ot, wifl es nemt blojz arum
di ejntsike shojb in der want.

Ch’ken nor zen, wi lewone rajst wolkns af shtiker
un bet ojs di wegn
far dir.

Eljohu hanowi –
nisht ongefilt dem kos
un nisht dem tish gegrejt,
nor sajwi darfstu kumen hajnt tsu mir
in der nachtiker sho,
wajl wer ojb nisht du?

Un afile ojch dan,
wen s’hobn mentshn dich blojz ojsgetracht,
un dich geshikt af wander-wegn wajte
az du zolst zej farbajtn
dem trojer fun nacht
af a kos mit tsefinkltn wajn –
muzstu kumen tsu mir,
ot bald,
un barirn mit dajn ojsgeshtrekter hant
di kuljes, wos shtejen ongeshpart on der want,
un chalojmes ojs zejer ejgene kindhejt
in a zumerdik-tsegrintn wajtn wald.


Die Nacht vor Pejsech

Ich kann nicht aufstehen aus meinem Bett,
um dir
zu öffnen die Tür.

Meine Krücken,
gelehnt an die Wand,
warten wie gesattelte Pferde,
dass jemandes Hand
sie herführt zu mir.

Ich bin entfremdet der Erde,

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