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Raumplanung nach 1945


Raumplanung nach 1945

Kontinuitäten und Neuanfänge in der Bundesrepublik Deutschland
1. Aufl.

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Raumplanung und Raumforschung sind bislang in Deutschland, vor allem für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, nur ungenügend historisch aufbereitet. Wie viele andere Innovationen setzten sie sich in Deutschland aber erst nach 1945 dauerhaft durch – als Teil eines verwissenschaftlichten Konsenses zur Modernisierung, Rationalisierung und Demokratisierung der Gesellschaft, der zunächst zu oft die
Verbindungen zu den auch völkischen Wurzeln der Ordnung ausblendete. Der Band schließt somit nicht nur eine Lücke der Forschung, sondern setzt auch die Aufarbeitung eines wichtigen Stücks deutscher Nachkriegsgeschichte fort.
Inhalt
Vorwort und ein persönlicher Dank (Detlef Briesen und Wendelin Strubelt)9

Zwischen Kontinuität und Neubeginn: Räumliche Planung und Forschung vor und nach 1945 (Detlef Briesen und Wendelin Strubelt) 15

I. Der Wandel der Raumplanung 1940 bis 1980: Historische Bilanzen

Konzepte und Modelle zur Gestaltung des Planungsprozesses (Erika Spiegel)
Wendelin Strubelt, Dr. rer. pol, war Vizepräsident und Professor des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung. Detlef Briesen, PD Dr. phil., ist Dozent für Zeitgeschichte an der Universität Gießen.
Vorwort und ein persönlicher Dank

1.
Habent sua fata libelli - nicht nur Bücher haben ihre eigene Geschichte, sondern auch das Entdecken von Themen, Themenfeldern. Die Einsicht in die Wichtigkeit der Verbindung von Analysen der gegenwärtigen räumlichen Entwicklungen der Gesellschaft mit Analysen der historischen Entwicklungen von Räumen, Regionen und Städten, nicht zuletzt um aus der Vergangenheit die Gegenwart besser zu verstehen, verdanke ich einer Kritik von Jürgen Reulecke. Er kritisierte im Rahmen einer Veranstaltung der damaligen Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung (BfLR) unsere Beschränkung auf empirische Analysen der räumlichen Entwicklung der Bundesrepublik, trotz ihrer analytisch breiten Basis beruhend auf Statistiken über viele gesellschaftliche Sektoren mithilfe der Laufenden Raumbeobachtung. In der Vernachlässigung von Analysen des historischen Herkommens und der Entwicklung des jeweils gegenwärtig ablaufenden räumlichen Geschehens sah Reulecke Gefahren, wenn nicht gar gravierende Defizite für ein wirkliches Verstehen räumlicher Entwicklungen.
Aus dieser Kritik entstand der gemeinsame Wunsch, historische Entwicklungen und Erträge der Geschichtswissenschaft stärker mit gegenwärtiger Raumforschung zu verbinden. Eine Frucht dieser Idee waren zwei Hefte der "Informationen zur Raumentwicklung", die sich diesem thematischen Zusammenhang stellten. Hier entstand auch die Zusammenarbeit zwischen Detlef Briesen und mir, die bis heute anhält. Sein wissenschaftliches Interesse an einer Zusammenarbeit mit mir als einem "Raumwissenschaftler" ist maßgeblich dadurch geprägt, dass die heutige Zeitgeschichte vor deutlich anderen methodischen und heuristischen Herausforderungen steht als die Erforschung weiter zurückliegender Epochen: Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs stehen große Mengen von zeitgenössischer Forschung zu allen Themenkomplexen zur Verfügung, mit denen sich eine theoriegeleitete Geschichtswissenschaft befassen kann. Außerdem spielt das durch die zeitgenössischen Wissenschaften jeweils akkumulierte Wissen eine viel größere Rolle für die gesellschaftliche Entwicklung der Jahre seit dem Zweiten Weltkrieg als jemals zuvor. Eine Zeitgeschichte auf entsprechendem Niveau ist ohne intensive Befassung mit den jeweiligen zeitgenössischen Fachwissenschaften kaum noch möglich. Die Zeitgeschichte muss daher neue Wege einschlagen und den Dialog mit den Fachdisziplinen suchen, wenn sie sich auch weiterhin und kompetent mit den gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte befassen will. Ansonsten setzt sie sich der Problematik aus, mit großem Aufwand empirische Studien zu betreiben, die es längst gibt.

2.
Zuvor war ich bereits auf die Vergangenheit von Raumforschung und Raumordnung gestoßen, nämlich als ich 1981 mit der Leitung der BfLR auch die Mitverantwortung - zusammen mit der ARL - für die Heraus-gabe der gleichnamigen Zeitschrift übernommen hatte. Deren fortlaufen-des Erscheinen seit 1936 führte auf historische Ursprünge zurück, die auf eine eher dunkle Vergangenheit schließen ließen. Ich stellte eine Anfrage an den Präsidenten der ARL, ob wir nicht das Jahr 1985 - das fünfzigjährige "Jubiläum" der Gründung der Reichsstelle für Raumordnung - kritisch begehen sollten, gewissermaßen um an die gemeinsame dunkle Seite der institutionellen Vergangenheit aufarbeitend zu erinnern. Er ging auf diese Anregung nicht ein, indem er mich wissen ließ, dass noch zu viele aus der damaligen Zeit lebten.
In der Folgezeit standen für mich andere Themen und historische Er-eignisse - die Folgen für Stadt- und Raumentwicklung durch die voran-schreitende europäische Integration und insbesondere durch die deutsche Wiedervereinigung - im Vordergrund.
Außerhalb unserer Institutionen erschienen jedoch immer mehr Studien, viele Dissertationen, die sich mit der Thematik der "braunen Vergangenheit" von Institutionen und Personen aus Wissenschaft und Planung beschäftigten. Dies gipfelte in der Ausstellung und dem begleitenden Katalog, mit denen die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die Aufarbeitung ihrer Forschungsförderung im Dritten Reich begann, nämlich im Bereich der Raumforschung.
Ich war deshalb sehr dankbar, dass die ARL diesen Anstoß aufnahm und, initiiert durch Heinrich Mäding, eine Tagung zur nationalsozialistischen Vergangenheit von Raumforschung und Raumplanung durchführte, die auch vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), in dem die BfLR aufgegangen war, mitgetragen wurde. Obwohl nun schon fast keine Verantwortlichen aus der Vergangenheit mehr lebten, blieb auch diese Tagung, besonders weil sie sich mit einigen Wissenschaftlern beschäftige, die vor und nach 1945 in Deutschland an maßgeblicher Stelle "mitgewirkt" hatten, nicht ohne Kritik. Diese wurde nun von den akademischen Schülern dieser Personen vorgetragen. Wen erinnert das nicht an das Bibelwort der Schuld - wie auch immer betroffen - bis ins dritte, vierte Glied. Diesmal jedoch als Versuch, vermeintliche Unschuld zu behaupten oder zu retten!
Der Versuch von Detlef Briesen und mir, den Anstoß dieser Tagung zu nutzen, um mit Mitteln der DFG eine breitere Förderung solcher Forschungen durch einen Schwerpunk zu ermöglichen, scheiterte leider - vermutlich, weil wir quer zu den fachlichen Schwerpunkten und Perspektiven von Planungswissenschaftlern und Geschichtswissenschaft lagen.

3.
Umso erfreuter waren wir, dass die ARL unsere Anregung aufnahm, das Thema der Vergangenheit von Raumforschung und Raumordnung, nun jedoch zugespitzt auf die Entwicklung nach 1945 - was jedoch nicht ohne Berücksichtigung der Vorgänge vor 1945 geschehen konnte -, erneut aufzunehmen. So konnten wir im April 2014 in Bonn die Tagung durchführen, die die Basis für dieses Buch ist. Insbesondere dem früheren Präsidenten der ARL, Bernhard Heinrichs, gilt unser Dank dafür, dass er diese Tagung ermöglicht hat. Dankbar erinnern wir uns auch an die vorbereitenden und abstimmenden Treffen mit Hans Heinrich Blotevogel und Jürgen Reulecke.
Herzlich danken möchten wir allen, die an der Tagung selbst teilgenommen haben, insbesondere den Begrüßenden, den Vortragenden und den Moderierenden. Ihre Namen finden Sie in dem Programm, das hier abgedruckt ist. Vonseiten der Geschäftsstelle der ARL wurde die Tagung von Andreas Stefansky, Kathrin Kube und Angélique Griguhn organisatorisch vorbereitet und betreut - dafür herzlichen Dank.
Danken möchten wir der ARL auch dafür, dass sie es mit einer finanziellen Förderung ermöglicht hat, aus dieser Tagung das Buch zu entwickeln, das Sie jetzt in den Händen halten. Alle,
- die ARL, die das Lektorat (Cornelia Maria Hein und Heike Wegner) und den Satz der Manuskripte (Kathrin Kube) übernommen hat,
- der Verlag, der für Design und Layout verantwortlich zeichnet,
- die Autorinnen und Autoren, die ihre Manuskripte für die Veröffentli-chung überarbeitet haben, sowie
- die Herausgeber, die alles noch einmal lasen und redigierten,
haben sich große Mühe gegeben, ein Buch entstehen zu lassen, das von Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, hoffentlich positiv aufgenommen wird. Last not least danke ich Jürgen Hohmuth, ZEITORT Berlin, für die Bereitstellung der Fotos auf dem Umschlag des Buches.
Da wir weiter an dem Thema dranbleiben wollen, nicht zuletzt erwei-tert um europäische Vergleiche, wären wir für Kritik und Anregungen sehr dankbar.
Bonn, im Juni 2015


Zwischen Kontinuität und Neubeginn: Räumliche Planung und Forschung vor und nach 1945
Detlef Briesen, Wendelin Strubelt

Dieser Band präsentiert die wichtigsten Ergebnisse unserer Tagung "Räumliche Planung und Forschung nach 1945 - zwischen Technokratie und Demokratie", die im April 2014 in Bonn stattfand. Sie hatte, wie im Titel explizit zum Ausdruck gebracht, nicht das Ziel, eine Aufarbeitung der Vergangenheit von Raumforschung und Raumordnung in der NS-Zeit zu leisten. Wir wollten vielmehr schwerpunktmäßig der Frage nachgehen, wie sich aus dem 1945 insgesamt zur Disposition gestellten "deutschen Sonderweg" (ob dieser nun Leitbild, politisches oder konzipiertes Wunschbild bzw. ideologische Untermauerung einer geopolitischen Perspektive oder Realität war, sei hier dahingestellt) und damit aus den Trümmern nicht allein der nationalsozialistischen Polykratie, sondern des gesamten autoritär-völkischen Erbes nach 1945 ein demokratisches System entwickelt hat.
Wir fragten, wie innerhalb eines hochdynamischen Zeitraums, in den Jahren zwischen der Kapitulation der Wehrmacht und dem Ende der 1970er Jahre, Raumforschung und Raumordnung zu verorten sind. Beide Bereiche interessierten uns somit vorrangig als Indikatoren und als Faktoren für den tiefgehenden gesellschaftlichen und politischen Wandel in Westdeutschland, der sich zwischen dem Zusammenbruch des "Dritten Reichs" und der zweiten Ölkrise zugetragen hat.

Räumliche Planung und Forschung vor 1945
Sich mit räumlicher Planung und Forschung nach 1945 zu befassen, lenkt jedoch eingangs, zwangsläufig, den Blick auf die Zeit vor 1945. Zu belastet und zu eng mit dem NS-Staat verwoben war beides bis dahin. Die führenden Planer und Forscher der NS-Zeit versuchten sich nicht nur an der völkisch-autoritären Neuordnung des Deutschen Reiches. Sie waren auch, etwa über den berüchtigten "Generalplan Ost", eingebunden in die gewaltsame Verwirklichung eines deutschen Kolonialstaates im Osten und die mit diesem bereits bis 1945 begangenen oder weiteren, noch geplanten Verbrechen: die Vertreibung, ja Ermordung von Millionen Juden, Russen und Polen sowie anderer Völker zur Schaffung eines deutschen Ost- und Ostmitteleuropas. Diese engsten Verbindungen zwischen dem NS-Staat und räumlicher Planung und Forschung haben nach 1945 zu extrem polarisierten Reaktionen geführt.
Einerseits wurden diese Verbindungen schon unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Regimes als so eng wahrgenommen, dass selbst der Begriff "Raum" 1945 ins "Wörterbuch des Unmenschen" aufgenommen wurde. Der entsprechende Bearbeiter, Gerhard Storz, verwies damals darauf: "Wörter sind es, die Schicksal zu allererst machen. Das lehrt uns die Geschichte des Wortes ›Raum‹: zum Zauberwort vergötzt, hat es nicht nur faulen, sondern bösen und furchtbaren Zauber geübt." Für ihn gehörte es "in die Region der niederen Dämonen." Nicht nur vordergründig ist es daher erstaunlich, dass nach 1945 in Westdeutschland der Begriff weiter im Zusammenhang mit Ordnung und Forschung genutzt werden konnte und seine Belastung nicht weiter wahrgenommen oder gar überdacht wurde, während in der SBZ/DDR nicht ohne Grund der Begriff "Territorialplanung" eingeführt wurde. Jedoch ist ein traditionsreicher wissenschaftlicher Terminus wie Raum, der schon lange vor der NS-Zeit verwendet wurde, nicht allein deshalb diskreditiert, weil er auch in der NS-Zeit benutzt wurde, wenn man sich nicht nur gelegentlich an seinen Missbrauch erinnert.
Andererseits konnte man nach 1945 auch so tun, als hätten Planer und Forscher in der NS-Zeit nur technische Rationalitäten verfolgt. Führende Personen der deutschen Raumplanung und Forschung, wie Konrad Meyer, verwiesen selbst während ihrer Prozesse vor US-Militärtribunalen darauf, für das NS-Regime stets nur "konzeptionell" tätig gewesen zu sein. Meyer wurde darin durch Aussagen seiner ehemaligen Mitarbeiter gestützt. Dies diente zwar einer gegenseitigen Exkulpierung, trug aber eindrücklich zum Bild von "Schreibtischtätern" bei.
Das Ignorieren der klammheimlichen Kontinuitäten von der NS-Zeit bis in die mittlere Bundesrepublik setzte sich bei der Mehrheit der Raumplaner und -forscher bis zum Beginn der 1970er Jahre fort. Dies galt insbesondere für die ARL: In ihrem "Handwörterbuch der Raumforschung und Raumordnung" (1970) zum Beispiel wurde ihre Arbeit für das NS-Regime nicht angesprochen. Im Gegenteil, man stellte sich in die gedankliche Kontinuität einer rein "technischen" Disziplin. Ja, es wurde damals selbst Konrad Meyer - über seine Person, Funktion und seine Handlungen sind wir inzwischen gut informiert - ermöglicht, unter dem Stichwort ›Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumordnung‹ (RAG) ohne jegliche Problematisierung, gleichsam neutral seine Vergangenheit zu verschleiern. Meyer konnte unwidersprochen behaupten, dass es einem anderen in der NS-Zeit Belasteten, Kurt Brüning, gelungen sei, der Raumforschung nach der Auflösung der RAG durch die Alliierten "eine neue institutionelle Form gegeben zu haben".
An dieser Stelle lässt sich festhalten, dass die Ambivalenzen in der Geschichte der deutschen Raumforschung und -planung - zwischen pauschaler Gleichsetzung mit NS-Gedankengut und der vollständigen Ignoranz der intensiven Beziehungen - bis heute keineswegs ausgeräumt sind, obwohl inzwischen einige Bestandsaufnahmen vorliegen. Insofern ist es eine noch ausstehende Aufgabe, diesem Verschweigen einer kontaminierten Vergangenheit insistierend näher nachzugehen.

Raumplaner und Forscher nach 1945 und ihre Raumanalyse
Wir wollten auch bewusst einen anderen Schwerpunkt setzen. Bei unserem Tagungsprojekt interessierten wir uns vorrangig für die Frage, ob und wie sich der Wandel von räumlicher Planung und Forschung nach 1945 und die zeitgenössischen gesellschaftlichen Veränderungen gegenseitig beeinflussten. Diese Frage haben wir versucht, im Rahmen der Tagung für zwei zentrale Aspekte zu beantworten: erstens für Funktion und Wandel der technisch-administrativen Eliten in der frühen und mittleren Bundesrepublik, zweitens für die Veränderungen der Raumstruktur, mithin dem Ausgangspunkt von Raumforschung und Raumordnung nach 1945.

Elitenwandel nach 1945
Für die Frage nach den technisch- und politisch-administrativen Eliten gilt es auf gewichtige Vorarbeiten zu verweisen. Schon Mitte der 1950er Jahre hatte der Schweizer Journalist Fritz René Allemann mit dem Titel seines Buches "Bonn ist nicht Weimar", das 1956 erschien, eine, wie Richard Löwenthal zu Recht sagte, damals kühne These vorgelegt. Sie war zwar für Wissenschaftler wie Löwenthal Ende 1970er Jahre bereits zu einer "Binsenwahrheit" geworden, wurde aber - etwa im Ausland noch bis in die 1980er Jahre hinein - in regelmäßigen Abständen kritisch hinterfragt. Darauf hat unter anderen Alfred Grosser hingewiesen: "Aber die ständige Befragung bleibt, nicht nur um zu prüfen, wieviel Gift noch vorhanden ist, sondern auch, um zu sehen, ob nicht einige Ursachen des Zusammenbruchs der Weimarer Republik in der Bonner Republik wiedergefunden werden können."
Gerade die Rolle, die die aus der Zeit vor 1945 übernommenen technischen und politisch-administrativen Eliten beim Aufbau dieses neuen demokratischen, politisch-administrativen System spielten, welchen Wandel sie durchmachten und welche Erfahrungen und Prägungen sie weiterreichten, scheint uns von ausschlaggebender Bedeutung zu sein. Zudem in einem Bereich wie der Raumordnung, in dem sich hinter vordergründig technisch begründeten Festsetzungen, in der Einhaltung von wissenschaftlich begründeten Verfahren, essenzielle Wertsetzungen verbergen können, die auch mit eher abstrakten, aus der Forschung abgeleiteten Setzungen begründet werden können. Dabei bestand und besteht die Gefahr der technokratischen Camouflage von politisch nicht hinterfragten Entscheidungen. Löwenthal sah gerade bei den technisch-administrativen Eliten einen wesentlichen Unterschied zwischen "Weimar" und "Bonn". Nach seiner Auffassung entwickelte sich bei diesen Eliten die Loyalität gegenüber dem demokratischen Staat der Weimarer und der Bonner Republik in unterschiedliche Richtungen - genauer nämlich in letzterer der Leitidee folgend, dass es die demokratischen Prinzipien sind, die die Ausprägung des Rechtsstaats bestimmen und nicht umgekehrt. War es doch in der Weimarer Zeit genau mit dieser Unterordnung der Fachleute und Staatsdiener unter die Politik nicht sehr gut bestellt gewesen, um das Mindeste zu sagen. Charakteristisch für deren Haltung war der Satz Wilhelm Kahls - ein "Vernunftrepublikaner", wie ihn Sontheimer nennt -, der als Kompromiss zwischen "Verfassungsgetreuen und Verfassungsfeinden" angeboten wurde: "Das schlechthin Notwendige ist der Staat als solcher, nicht die Staatsform." Der Staat stand damit für viele aus den deutschen Eliten über der Demokratie. Oder anders ausgedrückt, wie es Otto Mayer bereits 1924 in seinem Deutschen Verwaltungsrecht formuliert hatte, "Verfassungsrecht vergeht, Verwaltungsrecht besteht".
Die empirische Forschung über den Elitenwandel in der Bonner Re-publik begann in den 1960er Jahren mit den Studien von Wolfgang Zapf. Er hatte damals eine bahnbrechende Untersuchung zu den "Wandlungen der deutschen Elite" vorgelegt. In Anschluss an eine Studie von Edinger kam er zu dem Schluss: "Zwar kann keine Rede davon sein, dass geschlossene ›Nazi-Eliten‹ überlebt hätten oder zurückgekehrt seien; sie wurden aber auch nicht von einer demokratischen oder gar vor-totalitären (d. h. Weimarer) ›Gegenelite‹ abgelöst. Sondern‚ von einer Elitenkoalition, deren Mitglieder sich hauptsächlich aus den Personengruppen rekrutierten, die weder engagierte Mitglieder noch Gegner des totalitären Regimes waren". Gerade in den westlichen Besatzungszonen wurde angesichts des beginnenden Kalten Krieges beim Wiederaufbau "auf erfahrene Experten der Verwaltung, des Militärs und vor allem der Wirtschaft zurückgegriffen […], unbesehen ihres Entna-zifizierungsbescheids". Radikal ausgewechselt wurden "die politischen Führungsgruppen", doch "in die nicht-politischen Spitzenpositionen kehrten aber einzeln und nacheinander große Teile der früheren Experten zurück." Bude konstatiert deshalb nicht zu Unrecht, dass man die Bundesrepublik als eine "Elitengründung" begreifen muss, "bei der die Angehörigen der Weimarer Generation den Ton angaben". Gleichwohl konstatierte Zapf, dass es "Ansätze zu einem funktionierend repräsentativen System" gebe, denn "Werte und Institutionen haben sich von der autoritären und totalitären Vergangenheit entfernt, wenn auch keineswegs alle autoritären oder totalitären Ingredienzien beseitigt worden sind."
Seitdem ist dieses Bild immer wieder bestätigt worden. Jüngst wurden die bereits von Zapf nachgewiesenen Kontinuitäten von Norbert Frei in Medizin, Wirtschaft, Militär, Jurisprudenz und Journalismus exemplarisch aufgezeigt. An vorderster Stelle genannt sei hier zudem die deutsche Luft- und Raumfahrttechnik um Wernher von Braun, Letztere sogar in ihrer Arbeit für die USA. Auch die jüngst geführte Debatte um das Wirken Theodor Eschenburgs vor und nach 1945 - seine Rolle bei Arisierungen einerseits und andererseits in den fünfziger und sechziger Jahren als einflussreicher Demokratie-Präceptor Germaniae von Staat und Gesellschaft - verweist darauf, welche persönlichen, wenn auch zumeist nicht offen inhaltlichen Kontinuitäten es nach 1945 gegeben hat.
Die Missachtung bzw. die Überordnung der formell durchaus korrekten Verfahren oder des angeblich besseren Wissens gegenüber der politischen Partizipation, so wichtig etwa eine funktionierende Verwaltungsgerichtsbarkeit oder wissenschaftliche Kenntnisstände auch immer sein mögen, hatte bis dahin in ganz Europa eine lange Tradition. Sie stammte aus dem "aufgeklärten" Absolutismus und der Verwaltungstradition etwa der deutschen Staaten, zum Beispiel Preußens. In der Krisenzeit ab 1914 wurde diese Rechtstradition wieder bedeutsamer: Dies zeigt sich allein im deutschsprachigen Raum in den zahlreichen Ermächtigungsgesetzen, mit denen Reichs- und Länderparlamente den jeweiligen Regierungen außergewöhnliche Vollmachten erteilten. Zwar sah etwa die Weimarer Reichs-verfassung eigentlich keine derartigen Übertragungen vor, aber die damalige Staatsrechtslehre legitimierte diese, so sie denn in Krisenzeiten erforderlich waren und durch eine Zweidrittelmehrheit getragen wurden - genau wie dies beim Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich, dem berüchtigten Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933, der Fall war.
Die deutliche Mehrheit, die das Ermächtigungsgesetz im Reichstag nicht allein unter den dort vertretenen faschistischen und völkisch-konservativen Parteien fand, mag zugleich nochmals ein Hinweis darauf sein, dass nicht nur weite Teile der deutschen Eliten in der Zwischenkriegszeit der Demokratie ablehnend gegenüberstanden - in der Bevölkerung gab es seit dem Ende der 1920er Jahre insgesamt keine Mehrheit für die Demokratie mehr. Immerhin jedoch standen weniger die Industriearbeiter als vielmehr die Eliten hinter der "nationalen Erhebung" von 1933 und kooperierten zunächst intensiv mit dem NS-Regime. Schwieriger speziell für die technisch-administrativen Eliten wurde jedoch, besonders seit 1938, dass sich der Deutsche Führerstaat zunehmend radikalisierte, ein Vorgang, den bereits Ernst Fraenkel als Übergang eines (nicht notwendig demokratischen) Normen- zu einem Maßnahmenstaat beschrieben hat. Die bis Kriegsende stetig wachsende Bedeutung der situativ-politischen Zweckmäßigkeit als handlungsanleitendes Prinzip gegenüber auf dem Recht basierenden Vorschriften hatte für die Experten Vor- und Nachteile zugleich: Sie war zum einen eine Versuchung, über die Gestaltungsmöglichkeiten selbst eines autoritären Staates hinausgehen zu können, und zugleich eine Bedrohung der sich in Wissen, Verfahren, Regeln usw. doch besonders kompetent wähnenden Fachleute. Aus kurzfristigem Machtkalkül heraus konnten seit Kriegsbeginn die unsinnigsten oder verbrecherischsten Maßnahmen eingeleitet werden.
Gleichwohl waren selbst diese Forscher und Planer im Dienste des NS-Staates keineswegs eine Zunft mit einheitlichen Zielsetzungen für die Neugestaltung des bereits im Besitz des NS-Staates befindlichen und des noch zu erwerbenden ländlichen Raumes. "Modernisierer", in Gestalt von Verwaltungsfachleuten, Planern und Technokraten insbesondere in Himmlers SS-Apparat, zum Beispiel in der Person von Konrad Meyer ("Soll eine Organisation in einer Industriegesellschaft überleben, so braucht sie Verwaltungsfachleute, keine Ritter, sie braucht Diplome, keine blauen Augen." ) und Traditionalisten wie Alfred Rosenberg und die Brüder Darré standen nebeneinander. Erstaunlich ist immerhin, dass beiden Seiten über die konkreten Vorstellungen zur Realisierung hinaus gemein-same Konzepte vertraten: etwa "Dezentralisierung", "Tragfähigkeit" oder die Absicht, "ungesunde" Entwicklungen räumlicher Zustände zu beseitigen - eine biologistische Analogie, die nicht nur für die völkische Ideologie kennzeichnend war, aber in ihr eine fatale Einseitigkeit fand. Biologismen waren bis in die 1950er Jahre hinein im gesamten politischen Spektrum, ja selbst in der sozialistischen Arbeiterbewegung weit verbreitet: So treffen wir solche biologistischen Anklänge in der Weimarer Republik, aber auch noch in der Bonner Republik, etwa im Raumordnungsgesetz von 1965, zumal sie wohl zum Repertoire der deutschen Umgangssprache gehören, in der häufig etwas als gewachsen bezeichnet wird, was gesellschaftlich verursacht wird. An dieser Stelle kann offen bleiben, welche Kontaminationen sich hier eventuell als langlebig erhalten haben.
Die technisch-administrativen Fachleute hatten in der Bundesrepublik Deutschland, so sie den Krieg überlebt hatten, daher eine lange Distanz zurückzulegen, bis sie auf dem Boden des Grundgesetzes ankommen sollten - fort nicht nur von ihrer nur zu oft problematischen Einbindung in das NS-Herrschaftssystem, sondern auch von ihrer häufig unabhängig davon zu sehenden autoritären oder völkischen Grundhaltung der Demokratie gegenüber. Wie in vielen anderen Bereichen überwog nach 1945 auch im Personalbestand von Raumforschung und Raumordnung zunächst die Kontinuität zum vorangegangenen politischen System in Deutschland. Ein Indiz hierfür ist, dass nur die allerwenigsten aus diesem Expertenkreis aus politischen oder rassischen Gründen verfolgt worden waren und dass die meisten von ihnen nach der institutionellen Neuordnung in West- wie Ostdeutschland ihre Tätigkeit wieder aufnehmen konnten. Dabei gelang es ihnen - obwohl sie sich in ihrer überwältigenden Mehrheit für den Deutschen Führerstaat eingesetzt hatten und zumindest rechtskonservativer Grundhaltung waren -, sich institutionell wie wissenschaftlich, maximal mit geringer zeitlicher Verzögerung, in die neue Bundesrepublik Deutschland und, wie besonders der Beitrag von Axel Zutz zeigt, auch in die DDR zu integrieren. Eine der Bewältigungsstrategien für die schwarz-braune Vergangenheit war es dabei, als Fachleute vermeintlich nicht anfechtbare, objektive Schlüsse aus technischen wie administrativen Rationalitäten zu ziehen. Diese bestanden nach Ansicht prominenter Personen aus dieser Expertokratie unabhängig von den Vorgaben der jeweiligen politischen Systeme. Damit konnte man in Raumforschung und Raumplanung, wie etwa zeitgleich auch in Städtebau und Architektur, angebliche Zweckrationalitäten befolgen, deren technische oder legalistische Begründungen da-von enthoben, diese auch politisch abzusichern oder selbst offen politisch agieren zu müssen.
Wie es selbst führenden Raumforschern und Raumplanern aus der Zeit vor 1945 gelang, sich trotz ihrer politischen und eigentlich auch fachlichen Kontamination fast bruchlos zu integrieren und zu Trägern des administrativen und planerischen Wiederaufbaus Deutschlands zu werden - denn in politischen Foren und Gremien waren sie in aller Regel nicht vertreten - , dies war eine unserer Ausgangsfragen.
Vielleicht trug zu dieser Integration maßgeblich bei, dass der Kalte Krieg ein neues Feindbild schuf, in dessen Rahmen sich die technischen Experten wieder einer Seite anschließen konnten. Vielleicht war es ein wichtiger Faktor, dass sich von allen aus den Trümmern des Großdeut-schen Führerstaates entstandenen deutschsprachigen Nachkriegsländern (BRD, DDR, Österreich) allein die Bundesrepublik in eine direkte Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches stellte und zudem - wenn immer möglich und nötig - die Kontinuität einer Rechtsordnung betonte, die seit dem Deutschen Kaiserreich geschaffen worden war. Weder hatten die Westalliierten bei der Staatsgründung der Bundesrepublik 1949 darauf gedrängt - sie hatten im Gegenteil sogar über Maßnahmen wie Entnazifizierung, Umerziehung und Entmilitarisierung erhebliche Diskontinuitäten zu schaffen versucht -, noch gab es dafür staats- und völkerrechtliche Notwendigkeiten, zumindest dann nicht, wenn man den Interpretationen von Kelsen oder Lepsius folgt. Auf jeden Fall war der Artikel 131 des Grundgesetzes, der die These der Rechtsnachfolge der Bundesrepublik für die Beamten materialisierte, nicht nur eine Absicherung von erworbenen Pensionsansprüchen, sondern auch das "Einfallstor" für durchaus politisch Belastete. Die Idee von der Fortexistenz des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937 war vielleicht, so eine These, vorrangig ein Instrument zur Integration der alten Eliten in den neuen Staat.

Räumlicher Wandel
Dies leitet zugleich zu unserer zweiten Grundfrage über: den Veränderungen der Raumstruktur, dem empirischen Ausgangspunkt von Raumforschung und Raumordnung nach 1945. Denn die Kontinuität vom Deutschen Reich zur Bundesrepublik erscheint sehr gewollt, wenn man an die Veränderungen der Raumstrukturen, also an die neuen territorialen Konstellationen bedingt durch die deutsche Teilung und den Verlust der Ostgebiete denkt, die sich aus dem Untergang des Großdeutschen Führerstaates ergeben hatten. Bereits Jürgen Kocka hat zu Recht darauf verwiesen, dass sich der westdeutsche Staat in räumlicher Hinsicht deutlich vom preußisch-kleindeutschen wie nazistisch-großdeutschen Reich unterschied. Beinahe das gesamte "Ostelbien", bis in den Zweiten Weltkrieg hinein eine politische Führungsregion des deutschen Nationalstaates - preußisch, protestantisch, überwiegend konservativ, völkisch und schließlich faschistisch -, war an Polen bzw. die UdSSR gefallen. Die Bevölkerung wurde nach Westen vertrieben und füllte nun zusammen mit Millionen von Ausgebombten und Displaced Persons jene vom Bombenkrieg weniger tangierten Kleinstädte bzw. ländlichen Regionen in Norddeutschland und Bayern. Zudem zerschnitt der "Eiserne Vorhang" schon bald die frühere räumliche Grundstruktur der deutschen Volkswirtschaft, die auf einer West-Ost-Achse angeordnet gewesen war: Rheinisch-Westfälisches Industriegebiet, Mitteldeutschland und Sachsen, Berlin und Oberschlesien. Für die Bundesrepublik bedeutete dies, dass gerade die in den 1920ern und 1930ern auch aus militärischen Gründen geförderten innovativen Industrieregionen Mitteldeutschlands und Berlins eben an einen anderen Staat fielen, der sich ebenfalls mit diesen neuen räumlichen Strukturen zu arrangieren hatte: die DDR. Deren Bevölkerung floh im Übrigen schon bald nach den Gründungen von BRD und DDR in Massen nach Westdeutschland.
Die tiefen Veränderungen in der Raumstruktur, die sich vom Deutschen Kaiserreich bis in die Bundesrepublik zutragen sollten, können in ihrer Tragweite kaum überschätzt werden, weder für die Gesellschaft der Bundesrepublik noch für deren Raumforschung und Raumplanung. Letz-tere entstanden bereits vor der Jahrhundertwende in den sich industrialisierenden Regionen West- und Mitteldeutschland und waren zunächst und vorrangig auf die Erforschung und Ordnung des urbanen und industrialisierten Raumes ausgerichtet. Reformen für die wichtigsten urbanisierten Räume Deutschlands, das Ruhrgebiet und Berlin, wurden jedoch vor allem in Preußen durch die in Berlin herrschenden agrarisch-konservativen bzw. reaktionären Kräfte unterbunden. Während es außerhalb Preußens zu ersten Reformen in der Raumordnung kam, konnten derartige Projekte im Kontext des größten deutschen Staates erst in der Zwischenkriegszeit angegangen werden, für das Ruhrgebiet, Groß-Berlin und Groß-Hamburg. Diese sicher für die Zukunft maßgebenden Lösungen - für viele sind sie mit dem Wirken Robert Schmidts verbunden - dürfen jedoch nicht vergessen lassen, dass sich Raumforschung und Raumordnung durch den Ersten Weltkrieg eher auf den agrarischen Raum, nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, zu konzentrieren begannen. Ausgangspunkte waren seit 1919 zum einen der Verlust der deutschen Kolonien, zum anderen die territorialen Verluste im Osten Preußens: Mit dem Vertrag von Versailles waren damals "Preußens beste Sehnen" (der Besitz von Westpreußen und Posen) zerschnitten worden; 1945 gingen noch umfangreichere Gebiete östlich der von den Alliierten errichteten Oder-Neiße-Grenze verloren. Damit verlor Rest-Deutschland insgesamt, besonders aber die Bundesrepublik - im Gegensatz dazu bestand der gesamte Norden der DDR seit 1949 aus dem vielleicht rückständigsten Bestandteil des ehemaligen ostelbischen Junkerlandes, aus Mecklenburg - jene in heutigem Duktus strukturschwachen Gebiete, deren Förderung oder im völkischen Sinne Bewahrung schon vor dem Ersten Weltkrieg ein vorrangiges Ziel der preußisch-deutschen Politik gewesen war. Instrumente dieser Strukturpolitik waren hohe Importzölle für Lebensmittel, Monopole, politisch-administrative Sonderbestimmun-gen, Programme wie die Osthilfe und überhaupt der überproportionale Einfluss der agrarisch geprägten, wenig produktiven Reichsteile in einem Staat gewesen, der insgesamt zu den modernsten Industrieländern der Welt gehörte. Diese Differenzen hatten wiederholt und besonders sichtbar gegen Ende der Weimarer Republik zu politischen Spannungen nicht unerheblichen Ausmaßes geführt und maßgeblich zur Installierung des Hitler-Regimes beigetragen. Vielleicht war eine spezifische Interpretation der Rolle des deutschen Ostens sogar für die weltpolitisch falsche Positionierung für Kaiserreich und Führerstaat verantwortlich.
Diese Asymmetrie ging jedenfalls 1945 ebenso endgültig unter wie die politische Vorbildfunktion und Ideologie des deutschen Ostens als einer gesellschaftlich vorbildlichen, durch autoritäre Strukturen bestimmten Region. Die Auflösung Preußens durch die Alliierten ist deshalb nicht zuletzt auch zu verstehen aus einem einseitigen Verständnis Preußens als autoritär und illiberal. Als solche völkisch-konservative Leitregion - zugespitzt noch durch die Blut-und-Boden-Ideologie - war der deutsche Osten seit den Zerstörungen im Ersten Weltkrieg und seit der Weltwirtschaftskrise auch vorbildgebend für die Raumforschung und Raumord-nung geworden: im Sinne der völkischen Neuordnung, der Autarkiebestrebungen (Stichwort hierfür: "Innere Kolonisation") und auch jener Teile der planerischen Zunft, die maßgeblich für die NS-General-pläne in den eroberten Räumen Osteuropas verantwortlich zeichneten. Dabei sollte nicht vergessen werden, welchen Beitrag die Kultur- und Sozialwissenschaften insgesamt und vor allem die Geschichtswissenschaft dazu geleistet haben. Sie wurden zu einer nationalsozialistisch dominierten "Ostwissenschaft", deren empirische Studien vor allem einem zu dienen hatten - der ideologischen Fundierung der geplanten deutschen Kolonisierung Osteuropas. Dafür hatten Raumforschung und Raumplanung dann die notwendigen Konzepte zu liefern.
Nach 1945 gab es keinen "Raum" mehr für solche "Gedankenspiele", auch wenn der Verlust der deutschen Ostgebiete, der Heimat von Millionen Menschen, die nun in den beiden Restdeutschlands als Vertriebene lebten, aber nur in Westdeutschland auch als solche bezeichnet wurden, noch bis zur sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt und darüber hinaus ein gewichtiges Moment in der westdeutschen Innenpolitik war.
Insofern stellte der Verlust der Ostgebiete und damit der Wandel der Raumstruktur in Deutschland eine wirkliche "Stunde Null" dar - während ansonsten die These von einer solchen radikalen Zäsur des Jahres 1945 entweder zumindest infrage gestellt wird oder in der historischen Gesamtschau seit Broszat ohnehin weitgehend als widerlegt gilt. Die deutliche Verkleinerung des deutschen Staatsgebietes und die Verschiebung seines Zentrums nach Westen wirkte sich für unseren Untersuchungsbereich entscheidend aus: 1945 hatten die deutsche Raumforschung und Raumordnung ihr willkürlich und unkontrolliert behandelbares Gestaltungsobjekt, den deutschen Osten, verloren, das zugleich als Projektionsfläche für weitgehende Neuordnungsphantasien auch für das sogenannte Altreich gedient hatte. Diesen hatten sich Raumforscher und Raumplaner ausdrücklich und mit teilweiser Begeisterung zugewandt, was auch in sehr deutlicher Form geäußert und dokumentiert worden ist. Sie konnten sich Planvorstellungen ausdenken und entwickeln - völlig losgelöst von irgendwelchen ethischen Einschränkungen, weil auch die krudesten rassistischen Vorstellungen von der Ideologie der Volksgemeinschaft gedeckt wurden.

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