Perlen der Weisheit

Die schönsten Texte von

Willigis Jäger

Herausgegeben von
Christoph Quarch und Elisabeth Walcher

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Impressum

Bearbeitete Neuausgabe 2012

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2010

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: RME Eschlbeck / Hanel / Gober

Umschlagmotiv: © plainpicture

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book): 978-3-451-81236-1

ISBN (Buch): 978-3-451-07154-6

Inhalt

Einführung

Achtsamkeit

Alltag

Alter

Angst

Auferstehung

Augenblick

Beten

Bewusstsein

Das Böse

Demut

Eines und Vieles

Energie

Erfahrung

Erkennen und Erwachen

Erleuchtung

Ethik und Moral

Evolution

Gefühle

Gemeinschaft

Gott

Heil und Heilung

Ichbewusstsein

Identität und Individualität

Jesus

Kirche

Körper

Kontemplation

Krankheit und Krise

Leere

Lehrer und Schüler

Leid

Liebe

Loslassen

Meditation

Mitleid

Mystik

Naturwissenschaften

Religion

Rituale

Schatten

Sinn

Spiritualität

Sterben und Tod

Stille

Sünde

Tradition

Wandlung

Weiblichkeit

Unsterblichkeit und Wiedergeburt

Zeitlosigkeit

Zen

Textnachweise

Quellen

Einführung

Das war eine unbändige Freude: nach Jahren die Texte von Willigis Jäger noch einmal neu zu lesen, prägnante und prägende Passagen auszuwählen und nach Leitmotiven zu sortieren – eine wunderbare Erfahrung, bei der mir deutlich wurde, wie viele seiner Gedanken und Erfahrungen über die Jahre zu eigenen Gedanken und Erfahrungen geworden sind; wie tief seine Weisheit in den Fundamenten des eigenen Lebens eingegossen ist. Deshalb ist mein Herz erfüllt von Dankbarkeit – Dankbarkeit für einen Lehrer und Freund, dessen Spiritualität zu einer nie versiegenden Quelle der Inspiration für meinen eigenen Lebensweg geworden ist.

Und noch etwas hat bei der Ausarbeitung dieses Buches große Freude bereitet: dass ich in Elisabeth Walcher eine so wunderbare Mitherausgeberin gefunden habe. Elisabeth war mit Willigis’ Schriften noch nicht so vertraut, so dass ihr frischer Blick sich mit meiner gewachsenen Wahrnehmung perfekt ergänzen konnte. Wir hoffen, dass es dadurch gelungen ist, eine inspirierende und stimmige Zusammenschau der Weisheit von Willigis Jäger vorzulegen; eine Zusammenschau, die zum einen zu erkennen gibt, welche Motive sich durch seine langjährige Lehrtätigkeit hindurchziehen, zum anderen aber auch seine jüngsten und in mancher Hinsicht radikalsten Gedanken profiliert.

Gewiss ist die Auswahl der Texte darin nicht frei von persönlichen Vorlieben und Schwerpunkten. Das kann nicht anders sein. So liegt ein besonderer Akzent auf demjenigen, was ich die Alltagsnähe und Bodenständigkeit der Spiritualität von Willigis nennen möchte. Diese Lebensnähe erschien Elisabeth und mir in besonderem Maße angetan, den Menschen von heute eine Perspektive dafür zu geben, wie das Leben zu einem Fest geraten kann: zu einem Gebet, bei dem sich der göttliche Wesenskern in uns selbst feiert und erfährt.

»Religion ist das Leben – und das Leben ist Religion«, pflegt Willigis Jäger zu sagen. Und: »Gott will nicht verehrt, er will gelebt werden. Nur aus diesem Grund sind wir Mensch geworden, weil Gott in uns Mensch sein möchte!«

Ich wünsche diesem Buch, dass es Ihnen Winke und Weisungen gibt, die Sie dazu inspirieren, mit Ihrem göttlichen Wesenskern in Tuchfühlung zu kommen. Und ich wünsche Ihnen, dass Sie die Perlen seiner Weisheit nicht im Schmuckkästchen Ihrer Seele ablegen, sondern im Alltag Ihres Lebens zum Leuchten bringen.

Christoph Quarch

Achtsamkeit

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ACHTSAMKEIT IST wohl die schwerste, aber auch wichtigste spirituelle Übung. Sie ist eine ständige Unterbrechung der Ich-Zentrierung; denn der achtsame Mensch fließt nicht mehr mit dem Strom der Gewohnheit und lässt seinem Bewusstsein nicht den willkürlichen Lauf, der ein Vordringen in die Tiefe verhindern würde. Erwachen geschieht im Augenblick. Es ist nicht ein von der Welt abgehobener Zustand, sondern die Erfahrung der Welt in diesem Augenblick.

GOTT IST in allem, und jede Handlung kann, so sie denn in Achtsamkeit und Bewusstheit ausgeführt ist, eine spirituelle Übung sein. Und dies gilt für die einfachen und alltäglichen Verrichtungen des Lebens. (…) Im Grunde tun wir auf unseren spirituellen Wegen gar nichts Außergewöhnliches. Wir versuchen lediglich, in den Augenblick zu kommen und eins zu werden mit dem, was wir gerade ausführen. Genau dort ist uns Gott am nächsten. Auch die kleinste Handlung, die wir vollziehen – die Treppe hinaufsteigen, die Türe öffnen, die Hände waschen, an der roten Ampel warten – kann so zu einer spirituellen Übung werden. Wenn wir zur Arbeit gehen oder zum Bahnhof fahren, sind wir meist gehetzt und verlieren uns selbst. Wir sind nicht mehr im Augenblick – und wenn wir nicht mehr im Augenblick sind, sind wir nicht mehr im Leben und nicht mehr in Gott. Leben ist nur im Augenblick. So gibt es viele Gelegenheiten, bei denen wir uns ins wirkliche Leben einüben können. Jederzeit können wir lernen, ganz da zu sein, ganz bei dem zu sein, was wir gerade tun. Das können wir aber nur, wenn wir aufhören, alles gleichzeitig zu tun. Man kann nicht im Hier und Jetzt sein, wenn man meint, gleichzeitig Musik hören und lesen zu müssen. Oder noch banaler formuliert: Man sollte nicht mit der Zeitung auf die Toilette gehen. Wir sollten noch einmal bei Null anfangen und lernen, wie man isst, Salat putzt, zur Arbeit geht, Feierabend macht.

WAS ES bedeutet, seinen Körper zu trainieren, wissen wir alle: Wer seinen Körper trainiert, eignet sich bestimmte Geschicklichkeit an, die ihm auch weiterhin zur Verfügung steht. Jedes körperliche Training ist darüber hinaus aber immer auch ein geistiges Training. Indem wir unseren Körper bilden und üben, prägen wir Muster aus, die sich auch auf unser geistiges Befinden auswirken (…) Auch unsere Weltsicht und unsere Religiosität werden entscheidend dadurch geprägt, wie wir uns als körperliche Wesen verstehen. Körperliche Achtsamkeit spielt daher in allen spirituellen Wegen eine wichtige Rolle. Und indem sie die Achtsamkeit in das Zentrum des religiösen Lebens rückt, führt sie aus aller kultischen Entrücktheit der Hochreligion zurück mitten ins alltägliche Leben.

Alltag

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EINE WIRKLICHE, tiefe Erfahrung führt uns nicht aus der Welt hinaus, sie führt uns in die wahre Welt hinein: in unser konkretes Leben, in diesen Augenblick. Aber es ist dieses ganz konkrete Leben in einer neuen Erfahrungsebene. Wir erwachen wieder aus einem Traum. – Wer fühlt, wer hört, wer schmeckt? Diese Frage sollten wir uns aus der Tiefe unserer Aufmerksamkeit heraus stellen, wenn wir in die Sauna gehen, wandern, joggen oder im Fitness-Center Hanteln stemmen. Spiritualität ist nicht etwas Abgehobenes, das wir bei einem Gottesdienst am Sonntag zelebrieren. Unser Alltag ist die wahre Religion. Unser Leben als Offenbarung der Ersten Wirklichkeit zu begreifen, das ist das Ziel.

ZIEL DER Mystik ist der von der Tiefenerfahrung her erlebte und durchdrungene Alltag. Mystik drängt aus diesem Grund den Menschen auch nicht für immer in die Einsamkeit oder hinter Klostermauern. Das empfiehlt sich, oder ist sogar notwendig, für einige Zeit; aber es ist nicht das mystische Ideal, denn das Erfahren der Einheit mit dem göttlichen Leben in der eigenen Tiefe ist erst der Anfang. Höhepunkt des mystischen Lebens ist dagegen das Erfahren der Einheit mit dem göttlichen Leben in allem Geschöpflichen, in allem Handeln und Planen, auch im intellektuellen Planen und Wirken.

MAN STEIGT nicht auf einen Berg, um auf dem Gipfel sitzen zu bleiben. Zum Aufstieg gehört der Abstieg dazu. Daran hat auch Jesus erinnert, als er nach der Verklärung auf dem Berg nicht dem Wunsch seiner Jünger gemäß drei Hütten errichten ließ, sondern sie zum Abstieg trieb. Und am Fuße des Berges angekommen, tat er ihnen kund, dass er nun nach Jerusalem gehen und leiden werde. Kurz: Eine Mystik, die sich aus der Welt zurückzieht, wäre eine Pseudo-Mystik. Sie wäre Regression, während eine echte mystische Erfahrung unweigerlich zurück in das Leben führt. Mystik ist Alltag, denn das alltägliche Leben ist die Begegnungsstätte von Mensch und Erster Wirklichkeit. Nur im Augenblick des gelebten Lebens findet die Kommunikation mit Gott statt.

ICH ZITIERE gerne ein Wort von Joseph Beuys: »Das Mysterium findet im Hauptbahnhof statt.« So ist es. Gott manifestiert sich im Alltag – und nur da ist er zu finden. (…) Nicht Maria, die in Verzückung zu Jesu Füßen sitzt, sollte Vorbild sein, sondern Martha, die sich abrackert und Jesus bedient. Martha ist auf dem spirituellen Weg weiter als Maria, sie kennt die mystische Erfahrung und lässt ihren Alltag davon durchdringen, Maria muss durch ihre Erleuchtungserfahrung noch hindurchgehen, um wieder in den Alltag zu kommen. Dort, in den einfachen Dingen, gilt es, die göttliche Wirklichkeit zu erfahren. Gott will nicht verehrt, er will gelebt werden.

Alter

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WENN WIR erst einmal die neuen Möglichkeiten entdecken, die nur das reife Alter zu geben vermag, dann wird diese Zeit kein passives Dahindämmern, sondern die Erfüllung unserer menschlichen Existenz. Gerade dann, wenn dem Menschen die Initiative des Handelns aus der Hand genommen wird, ereignet sich oft das Eigentliche im Leben. Er kann dann nur noch sagen: »Dein Wille geschehe«, und das gibt dem Meißel Gottes freie Hand, um uns die letzte Formung zu geben. Gott macht uns in dieser Zeit noch einmal ein Angebot, mit ihm in eine tiefe Gemeinschaft einzutreten. Einfach nur da sein. Ängste, Gedanken und alles, was uns treibt, loslassen. Da sein in Wohlwollen und Liebe für unsere Umgebung. Die Effektivität unseres Lebens liegt nicht mehr so sehr in der Leistung, sondern mehr in der wohlwollenden Präsenz. Wohlwollen und Liebe strömen lassen, das ist dann unsere eigentliche Aufgabe. Wir müssen nichts vorweisen, wenn wir sterben. Das göttliche Leben in uns ist der Adel, auf den wir bauen können.

JEDER WIRD eines Tages schmerzlich erfahren, dass er nicht mehr gehen kann, wohin er will. Wir leben in einer Kultur, in der »jung sein« verherrlicht wird. Jeder fühlt sich verpflichtet, jung zu bleiben. Dem Alter wird wenig Verständnis und Unterstützung entgegengebracht. Doch wer ewig jung bleiben will, verweigert die Reife. Das gilt auch dann noch, wenn die Körperkräfte nachlassen, wenn Hören und Sehen eingeschränkt werden. Gerade dann stellt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens in entscheidender Weise neu. Das Durchleben von Krankheit kann zu einer neuen Begegnung mit sich selbst führen und zu einem ganz neuen Offensein für Gott und die Mitmenschen. Reifen durch Leid, ist das möglich? Die eigentliche Reife des Menschen beginnt tatsächlich dann, wenn er sich nur noch in das fügen kann, was ihm beschieden ist.

Angst

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UNSER ICH muss Angst haben. Das Ich meint ja immer, alles im Griff haben zu müssen, alles kontrollieren zu müssen. Und wenn es merkt, es ist nicht mehr zuständig, dann gerät es in einen Angstzustand, das ist ganz normal. Wenn Menschen in meinen Kursen an diese Grenze kommen, dann kommt die Angst. »Ich werde völlig verrückt! Jetzt sterbe ich.« Genau das sagte ich einmal zu meinem Meister: »Ich glaube, ich werde jetzt verrückt!« Er lachte mich aus. »Du wirst nicht verrückt«, meinte er, »lass mal los. Du wirst sehen, es gibt noch eine Ebene, die viel wichtiger ist als dein Ich.« Die Angst kommt daher, dass das Ich seine Auflösung, seinen Tod, nicht akzeptieren kann.

DIE ANGST vor der Auflösung des Ich ist die Schwelle, die uns an der Erfahrung unseres wahren Wesens (Gotteserfahrung) hindert. Im Sterben öffnet sich diese Ich-Eingrenzung. Wenn die Ichstruktur sich auflöst oder wegfällt, verschwindet auch die Angst. Erlösung ist Erlösung vom Ich.

»FREUNDE DICH