image1
Logo

Für J. J.

Sabine Anna Saalfeld

Freud hätte anders entschieden

Eine Psychoanalyse der Entscheidung

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität

München, 2014

1. Auflage 2017

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-033032-0

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17- 033033-7

epub: ISBN 978-3-17-033034-4

mobi: ISBN 978-3-17-033035-1

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

 

Inhalt

 

 

  1. Geleitwort von Wolfgang Mertens
  2. Dank
  3. Einleitung
  4. 1  Ein Entscheidungsmodell
  5. 1.1  Von der Schwierigkeit, die Ausgangslage zu erfassen
  6. 1.2  Ziele, Motive und Ambivalenzen
  7. 1.2.1  Bewusste Ziele im Rubikon-Modell der Handlungsphasen
  8. 1.2.2  Die unbewusste Dimension
  9. 1.2.3  Die Bewusstseinslagenforschung
  10. 1.2.4  Unbewusste Ziele in der Automotive-Theorie
  11. 1.2.5  Unbewusste Motive aus motivationspsychologischer Sicht
  12. 1.3  Entscheidungsalternativen
  13. 1.3.1  Die Status-quo-Falle
  14. 1.3.2  Bedauern
  15. 1.3.3  Urteilsheuristiken als kognitive oder emotionale Abkürzungen?
  16. 1.4  Der Entschluss
  17. 1.4.1  Willenskraft
  18. 1.4.2  Entscheidungsmüdigkeit
  19. 1.4.3  Bewusste und unbewusste Selbstdisziplin
  20. 1.4.4  Diskussion aus psychoanalytischer Sicht
  21. 1.5  Zusammenfassung
  22. 2  Konzepte des Entscheidens bei Freud
  23. 2.1  Voranalytische Zeit: Der Spuk aus dem Schattenreich
  24. 2.2  Das topische Modell: Die unbewussten Paralleluniversen
  25. 2.2.1  Ein großer Vorraum, ein enger Saal, ein Wächter und ein Zuschauer
  26. 2.2.2  Kann das System Bw-Vbw frei entscheiden?
  27. 2.2.3  Die unbewusste Willenskraft (der ökonomische Gesichtspunkt)
  28. 2.2.4  Die ungebetenen Gäste (der dynamische Gesichtspunkt)
  29. 2.2.5  Die Ambivalenz des »Rattenmannes«
  30. 2.2.6  Zusammenfassung: Entscheiden im Rahmen des topischen Modells
  31. 2.3  Eine neue Rolle für das Ich
  32. 2.3.1  Der Weg zur Entscheidung
  33. 2.3.2  Das »dunkle« Es
  34. 2.2.3  Das liebende und das strafende Überich
  35. 2.3.4  Das ausgleichende Ich
  36. 2.3.5  Die Kindheitsangst als Auslöser des Entscheidungskonflikts
  37. 2.3.6  Unbewusstes Entscheiden im Ich
  38. 2.3.7  Zusammenfassung: Entscheiden im Rahmen des Instanzenmodells
  39. 3  Entscheiden in Zeiten des Umbruchs – der strukturelle Gesichtspunkt im Werk Heinz Hartmanns
  40. 3.1  Anpassung, Handlung und Entscheidung
  41. 3.2  Die Autonomie des Ichs
  42. 3.3  Wer oder was entscheidet?
  43. 3.3.1  Die Innenwelt als Möglichkeitsraum
  44. 3.3.2  Die Bewältigung neuer Situationen
  45. 3.3.4  Die synthetischen Funktionen und die »Kohärenz der Welt«
  46. 3.4  Neutralisierte Aggression
  47. 3.5  Zusammenfassung: Ein »Verzicht aus Liebe«
  48. 4  Entscheidungsfreiheit und mentale Energie – der ökonomische Gesichtspunkt im Werk David Rapaports
  49. 4.1  Die Frage nach der psychischen Energie
  50. 4.2.1  Rapaports Rückkehr zu Freuds früher Position und die Kritik daran
  51. 4.2.2  Der Energiestatus als Schlüssel zur psychischen Gesundheit
  52. 4.1.3  Rapaports »Kombiniertes Modell« – Diskussion
  53. 4.2  Autonomie und Aktivität
  54. 4.3  Zusammenfassung: Die »Grenzen der Gesetze«
  55. 5  Konflikt und Entscheidung im Rahmen der Post-Ichpsychologie
  56. 5.1  Leo Rangells Ich-Funktion der Entscheidung
  57. 5.2  Die Gegenposition von Charles Brenner
  58. 5.3  Die Förderung der Ich-Autonomie in der Behandlungstheorie von Paul Gray und Fred Busch
  59. 5.4  Dilemma-Konflikt und Inertia bei A. O. Kris
  60. 5.4.1  Konvergente und divergente Konflikte
  61. 5.4.2  Divergente Konflikte aus klassischer Sicht
  62. 5.4.3  »Ist es für mich oder für dich?«
  63. 5.5  Zusammenfassung: Eine unbewusste Wahl
  64. 6  Eine Psychoanalyse der Entscheidung
  65. 6.1  Die metapsychologischen Gesichtspunkte
  66. 6.2  Zusammenfassung
  67. 7  Freud hätte anders entschieden
  68. Literatur

 

Geleitwort von Wolfgang Mertens

 

 

 

Frau Saalfeld hat es sich zur Aufgabe gestellt, die unbewussten Abläufe von Entscheidungsprozessen mithilfe psychoanalytischer Konstrukte und Theorieansätze genauer zu erforschen. Die Beschäftigung mit dem Thema des Sich-Entscheidens und entsprechende Theorien haben in verschiedenen Disziplinen, wie zum Beispiel in den Wirtschaftswissenschaften und in der Psychologie, seit Jahren Konjunktur. Frau Saalfeld zeigt auf, dass die meisten dieser Theorien der »rational choice« jedoch nur bewusstseinspsychologische Komponenten berücksichtigen. Dies ist eine grundlegende Schwäche eines Großteils bisheriger sozialwissenschaftlicher und ökonomischer Entscheidungstheorien.

 

Mit ihrer Forschungsabsicht befindet sich die Verfasserin in Übereinstimmung mit dem neuesten Kenntnisstand der Neurocognitive Science und der Neuro-Psychoanalyse: Nur ein kleiner Teil dessen, was wir mit unseren Sinnesorganen aufnehmen, wird unserem reflexiven Ichbewusstsein überhaupt bewusst, der überwiegende Teil geschieht nicht-bewusst.

In Ergänzung zum Freud’schen Ich-Konzept seines Strukturmodells, das bewusstseinszugängliche und unbewusste Anteile aufweist, haben verschiedene nicht-psychoanalytische Autoren, wie z. B. Joseph LeDoux, von einem »primären Bewusstsein« gesprochen; dieses verkörpert ein unbewusstes Integratorsystem, das man auch mit einem Führungszentrum der Psyche vergleichen kann. In strukturpsychologischer Sicht liegt somit das Führungszentrum der gesamten Psyche im unbewussten bzw. im nicht-bewussten Bereich. Das reflexive Ichbewusstsein, das bislang in einer immer noch vorhandenen rationalistischen Überschätzung als das Zentrum der Psyche gegolten hat, wird nunmehr auch in den kognitiven Neurowissenschaften zu einem Subzentrum. Ein großer Teil unserer nicht-bewussten Lebensregulation geschieht somit ohne bewusste Verarbeitung und Reflexion in einer eigenen Kodierungsform, die von Freud als primärprozesshafte Verküpfungslogik beschrieben wurde, in der Verdichtung und Verschiebung eine zentrale Rolle spielen.

Nicht-bewusste Vorgänge steuern somit die Anpassung eines Menschen an seine Umwelt, treffen Vorentscheidungen, initiieren Denkprozesse, verarbeiten emotionale Bedeutungen und sindalles andere als »dumm«. Im Gegenteil, sie sind erstaunlich »klug«. Allerdings kann diese unbewusste Steuerung trauma- und konflikthaft eingeschränkt sein; dies ist die eigentliche Forschungsdomäne der Psychoanalyse mit ihrer Untersuchung psychodynamisch unbewusster Vorgänge, die konflikthaft sind, welche die normalerweise gut adaptierten nicht-bewussten Verarbeitungsprozesse in unterschiedlichen Ausmaß beeinträchtigen können.

Obwohl die Arbeit interdisziplinär angelegt ist, verfolgt die Autorin über weite Strecken stringent das Ziel, ihr Thema größtenteils aus psychoanalytischer Sicht zu untersuchen. Bislang stand das Thema der Entscheidung nicht im Zentrum psychoanalytischer Überlegungen, obgleich sich die Psychoanalyse seit nunmehr über einem Jahrhundert mit Vorgängen der unbewussten Wahrnehmung, der Zielbildung, der unbewussten Intentionalität und der unbewussten Motive beschäftigt hat, so dass sich das Thema Entscheidung – auch wenn es nicht explizit von Freud abgehandelt worden ist – wie ein roter Faden durch die psychoanalytische Literatur zieht.

Sehr verdienstvoll setzt sich Frau Saalfeld mit den Modellen nahezu schon in Vergessenheit geratener Ich-Psychologen wie Heinz Hartmann, David Rapaport sowie mit den Konzepten von Leo Rangell und Charles Brenner auseinander.

 

Diese Vorarbeiten dienen ihr dazu, eine systematische Darstellung der Entscheidung unter sieben verschiedenen Gesichtspunkten der psychoanalytischen Metapsychologie vornehmen zu können: dem topografischen, strukturellen, genetischen, dynamischen, ökonomischen, adaptiven sowie dem interpersonellen Gesichtspunkt. Die verschiedenen metapsychologischen Gesichtspunkte tragen dem Prinzip der multiplen Funktion Rechnung.

So wurzelt jede Entscheidung gemäß dem topographischen Gesichtspunkt in unbewussten Wünschen, die niemals vollständig erfasst werden können. Der strukturelle Gesichtspunkt verweist auf Verinnerlichungsprozesse und die Ausbildung von Ichstruktur. Der genetische Gesichtspunkt verdeutlicht die Entwicklungsdimension aller Komponenten von Entscheidungen. Entsprechend dem dynamischen Gesichtspunkt machen sich ungelöste Konflikte immer wieder bemerkbar und führen zu Fehlentscheidungen und Entscheidungsschwierigkeiten. Anhand des ökonomischen Gesichtspunktes lässt sich aufzeigen, wie unbewusste Konflikte und entsprechende Fehlentscheidungen zu einem Verlust an psychischer Energie führen. Und schließlich verweisen der adaptive und interpersonelle Gesichtspunkt darauf, dass Entscheidungen nicht nur in biografischen Konstellationen gründen, sondern auch in gegenwärtigen kommunikativen Austauschprozessen.

 

Frau Saalfeld zeigt am Ende ihrer Arbeit auf, dass eine psychoanalytische Entscheidungstheorie durchaus noch Raum lässt für eine relative Autonomie und Freiheit der Wahl. Diese kann allerdings erst gegeben sein bzw. errungen werden, wenn die reflexiven und metakognitiven Voraussetzungen dafür von der betreffenden Person erworben worden sind.

 

Die vorliegende Arbeit der Autorin stellt eine sehr verdienstvolle Auseinandersetzung mit dem Thema der Entscheidung aus psychologischer und psychoanalytischer Sicht dar. In dieser Analyse gelingt ihr anhand der sehr gründlichen Beschäftigung vor allem mit zwei Klassikern der Psychoanalyse, Heinz Hartmann und David Rapaport, ein differenziertes Verständnis der Ich-Funktionen, die an jedem Entscheidungsvorgang beteiligt sind. Somit hat sie – zusammen mit den weiterführenden Überlegungen von Rangell – ein tragfähiges Fundament für eine psychodynamisch orientierte Entscheidungstheorie entworfen, was als ein sehr origineller und sorgfältiger wissenschaftlicher Beitrag für eine Psychologie der Entscheidung gelten kann.

 

Wolfgang Mertens im Januar 2017

 

Dank

 

 

 

Bei Herrn Prof. Dr. Wolfgang Mertens bedanke ich mich herzlich, dass er es mir ermöglichte, diese Arbeit als Dissertation im Department Psychologie, Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Abteilung Psychoanalyse und psychodynamische Forschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München zu verfassen. Danke für die Begleitung und das Vertrauen, die zahlreichen Literaturhinweise, das kontinuierliche Feedback und die Möglichkeit, Teile der Arbeit immer wieder im Kandidatenkolloquium vorzustellen und zu diskutieren. Herrn Prof. Dr. Andreas Hamburger danke ich herzlich für das Zweitgutachten.

Meinem Mann Stefan Saalfeld danke ich für die Gestaltung der Grafiken, vor allem aber für seine Geduld, seine Hilfe und den Beistand, wenn es darum ging, Familie, Berufstätigkeit und das Schreiben dieses Buches zu vereinbaren.

Herzlichen Dank an den Kohlhammer-Verlag für die Inverlagnahme und an Frau Grupp für die sehr gute Zusammenarbeit und das sorgfältige Lektorat.

 

Einleitung

 

 

 

Das Thema Entscheiden ist in aller Munde. Wie wir uns entscheiden, wann wir uns entscheiden, ob man auf den Kopf oder auf den Bauch hören soll, dass wir uns einfach nicht entscheiden können – all dies sind viel diskutierte Themen in Fachliteratur und populären Ratgebern.

Nie waren Menschen in der westlichen Welt so frei wie heute. An welchem Ort wir leben, welchen Beruf wir wählen, mit wem wir uns anfreunden, ob wir Kinder bekommen, womit wir unsere Zeit verbringen, wofür wir uns begeistern, all unsere Ideen und Pläne, die wir verwirklichen oder auch nicht – unser Leben wird bestimmt durch unsere aktiv getroffenen Entscheidungen – oder doch nicht?

Als Freud vor über hundert Jahren die Psychoanalyse entwickelte, war all dies kein Thema. Im Wien der behäbigen k. u. k. Monarchie war der Lebenslauf eines Kindes zum Zeitpunkt seiner Geburt weitgehend vorgezeichnet. So taucht der Begriff der Entscheidung bis auf wenige Stellen in Freuds Werk kaum auf. Doch viele Dichter, Dramatiker, Maler, Philosophen und eben auch Freud erkannten, dass das fin de siècle einen Umbruch markiert. Neben Aufbruchsstimmung und Fortschrittsglauben stehen Melancholie, Zukunftsangst und eine rätselhafte Erschöpfung (Fischer, 1978). In Freuds Werk wird der Begriff des inneren Konflikts zentral, unter dem der moderne Mensch leidet, der den Glauben an eine höhere Macht, die das Schicksal lenkt, verloren hat. Innere Konflikte, die Entscheidungskonflikte und Entscheidungsschwierigkeiten begründen, sind der Stoff, aus dem die Psychoanalyse entstand.

Wortgeschichtlich kommt Entscheiden von dem mittelalterlichen »das schwert entscheiden, aus der scheide ziehen« (Grimmsches Wörterbuch, 1862, Sp. 597, kurs. i. Orig.).1 Der Begriff lässt einen an das eine vom anderen scheiden, Entschiedenheit, Abschied und Sich-Bescheiden denken. Wer eine Möglichkeit wählt, legt sich fest und verzichtet auf eine Fülle alternativer Entwürfe. Im Zuge dessen muss Wichtiges von Unwichtigem getrennt werden und man muss sich von anderen Wünschen und Plänen verabschieden. Darüber hinaus weckt die mittelalterliche Bedeutung die Vorstellung von einem Kampf, einem Ringen, das als richtig Erkannte umzusetzen, daraus entstehender Verantwortung und einem völlig offenen Ausgang, da wir in die Zukunft hinein entscheiden, die wir nicht kennen.

Menschen können von einer Entscheidungstheorie zu Recht erwarten, dass sie ihnen hilft beim Finden und Priorisieren von Zielen, beim Kombinieren von Zweck und Mittel, Wunsch und Option sowie bei der Auswahl der vielversprechendsten Alternative. Es existieren viele wichtige Hinweise zum Handwerk des Entscheidens. Diese haben allerdings den Nachteil, dass sie in schwierigen Situationen häufig versagen. Menschen sind durchaus logisch denkende und rational entscheidende Akteure – aber nur dann, wenn sie Ungewissheit souverän tolerieren und über so viel Abstand verfügen, dass sie ein mögliches schlechtes Ergebnis nicht als persönliches Unglück empfinden. Doch meistens sind Menschen nicht so gelassen. Schwierige Entscheidungen gehen uns nahe, wir stoßen an Grenzen und stellen frustriert fest, dass wir einen Schritt nicht wagen oder dass wir nicht weiter wissen.

Denn in alle Entscheidungen spielt etwas hinein, das sich nicht so einfach beschreiben, systematisieren und in den Griff bekommen lässt, etwas, das sich den Schemata entzieht und das jede Entscheidung doch im Innersten prägt – das Unbewusste, der Forschungsgegenstand der Psychoanalyse. Die Psychoanalyse verfügt über einen enormen Erfahrungsschatz, wie Menschen sich warum unter welchen Umständen entscheiden. Eine ausformulierte psychoanalytische Entscheidungstheorie scheint es bislang nicht zu geben. Tatsächlich hat Leo Rangell (1971, 1986, 2004) eine solche entworfen. Diese ist allerdings weitgehend unbekannt geblieben.2 Darüber hinaus existieren in der psychoanalytischen Literatur sehr viele Ansätze, die das Thema beinhalten, wie beispielsweise Freuds Signalangsttheorie oder seine Ausführungen zu Primär- und Sekundärvorgang.

 

Im 1. Kapitel dieses Buchs geht es darum, zunächst einmal ein klares Bild vom Ablauf des bewussten Sich-Entscheidens zu gewinnen. Die einzelnen Entscheidungsschritte (Analyse der Entscheidungsgelegenheit, Zieldefinition und -priorisierung, Abgleich mit Optionen, Entschlussfassung) werden anhand neuester Ergebnisse aus der psychologischen Forschung diskutiert.

Psychologen zählten den Akt des Entscheidens lange Zeit zu den bewussten denkerischen Aktivitäten, den Kognitionen. Im Zuge dessen lautete die Empfehlung, sich bei Entscheidungen möglichst gut zu konzentrieren und Gefühle unbedingt auszuschalten. Nicht zuletzt eine Fülle neurowissenschaftlicher Befunde lenkte das Augenmerk seit den 1990er Jahren auf sowohl unbewusste als auch emotionale Faktoren bei sämtlichen Denkprozessen.3 Kognitive Gedächtnisforscher (z. B. Schacter, 1987; Markowitsch & Welzer, 2005), Motivationspsychologen (z. B. McClelland, Koestner & Weinberger, 1989) und Sozialpsychologen (z. B. Bargh, 1990; Aarts, Custers & Holland, 2007; Baumeister et al., 1998) haben seither eine Fülle an unbewussten Prozessen bei scheinbar bewussten Entscheidungsschritten nachgewiesen. Dadurch ergeben sich neuerdings viele Parallelen zur Psychoanalyse.

Die psychoanalytische Perspektive bildet den Schwerpunkt dieser Arbeit. Denn psychoanalytische Forscher beschäftigen sich seit über hundert Jahren mit unbewussten Absichten, begleitenden Emotionen und Entscheidungsschwierigkeiten. Separat erscheinende Einzelphänomene – wie beispielsweise die Neigung zur wunschgemäßen Wahrnehmung der Ausgangslage oder die Beobachtung, dass es Menschen schwerfällt, von vertrauten Lösungsroutinen abzuweichen – werden durch die psychoanalytischen Persönlichkeitskonzepte in einen Gesamtzusammenhang integriert. So können Entscheidungen bestimmten psychischen Bedingungen und Umständen zugeordnet werden.

Freud war überzeugt, dass sämtliche mentalen Phänomene, selbst flüchtige Stimmungen und Vorstellungen, auf verborgene Gesetzmäßigkeiten zurückzuführen sind. Sein zentrales Anliegen war die Erforschung des unbewussten Konflikts, eines grundlegenden inneren Motivationswiderspruchs. Ein Konflikt steht im Zentrum einer jeden Entscheidung. Ohne Konflikt ergäbe sich nicht der Wunsch oder die Notwendigkeit, eine Entscheidung zu treffen.4 Während der unbewusste Konflikt in der psychologischen Forschung noch immer eine terra incognita darstellt, gilt für die Psychoanalyse, sie sei »menschliches Verhalten – unter dem Gesichtspunkt des Konflikts betrachtet« (Ernst Kris, 1947, zit. n. Thomä & Kächele, 2006, S. 10). Dies prädestiniert die psychoanalytische Sicht, einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis von Entscheidungen zu leisten.

Beginnend mit Freud werden ab dem 2. Kapitel entsprechende klassische und ich-psychologische Theorien vorgestellt.5

Die psychoanalytische Metapsychologie (Freud, 1915e; Rapaport & Gill, 1959; Rapaport, 1960) wird schließlich zum Schlüssel einer subjektbezogenen Theorie der Entscheidung.6 Demnach haben Entscheidungen mehrere Dimensionen. Die Fähigkeit, sich mit einem Gefühl der Freiheit für das zu entscheiden, was einem wichtig und wertvoll ist, hängt – neben dem individuellen Gewordensein und dem interpersonellen Umfeld – ab von einer harmonischen Verbindung zwischen bedeutsamen Wünschen und Gedanken, Träumen und Abwägen. Die Fähigkeit, sich gut zu entscheiden, geht einher mit einer unbewussten Selbstdisziplin und inneren Werten, die einen psychischen Innenraum eröffnen. In diesem können sich regulierende Kompetenzen auf unbewusstem Niveau entfalten. Bedeutsam ist zudem, dass Menschen Selbsttäuschungen überwinden und frei über mentale Energie verfügen können.

Der Begriff der Entscheidung taucht im Werk Freuds nur an wenigen Stellen auf. Allerdings schrieb er, dass die Psychoanalyse dem Ich »die Freiheit schaffen soll, sich so oder anders zu entscheiden« (1923b, S. 280 Fn.). In Freuds Nachlass fand sich außerdem folgende Notiz: »Interessant, dass von frühen Erlebnissen, im Gegensatz zu später, alle verschiedenen Reaktionen sich erhalten, natürlich auch gegensätzliche. Anstatt der Entscheidung, die später der Erfolg wäre. Erklärung: Schwäche der Synthese, Erhaltung des Charakters der Primärvorgänge« (1941f, S. 151). Was sich hinter der rätselhaften Aussage verbirgt, ist Gegenstand dieses Buches.

1     Der Hinweis geht auf Strüwe (2010) zurück, der auf der Basis mehrerer germanistischer Wörterbücher aus dem althochdeutschen »sceidan«, »intsceidôn« die Bedeutungen »aus der Scheide ziehen, Trennung, Abschied, Unterscheidung, Grenze« ableitet (S. 19).

2     Von Rangell abgesehen, haben nur wenige psychoanalytische Autoren das Thema der Entscheidung explizit behandelt, z. B. Schwartz, 1984; Anscombe, 1986; Mertens, 2008.

3     Siehe z. B. Damasio 1997, 2011; LeDoux, 1998; Roth, 2007; Squire & Kandel, 2009; Solms, 2013.

4     »Eine Entscheidung ist die bewusste Auswahl einer Alternative aus mehreren Verhaltensmöglichkeiten, die vor dem Hintergrund eines Konflikts stattfindet« (Riesenhuber, 2006, S. 9).

5     Es gibt ein großes Spektrum an verschiedenen psychoanalytischen Schulen, wie etwa die Objektbeziehungstheorie, die schwere Entscheidungskonflikte beschreibt (z. B. Kernberg, 1983; Model, 1965), selbstpsychologische und relationale Ansätze (z. B. Kohut, 1971, 1977; Mitchell, 2003), die psychoanalytische Säuglings- und Bindungsforschung (z. B. Bowlby, 1975; Ainsworth et al., 1998; Stern, 1985) sowie die Mentalisierungstheorie (z. B. Fonagy et al., 2004). Nach Rangell (2004) lassen sich diese als Ausdifferenzierungen und Fortentwicklungen der klassischen Auffassungen verstehen.

6     »Gesundheit läßt sich eben nicht anders denn metapsychologisch beschreiben, bezogen auf Kräfteverhältnisse zwischen den von uns erkannten, wenn man will, erschlossenen, vermuteten, Instanzen des seelischen Apparates« (Freud, 1937c, S. 70, Fn.).

 

1          Ein Entscheidungsmodell

 

 

 

Was soll ich jetzt tun? Wenn wir uns diese Frage stellen, kommt es zur Unterbrechung von Gewohnheiten, über die wir in der Regel nicht begeistert sind – eine Entscheidung steht an. Es gilt zu überlegen, welche Alternativen es gibt und wie die Dinge sich in Zukunft entwickeln werden.

Wie soll ich mich entscheiden? Wer sich schon einmal mit Entscheidungstheorie beschäftigt hat, kennt vielleicht die empfohlenen Schritte hin zu einer guten Wahl (nach Hammond, Keeney und Raiffa, 1999):

1.    Ausgangslage: Wo stehe ich? Worum geht es?

2.    Ziele: Wohin möchte ich? Was möchte ich erreichen?

3.    Optionen: Wie komme ich dorthin? Wie erreiche ich das, was ich will?7

4.    Entschluss: Was soll nun geschehen?

Es ist also erstens wichtig zu wissen, worum es wirklich geht, damit man nicht »die Probleme löst, die man lösen kann, statt diejenigen, die man lösen soll« (Dörner, 1989, S. 46, kurs. i. Orig.). Zweitens sollte man eine Vorstellung davon entwickeln, was man wirklich will beziehungsweise was notwendig, erforderlich und realistisch ist, d. h. kurzfristige Wünsche sind von langfristig bedeutsamen Anliegen zu unterscheiden und hintanzustellen (vgl. Freud, 1911b).8 Drittens kommt es darauf an, Wege in Abhängigkeit von Zielen zu finden, statt umgekehrt Ziele an verfügbare Lösungen anzupassen (»Die Stelle wurde mir auf dem Silbertablett serviert, ich konnte sie nicht ausschlagen«; »Nachdem er mich derart bedrängt hat, hab ich ihn halt geheiratet«). Schließlich geht es um die Umsetzung des als richtig Erkannten, für gewöhnlich der schwierigste Part des gesamten Unterfangens.

All dies beschreibt einen bewussten Entscheidungsprozess. Als bewusst gelten diejenigen mentalen Akte, die beabsichtigt und überprüfbar sind, in Worte gefasst und in eine Reihenfolge gebracht werden können (Bargh & Morsella, 2008, S. 73). Bewusstsein ist eng an Aufmerksamkeit geknüpft und es ist eine Ressource, die uns nur begrenzt zur Verfügung steht (Freud, 1900a; Rapaport, 1953b; Kahneman, 2012), d. h. die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, lässt nach einer Weile nach. Anders als die mühelosen Routinen, die uns leicht von der Hand gehen, empfinden wir das Nachdenken und das Fassen eines Entschlusses deshalb als anstrengend (Achtziger & Gollwitzer, 2010).

Schwerpunkt dieses ersten Kapitels sind psychologische Entscheidungstheorien, die jeweils anhand der einzelnen Entscheidungsschritte vorgestellt werden.

Images

Abb. 1: Das empfohlene Vorgehen bei einer bewussten Entscheidung. Entscheidungen beginnen wir in der Regel mit einer Abwägung von Optionen: Soll ich dies oder jenes tun? Ist diese oder jene Lösung angemessen? Entscheidungstheoretiker empfehlen, zunächst die Ausgangslage zu analysieren. Davon ausgehend gilt es, sich langfristige bedeutsame Ziele vor Augen zu halten und konsequent aus den Zielen entsprechende Optionen abzuleiten. Diejenige Option, die die Anforderungen (die Hauptziele) am besten erfüllt, sollte beschlossen und umgesetzt werden.

1.1       Von der Schwierigkeit, die Ausgangslage zu erfassen

1926 stellte der Physiker Heisenberg fest, dass es unmöglich ist, die genaue Position und Geschwindigkeit eines Teilchens anzugeben, da eine Messung sowohl dessen Position als auch dessen Geschwindigkeit beeinflusst. Die sogenannte Unschärferelation, die Heisenberg daraufhin formulierte, besagt, dass man sich der objektiven Wirklichkeit immer nur annähern kann. Stephen Hawking (1988) bezeichnet die Unschärferelation als »eine fundamentale Eigenschaft der Welt (…). Man kann die Zukunft nicht voraussagen, wenn man noch nicht einmal die Gegenwart bestimmen kann« (S. 77).

Ähnlich ergeht es jemandem, der vor einer Entscheidung steht. Entscheidungsforscher empfehlen, zunächst (deklaratives) Wissen über die Ausgangslage zu aktivieren und sich dann Zeit zu lassen, damit sich das Wissen mit Hilfe unbewusster (nicht-deklarativer)Gedächtnisformen ordnet. Dies geht zurück auf die Beschreibung des kreativen Prozesses durch den Mathematiker Hadamard (1949) mit den Phasen Präparation, Inkubation, Illumination und Verifikation (zit. n. Bucci, 1997, S. 223).9 Erst auf dieser Basis soll eine proaktive Entscheidungsfrage formuliert werden, die dann den gesamten Prozessverlauf beeinflusst (Hammond et al., 1999, S. 38). Wer sich dieser Mühe nicht unterzieht, dessen Überlegungen sind in der Regel vorschnell und reaktiv, d. h. sie antworten zu stark auf zufällige Ereignisse und Anforderungen von außen. Das Ergebnis kann nicht im Sinne des Akteurs sein.

Dennoch bleibt es schwierig, die zentralen Komponenten eines Entscheidungsproblems zu erkennen. Der »unscharfe« Charakter der Ausgangslage wird mittlerweile auch im Rahmen von ökonomischen Entscheidungstheorien anerkannt, die die Optimierung von Zweck-Mittel-Hierarchien mittels mathematischer Methoden anstreben. Zwar gilt der homo oeconomicus, der rationale Entscheider mit klaren Zielen, als zunehmend überholt. Trotzdem ist das Ideal einer schnellen und systematischen Erfolgsoptimierung in wirtschaftspsychologischen Publikationen durchgehend erkennbar.

Aus psychologischer Sicht sind derartige Empfehlungen gut, aber eher unrealistisch. Ähnlich wie heutige Quantenphysiker in der Nachfolge Heisenbergs anstelle von exakten Parametern Möglichkeitsräume messen, gehen Psychologen davon aus, dass die Wirklichkeit niemals exakt erfasst, sondern vom Betrachter allenfalls mehr oder weniger korrekt konstruiert werden kann (Bartlett, 1932). Bei sämtlichen kognitiven Funktionen (z. B. wahrnehmen, analysieren, vergleichen, priorisieren) spielen Gedächtnisprozesse eine Schlüsselrolle. Um relevante Komponenten zu identifizieren und von Details zu abstrahieren, bedarf es der Aktivierung von nicht-deklarativem Erfahrungswissen. Das Ergebnis ist also stets subjektiv (vgl. Squire & Kandel, 2009, S. 66–82). Hinzu kommt, dass die zur Verfügung stehenden Informationen normalerweise begrenzt sind. Da niemand weiß, was die Zukunft bringt, können selbst weitgehend objektiv generierte Annahmen kaum über den Status von Hypothesen hinausgelangen.

Wenn wir also meinen, die Ausgangslage einer Entscheidung vollständig erfasst zu haben, sitzen wir einer kognitiven Illusion auf, die uns gleichwohl beim Denken hilft. Dazu gibt es eine Fülle von Belegen.

Der Sozialpsychologe Dietrich Dörner (1989), der Absichts- und Handlungs-planungen erforschte, fand heraus, dass die meisten Menschen Probleme falsch einschätzen und dementsprechend falsch zu lösen versuchen. Er demonstrierte dies am Beispiel der Tschernobyl-Katastrophe, die auf eine Serie von haarsträubenden Fehlurteilen von Experten zurückzuführen ist. Eigentlich geht man davon aus, dass gerade Experten in der Lage sein sollten, Entwicklungen richtig einzuschätzen. Aber dies trifft nicht unbedingt zu. Dörner belegte außerdem anhand von Planspielen, dass es für Personen mit einem hohen Intelligenzquotienten ähnlich schwierig ist, gute Entscheidungen treffen, wie für diejenigen mit einem niedrigen IQ.

Es ist schwer, wesentliche Einflussfaktoren innerhalb eines komplexen Problems zu erkennen und deren zukünftigen Verlauf einzuschätzen. Eine Vielzahl von attributionstheoretischen Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen es bevorzugen, Ursachenzuschreibungen nach selbstwertdienlichen Kriterien vorzunehmen (Heckhausen & Heckhausen, 2010b, S. 417). Eine realistische Kausalattribution findet in der Regel nicht statt, objektive Ursachen von Problemen werden nicht analysiert.

Bekannt sind in diesem Zusammenhang die Theorien von Festinger über kognitive Dissonanz und die im entscheidungstheoretischen Kontext häufig zitierte Selbstbestätigungstheorie von Steele (1988). Generell lässt sich sagen, dass es umso schwieriger ist, die Gegenwart zu erfassen, je mehr widersprüchliche, vielfältige und – weil zu Verunsicherung und Verwirrung führende – unangenehme Aspekte diese aufweist.

Leon Festinger (1957) wies nach, dass das Erleben von Widersprüchen zwischen Wahrnehmungen, Einstellungen und Absichten subjektiv als sehr unbefriedigend erlebt wird. Deshalb streben Menschen danach, derartigen mentalen Belastungen aus dem Weg zu gehen. Da bestätigende Informationen als angenehm empfunden werden, werden diese aktiv (aber außerhalb des Bewusstseins) gesucht, widersprüchliche und unangenehme Informationen dagegen werden vergessen, verleugnet oder anders interpretiert. Um ein möglichst wirklichkeitsgetreues Bild von der Ausgangssituation einer Entscheidung zu gewinnen, wäre es nötig, sich mit vielfältigen und widersprüchlichen Informationen auseinanderzusetzen.10 Dies geschieht in der Regel nicht, vielmehr werden gezielt und unbewusst diejenigen Informationen gesammelt, die zuvor generierte Hypothesen stützen (Gadenne & Oswald, 1986, zit. n. Dörner, 1989, S. 135).

Die Theorie der kognitiven Dissonanz beschreibt also eine unbewusste Strategie, unangenehme Spannungszustände zu reduzieren. Da sich Kognitionen leichter ändern lassen als Überzeugungen und tatsächliches Verhalten, werden widersprüchliche Aspekte extern attribuiert, beispielsweise indem man den Überbringer schlechter Nachrichten abwertet (Schacter & Singer, 1962, zit. n. Peus et al., 2011, S. 73). Auf diese Weise kann ein besseres Selbstwertgefühl aufrechterhalten werden. Dies ist aus subjektiver Sicht wichtiger als die Sache.

Die Theorie der kognitiven Dissonanz geht somit weit über Kognitionen hinaus. Es leuchtet intuitiv ein, dass insbesondere selbstunsichere Menschen Informationen, die ihrer Einstellung widersprechen, als bedrohlich empfinden und diese abwehren.

Steeles (1988) Selbstbestätigungstheorie beschreibt diesen Zusammenhang. Steele geht davon aus, dass Menschen nach einem integren Selbst streben, dass diese Integrität jedoch durch dissonante Informationen bedroht wird. Starke Dissonanz entsteht etwa dann, wenn jemand mit Wissenslücken konfrontiert ist. In einer größeren Studie ermittelte Steele, welche seiner Probanden über ein stabiles und welche über ein labiles Selbstwertgefühl verfügten. Er teilte die Probanden dann in verschiedene Gruppen ein und fand heraus, dass selbstsichere Menschen auf reifere Weise mit kognitiver Dissonanz umgehen. Sie können sich ihr Nicht-Wissen eingestehen. Selbstunsichere Probanden dagegen interpretieren Daten hochsubjektiv, um Verunsicherung zu vermeiden (Steele, Spencer & Lynch, 1993).

Es lässt sich also festhalten, dass bereits die Problemdefinition einer Entscheidung anspruchsvoll ist. Zu einer möglichen kognitiven Überforderung gesellen sich emotionale (z. B. selbstwertdienliche) Motive, die das Bild verzerren.

Die psychoanalytische Sicht

Freud (1900a) ging von vorneherein davon aus, dass Wahrnehmung höchst subjektiv und durch unbewusste Motive beeinflusst ist. Er meinte, dass sich das Unbewusste wie ein Filter über das Bewusstsein legt. Dieser Filter kann reale Gegebenheiten ausblenden, abschwächen oder verstärken. Dies gilt insbesondere dann, wenn innere Konflikte berührt werden, die stets das Denken beeinträchtigen. Bereits in seiner ersten Persönlichkeitstheorie (1900a) betonte Freud den konstruktiven Charakter der Wahrnehmung, die sich immer mit Gedächtnisspuren vermische (S. 543).

Arlow (1969b) formuliert es folgendermaßen: »Die Wahrnehmungsdaten werden nicht isoliert erfahren. Sie werden auf dem Hintergrund der vergangenen Entwicklung eines Menschen wahrgenommen und werden mit früheren Wahrnehmungen und mit deren Erinnerungsspuren verglichen. Wahrnehmungsreize werden selektiv nach Maßgabe der jeweiligen Erfahrungsmuster, die in dem betreffenden Augenblick vorherrschend sind, verarbeitet (…). Wahrnehmungen werden unmittelbar nach ihrem Input zu bedeutungsvollen Erfahrungen, weil sie mit anderen Daten verglichen und in Gedächtnisschemata integriert werden« (S. 30f, zit. n. Mertens, 1998, S. 70).

Arlow (1969a, 1969b) fand eine eingängige Metapher. Er verglich die bewusste Wahrnehmung mit einer Leinwand, auf die von zwei Seiten ein unterschiedliches Bild geworfen wird. Ein rückseitiger Apparat projiziert vergangene Erfahrungen, Wünsche, Trauminhalte, Phantasien und Erwartungen, die introspektiv nicht erfassbar sind. Der vordere Projektor bildet die äußere Welt ab. Für den Betrachter ergibt sich eine Durchdringung beider Bildebenen. Es ist kaum zu erkennen, wo die äußeren und wo die inneren Bildanteile liegen.11

Abschließend sei auf das Strukturkonzept der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD II, 2006) verwiesen, wo die Fähigkeit zur wirklichkeitsgetreuen Wahrnehmung als strukturelle Kompetenz und Persönlichkeitseigenschaft eingeführt und mit einem hohen Mentalisierungsniveau in Verbindung gebracht wird (S. 118). Personen, die über einen sicheren Standpunkt verfügen, können neue Informationen flexibler und offener verarbeiten, weil sie in der Lage sind, begleitende negative Affekte angemessen zu reflektieren und zu regulieren (s. a. Hodgins et al., 2006).

Es lässt sich festhalten, dass die Entscheidungsforschung eine eingehende Beschäftigung mit der Ausgangslage empfiehlt. Es gilt, die wesentlichen Elemente des Ist-Zustandes zu analysieren. Die psychologische Forschung betont, dass Individuen die äußere Wirklichkeit nur annäherungsweise erfassen können. Von der kognitiven Mühe abgesehen, beeinflussen frühere Erfahrungen, selbstwertdienliche Motive und augenblickliche Bedürfnisse die Sicht auf ein Entscheidungsproblem. Gerade deshalb bleibt der Rat sinnvoll, sich um einen möglichst unverfälschten Blickwinkel auf das Entscheidungsproblem zu bemühen.

1.2       Ziele, Motive und Ambivalenzen

Die Fähigkeit, Ziele zu entwickeln, sich wichtige Anliegen, Motive und Erfordernisse vor Augen zu halten, an Zielen trotz Schwierigkeiten festzuhalten, sich von lieb gewonnenen, aber unrealistischen Träumen zu verabschieden, kurzfristige Bedürfnisse zugunsten langfristig lohnender Aufgaben zurückzustellen, bedarf eines hohen mentalen Aufwandes. Ziele werden in die Zukunft hinein entworfen. Was bedeutet mir am meisten? Was ist morgen wichtig? Wie werden die Dinge sich entwickeln und welche Ziele werde ich erreichen können?

Ziele sind persönliche Anliegen und Wünsche, sachliche Erfordernisse (das ist notwendig) und beabsichtigte Handlungsfolgen (dafür entscheide ich mich, weil ich dieses oder jenes erreichen möchte). Dadurch werden sie zu Entscheidungskriterien (welche Lösung entspricht den Zielen am meisten?) und liefern einen Maßstab, um Ergebnisse nachträglich zu bewerten (Hammond et al., 1999, S. 46–49; Jungermann et al., 1998, S. 100–109).

Aus der Konzentration auf Ziele ergibt sich ein Potenzial an Möglichkeiten und nicht nur das: »Becoming committed to pursuing a goal – launching a current concern – changes a person. It changes the way the person feels, thinks and acts« (Klinger, 1987, zit. n. Mraz, 2008, S. 70).

Ziele sind die Dreh- und Angelpunkte von Entscheidungen. Was wir tun und wie wir es finden, hängt von den Zielen ab, die wir uns setzen (Kahnemann, 2012, S. 495). Die Festlegung auf ein Ziel geht mit spezifischen Verhaltensphänomenen einher. So geben Menschen sich mehr Mühe und sind bereit, Widerstände zu überwinden; nach Unterbrechungen nehmen sie zielrelevante Tätigkeiten ganz selbstverständlich wieder auf und erst nachdem sie ans Ziel gelangt sind, lässt ihre Motivation nach (Williams, Huang & Bargh, 2009, S. 1262). Beim Erreichen eines Ziels entstehen positive Gefühle. Bei Nichterreichen oder Hindernissen verschlechtert sich die Stimmung. Dies gilt selbst für Ziele, von denen man nicht einmal weiß, dass man sie verfolgt (Bargh & Chartrand, 1999, S. 472; Williams, Huang & Bargh, 2009, S. 1262; Chartrand & Bargh, 1999, S. 906).

Sozialpsychologen wie John Bargh und seine Mitarbeiter unterscheiden bewusste von introspektiv nicht unmittelbar zugänglichen Zielen und grenzen diese wiederum von Motiven ab. Bedürfnisse, die an realistische Erfordernisse und Handlungsstrategien angeglichen wurden, gelten als Ziele. Wenn jemand also das bewusst reflektierte Ziel verfolgt, gute Leistungen zu erbringen, könnte dem das Motiv zugrundeliegen, geschätzt und anerkannt zu werden. Die selbstverständliche, unreflektierte Gewohnheit, gute Resultate vorzuweisen, würde einer unbewussten Zielverfolgung entsprechen. Bewusste und unbewusste Ziele sind demnach kognitiv verarbeitete Bestrebungen. Motive sind nach Bargh und Chartrand (1999) umfassender und auf einem wesentlich abstrakteren Level angesiedelt (S. 469).

Motivationspsychologen wollen ausschließlich bewusste Ziele als solche gelten lassen.12 Im Zuge dessen grenzen sie die bewussten Ziele von den unbewussten Motiven ab, hier insbesondere Leistungs-, Anschluss- und Machtmotiv. Letztlich ist die Einteilung von Bargh allerdings überzeugender. Diese weist auch eine größere Nähe zu psychoanalytischen Ziel- und Motivkonzepten auf. Psychoanalytiker unterscheiden sozial gelernte Ziele, die sowohl bewusst als auch unbewusst repräsentiert sein können, von angeborenen und im Lauf des Lebens modifizierten Motivsystemen (»Trieb-Schicksale« nach Freud). Sie betonen die innere Konflikthaftigkeit sowohl von Zielen als auch von Motiven. Motive (Es-Triebe, Ich-Triebe) sind wesentlich rudimentärer und körpernäher konzipiert als die klassischen drei Motive der Motivationspsychologie (Leistungs-, Anschluss- und Machtmotiv).13

1.2.1     Bewusste Ziele im Rubikon-Modell der Handlungsphasen

Prozesse der bewussten Zielfindung und Zielbewertung stehen im Mittelpunkt motivationspsychologischer Arbeiten. Deshalb wird nun das wichtigste motivationspsychologische Entscheidungsmodell, das Rubikon-Modell der Handlungsphasen, vorstellt. Heinz Heckhausen entwickelte es ab den 1980er Jahren. Dieses Modell ist interessant, weil es bewusste Ziele bei der Handlungsorganisation und begleitende affektive Prozesse erforscht.

Zunächst zur zentralen Stellung der Ziele. Nach Achtziger und Gollwitzer (2010) gilt es als klassische Annahme der Motivationspsychologie, dass Menschen nach attraktiven und realisierbaren Zielen streben (»desirability« und »feasibility«; S. 313).14

Die erste (motivationale) Phase des Modells, die Phase der Zielbildung und -festlegung, bezeichnen Heckhausen und Gollwitzer (1987) als prädezisionale Phase der Intentionsbildung. Hier werden konkrete Ziele entwickelt. »Da die Bedürfnisse und Motive der Menschen gewöhnlich mehr Wünsche und Anliegen produzieren als realisiert werden können, ist ein Handelnder dazu gezwungen, sich zwischen diesen Wünschen und Anliegen zu entscheiden und einige davon in verbindliche Ziele umzusetzen« (Achtziger & Gollwitzer, 2010, S. 310–311). Der idealtypische Akteur des Rubikon-Modells generiert demnach aus Wünschen vergleichsweise entspannt Ziele, seine Ausgangslage weist beträchtliche Freiheitsgrade auf (was bei Entscheidungen eher selten der Fall ist bzw. eher selten so erlebt wird).

In einem zweiten Schritt werden den Zielen Optionen zugeordnet unter Abwägung aller Vor- und Nachteile. Die prädezisionale Phase steht also unter der Leitfrage: Was will ich genau, ist es realistisch und was folgt daraus?

Im Anschluss an diesen zielorientierten Abwägungsprozess erfolgt eine Festlegung auf das zu realisierende Ziel. Nun wird der sprichwörtliche Rubikon überschritten, die Entscheidung ist gefallen, die volitionale Phase beginnt.15 Ab hier herrscht laut Modell grünes Licht zum Planen und Handeln.

Der rationale Entscheidungsprozess, den das Rubikon-Modell beschreibt, weist eine hohe Ähnlichkeit mit Entscheidungsleitfäden auf (z. B. Hammond et al., 1999). Die Ziele sind konkret, hierarchisch strukturiert in Ober- und Unterziele, wichtigere und weniger wichtige Ziele (Kleinbeck, S. 2010, S. 301). Obwohl das Rubikon-Modell durchaus als ubiquitär konzipiert ist, wurde es in erster Linie innerhalb des leistungsthematischen Bereichs entwickelt und erforscht (z. B. in Bezug auf das Anstreben guter Zensuren). Gerade in diesem Bereich sind Ziele vergleichsweise präsent und es kann leicht überprüft werden, ob und in welchem Ausmaß ein Ziel erreicht wurde (ebd.).

1.2.2     Die unbewusste Dimension

Heinz Heckhausen (1989) hat selbst hat darauf hingewiesen, dass die Zielbildung im Rubikonmodell idealtypisch konzipiert sei und dass das Modell nicht auf impulsive oder automatisierte Handlungen und ebenso wenig auf übergeordnete Intentionen oder »Wertungsdispositionen« angewendet werden könne (zit. n. Mraz, 2008, S. 29). Trotzdem finden sich in dem Modell, das einen bewussten Entscheidungsprozess beschreibt, eine Fülle von unbewussten Komponenten. So weist Jutta Heckhausen darauf hin, dass die Aufmerksamkeit von konkurrierenden Zielen unmerklich abgezogen werde, sobald die Festlegung auf ein Ziel vollzogen sei (Heckhausen & Heckhausen, 2010a, S. 2). Neben dem Zielengagement gilt auch die Zieldistanzierung als aktiver – und unbewusstermentaler Prozess (vgl. Wrosch et al., 2003, zit. n. ebd.). Stellt sich heraus, dass ein Ziel nicht erreicht werden kann, wird dieses innerlich abgewertet (J. Heckhausen, 1999).

Mraz (2008) verweist auf einen »umgekehrten Rubikon-Effekt« bei ängstlichen Probanden (S. 55, S. 65; bezugnehmend auf Puca, 2005). Dieser hat kritisiert, dass sowohl Motive als auch Person- und Kontextfaktoren im Rubikon-Modell zu wenig Berücksichtigung fänden (ebd., S. 55). Er bemängelt insbesondere, dass der Unterschied zwischen aufsuchender (»Ich will ein gutes Ergebnis erreichen«) und meidender (»Ich will kein schlechtes Ergebnis erreichen«) Orientierung zu wenig beachtet werde (ebd., S. 31). Hier handelt es sich um die Dimension der Zuversicht versus Ängstlichkeit in Bezug auf Absichten, also die affektive Basis kognitiv repräsentierter Ziele.

Es kann festgehalten werden, dass das Rubikon-Modell einen idealtypischen Prozessverlauf zielorientierten Entscheidens abbildet. Das Rubikon-Modell geht von einem intelligenten, zuversichtlichen, hochmotivierten Akteur aus. Warum aber trifft man diese Entscheider im Alltag so selten an? Und warum sehen viele Menschen Entscheidungen nicht als Chance an, sondern empfinden sie als Belastung?

1.2.3     Die Bewusstseinslagenforschung

Der im Rubikonmodell skizzierte Entscheider steht nicht vor großen Problemen, Herausforderungen oder widersprüchlichen Anforderungen, er leidet unter keinem inneren Konflikt, sondern entwickelt proaktiv Ziele aus der Menge seiner Wünsche. Umso erstaunlicher ist, dass selbst dies eine Belastung darzustellen scheint.

Die Bewusstseinslagenforschung hat gezeigt, dass Abwägen und Analysieren einerseits und Planen und Handeln andererseits völlig gegensätzliche Stimmungen hervorrufen (siehe zusammenfassend Achtziger & Gollwitzer, 2010).16 Nachdenken und Abwägen gehen mit hoher Ablenkungsbereitschaft und wenig fokussierter Aufmerksamkeit einher. Dies ist grundsätzlich vorteilhaft, weil Unsicherheit und Offenheit für verschiedenste Informationen in der Phase der Zielbildung von Vorteil sind (ebd.). Unangenehme Begleiterscheinungen sind allerdings folgende: Es herrscht ein labiles Selbstwertgefühl, eine gedrückte Stimmung und ein gering ausgeprägtes Gefühl von Kontrolle. Die eigene Verletzbarkeit erscheint hoch, die eigene Partnerschaft brüchig, die Motivation nimmt rapide ab (ebd., S. 319 und 322).

Völlig anders verläuft die Planungsphase (nach »Überschreiten des Rubikons«). Nun gehen Akteure zuversichtlich und beschwingt ans Werk. Die Konzentration ist hoch, das Ziel erscheint in einem positiven Licht, es herrscht Optimismus in Bezug auf die Bewältigung der Aufgabe und auf die eigenen Fähigkeiten (ebd.).

Doch diese Befunde gelten nur für erfolgszuversichtliche Akteure. Bei misserfolgsmotivierten Teilnehmern ist mit einem höheren Ausmaß an negativen Affekten zu rechnen. So konnte gezeigt werden, dass die Erfolgserwartung bei misserfolgsmotivierten Teilnehmern in der Abwägungsphase höher ist als in der Planungsphase (Puca & Schmalt, 2001, zit. n. Mraz, 2008, S. 55). Bei Personen mit sozialer Ängstlichkeit fanden sich postintentional verstärkt Abwägungsprozesse (Hiemisch, Ehlers & Westermann, 2002, zit. n. ebd., S. 56) und damit eine gedrückte Stimmung.

Eine erhöhte Verunsicherung tritt allerdings selbst bei nicht-ängstlichen Menschen auf, sobald diese Ziele generieren, analysieren und priorisieren.

 

Ist das erhöhte Gefühl eigener Vulnerabilität mit mentaler Erschöpfung zu erklären, die daher rührt, dass aktives Nachdenken anstrengender ist, als sich den kontinuierlich ablaufenden Prozessen der unbewussten Handlungssteuerung zu überlassen (vgl. Baumeister et al., 1998)?

Eine weitere mögliche Erklärung findet sich bei dem der Psychoanalyse nahe stehenden Neurobiologen LeDoux (1999). Dieser führt aus, dass Menschen für ihre Fähigkeit nachzudenken einen hohen Preis zahlen. Sie zahlen mit der Angst, die im Zuge des Abwägens entsteht, weil man sich bei hoher Intelligenz eben auch gut vorstellen kann, dass ein sorgfältig ausgearbeiteter Plan scheitert (S. 191). Angst ist also immer im Spiel, wenn es um etwas Wichtiges geht (Freud, 1926d).17

Mertens (1992/1998) betont, dass bedeutsame Ziele stets Ambivalenz beinhalten: »Das, was die Umwelt als Erfolg erlebt, braucht für den Betreffenden selbst keineswegs ein Erfolg zu sein. Ein endlich abgelegtes Examen, das Freunde und Verwandte als großen Erfolg einschätzen, kann intrapsychisch betrachtet wie eine Niederlage erlebt werden. (…) Die Erlangung des Facharzt-Titels, den man sich als Erfolg so viele Jahre erträumte, ist mit vielen Abstrichen an Lebensfreude erkauft; die Sehnsucht nach der ›großen Liebe‹ aktualisiert unbewußt auch viele Ängste vor einer Beschneidung der persönlichen Autonomie usf. Der Sieg enthält implizit bereits die Niederlage« (S. 207).

In ähnlicher Weise schreibt der Psychoanalytiker Heinz Hartmann (1947): »Wir betonen die komplexe Natur [der] Ziele, die Tatsache, daß sie überdeterminiert sind und auch, daß in der Struktur der Ziele häufig Widersprüche enthalten sind« (S. 55).

Möglicherweise liegt es daran, dass selbst optimistische Personen in einen Zustand der Bedrücktheit fallen, sobald sie ernsthaft Ziele definieren und priorisieren.

1.2.4     Unbewusste Ziele in der Automotive-Theorie

Ziele sind Vorstellungen über zukünftige wünschenswerte Zustände. Sie sind bei Entscheidungen von großer Bedeutung. Denn Ziele beeinflussen die Sicht auf die Ausgangslage. Sie steuern Wahrnehmung, Gedanken und Urteile.18

Sozialpsychologen gehen heute davon aus, dass Ziele unbewusst entwickelt, gewählt, verfolgt und wieder verworfen werden können (z. B. Bargh, 1990; Aarts, Custers & Holland, 2007).19 Unbewusste Ziele bleiben lange aktiv, warten quasi im Stillen auf eine passende Gelegenheit und lenken die ganze Zeit unmerklich Denken und Verhalten. Dieser Auffassung liegt eine neue Sicht auf das Unbewusste zugrunde, die weit über die ursprünglich von Kognitionspsychologen vertretene Auffassung eines aus starren Routinen bestehenden Unbewussten hinausgeht. Heute werden Operationen des Unbewussten zunehmend als intelligent, anspruchsvoll, umfassend, flexibel und interaktiv konzipiert (Kihlstrom, 1987; Bargh & Morsella, 2008).

Wie kann man sich unbewusste Ziele vorstellen? Dies hat John Bargh (1990) untersucht. Seine Theorie des automatischen Zielstrebens (Auto-motive theory) bildet den Schwerpunkt dieses Kapitels.

Laut Bargh wurde die Rolle unbewusster Ziele bereits in der Bewegung des New Look in der Wahrnehmung in den 1950er und 60er Jahren thematisiert (ebd., S. 97). Der psychoanalytische Forscher Lloyd H. Silverman zeigte, dass unbewusste Absichten Wahrnehmungs- und Urteilsprozesse steuern.2021