Mojib Latif

Die Meere, der Mensch und das Leben

Bilanz einer existenziellen Beziehung

Logo

Impressum

Titel der Originalausgabe: Die Meere, der Mensch und das Leben. Bilanz einer existenziellen Beziehung

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017

Überarbeitete und aktualisierte Neuausgabe des Buchs: Das Ende der Ozeane. Warum wir ohne die Meere nicht überleben werden © Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2014

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal

Umschlagmotiv: © Toltek – istock

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book): 978-3-451-81235-4

ISBN (Buch): 978-3-451-06929-1

„Fische, Strömungen, Wellen und Wind richten sich nicht nach den Grenzen, die der menschliche Geist sich ausgedacht hat.“

Elisabeth Mann Borgese (1918-2002)

Inhalt

Vorwort

1. Die Meere verstehen

2. Der unbekannte Lebensraum

Blicke in die Tiefe
Fundamentales über die Ozeane

Zwischen Atmosphäre und Ozean
Das Meereis

Unendliche Kommunikation
Die Meeresströmungen

Wissen ist Macht
Ozeanbeobachtungen

Virtuelle Meereswelten
Computermodelle

3. Das Leben in den Ozeanen

Ozeanische Volkszählung
Der Census of Marine Life

Leben in der Finsternis
Erkundung der Tiefsee

4. Die Vergiftung der Ozeane

Lizenz zur Katastrophe
Ölverschmutzung

Die große Deponie
Plastikmüll

Strahlende Strömungen
Radioaktivität

Das andere CO2-Problem
Kohlendioxid und die Ozeanversauerung

5. Die Ozeane und das Klima

Die große Klimaanlage
Der Einfluss der Meere

Langsame Riesen
Die Trägheit der Ozeane

Motor für Klimaschwankungen
Die Ozeane als Schwungrad

6. Der gegenwärtige Zustand der Meere

Langsam, aber gewaltig
Die Ozeane im Klimawandel

Zeitbomben im Meer
Die Ozeane und das Kohlendioxid

Im Treibhaus
Die Erwärmung der Erdoberfläche

Der große Wärmespeicher
Die tieferen Meeresschichten

Der große Rückzug
Das Arktiseis

Aufnahme begrenzt
Der Ozean und das Klima während dieses Jahrtausends

Kollaps der Ökosysteme?
Langfristige Konsequenzen der Ozeanversauerung

7. Die Zukunft der Ozeane

Das Klima von morgen
Mögliche Szenarien

Eine Erde ohne Meere
Ein Gedankenexperiment

Canfield-Ozeane
Der Kollaps der Meere

Triumph der Mikroben
Die Medea-Hypothese

Schlafende Klimakiller?
Methanhydrate

Die Zukunft ist ungerecht
Regionale Klimaänderungen und ihre Folgen

Sauerstoffproduktion am Ende?
Die Zusammensetzung der Luft

Maritime Massentierhaltung
Nahrungsquelle Ozean

8. Wo stehen wir heute?

Dank

Anmerkungen

Vorwort

Dieses Buch über die Ozeane ist als Weckruf gedacht. Als Mahnung an uns alle, die Meere endlich zu schützen. Denn wir behandeln die Ozeane schlecht. So schlecht, dass die Meere inzwischen ächzen. Und wir Menschen bürden ihnen immer mehr Lasten auf: Die Ozeane leiden unter dem Klimawandel, unter den Auswirkungen der globalen Erwärmung. Sie leiden zudem unter einem Gas, das wir unentwegt in die Luft blasen, wenn wir zur Energiegewinnung Kohle, Öl oder Gas verbrennen. Ich meine den Hauptverursacher der Erderwärmung, das Kohlendioxid (CO2), das die Meere versauern lässt und somit als Umweltgift wirkt.

Wir beuten die Meere ohne Gnade aus. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die Überfischung. Mit unseren modernen Fangmethoden haben wir die globalen Fischbestände in einer Größenordnung dezimiert, womit noch vor ein paar Jahrzehnten niemand gerechnet hätte. Mindestens ein Drittel der weltweiten Fischbestände ist überfischt oder zusammengebrochen.1 2 Es könnten aber auch fünfzig Prozent sein. Die Datenlage ist schlecht, und die einschlägigen Studien widersprechen sich zum Teil. Es ist aber müßig, darüber zu streiten. Der Fakt der Überfischung bleibt. Mitte der 1970er-Jahre waren es Schätzungen zufolge „nur“ etwa zehn Prozent der weltweiten Fischbestände, die überfischt waren. Heute gelten fast neunzig Prozent der Bestände zumindest als gefährdet. Nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe (DUH) waren im Jahr 2012 47 Prozent der untersuchten Fischbestände im Atlantik und achtzig Prozent der Bestände im Mittelmeer überfischt.3 Eine Folge: In den vergangenen fünfzehn Jahren ist der Fischfang in den EU-Ländern um ungefähr vierzig Prozent zurückgegangen. Außerdem verenden überflüssigerweise jedes Jahr Millionen Tonnen Jungfische und andere Meeresbewohner als Beifang. Und man dringt immer mehr in die Tiefsee vor, um auch diese zu befischen. Noch vor wenigen Jahrzehnten war es technisch kaum möglich, Netze tiefer als 500 Meter hinabzulassen. Heute fischt man schon bis in 2000 Metern Tiefe. Die Fangflotten der Industrieländer sind mittlerweile gezwungen, weite Reisen zu unternehmen, um die enorme Nachfrage in ihren Heimatländern zu bedienen. Ihre eigenen Gewässer geben nicht mehr viel Fisch her. Damit besteht die Gefahr, dass man vielen Millionen Küstenbewohnern, etwa vor den Küsten Westafrikas, die Existenzgrundlage entzieht. Aufgrund dessen würde sich der Nord-Süd-Konflikt verschärfen, der große Unterschied im Wohlstand zwischen den Industrie- und den Entwicklungsländern. Worin man eine Form des modernen Kolonialismus erkennen kann. Die Überfischung der Weltmeere ist ein ökologisches Desaster und eine ökonomische Sackgasse. Darüber sind sich die Experten einig. Wir versuchen, den Verlust der Nahrung aus dem Meer durch Aquakultur zu kompensieren, durch Farmen im Meer in küstennahen Gewässern. Dabei begehen wir die gleichen Fehler wie bei der Massentierhaltung auf Land. Die Tiere werden auf viel zu engem Raum gehalten, und Krankheiten wird mit Tonnen von Antibiotika vorgebeugt. Eine nicht nachhaltige Aquakultur verseucht die Meere, das sollten wir bedenken, wenn wir spottbillige Meeresfrüchte kaufen.

Wir benutzen die Ozeane zudem als riesige Müllkippe. Ein spektakuläres Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: die Dreifach-Katastrophe aus Seebeben, Tsunami und Kernschmelze in Fukushima im März 2011. Seit der Reaktorkatastrophe sind Millionen Tonnen hoch verstrahlten Kühlwassers aus der japanischen Atomanlage in den Pazifischen Ozean gelangt. Niemand weiß genau, wie viel dieser Brühe bis jetzt ins Meer geflossen ist und womöglich immer noch fließt. Von den Verantwortlichen wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Die Betreiberfirma Tepco ist inzwischen zum Sinnbild einer Wirtschaftsweise geworden, die auf nichts und niemanden Rücksicht nimmt. Schon gar nicht auf die Ozeane. Frei nach dem Motto: „Nach uns die Sintflut.“ Über die Langzeitfolgen der Radioaktivität wissen wir nur sehr wenig.

Die Menschen betreiben mit den Meeren in gewisser Weise ein gigantisches Experiment. Wie es ausgehen wird, können wir nicht vorhersehen. Wir kennen ja noch nicht einmal alle Lebewesen im Meer. Vermutlich birgt die Tiefsee Millionen noch unentdeckter Spezies, wenn man die Mikroben mit einrechnet. Die Zusammenhänge sind außerdem viel zu komplex. So kennen wir beispielsweise die Auswirkungen der Überfischung auf die gesamte marine Lebewelt nicht in Gänze. Fische sind schließlich Teil von Ökosystemen. Vorsicht ist bekanntlich die Mutter der Porzellankiste. Es sollte also stets das Vorsorgeprinzip gelten. Wenn die Wissenschaft nicht ganz genau weiß, wie die Meeresökosysteme auf die vielen menschlichen Einflüsse reagieren werden, dann ist das schon für sich genommen ein sehr guter Grund dafür, die Ozeane nicht weiter dermaßen zu schinden, wie wir es während der letzten Jahrzehnte getan haben. Die Belastbarkeit der Ozeane hat Grenzen. Wir sind dabei, sie auszuloten. Zum Teil haben wir sie schon längst überschritten.

Egal ob Radioaktivität, Öl, Gifte, Plastik, Kunstdünger oder Abwässer: „Immer rein ins Meer“ – dieser Parole folgen wir unbeirrt. Das Meer erscheint uns eben unermesslich groß. Was kann da schon das bisschen Abfall anrichten? Die Ozeane werden damit schon irgendwie fertig werden. Das glauben wir jedenfalls. Ihre Hilferufe hören wir nicht. Das können wir auch gar nicht. Das Meer macht sich nicht durch Geräusche bemerkbar, wenn es leidet. Nein, es akkumuliert still unsere Sünden und ändert sich nur ganz allmählich, sodass wir es kaum wahrnehmen können.

Was sich ändert, ist seine Temperatur. Sie steigt langsam, aber kontinuierlich. Was sich ändert, sind die chemischen und biologischen Eigenschaften der Ozeane. So erhöht sich stetig der Säuregrad der Meere, weil wir pausenlos riesige Mengen Kohlendioxid in die Luft blasen und die Meere einen beträchtlichen Teil des Stoffes aufnehmen, aus dem bekanntermaßen die globale Erwärmung hervorgeht. Was sich ändert, sind, für uns kaum spürbar, die Meeresströmungen. Unsere Unvernunft kann vielleicht sogar dazu führen, dass langsam einigen Meeresregionen buchstäblich die Luft ausgeht. Die Todeszonen der Meere, die Sauerstoffminimumzonen, wie die Wissenschaftler sie in ihrer langweiligen und nichtssagenden Sprache nennen, könnten sich ausdehnen. Weil sich das Wasser erwärmt oder die Meeresströmungen wegen der globalen Erwärmung vielleicht des Öfteren einen etwas anderen Weg nehmen könnten und dann die sauerstoffarmen Meeresgebiete noch seltener oder überhaupt nicht mehr aufsuchen würden, um das lebenswichtige Gas dorthin zu schaffen. Oder weil die Menschen wegen der Art und Weise, wie sie Landwirtschaft betreiben, immer mehr Salze wie Nitrat oder Phosphat in die Küstengewässer einleiten – die Wissenschaft spricht treffenderweise von Nährstoffen –, die gigantische Algenblüten auslösen können. Denn wenn tote Algen absinken und sich in ihre Bestandteile auflösen, wird enorm viel Sauerstoff verbraucht. Und der fehlt dann den anderen Meeresbewohnern. Jede(r) kennt die dadurch bedingten Ereignisse von gelegentlich auftretendem, massenhaftem Fischsterben, nicht nur in entlegenen Regionen der Welt, sondern auch in unseren heimischen Küstengewässern.

Wir machen außerdem eine Menge Lärm im Meer. Ja, wir lassen sogar Sprengsätze explodieren. Verursachen damit einen derart hohen Lärmpegel, den wir uns selbst niemals zumuten würden. Wie etwa bei der Suche nach den noch verbleibenden fossilen Energiereserven. Bei seismischen Untersuchungen des Meeresbodens werden „Schallwellen“ eingesetzt, die über mögliche Erdgas- und Erdölvorkommen Auskunft geben sollen. Wir Wissenschaftler haben eine seltsam abwiegelnde Sprache. Auf gut Deutsch würde man einfach nur von unerträglichem Krach sprechen, mit dem die Industrie den Meeresboden kilometertief erkundet. Diese Experimente werden mit sogenannten „Airguns“ durchgeführt, Druckluftkanonen also, mit denen man zeitlich aufeinander abgestimmte, extrem laute Explosionen erzeugt. Dabei handelt es sich um Druckluftknalle mit bis zu 265 Dezibel. In Wohngebieten sind in Deutschland nachts gerade mal 35 Dezibel erlaubt.4 Die enormen Druckwellen werden typischerweise alle zehn Sekunden abgefeuert, 24 Stunden am Tag, und das über Wochen oder sogar Monate. Das verletzt oder tötet auf der Stelle viele Lebewesen in der unmittelbaren Nähe der Detonationen, führt dazu, dass viele Meeresbewohner ihre Habitate verlassen, und beeinträchtigt natürlich auch den Fischfang in diesen Gewässern. Der Lärm kann zudem das Gehör von Walen beeinträchtigen, als wären sie nicht schon genug gebeutelt. Für die Wale ist das Gehör das wichtigste Sinnesorgan. Die Fähigkeit zu hören ist für alle Schlüsselfunktionen ihres Lebens wie etwa die Nahrungssuche, die Orientierung und das Sozialverhalten unersetzlich. Lärm kann auch dazu führen, dass die Wale ihre natürlichen Lebensräume verlassen und vielleicht an Küsten stranden, um dann elendig zugrunde zu gehen. Jegliche Beeinträchtigung des Hörvermögens, sei es durch physischen Schaden oder durch die Überlagerung mit anderen Geräuschen, kann die Lebensfähigkeit einzelner Wale und selbst ganzer Walpopulationen stark herabsetzen. Der durch den Menschen verursachte Lärm trägt in der marinen Umwelt bereits zu einem recht hohen Hintergrundlärmpegel bei, und der nimmt stetig zu. Die menschgemachte Hintergrundlärmbelastung hat sich in einigen Regionen in den letzten fünfzig Jahren verdoppelt bis verdreifacht.5

Aber die ohrenbetäubende Suche nach den Rohstoffen ist immer nur der Anfang. Findet man das ersehnte Öl oder Gas, geht die Umweltzerstörung erst richtig los. Dann nimmt der Wahnsinn seinen Lauf. Wen stört schon der Austritt von Öl am Meeresboden. Wir sehen es ja schließlich nicht. Und erzählen wird es uns auch niemand, zumindest nicht freiwillig. Es sei denn, das Öl kommt an die Oberfläche und verschmiert ganze Küsten, wie zuletzt 2010 im Golf von Mexiko. Auf hoher See lassen Schiffe pausenlos illegal Öl ab. Das ist ein offenes Geheimnis. Zuletzt wurde uns dieser Sachverhalt im März 2014 vor Augen geführt, als man nach der verschollenen Boeing der Malaysia Airlines im Indischen Ozean suchte und eine kilometerlange Ölspur sichtete, von der man anfänglich annahm, dass es sich um die Absturzstelle des Jets handeln könnte. Wie sich allerdings schnell herausstellte, stammte das Öl von einem Schiff, ein alltäglicher Vorgang, der sich vermutlich jedes Jahr tausendfach im offenen Ozean wiederholt, ohne dass es jemand mitbekäme.

Die Ozeane und ihre Bewohner leiden unter den Menschen, das wissen wir schon lange. Wir verdrängen es aber und wollen es nicht wahrhaben. Die industrielle Ausbeutung der Ozeane hat ein Ausmaß erreicht, das die marinen Ökosysteme aufs Äußerste beansprucht oder ganz zerstört. Die Küstengebiete sind enormen Belastungen ausgesetzt, gerade dort tritt die Funktion der Ozeane als Mülldeponie deutlich hervor. Heute schon kann man Weltkarten zeichnen, auf denen die extrem gefährdeten Gebiete zu sehen sind. Viele Meeresgebiete sind bereits ziemlich gestresst. Über vierzig Prozent der Ozeane unterliegen einem starken menschlichen Einfluss. Es sind zwar nur 0,5 Prozent aller Meeresgebiete extrem stark belastet, die Fläche ist mit ca. 2,2 Millionen Quadratkilometern (km2) jedoch sechsmal größer als die Fläche Deutschlands. Und es sind eben nicht nur die chinesischen Randmeere, die uns Sorgen bereiten. Das denken wir doch insgeheim. Die Dinge passieren doch immer nur ganz weit weg. Die Menschen in der alten Welt und gerade wir in Westeuropa sind doch die Guten, die Vorreiter für eine saubere Umwelt.

Weit gefehlt. Ein Beispiel: Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat 2013 die neue Rote Liste der Meeresorganismen publiziert.6 Die Roten Listen beschreiben die Gefährdungssituation der Tier-, Pflanzen- und Pilzarten und stellen mit ihren Gesamtartenlisten eine Inventur der Artenvielfalt dar. Etwa alle zehn Jahre werden sie unter Federführung des BfN für ganz Deutschland herausgegeben. Die aktuelle Rote Liste ist die bisher umfassendste nationale Gefährdungsanalyse für Meeresorganismen. Sie entstand in sechsjähriger Arbeit und beruht auf den Analyseergebnissen für gut 1700 Arten. Von allen untersuchten, in den deutschen Küsten- und Meeresgebieten vorkommenden Fischarten, bodenlebenden Wirbellosen – das sind Tiere ohne Wirbelsäule – und Großalgen wie Seetang stehen inzwischen dreißig Prozent auf der Roten Liste und sind damit als gefährdet einzustufen. Lediglich 31 Prozent sind nachweislich nicht gefährdet. Vor allem die Fischerei und Nährstoffeinträge beeinträchtigen die Arten und Lebensgemeinschaften in Nord- und Ostsee. Darüber hinaus zerstören Abbau- und Baggerarbeiten den Lebensraum festsitzender Arten. Von den 94 untersuchten Fischarten stehen schon 22 auf der Roten Liste, vier weitere auf der sogenannten Vorwarnliste. Für 21 Arten liegen nicht genug Daten für eine sichere Einordnung vor. Auf der neuen Roten Liste stehen auch Knorpelfische wie der Dornhai und der Glattrochen. Ihre Lage ist laut BfN als kritisch zu bewerten. Hauptursache für ihren Schwund sei die übermäßige Fischerei mit Grundschleppnetzen, die selbst in den Meeresschutzgebieten weitgehend unkontrolliert stattfinde.

Einige deutsche Küstengewässer gehören auch schon zu den stark gefährdeten Zonen, zu den Gebieten, die kurz vor dem Umkippen stehen, genauer gesagt vor dem ökologischen Super-GAU. Wissenschaftler um den im kalifornischen Santa Barbara forschenden Benjamin Halpern haben eine Grafik erstellt, die die Belastung der marinen Ökosysteme im Weltozean zeigt, gewissermaßen ein Atlas des menschlichen Einflusses auf die Weltmeere. Dieser Atlas entstand durch Überblenden mehrerer Karten. Zunächst unterteilten die Wissenschaftler die Meeresgebiete in Ökosysteme. Sie unterschieden zwanzig verschiedene Varianten, darunter Korallenriffe, Seegrasbereiche, Meeresberge, Mangrovenwälder und Lebensgemeinschaften in einigen Schelfmeeren. Die Forscher wählten siebzehn ganz unterschiedliche menschliche Einflüsse oder Eingriffe aus und analysierten, wie sich diese auf die Ökosysteme auswirken.7 Zu den Stressfaktoren zählten beispielsweise die Verschmutzung mit Chemikalien, die Überdüngung mit Nährstoffen, der Temperaturanstieg durch den Klimawandel und die Versauerung durch die marine Kohlendioxidaufnahme, wie auch die Fischerei und Schifffahrt.

Heraus kam eine Karte, die in einer sechsstufigen Farbskala von sehr gering bis sehr hoch den menschlichen Einfluss illustriert. Für diesen Zweck entwickelten die Wissenschaftler eine Art Stressindex, der summarisch die Belastung der Ökosysteme in den verschiedenen Meeresregionen beschreibt. Je größer der Wert des Indexes ist, umso belasteter sind die Gebiete. Die Karte ist zugegebenermaßen auch etwas irreführend, weil sie vorgaukelt, dass es aus allen Meeresgebieten genügend Informationen gibt, die belastbare Aussagen erlauben. Und zudem weiß kein Mensch, wie sich multiple Stressfaktoren tatsächlich auf die Ökosysteme auswirken. Trotzdem war und ist die Karte der bisher einzige Versuch, die ziemlich flächendeckende Belastung der Meere durch die Menschen darzustellen. Kritisieren lässt sich immer etwas. Aber es ist offenkundig, dass Stressfaktoren wie die Erwärmung, die Versauerung oder die jahrzehntelange Verschmutzung der Ozeane nicht ohne Folgen bleiben können. Ich begrüße deswegen den Versuch der Kartierung ausdrücklich, lässt sie doch schon heute einige wichtige Schlussfolgerungen zu.

Die Autoren der Studie wählten braune Farbe, um die am meisten gefährdeten Meeresgebiete darzustellen. Ich nehme an, weil man mit ihr üblicherweise schmutziges Wasser in Verbindung bringt. Ja, es stimmt, die Ökosysteme an einigen Küsten Chinas stehen schon kurz vor dem Kollaps. Teile der Nordsee sind in der Grafik allerdings ebenfalls bräunlich eingefärbt: an der norwegischen Küste, vor Schottland und im Ärmelkanal. Die unglaubliche Belastung der Meere vollzieht sich also auch schon vor unserer Haustür. Die Ölförderung in der Nordsee ist einer der Hauptgründe. Unter dem Titel „License to Spill“8, auf Deutsch „Die Lizenz zum Verschütten“, hat der deutsche Politologe Steffen Bukold im Auftrag der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen eine Studie über die Ölverschmutzungen in der Nordsee erstellt und im April 2014 vorgestellt.9 Der Kernsatz zu Beginn der Studie lautet: „Die Offshore-Ölförderung in der Nordsee ist und bleibt riskant. Das belegen die Unfälle und Beinahe-Katastrophen der letzten Jahre. Fast täglich wird die Nordsee mit Öl und schädlichen Chemikalien verschmutzt, sei es durch Unfälle, Unachtsamkeiten oder Materialermüdung.“

Zu den bisher am wenigsten gefährdeten Gebieten zählen die polaren Ozeane, die vermutlich deswegen in der von Benjamin Halpern und seinen Kollegen erstellten Abbildung blau sind, weil wir uns gedanklich so die unbelasteten Ozeane vorstellen. Aber das kann sich schnell ändern, wie wir weiter unten noch sehen werden, wenn wir uns mit dem Meereis der Arktis befassen werden. Denn der Wettlauf um die in der Arktis schlummernden Rohstoffe hat schon längst begonnen.

An dieser Stelle sei noch auf eines ausdrücklich hingewiesen. Die menschlichen Eingriffe mögen hinsichtlich bestimmter Aspekte als klein erscheinen. Trotzdem sind die Folgen gravierend. Das beste Beispiel ist das Klimaproblem in Form der globalen Erwärmung. Die sogenannten Spurengase wie Wasserdampf (H2O), Kohlendioxid (CO2) oder Methan (CH4) besitzen einen Anteil an der Erdatmosphäre von noch nicht einmal einem Zehntel Prozent. Stickstoff dagegen hat einen Anteil von 78 Prozent und Sauerstoff von 21 Prozent. Zusammen machen die beiden Hauptgase also 99 Prozent unserer Lufthülle aus. Und dennoch bestimmen die Spurengase unser Klima durch den sogenannten Treibhauseffekt, der die Erdoberfläche um ungefähr 33 °C erwärmt und damit die Erde überhaupt erst bewohnbar macht. Bei einer Verdopplung des heutigen Kohlendioxid-Gehalts in der Atmosphäre wäre das CO2 zwar immer noch ein Spurengas, mit einem Anteil von nur ca. 0,08 Prozent. Die globale Erwärmung läge allerdings im Bereich von mehreren Grad Celsius. Das sind Welten im Klima! Darauf kommen wir weiter unten noch zurück, wenn wir auf den Klimawandel zu sprechen kommen und seine Auswirkungen auf die Meere. Oft hört man als Argument dafür, dass der Mensch das Klima gar nicht nennenswert beeinflussen könne: „Was kann eine solch kleine Störung durch den Menschen schon anrichten?“ Das Beispiel der Spurengase zeigt, dass es eben nicht auf die absoluten Mengen ankommt. Ein wenig Arsen kann uns schließlich auch umbringen. Und nur ein einziger Tropfen Öl kann bis zu 600 Liter Trinkwasser ungenießbar machen. So viel zu diesem Scheinargument.

Wir wissen bestimmt nicht alles, was durch unser Zutun in den Weiten der Ozeane vor sich geht. Höchstwahrscheinlich ändert sich durch unsere Aktivitäten sehr Vieles in den Meeren, von dem wir noch gar nicht wissen, dass es sich überhaupt ändert. Etwa in der Tiefsee, wo wir nicht schnell einmal vorbeischauen oder unsere Messinstrumente hinnavigieren können. Wir Wissenschaftler sind nicht allwissend und haben bei weitem nicht alle Zusammenhänge in den Ozeanen verstanden. Wir können deswegen auch nicht ohne weiteres die Folgen des menschlichen Handelns auf die Meere antizipieren. Erinnern wir uns kurz: Kein Wissenschaftlicher hat das Ozonloch über dem Südpol vorhergesagt, obwohl man die ozonschädliche Wirkung der zu den Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) gehörenden Treibgase in den Sprayflaschen und die anderer FCKW-enthaltender Produkte schon lange kannte. Überraschungen sind programmiert, wenn es um die Auswirkungen unserer Aktivitäten auf die Umwelt geht.

Zurück zu den Ozeanen: CO2, das wichtigste Gas für die Erderwärmung, das durch den Menschen bei der Verbrennung der fossilen Brennstoffe zur Energiegewinnung in die Luft geblasen wird, können wir in einigen Meeresgebieten wie dem Nordatlantik schon in 3000 Metern Tiefe messen. Wir wissen aber nicht genau, was das CO2 da unten anrichtet. Stellen Sie sich mal vor, das CO2 sollte unter Ihrem Haus gelagert werden. Auch wenn Sie nicht genau wüssten, was das im Detail für Sie bedeuten würde, könnte ich mir gut vorstellen, dass Sie sich dagegen mit Händen und Füßen sträuben würden. Die Meeresbewohner dort unten fragt keiner, ob sie das Zeug haben möchten, und wehren können sie sich auch nicht dagegen. Sie müssen es klaglos ertragen.

Die wenigen verfügbaren Messungen aus den Ozeanen sprechen bereits heute eine eindeutige Sprache: die des Ozeanwandels. Und diese Sprache sollten wir schleunigst verstehen lernen, denn es steht nicht weniger als das Wohlergehen der Menschheit auf dem Spiel. Irgendwann werden uns die Meere die Rechnung für unsere Hybris präsentieren, eine wahrscheinlich ziemlich saftige Rechnung. Eine, die wir nicht ohne weiteres werden begleichen können. Eine schnelle „Reparatur“ der Meere wird dann nicht mehr möglich sein. Die Artenvielfalt wird zurückgehen und die Zusammensetzung der Spezies sich ändern. All das zeichnet sich heute schon ab. Viele Vorgänge werden vielleicht sogar irreversibel sein, unumkehrbar. Oder eine Erholung der Ozeane wird sehr lange Zeit in Anspruch nehmen, Jahrhunderte oder auch Jahrtausende, Zeit, die wir dann nicht mehr hätten. Ökosysteme können schnell kippen, erholen sich aber nur sehr langsam, wenn denn überhaupt. Noch einmal: Niemand kann sicher vorhersagen, wie sich die Ozeane unter dem Einfluss der Menschen ändern werden. Wollen wir das Wagnis aber wirklich eingehen und einfach so weitermachen wie bisher, um herauszufinden, wie das Ergebnis ausfallen wird?

Wir stehen am Scheideweg. Einige Meeresregionen werden vermutlich schon bald die Grenzen ihrer Belastbarkeit erreichen, in einigen Gebieten ist dies bereits der Fall, wie Benjamin Halpern und seine Kollegen unlängst gezeigt haben. Schaffen wir es, den eingeschlagenen Weg zu verlassen und die Meere vor uns selbst zu schützen? Oder sind wir in unserer Selbstüberschätzung tatsächlich nicht mehr lernfähig und werden den Ozeanen endgültig den Garaus machen? Und damit langfristig auch uns? Denn das wäre die ultimative Konsequenz. Eigentlich sollte den Menschen die Wichtigkeit der Meere stets bewusst sein, zu offensichtlich ist die Rolle, die die Ozeane im Erdsystem spielen. Doch obwohl wir alle direkt oder indirekt von gesunden Meeren abhängen, scheint das nicht der Fall zu sein. Das Bewusstsein unserer Abhängigkeit ist uns mit der Zeit abhandengekommen. Die Gründe sind vielfältig. Einer lautet: Die industrielle Ausbeutung der Ozeane hat uns in zunehmendem Maße von den Meeren entfremdet. Viele Menschen haben einfach keine Beziehung mehr zu den Ozeanen. Dem Benzin sieht man schließlich nicht an, wie viele Liter Meerwasser bei der Erdölförderung und dem anschließenden Transport des „schwarzen Goldes“ verseucht worden sind. Man könnte bestenfalls ahnen, dass es große Mengen sein müssen, würde man denn überhaupt darüber nachdenken. Solche Gedanken verbannen wir allerdings sehr schnell in die hinterste Ecke unseres Gehirns. Wenn ein Tankerunglück passiert, dann ist die Empörung groß. Aber Schwamm drüber. Ein Geländewagen will schließlich mit ausreichend Sprit versorgt sein, denn im Stadtverkehr ist er besonders durstig. Und es werden immer mehr.

Die Trägheit des Erdsystems und die Möglichkeit der Irreversibilität, d. h. der Unumkehrbarkeit von erst einmal eingetretenen Änderungen, sind wichtige Gründe für vorausschauendes Handeln. So zeigen die Messungen der Lufttemperatur in keiner Weise das volle Ausmaß der bisher durch den Menschen verursachten Klimaänderung. Die Meere sind eine Art Puffer, sie nehmen große Mengen an Wärme und Kohlendioxid auf und verlangsamen dadurch die Erwärmung der Erdoberfläche. Wir sollten aber das Schicksal nicht herausfordern und die Meere nicht vor unlösbare Aufgaben stellen. Irgendwann werden sie es nicht mehr schaffen, uns zu helfen. Wenn wir heute handeln, werden wir wegen der langsamen Reaktionszeit der Ozeane, die Früchte unseres Tuns erst in einigen Jahrzehnten ernten können. Langfristiges Denken und konsequentes Handeln über mehrere Generationen hinweg sind aus diesem Grund unerlässlich. Die Zeit, in der wir heute leben, ist allerdings durch Kurzatmigkeit geprägt. Politiker haben oft nur die nächsten Wahlen im Blick. Konzernchefs die nächsten Quartalszahlen. Und Geld regiert sowieso die Welt.

Und wir selbst? Jede(r) von uns hat viele „gute“ Gründe, sich nicht anders zu verhalten. Warum können wir eigentlich nicht mehr ohne Plastiktüten auskommen? Benötigen wir wirklich Salzstreuer mit Licht? Oder Erdbeeren zu Weihnachten? Darüber sollte es endlich eine gesellschaftliche Debatte geben. Unser Wertesystem gehört neu justiert. Wir sollten darüber nachdenken, was die Menschen wirklich glücklich macht. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass es jedenfalls nicht die materiellen Dinge sind, wenn man einen gewissen Wohlstand erreicht hat. Familie, Freunde, Liebe, das sind die wahren Glücksbringer.

Wir Menschen behandeln die Ozeane äußerst sorglos. Gerade so, als wären sie nichts wert. Sie sind aber von unschätzbarem Wert, viel mehr wert als alles Geld der Welt. Wäre das Meer eine in Not geratene Bank, dann hätten die Politiker überhaupt keinen Zweifel daran, dass man es umgehend retten muss. Der Meeresschutz besäße absolute Priorität, auch vor den heute alles dominierenden kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen. Denn die Meere wären „systemrelevant“, wie es so schön im Politikerdeutsch heißt. Sie sind systemrelevant, und das ohne Wenn und Aber. Leider haben wir das mit der Zeit vergessen oder auch verdrängt. Und die Meere sind tatsächlich so etwas wie eine Bank, eine Ressourcenbank. Wir heben pausenlos Beträge von unserem Ressourcenkonto ab. Die Schätze der Erde, auch die marinen Ressourcen, sind aber endlich. Das ist eine Binsenweisheit. Irgendwann wird das Ressourcenkonto leer sein. Rücklagen wird es keine geben. Und was ist dann? Geld kann man im Gegensatz zu Fisch bekanntenmaßen nicht essen.

Es ist fünf vor zwölf. Die Ozeane haben sich während der letzten Jahrzehnte in einer Art und Weise verändert, die großen Anlass zur Sorge bietet. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) überschrieb sein Sondergutachten zu den Meeren aus dem Jahr 2006 mit „Die Zukunft der Meere – zu warm, zu hoch, zu sauer“.10 Was uns die Messungen über die Ozeane sagen, können wir nicht mehr als natürliche Schwankungen abtun, als eine Laune der Natur. Nicht als etwas, das man einfach weiter ignorieren könnte. Es besteht die Gefahr, dass die Meeresökosysteme in vielen Regionen noch in diesem Jahrhundert kippen werden, mit unabsehbaren Folgen für das Leben auf der Erde. Die Ozeane müssen endlich eine Stimme bekommen.

Noch einmal: Man kann den Wert der Ozeane gar nicht hoch genug bemessen. Denn stirbt das Leben im Meer, verschwinden auch früher oder später die Menschen von diesem Planeten. Der Wecker klingelt, schrill und laut. Wir wollen den Alarm jedoch nicht hören. Denn es ist einfach zu bequem, liegen zu bleiben. Nichts zu ändern. Wann werden wir endlich auf die Warnsignale aus dem Meer reagieren? Wenn es zu spät ist? Wenn es fünf nach zwölf ist? Wenn der Zug schon abgefahren ist? Wenn die Meere nur noch eine dreckige und übelriechende Brühe sind? Wenn sie durch den Klimawandel über Gebühr geschunden sind? Wenn wir gemerkt haben, dass wir ohne intakte Meere auf dieser Erde doch nicht leben können? Wenn wir viel zu spät unsere Grenzen aufgezeigt bekommen? Wann, wenn nicht jetzt, wollen wir eigentlich aufwachen? Wir alle können sofort aufstehen und den Meeren eine Stimme verleihen. Ich tue es mit diesem Buch.

1. Die Meere verstehen

Um die Gefahren für die Ozeane besser bewerten zu können, müssen wir die Meere verstehen. Die Ozeane bestehen aus vielen, ganz unterschiedlichen Komponenten oder Kompartimenten, die unter einander in wechselseitiger Beziehung stehen: die Wassersäule, die Meeressedimente, das auf dem Meer schwimmende Eis, die Meeresflora und -fauna. Und die Zahl der Prozesse in jeder der einzelnen Komponenten und derjenigen, die zwischen ihnen ablaufen, übersteigt bei weitem unsere Vorstellungskraft. Wir kennen nur einen Bruchteil dieser Vorgänge, aber alleine dieser Bruchteil enthält schon so viele Informationen, dass diese nicht in einem einzigen Buch zusammengefasst werden können. Wir werden uns im Folgenden mit den verschiedenen Meeresschichten befassen, immer wieder auch mit der Tiefsee; mit den aus meiner Sicht wichtigen physikalischen, chemischen, biologischen und geologischen Vorgängen; mit einigen Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Ozeanteilsystemen und den Interaktionen zwischen den Meeren und den angrenzenden Erdsystemkomponenten, von denen die Atmosphäre eine ist; und durchgängig damit, wie die Menschen auf die Ozeane einwirken und welche Folgen das haben könnte. Einiges im Ursache-Wirkung-Geflecht ist zwangsläufig spekulativ. Ich werde viele Fragen rund um die Meere auch nur anreißen können. Auf einige spannende Themen werde ich überhaupt nicht eingehen. Zum Beispiel nicht darauf, wie und wo das Leben in den Ozeanen entstanden ist und wie es sich im Laufe der Erdgeschichte entwickelt hat. Im Zentrum des vorliegenden Buches steht vor allem der menschliche Einfluss auf die Meere.

Das Meer hält sich, was seinen eigenen Einfluss anbelangt, nicht an seine eigentlichen Grenzen. Der Einfluss der Ozeane reicht sehr viel weiter, er bezieht sich auf die ganze Erde. Denn Änderungen an einer Stelle in den Ozeanen, etwa in der Meereschemie, können Auswirkungen außerhalb der Ozeane haben, zum Beispiel auf die Zusammensetzung der Luft und damit auf den Strahlungshaushalt der Atmosphäre, der ganz wesentlich die klimatischen Bedingungen auf unserem Planeten bestimmt. Und Änderungen außerhalb der Meere wiederum können verblüffende Auswirkungen auf das gesamte Ozeansystem mit sich führen. Eine vom Menschen durch den Ausstoß von Spurengasen wie Kohlendioxid angestoßene Erwärmung beispielsweise kann vielfältige Implikationen für die Meere haben, und all das wird sich wieder irgendwann auf die Erderwärmung und damit auch auf den Menschen auswirken. Eine eindimensionale Sicht, die nur auf die Meere allein fokussiert, ist ganz und gar nicht angebracht. Wir müssen die Dinge immer im Kontext der ganzen Erde betrachten, insbesondere auch im Zusammenhang mit den vielen menschlichen Aktivitäten. Denn wir leben inzwischen im Anthropozän, ein Ausdruck, den der niederländische Chemienobelpreisträger Paul Crutzen vor gut einem Jahrzehnt zu verwenden begann und populär machte.11 Danach hat mit dem Beginn der Industrialisierung ein neues Erdzeitalter begonnen, in dem der Mensch einen ähnlich großen Einfluss auf das Erdsystem ausübt wie die Natur selbst. Und das gilt natürlich auch für die Ozeane.

Da die vielen Prozesse im Meer sehr eng miteinander verflochten sind, ist eine stringente Gliederung dieses Buches sehr schwierig, ja fast unmöglich. Ich werde auch nur einige wenige Themen aufgreifen können. Ich werde auf die Rolle der Meere im Erdsystem eingehen und anhand einiger Beispiele darauf, wie einmalig das Leben im Meer ist. Ich werde auf die Belastungen eingehen, die wir den Ozeanen zumuten, und auf deren mögliche Auswirkungen für die Meeresökosysteme. Hin und wieder werde ich auch Geschichten erzählen, wahre Geschichten über bestimmte Phänomene und Ereignisse, weil ich glaube, dass dieser Weg besser geeignet ist, die komplexen Zusammenhänge im Meer und seine Wechselwirkungen mit den Menschen aufzuzeigen, als nur nüchtern Fakten aufzuzählen. Das sind zum Teil auch Geschichten über spannende Forschungsarbeiten aus den Meereswissenschaften. Dabei sind Wiederholungen nicht nur nicht zu vermeiden, sondern sogar gewünscht, denn: Was wichtig ist, darf man auch mehrmals lesen. Ein Beispiel ist die zunehmende Erwärmung der Meere. Sie spielt in verschiedener Hinsicht eine herausragende Rolle. Die steigenden Ozeantemperaturen beeinflussen unmittelbar das Leben im Meer, wie etwa die tropischen Korallen, die sich nur schwer an dauerhaft wärmere Verhältnisse anpassen werden können. Die Erwärmung der Ozeane führt daneben auch zu Migrationsbewegungen, was wir heute schon anhand der Wanderung von einigen Fischarten feststellen können. So finden wir inzwischen in Nord- und Ostsee Arten, die eigentlich weiter südlich zuhause sind. Andererseits beeinflussen die steigenden Ozeantemperaturen indirekt auch das Leben auf den Landregionen, die Menschen, Tiere und Pflanzen – zum Beispiel über die Änderung der weltweiten Niederschlagsmuster.

Ein anderes Beispiel für ein Thema, das des Öfteren Erwähnung finden wird, ist die heute schon messbare Ozeanversauerung im Zuge der unvermeidbaren Aufnahme von anthropogenem, also vom Menschen in die Luft emittiertem Kohlendioxid. Auch die Meeresversauerung besitzt auf der einen Seite eine direkte Relevanz für die marine Lebewelt. Kalk löst sich bekanntermaßen auf, wenn das Wasser einen bestimmten Säuregrad übersteigt. Und viele Meereslebewesen wie Korallen, Muscheln oder Krebse sind auf die Bildung von Kalkschalen oder -skeletten angewiesen. Auf der anderen Seite beeinflusst die Versauerung der Meere auch das Klima der Erde, wenngleich indirekt. Denn wenn durch die Übersäuerung gestresste Meeresorganismen zu ihren Lebzeiten insgesamt weniger Kohlendioxid aufnehmen, das sie nach ihrem Absterben mit in die Tiefe nehmen, dann steigen das Kohlendioxid in der Luft und damit die Erdtemperatur umso schneller. Wegen ihrer überragenden Bedeutung für das gesamte Erdsystem kehren die beiden Probleme Meereserwärmung und -versauerung wie auch einige andere Sachverhalte an verschiedenen Stellen des Buches wieder.

Das Leben ist vor etwa 3,4 Milliarden Jahren höchstwahrscheinlich in den Ozeanen entstanden. Deswegen werden wir uns immer wieder auch der Frage widmen, wie sich die vielfältigen menschlichen Aktivitäten auf das Leben im Meer auswirken. Hier steht die Wissenschaft erst am Anfang, insbesondere, weil es sich um viele Stressfaktoren handelt, die gleichzeitig auf die marinen Ökosysteme einwirken. Man weiß zwar einiges darüber, wie die Meeresorganismen auf einzelne Stressfaktoren wie etwa die Erwärmung reagieren könnten. Die Frage, wie das Leben im Meer auf die Vielzahl der anthropogenen Stressfaktoren reagiert, ist allerdings weitgehend unbeantwortet. Die Forschung zu multiplen Stressoren, wie man in der Wissenschaft sagt, beginnt gerade erst. Im Moment können wir nur spekulieren. Viele Dinge passieren derzeit, die wir noch nicht richtig einordnen können. Jeremy Jackson von der kalifornischen Scripps Institution of Oceanography hat den Begriff des „tapferen neuen Ozeans“ geprägt12, um die allmählich zu Kloaken verkommenden Küstengewässer in zahlreichen Regionen der Erde zu charakterisieren. Wir wissen nicht, wie lange die Ozeane das noch aushalten werden. Aus diesem Grund lautet mein Plädoyer: Auch wenn wir die Vorgänge in den Ozeanen nicht im Detail verstehen, gut sein können die vielen menschlichen Eingriffe für die Meere nicht. Und deswegen sollten wir schleunigst damit aufhören, sie dermaßen zu belasten.

Jackson war es auch, der die Zunahme des Schleims in den Ozeanen thematisierte und den Menschen dafür verantwortlich machte. Er spricht von einem Siegeszug des Schleims aus Mikroben, giftigen Algenblüten und Quallen.13 Gerade die Zahl der Quallen nimmt in einigen Regionen außergewöhnlich schnell zu. Global gesehen scheint es allerdings keinen statistisch signifikanten Trend zu geben. Die Quallen zählen zu den ältesten Tieren der Erdgeschichte und sind in allen Meeren zu Hause. Die zu den Nesseltieren zählenden Quallen sind wahre Lebenskünstler. Wegen ihrer enormen Anpassungsfähigkeit waren sie in der Lage, sich seit vielen Millionen Jahren im Kampf der Arten zu behaupten. Vielleicht hat der Mensch unabsichtlich ein großes „Quallen-Förderprogramm“ in die Wege geleitet, wie es die Online-Ausgabe der Frankfurter Rundschau formulierte.14 So könnten die Quallen von der Überfischung profitieren, unter der inzwischen viele Meeresgebiete leiden. In den riesigen Netzen der Fangflotten landen zusehends auch die wenigen natürlichen Gegenspieler der Quallen. Ihre Fressfeinde wie Schwertfische, Thunfische oder auch Meeresschildkröten sind vielerorts einfach zu selten geworden, um die Medusen noch merklich zu dezimieren. Schwertfisch & Co. halten die Tiere normalerweise in Schach, weil sie mit ihnen um Nahrung konkurrieren und sie auch jagen. Außerdem transportieren die Flüsse heutzutage große Mengen von Nährstoffen in Form von Abwässern und in der Landwirtschaft eingesetztem Kunstdünger ins Meer. Algen und andere Kleinstlebewesen gedeihen unter solchen Verhältnissen vorzüglich, und diese haben die Quallen buchstäblich zum Fressen gern. Das entspricht in etwa einem „All You Can Eat“-Angebot für die Quallen. Sie kennen sicherlich solche Fresstempel, in denen man zu einem Einheitspreis so viel Essen darf, wie man möchte.

Hinzu kommt, dass die Quallen mit den Schattenseiten der Überdüngung gut zurechtkommen. Den in überdüngten Gewässern häufig auftretenden Sauerstoffmangel vertragen sie besser als die meisten Fische. Der Klimawandel ist für sie auch kein großes Problem. Die steigenden Wassertemperaturen jedenfalls scheinen ihnen nicht viel auszumachen. Sogar die zunehmende Bebauung an den Küsten gereicht den Quallen zum Vorteil. Viele Arten machen zu Beginn ihres Lebens ein Polypenstadium durch. Die Jungquallen benötigen während dieser Zeit einen festen Untergrund, an dem sie sich heften können. Je mehr Hafenanlagen und Küstenbefestigungen es gibt, umso besser. Das Fazit: Die menschlichen Einflüsse können zumindest das natürliche Anwachsen der Quallenpopulationen beschleunigen. So viel wissen wir. Dadurch begünstigt der Mensch das Auftreten von regelrechten Plagen in der Nähe der Küsten, wie etwa vor der Küste Namibias im südwestlichen Afrika. Im Januar 2014 war dort das Baden an einigen Stränden unmöglich.15 Tausende Quallen schwammen im Meer und übersäten die Strände. Auf die Küste Namibias werden wir weiter unten noch zu sprechen kommen, wenn wir uns mit den Zukunftsszenarien befassen werden.

Ich möchte Ihnen im Folgenden einen Eindruck von der Komplexität und von der Fragilität der Meere geben. Aber auch von der Faszination, die die Ozeane auf uns alle ausüben. Bei der Recherche zu diesem Buch bin ich immer wieder auf spannende Sachverhalte gestoßen, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Natürlich werden wir ausführlich auf den Klimawandel zu sprechen kommen und wie er sich auf die Meere auswirkt. Die Folgen der Erderwärmung betreffen selbstverständlich nicht nur die Menschen, Pflanzen und Tiere an Land, sondern auch die vielen Lebewesen in den Ozeanen. Umgekehrt werden wir uns aber auch damit befassen, wie die Änderungen in den Meeren auf den Klimawandel und die menschliche Gesellschaft zurückwirken. Wir werden auf die vielfältige Verschmutzung eingehen, die wir den Meeren zumuten. Das Öl ist ein Beispiel, der Plastikmüll ein weiteres. Und wir müssen uns mit der Radioaktivität befassen. Den Ort Fukushima kennt inzwischen jede(r). Diese unfassbare, aber irgendwie doch vorhersehbare nukleare Katastrophe. Fukushima ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Es gibt seit vielen Jahren eine schleichende Verseuchung der Meere mit Radioaktivität. Über die Auswirkungen weiß man bisher kaum etwas. Ich habe versucht, die wenigen verfügbaren Informationen über die Folgen der Radioaktivität im Meer zusammenzutragen.

Und schließlich werden wir uns an verschiedenen Stellen des Buches mit nachhaltigem Ozeanmanagement befassen, ein ziemlich neues Feld interdisziplinärer Forschung. Diese neue Wissenschaftsdisziplin sucht Antworten auf die Frage: „Wie können wir die Meere auch weiterhin zu unserem Vorteil nutzen, ohne sie gleichzeitig zu zerstören?“ Inzwischen macht der Begriff „Blue Growth“ die Runde, von einem blauen Wachstum ist also die Rede. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, was sich hinter dem Ausdruck verbirgt. Handelt es sich hierbei zum wiederholten Male nur um eine Phrase, um eine Art Deckmantel, den man über die Nachhaltigkeitsdiskussion legt, um sie schon im Keim zu ersticken? Nur mit dem Ziel, die gegenwärtigen Verhaltensmuster nicht ändern zu müssen? Oder um ernsthafte Anstrengungen in Richtung einer sorgsamen Nutzung der Weltmeere? Ich bin da zugegebenermaßen ein gebranntes Kind. So wird inzwischen zu Vieles mit dem Etikett „grün“ versehen. Aber nicht überall, wo grün draufsteht, ist auch grün drin. Brauchen wir wirklich eine neue Farbenlehre? Benötigen wir noch mehr Phrasendrescherei? Sollten wir nicht endlich einfach nur dem gesunden Menschenverstand folgen und vorsichtiger mit den Ozeanen umgehen? Der gesunde Menschenverstand ist doch eigentlich immer der beste Ratgeber. Studiert haben muss man nicht, um zu erkennen, dass die Meere in großer Gefahr sind und wir das blaue Juwel vor uns selbst beschützen müssen.

Das dämmert inzwischen auch so langsam den Politikern. Selbst der US-amerikanische Außenminister John Kerry hat im Juni 2014 zum Auftakt einer zweitägigen Konferenz zum Schutz der Ozeane in Washington eine internationale Zusammenarbeit im Kampf gegen Überfischung, Verschmutzung und die Folgen des Klimawandels gefordert. „Als Menschen teilen wir nichts so sehr wie die Ozeane, die fast drei Viertel unseres Planeten bedecken“, sagte Kerry. „Und jeder von uns teilt die Verantwortung, sie zu schützen.“16 US-Präsident Barack Obama wollte im Pazifik auf drei Millionen Quadratkilometern das weltweit größte Meeresschutzgebiet einrichten. Dort sollten neben der Fischerei auch Öl- oder Gasbohrungen verboten sein. „Wenn wir unseren Meeren die Ressourcen rauben, dann zerstören wir nicht nur einen der größten Schätze der Menschheit“, sagte Obama in einer Videobotschaft für die zweitägige Konferenz. Und weiter: „Dann schneiden wir auch eine der größten Quellen für Nahrung und Wirtschaftswachstum ab.“17 Bei dem angedachten Vorhaben ging es um die Ausweitung des „Marine National Monument Program“ im tropischen Pazifik.18 Dort verwalten die USA ein riesiges Hoheitsgebiet. Präsident Bush hatte am Ende seiner Amtszeit im Januar 2009 das „Marine National Monument Program“ ins Leben gerufen. National Monument heißen in den Vereinigten Staaten durch die Bundesregierung ausgewiesene Schutzgebiete oder Gedenkstätten. In der Industrie regt sich schon Widerstand gegen die von Obama angestrebte Erweiterung des Meeresschutzgebietes, obwohl es weit entfernt von den USA in der Südsee liegt. Die Region ist noch weitgehend unberührt und beherbergt einige der fantastischsten Korallenriffe auf der Erde. Wird der neue Präsident Donald Trump das Vorhaben stoppen? Zu befürchten ist es.

Die Wissenschaft liefert Antworten auf die drängenden Fragen in Sachen Meeresschutz. Politik und Wirtschaft müssen die Vorschläge aber auch umsetzen. Immerhin, einige wenige positive Beispiele gibt es, und diese möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. So beginnt die Europäische Union, die Warnungen der Wissenschaft im Bereich der Fischerei ernst zu nehmen und deren Vorschläge aufzugreifen. Mit einer Ende 2013 beschlossenen Reform soll in den EU-Staaten erstmals das Problem der Überfischung konsequent angegangen werden. Schärfere Fangquoten greifen seit 2015, Ausnahmen sollen unter strengen Auflagen nur noch bis spätestens 2020 gelten. Dann sollen die Fischbestände ein Niveau erreicht haben, auf dem sie langfristig stabil sind. Unter anderem dürfen ungewollt gefangene Fische nicht mehr einfach ins Meer zurückgeworfen werden. Das Abkommen ist eine kleine Revolution in Sachen europäische Fischereipolitik. Selbst Umweltverbände können den eingeleiteten Schritten etwas abgewinnen. Wir stehen allerdings erst ganz am Anfang des Weges in eine nachhaltige Fischereiwirtschaft, und die Widerstände sind groß. Es gilt, noch sehr viel mehr Maßnahmen zu implementieren, um die Fischbestände zu stabilisieren und die Meeresumwelt zu schützen. Einigen konnten sich die EU-Staaten beispielsweise nicht auf ein grundsätzliches Verbot der Tiefseefischerei mit Grundschleppnetzen für den Fang von sogenannten Grundfischen wie Schollen, die – deswegen ihr Name – auf dem Meeresgrund leben. Damit dürfen die Fischereiflotten auch weiterhin den Meeresboden mit riesigen Netzen rücksichtslos umpflügen. Diese als besonders schädlich geltende Fangmethode will man nur in bisher gar nicht befischten Gebieten untersagen.

Zu allererst aber müssen wir die Vorgänge in den Ozeanen verstehen, denn nur dann können wir sinnvolle Strategien zu ihrem Schutz entwickeln. Das erfordert ein globales Monitoring, das man nur zwischenstaatlich organisieren kann. Erste Schritte in diese Richtung gibt es. Wir müssen geeignete Messinstrumente und Beobachtungssysteme entwickeln und die Technologie allen Ländern zur Verfügung stellen. Die Meeresforscher bedienen sich ausgeklügelter Messsysteme, von denen ich Ihnen auch erzählen möchte. Hightech hält auch Einzug in die Meereswissenschaften. Das Internet ist nicht mehr aus der Meeresbeobachtung wegzudenken. Und was wir alles während der letzten Jahre durch die neuen Technologien über die Ozeane erfahren haben, ist zum Teil spektakulär und auch verblüffend. In vielen Fällen müssen wir Forscher das bisherige Wissen anpassen oder sogar korrigieren. Die neuen Einsichten in die Meere geben – wie so oft in der Forschung – den Wissenschaftlern aber auch neue Rätsel auf. Aber davon lebt die Wissenschaft schließlich. Und das macht Forschung so spannend.

2. Der unbekannte Lebensraum

Blicke in die Tiefe
Fundamentales über die Ozeane