Gerhard Kardinal Müller

Der Papst

Sendung und Auftrag

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© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017

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Umschlagmotiv: Pietro Perugino, Christus übergibt Petrus die Schlüssel,

1481–82, Fresko, Sixtinische Kapelle, Rom, Italien

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ISBN (E-Book): 978-3-451-84758-5

ISBN (PDF-E-Book): 978-3-451-81758-8

ISBN (Buch): 978-3-451-37758-7

SANCTAE ROMANAE ECCLESIAE

MATRI ET ECCLESIARUM OMNIUM MAGISTRAE

NIHIL ALIUD VOLITANS

NISI QUOD IPSA SUI RATIONE VNIVERSAE CHARITATIS PRIMATUS

PER SUUM SUPREMUM PASTOREM

DOCET AC VULT

FILIALI PERGRATO ANIMO

AVCTOR DEDICAT

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I. Kapitel:
Die Päpste meiner Lebensgeschichte

1. Das Werden meiner religiösen Überzeugungen

2. Meine katholische Kindheit und Jugend

3. Theologiestudium, Promotion und Priesterweihe

4. Kaplan, Professor, Bischof

5. Kardinalpräfekt der Glaubenskongregation

6. Dankbarer Blick zurück

7. In der Basilika St. Peter zu Rom

II. Kapitel:
Die Mission des Papstes
im universalen Heilsplan Gottes

1. Zeuge des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohne Gottes

2. Stimme eines neuen Rufers in der Wüste

3. Menschenfischer für Christus

4. Prediger göttlicher Barmherzigkeit

5. Die Schlüssel zum Himmelreich in päpstlichen Hände

6. Die Kirche im Heilsplan Gottes

7. Der Heilsdienst der Kirche für die Menschheit

8. Christi Botschaft – der Gewissensspiegel der Welt

9. Die moralische Autorität des Papstes in der Völkerfamilie

10. Die Mitwirkung der Kirche am Gemeinwohl

11. Was der Primat der Kirche von Rom und ihres Bischofs bedeutet

12. Der Papst als Nachfolger Petri und Stellvertreter Christ

13. Theologie und Spiritualität der Primatsausübung

14. Eine ökumenisch akzeptable Gestalt des Papsttums?

III. Kapitel:
Das Papsttum als Tatsache der Geschichte
und der Offenbarung

1. Das Endgültige in der Geschichte

2. Profane und theologische Papstgeschichte

3. Das Papsttum – gesehen in der Hermeneutik des Glaubens

4. Das Papsttum im Widerspruch der Kirchenbilder

5. Die Geschichte des Papsttums im Einklang mit seiner göttlichen Stiftung

6. Das Papsttum im Gefüge der sakramentalen Kirche

7. Das Papsttum zwischen göttlicher Vollmacht und weltlicher Ohnmacht

8. Das Papsttum zu Rom – in der Offenbarung begründet

IV. Kapitel:
Der Urheber der Kirche
ist auch der Stifter des Papsttums

Vorbemerkung

1. Die göttliche Offenbarung und ihre menschliche Erkenntnis

2. Der theologisch-geschichtliche Inhalt der Evangelien

3. Jesus macht Simon zum Apostel mit dem Beinamen: Petrus

4. Die Berufung und Bestellung der Apostel

5. Petrus im Kollegium der Apostel

6. Petrus als Haupt des Apostelkollegiums

7. Der petrinische Apostolat im Zeugnis des Matthäusevangeliums

8. Die Unfehlbarkeit Petri im Bekenntnis der Gottessohnschaft Jesu

9. Die Stiftung des immerwährenden Petrus-Dienstes

10. Der Petrusdienst in der tödlichen Krise des Messiasglaubens

11. Die initiale Versammlung der Kirche durch Petrus an Pfingsten

12. Der Petrusprimat im Johannesevangelium (95–100 n. Chr.)

13. Die apostolische Lehre Petri

14. Petrus begründet die Kirche aus Juden und Heiden

V. Kapitel:
Der römische Primat
in der apostolischen Tradition

1. Der Metamorphose der Kirche der Apostel zur apostolischen Kirche

2. Die Translation von Primat und Lehre des Petrus nach Rom

3. Die Regel des Glaubens und Erkenntnisprinzipien katholischer Theologie

4. Der römische Primat im Leben der Kirche

5. Entstehende Primatstheologie

6. Zum Thema Dogmenentwicklung

7. Die Kirche nach der Konstantinischen Wende

8. Ausbau der Primatslehre

9. Der dogmatische Ertrag der Primatslehre der ungeteilten Christenheit

10. Ost-westliche Spannungen in der katholischen Kirche

11. Ost-westliche Annäherungen in der Primatsfrage

VI. Kapitel:
Der protestantische Grundentscheid
gegen den römischen Papst

1. Die Weichenstellung 1517

2. Warum wurde gerade der Papst Stein des Anstoßes?

3. Die Ausgansfrage Luthers nach dem gnädigen Gott

4. Das Thema der Heilsgewissheit

5. Gibt es ein sakramentales Amt?

6. Theologische Prinzipienlehre

7. Der dogmatische Gegensatz

8. Überlebenskampf des Papsttums

VII. Kapitel:
Das Dogma vom Lehr- und Jurisdiktionsprimat
des römischen Papstes

1. Kirche und Primat in der übernatürlichen Ordnung

2. Die ekklesiologische Einleitung der Konstitution Pastor aeternus

3. Lehre und Kanones von Pastor aeternus

4. Die ekklesiologische Bedeutung des Lehr- und Jurisdiktionsprimates

5. Die päpstliche Unfehlbarkeit und der intellektuelle und ethische Relativismus

VIII. Kapitel:
Die Integration des Papsttums
in Kirche und Bischofskollegium

1. Das Dogma vom Episkopat göttlichen Rechtes

2. Die Einheit des Episkopates mit und im Papst

3. Reform und Mission der Kirche: Der neue Impuls von Evangelii Gaudium

4. Die eine Kirche in ihrer universalen Sendung und örtlichen Konkretisierung

5. Die wechselseitige Integration von Primat und Episkopat

6. Papst und Bischöfe im Dienst an der einen Kirche

7. Dienst und Reform der römischen Kurie

8. Die aktuelle Mission von Papst und Kirche

IX. Kapitel:
Der Papst – Zeuge Christi für
die Würde jedes Menschen

1. Die prophetische Stimme für die Menschenwürde

2. Der Mensch ist der Weg der Kirche

3. Menschenrechte – eine Versöhnung der Kirche mit der Moderne?

4. Aktualität der katholischen Soziallehre

5. Laudato si: Die Sorge für das gemeinsame Haus

6. Papst Franziskus an der Seite der Armen

X. Kapitel:
Der Papst – Hüter der Wahrheit Gottes und
Hirte der Menschen

1. Das Leben jedes Menschen hat einen unzerstörbaren Sinn

2. Die Vernunft des Glaubens und der Glaube der Vernunft

3. Die Wahrheit Gottes begründet die Freiheit des Menschen

XI. Kapitel:
Der Papst – Wegbereiter der Einheit der Christen
in der Kirche Gottes

1. Lang ist der Weg, aber gut

2. Die Einschätzung der Reformation 1517–2017

3. Das Thema der Apostolischen Sukzession im lutherisch-katholischen Dialog

4. Die Kirche Christi – verwirklicht in der katholischen Kirche

5. Zum Treffen von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill auf Kuba

XII. Kapitel:
Der Papst – Lehrer der Vollendung
des Menschen in Gott

Vorbemerkung

1. Durch den Glauben haben wir Frieden mit Gott (Röm 5,1)

2. In Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit (Röm 5,3)

3. Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen (Röm 5,5)

Anhang

Der Primat des Nachfolgers Petri im Geheimnis der Kirche. Erwägungen der Kongregation für die Glaubenslehre, 31. Oktober 1997

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Bibelstellen

Personenverzeichnis

Vorwort

In der globalen religiösen, moralischen, kulturellen und politischen Krise der Gegenwart, wie sie die Menschheitsgeschichte bisher nicht gesehen hat, kommen in Rom, dem Mittelpunkt der katholischen Welt, wie in einem Brennglas alle Hoffnungen und Befürchtungen der Menschheit zusammen.

Die Kirche verschließt davor nicht die Augen. Sie weiß, dass sie nur Kirche Christi sein kann, wenn sie »Kirche für andere« ist (Dietrich Bonhoeffer).

Das II. Vatikanische Konzil hat die solidarische Gemeinschaft des Volkes Gottes mit der ganzen Menschheit in die berühmten Worte gefasst: »Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen ihren Widerhall fände. Ist doch ihre eigene Gemeinschaft aus Menschen gebildet, die in Christus geeint, vom Heiligen Geist auf ihrer Pilgerschaft zum Reich des Vaters geleitet werden und eine Heilsbotschaft empfangen haben, die allen auszurichten ist. Darum erfährt diese Gemeinschaft sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens verbunden« (Gaudium et spes 1).

Alle Päpste haben sich in ihrem Heilsdienst, der ihnen von Christus aufgetragen ist, seither von der Idee der Solidarität der katholischen Kirche mit der ganzen Menschheit leiten lassen. Papst Franziskus ist der erste universale Hirte der Kirche, der die Mentalität und Erfahrung eines Lateinamerikaners in den Petrus-Dienst einbringt und somit der Intention des Konzils eine neue Dimension ihrer Verwirklichung hinzufügen kann.

Unvermeidbar wird Petrus, der Fels, immer auch zum Stein des Anstoßes, weil »das Wort Gottes verkündet werden muss, ob man es hören will oder nicht« (2 Tim 4,2).

Aber der Papst ist auch Hoffnungsträger für die Christenheit und die Welt. Denn ihm gelten die Worte des Sohnes Gottes:

Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.

Und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.

Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben (Mt 16,18 f.)

Der Papst wird von vielen Menschen guten Willens als höchste moralische Autorität anerkannt, auch von denen, die nicht der christlichen Gemeinschaft angehören. Er steht da als Zeichen sowohl für die Orientierung des Menschen an der Wahrheit Gottes als auch für seine unverlierbare Würde sowie für den Frieden und die soziale Gerechtigkeit in der Völkerfamilie.

Im Jahre des Gedenkens der Reformation 1517–2017, aber auch in der Trauer über die Spaltung der abendländischen Christenheit sehnen sich viele Christen, die noch nicht in voller Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri stehen, nach einer ökumenischen Gestalt des Papsttums, damit wir auf die sichtbare Einheit der Kirche zugehen, wie ihr göttlicher Stifter sie will.

Um den Auftrag Christi erfüllen zu können, bedarf der Heilige Vater der qualifizierten und engagierten Mitsorge des Kardinalskollegiums, das die Römische Kirche, die Mutter und Lehrerin aller Kirchen, zusammen mit ihm repräsentiert. Die in der Neuzeit gegründeten Kardinalskongregationen der römischen Kurie stellen die gegenwärtige Form der synodalen Teilnahme der römischen Kirche am Petrus-Dienst dar, wie sie im Altertum von den universalkirchlich höchst bedeutsamen römischen Synoden und später vom Kardinalskollegium als Ganzem wahrgenommen wurden.

Der Kongregation für die Glaubenslehre kommt bei der Wahrnehmung des päpstlichen Lehramtes eine besondere Funktion zu. Sie hat Anteil am Lehramt des Papstes und unterstützt ihn in allen Fragen der Glaubens- und Sittenlehre, wenn sie ihrem Auftrag gemäß tätig ist. Das Lehramt des Papstes ist der Seins- und Wesensgrund seiner Sendung: »Er ist eingesetzt von Christus als ein immerwährendes und sichtbares Prinzip und Fundament der Einheit der Kirche im Glauben und der Gemeinschaft« (Lumen gentium 18). Die Glaubenskongregation besteht aus 25 Mitgliedern oder Vätern, den vom Papst persönlich ernannten Kardinälen und Bischöfen aus allen Erdteilen. Ihre Aufgabe besteht darin, den katholischen Glauben in der ganzen Kirche zu fördern und gegenüber Verkürzungen und Verfälschungen zu schützen. Der Kardinalpräfekt verantwortet die gesamte Tätigkeit der Kongregation unmittelbar und persönlich gegenüber dem Papst, dem von Christus berufenen Vater und Lehrer der universalen Kirche.

Im Hinblick auf die Bedeutung des Nachfolgers Petri für die Kirche Gottes in der Welt von heute, möchte ich aus meiner Sicht als Theologe, Bischof und Präfekt der mit dem Lehramt des Papstes engstens verbundenen römischen Kongregation meine Erfahrungen und Beobachtungen, aber auch Reflexionen und Hinweise zu Ursprung, Wesen und Sendung des Nachfolgers Petri zu einem Gesamtbild zusammenfügen.

Den Titel »Papsttum« habe ich bewusst vermieden, um den Vorrang der Person vor der Institution zu betonen. Nach katholischem Glauben hat Christus einen einfachen Fischer vom See Genezareth, nämlich Simon, den Sohn des Jona, als den Ersten einer langen Reihe seiner Nachfolger zu dem Felsen gemacht, auf dem er seine Kirche bauen wird. Der Dienst des Petrus bleibt bestehen, wenn auch die Personen, die ihn wahrnehmen, im Gang der Zeiten sich nacheinander ablösen. Aber Christus, das Haupt der Kirche, setzt bis zum Ende der Welt selbst den Bischof von Rom ein, den er mit der Mission des Petrus betraut. Die Personen wechseln, der Auftrag bleibt derselbe. Die vornehmliche Aufgabe des Papstes ist es, der Einheit und Gemeinschaft der Kirche mit Gott zu dienen und die Wahrheit des Glaubens an »Christus, den Sohn des lebendigen Gottes« (Mt 16,16) mit seinem Leben und Sterben zu bezeugen. Petrus ist mit allen Hirten der Kirche »Zeuge der Leiden Christi, der auch an der Herrlichkeit teilhaben soll, die sich offenbaren wird« (1 Petr 5,1). Der Papst hat kein politisches Amt, bei dem es um Macht in der Welt oder um das Ansehen bei den Menschen geht. Sein Maß und Vorbild ist der »gute Hirt, der sein Leben gibt für die Schafe« (Joh 10,11). Und dieser gute Hirt ist Jesus selbst, der zu Simon Petrus mit der dreimal bestätigten Beauftragung sagt: »Weide MEINE Schafe!« (Joh 21,15).

Der Papst und die Kardinäle, die ihm bei der Regierung der universalen Kirche brüderlich zur Seite stehen, und alle Hirten der Kirche sollen sich vom apostolischen Eifer des hl. Paulus mitreißen lassen, der mit Petrus zusammen das Fundament der Kirche von Rom bildet. Der Völkerapostel fasst Spiritualität und Ethos der »Mitarbeiter Gottes« (2 Kor 6,1) in diese Worte:

»Niemand geben wir auch nur den geringsten Anstoß, damit unser Dienst nicht getadelt werden kann. In allem erweisen wir uns als Gottes Diener: durch große Standhaftigkeit, in Bedrängnis und Not, […] unter der Last der Arbeit […] durch Güte, durch den Heiligen Geist, durch ungeheuchelte Liebe, durch das Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit in der Rechten und der Linken, bei Ehrung und Schmähung, bei übler Nachrede und Lob« (2 Kor 6,3–10).

Rom, am Hochfest der Cathedra Petri 2017

Gerhard Kardinal Müller

Präfekt der Glaubenskongregation

I. Kapitel:
Die Päpste meiner Lebensgeschichte

1. Das Werden meiner religiösen Überzeugungen

Mit meinem Glauben an Jesus Christus und dem Leben in der Kirche war die Beziehung zum Papst von Rom schon positiv konnotiert, bevor ich fachwissenschaftlich die biblische Begründung, die Zeugnisse der Tradition, die lehramtlichen Definitionen, die Kontroversen um das Papsttum mit den orthodoxen Kirchen und dem reformatorischen Protestantismus sowie die Herausforderungen in der Moderne und Postmoderne studieren konnte. Nicht Abstraktionen und Theorien, sondern lebendige Personen und Zeugen des Glaubens haben meine Beziehung zur katholischen Kirche und damit auch zum Papsttum grundgelegt und meine Vorstellungen davon geprägt.

Credere heißt »glauben« – nicht im dem Sinne, eine Meinung zu dieser oder jener bedeutenden Frage zu haben, sondern glauben im theologischen Sinn bezeichnet das Verhältnis zu Gott, der mich im Wort seiner Offenbarung persönlich an-spricht. Credere kommt von cor dare. Glauben an Gott bedeutet, dem, der mir sein Herz geöffnet hat, mein eigenes Herz geben. Glauben heißt für mich, dass ich im Leben und Sterben auf den Gott und Vater Jesu Christi alle meine Hoffnung setze. Es ergreift mich, wenn ich bete: »Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen. Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und im Hause des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit« (Ps 23,1.6).

Den Glauben an Gott gibt es nicht ohne die Liebe zu ihm über alles Geschaffene hinaus und die Liebe zum Nächsten wie zu sich selbst. Denn mich und alle meine lieben Freunde und alle verehrten Mitmenschen hat er nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen (Gen 1,28). Der Glaube ist nicht bloß eine intellektuelle Einsicht in Fragen von Religion und Kirche. Heilsbedeutsam ist er nur, wenn er in der Liebe wirksam wird (Gal 5,6) und wenn alle Traurigkeit der Zeit in der Freude der Ewigkeit versinkt (Gal 5,6).

Gott befreit und heiligt den Menschen. Er versetzt ihn in den Stand der heiligmachenden Gnade. Er gibt ihm Anteil an seinem Sein und Leben und erfüllt ihn mit seiner Güte und Wahrheit. Gott macht uns zu seinen Söhnen und Töchtern. Diese Gotteskindschaft wird uns geschenkt durch die Gnade und den rechtfertigenden Glauben in Hoffnung und Liebe (fides caritate formata).

Der Glaube gehört einer anderen Kategorie an als das Wissen um die Dinge der Welt. Er überbietet die Teilnahme an sozialen und medialen Netzwerken und ist damit keineswegs als eine defiziente Form von Wissen und Information abzuwerten. Gott ist nach einer Formulierung Dietrich Bonhoeffers (1906–1945) keineswegs Arbeitshypothese und Lückenbüßer für noch ungeklärte Fragen der Naturwissenschaften.1 Doch der Glaube, der von der Vernunft und der Zustimmung des freien Willens in der Kraft des Geistes Gottes vollzogen wird, stellt die höchste Form der Erkenntnis unter den Bedingungen unseres irdischen Daseins dar, die nur in der »Anschauung Gottes von Angesicht zu Angesicht« (1 Kor 13,12) in der Ewigkeit überboten wird. Im Glauben gelingt und glückt das Verhältnis der geschaffenen Person und der Gemeinschaft der Menschen zum dreifaltigen Gott. Darin ereignet sich Heil, weil es nicht um eine Einsicht in einen Sachverhalt geht, sondern um eine Teilhabe am inneren Wissen Gottes im Wort und seinem Verhältnis zu sich selbst als Liebe in der Koinonia von Vater und Sohn und Heiligem Geist. Die Inhalte des Glaubens bedeuten folglich Erkenntnis und Annahme seines Heilswillens vermittels seines geschichtlichen Heilshandelns. Im Glauben an Gott vertraut der Jünger Christi formaliter auf die Wahrhaftigkeit Gottes (veracitas Dei). Er wurde dazu in die Lage versetzt aufgrund des Zeugnisses Gottes, der zu uns spricht durch Jesus Christus, das verbum incarnatum, das ewige WORT des Vaters, das aus der Jungfrau Maria unser Fleisch angenommen hat. Der Sohn Gottes ist darum nicht allein unser Herr, sondern auch unser Bruder, weil er uns Menschen gleich geworden ist (Hebr 2,14). Das Zeugnis Christi vom Vater wird uns in seinen einzelnen Inhalten im Bekenntnis der Kirche in den Artikeln des Glaubensbekenntnisses vermittelt.2

Das ICH meines persönlichen Glaubens an Gott wird von der Kirche gleichsam mütterlich empfangen, getragen, geboren und ernährt. Das »Ich glaube an Gott« wird von dem »Wir glauben an Gott« aufgenommen und umfangen. Aus der Einzelhaft meines Egos werde ich befreit zur Herrlichkeit der Kinder Gottes in der Kirche, der familiären Gemeinschaft der Glaubenden. Die Kirche steht mir nicht als Institution gegenüber. Ich gehöre ihr vielmehr an, so wie die Glieder des Leibes mit ihrem Haupt eine Einheit und Gemeinschaft des Lebens bilden. Die Kirche ist Gott gegenüber Jungfrau-virgo, die das Wort im Glauben empfängt, und uns gegenüber Mutter-mater, die uns im Glauben das göttliche Leben schenkt.

Die Kirche bedeutete für mich nie eine anonyme Institution, so unerreichbar wie die Gerechtigkeit in Kafkas »Schloss«. Das Papsttum hatte in den einzelnen Päpsten von meiner Kindheit an bis zu meinem gegenwärtigen Dienst als Präfekt der römischen Glaubenskongregation immer ein menschliches Gesicht, das diese Stiftung Christi repräsentiert.

Das Papsttum ist keine sachhafte und unpersönliche Institution, sondern eine Folge von Personen, die ihre Mission verwirklichen, die der erhöhte Herr ihnen individuell aufträgt. Jeder Papst als Nachfolger Petri hat einen Namen, in dem er in seiner eigentümlichen Individualität vor uns hintritt. Die Person kommt vor der Institution und macht den bleibenden Auftrag des Petrus und seine Sendung anschaulich und lebensnah. Das Christentum ist keine Summe von dogmatischen Lehrsätzen und ethischen Prinzipien, die ich wie in einem schweren Rucksack mühevoll durchs Leben schleppen müsste. Im personalen Glauben und der Weggemeinschaft der Kirche wird sein Inhalt leicht, tragbar und erträglich. Und ich weiß, dass das, was ich trage und was mich trägt, Christus selber ist. Er ist das Wasser des Lebens (Joh 4,14), das mich erfrischt, und er ist das Brot, das mich stärkt und am Leben hält (Joh 6,48).

Christsein vollzieht sich in der Nachfolge Christi, dessen Joch sanft und dessen Last leicht ist (Mt 11,30), weil alles in der Liebe zu ihm getragen wird. Somit vermittelt die Gemeinschaft derer, die mit ihm gehen, Hilfe und Ansporn. Die Kirche existiert in Personen in ihrer Beziehung zu Christus, sowohl in den Mitchristen als auch spezifisch in den Boten Jesu und den Zeugen des Evangeliums, den Aposteln, Bischöfen und Priestern »bis an die Grenzen der Erde« (Apg 1,8; Mt 28,20).

Deshalb beginne ich mit einem Blick auf die sieben Päpste während der Zeitspanne meines bisherigen Lebens. Auf diese Weise möchte ich meine religiösen Überzeugungen und meine Verwurzelung im katholischen Glauben ausgehend von Gott und Christus und Kirche verdeutlichen.

2. Meine katholische Kindheit und Jugend

Pius XII. (1939–1958)

Als ich am Tag des hl. Papstes Sylvester I. (314–335) im Jahr 1947 das Licht der Welt erblickte, hatte Pius XII. (1939–1958) schon zwei Weltkriege, den italienischen Faschismus und die Nazizeit hinter sich. Er musste sich aktuell mit der atheistischen Bedrohung der Christenheit im Osten und dem stärker werdenden Säkularismus im Westen auseinandersetzen. Zu meiner beginnenden Schulzeit und während des Erstkommunionunterrichtes hörten wir davon, wer der Papst ist und vor allem, dass wir, die katholischen Christen, ihn verehren als Nachfolger des Apostelfürsten Petrus und damit als Stellvertreter Christi auf Erden. Der Papst verkörpert in seiner Person die Einheit der pilgernden Kirche auf Erden.

Eines Tages, es war am 9. Oktober des Jahres 1958, stürmte höchst aufgeregt meine Schwester Antonia (1940–2010) – als Abiturientin für mich, den 10-jährigen Gymnasiasten, die höchste Autorität des Wissens – in mein Zimmer und rief »Weißt du es schon? Der Papst ist gestorben.«

Ich war im Moment eher bewegt von der Vorstellung, dass der Papst jetzt im Himmel bei Christus ist. Der Begriff »Papst« war verbunden mit Gott, Christus und Kirche. Das Wort »sterben« hatte in meiner Vorstellung etwas mit dem Himmel zu tun. Nach dem Tod kommt unsere Seele zu Gott und dann hoffen wir auf die Auferstehung des Fleisches zum ewigen Leben und aller Toten zum jüngsten Gericht. Für die kindliche Vorstellungskraft ist das Amt nahezu identisch mit der Person, die es bekleidet. Pius XII. war für uns einfach »der« Papst, der Nachfolger des hl. Petrus, die höchste Autorität in allen Glaubensfragen, so wie für mich damals Albert Stohr (1890–1961) der Bischof von Mainz war und wir uns einen anderen als unseren Pfarrer Philipp Heinrich Lambert (1896– 1960) gar nicht vorzustellen vermochten. Mein erster Heimatpfarrer galt als die Verkörperung eines seeleneifrigen Priesters, dessen ganzes Herz den Armen und Kranken galt und besonders nach 1945 auch den deutschen Kriegsgefangenen in den Lagern rund um Mainz. In seiner tiefreligiösen Haltung und seiner sozialen Einstellung war er für mich der erste und prägendste Eindruck eines »Seelenhirten«.

Pius XII. ist der Papst meiner Kindheit und galt einfach als Inbegriff und Maßstab des Katholischen.

Als Kind gläubiger katholischer Eltern war mir die Gnade geschenkt, in ein Leben aus dem Glauben an Gott, den Ursprung und das Ziel des Lebens, hineinzuwachsen und ihn mir innerlich immer mehr zu eigen zu machen. Der Glaube entstammt nicht einem inneren subjektiven Erleben, das sich sekundär dann ausdrücken möchte, wie es die rationalistische Religionsphilosophie glauben machen will. Vielmehr »gründet der Glaube in der Botschaft und die Botschaft im Wort Christi« (Röm 10,17), das den Aposteln und der ganzen Kirche zur Verkündigung anvertraut worden ist. Der Glaube kommt von außen, vom Hören und Lernen und Mit-leben mit der Gemeinschaft der Glaubenden in der Familie, im Kindergarten und der Jugendgruppe, in der Pfarrgemeinde, in der Schulklasse und Kirche insgesamt. Im Beten und Singen stimmt sich der jugendliche Geist ein auf die Melodie und Harmonie des Gotteslobes, erlebt er in der biblischen Geschichte Jesus, seine Mutter Maria und die Apostel in unmittelbarer Nähe. Und im Katechismus findet der kindliche Geist Nahrung und gewinnt klare Vorstellungen von Gott, Christus und Kirche.

In den Christus-Glauben bin ich gleichsam hineingewachsen. Mein innerer Werdegang und mein geistig-moralisches Leben sind nicht ohne den Glauben an Gott und die Liebe zur Kirche Christi zu verstehen. Die objektive Tradition der Kirche, wie sie niedergelegt ist in der Heiligen Schrift, in den Glaubensbekenntnissen, in der feierlichen Liturgie und in den dogmatischen Entscheidungen des Lehramtes, ist das, was man lernt, worüber auch ein gebildeter Nicht-Christ wohl informiert sein kann und sollte.

Wie aber tritt das äußere Bekenntnis der Kirche, der Glaubensinhalt, in Geist und Verstand der Person ein, sodass ein junger Mensch oder erwachsener Katechumene das äußerlich gehörte menschliche Wort sich so zu eigen machen kann, dass er darin das Wort Gottes hört und Christus selbst als seinen inneren Lehrer erkennt und anerkennt. Die »Apostel Paulus, Silvanus und Timotheus« wenden sich an ihre Gemeinde in Thessalonich und bezeugen so das untrennbare Zusammenwirken von Gottes Gnade und kirchlicher Verkündigung: »Darum danken wir Gott unablässig dafür, dass ihr das Wort Gottes, das ihr durch unsere Verkündigung empfangen habt, nicht als Menschenwort, sondern – was es in Wahrheit ist – als Gottes Wort angenommen habt; und jetzt ist es in euch, den Gläubigen, wirksam« (1 Thess 2,13).

Die äußere und objektive Tradition der Kirche muss innere und subjektive Tradition werden, gleichsam eine sprudelnde Quelle, aus der die christliche Persönlichkeit »das Wasser des ewigen Lebens« (Joh 4,14) schöpft. Gott vermittelt sein Wort durch die Kirche, damit wir durch die vom Heiligen Geist eingegossenen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe eintreten in die Unmittelbarkeit zu Gott. Die Unmittelbarkeit zu Gott lässt aber das Eingefügtsein in die Heilsgemeinschaft nicht hinter sich, so wie ein in die Umlaufbahn gelangter Satellit sein Raketen-Triebwerk abwirft.

Die Unmittelbarkeit zu Gott wird immer durch die Menschheit Christi und die kirchlich-sakramentale Gestalt der Christusgemeinschaft vermittelt. Die personale Unmittelbarkeit zu Gott und die kirchlich-sakramentale Vermittlung gehören aufgrund der gott-menschlichen Einheit Christi, des Offenbarers und Heilsmittlers, zusammen. Das entspricht unserer leiblichen Natur und unserer Verfassung als Gemeinschaftswesen, die der kirchlichen Vermittlung der Offenbarung bedürfen. Nur so vermag ich in das personale Verhältnis zu Gott einzutreten – sowohl in seinem an mich gerichteten Wort als auch in seinem Heilshandeln für mich.

Der bedeutende Tübinger Theologe Johann Adam Möhler (1796–1838) hat das wechselseitige Verhältnis von objektiver und subjektiver Tradition, von äußerlich-ekklesialer Vermittlung und innerlich-christologischer Gottunmittelbarkeit so ins Wort gefasst: »Was ist Tradition? Der eigentümliche, in der Kirche vorhandene und durch die kirchliche Erziehung sich fortpflanzende christliche Sinn, der jedoch nicht ohne seinen Inhalt zu denken ist, der sich vielmehr an seinem und durch seinen Inhalt gebildet hat, sodass er ein erfüllter Sinn zu nennen ist. Die Tradition ist das fortwährend in den Herzen der Gläubigen lebende Wort. Diesem Sinne als Gesamtsinne ist die Auslegung der Heiligen Schrift anvertraut.«3

Die christliche Erziehung erreicht ihr Ziel, wenn sie den supernaturalis sensus fidei fidelium – den übernatürlichen Glaubenssinn – in den Gliedern der Kirche weckt (vgl. LG 12). Das Gespür (sentire cum ecclesia) für den inneren Zusammenhang von Gott und Kirche, von Christus als Haupt und Leib, von der realen Wirksamkeit der Gnade in den durch Christus gestifteten heiligen Zeichen macht die Identität des katholischen Gläubigen aus.

Durch seine Liebe und Lebenshingabe am Kreuz hat Christus sich die Kirche als seinen eigenen Leib erworben, den er »liebt und nicht hasst, sondern pflegt und nährt, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen« (Eph 5,26). Die personale Unmittelbarkeit zu Gott, der mich erkannt und im Voraus dazu bestimmt hat, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben« (Röm 8,29) und die sakramentale Vermittlung des Heils durch die Kirche (Mt 28,19) und das Mitleben mit ihr deuten auf das unterscheidbar Katholische hin. Wenn zu meiner Jugendzeit in Predigten oft der Satz des hl. Cyprian von Karthago (um 200–258 n. Chr.) zitiert wurde, leuchtete mir die Unlösbarkeit von Gottesbezug und Kirchengemeinschaft unmittelbar ein: »Gott kann der nicht mehr zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mutter hat.«4

Als ich durch die Taufe die Gotteskindschaft empfing und in die Kirche, den Leib Christi, eingegliedert wurde und als 9-Jähriger zur Begegnung mit Christus in den Sakramenten der Buße (Beichte) und zur ersten heiligen Kommunion geführt wurde, verstanden das meine Eltern und Seelsorger damals und ich später im reifen Bewusstsein nicht bloß als sozialisierende Riten. Tertullian, der große nordafrikanische Kirchenschriftsteller (um 160–220 n. Chr.) formulierte es so: »Christus hat sich die Wahrheit genannt, nicht die Gewohnheit.«5 Ich erfuhr die innere Begegnung mit Jesus, den ich liebe, als eine meine Person tragende Einfügung in das göttliche Leben des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Es ist die Relation zu Gott als Geschöpf und Kind Gottes, die Einwohnung der Trinität in der Seele gemäß dem Wort Jesu: »Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen« (Joh 14,23). Da der Glaube durch die elterliche Autorität nicht indoktrinierend und äußerlich steuernd auferlegt, sondern uns sanft ins Herz gesät wurde, fühlte ich auch meine Freiheit nie bedroht.

Wo »gepflanzt und begossen wird, aber das Wachstum Gott überlassen wird« (vgl. 1 Kor 3,6 f.), da ergibt sich auch kein Zwiespalt von Autorität und Freiheit, an dem schon mancher zerbrochen ist. Später als Religionslehrer und Prediger wurde ich oft gefragt, was ich selbst denke. »Klar«, sagte man, »dass Sie die Lehre der Kirche kennen und auch offiziell vertreten müssen, aber was meinen Sie persönlich?«, lauteten die unter Ausschluss der Öffentlichkeit gestellten Fragen. Wenn man aber glaubt, dass die Offenbarung Gottes und seine Geschichte mit uns Menschen im Glaubensbekenntnis der Kirche voll und ganz bewahrt wird und es einen privaten und geheimen Zugang zu Gott an Christus und der Kirche vorbei nicht gibt, wie kann ich dann anders glauben als die Kirche glaubt, ohne mich dabei über Gott zu stellen?, war immer meine Antwort.

Meine Mutter weckte schon im zarten Alter die Liebe zu Jesus. Diese blieb nicht im Sentimentalen stecken und wirkte nicht infantilisierend. Die Liebe entzündete mir im inneren Auge ein Licht, das über meinem ganzen Leben strahlend blieb.

»Jesus, dir leb ich, Jesus dir sterb ich, Jesus, dein bin ich tot und lebendig« (vgl. Röm 14,8) war mein erstes Gebet. Jeden Abend beteten mein Bruder Günter und ich auf diese Weise vor dem Schlafengehen. Das Kreuz mit dem daran angenagelten Jesus, das über dem Bett hing, war der sichtbare Beweis, dass Jesus wirklich sein Leben hingegeben hat – für mich und uns, pro me et pro nobis. Der Gedanke, Geschöpf und Kind Gottes zu sein, berufen zum ewigen Leben, erfüllt bis heute Herz und Gemüt immer neu mit Staunen und Bewunderung – so könnte man in Abwandlung eines Kant-Wortes sagen. Was uns vermittelt wurde, war die Gewissheit: Gott meint es gut mit uns und führt am Ende alles zum Guten (vgl. Röm 8,28). »Mit Gott fang an, mit Gott hör auf, das ist der schönste Lebenslauf« war ein anderes Gebet, das ein kindliches Ur-Vertrauen in Gott ausdrückt.

Zum Gebet gehörte auch die tägliche Gewissenserforschung am Abend vor dem Einschlafen. Die Erkenntnis, aufgrund des freien Willens die Verantwortung für mein Handeln übernehmen zu müssen, war die beste Vorbereitung für die spätere sakramentale Buße, die man damals einfach nur die Beichte nannte. Sie vollzieht sich bekanntlich in drei Schritten: der Reue des Herzens, dem mündlichen, aus-drücklichen Bekenntnis der Sünden und der Wiedergutmachung in guten Werken, auf die Gottes Vergebung in Absolution folgt. Eine gute Gewissenserforschung führt nicht zu Angst und Schrecken vor dem richtenden und strengen Gott. Da Gott gerade auch in seinem Gericht der verzeihende Vater ist, führt der Hinweis auf das persönliche Gericht über jeden nach dem Tod und das Jüngste Gericht über die ganze Menschheit am Ende der Geschichte viel eher zum Erschrecken über mich, dass ich durch das Übertreten der Gebote Gottes oder den Mangel an guten Werken mich selbst von der Liebe zu Gott über alles und der Liebe zum Nächsten getrennt habe. »Furcht gibt es nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht. Denn die Furcht rechnet mit Strafe, und wer sich fürchtet, dessen Liebe ist nicht vollendet« (1 Joh 4,18).

Im Beichtspiegel betrachte ich mich selbst und unterstelle mich dem Gericht der Liebe Gottes. Nur wenn ich meine Sünden und Fehler verdränge, um mich selbst zu rechtfertigen, wird mir mein Gewissen zur »Qual und Hölle«. Nur die ungesühnte Sünde, die ich durch Selbstrechtfertigung verdrängen will, bewirkt Hass auf Gott und die Verachtung seiner Kirche. Wenn ich aber demütig meine Sünden erkenne und bereue, wird die Barmherzigkeit Gottes zu einer Einladung an den verlorenen Sohn, ins Haus des Vaters heimzukehren (vgl. Lk 15,11–32). Geistlich und psychologisch wichtig ist bei der religiösen Erziehung die sorgfältige Unterscheidung zwischen den alltäglichen oder lässlichen Sünden von den schweren Sünden, die zum »geistigen Tod der Seele« führen (vgl. 1 Joh 5,16). Skrupel und Selbstzweifel sind ein Mangel an Liebe und Vertrauen zu Gott, der immer der Gott der je größeren Liebe ist, die verzeiht, und nicht der Rache, die zu Angst und Flucht vor ihm führt.

Nicht im Blick auf mich, aber im Hinschauen auf Gott und seine Zuneigung zu mir in Jesus Christus kann ich seiner Vergebung und Gnade gewiss sein, sodass ich von der Sünde befreit bin und frohen Gewissens Gott verehren und den Menschen dienen kann. »Wer immer den Glauben hat, kann der Allmacht und der Barmherzigkeit Gottes sicher sein«6. Das Motiv des Glaubens ist der gnädige Gott, der uns aus Feinden und Sklaven, wirklich zu Freunden und Söhnen Gottes macht (Röm 5,10; 6,20; 8,14). »So sollt ihr euch als Menschen begreifen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus« (Röm 6,11).

Mag bei den antiken heidnischen Autoren (Lukrez; Epikur) oder in der atheistisch-rationalistischen Religionskritik des 18. und 19. Jahrhunderts und in der Tiefenpsychologie Freuds die Religion oder der Glaube an Götter aus der Angst des sog. primitiven Menschen vor den Gewalten der Natur oder aus unverarbeiteten Emotionen abgeleitet werden. Der Glaube an den Gott der Liebe in Jesus Christus hat weder meiner frühkindlichen Erinnerung noch der gelehrten Reflexion nach seinen Ursprung in seelischen Zuständen und Dynamiken. Die Analogie zu den menschlichen Affekten ergibt sich nicht in Bezug auf die Naturgewalten und die Schicksalsschläge des zeitlichen Daseins, sondern aus dem kindlichen Vertrauen zum Vater, dem wir das Entstehen und die Förderung unseres Lebens verdanken und somit zu den Eltern, den Vorfahren und den Brüdern und Schwestern in der Familie Gottes. Als pilgernde Kirche geht sie durch die Geschichte den Weg Christi bis zum Ende der Zeiten, »wenn die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommt, und die Kirche bereit sein wird wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat und Gottes Wohnung unter den Menschen zu sehen ist« (Offb 21,2 ff.).

Gegenüber einer religionspsychologischen Ableitung des Christentums aus der erschütternden Erfahrung der Kontingenz alles Irdischen, dem Schmerz der Todgeweihtheit oder dem Schrecken vor den technisch nicht zu beherrschenden Naturgewalten und den blinden Schicksalsschlägen helfen nur die Tröstungen und Verheißungen Gottes:

»Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, sodass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater« (Röm 8,15).

Unser Glaube hat nicht den Wunsch zum Vater und die Illusion zur Mutter. Er ist keine abstrakte Idee oder ein Ideal der reinen, aber nicht auf Erfahrung gestützten Vernunft, sondern er hat ein reales Fundament: das Heilshandeln Gottes inmitten von Welt und Geschichte. »Doch ich weiß: Mein Erlöser lebt« – bekennt der leidende Gerechte (Ijob 19,25). Wer – wie Jesus – für mich solche Schmerzen auf sich genommen hat, der hat recht und macht mich gerecht, dem kann ich mich im Leben und Sterben anvertrauen. Wer auch immer später im Namen selbstaufgeklärter Vernunft in der Salon-Philosophie, mit blindem Fortschrittsglauben und scheinbar objektiver Wissenschaft mich je von der geistigen Inferiorität des Christentums oder seiner »mittelalterlichen Beschränktheit« – um die polemischen Formeln, die keine Argumente sind, zu gebrauchen – überzeugen wollte, ist bei mir bislang immer an der Ur-Erfahrung Gottes als Liebe gescheitert.

Hinter der hohen und hohlen Fassade des Freidenkertums findet sich zu viel Hochmut und Zynismus, als dass man unter ihren Vertretern einen wirklichen Freund gewinnen könnte. Ein guter Freund meint es nur gut mit mir und will mich nicht nur als Kumpanen seiner eigenen Weltanschauung gewinnen, um sich zu bestätigen. Wenn es nur dieses kurze Leben gäbe und sein Sinn nur im Genuss bestünde, wozu sollte ich es hingeben, wenn nicht im Namen dessen, der uns das Leben in Fülle gegeben hat und der uns sagt: »Es gibt keine größere Liebe als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde« (Joh 15,13). Denn bis heute hat sich noch keiner der prominenten Vertreter der altheidnischen und modernen antichristlichen Ideologien eingefunden, der sein Leben für meines einsetzte und auch nur im Entferntesten die Macht hätte, meine Endlichkeit, mein Leiden und meinem Tod und die Vergänglichkeit aller, die ich liebe, jetzt und für immer zu überwinden. Gott, der aus Liebe zu uns seinen einzigen Sohn für uns dahingegeben hat und den wir über alles lieben, war und ist die wirklichste Wirklichkeit in und über der Welt. Gott, von dem wir herkommen und der unser Ziel ist: das ist die in Herz und Verstand eingepflanzte Gewissheit, die Halt gibt und den Sinn des Lebens erschließt.

Im Rückblick auf die langsame Reifung meines religiösen Bewusstseins und ihrer immer tieferen Verwurzelung im Geheimnis Christi, kann ich das nennen, was ich der Gnade Gottes und nicht bloß glücklichen Umständen zu verdanken habe. Ich weiß nicht nur, was ich glaube, sondern ich weiß noch vielmehr, wem ich glaube. So hat Paulus – als von Christus eingesetzter »Verkünder, Apostel und Lehrer des Evangeliums« – die Widrigkeiten seiner Mission gedeutet: »Darum muss ich auch dies alles erdulden; aber ich schäme mich nicht, denn ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe, und ich bin überzeugt, dass er die Macht hat, das mir anvertraute Gut bis zu jenem Tag zu bewahren« (2 Tim 1,12). Und was er seinem Schüler und Nachfolger im apostolischen Dienst aufgetragen hat, das lasse ich mir auch im Blick auf meine Einführung in das Christentum von meinen Lehrern und Seelsorgern gesagt sein: »Halte dich an die gesunde Lehre, die du von mir gehört hast; nimm sie dir zum Vorbild, und bleibe beim Glauben und bei der Liebe, die uns in Christus geschenkt ist. Bewahre das dir anvertraute kostbare Gut durch die Kraft des Heiligen Geistes, der in uns wohnt« (2 Tim 1,13 f.)

In der feierlichen Liturgie des eucharistischen Opfers und der stillen Anbetung des Herrn im Allerheiligsten Sakrament und in der feierlichen Pracht des Fronleichnamsfestes bemächtigt sich des Herzens eine solche Erfahrung der wirklichen Gegenwart Christi, dass von ihm alles Gottvertrauen getragen und jede Liebe zu Gott und zum Nächsten immer neu entzündet wird. Diese Gottesnähe gibt dem ganzen Leben Halt und lässt im Herzen stets neu das österliche Halleluja aufklingen. Es ist die Erkenntnis, dass Jesus nicht lediglich ein bedeutender Mensch war, der vor 2000 Jahren lebte und jetzt tot ist, dessen wir uns geschichtlich erinnern, um uns an seinem Vorbild moralisch zu stärken; »vielmehr ist er ewig lebendig in seiner Kirche und macht dies auf sinnliche, dem sinnlichen Menschen begreifliche Weise im Altarsakrament anschaulich. Er ist in der Verkündigung seines Wortes der bleibende Lehrer; in der Taufe nimmt er ohne Unterlass in seine Gemeinschaft auf, in der Bußanstalt vergibt er dem reumütigen Sünder, stärkt das heranreifende Alter in der Firmung mit der Kraft seines Geistes, haucht dem Bräutigam und der Braut eine höhere Anschauung der ehelichen Verhältnisse ein, einigt sich mit allen, die dem ewigen Leben entgegen seufzen, auf das innigste unter den Formen des Brotes und des Weines, tröstet die Sterbenden in der Ölung und setzt in der Priesterweihe die Organe ein, durch welche er alles in nie ermüdender Tätigkeit wirkt.«7

Schon der Glaube des Kindes ist nicht ohne Verstand. Das Unvernünftige kann niemals im Lauf der Zeit vernünftig werden. Soweit ich mich zurückerinnern kann, hatte ich immer ein Gespür für den kategorial anderen Wahrheitsgehalt der biblischen Geschichte und der Glaubenslehren auf der einen und den Märchen und Legenden und Abenteuerromanen auf der anderen Seite, die zwar mächtig die kindliche Phantasie beschäftigen, zu denen aber immer hinzugefügt wurde, dass es doch nur ein Märchen und damit nicht realistisch wahr sei. Aber das Vernünftige kann immer besser verstanden werden. »Das Kind wuchs heran, und sein Geist wurde stark« (Lk 1,20), heißt es von Johannes dem Täufer. Was uns als Kinder immer beeindruckte, war, dass selbst vom heranwachsenden Jesus in seiner Familie in Nazareth gesagt wird: »Das Kind wuchs heran und wurde kräftig; Gott erfüllte es mit Weisheit und seine Gnade ruhte auf ihm« (Lk 2,40). Wenn intellektuelle und existentielle Schwierigkeiten in meinem Glauben und Leben auftraten, war es immer mein Prinzip, die Gründe dafür nicht in der Offenbarung Gottes oder der Lehre der Kirche, sondern in meiner noch mangelnden Kenntnis zu suchen, die durch vertieftes Studium und intensiveres Gebet um bessere Einsicht überwunden werden konnten. Denn es ist die Person, die mithilfe der zuvorkommenden Gnade durch ihre Vernunft und ihren freien Willen sich im Glauben auf den personalen Gott bezieht; und nur durch den Glauben kommt die Vernunft zum Ziel, nämlich zur Erkenntnis der Wahrheit, die in Gott Person ist. Die Offenbarung führt zur Wahrheit, weil Gott sich in seinem Wort und Geist als die Wahrheit zu erkennen gibt. Die Wahrheit des Glaubens ist folglich nicht eine von mir geleistete Einsicht in die Struktur geschaffener materieller und ideeller Sachverhalte, sondern die Einsicht der Liebe, die in einem Verhältnis von Personen waltet. Die Glaubenswahrheit ist kein Sach-Verhalt, sondern ein Personen-Verhältnis und darum dem Sachwissen unendlich überlegen.

Auch die Vernunfteinwände vonseiten der materialistischen und atheistischen Philosophie, die die Existenz Gottes bestreiten oder agnostisch die Unmöglichkeit der Gottesbeweise etwa im Kantischen Kritizismus behaupten, konnten meinen Glauben an den lebendigen, personalen Gott nicht erschüttern und die Überzeugung von der rationalen Begründbarkeit der Existenz Gottes infrage stellen. Denn diese Argumente können letztlich und prinzipiell auch die Voraussetzungen der vernünftigen Überzeugung von der Existenz Gottes und der umfassenden Bezogenheit allen Seins auf IHN nicht untergraben. Die militanten Atheisten machen es sich zu leicht, wenn sie den Gläubigen den kritischen Verstand absprechen. Gewiss gibt es kein Zurück zum ptolemäischen Weltbild, aber hier handelt es sich um empirische Erkenntnisse. Es war nie Gegenstand des Glaubens an Gott, den Schöpfer. Und auch überholte oder moderne Weltbilder aus der naturwissenschaftlichen Vernunft haben mit der Selbstoffenbarung Gottes als Heil und Wahrheit des Menschen gar nichts zu tun. Was hat der Glaube an Gott mit einem bestimmten Stand der Naturerkenntnis zu tun?

Gewiss darf man nicht hinter das Problembewusstsein der Erkenntniskritik Kants zurückfallen. Aber das schließt nicht aus, dass eine darin geschulte neue Form des erkenntnistheoretischen Realismus entwickelt werden kann, der Theologie als Wissenschaft möglich macht. Es ist darum notwendig, sich mit ihnen rational und argumentativ auseinanderzusetzen, um Klarheit über das metaphysische Fundament der Theologie zu gewinnen. Der Gegenstand der Theologie ist der geoffenbarte Glaube, was ihr Spezifikum gegenüber allen anderen empirischen und transzendentalen Wissenschaften ausmacht. Das Prinzip der Theologie aber ist nicht der Glaube, sondern die Vernunft, die alle Wissenschaften konstituiert und miteinander verbindet (ratio fide illustrata). Und darum ist auch die Theologie als Wissenschaft der Glaubensinhalte an der Universität möglich und voll gerechtfertigt, denn das Prinzip der Universität ist das Wissen und nicht die Ignoranz z. B. gegenüber der Wissenschaft vom christlichen Bekenntnis und allen seinen literarischen und historischen Manifestationen.

Der Nihilismus, »dieser unheimlichste aller Gäste« (Friedrich Nietzsche), und damit der moralische Relativismus steht vor jeder Tür und lässt sich nicht abweisen, wenn das Geheimnis des Seins nicht als Liebe und die Liebe nicht als das Geheimnis Gottes aufgenommen wird. Die Vernunft kommt nicht als Korrektiv von außen an den Glauben heran. Der Glaube ist zwar von der Gnade getragen, aber doch in sich selbst schon ein Akt des Geistes in Verstand und Willen. Glaube und Vernunft stehen sich nicht wie das Irrationale und das Rationale gegenüber. Der Glaube an Gott ist vernünftig, weil Gott Vernunft ist: Und die Sehnsucht nach Liebe wird niemals frustriert, weil Gott die Liebe ist. Im Glauben geschieht eine »vernunftgemäße Gottesverehrung« – ein rationabile obsequium (Röm 12,1). Als Paulus vor König Agrippa II. von Judäa (50–70 n. Chr.) und dem römischen Statthalter in Syrien, Porcius Festus (60–62 n. Chr.), das christliche Kerygma bezeugte, verteidigte er sich mit diesen Worten seinen Anklägern gegenüber, »dass der Christus leiden müsse und dass er, als Erster von den Toten auferstanden, dem Volk und den Heiden ein Licht verkünden werde« (Apg 26,23). Als Festus laut rief: »Du bist verrückt, Paulus! Das viele Studieren in den Schriften treibt dich zum Wahnsinn« (Apg 26,24), erwiderte Paulus: »Ich bin nicht verrückt, erlauchter Festus; was ich sage, ist wahr und vernünftig« (Apg 26,25). Das ist die Fähigkeit des Glaubens, in einem rationalen Dialog seine tiefere Vernunft und größere Plausibilität gegenüber der Glaubensverweigerung ins Spiel zu bringen.

Vater unser