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Du musst die Milch schlagen, wenn du Butter willst

Öser Bünker

Öser Bünker

Du musst die Milch schlagen, wenn du Butter willst

Geschichten und Zitate aus den Weisheitstraditionen der Menschheit

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Ideen, Texte & Layout: Öser Bünker

Satz & Layout: jp.huss mediadesign

Korrektur: Annika Rodefeld und Andy Mondon

Fotos: pixabay.com

bodhisattva edition 2017

© 2017 Öser Bünker, Alle Rechte vorbehalten

© tao.de in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld

Verlag: tao.de in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld, www.tao.de, eMail: info@tao.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

978-3-96051-778-8 (Paperback)

978-3-96051-779-5 (Hardcover)

978-3-96051-780-1 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig.

Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung,

Übersetzung, Verbreitung und sonstige Veröffentlichungen.

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1 Heiterkeit und Lachen

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2 Meister und Schüler

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3 Liebe und Mitgefühl

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4 Vergänglichkeit und Tod

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5 Unterscheidung und Einsicht

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6 Gedanken und Gefühle

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7 Gelassenheit und Abgeschiedenheit

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8 Meditation und Nicht-Meditation

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Die Geschichte von Pogodei

Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Pogodei. Er war zwölf Jahre alt und wohnte in einem kleinen Ort mit Namen Himmelsdorf. Manche sagen, dass das Dorf so heißt, weil es in einer himmlisch schönen Gegend liegt. Andere behaupten: „Nein, es heißt so, weil es am Fuße des Himmelsberges liegt.“ Und wieder andere sagen: „Quatsch, beides stimmt, was denn sonst.“

Die Landschaft ist wirklich sehr schön und von Hügeln übersät. Die Felder sind wie breite Treppenstufen an ihre Hänge gebaut und Bäche und Flüsse sprudeln behende über Fels und Geröll von Tal zu Tal. Inmitten all dieser Hügel nun erhebt sich ein mächtiger Berg, der hoch in den Himmel ragt, so hoch, dass er bereits der himmlischen Welt anzugehören scheint. Eben deshalb haben ihm die Menschen vor langer, langer Zeit den Namen Himmelsberg gegeben. Sein schneebedeckter Gipfel ist meistens von Wolken umlagert, doch manchmal an besonders schönen Tagen, wenn der Himmel ganz klar ist, funkelt und strahlt er im Sonnenschein als wäre er in überirdisches Licht gehüllt. Die Menschen sagen dann: „Heute feiern die Götter ein Fest.“ Alle hegen tiefe Achtung und Bewunderung für ihn, denn er ist ein erhabener, wunderbarer Berg, ein wirklicher Himmelsberg.

Pogodei erging es nicht anders. Er liebte den Himmelsberg sehr und schaute oft lange zum Gipfel hinauf und träumte davon, dort oben zu stehen. Aber er hatte noch nie jemanden getroffen, der den Himmelsberg ganz erstiegen hatte.

An seinen sanften Hängen hatten die Menschen in Terrassen ihre Felder angelegt, und bis zur Baumgrenze kletterten in der warmen Zeit des Jahres täglich viele auf und nieder. Aber in die Region wo kein Baum und Strauch mehr wuchs, schien sich noch niemand vorgewagt zu haben. Pogodei hatte ein Herz, das voller Sehnsucht war nach Weite und Uner messlichkeit. Das Leben im Dorf kam ihm oft so eng und begrenzt vor. An Tagen, wenn seine Sehnsucht besonders groß war, malte er sich aus, wie er vom Gipfel des Himmelsberges auf eine dicke weiße Wolke stieg und mit ihr am Himmel entlang flog und weithin über die Erde schauen konnte, ganz weit über die Grenzen seines Dorfes und seiner Heimat hinaus. Je öfter er sich dies vorstellte, desto mehr wünschte er sich, einmal wirklich den Himmelsberg zu besteigen und tatsächlich auf einer Wolke zu fliegen.

Eines schönen Sommerabends, als er gerade zufällig allein daheim war und Eltern und Geschwister noch auf dem Felde arbeiteten, fasste er den Entschluss: „Ja, morgen werde ich den Himmelsberg besteigen.“ Er packte einen Kanten Brot, ein Stück Käse, fünf Äpfel, eine Flasche Wasser sowie eine Decke in seinen Leinenrucksack und versteckte ihn unter seinem Bett. Niemand durfte von seinem Vorhaben wissen. Denn das wusste er allzu genau, seine Eltern und Geschwister würden ihn für verrückt erklären und niemals gehen lassen.

Am frühen Morgen nun, bevor der Tag graute, schlich er sich mit den Schuhen in der Hand und dem Rucksack auf dem Rücken auf Diebessohlen aus dem Haus. Seine drei Geschwister, mit denen er das Zimmer teilte, schliefen fest. Aus dem Schlafzimmer der Eltern tönte das Schnarchen des Vaters. Die Fußbodendielen knarrten leise unter seinen Schritten. Pogodei atmete auf, als er die Haustüre hinter sich schloss. Die Luft draußen war klar und frisch, und der Mond schien am sternenübersäten Himmel in voller Pracht. Über dem Dorf lag tiefe Stille. Keine Menschenseele war wach, selbst die Vögel schliefen noch. Er setzte sich auf die Treppenstufen und schlüpfte in die Schuhe. Als er die Dorfstraße entlangging, schlug die Kirchturmuhr behutsam eine Dreiviertelstunde. Vor lauter Furcht, dass er einen Menschen wecken oder einen Hund aufstören könnte, wagte er kaum aufzutreten. Als er endlich ungesehen zum Dorfrand gelangt war, wurde ihm ganz leicht und froh ums Herz, und mit hurtigen Schritten eilte er zum Himmelsberg.

Der Aufstieg war lang und mühselig. Er dauerte den ganzen Tag und Pogodei musste oft Rast machen, um sich ein wenig zu erholen und zu stärken. Sein Hunger war gewaltig und ehe er sich versah, hatte er schon alles aufgegessen. Zum Glück traf er unterwegs auf einen sprudelnden Bach, wo er die Wasserflasche auffüllen konnte. Er folgte seinem Verlauf und gegen Mittag, als die Sonne am heißesten schien, entledigte er sich aller Kleider und nahm ein erfrischendes Bad im klaren, eiskalten Wasser. Dann hüllte er sich in seine Decke, legte sich unter eine knorrige Kiefer und schlief ein.

Wahrscheinlich hätte er den ganzen Nachmittag verschlafen, wenn ihn nicht ein Felsbrocken geweckt hätte, der ganz in seiner Nähe den Hang hinunter polterte. Der Schlaf hatte ihn erfrischt, und so schien es ihm, als würde der weitere Aufstieg nun doppelt so schnell gehen. Je höher er kam, desto weiter und wunderbarer wurde die Aussicht und schließlich waren sein Dorf und die umliegenden Felder, Wiesen und Wälder nur noch bunte Farbkleckse in der Landschaft. Der Berg war sehr still. Nur der Klang seiner Schritte und das Geräusch des sanften und frischen Windes, der den ganzen Tag lang Pogodei freundlich umstrich, drangen an seine Ohren.

Gegen Abend erreichte Pogodei endlich die Wolkendecke, die feucht und schwer den Berg umlagerte. Die strahlende Sonne war verschwunden, und als er im Schatten der Wolken lief, fröstelte er und ihm war ein wenig beklommen ums Herz. Von der heiteren Stimmung des Tages war plötzlich nichts mehr zu spüren. Er wäre am liebsten umgekehrt, dorthin wo die Sonne noch schien. Doch gab er sich einen Ruck und stieg weiterhin bergan. Nach einer Weile kam er in einen dichten Nebel. Er konnte fast gar nichts mehr sehen und sich nur noch mühsam mit Händen und Füßen vorwärts tasten.

Bald aber wurde es wieder heller. Und nach nur wenigen Schritten war er oberhalb der Wolkendecke, die im Licht der untergehenden Abendsonne wie ein rotgoldener See unter ihm lag. Und aus dem Wolkensee erhob sich gleißend im Sonnenlicht wie eine Insel der schneebedeckte Gipfel des Himmelsberges. Dieser Anblick war so überraschend und von solch überirdischer Schönheit, dass Pogodeis Geist in einen unendlichen Frieden versank und alles vergaß. Er stand und schaute und schaute ... bis ihn der kühle Wind der kommenden Nacht daran erinnerte, dass er sein Vorhaben noch nicht zu Ende gebracht hatte.

Gleich vor ihm schwebte eine große, weiße Wolke. Pogodei sprang mit einem großen Satz auf ihren Rücken und landete sanft wie auf einem dicken, weichen Daunenbett. Herrlich wohl fühlte er sich darauf, wie in seinem Bett daheim. Er holte seine Decke hervor, kuschelte sich ein und schaute behaglich der untergehenden Sonne entgegen, deren rotgoldene Strahlen ihn durch und durch erwärmten. Übermüde von der Mühseligkeit des Aufstiegs schlief er bald ein.

Plötzlich riss Pogodei vor Schreck die Augen auf – er lag nicht mehr auf den Wolken, sondern fiel jählings durch den Himmel. Ehe er sich versah, war er schon in den Armen der untergehenden Abendsonne gelandet. Die war ganz überrascht. „Ei, du junger Mensch, wie kommst denn du hierher? Für dich beginnt doch jetzt die Nacht, und ich werde gleich in einem anderen Teil der Erde leuchten. Dorthin kann ich dich leider nicht mitnehmen. Hm, das Beste ist, glaube ich, du besuchst den Mond. Der geht gerade dort drüben auf. Er wird sich bestimmt freuen, wenn er in seinen einsamen und stillen Nächten einmal jemanden zu Gast hat, dem er ein wenig von seiner verschwiegenen Weisheit übermitteln kann.“ Sie gab ihm zum Abschied auf jede Wange einen herzlichen Kuss und schickte ihn auf die Reise.

Kaum hatte die Sonne Pogodei auf die Reise geschickt, war er schon beim Mond gelandet. Dieser war überhaupt nicht überrascht, als Pogodei einfach so holter di polter in seine Arme fiel. Nun, vielleicht hatte die Sonne ihm ja schnell eine Nachricht zugestrahlt, so dass der Mond schon auf seinen Besuch vorbereitet war. Er begrüßte Pogodei herzlich wie einen alten Freund, setzte ihn zu sich in den Schoß, sagte aber weiter kein Wort, sondern schien nur einfach still vor sich hin, in einem wunderbar milden und sanften Licht, das Pogodei tief berührte und bald so sehr durchdrang, dass er das Gefühl hatte selbst ganz lichtvoll zu sein.

Pogodei schaute auf die Erde, die wunderschön und leuchtend im Raum schwebte, und suchte sein Dorf und den Himmelsberg, auf dessen Gipfel er vor gar nicht langer Zeit noch gestanden war. Doch die Erde war weit weg und die Kraft seiner Augen reichte nicht. Seine Eltern, Geschwister und Freunde, sie alle waren unerreichbar fern. Nur der Mond war ihm greifbar nah. Der hielt ihn liebevoll in seinem Schoß und strahlte solch eine beglückende Ruhe aus, dass sich Pogodeis Herz für die Schönheit und Stille des unermesslichen Alls öffnete, und er sich und alles andere vollkommen darüber vergaß.

Nach langer Stille begann der Mond schließlich doch zu reden, und seine Worte fielen in Pogodeis offenes Herz wie Wassertropfen in einen ruhigen und klaren See.

Der Mond schaute Pogodei freundlich an und streichelte ihm dabei mit seinen sanften Händen liebevoll das Gesicht:

„Ich sehe, du hast dein Herz weit geöffnet.

Bewahre dir dieses offene Herz.

Betrachte die Welt und alle Lebewesen

mit diesem offenen Herzen.

Sei gütig und liebevoll und erkenne,

dass alle Wesen mit dir verwandt und dir gleich sind.

Du bist noch jung und hast erst eine kurze Strecke

vom Weg deines Lebens zurückgelegt.

Nutze deine Zeit und lerne dich selbst

und das Leben immer tiefer verstehen.

Achte alle Wesen wahrhaftig, hilf ihnen

und wünsche ihnen von Herzen Glück.

Wenn du diesen Rat beherzigst,

wirst du einen Weg beschreiten,

auf dem die Freude niemals endet

und größer und größer wird.“

Dann versank der Mond wieder in Schweigen

und Pogodei mit ihm.

Nach geraumer Weile sprach der Mond:

„Die Nacht ist jetzt fast um,

und es ist höchste Zeit für dich zur Erde zurückzukehren,

denn deine Eltern und Geschwister sorgen sich sehr um dich.

Vergiss mich nicht.

Schaue einfach zum Himmel,

wenn du mich brauchst.

Ich bin immer dort.

Betrachte mich in Stille,

dann wirst du dich an die Zeit mit mir erinnern,

das wird dir Kraft und Stärke geben.“

Mit diesen Worten setzte der Mond Pogodei auf einen seiner Lichtstrahlen, und ließ ihn daran durch die dunkle Nacht hinab zur Erde gleiten.

Pogodei schlief sofort ein.

Er erwachte vom Gelächter ringsum, und als er die Augen aufmachte, sah er viele Leute, die ihn im Kreis umstanden und angafften. Er erkannte niemanden. Alle schienen ihn lustig zu finden. Er fühlte sich völlig verwirrt und wäre vor lauter Verlegenheit am liebsten vom Erdboden verschluckt worden.

Da stellte sich ein Mädchen vor ihn hin, streckte ihm ihre Hand entgegen und sagte: „Komm, ich zeige dir etwas.“

Pogodei stand auf und ließ sich von ihr zu einem Schaufenster führen, in dem ein großer Spiegel stand. Als er dort hineinschaute, sah er einen Clown, der genauso verlegen und verwirrt wirkte, wie er sich fühlte. Der Clown war er selbst. So war er also als Clown auf die Erde zurück gekommen.

Die herzlichen Küsse der munteren Abendsonne hatten rote Flecken auf seinen Wangen hinterlassen.

Vom Streicheln des milden Mondes war sein ganzes Gesicht weiß geworden.

Beim Flug zur Erde waren Reste der dunklen Nacht als schwarze Schatten an den Augenlidern hängen geblieben.

‚Kein Wunder, dass die Leute mich lustig finden‘, dachte er.

Versonnen stand er vor dem Spiegel, als er plötzlich die Stimme seiner Mutter hörte: „Pogodei!“ Er drehte sich um und sah sie dort stehen, wo er vorhin gelegen hatte. Auf den Armen trug sie Decke und Rucksack, die er in der Verwirrung hatte liegen lassen. Im Nu erkannte er, dass er im eigenen Dorf auf dem Marktplatz gelandet war, und dass das Mädchen, das noch immer seine Hand hielt, seine Schwester Nina war. Da erfasste ihn ein Freudentaumel. Er lachte aus vollem Halse und drehte sich mit seiner Schwester im Kreise. Das war seiner Mutter, die sich sichtlich freute, Pogodei wohlbehalten wieder gefunden zu haben, nun doch zuviel. Als er sie in den Arm nahm und küsste, sagte sie: „Wie siehst du denn aus! Komm mit nach Hause und wasch dir das Gesicht, du machst dich ja so zum Gelächter der Leute.“

Pogodei ging folgsam mit und wusch sich das Gesicht. Siehe da, die Farbe ging tatsächlich ab. Niemand konnte hinterher mehr sehen, dass er über Nacht ein Clown geworden war. Nur die Menschen, die selber Clowns waren, die konnten ihn als solchen erkennen. Doch für sie war der Clown Pogodei nichts Besonderes, sondern einfach wie sie.

Viel Freude und Inspiration

beim Lesen dieses Buches!

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Suche in der Freude,

denn wir sind die Bewohner des Landes der Freude.

Rumi

Wenn du lachst, versuch’s,

wenn du lachst, hast du Nicht-Geist,

keine Gedanken, keine Probleme, keine Leiden.

Menschen, die nicht lachen,

haben einen Geist,

und sie sehen sehr ernst aus

und haben auch viele Probleme.

Sie haben einen Geist,

denn für Probleme braucht man den Geist,

es ist der Geist, der leidet.

Also, lach ihn einfach weg.

Jedes Problem, das kommt,

lach es einfach weg,

es geht weg, es rennt weg, es fliegt weg.

Punjaji

Die Geschichte der Menschheit

Ein junger König im alten Persien lud zahlreiche Gelehrte zu sich an den Hof und bat sie, die Geschichte der Menschheit für ihn aufzuschreiben und herauszugeben.

Die Gelehrten zogen sich zur Arbeit zurück, und es verstrichen zwanzig Jahre, bis sie die Edition fertig gestellt hatten. Es waren fünfhundert Bände geworden, die sie auf den Rücken von zwölf Kamelen befestigten. Als sie zum Palast des Königs kamen und dieser die vielen Bände sah, sagte er: „Ich bin jetzt schon über vierzig und werde unmöglich die Zeit haben, alles vor meinem Tode zu lesen. Bitte macht mir eine gekürzte Ausgabe.“

Die Gelehrten arbeiteten wiederum zwanzig Jahre an der Kürzung und suchten dann mit drei beladenen Kamelen den König auf. Der war inzwischen über sechzig und hatte eine schwache Gesundheit. Er sagte zu den Gelehrten: „Tut mir leid, aber es ist mir nicht möglich, all diese Bücher zu lesen. Bitte macht mir eine noch kürzere Fassung.“

Die Gelehrten zogen sich für weitere zehn Jahre zur Arbeit zurück und kamen nun mit einem einzigen Elefanten, der mit ihren Werken beladen war. Jetzt war der König bereits über siebzig und seine Augen waren sehr schwach geworden. Und so bat er die Gelehrten wiederum um eine noch kürzere Ausgabe. Sie konzentrierten sich weitere fünf Jahre lang und kehrten schließlich mit einem einzigen Band zum König zurück.

Als sie ankamen, lag der König im Sterben und sagte zu ihnen: „Ich muss nun doch ohne ein Wissen über die Geschichte der Menschheit sterben.“ Die Gelehrten waren inzwischen auch allesamt hoch betagt. Der Älteste von ihnen sagte zum König: „Ich kann Euch die Geschichte der Menschheit in einem einzigen Satz darlegen. Der Mensch wird geboren, leidet und stirbt schließlich.“

In diesem Augenblick tat der König den letzten Atemzug.

Geldbeutel im Eis

Ein Mann wollte unbedingt reich werden und betete jeden Tag, dass sein Wunsch in Erfüllung gehen möge.

Eines Tages, es war tiefer Winter, sah er auf dem Weg einen großen Beutel mit Geld liegen. Voller Freude dachte er: ‚Meine Wünsche sind erhört worden‘. Er beugte sich nieder, um den Geldbeutel aufzuheben. Doch der war im Eis festgefroren, und so sehr er sich auch anstrengte, er konnte den Beutel nicht aus dem Eise befreien. Da dachte er in seinem Eifer: ‚Ich uriniere einfach darauf, dann schmilzt das Eis‘. Gesagt, getan ... und plötzlich erwachte er in seinem völlig durchnässten Bett. Er hatte nur geträumt.

So ist unser Leben.

Der menschenfressende Drache

Oberhalb eines kleinen Dorfes in den Bergen lebte ein gigantischer Drache, der alle, die sich seiner Höhle näherten, verschlang.

Die verschreckten Bauern sagten: „Man darf dort nicht hinaufsteigen, niemand kommt von dort zurück.“

Eines Tages kam ein mutiger junger Mann namens Gobuki in das bäuerliche Dorf. Er sagte zu den Bauern: „Ich habe von dem menschenfressenden Drachen gehört, und ich will ihn aufsuchen und stellen.“ Die Bauern warnten ihn eindringlich, doch er blieb entschlossen. Da gaben sie ihm fünf verschiedene Waffen: einen Spieß, eine Lanze, ein Schwert, einen Stock und eine Mistgabel.

Gobuki stieg den Berg hinauf und plötzlich erschien der Drache vor ihm und schnaufte.

„Da bist du ja endlich, jetzt werde ich dich vernichten!“ rief Gobuki mutig und warf nacheinander die fünf Waffen, die ihm die Bauern mitgegeben hatten, auf den Drachen. Doch die Waffen kamen wieder zurück und blieben an Gobukis Körper haften.

Daraufhin blieb Gobuki einfach still stehen und schaute den Drachen fest an, ohne auch nur ein wenig Furcht zu zeigen.

Der Drache war verdutzt, das hatte er noch nie erlebt, dass jemand keine Angst vor ihm hatte. Er brüllte: „Warum mache ich dir keine Angst?“

Gobuki antwortete: „Ich weiß nicht genau, aber ich bin universell. Mein Körper ist Leerheit, mein Geist ist Leerheit und auch meine Gedanken und Gefühle sind Leerheit. Und du bist auch universell. Dein Körper ist Leerheit, dein Geist ist Leerheit und auch deine Gedanken und Gefühle sind Leerheit. Du und ich, wir sind universell, wir sind eine Einheit. Wenn du mich frisst, dann frisst du dich selbst. Wenn du dich selbst frisst, dann bist du verrückt. Aber bitte, wenn du mich unbedingt fressen willst, dann tue es.“

Der Drache war völlig verdutzt und brüllte: „Bis heute ich habe ich noch nie jemanden gesehen, der nicht von panischem Schrecken erfüllt war, wenn er mich sah. Mit dir wird alles kompliziert. Mein Geist ist verwirrt und mein Magen sträubt sich. Ich habe keine Lust mehr dich zu fressen, ich kann nicht. Verschwinde. Nimm deine Waffen und kehre heim.“

Die drei Brücken

Ein alter Vater hatte einen Sohn, der ein Trunkenbold war und jeden Abend betrunken nachhause kam. Der Vater ermahnte ihn, und der Sohn versprach, sich von jetzt ab zu bessern und weniger zu trinken.

Doch am selben Abend ging er wieder ins Wirtshaus und kam diesmal nicht zur gewohnten Stunde zurück. Der besorgte Vater machte sich auf die Suche und fand seinen Sohn halb untergetaucht im Wasser des Flusses, festgehakt am Pfeiler der Brücke, die das väterliche Haus mit dem Wirtshaus verband.

Der Vater zog ihn aus dem Wasser und sagte vorwurfsvoll: „Warum bist du in dieser Lage, wo du mir doch gerade erst versprochen hast, weniger zu trinken.“

Der Sohn antwortete: „Ich habe ja mein Versprechen gehalten und weniger getrunken, und genau deshalb bin ich jetzt in dieser misslichen Lage. Gewöhnlich trinke ich drei Liter Reiswein, und jeden Abend sehe ich bei der Heimkehr drei Brücken. Ich wähle dann immer die Brücke in der Mitte und alles geht gut. Doch heute Abend habe ich wegen meines Versprechens nur zwei Liter Sake getrunken, und ich habe nur zwei Brücken gesehen. Nicht wissend was ich tun sollte, habe ich die linke Brücke gewählt und bin ins Wasser gefallen.

„Auf, lass uns jetzt heimgehen! Du erkältest dich sonst.“ Der Sohn ging mit heim, doch am nächsten Abend trank er wieder drei Liter Reiswein. Die drei Brücken erschienen ihm wie gehabt. Er wählte die mittlere und kam gesund und munter ins väterliche Haus zurück.

Zwei Alternativen

Ein Theologe war schwer erkrankt. Da sich sein Gesundheitszustand zunehmend verschlechterte, kam ihm der Gedanke, dass er möglicherweise bald sterben würde. Er hatte gehört, dass Mulla Nasrudin ein großer Mystiker sei, und so entschloss er sich, den Mulla um Hilfe zu bitten.

Der Mulla kam, und der Theologe bat ihn: „Bitte gib mir ein Gebet, das mir den Weg in die andere Welt leichter macht. Dir sagt man ja nach, dass du eine gute Verbindung zur jenseitigen Welt hast.“

„Gern, bete dies: Oh Allah, steh mir bei! Oh Satan, steh mir bei!“

Der Theologe war entsetzt und saß mit einem Male, seine Krankheit völlig vergessend, kerzengerade im Bett: „Mulla, du musst verrückt sein!“

„Nein mein Freund, ganz und gar nicht, doch ein Mann in deiner Lage kann es sich nicht leisten, ein Risiko einzugehen. Wenn es zwei Alternativen gibt, so sollte er für beide gewappnet sein.“

Vollkommenes Schweigen

In einem kleinen Tempel, der versteckt in den Bergen lag, lebten vier Mönche miteinander und teilten das tägliche Leben. Eines Tages beschlossen sie, ein gemeinsames Retreat in vollkommenem Schweigen durchzuführen.

Am ersten Abend verlosch die Kerze während der Meditation und tauchte den Tempel in tiefe Dunkelheit.

Da konnte der jüngste Mönch nicht an sich halten und sagte: „Die Kerze ist verloschen.“

Der zweite mahnte ihn: „Du sollst nicht sprechen, dies ist ein Retreat in vollkommenem Schweigen.“

Der dritte sagte vorwurfsvoll: „Warum sprecht ihr miteinander. Wir müssen schweigen und uns still verhalten.“

Darauf konnte der vierte, der der Älteste war, sich nicht mehr zurückhalten und sagte: „Ihr Dummköpfe, nur ich habe nicht gesprochen.“

Ohne zu denken

In den Bergen fertigt ein Korbmacher, nahe beim Feuer arbeitend einen Korb. Die Alte aus den Bergen kommt hinzu und sagt zu ihm: „Welch eine Hundekälte heute.“

Der Korbmacher sagt sich: „Das ist die abscheuliche Alte aus den Bergen.

Ich muss Asche nach ihr werfen, um sie zu vertreiben.“

Die Alte sagt: „Du willst mich mit Asche bewerfen.“

Der Korbmacher ist verwirrt und sagt sich: „Ich werde sie mit meinem Beil vertreiben.“

Die Alte sagt: „Du willst mich mit deinem Beil vertreiben.“

Er denkt: „Sie durchschaut alles, was ich denke. Sie wird mich bestimmt verschlingen.“

Die Alte sagt: „Ja, ich werde dich verschlingen.“

Daraufhin beschließt der Korbmacher, einfach nichts mehr zu denken und sich ganz intensiv auf seine Arbeit zu konzentrieren. Er arbeitet schweigend vor sich hin. Mit einem Mal wirft er plötzlich ohne zu denken eine Handvoll Asche auf die Alte, die besiegt ins Flachland flieht.

Die Wiege

Einer Familie war ein gesunder Sohn geboren, und alle waren überglücklich. Der Vater begab sich am nächsten Tag zum Tischler und bat ihn, eine Wiege für ihren Neugeborenen zu bauen. Der Tischler sagte zu ihm: „Komme in einer Woche wieder und hole sie dir ab.“ Als der Vater nach einer Woche vorbeischaute, hatte der Tischler die Wiege noch nicht gebaut und vertröstete ihn auf eine Woche später. Doch als der Vater eine Woche später die Wiege abholen wollte, erhielt er dieselbe Antwort. Eine Woche darauf war das Gleiche der Fall, und so ging es weiter bis der Vater aufgab. Der Sohn wuchs heran, wurde schließlich ein Mann und nahm eine Frau, die bald darauf ein Kind gebar.

Da sagte sein Vater zu ihm: „Geh doch noch einmal zu diesem Tischler und frage ihn, ob jetzt die Wiege für dich fertig gestellt ist.“

Der junge Man begab sich zum Tischler und erinnerte ihn an die Wiege, die er damals für ihn bauen sollte. Er sagte zu ihm: „Hier hast du jetzt eine Gelegenheit, das zu beenden, was du damals nicht beendet hast. Ich habe einen kleinen Sohn, und die Wiege wäre ideal für ihn.“

Da rief der Tischler empört: „Mach, dass du fortkommst! Ich lasse mich nicht in meiner Arbeit antreiben, nur weil du und deine Familie ganz versessen darauf sind zu erhalten, was sie wünschen!“

Ursache und Wirkung

Eines Tages ging Mulla Nasrudin durch eine Gasse. Ein Handwerker, der auf einem Dach Reparaturen ausführte, rutschte aus und stürzte nach unten. Er fiel genau auf Nasrudin. Der Mann blieb unversehrt, aber der Mulla erlitt eine schwere Verletzung am Rücken und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Einige seiner Schüler besuchten ihn, brachten ihm kleine Aufmerksamkeiten und zeigten ihre Anteilnahme. Während des Gespräches fragte einer von ihnen: „Mulla, welche Weisheit siehst du in diesem Vorfall?“

Der Mulla erwiderte: „Denkt nicht, dass Ursache und Wirkung unausweichlich sind! Ihr seht ja: Er fällt vom Dach, ich bin verletzt, aber er bleibt unversehrt. Verlasst euch nicht auf eure Beantwortung solch theoretischer Fragen wie: Wird ein Mensch sich den Nacken brechen, wenn er vom Dach fällt?“

Steine essen verboten

Bei der Wanderung durch den Wald, stieß ein Jäger auf ein Schild mit der Aufschrift: ‚Steine essen verboten!‘

Dieses Verbot verwunderte ihn sehr und machte ihn neugierig auf den Urheber. Er sah eine Fußspur, die hinter dem Schild begann, und folgte ihr. Nach einer Weile kam er zu einer Höhle vor deren Eingang ein Sufi saß. Der Jäger grüßte ihn freundlich und fragte: „Ich habe noch nie ein Schild gesehen, dass das Essen von Steinen verbietet, und ich bin der Fußspur gefolgt, um heraus zu finden, wer es aufgestellt und welche Bedeutung das Schild hat.“

Der Sufi antwortete: „Höchstwahrscheinlich gibt es keinen Menschen, der Steine isst. Auf jeden Fall ist Steine essen keine allgemeine Gewohnheit der Menschen. Darum haben Sie auch noch nie zuvor ein Schild gesehen, auf dem das Essen von Steinen verboten wird. Es ist einfach nicht nötig. Doch die Bedeutung des Schildes ist: Nur wenn der Mensch andere Gewohnheiten meidet, die schädlicher und zerstörerischer sind als Steine zu essen, wird er über seinen gegenwärtigen erbärmlichen Zustand hinausgehen können.“

Der Jäger bedankte sich und begab sich nachdenklich auf den Heimweg.

Der Spiegel

Ein Mann war auf Pilgerfahrt gewesen und hatte unterwegs einen Spiegel gekauft, ohne zu wissen, was ein Spiegel ist. Als er hineinschaute, glaubte er, das Gesicht seines verstorbenen Vaters zu erkennen, was ihn eigenartig berührte. Er nahm den Spiegel hocherfreut mit nach Hause und versteckte ihn in einem Koffer in der ersten Etage, ohne seiner Frau etwas von seiner Entdeckung zu erzählen.

Von Zeit zu Zeit, wenn er sich traurig und einsam fühlte, ging er nach oben und schaute in den Spiegel, um seinen Vater zu betrachten. Seine Frau fand, dass er jedes Mal merkwürdig verändert war, wenn er aus dem Zimmer kam. Sie folgte ihm beim nächsten Mal auf Diebessohlen nach oben und schaute durch eine Ritze ins Zimmer hinein. Sie sah, wie ihr Mann einen Koffer öffnete und lange Zeit darüber gebeugt verweilte.

Eines Tages, als der Mann unterwegs war, öffnete sie den Koffer mit dem Spiegel und sah darin das Gesicht einer Frau. Voller Eifersucht dachte sie: ‚Mein Mann hat eine andere Geliebte.‘ Als er heimkam, machte sie ihm Vorwürfe. Doch ihr Mann beteuerte: „Ich habe keine Geliebte. Es ist mein Vater, den ich immer wieder mal heimlich anschaue.“ Dies aber wollte seine Frau nicht glauben, schließlich hatte sie ja die Geliebte mit eigenen Augen gesehen.

Die beiden gerieten in einen heftigen Streit. Während sie sich stritten, kam glücklicherweise eine Nonne vorbei. Sie bot dem Ehepaar ihre Hilfe an. Die beiden stimmten zu. Darauf begab sich die Nonne in die erste Etage und schaute in den Koffer. Als sie wieder herunter kam, erklärte sie: „Kein Grund, dass ihr euch streitet. In dem Koffer ist weder ein Mann noch eine Frau, sondern einfach nur eine Nonne.“

Keine Antwort

„Es gibt nichts ohne eine Antwort“, sagte ein Mönch im Teehaus zu Nasrudin.

„Doch,“ sagte Nasrudin. „Ich bin von einem Gelehrten mit einer Frage herausgefordert worden, die ich nicht beantworten konnte.“

„Wäre ich doch dabei gewesen“ seufzte der Mönch. „Sage sie mir, und ich werde sie beantworten.“

„Seine Frage war: Warum schleichst du dich bei Nacht durch ein Fenster in mein Haus?“

Entscheidet selbst

Als Abboud von Omdurman gefragt wurde, was besser sei, jung zu sein oder alt zu sein, antwortete er: „Ein alter Mensch hat weniger Zeit vor sich und mehr Fehler hinter sich. Ich überlasse es euch zu entscheiden, ob dies besser ist oder das Gegenteil.“

Ich glaube Euch

Es war einmal ein König, der gerne ein Sufi geworden wäre. Der Meister sagte zu ihm: „Majestät, Ihr müsst zuerst Eure Achtlosigkeit überwinden, dann könnt Ihr ein Sufi werden.“

Der König war empört über diese Bemerkung, da er doch alle religiösen Verpflichtungen einhielt und so sehr nach seinen Untertanen schaute. Der Meister schlug ihm daraufhin vor, einen Test zu machen, damit er sehen könne, was hier mit Achtlosigkeit gemeint sei. Der König war sofort einverstanden.

„Der Test ist, Ihr müsst auf jede meiner Behauptungen einfach nur antworten: ‚Ich glaube Euch‘.

„Wenn das der Test ist, dann ist es sehr leicht ein Sufi zu werden,“ bemerkte der König.

„Wir werden sehen“, erwiderte der Sufimeister und begann:

„Ich bin ein Mensch, der von jenseits der reinen himmlischen Gefilde stammt.“

„Ich glaube Euch.“

„Weltliche Leute streben nach Wissen. Die Sufis besitzen Wissen im Überfluss und sind bestrebt, es nicht anzuwenden.“

„Ich glaube Euch.“

„Ich bin ein Heuchler.“

„Ich glaube Euch.“

„Ich war schon bei eurer Geburt dabei.“

„Ich glaube Euch.“

„Und Euer Vater war damals ein Bauer.“

Da rief der König empört: „Das ist eine Lüge!“

Der Meister schaute ihn voller Bedauern an und sagte: „Da Ihr so achtlos seid, dass Ihr nicht einmal eine Minute lang einfach nur frei von jeglichem Vorurteil antworten könnt ‚Ich glaube Euch‘, wird kein Sufi euch jemals etwas beibringen können.“

Tut mir leid

Ein Nachbar klopfte bei Mulla Nasrudin an und fragte ihn, ob er ihm seinen Esel leihen würde.

Der Mulla sagte: „Tut mir leid, aber ich habe meinen Esel bereits verliehen.“

Da ertönte von Nasrudins Stall her das Brüllen seines Esels.

„Aber ich höre deinen Esel brüllen, er steht ja bei dir im Stall.“

Der Mulla schob die Haustür zu und sagte dabei so würdevoll wie möglich: „Ein Mann, der dem Wort eines Esels mehr glaubt als dem meinen, der hat es nicht verdient, dass ihm überhaupt etwas geliehen wird.“

Etwas, dass du niemals vergessen kannst

Latif der Dieb lockte eines Tages den Kommandanten der königlichen Garde in einen Hinterhalt. Er nahm ihm seine Waffen ab und brachte den wütenden Offizier in eine versteckte Höhle.

Mit vorgehaltener Pistole befahl er dem Kommandanten alle Kleider auszuziehen, dann fesselte er ihn und setzte ihn rücklings auf einen Esel. Lächelnd sagte er: „Die Worte, die ich dir gleich mit auf den Weg gebe, die wirst du nie und nimmer in deinem Leben vergessen, ganz gleich wie sehr du es auch wünscht.“

Der Kommandant schrie außer sich vor Wut über diese Demütigung: „Du magst einen Narren aus mir machen, aber du wirst mich nicht zwingen können, an etwas zu denken, woran ich nicht denken will.“

Latif antwortete ruhig: „Warte ab, du hast sie ja noch gar nicht gehört. Ich werde den Esel jetzt loslassen, damit er dich zurück in die Stadt bringt. Die Worte sind: Ich werde Latif den Dieb fangen und töten, und wenn es mich den Rest meines Lebens kostet!“

„Wie alt bist du Mulla?“

„Vierzig Jahre.“

„Aber das hast du mir beim letzten Mal auch schon gesagt.“

„Ja, ich stehe immer zu dem, was ich sage.“

Die Lösung

Ein Praktizierender und Lehrer des Sufi Weges hatte einige enge Schüler. Als er fühlte, dass sein Tod nahe war, wollte er sicher stellen, dass seine Schüler nach seinem Weggang den richtigen Meister finden würden. Er hinterließ ihnen siebzehn Kamele und ein Testament, in dem stand: ‚Wählt drei unter euch aus, die diese siebzehn Kamele in folgender Weise unter sich aufteilen sollen. Der Älteste von ihnen soll die Hälfte der Kamele erhalten, der Nächste ein Drittel, und der Jüngste ein Neuntel.‘

Als die Schüler dies lasen, waren sie ratlos. Keinem fiel eine Lösung ein. Einige sagten: „Lasst uns diese Kamele gemeinsam besitzen.“ Andere suchten Rat und kamen mit dem Vorschlag zurück, die nächstmögliche Aufteilung zu machen. Ein Richter erzählte einigen von ihnen, sie sollten die Kamele verkaufen und dann das Geld unter sich aufteilen. Andere fanden so etwas null und nichtig. Schließlich kam ihnen der Gedanke, dass vielleicht eine verborgene Weisheit hinter dem Wunsch ihres verstorbenen Meisters steckte. Und sie begannen nach jemanden zu suchen, der die Lösung kannte. Niemand kannte sie, bis sie an die Tür von Hazrat Ali, dem Schwiegersohn des Propheten Mohamed, klopften.

Als dieser ihre Geschichte gehört hatte, sagte er: „Dies ist eure Lösung: Ich werde eins von meinen Kamelen dazu geben. Die Hälfte von achtzehn Kamelen beträgt neun Kamele. Diese neun erhält der Älteste der drei. Ein Drittel der gesamten Anzahl ist sechs. Diese sechs Kamele erhält der Nächste der drei. Und ein Neuntel der gesamten Zahl ist zwei Kamele. Diese zwei erhält der Jüngste der drei. Neun plus sechs sind fünfzehn plus zwei macht siebzehn. Ein Kamel, nämlich meins, bleibt übrig und kehrt wieder zu mir zurück.“

Dies war die Lösung, alle lachten über diesen wundervollen Trick und über die Weisheit ihres Meisters, die sie so geschickt zu ihrem neuen Lehrer geführt hatte.

Om Mani Peme Hung

Der Mönch Shariputra war einer der Hauptschüler des Buddha. Die Mutter von Shariputra liebte ihren Sohn sehr und vertraute ihm, aber sie hatte kein Interesse an spiritueller Praxis. Shariputra hätte seiner Mutter gern geholfen und so überlegte er, wie er sie geschickt überlisten und ihr ein Mittel an die Hand geben könne, das ihr nach dem Tode helfen würde, ihr negatives karmisches Potential zu neutralisieren. Eines Tages hatte er eine Idee.

Als er seine Mutter das nächste Mal besuchte, nahm er ein kleines Glöcklein mit, das er über der Eingangstür ihres Hauses so anbrachte, dass beim Öffnen der Tür jedes Mal das Glöcklein läutete. Und er sagte scherzhaft zu seiner Mutter: „Ich führe jetzt in diesem Haus eine neue Regel ein. Jedes Mal, wenn du diese kleine Glocke läuten hörst, musst du das Mantra OM MANI PEME HUNG sagen.“

Die Mutter, die ihren Sohn über alles liebte und großes Vertrauen in ihn hatte, erfüllte diesen Wunsch gern und sagte von da an immer, wenn sie oder jemand anderes zur Tür herein- oder hinausging, oder wenn ein Windstoß das Glöcklein zum Klingen brachte, sofort OM MANI PEME HUNG. Dies wurde ihr bald zur eingewurzelten Gewohnheit, sodass sie ohne weiteres Nachdenken beim Klang des Glöckleins das Mantra murmelte. Als Shariputras Mutter schließlich starb, wurde sie aufgrund eines nega tiven karmischen Einflusses aus früheren Leben in einer Hölle wiedergeboren. Dort musste sie die Qual erleiden, in einem Kessel mit kochender Flüssigkeit zu baden, die von einem furchtbaren Dämon mit einem großen Eisenlöffel umgerührt wurde. Beim Umrühren schlug der Dämon mit dem Löffel gegen die Wand des Kessels. „Ding“ machte der Kessel und die Mutter sagte automatisch OM MANI PEME HUNG. Im gleichen Augenblick wurde sie durch die in diesem Mantra verkörperte Kraft des Mitgefühls aus der Hölle befreit.

Woher wissen Sie

Mulla Nasrudin war sich hinsichtlich seiner Person immer sehr sicher, doch eines Tages erkannte er plötzlich, dass er gar nicht wusste, wer er war. Vollkommen verunsichert lief er auf die Straße, um nach jemand Ausschau zu halten, der ihn erkennen und ihm seine Identität bestätigen könnte.

Unglücklicherweise war er gerade in einer fremden Stadt, und in der dichten Menschenmenge auf den Straßen sah er kein einziges ihm vertrautes Gesicht. Plötzlich ging er einfach stracks in einen Laden hinein und fand sich in einer Tischlerei wieder. Der Tischler fragte ihn freundlich: „Was kann ich für Sie tun?“

Nasrudin stand still und sagte nichts. Der Tischler hatte den Eindruck, dass er etwas verwirrt war und gerade nicht wusste, was er wollte. Darum fragte er ihn: „Hätten Sie gern etwas aus Holz gefertigt?“

Der Mulla erwiderte: „Einen Augenblick bitte! Sagen Sie mir, sind Sie sich ganz sicher, das ich persönlich gerade in ihr Geschäft gekommen bin?“

„Ja, das bin ich.“

„Gut! Dann haben Sie mich schon einmal vorher in Ihrem Leben gesehen?“

„Nein, so weit ich weiß, habe ich Sie noch nie zuvor in meinem Leben getroffen.“

„Aber woraus schließen Sie dann, dass ich es bin?“

Folgsam

Der japanische Zenmeister Bankei war sehr berühmt, und wenn er öffentliche Unterweisungen gab, kamen nicht nur viele Zenschüler zu seinen Vorträgen sondern auch Praktizierende aus anderen Schulen und bekannte Personen des öffentlichen Lebens. Er gab nie scholastische Unterweisungen, sondern sprach in einfachen Worten unmittelbar aus seinem Herzen die Herzen seiner Zuhörer an.

Eines Tages hielt er wieder einen seiner öffentlichen Vorträge, und die Schüler aus einem Tempel der ‚Reinen Land Schule‘ begaben sich allesamt zu ihm, um seinen Worten zu lauschen. Als der Priester des Tempels merkte, dass all seine Schüler verschwunden waren, wurde er wütend, denn ihm war klar, dass sie zu Zenmeister Bankei gegangen waren. In seiner Wut beschloss er, den Meister herauszufordern, und begab sich – geladen wie er war – zum Vortrag. Ohne Rücksicht unterbrach er den Meister und rief laut: „He Zenlehrer, wartet einen Moment! Wer Euch respektiert und verehrt, wird Euch gehorchen und folgen. Ein Mann wie ich respektiert und verehrt Euch aber nicht. Könnt Ihr mich dazu bringen, Euch zu gehorchen und zu folgen?“

Meister Bankei lächelte und sagte ruhig und freundlich zu ihm: „Kommt bitte her zu mir, und ich will es Euch zeigen.“

Der Priester bahnte sich stolz seinen Weg durch die Menge, und als er vor Meister Bankei stand, sagte dieser lächelnd: „Bitte stellt Euch links von mir.“

Der Priester ging zur linken Seite, doch dann sagte Bankei: „Nein, es ist doch besser zu meiner Rechten.“ Sogleich stellte sich der Priester rechts vom Meister.

Bankei lachte: „Seht Ihr, jetzt habt Ihr mir schon gehorcht und seid meinen Worten gefolgt. Ich denke, Ihr seid ein sanftmütiger Mensch. Bitte setzt Euch und hört zu.“

Eine wunderbare Lehre

Ein japanischer Bauer hatte seine Frau verloren, und er lud einen buddhistischen Priester in sein Haus, um buddhistische Sutras für das Wohlergehen der Verstorbenen zu rezitieren. Als die Rezitation vorüber war, fragte der Bauer den Priester: „Glauben Sie, dass meine Frau hiervon Nutzen hat?“

Der Priester antwortete: „Nicht nur Ihre Frau, sondern alle fühlenden Wesen werden von der Rezitation der Sutras Nutzen haben.“

„Sie sagen, dass Ihre Rezitation allen Wesen nützt, aber es könnte ja sein, dass meine Frau sehr schwach ist und andere sie übervorteilen, indem sie den Nutzen für sich nehmen, der ihr zugedacht war. Bitte rezitieren Sie die Sutras nur für sie allein.“

Der Priester erklärte darauf dem Bauern, dass es in der buddhistischen Praxis darum geht, für das Glück und Wohlergehen aller fühlenden Wesen zu beten und zu meditieren.

„Das ist eine wunderbare Lehre, doch macht bitte eine Ausnahme. Ich habe einen Nachbarn, der sehr grob und gemein zu mir ist. Bitte schließen Sie ihn von all den fühlenden Wesen aus.“

Dialog im Schweigen

Im alten Japan war es üblich, dass ein wandernder Zenmönch in jedem Zentempel um Übernachtung bitten konnte. Allerdings musste er eine kleine Debatte mit den dort ansässigen Mönchen ausfechten. Wenn er sie gewann, konnte er bleiben, wenn nicht, musste er weiterziehen.

In einem Tempel im Norden Japans lebten zwei Brüder als Mönche zusammen. Der Ältere war klug und gebildet, während der Jüngere eher dumm war und nur ein Auge hatte. Eines Abends kam ein wandernder Mönch vorbei, bat um Bleibe und forderte der Regel gemäß zur Debatte heraus. Der Ältere war müde vom Studieren und bat den Jüngeren sich der Herausforderung zu stellen und riet ihm, einen Dialog im Schweigen vorzuschlagen.

Der wandernde Mönch akzeptierte diesen Vorschlag und beide begaben sich in den Tempel und setzen sich einander gegenüber. Der Dialog begann und nach recht kurzer Zeit stand der Wandermönch auf und begab sich zum älteren Bruder. Er sagte zu ihm: „Dein jüngerer Bruder ist ein wunderbarer Kerl, er hat mich besiegt.“ Der war ganz erstaunt und bat den Gast, ihm von ihrem Dialog zu berichten.

„Zu Beginn hielt ich einen Finger hoch, der den Buddha darstellen sollte. Darauf hielt er zwei Finger hoch, die den Buddha und seine Lehre repräsentierten. Ich hielt mit drei Fingern dagegen, dem Buddha, der Lehre und seine in Harmonie lebende Gemeinschaft. Da machte er eine Faust und schüttelte sie vor meinem Gesicht, womit er sagte, dass alle drei von einer Verwirklichung kommen. Damit hat er mich besiegt, und ich habe kein Recht hier zu bleiben.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich der Wandermönch.

Kaum war er gegangen, kam der jüngere Bruder herein. „Wo ist der Kerl?“

„Ich habe gerade gehört, dass du den Dialog gewonnen hast.“

„Gewonnen, Quatsch, ich werde ihn zusammen schlagen.“

„Worüber habt ihr denn debattiert?“

„Kaum saß er mir gegenüber, hielt er einen Finger hoch und beleidigte mich, dass ich nur ein Auge habe. Da er ein Fremder war, wollte ich höflich zu ihm sein und hielt deshalb zwei Finger hoch, um ihn zu beglückwünschen, dass er zwei Augen hat. Aber er streckte drei Finger hoch, um mich unhöflich darauf aufmerksam zu machen, dass wir trotzdem zusammen genommen nur drei Augen haben. Da wurde ich so wütend, dass ich meine Faust ballte und sie vor seinem Gesicht schüttelte. Und wäre er nicht sogleich aufgesprungen und hinaus gerannt, hätte ich ihn verprügelt.“

Wer darf zuerst

Mulla Nasrudin hegte schon länger den Wunsch eine Pilgerreise zu machen. Eines Tages legte er seine Sufi Gewänder an und brach auf. Als er schon eine Weile unterwegs war, traf er einen Priester und einen Yogi, die beide auch auf Pilgerschaft waren. Sie entschlossen sich die Reise zu dritt fortzusetzen, was das Leben eines jeden einfacher machen würde. Als sie in ein Dorf kamen, sagten der Priester und Yogi zu Nasrudin, dass sie jetzt hier ihre Gebetspraxis durchführen wollten und baten ihn währenddessen auf Bettelgang zu gehen und für alle drei etwas zu essen zu besorgen. Nasrudin war einverstanden. Er sammelte ein wenig Geld und kaufte davon Halwa, eine Süßigkeit aus Sesam und Honig.

Den anderen beiden schlug er vor, dass Halwa gemeinsam zu teilen. Doch die beiden waren noch nicht hungrig und wollten lieber bis zur Nacht warten. Nasrudin gab widerwillig nach, und sie setzten ihren Weg fort. Am Abend, als sie rasteten, sagte er: „Ich bin hungrig und möchte jetzt gern als erster meine Portion essen, denn ich war es ja schließlich, der das Essen besorgt hat.“

Der Priester schüttelte den Kopf und sagte: „Ich sollte der erste sein, denn ich gehöre einer hierarchisch organisierten Kirche an.“

Der Yogi war auch nicht einverstanden: „Ich esse nur jeden dritten Tag und sollte deshalb etwas mehr erhalten.“

Sie diskutierten miteinander, doch konnten sie sich nicht einigen, wer der erste sein sollte. So beschlossen sie, schlafen zu gehen und bis zum nächsten Morgen mit dem Essen zu warten. Wer in der Nacht den besten Traum geträumt hatte, sollte am Morgen der erste sein.

Mulla Nasrudin war einverstanden.

Am Morgen erzählte der Priester: „Mir ist in der Nacht im Traum Gott erschienen, und hat mich besonders gesegnet.“

Der Yogi sagte: „Ich habe geträumt, dass ich ins Nirwana gegangen bin und völlig im Nichts versunken war.“

Der Mulla erzählte: „Ich habe im Traum Khidr, den Meister aller Sufis, getroffen, der nur den Heiligsten erscheint. Er sagte zu mir: ‚Nasrudin, iss das Halwa jetzt‘. Da musste ich ihm natürlich gehorchen.“

Du und ich haben gleich begonnen

Drugpa Künleg ist in Tibet als Meister der verrückten Weisheit bekannt und hochberühmt für seine Witze und Tricks, die er auf Kosten anderer Lamas machte, mit denen er den Stolz der Würdenträger oft in nachdrücklicher Weise bloßstellte.

Eines Tages brach er zu einer Pilgerreise nach Lhasa auf. Dort angekommen, begab er sich in den Haupttempel der Stadt, um dort die im ganzen Lande berühmte wunderschöne Statue des Buddha Shakyamuni zu betrachten. Vom Anblick der Statue im Herzen berührt, blieb er lange Zeit vor ihr stehen und dachte über den Buddha nach.

Schließlich sprach er die Statue an und sagte:„Du und ich haben gleich begonnen, nämlich als gewöhnliche fühlende Wesen. Doch durch deine größere Sorgfalt bist du jetzt ein vollkommen erleuchtetes Wesen, versehen mit all den Qualitäten eines Buddha, und bist imstande den zahllosen fühlenden Wesen zu helfen. Ich in meiner Faulheit streife immer noch hier auf der Erde von einem Platz zum anderen. Indem ich an diesen großen Unterschied denke, der durch deine Sorgfalt zwischen uns zwei entstanden ist, bringe ich Dir meine Verehrung dar.“

Dann warf er sich dreimal vor dem Bildnis nieder.

Nehmt Eure Beine zur Seite

Eines Tages, als Yin-feng eine Schubkarre voller Dreck schob, saß Meister Ma-tsu mit ausgestreckten Beinen am Wegrand. Er sagte: „Meister, bitte nehmt Eure Beine zur Seite.“

Der Meister antwortete: „Wo ich sie schon ausgestreckt habe, werde ich sie nicht zur Seite nehmen.“

Dies ärgerte Yin Feng: „Da ich mich schon vorwärts bewege, werde ich mich nicht zurück bewegen!“ Und er schob die Karre einfach über die Beine von Ma-tsu hinweg.

Später als der Meister zur Unterweisung in die Halle der Lehre kam, hielt er eine Axt in seinen Händen und sagte: „Derjenige, der die Beine dieses alten Mönchs verletzt hat, soll vortreten.“

Yin-feng trat vor den Meister und hielt seinen gebeugten Nacken hin. Da legte der Meister die Axt nieder.

Der Glücksbringer

Ryokan war den ganzen Winter über eingeschneit gewesen und er hatte sich während dieser Monate nicht, wie es eigentlich für einen Zenmönch üblich ist, den Kopf rasiert. Als der Frühling kam, ging er hinunter ins Dorf, um zu betteln und um sich beim Barbier den Kopf rasieren zu lassen. Der Barbier rasierte ihn, wie er es schon oft getan hatte. Doch diesmal hielt er inne, als er erst die Hälfte geschoren hatte und sagte spitzbübisch zu Ryokan: „Ich mache erst weiter, wenn du mir versprichst, dass du mir nachher eine Kalligrafie für mein Geschäft malst.“

Ryokan versprach es ihm gutmütig, und als er rasiert war, ließ er sich Papier, Tusche und Pinsel bringen und malte für den Barbier den Namen eines Gottes aus der Shinto-Religion, der Urreligion Japans. Solch eine Kalligrafie gilt in Japan als Glücksbringer. Der Barbier freute sich sehr, dass er Ryokan so geschickt überlistet hatte. Er ließ die Kalligrafie aufziehen und hängte sie in seinen Laden.

Eines Tages bemerkte ein Kunde, der schreiben und lesen konnte, dass im Namen des Shinto-Gottes ein Schriftzeichen fehlte. Der Barbier war enttäuscht, denn solch eine Auslassung macht die Kalligrafie als Glücksbringer wirkungslos. Als er Ryokan das nächste Mal traf, sagte er vorwurfsvoll: „Du hast ja im Namen des Gottes ein Schriftzeichen ausgelassen! War das Absicht?“

Ryokan lachte: „Du hast mich überlistet, und da habe ich dich eben auch überlistet und einfach ein Schriftzeichen ausgelassen. Weißt du, die freundliche alte Frau weiter straßabwärts, die gibt mir immer einen Bohnenkuchen mehr, und als sie mich um eine Kalligrafie gebeten hat, da habe ich ihr auch ein Schriftzeichen mehr hinein gemalt!“

Folgsamer Schüler

In der Nähe der Einsiedelei des Vaters Paul und seines Schülers Johannes gab es ein altes Monument, in dem eine böswillige Löwin hauste. Der alte Mann sah, dass ihr Dung um das Monument herum verstreut lag, und er sagte zu Johannes: „Geh und schaffe den Dung fort.“

Dieser entgegnete: „Aber was soll ich tun Vater, wenn die Löwin kommt?“

Der Greis darauf lächelnd: „Wenn sie kommt, nimm sie an die Leine und bringe sie hierher.“

So machte sich der Bruder am selben Abend auf den Weg, und wie er anfing den Dung zu sammeln, kam die Löwin hervor. Johannes dachte an die Worte des alten Mannes und machte einen Satz auf sie zu, um sie einzufangen. Die Löwin floh, und er rannte ihr hinterher und rief ihr zu: „Warte, mein Vater hat mir gesagt, dass ich dich an die Leine nehmen soll.“ Er kriegte sie zu fassen und band sie.