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So geht das nicht weiter! Im Kopf habe ich schon 1000 Anfänge gefunden - aber tatsächlich angefangen? Fehlanzeige! Das ist sonst gar nicht meine Art. Ich agiere ansonsten nach dem Motto: Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre was ich sage, beziehungsweise: Bevor ich lese, was ich schreibe. Vor allem sage ich immer: Bange machen gilt nicht! Das hat mir meine Oma mit auf den Weg gegeben. Bei ihr hieß es aber immer: Bange machen gildet nicht. Ob jetzt gilt oder gildet, das ist ja nicht so wichtig. Und deshalb fange ich einfach an. Auch wenn ich offen gestanden keine Ahnung habe, wohin mich die Tipperei führen wird.

„Sag `Guten Tag` und stell dich vor, wenn du irgendwo hin kommst.“ So habe ich es gelernt. Also: Mein Name ist Petra Herrmann, und ich lebe mit meinem Mann Matthias und unseren Töchtern Lisa, Marie und Anne auf einem kleinen Hof in Haltern. Zur Familie gehören außerdem sechs Pferde, drei Hunde, zwei Schweine, drei Kaninchen, drei Hühner, drei Katzen, zahlreiche Frösche und Aziz. Um ihn geht es in diesem Buch.

Freiheit, Kunst und Hühnermägen

Geschichte einer außergewöhnlichen deutsch-syrischen Freundschaft

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Den Titel finde ich klasse. Die drei Worte umreißen das, worum es im Folgenden geht. Sie fassen meine Erlebnisse mit Aziz zusammen. Wobei: Über „Freiheit, Kunst und Hühnermägen“ müsste noch dick und fett „Freundschaft“ stehen. Aber dann klingt es nicht mehr so flüssig. Aber dieses Buch ist ein Buch über eine Freundschaft.

© tao.de in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld

1. Auflage 2017

Autor: Petra Herrmann

Umschlaggestaltung: Rieke Hellmich

Verlag: tao.de in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld,

www.tao.de, eMail: info@tao.de

ISBN Hardcover: 978-3-96051-726-9
ISBN Paperback: 978-3-96051-725-2
ISBN e-Book: 978-3-96051-727-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig.

Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige

Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und sonstige Veröffentlichungen

Inhalt

Daumen hoch

Kulinarisches

Menschen und Bürohengste

Kunst ist eine Sprache, die alle Menschen verstehen

„Mensch“, die Ausstellung

Jesus meets Allah

„Entschuldigung, ich habe mich verirrt“

Hogwarts liegt im Münsterland; Ausstellung, die Zweite

„Ist das Kunst? Oder kann das weg?“

Blick über den Tellerrand

Resilienz und syrische Esel

Kinder - Reichtum

Nur das Beste!

Reitunterricht und der Sack Reis in China

Vorsicht! Rücksicht!

„Wie schön, dass du geboren bist“ und der Nahostkonflikt

Solo oder Event? Der Umgang mit der Trauer

Multikulti zwischen Hühnern, Pferden und Minischweinen

Von Blockflöten, Saz und Laternenliedern

Die eigenen vier Wände

Ohne Lächeln ist alles noch schlimmer

Versteckte Pferde, Bauwagen und ganz viel Farbe

Nicht einen Punkt, sondern drei

DANKE!

Das Rezept für MARIA:

Bilder

Fotoverzeichnis

Lebenslauf Petra Herrmann

Lebenslauf Aziz Mahmud

Daumen hoch

Diese Freundschaft beginnt auf Facebook. Das ist heute ja nichts Ungewöhnliches, aber ich bin da eher „Oldschool“. Mein Facebookfreundeskreis ist überschaubar, und ich treffe die meisten meiner Facebookfreunde öfter live als virtuell.

Einen Tag nach unserem Begegnungsfest am Schloss unter dem Motto „Fremde sind Freunde, die wir noch nicht kennengelernt haben“ (nur am Rande: Ja, ich organisiere solche Feste leidenschaftlich gerne!) erhalte ich eine Nachricht über Facebook. Es ist ein Bild, ein mit Kugelschreiber gemaltes Boot voller Menschen. Die Menschen sind ineinander verknäult, die Wellen schlagen hoch. Beim Betrachten verknäult sich mein Magen und mir steigen die Tränen hoch. Ich antworte dem jungen Maler, versichere ihm, dass dieses Bild sehr ausdrucksstark ist und like es. Und ich frage ihn, was er momentan malt. Die Antwort lautet: „Ich habe kein Material.“ Ob ihm bei dieser Antwort der Googleübersetzer oder Freunde geholfen haben, das ist seiner Erinnerung entfallen. Nun, ich neige zu spontanen Reaktionen und kaufe Leinwände und Kohlestifte. Als ich mit diesen schließlich vor der Sammelunterkunft „Jägerhof“ stehe, wird mir mulmig. Ich weiß, hier leben 40 Männer aus 16 Nationen. Wahrscheinlich wird mich niemand verstehen. Außerdem weiß weder meine Familie noch einer meiner Freunde, wo ich bin. Aber wie sagte meine Oma immer: „Bange machen gildet nicht!“ Also, ich atme durch, erinnere mich an den Selbstbehauptungskurs, den ich vor 100 Jahren gemacht habe und erlebe einen wunderbaren Nachmittag. So viel Herzlichkeit und Gastfreundschaft habe ich selten erfahren.

Okay, der Tee ist vielleicht ein wenig sehr süß. Man hätte ihn der Einfachheit halber auch direkt in den Zuckerpott kippen können, aber was soll´s. Wir, das heißt die vier Bewohner des Zimmers, in dem der junge Künstler wohnt und ich, haben Spaß. Ich verstehe zwar kaum ein Wort von dem, was sie sagen, und umgekehrt verstehen sie mit Sicherheit auch nicht viel mehr als „Bahnhof“. Aber irgendwie versteht man sich doch. Und so bleibt es nicht bei diesem einen Treffen.

Der junge Maler und ich treffen uns weiter regelmäßig; zum Spazierengehen und Deutsch lernen. Ich erfahre, dass er Aziz heißt, 21 Jahre jung ist und aus Syrien stammt. Er ist Kurde und strenggenommen gar kein Künstler, sondern Mechatronikstudent. Doch seine Studienzeit dauerte nicht lange, „dann Uni kaputt“. Die Deutschkenntnisse beschränken sich auf „Wie geht es dir?“ „Ich heiße Aziz und komme aus Syria.“ und „Angela Merkel gut“. Aber dennoch verstehe ich die Geschichte seiner Flucht, sein Heimweh und seine Beweggründe, die Heimat zu verlassen. Ich kann es rückblickend nicht erklären, wie uns diese Verständigung gelungen ist. Aber es ging. Man kann auch mit dem Herzen hören; das Wesentliche ist für die Ohren unhörbar (frei nach dem kleinen Prinzen). Ich bekomme Einblick in eine Welt, von der ich immer wusste, dass es sie gibt. Aber diese Welt hat mich nie wirklich betroffen. Das stimmt nicht ganz. Natürlich haben mich die Bilder und Informationen über den Krieg in Syrien auch vor der Begegnung mit Aziz geschockt und traurig gemacht. Aber die Betroffenheit hat jetzt eine andere Dimension. Die Betroffenheit ist persönlich geworden. Der Krieg in Syrien und die „Flüchtlingswelle“ haben einen Namen, haben ein Gesicht bekommen. Und das fühlt sich völlig anders an.

Ich gehe mittlerweile regelmäßig im „Jägerhof“ ein und aus. Auf der einen Seite ist es erschreckend. Im Vier-Mann-Zimmer stehen genau vier Betten, vier Spinde, vier Stühle, ein Tisch. Jedes Wartehäuschen im Bahnhof von Pusemuckel strahlt mehr Behaglichkeit aus. Die Küche ruft Erinnerungen an meine schlimmsten WG-Zeiten wach. Ich erspare jetzt die Details. Auf jeden Fall herrscht hier in so manchem Mikrokosmos reges Leben. Auf der anderen Seite begegnen mir alle Menschen ausgesprochen höflich und freundlich. „Guten Tag. Wie geht es dir?“ Damit enden die Möglichkeiten der Kommunikation zwar meist schon. Aber fehlende Deutschkenntnisse werden mit herzlichem Lächeln wettgemacht.

Für Aziz gibt es ein Problem: Er kann im Jägerhof nicht malen. Im Vier-Mann-Zimmer ist kein Platz für Farben und Leinwände, im Aufenthaltsraum wird gekickert, Tischtennis gespielt, der Fernsehapparat läuft. Die Geräuschkulisse ist dementsprechend. In dieser Atmosphäre kreativ zu sein, ist ungefähr so erfolgsversprechend wie Meditationsversuche auf dem Nürburgring bei „Rock am Ring“.

An unserer Pinnwand in der Küche hängt ein Spruch: „Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, ich habe aber auch noch andere.“ Und so werfen meine Familie und ich das Prinzip „Keine Flüchtlinge privat auf unseren Hof einladen“ (jaja, solche Prinzipien hatten wir mal) über den Haufen und stellen Aziz unseren Container, den wir sonst als Reiterstübchen nutzen, als Atelier zur Verfügung.

Um es kurz zu machen: Dabei bleibt es nicht. Es ist Winter, es ist kalt, nass, grau und ungemütlich. Aziz Begeisterung fürs Fahrradfahren hält sich in Grenzen; seine körperliche Fitness auch. Und so nehme ich, nachdem sich mit dem Erwerb des Führerscheins meiner zweiten Tochter Marie eine deutliche Entspannung abzeichnete, die Mama-Taxi-Dienste wieder auf. Am frühen Nachmittag: Aziz im Jägerhof abholen, am späten Abend (oder auch nachts, je nach Dauer und Intensität der Gespräche) Aziz wieder zum Jägerhof bringen. Der Spritverbrauch, der Kilometerstand und meine zeitliche Belastung steigen an. Es ist Marie, die die Lösung findet: „Lass Aziz doch in unseren Wohnwagen einziehen.“

Der Umzug ist völlig unspektakulär. Es passt alles bequem in einen Kangoo: Leinwand, Farben, zwei Plastiktüten, ein Fahrrad. Fertig! Im Radio läuft „Es reist sich leichter mit leichtem Gepäck.“ Mein Kopf und mein Herz sind auf jeden Fall voller als der Kofferraum des Autos.

Kulinarisches

Mit Aziz ziehen einige Veränderungen mit ein. Neben dem Vollkornbrot liegt jetzt arabisches Brot im Brotkorb, im Kühlschrank stehen neben Käse, Salami und Fleischwurst nun hummus, alhums und tahina.

Laut eigener Aussage hat Aziz Haushaltsführung und Kochen lediglich aus der Ferne beobachtet. Dafür waren Mama und seine Schwestern zuständig. Da er der deutschen Küche, besonders meinen Kochkünsten nicht viel abgewinnen kann, wird er selbst aktiv. Per Whatsapp lässt er sich von Mama und Schwestern die Zubereitung von „Torschek“, „Maria“ und anderen Gerichten erklären. „Petra, heute koche ich!“, verkündet er. Es gibt „Torschek“, eine Art Pfanneneintopf mit Tomaten, Auberginen, Zwiebeln und Hähnchenfleisch. Super! Es schmeckt! Die gesamte Familie Herrmann ist begeistert, Aziz freut sich und ist stolz. Wir sind auch ein bisschen stolz, denn unsere Bemühungen, auf Messer und Gabel zu verzichten und landestypisch die Speisen mit Brot zum Mund zu führen, werden immer weniger ungelenk. Unsere Versuche können sich langsam sehen lassen. Immer mehr landet dort, wo es hin soll und nicht auf Hemd, Hose oder Tischtuch.

Beflügelt von den Erfolgen, köstliches Torschek zuzubereiten, wagt sich Aziz an eine weitere Spezialität: Hühnerleber. Um es vorsichtig auszudrücken: Ich bin skeptisch! Irgendwie ruft allein das Wort „Leber“ bei mir unschöne Assoziationen hervor. Aber, wie sagte meine Oma? „Bange machen gildet nicht!“ Und in diesem Falle hätte sie noch gesagt: „Ich bin vor nix fies.“

Ich schalte mein Kopfkino aus und drücke den Reset-Knopf. Hühnerleber? Warum nicht? So schlecht riecht das Ganze eigentlich gar nicht. Und tatsächlich: So schlecht schmeckt das Ganze auch gar nicht. Also gut, Hühnerleber wird nicht meine Leibspeise, aber man kann sie essen, ohne zu würgen.

Für Aziz gehört Hühnerleber zu seinen Leibspeisen. Denn schon ein paar Tage nach meiner Hühnerleber-Premiere verkündet er: „Petra, ich koche heute. Wie heißt das?“ Er zeigt dorthin, wo er seine Leber vermutet. Ehrlich gesagt habe ich keine genaueren Kenntnisse der menschlichen Anatomie, aber ich habe verstanden. „Hühnerleber!“ „Ja, genau!“ Er greift in die Tiefkühltruhe, holt das Päckchen heraus und befördert den Inhalt in die Pfanne. „Petra, was ist das?“ Meine Anatomiekenntnisse im Bereich von Hühnerorganen liegen noch unter meinen Kenntnissen der menschlichen Anatomie. Trotzdem versichere ich nach einem kurzen Blick in die Pfanne: „Hühnerleber“. Was soll da auch sonst drin sein? Aziz schaut ein bisschen irritiert, aber fährt dann streng nach den Whatsapp-Anweisungen von Mama und Schwestern mit der Zubereitung fort. „Petra, was ist das?“ fragt Aziz, als wir schließlich am Tisch sitzen. Er wirkt mehr als ein bisschen irritiert. Ja, gute Frage. Es sieht aus wie, nein, dazu fällt mir kein Vergleich ein. Ich rufe mir wieder den Rat meine Oma ins Gedächtnis (Bange machen gildet nicht. Ich bin vor nix fies.) und stecke mir mutig – ich gebe zu, mit einiger Überwindung – ein Stück von diesem Fleisch in den Mund. Oh je! Es schmeckt wie alter, ausgespuckter Kaugummi, den man von der Straße gekratzt und dann frittiert hat. Ich sage nichts und versuche, meine Gesichtszüge nicht entgleisen zu lassen. Wahrscheinlich schaue ich ziemlich dämlich. Auch Aziz hat den ersten Bissen in den Mund gesteckt. Ehrlich gesagt, schaut auch er ziemlich dämlich. „Petra! Was ist das?“

Wir müssen beide grinsen und schließlich lachen. Er fragt: „Schweine essen alles?“ Und so kommen unsere Schweine in den Genuss einer Zwischenmahlzeit. Knirps und Rosa fragen nicht einmal „Was ist das?“ Sie freuen sich und verschlingen alles mit zufriedenem Grunzen. Hätte ich die erste Frage „Petra, was ist das?“ ernster genommen, wäre ich wahrscheinlich nie in den Genuss von Hühnermägen gekommen. Dann hätte ich nie die Erfahrung gemacht, dass Hühnermagen wie von der Straße gekratzter, ausgekauter frittierter Kaugummi schmeckt. Mir würde also eine wichtige Lebenserfahrung fehlen. Und für Aziz hat der Spruch „Wer lesen kann, ist klar im Vorteil“ eine ganz persönliche Bedeutung bekommen.

In meiner Jugend muss ich meine Mutter an den Rand des Wahnsinns getrieben haben. Mein missionarischer Eifer in Richtung ökologisch-biodynamischer-vollwertiger Ernährung war beachtlich. Aber so recht ließen sich meine Eltern nicht von Grünkernbratlingen, Sojaschnitzeln und paniertem Sellerie begeistern. Deftige Hausmannskost war angesagt. Aber meine Kinder haben sich die ersten Lebensjahre gesund ernährt: Vollkornnudeln, Dinkelstangen und Fruchtsaftbärchen. Sie haben es überlebt; und sind jetzt, nachdem sie sich fastfoodmäßig (und auch sonst) ausgetobt haben, als junge Erwachsene Vegetarier oder zumindest Teilzeit-Vegetarier. Nun, mein Dogmatismus hat mit zunehmenden Lebensjahren abgenommen. Der Einzug von Aziz hat ihn gänzlich verschwinden lassen. Frühstücken mit Aziz? Absolute Fehlanzeige. Vor 12 Uhr kann er keine feste Nahrung zu sich nehmen. Ich bin froh, wenn er es schafft, früh morgens seinen Stoffwechsel aufrecht zu erhalten. Alles weitere grenzt an Überforderung.

Bevor ich mich morgens daran mache, Pferde zu füttern, Pferdeäpfel zu entfernen, Heuraufen zu füllen, Wasserbottiche zu säubern und was sonst halt auf einem kleinen Hof so anfällt, brauche ich unbedingt feste Nahrung. Sonst kommt mein Stoffwechsel spätestens nach der zweiten Schubkarre mit Pferdemist zum Erliegen. Also hat es sich so eingebürgert, dass wir beide um 12 Uhr essen; ich zu Mittag, Aziz zum Frühstück. Nach einigen Experimenten kristallisiert sich ein kleinster gemeinsamer Nenner heraus: Tiefkühlpizza, TKP. „Das ist super, Petra!“ so Aziz Urteil. Und da mein Zeitplan oft recht straff getaktet ist, kann ich TKP auch etwas abgewinnen. Wenn ich die Packungen TKPs gleich im Dutzend in den Einkaufswagen packe, kommt mir der Gedanke, dass eine Burka jetzt durchaus von Vorteil wäre. Was, wenn mich jetzt jemand sieht?

Aber keine Sorge, niemand in unserer Familie wird an Skorbut erkranken. Denn abends kommen wir oft in den Genuss von Torschek, Maria oder Pommes. Wenn das meine Mutter liest, wird sie süffisant grinsen.