Gerald Hüther | Maik Hosang | Anselm Grün

Liebe ist die einzige Revolution

Drei Impulse für Ko-Kreativität und Potenzialentfaltung

 

 

 

 

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017

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E-Book-Erstellung: Daniel Förster, Belgern

 

ISBN (E-Book) 978-3-451-80757-2

ISBN (Print) 978-3-451-32862-6

 

 

Inhalt

Einleitung
TEIL 1
Gerald Hüther
Die Bedeutung der Liebe für die Menschwerdung des Affen
1. Wir sind noch nicht zu dem geworden, was wir sein könnten
2. Wir sind soziale Wesen und können den Prozess der Menschwerdung deshalb nur gemeinsam gestalten
3. Zu Menschen werden wir nicht durch das, was uns von den Tieren unterscheidet
4. Menschlichkeit können wir nur aus dem entwickeln, was uns mit anderen Lebewesen verbindet
5. Es ist die Liebe, die uns mit uns selbst, mit anderen und mit der Welt verbindet
6. Ausblick: Wir könnten auch anders zusammenleben
TEIL 2
Maik Hosang
Wie kann eine Revolution der Liebe gelingen?
Einführung
1. Geschichtliche Innovationen der Liebe
2. Bewusste Liebe und Ko-Kreativität als Potenzial der Zukunft
Fazit und Ausblick einer künftigen Kultur der Liebe
TEIL 3
Anselm Grün
Liebe ist der Grund des Seins
Einführung
1. Gottes Wesen als Liebe
2. Die Liebe als verwandelnde Kraft
3. Wachstumsimpulse durch die Liebe
Schlussbemerkung
Literatur
Die Autoren
Gerald Hüther
Maik Hosang
Pater Anselm Grün

 

 

Zum ersten Mal in der Geschichte hängt das physische Überleben der Menschheit von einer radikalen seelischen Veränderung des Menschen ab. … Wenn wir lernen wollen zu lieben, müssen wir genauso vorgehen, wie wenn wir irgendeine andere Kunst, zum Beispiel Musik, Malerei, das Tischlerhandwerk oder die Kunst der Medizin oder die Technik lernen wollten.

Erich Fromm

Einleitung

Die Tontafeln, auf denen das Gilgamesch-Epos in Keilschrift eingebrannt wurde, sind über sechstausend Jahre alt. Niemand weiß, wie viele Jahrhunderte oder Jahrtausende vorher sich unsere Vorfahren diese Liebesgeschichte bereits weitererzählt hatten. Sie handelt von der Verwandlung eines blutrünstigen, gewalttätigen und das Leben der Menschen in der Stadt Uruk bedrohenden Wilden, Enkidu, durch die Liebe einer Frau. Viertausend Jahre später beschreibt eine andere große Menschheitserzählung das, was ein liebender Mensch vermag. Diesmal war es ein Mann, und die Liebe, die in seinem Handeln zum Ausdruck kam, überstieg damals bei Weitem die Vorstellungskraft seiner Zeitgenossen. Deshalb betrachteten sie ihn als Gottes Sohn, der die Liebe als göttliches Prinzip auf Erden verkörperte. Diese von Jesus Christus vorgelebte Nächstenliebe wurde zum zentralen Element einer religiösen Bewegung, die sich als Christentum über den ganzen Globus ausbreitete – lange vor dem Beginn der heute von uns als Globalisierung bezeichneten Entwicklung. Die Rücksichtslosigkeit, mit der dieser Ausbreitungsprozess vorangetrieben wurde, stand allerdings in eklatantem Widerspruch zu dem, was der Heiland dieser Bewegung in seinem Tun zum Ausdruck gebracht hatte, und wofür er ans Kreuz genagelt worden war.

 

Wie so oft im Verlauf der Menschheitsgeschichte wurde die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit auch in diesem Fall nicht durch die Anpassung der Praxis, also durch einen von Liebe getragenen Umgang der Menschen mit sich selbst und mit anderen, überwunden. Erheblich leichter umsetzbar erwies sich die Anpassung des Anspruchs an die gängige Praxis. Bis heute haben die Theoriebildungen und endlosen Debatten darüber, was der Begriff »Liebe« eigentlich bedeutet, nicht aufgehört. Das, was unter »Liebe« zu verstehen sei, wurde endlos analysiert, klassifiziert und auf vielfältige Weise definiert. Das Ergebnis dieser Bemühungen ist in den Bücherregalen unserer Bibliotheken in vielbändigen Enzyklopädien versammelt und inzwischen auch bei Wikipedia nachzulesen. In kaum einer Wissenschaftsdisziplin konnten einzelne Vertreter der Versuchung widerstehen, ihren Beitrag zu diesem Thema Liebe zu verfassen. Von Suchtforschern wird sie als eine Abhängigkeit erzeugende Bewältigungsstrategie beschrieben, von Theologen als universelles göttliches Prinzip. Soziologen betrachten die Liebe als eine besondere Ausprägungsform sozialer Beziehungen, für Hormonforscher ist sie Ausdruck der Ausschüttung bestimmter Hormone, insbesondere des »Liebeshormons« Oxytocin, und aus der Perspektive von Neurobiologen wird die Liebe durch die Aktivierung bestimmter neuronaler Netzwerke hervorgebracht. All diese unterschiedlichen Erkenntnisse oder Betrachtungsweisen wurden und werden über die Medien verbreitet und von einer staunenden Öffentlichkeit rezipiert.

Wer so viele unterschiedliche Vorstellungen von dem, was die Liebe ist, in seinem Kopf hat, kann nicht nur vortrefflich mit allen anderen darüber debattieren, was unter Liebe zu verstehen sei, sondern er braucht sich, so scheint es vielfach, darüber hinaus nicht mehr darum zu kümmern, ob seine eigene Lebensgestaltung, seine Beziehung zu sich selbst, seine innere Einstellung, sein Weltbild und vor allem sein Handeln und seine Art der Beziehungsgestaltung zu anderen Menschen, auch zu anderen Lebewesen, tatsächlich von Liebe getragen sind oder nicht. Das viele Reden und Diskutieren über die Liebe ist so offenbar zu einer attraktiven Bewältigungsstrategie für all jene geworden, die auf irgendeine Weise spüren und zu begründen versuchen, dass sie selbst und die Beziehungen, die sie pflegen, längst aus der Liebe gefallen sind.

 

Die entscheidende Frage, mit der diesen Versuchen, von der Wirklichkeit der Liebe abzulenken, auf sehr wirksame Weise begegnet werden kann, lautet deshalb nicht, was die Liebe ist. Sondern die Frage lautet: Woran lässt sich erkennen, dass eine Person versucht, den Weg der Liebe zu beschreiten?

Nicht all das, was jemand über die Liebe weiß, ist interessant, sondern auf welche konkrete Weise er sich selbst als Liebender zeigt, was er also aus einer liebevollen Haltung heraus tut, wie er sich verhält. Darauf kommt es an, und darum geht es in diesem Buch.

Deshalb haben wir auch den etwas verstörenden Titel für dieses Buch gewählt. »Die Liebe ist die einzige (wirkliche) Revolution« ist eine Erkenntnis, die nicht aus unserem christlich-abendländischen Kulturkreis, sondern aus der Weisheitslehre der Veden, des Buddhismus und der indischen Yogis stammt und die von einem der wichtigsten und auch im Westen anerkanntesten Vertreter dieser Lehren, von Krishnamurti, so formuliert worden ist.

Auf den ersten Blick fühlt sich wohl jeder, der nicht mit dieser östlichen Denkweise vertraut ist, angesichts dieser Aussage etwas unwohl. Die Liebe mit den von Menschen gemachten Revolutionen in einen so unmittelbaren Zusammenhang zu stellen, ist in der Tat zunächst irritierend.

Was, so beginnt man sich zu fragen, kann die Liebe denn bewirken, wie müsste sie für jeden Menschen erlebbar werden, damit das, was wir bisher für Revolutionen gehalten haben, sich plötzlich als etwas erweist, was nur als eine Rand­erscheinung von Entwicklungen zutage tritt, zu denen es nur deshalb kommen kann, weil die eigentliche Revolution, die derartige Randerscheinungen verhindern könnte, noch nicht stattgefunden hat?

Ein Mensch, der sich – so wie er ist und nicht aufgrund seiner Leistungen – geliebt weiß, erlebt sich als bedeutsam. Er muss sich also nicht anstrengen, um von anderen Personen gesehen und wertgeschätzt, um von ihnen geliebt zu werden, er muss also nicht danach streben. Ein solcher Mensch braucht weder Reichtum noch Macht noch Anerkennung oder Einfluss. Er trägt deshalb auch nicht zur Ungleichverteilung von Besitztümern, von Macht- und Einflusssphären und der sich daraus entwickelnden Herrschaftsstrukturen bei. Ein solcher Mensch braucht deshalb auch keine repressiven Herrschaftsstrukturen, um seinen Besitz und seine Machtansprüche zu verteidigen.

 

Wären alle Menschen so aufgewachsen, dass sie sich bedingungslos geliebt fühlten, gäbe es keine repressiven Herrschaftssysteme. Und ohne diese gäbe es auch keinen Grund für Proteste und Aufstände, also das, was wir als »Revolutionen« kennen. Dann wäre das Zusammenleben der Menschen von der Sorge um das Wohlergehen anderer und von dem Bemühen gekennzeichnet, die anderen bei der Entfaltung ihrer Potenziale, also der in ihnen angelegten Talente und Begabungen, zu unterstützen. Dieser Prozess, der es einer wachsenden Zahl von in unsere Welt Heranwachsenden ermöglichte, sich um ihrer selbst willen als geliebt zu erfahren und sich damit selbst und auch andere Menschen sowie die Natur unseres Planeten lieben zu können, wäre dann tatsächlich die einzige Revolution, derer es bedürfte.

Wenn diese Entfaltung des Potenzials der Liebe in vielen Einzelnen gelänge, bekäme vielleicht sogar der Gedanke einer entsprechenden Veränderung unserer gesamten Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur einen realen Sinn. Denn wenn Menschen in verschiedensten Bereichen nicht mehr primär aus Angst und Konkurrenz, sondern im besten Sinne des Wortes ko-kreativ zusammenwirken, wird vieles möglich, wovon bisherige Gesellschaften nur zu träumen wagten.

 

Wie das gelingen kann, wird ein Einzelner niemals beschreiben können. Dazu bedarf es der Zusammenführung von Erfahrungen, die Menschen in unterschiedlichen Bereichen als mögliche Antworten auf diese Frage gesammelt haben.

Mit diesem Buch wollen wir versuchen, aus den Erkenntnissen von zumindest drei Disziplinen den Grundstein dafür zu legen: der Religionswissenschaft (Anselm Grün), der Sozialphilosophie (Maik Hosang) und der Neurobiologie (Gerald Hüther). Da diese drei Wissenschaftsbereiche traditionell sehr verschiedene Begriffe und Denkmuster zur Beschreibung ihrer jeweiligen Ausschnitte der Wirklichkeit verwenden, war es gar nicht so leicht, sie jeweils aus der Perspektive der letztlich alles durchdringenden Energie Liebe zu rekonstruieren; doch es zeigt sich, dass es trotz verschiedener Erscheinungsformen und Begriffe dieselbe grundlegende kreative Liebe ist, die alle Bereiche und Schichten der Evolution bewegt und erfüllt und die in uns Menschen zum Bewusstsein ihrer selbst kommen kann.

Das Buch beginnt mit Ausführungen Gerald Hüthers über die entscheidende Bedeutung der Liebe für die Menschwerdung des Affen. Danach beschreibt Maik Hosang, inwiefern Liebe auch der ausschlaggebende Impuls für die spannendsten Innovationen der Menschheitsgeschichte in Vergangenheit und Zukunft war und ist. Woraufhin dann Anselm Grün den Bogen schließt mit grundsätzlichen Gedanken dazu, warum Liebe der tiefste Grund und schönste Sinn des Seins generell ist und wie die Menschheit sich dessen in Religionen und Philosophien zunehmend bewusst wird.

 

Wir laden Sie, liebe Leserinnen und Leser, herzlich ein, uns bei dieser Zusammenführung von Erkenntnissen, wie die volle Entfaltung des Potenzials der Liebe in unserer heutigen Welt gelingen kann, zu begleiten.