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HERDER spektrum Band 6946

LINGVA ETERNA® ist eine eingetragene Marke.

Impressum






Lingva Eterna ist eine eingetragene Marke

Titel der Originalausgabe: Drück mich mal fest Therapie und Erfolgsgeschichte eines wahrnehmungsgestörten Kindes Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe 2017 (21. Gesamtauflage)

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 1991, 2013
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de

Umschlaggestaltung: agentur IDee

Umschlagmotiv: © Jenny Sturm – Fotolia

E-Book-Konvertierung: Arnold & Domnick, Leipzig

ISBN (E-Book): 978-3-451-81064-0

ISBN (Buch): 978-3-451-06946-8

Inhalt






Vorbemerkung

Vorwort

Die Zeit bis zum Beginn der Therapie

Die ersten drei »normalen« Jahre

Sprache, Motorik und Verhalten gestört?

Und immer wieder warten

Statt Stofftieren ein Brett mit vier Rädern

Spielideen für jeden Tag

Die ersten Stunden bei der Frühförderung

Daniel geht mittwochs zum Reiten

Kurze Sätze machen vieles leichter

Erste Fortschritte und neue Probleme

Daniel konnte die Gefahr nicht abschätzen

Wir sehen die Veränderungen, die zu dem Unfall führten

Julia muss viel schlucken

Daniel badet in Rapssamen

Susanna hat immer praktische Tipps

Ausflug in die schulische Zukunft

Daniel überkommt schnell die Wut

Der Prügel hat ausgedient

Die Rachenmandeln werden herausoperiert

Daniel lernt Ball zu spielen

Ein fröhliches Spiel mit dem Rollbrett

Julia sagt: »Der stellt sich an wie ein Baby!«

Gewohnheitsmäßiges „schnell“ und „müssen“ machen Druck

Kleine Störungen – große Folgen

»Daniel, wie planst du deine Straße?«

Immer wieder bricht Daniels Welt zusammen

Und andere Kinder?

Es braucht Mut, die unbequeme Botschaft zu hören

Daniel legt Formen nach

Erster Ausflug in die Hyperkinese

Wie soll denn deine Höhle aussehen?

Der Besuch wurde Daniel zu viel

Klare Aufforderungen bringen Erfolgserlebnisse

Daniel traut sich mehr zu

Wir bemalen mit den Händen einen Kissenbezug

Wir spielen mit dem Igelball

Kämpft miteinander!

Ich kann das allein!

Wieder ein Unglück

Wir haben auch angenehme Erlebnisse

Zweiter Ausflug in die Hyperkinese

Ein eindeutiger Wortschatz macht das Mitmachen leicht

Endlich Grund unter den Füßen

Daniel besucht den Sprachheilkindergarten

Daniel baut Straßenkreuzungen und Häuser

Daniel liebt starke Berührungsreize

Ärger und Freude mit Daniel

Im Kindergarten ist Daniel ein Musterkind

Zwischen Reiten und Psychomotorik machen wir Picknick

Zwölf Monate Therapie. Ich ziehe Bilanz

Eine friedliche Sprache hat eine beruhigende Wirkung

Festigung der Therapieerfolge

Bei uns war Sperrmüll

Auf dem Rollbrett durch die Turnhalle

Daniel hat mehrere Erfolgserlebnisse

Daniel findet Freude an Gesellschaftsspielen

Bloß keine Albereien!

Wir nähen und füllen Tastsäckchen

Unsere sechs Sinne

Der Dysgrammatismus taucht wieder auf

Wir bauen die Eisenbahn auf

Ferienvergnügen

Daniel gelingt alles etwas leichter

Jedes Wort wirkt – von den Stärken sprechen

Ich bin als Mutter einen weiten Weg gegangen

Pöbeleien am Ende einer schönen Reise

Wir fertigen eine Gipsmaske an

Mama, Mama, ich kann Schuh sagen!

Herr Neumeier ist stärker als Daniel

Der Couchtisch muss dem Trampolin weichen

Ein paar Geschicklichkeitsspiele

Die Logopädin bittet mich um meine Mithilfe

Ich gebrauche meine Sprache bewusster als früher

Einschulen oder zurückstellen?

Wir entscheiden uns

Daniel ist außer sich

Herr Neumeier hat neue Riesenbausteine

Die Geschichte mit dem sch-Körbchen

Lass mich allein, sonst werfe ich mit Sand

Der Schwimmkurs beginnt

Daniels Gesichtsausdruck ist weich geworden

Ausflug in die Naturheilkunde

Wir nähern uns dem Ziel

Psychomotorik an einem heißen Tag

Die letzten Therapiestunden vor der Schule

Zum Abschluss wunderschöne Ferien

Und was ist aus Daniel geworden?

Literaturhinweise

Publikationen zur Förderung der Sinne und der Wahrnehmung

Publikationen zum LINGVA ETERNA Sprach- und Kommunikationskonzept

Kontaktadresse

Vorbemerkung






Dieses Buch ist 1991 zum ersten Mal erschienen. Schon von Anfang an erreichte es eine große Leserschaft und konnte vor allem Eltern, ErzieherInnen und LehrerInnen viel geben. Die Anzahl der Kinder, die eine ähnliche Starthilfe brauchen wie der in diesem Buch dargestellte Daniel, wächst. Ich zeige Ihnen, wie Sie sie auf ihrem Weg liebevoll und kompetent begleiten können. Und ich will Ihnen Mut machen, an diese wunderbaren Kinder zu glauben!

Alle meine in diesem Buch dargestellten Erfahrungen habe ich genutzt, um daraus ein weitergehendes Konzept zum wertschätzenden und effizienten Umgang mit der Sprache zu entwickeln. Es ist das Lingva Eterna Sprach- und Kommunikationskonzept. Ich habe das Konzept Mitte der neunziger Jahre begründet und es dann ab 2004 gemeinsam mit dem Arzt und Neurowissenschaftler Chefarzt i.R. Dr. Theodor von Stockert weiterentwickelt. Es bewährt sich vielfältig in der Praxis.

In dieser vollständig neu bearbeiteten Ausgabe habe ich Folgendes ergänzt: Am Ende jedes großen Kapitels finden Sie sprachliche Anregungen auf der Grundlage dieses Konzepts. Die praxisnahen sprachlichen Tipps ergänzen die anderen zahlreichen Anregungen, denn klare Eltern mit einer klaren Sprache sind für Kinder mit Wahrnehmungsstörungen außerordentlich wichtig. Damit geben Sie ihnen Orientierung.

25 Jahre nach Erscheinen der Erstausgabe kann ich von einer strahlenden Erfolgsgeschichte berichten. Es gibt ein Happy End – so viel kann ich Ihnen schon jetzt verraten. Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen!

Erlangen, Februar 2017

Mechthild R. von Scheurl-Defersdorf

Vorwort






»Alleine kann ich das nicht«, scheinen immer wieder Kinderaugen in Kinderzimmern, auf Spielplätzen und bei Kinderfesten, in Kindergärten und Vorschuleinrichtungen sagen zu wollen.

Ängstliche und fahrige Bewegungen, hektisches, unstetes Gehabe, plötzlich aufbrechendes aggressives Verhalten, auffälliges Sprechen, ungewandte Finger, ein offenstehender kleinkindlicher Mund, eine triefende Nase, ein aus der Hose heraushängender Hemdenzipfel, offene Schuhbändel und vieles mehr ziehen nicht selten die kritisch beobachtenden Blicke anderer Eltern auf diese Kinder.

Warum kneten, malen und basteln diese Kinder auch im späteren Vorschulalter nicht gerne? Warum haben sie Probleme mit dem Fahrradfahren, dem selbstverständlichen An- und Ausziehen und manchmal sogar noch mit dem Treppensteigen? Warum rennen sie gegen Gegenstände in ihrer Umgebung? Warum machen sie trotz bester Absicht und großer Vorsicht oft Dinge durch ihre Ungeschicklichkeit kaputt?

Der Blick dieser Kinder liegt bald forschend und herausfordernd, bald sehnsüchtig oder ängstlich auf einem Gegenstand oder einer Person, um dann sogleich wieder unstet über alles hinwegzustreifen und neue Reize zu suchen.

Spielgefährten, die zur Kontaktaufnahme und zur Nachahmung anregen, stören diese Kinder eher. Die Kinder verlieren sehr schnell den Überblick, ziehen sich zurück, geben sich frühzeitig geschlagen oder reagieren unvermittelt chaotisch und aggressiv auf eine Situation.

Immer wieder zeugen leichte bis schwere Verletzungen von dem natürlichen Drang und Willen dieser Kinder, die Welt zu erforschen. Sie zeigen jedoch auch ihr Unvermögen, mit all den Reizen ihrer Umgebung umzugehen, mit ihnen fertig zu werden und aus Erfahrungen zu lernen.

Spielen und damit Lernen gelingt diesen Kindern nicht nebenbei. Es erfordert von ihnen vielmehr größte Anstrengung und Konzentration.

Die Kinder haben Probleme bei der Wahrnehmung ihrer Umwelt mit all ihren Sinnen wie auch bei der Verarbeitung der aufgenommenen Sinnesreize. Sie können sich motorisch nicht angemessen verhalten und ausdrücken. Der Bereich der Gefühle und Stimmungen ist betroffen.

Die gesamte Entwicklung der Kinder wird von diesen Schwierigkeiten bereits in ihren Anfängen beeinträchtigt, sie wird verlangsamt und gestört. Folgeerscheinungen wie Sprach- und Sprechstörungen, Verhaltensstörungen und Schulprobleme stellen sich häufig ein. Wahrnehmungs- und damit entwicklungsgestörte Kinder benötigen frühzeitig Hilfe, Motivation, Ermunterung und – eben viel, viel Zuwendung.

Sie benötigen aber auch äußerst klare Grenzen, innerhalb derer sie als individuelle Persönlichkeiten ernst genommen werden und sich frei entfalten können und dürfen.

»Drück mich mal ganz fest!« sagte kürzlich ein wahrnehmungsgestörtes Mädchen zu mir. Sie meinte damit: »Hab mich ganz lieb. Ich brauche diese zupackende Liebe. Ich wünsche sie mir und kann sie auch ertragen.« Es bedeutete aber auch: »Ich brauche dein Drücken, deinen festen Druck, um mich und dich körperlich und seelisch zu spüren. Ich brauche diese Haltepunkte und Grenzen, die du mir setzt, damit ich mich an ihnen festhalten kann.«

Entwicklungsgestörte Kinder wollen und müssen auf lehr­individuelle Weise an ihrer eigenen Höchstgrenze motivierend gefordert und gefördert werden.

Nur so gelingt es ihnen, ihre Umgebung allmählich »normal« wahrzunehmen, »normal« auf ihre Anforderungen zu reagieren und ihnen gerecht zu werden und damit den Anschluss an ihre Altersgenossen nicht zu verpassen.

Doch in welch schwieriger Lage befinden sich die Eltern solcher wahrnehmungs- und entwicklungsgestörter Kinder!

Sie beobachten meistens als erste Ungereimtheiten, Auffälligkeiten, Störungen im Verhalten ihrer Kinder. Sie können sich diese aber nicht erklären. Es kommt zu Auseinandersetzungen innerhalb der Familie, zu Gesprächen mit weiteren Familienangehörigen oder guten Bekannten. Irgendwann gehen viele Eltern mit ihrem Kind zum Arzt oder zu einer Beratungsstelle. Vielleicht finden sie dort jemanden, der die Probleme der Wahrnehmung und Motorik und deren Konsequenzen für die kindliche Gesamtentwicklung kennt. Sicherlich erhalten sie in diesem Fall den dringend notwendigen Rat und entsprechende Hilfe.

Viel häufiger aber bekommen sie die Auskunft, ihr Kind sei ganz »normal«, vielleicht ein »Spätentwickler«. Sie sollten sich nur keine Sorgen machen, alles gäbe sich von alleine.

Nicht selten wird auch den Eltern selber die Schuld an der Entwicklung ihres Kindes zugeschrieben: Sie seien übertrieben ängstlich, überbesorgend, nicht streng genug, inkonsequent u. ä.

Da die elterlichen Beobachtungen nicht in ein bekanntes und typisches Störungs- oder Krankheitsbild eingeordnet werden können, werden die Sorgen der Eltern oft nicht ernst genug genommen.

Die Eltern werden auch nicht angeleitet, die individuellen Schwierigkeiten ihres Kindes genauer zu sehen und sie zu verstehen. Sie können daher weiterhin nur schlecht mit den Problemen umgehen, ja sie verstärken diese sogar noch durch unangemessenes Reagieren. Sie werden damit ihren Kindern immer weniger gerecht. Ein Teufelskreis hat begonnen.

Die Eltern sind sich auf solch eine Beratung hin auch nicht bewusst, dass ihr Kind dringend eine systematische, gezielte, ganzheitlich ausgerichtete Hilfe benötigt. Sie lernen nicht, selber eigene sinnvolle Fördermaßnahmen für das Kind zu finden und diese lustbetont in den häuslichen Familienalltag einzubauen. Sie können daher ihrem Kind nicht in seiner Entwicklung gleichsam »nebenbei« weiterhelfen.

All diese Situationen schildert das vorliegende Buch:

Aus der Sicht einer betroffenen Mutter entsteht vor dem inneren Auge des Lesers das Bild eines wahrnehmungsgestörten, sprachbehinderten Kindes mit all seinen Freuden, Nöten und Ängsten. Die Problematik des Familienalltages mit einem solchen Kind wird deutlich.

Der Leser erlebt die anfängliche Ahnungslosigkeit und Hilflosigkeit der Eltern den Problemen ihres Kindes gegenüber. Er geht mit auf die Suche nach verstehendem Rat, nach geeigneten Fördermaßnahmen und entsprechenden Einrichtungen. Er hat teil an den Fortschritten wie auch den immer wieder neu auftretenden Schwierigkeiten und Rückfällen des Kindes bis zu seinem Schuleintritt.

Dieses Buch sollte interessierte und betroffene Leser ermuntern, Kinder genauer zu beobachten, eigene Beobachtungen mit Hilfe einer fachkundigen Beratung zu deuten, die erkannten Probleme tatkräftig anzupacken und Fördermaßnahmen zu organisieren.

Vor allem aber sollte es auffordern, angemessene Fördersituation – möglichst unter Anleitung – selber zu gestalten und damit den betroffenen Kindern innerhalb ihrer wichtigsten Umgebung, nämlich der Familie, zu helfen.

Dieses Buch regt zum Weiterlesen, zum Überdenken und zur Nachahmung an.

Es sollte Eltern, Erzieher, Therapeuten, Ärzte und alle an der Entwicklung von Kindern beteiligten Personen hellhörig und weitsichtig gegenüber Wahrnehmungs- und Entwicklungsproblemen machen, auch wenn diese im Moment noch so leicht erscheinen.

Ingelid Brand