Aus dem Französischen
von Elisabeth Liebl

Für meine A.

Oft leben die Menschen verkehrt: Sie versuchen, mehr Dinge oder mehr Geld zu haben, um mehr tun zu können, was sie wollen, damit sie glücklicher sind.

Es funktioniert aber genau umgekehrt. Du musst zuerst sein, wer du wirklich bist, dann tun, was du tun musst, um zu haben, was du möchtest.

Shakti Gawain, Stell dir vor. Kreativ visualisieren

If you’re not ready for love, how can you be ready for life? (Wenn du nicht bereit bist für die Liebe, wie kannst du dann bereit sein für das Leben?)

SoKo, »We Might be Dead by Tomorrow«

Diese plötzlich gähnende Leere, eine halbe Ewigkeit, im Nichts verschwinden, bereit, nichts mehr zu sein.

Virginie Despentes, King Kong Theorie

Die Südwand

Oberhalb der Wand war der Himmel nun von einem geradezu umwerfend tiefen Blau.

Die Mittagsstunde rückte näher. Und auch der Gipfel. Plötzlich ein Surren. Laut.

Der Aufprall. Kein Zeitgefühl mehr.

Die Hand blutig, gequetscht. Kein Schmerzempfinden. Das Seil gerissen. Gleichgewicht verloren.

Festhalten. Nicht festhalten. Ganz automatisch geflucht. Und dann schon der Absturz. Die Stille. Der Schmerz. Der einen niederdrückt.

Der Körper, kopfunter.

13. März 1983

»Sie tun mir weh, ich kriege keine Luft mehr …«

»Ausgeschlossen, ich liebe Sie doch jetzt schon.«

»Wagen Sie es bloß nicht! Sie werden …«

»Jetzt mach dich doch mal ein bisschen locker …«

10. Dezember 2013

Irgendetwas fühlte sich nicht richtig an. Marcus saß hinter dem Bildschirm an seinem Schreibtisch. Ohne es selbst zu merken, klopfte er mal mit dem Fuß auf den Boden, mal mit der Hand auf den Tisch. Lauter winzige Zeichen, die den Druck verrieten, die Unruhe, die Langeweile. Noch immer ging ihm das Lied durch den Kopf, das er an diesem Morgen im Auto gehört hatte: »Asimbonanga« von Johnny Clegg & Savuka. Nelson Mandela war gerade gestorben, und in Südafrika fanden Gedenkfeiern für ihn statt. Das ganze Volk kam, um dieser Stimme der Gerechtigkeit die letzte Ehre zu erweisen.

Marcus’ Kollegen im Büro waren ziemlich beschäftigt. Akten, Mails, Faxe, Telefonate, Besprechungen. Die Seelen und Leiber der Geschäftswelt im Dienste Seiner Heiligkeit, des »Business«.

Doch irgendetwas fühlte sich nicht richtig an. Er musste wieder an die Dokumentarsendung denken, die er am Sonntagabend im Fernsehen gesehen hatte. Über einen Mann, der sein ganzes Leben damit verbrachte, sich um Vögel, vor allem um Raubvögel, zu kümmern. Seine besondere Sorge hatte einem Adler gegolten, der nicht fliegen konnte. Der Vogelmann hatte dem jungen Adler beibringen müssen, wie er die Muskulatur seiner Flügel zu nutzen hatte, damit er fliegen, seine Schwingen ausbreiten, seinen Flügelschlag finden und sich von den Aufwinden nach oben tragen lassen konnte. Nach mehreren Flugversuchen hatte man auf dem Rücken des ausgewachsenen Adlers eine Minikamera befestigt, und die damit gemachten Aufnahmen waren in jener Reportage gezeigt worden. Atemberaubende Bilder vom Gefieder des Tieres, von Gebirgslandschaften, tiefblauem Himmel und gleißenden Sonnenstrahlen.

Das ist wahre Freiheit, hatte er sich bei diesen Bildern gesagt. Auch er wäre gerne geflogen. Schulen, wo man Gleitschirmfliegen lernen konnte, gab es mittlerweile ja fast an jeder Ecke. Der Traum vom Fliegen war also nicht unerreichbar. Wer weiß, eines Tages vielleicht …

Marcus checkte sein Firmen-Mailkonto zwanzig, dreißig, vierzig Mal am Tag. Genauso oft sah er in seine privaten Mails. Ständig switchte er zwischen den verschiedenen Programmfenstern, die er auf seinem Rechner geöffnet hatte, hin und her, fing hier eine Aufgabe an, bearbeitete dort eine weitere, ging ans Telefon und switchte wieder zurück. Die Tage vergingen schnell, zu schnell. Er kontrollierte dauernd die Uhrzeit auf seinem Computer oder seinem iPhone, stets begleitet vom nervösen Trommelschlag der Füße oder Hände, zu dem die stressige Umgebung den Takt vorgab. Jeden Abend schaltete er in seinem Büro das Licht aus, verließ das Firmengebäude, stieg in sein Auto und schloss die Tür. Ein lautes Klack, dann Stille. Er nahm sich ein paar Sekunden Zeit für sich, ehe er den Motor anließ und den Sender oder die CD wählte, die er hören wollte. Er fuhr schnell und immer auf der Überholspur. Vor Radarfallen bremste er ab, dann stieg er wieder aufs Gas.

Zu Hause angekommen – was selten vor zwanzig Uhr der Fall war –, stellte er seine Aktentasche ab, hängte seine Jacke an die Garderobe, zog die Schuhe aus und begrüßte seine bessere Hälfte mit einem flüchtigen Kuss auf den Mund.

Seine Frau Isabelle empfing ihn immer mit der gleichen Frage: »Wie geht’s dir? Hast du einen guten Tag gehabt?«

Welche Antwort sollte er darauf schon geben? Und so antwortete er immer gleich: »Jaja, gut. Und du?«

Er war zu Hause, in seinem sicheren Hafen, seinem Kokon, in den er sich einspinnen konnte. Dort fühlte sich alles richtig an. Später, wenn sie dann zu zweit vor dem Fernseher saßen und die Werbeblöcke um die Aufmerksamkeit der Zuschauer buhlten, holte er wieder sein Handy hervor, rief seine Mails ab und ging auf Facebook, wo das Leben seiner Freunde und Bekannten übers Display glitt. Währenddessen saß Isabelle neben ihm.

Jeden Morgen ging Marcus nach dem Aufstehen ins Bad, betrachtete sich im Spiegel und fand, sein Gesicht sehe grau aus. Grau wegen der Augenringe, grau vor Erschöpfung, grau vom Alltag. Mehr oder weniger bewusst stieg er auf die elektronische Personenwaage, die regelmäßig drei oder vier Kilo zu viel auf den Hüften anzeigte, die sich nun schon seit ein paar Monaten auch an dem Ansatz von Doppelkinn bemerkbar machten. Er drehte die Dusche auf, wartete, bis das Wasser warm war, und stellte sich in den Strahl. Das war für ihn einer der schönsten Momente des Tages. Erst die Schultern, sodass ihm das Wasser über den Rücken, das Gesäß und die Waden hinunterlief. Dann den Kopf. Er schloss die Augen, berauschte sich an der Weichheit des Wassers, der Wärme, dem Wohlgefühl. Das war für ihn das »Glück der kleinen Dinge«, wie er es manchmal nannte. Isabelle blieb währenddessen noch ein paar Minuten im Bett liegen, ließ sich Zeit mit dem Aufwachen und reckte und streckte sich dann wie eine Katze.

Vor zwei Jahren waren Isabelle und Marcus bei einem Sexualberater gewesen. Sie hatte ihn dazu überredet, eigentlich mehr aus Spaß denn wegen eines wirklichen Problems. Sie hatte gehofft, dass dieser Besuch wieder etwas Schwung in ihr eingespieltes Liebesleben, das kinderlos geblieben war, bringen würde. Das Beratungsgespräch war offen verlaufen, ohne etwas zu verschweigen oder einander etwas vorzumachen. Beide waren der Ansicht, dass sie wieder mehr zueinanderfinden und wie zu Anfang ihrer Beziehung intensiver miteinander reden müssten. Sie beschlossen, sich Zeit für Momente der Komplizenschaft zu nehmen, der Zärtlichkeit, Zeit für sinnliche, erotische Spiele.

Und tatsächlich probierten sie während der ersten Wochen neue Spiele aus, die so neu allerdings nicht waren. Isabelle häufiger als Marcus. Doch dann walzte die Alltagsroutine mit vollgepacktem Terminplan und Stress im Job erneut alles nieder. Wenigstens trieben sie ein bisschen Sport (sie ging ins Fitnessstudio, er zum Biken). Gelegentliche Kinobesuche (abwechselnd amerikanische Autorenfilme und französische Kassenschlager), Abende mit Freunden (Valentine und Stephane, Benoit und Sebastien, Florian und Nelly mit ihren beiden Kindern) sowie das Familienessen bei den Schwiegereltern jedes zweite Wochenende sorgten für ein wenig Abwechslung. Und über all dem vergaßen sich ihre Körper langsam, aber sicher von Neuem.

Bis sie einige Zeit später über das Video eines anderen Sexualberaters stolperten …

»Stimmt was nicht?«

»Nein, alles in Ordnung. Wieso?«

»Ich finde, du bist irgendwie abwesend, fast ein wenig verschlossen. Hast du Stress in der Arbeit?«

»Ich weiß auch nicht, aber ich habe das Gefühl, dass mir alles über den Kopf wächst … dauernd ist irgendwas, und ich habe zu wenig Zeit für mich … Nein, alles in Ordnung, mach dir …«

(Schweigen.)

»Ganz ehrlich? In Wirklichkeit hätte ich dich gerne etwas gefragt.«

»Ja? Was denn?«

»Heute Morgen habe ich an der Windschutzscheibe meines Autos eine Notiz gefunden, die unter dem Scheibenwischer steckte …«

Ein Zettel an der Windschutzscheibe

HÖR AUF DEINE GEFÜHLE.

Das hatte auf dem Zettel gestanden. Nur das, in Großbuchstaben. Eine Allerweltsschrift auf ebensolchem Papier, nichts, was auf die Person, die den Zettel unter den Scheibenwischer geschoben hatte, hätte hindeuten können. Marcus war schon im Auto gesessen und hatte den Motor angelassen. Da erst bemerkte er das Stück Papier unter dem Scheibenwischer. Sicher wieder irgend so eine Werbung …

Er stieg noch mal aus, ging um die Wagentür herum, schnappte sich den Zettel und wollte ihn schon zusammenknüllen und wegwerfen. Erst in der letzten Sekunde fiel sein Blick auf das, was da geschrieben stand.

»HÖR AUF DEINE GEFÜHLE.« Was sollte das denn jetzt? Er schaute sich um, sah aber nichts. Nur den Parkplatz und die abgestellten Autos. Marcus legte den Zettel auf den Beifahrersitz und fuhr kopfschüttelnd los. Wie immer machte er erst einmal alle Fenster auf, um den Wagen kurz durchzulüften, selbst wenn es draußen kalt war. Dabei wäre der Zettel fast davongeflogen. Er schloss die Fenster wieder und fuhr auf die Umgehungsstraße.

»Schon irgendwie merkwürdig.« Wer ihm den Zettel wohl an die Scheibe geheftet hatte? Ein Nachbar vielleicht? Da käme höchstens das alte Ehepaar aus dem ersten Stock infrage, das immer was zu meckern hatte. Ein paar seiner Arbeitskollegen wussten, wo er wohnte. War es einer von ihnen gewesen? Oder seine Frau Isabelle? Einer ihrer Freunde? Jemand von der Familie? Ein Unbekannter, der solche Zettel einfach wahllos unter irgendwelche Scheibenwischer steckte? Möglicherweise. Oder sein Hausarzt? Er hatte wirklich nicht die leiseste Ahnung. Unterdessen schwappte aus dem Autoradio eine Flut alarmierender Zahlen und schlechter Nachrichten.

Eine Viertelstunde später parkte Marcus sein Auto in der Nähe der Firma, wo er arbeitete.

»Guten Morgen, Cathy, geht es Ihnen gut?«

»Guten Morgen, Marcus, danke ja. Und selbst?«

Aus irgendeinem Grund fragte er immer jeden, der ihm über den Weg lief, fast wie unter Zwang: »Hallo, geht’s denn gut?« Dabei war die Frage eigentlich nicht wirklich so gemeint, denn die einzig mögliche Antwort darauf war »Ja«. Und ihm war durchaus bewusst, dass die Antwort, begleitet von einem strahlenden Lächeln, genauso wenig echt gemeint war wie seine Frage. Eine Höflichkeitsfloskel. Nur keine Blöße zeigen.

Einmal hatte sein Chef ihn darauf hingewiesen, er müsse sich weniger emotional und mehr sachbezogen zeigen. Und Marcus hatte ihm zugestimmt. Seitdem war diese Formulierung sein Mantra geworden, wenn auch eines, das er eher unterbewusst gebrauchte. Konnte er das denn überhaupt – Menschen, denen er begegnete, wirklich die Frage stellen: »Hallo, Cathy, wie geht es Ihnen denn?« Besaß er überhaupt die Fähigkeit, die Überraschung im Gesicht des Gefragten zu registrieren und seine Antwort zu deuten? Und seinerseits eine ehrliche Antwort zu geben? Beim nächsten Mal würde er das vielleicht versuchen. Morgen möglicherweise. Oder an einem anderen Tag.

Sein Schreibtisch quoll immer noch über vor Papieren, Dokumenten und Post-its: die Unterlagen für Orange Business fertig machen, den Marketingdirektor von Securitas Direct anrufen, den Streit mit der Buchhaltung von Veolia klären, der Kollegin antworten, die seine letzte Spesenabrechnung angefordert hatte, dran denken, die Aufgabenliste in Outlook zu aktualisieren. Dann noch der Bericht, den er seinem Chef am Soundsovielten vorzulegen hatte, und die To-do-Liste, die sein Handy tagtäglich ausspuckte.

»Hör auf deine Gefühle«, hatte auf dem Zettel gestanden. Was für ein Witz! »Jetzt habe ich noch was zu erledigen«, dachte er bei sich.

Marcus arbeitete in dem weitläufigen Geschäftsviertel La Défense westlich von Paris (oder »La Démence«, wie er es sarkastisch nannte – in Anspielung auf den kräftezehrenden Irrsinn eines stressigen Jobs, der keine Verschnaufpause kannte). Für ein großes IT-Consulting- und Systemhaus. Das klang gut. Er selbst war Consultant Systembetreuung. Das klang noch besser. Seine Consulting-Kollegen waren zuständig für Analyse, Angebotserstellung und Installation der Systeme, während die Betreuung der laufenden Systeme sein Aufgabengebiet war. Hier arbeitete er jetzt seit vier Jahren, in einem Umfeld, das stets gleich blieb, obwohl die Geschäftsleitung durchaus bemüht war, ihren Angestellten gewisse Extraleistungen zu bieten wie die Reinigung der Bürokleidung, eine eigene Kinderkrippe, eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio, ja sogar einen alljährlichen Besuch beim Psychologen oder Ernährungsberater. Und die Örtlichkeiten gehörten zum Besten, was ein Unternehmen zu bieten hatte: großzügige Büros, mehrere Ruheräume, eine erstklassige Espressomaschine, über alle Etagen verteilte Grünpflanzen. Man tat alles, damit jeder Mitarbeiter sich an seinem Arbeitsplatz wohlfühlte und sich voll auf die ihm übertragenen Aufgaben konzentrieren konnte. Marcus wusste, dass er – im Vergleich zu anderen Unternehmen oder Wirtschaftszweigen – einen privilegierten Arbeitsplatz hatte. Dessen war er sich durchaus bewusst. Seine Probleme, Sorgen und Missstimmungen waren quasi Jammern auf höchstem Niveau. Dennoch fühlte sich irgendetwas nicht richtig an. Und zwar immer deutlicher. Er wusste es, spürte es. In seinem Inneren, seinem überlasteten Kopf, aber auch im Bauch. Eine Empfindung, als trüge er ein Korsett. Die ständige Verspannung in Schultern und Nacken. Er konnte es deutlich spüren.

»Mhm«, dachte er bei sich. »Ist das schon ›auf seine Gefühle hören‹?« Konnte es so einfach sein? Genügte es etwa schon, auf das zu hören, was der Körper einem sagte?

Er hatte einige Jahre gebraucht, um in diese Position aufzusteigen. Alles in allem wäre es ja gar nicht so schwierig, das eigene Leben noch mal umzukrempeln. Er und Isabelle hatten schon ein paarmal darüber geredet, dass sie wieder ein einfacheres, naturverbundeneres Leben führen wollten. Mehr Zeit für sich selbst, füreinander, für Freunde und Familie haben. Aber Marcus war auch klar, dass hinter seiner Art, mit dem Geld und seinem Leben umzugehen, mehr stand. Tief in seinem Inneren saß die Angst, sich am Ende doch am unteren Ende der sozialen Leiter wiederzufinden, die er langsam Sprosse für Sprosse emporgestiegen war.

Er war fünf Jahre alt gewesen, als seine Eltern sich scheiden ließen. Sein Vater bezog eine eigene Wohnung, Marcus und seine Schwester waren zur Mutter gezogen. Am Monatsende ging es immer knapp her, manchmal auch schon früher. Waren alle Rechnungen bezahlt und die Miete vom Konto abgebucht, die Einkäufe in riesigen, öden Supermärkten getätigt, war so gut wie kein Geld mehr auf der Bank. Ihren Kindern trotz allem die Teilnahme an außerschulischen Aktivitäten zu ermöglichen war der ganze Stolz seiner Mutter gewesen. Sie wollte ihren Sprösslingen weiterhin zumindest so etwas wie den Anschein einer glücklichen Kindheit geben. Sie sollten, wenn irgend möglich, heranwachsen wie andere Kinder, Geldsorgen hin oder her.

Wie oft hatte er sich gesagt, dass er das nicht noch einmal erleben wollte. Dass er nicht wie seine Mutter gezwungen sein wollte, jeden Sou, jeden Franc zweimal umdrehen zu müssen. Er wollte nicht die Preise von Lebensmitteln vergleichen und immer die billigsten, die Familienpackungen, die Rabattartikel nehmen müssen. Er wusste, dass er demgegenüber heute in einer privilegierten Situation war. Seine Frau und er konnten es sich leisten, im Bioladen und auf dem Markt im Viertel einzukaufen. Doch ihm war bewusst, dass das Pendel leicht wieder in die andere Richtung ausschlagen konnte, also legte er sich ins Zeug. Sein Job, seine Frau, ihre Freunde, ihre Familien, der höllische Rhythmus der im Minutentakt durchorganisierten Tage. Er hielt das schon durch. Aber wie lange noch?

»Hör auf deine Gefühle.« Wieder musste er an den Zettel denken, den ihm irgendjemand an die Windschutzscheibe gesteckt hatte. In den eigenen Körper hineinzuhorchen wäre ja vielleicht schon mal ein guter Anfang. Was also tun, wenn sein Rücken das nächste Mal rebellierte? Die Betriebspsychologin hatte ihm ein paar Tricks zur Entspannung gezeigt, bestimmte Bewegungen und lange, tiefe Atemzüge. Eine grundsätzliche Lösung für sein Problem war das freilich nicht. Sicher, die Schmerzen gingen erst mal weg, aber nur für kurze Zeit. Wenige Stunden danach tat ihm schon wieder der Rücken weh.

Und wie sollte er mit den finsteren Gedanken umgehen, die ihn immer öfter bedrängten? Sie verdrängen oder sie annehmen? Sich von ihnen mitreißen lassen? Das war nun so gar nicht seine Sache. Sich hängen zu lassen hätte bedeutet, Schwäche zu zeigen. Doch es hieß stark sein, sich stets in Bestform zu präsentieren, den Menschen in seinem Umfeld immer mit strahlendem Lächeln einen positiven Eindruck von sich zu vermitteln. Nur unter der Dusche, wenn er spürte, wie das Wasser seinen Körper hinunterlief, gab es jene seltenen Momente, in denen er losließ. Dann spürte er, wie eine Last von ihm abfiel, durch die Poren seiner Haut, seiner selbst, entwich. Und noch etwas gab es da: Wenn er abends von der Arbeit nach Hause fuhr, legte er manchmal eine alte CD ein, die ein Freund ihm gebrannt hatte: Mahlers Fünfte Sinfonie. Darin gab es einen sehr langsamen Satz, »Adagietto, sehr langsam«. Wenn er diese Klänge hörte, entfloh er dem Alltag und gab sich jeder einzelnen Note hin. Am Ende lief ihm manchmal ein Schauer über den Rücken, an der Stelle steigerte sich die Musik zum Crescendo, erhob sich der kristallklare Klang der Geigen hoch über die schweren, geradezu erdigen Töne der übrigen Streicher. Ein schöner, wohltuender musikalischer Moment. Auch bei dieser Gelegenheit fühlte er einen inneren Frieden, der ihm mit einem Schlag Ruhe vor seinen ausufernden Gedanken verschaffte.

Nicht zu vergessen die Zigarettenpausen. Eigentlich mochte er sie nicht besonders, weil er, wenn die Kollegen dabei waren, weiter über die Arbeit reden musste. Ging er aber allein zum Rauchen, dann ließ er sich Zeit, den Tabak in der Zigarette festzuklopfen, sein Feuerzeug hervorzuholen, es anzumachen, die Zigarette daranzuhalten und den Rauch genüsslich zu inhalieren, während der glühende Tabak leise knisterte. Stieß er dann den Rauch aus, hob er den Kopf und sah dem sich kräuselnden Faden nach, der zum Himmel aufstieg, ins Blau oder ins Reich der dräuenden Wolken. Auch das war eine seiner kleinen Fluchten. Alles in allem sah es gar nicht so schlimm aus, sagte er sich. Er versuchte, sich an andere solcher kleinen Momente zu erinnern, wie die Dusche, die Musik, die Zigarettenpause, Augenblicke, die nur ihm und niemandem sonst gehörten. Augenblicke, in denen er mit sich im Reinen war.

Als er wieder an seinem Schreibtisch saß, griff er unvermittelt nach Block und Stift und ließ seinen Gedanken freien Lauf: »Der Lärm der Welt rückt weiter heran, ich aber lasse nur herein, woraus ich geschaffen bin: Licht und Schatten. Ich kann stark sein, aber auch schwach, das ist mein gutes Recht, meine Freiheit. Ich habe das Recht zu zweifeln. Ich habe das Recht, gern allein zu sein. Ich habe das Recht, Kompromisse zu schließen. Ich darf einfache, langsame Dinge mögen. Auch wenn sie unnütz sind, so sind sie doch notwendig. Ich habe das Recht.«

Er las sich die paar Sätze, die paar Wörter, die er eben hingekritzelt hatte, noch einmal durch, und war selbst höchst erstaunt darüber: »Warum? Warum ausgerechnet jetzt? Und warum kehrt ständig der Satz ›Ich habe das Recht‹ wieder?«

Marcus lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah aus dem Fenster. Dann holte er tief Luft und atmete lange aus. Sein Bauch entspannte sich, die Schultern sanken nach unten. Ein unwillkürliches Lächeln kräuselte seine Lippen. Marcus war überrascht. Dieser Augenblick erinnerte ihn an einen überaus interessanten Vortrag, den er letztes Jahr zusammen mit seiner Frau besucht hatte. Offensichtlich tat sich etwas in seinem Leben.