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Inhalt

Die Cookie-Sisters

Mandy und der Muschi-Service

Mark the Dark

Nirwana

Lebenslinien

Siesta

Die »Georg«

Powerfrau

Sweet Home Ostwestfalen

Die Comedy-Bustour

Osaka-TV

Der größte Waschsalon Deutschlands

Schlechte Aussichten am Bellevue

Sing mit Freddy

Rammstein

Flecken

Buntes Treiben

Freddy sein Feierabend

Bildnachweis

Moabit

Irgendein Montagmorgen, 7.00 Uhr

Anfang Januar 2007, Gotzkowskystrasse 11:

Ich sitze mit Kaffee und Stulle am Campingtisch im Schaufenster meines noch leeren, zukünftigen Salons und studiere die »Berliner Zeitung«.

Moabit. Ausgerechnet. Ich bin gerade erst von Köln nach Berlin gezogen und das ist der vorläufig letzte Abschnitt einer endlosen Odyssee. Und eines wilden Auf und Abs. Alles, was ich zu dem Zeitpunkt weiß: Ich werde hier, in der schönen Spree-Metropole, einen Waschsalon aufmachen. Meinen eigenen. Und das wird ein Erfolg.

Die Zeit in Köln war in jeder Hinsicht extrem: Das Gefühl, dem ganz großen Glück auf den Fersen zu sein, ihm zum Greifen nahe zu sein, einerseits. Um dann, andererseits, umso tiefer zu stürzen­. Noch viel tiefer, als ich mir das hätte vorstellen können. Aber dazu später.

Moabit also. Meine Freunde vor Ort, allesamt Berlin-Immigranten und umso mehr selbst ernannte Hauptstadt-Indianer, fanden die Idee mit dem Waschsalon gar nicht so abwegig. Aber mein Gott, es gibt bessere Orte, geeignetere Viertel, angesagtere Kieze als dieses trostlose, nichtssagende Viertel hier … Moabit! Nicht mal im Reiseführer findest du mehr als ein paar müde Zeilen über diesen grauen Teil der Stadt. Moabit ist im Grunde eine künstliche Insel. 25 Brücken halten den Kontakt zum Rest der City: Dies sind, wenn man im Norden ­beginnt und im Uhrzeigersinn weitergeht:

Föhrer Brücke, Torfstraßensteg, Brücke der Ringbahn, Brücke der Fernbahn, Fennbrücke, Nordhafenbrücke, Kieler Brücke, Sandkrugbrücke, Bahnbrücke am Hauptbahnhof, Hugo-Preuß-Brücke, Gustav-Heinemann-Brücke, Moltkebrücke, Kanzleramtssteg, Lutherbrücke, Bahnbrücke am S-Bahnhof Bellevue, Gerickesteg, Moabiter Brücke, Lessingbrücke, Hansabrücke, ­Wullenwebersteg, Gotzkowskybrücke (!), Kaiserin-Augusta-­Brücke, Sickingenbrücke, Bahnbrücke über Verbindungskanal und Ludwig-Hoffmann-Brücke. Fast wie Venedig!

Das ist allerdings auch schon das Einzige, was Moabit und die mediterrane Lagunenschönheit miteinander gemein haben.

Wenn du einen coolen Laden eröffnen willst, so der Tenor der kundigen Berlin-Scouts, dann musst du dahin gehen, wo das Leben tobt, die Jugend, die Kreativen, die »Szene« – wer auch immer das ist. Also Friedrichshain, Mitte, Prenzlberg, Kreuzberg, ja – selbst Nord-Neukölln hätte es sein dürfen. Aber wieso jetzt Moabit? Moabit hat ja gar kein Profil. Da wohnt doch alles durcheinander: Einheimische und Zugereiste, Hartz-Vierler, Malocher, jede Menge Migranten in bunter Mischung, Prolls, ein paar Nazis vielleicht, eine Handvoll Studenten irgendwo dazwischen. Allgemeines Kopfschütteln war die Reaktion und auch die Prognose war deutlich herauszuhören: Vergiss es, Alter, das geht voll in die Hose.

Gut. Also dann Moabit. Für mich war umso mehr klar: Hier bin ich richtig. Ja, es soll ein Laden für alle sein, ein echter Hort der Reinlichkeit, ein Tempel der textilen Pflege, eine Serviceoase inmitten der Wüste. Ein waschechter Salon eben. Kein Szene-Schnickschnack, kein cooles Getue. Dienst am Kunden, ganz klassisch.

Den ersten Besichtigungstermin hier in der Gotzkowsky ­hatte ich letzten Freitag. Herr Jemal, mein türkischer Immobilienmakler, hatte mir schon zwei andere Lokalitäten präsentiert, aber ohne dass ich genau hätte sagen können, was es war: Der erste Eindruck hatte bei beiden Malen etwas Unstimmiges. Mal war mir die Straßensituation zu laut und zu hektisch, mal war mir die Immobilie zu heruntergekommen und die Lage zu unwirtlich.

Dann also die Gotzkowsky 11: Wir stehen vor dem Geschäft, es ist eher unscheinbar, fast könnte man dran vorbeilaufen. Das Haus jedoch ist eines der schönsten in der Straße. Gründerzeitstil mit Fassadenstuck. Der Bau wirkt solide und ehrlich: Mir sagt es zu. Auch der Laden hat, von innen besehen, eine gute Substanz, die Wände sind trocken, es gibt Renovierungsbedarf, aber ganz sicher keinen Sanierungsrückstand. Hier drinnen gabs mal ein Schreibmaschinengeschäft, die Wasserleitungen werde ich wohl neu verlegen müssen. Aber das dürfte kein Problem sein. Ich gehe noch mal nach draußen, wechsle auf die andere Straßenseite, schaue hinüber und lasse alles auf mich wirken. Herr Jemal, der meinen Plan grundsätzlich unterstützt, ist so freundlich, mich darauf hinzuweisen, dass es in dieser kleinen Straße bereits einen Automatensalon gibt, keine hundertfünfzig Meter weiter. Auch Herr Bogner, der Vermieter, ist mittlerweile gekommen und äußert dieselben Bedenken. Ich nehme das zur Kenntnis. Ich will nichts hektisch entscheiden. Ich möchte mir sicher sein dieses Mal. Ich will in die Zwölf treffen. Und mehr als einen Versuch habe ich nicht.

Und so kommt mir die Idee: Ich habe Zeit genug, also werde ich mich eine Woche in den leeren Laden setzen und zählen, wie viele Menschen dieses Lokal am Tag passieren. Mit der klassischen Strichliste. Dann weiß ich mehr. Und ich möchte außerdem wissen, was für Menschen das sind, die hier im Kiez leben.

Die Herren Bogner und Jemal schauen mich fragend an, aber als sie merken, dass ich es ernst meine, sind sie einverstanden.

Und jetzt hocke ich hier. Und warte. Es ist ein bisschen kühler hier drinnen, als ich dachte. Es riecht nach Kalk und nach ­Gips­karton. Der Laden ist vollkommen leer und so habe ich alles mit­gebracht: Klappstuhl und Campingtisch, ein Kofferradio, eine ­große Thermos­kanne Kaffee, Stullen, Zeitung. Und Block und Bleistift natürlich.

Ein bisschen seltsam komme ich mir schon vor, wie eine von diesen 24-Stunden-Kunst-Installationen: Ein Mensch stellt sich aus. Schauen sie Herrn Leck beim Wohnen zu …

Ich schlage meine »Berliner Zeitung« auf und lese gerade, dass die Mehrwertsteuer erhöht wird und am Hauptbahnhof ein ­Zwei-Tonnen-Stahlträger abgestürzt ist. Und dann taucht sie auf wie aus dem Nichts: die erste Passantin. Also, wenn man so will, meine erste potentielle Kundin. In mir regt sich so etwas wie Jagdfieber, als ich sie ganz beiläufig über die Zeitung hinweg beobachte. Ich komme mir dabei vor wie die Parodie eines mittelmäßigen Geheimagenten. Mein Observationsobjekt ist eine adrett gekleidete Mittsiebzigerin mit Pepita-Hütchen und einem verfetteten, kleinen Mops an der Leine. Der Hund trippelt ein paar Meter voraus und hat jetzt den Baum vor meinem Laden als Morgentoilette erkoren. Die Dame lässt der flexiblen Leine Spiel und geht bedächtig hinterher. Jetzt zögert sie. Hat sie irgendwas bemerkt? Sie hält inne, geht zwei Meter zurück, legt dann die Hände an das Schaufenster und starrt in den Laden. Unsere Blicke treffen sich, ich winke ihr linkisch zu. Und sie winkt lächelnd zurück, als sei das ganz normal, dass ein Mann morgens um sieben in einem kahlen Schaufenster hockt und frühstückt. Ich lächle zurück. Dann schaue ich wieder in die Zeitung. Und mache feierlich den ersten Strich auf meinen Block.

Weit komme ich nicht mit der Zeitung an diesem Tag. Die Strichliste wird dafür voller und voller, schon gegen eins ist die erste Seite dicht.

Am Dienstag um vier Uhr nachmittags habe ich einige Hundert Passanten gezählt. Ich spare mir das mit der Liste und packe zusammen. Denn ich weiß jetzt eins ganz sicher: Diese Straße lebt; an Kunden wird es mir nicht mangeln. Und ich bin mir sicher, die Klientel hier ist so, wie ich sie mir gewünscht habe: bunt.

Freddy Leck mit Ulrich Beckers

Nicht jeder Fleck muss weg

Aus dem Leben eines Waschsalonbesitzers

Patmos Verlag

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Die Cookie-Sisters

12702.jpg 9.April, 6.50 Uhr

Die Sechs sieht gar nicht gut aus heute Morgen.

Irgendjemand hat hier gestern was mit reichlich Papier in den Hosentaschen gewaschen und jetzt ist die arme Maschine bis rauf ins Waschpulver-Einfüllfach eingesaut mit klumpig nasser Zellulose. Das ist bitter. Ich schaue auf die Uhr: Zehn vor sieben ist es, gleich stürmt mir die Kundschaft den Laden. Höchste Zeit für Erste-Hilfe-Maßnahmen.

Ich ziehe mir ein paar Hygienehandschuhe über, nehme das Einfüllfach heraus, reinige es unter fließend warmem Wasser und fummele es wieder zurück in die Schiene, dann knie ich mich vor das offene Bullauge und befreie die Waschtrommel von den bleichen Rückständen aus Tempotaschentüchern, Bonbonpapier, U-Bahn-Fahrscheinen und was nicht noch alles. Eine einsame schwarze Herrensocke klebt an der Seitenwand der gelochten Chromtrommel. Gut, dass mir die noch aufgefallen ist, gar nicht auszudenken, was die mit der nächsten Kochwäsche angestellt hätte. Das war knapp.

Ausgerechnet die Sechs hat es erwischt, die ist eh schon so sensibel und braucht immer meine besondere Fürsorge. Sie ist die jüngste im Team meiner fleißigen Maschinen, ein Neuerwerb aus einer Salonauflösung, und sie hatte am Anfang allerlei Wehwehchen. Mal lief sie beim Schleudern unrund, mal blinkte das Display nervös und der Grund war auch für den Techniker nicht festzustellen. Ich hoffe, sie übersteht den Tag heute.

Eigentlich wäre das Reinigen der Sechs Mandys Job gewesen, die hatte gestern Abend Dienst. Mandy Eckstein ist meine jüngste Mitarbeiterin, die bringt schon mal solche Dinger. Ich müsste ihr mal eine ordentliche Ansage machen. Das ist schon längst überfällig. Schließlich bin ich hier der Chef. Aber Chef sein ist nicht leicht, denn wirklich mit ihr schimpfen kann ich gar nicht. Denn sie hat ganz andere Qualitäten, unsere Mandy. Aber dazu später mehr!

Ich entsorge den Papiermatsch und deponiere die Singlesocke fürs Erste in der Schublade unter der Kasse, wo das Schreibzeug und der Quittungsblock lagern. Irgendwo hier im Laden haben wir für verwaiste Wäschestücke einen Extrakorb, der ist prall gefüllt mit T-Shirts, Büstenhaltern, Slips und so weiter – und eben mit Singlesocken. Falls irgendein Kunde tatsächlich danach fragen sollte, man weiß ja nie. Aber gefragt hat noch nie jemand. Ich finde das seltsam: Die Kundschaft scheint das Mysterium einfach zu akzeptieren, dass sich etwas in der Waschtrommel in nichts auflöst.

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Vor der Achtundzwanzig, das ist der letzte in der Parade meiner acht Trockner, parkt noch ein herrenloser Koffer. Wo kommt der denn her? Hat den hier gestern jemand vergessen? Ich nehme den­­ ­braunen Koffer mit in die Abstellkammer, um den werde ich mich später kümmern.

Dort öffne ich den Metallspind, nehme mir einen frischen, schneeweißen Kittel vom Bügel, ziehe ihn über und knöpfe ihn zu; ich schließe den Spind ab, gehe zur Kasse und zähle das Wechselgeld nach, hundertfünfzig Euro sind es genau. Die Waschmittel- und Weichspülervorräte auf dem Regal sind gut bestückt; dann schalte ich die Kaffeemaschine ein. Ein letzter prüfender Blick durch den Laden, alles scheint in bester Ordnung: Der Linoleumboden glänzt, die Displays der vierzehn Waschmaschinen blinken dienstbereit, die acht Trockner sind ebenfalls startklar, meine chromstrahlende Kaffeemaschine wartet auf ihren Einsatz, bereit, jeden Kundenwunsch zu erfüllen. Die Wanduhr zeigt jetzt fünf vor sieben. Einmal durchatmen. Ich bin gut in der Zeit.

Nennen Sie mich einen Spießer, aber in meinem Salon muss alles stimmen: Hygiene, Timing, Freundlichkeit dem Kunden gegenüber, das Preis- Leistungs-Verhältnis, die Qualität der Reinigungszusätze, selbst der Kaffee – und das aus Liebe zum Detail.

Ich komme gar nicht damit klar, wenn ich irgendwen enttäusche, wenn jemand mit meinem Service Probleme hat; Spezialwünsche werden bei mir immer persönlich und pronto bearbeitet, ebenso wie die Beschwerden: Ich will den zufriedenen Kunden. Ich bin Dienstleister aus Überzeugung.

Das war nicht immer so.

Ganz ehrlich: Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet das Textil­rei­nigungsgewerbe einmal zu meiner Berufung werden würde.

Der Duft von Weichspülern und der Anblick frisch geplätteter Bettwäsche, das Befüllen und Reinigen der Maschinen, das Falten und Bügeln und nicht zuletzt die Gespräche mit meinen manchmal schrägen Kunden sind zu unverzichtbaren Grundnahrungsmitteln meiner Zufriedenheit geworden. Vielleicht sind sie sogar mehr als das: mein Glück, meine Rettung.

Das Plätschern in den Waschtrommeln ist wie sanfte Musik in meinen Ohren, ich hege zärtliche Gefühle für meine Wasch­ma­schinen und denke zum Jahresende ernsthaft darüber nach, was ich meinen fleißigen Helferlein zu Weihnachten schenken soll. Bin ich noch normal?

Vielleicht kommen solche Gefühle erst auf, wenn man in seinem Leben so rastlos unterwegs war, so viel gelebt, probiert und gearbeitet hat. Ich habe mich verdingt als Möbelpacker, Steineaufsammler, Großhandelskaufmann, Samenspender, als Tankwart, Callboy, Topf- und Pfannenspüler, Kellner, Fließbandarbeiter, Krankenpfleger, Salatier, Proband für Psychopharmaka, Waschmittelhersteller, Lizenzgeber meiner eigenen Marke und nicht zuletzt auch als Schauspieler.

Bis heute bin ich sechsundzwanzig Mal umgezogen. Davon zwei­und­zwanzig Mal als Erwachsener und eigenverantwortlich. Zwei­­­und­zwanzig Mal die Kartons ausgepackt und die Möbel zusammen­geschraubt, zweiundzwanzig Mal den ganzen Krempel wieder zusammengerafft und geflohen in eine andere Stadt und vom Glück des Neubeginns beseelt. Und nicht selten habe ich dabei Scherben ­hinterlassen.

Es kann auch sein, dass meine Liebe zu den Waschmaschinen etwas damit zu tun hat, dass mich fünf Frauen aufgezogen haben. Und behütet. Oder manchmal auch nicht. Vielleicht liegt es auch an den neun Schulen, die ich besucht habe. Und oft eben auch nicht besucht habe. Wie auch immer: Ich habe eine Heimat gefunden. Ich bin jetzt stolzer Waschsalonbesitzer, hier in Berlin Moabit.

Wie es dazu gekommen ist? Das ist eine bewegte Geschichte. Herz­lich willkommen in meinem Leben: Freddy Leck ist mein Name.

Jetzt müssen Sie mich kurz entschuldigen, denn es ist Punkt sieben: Zeit, die ersten Kunden zu begrüßen.

Ich nehme den Schlüssel vom Haken, gehe zur gläsernen Ladentür und schließe auf. Draußen warten die ersten Frühaufsteher, es ist April und noch recht frisch um diese Uhrzeit, man sieht den Atem im Morgenlicht.

Ein halbes Dutzend Kunden strömt, bewaffnet mit Tragetaschen und Koffern voller Schmutzwäsche, murmelnd und grüßend an mir vorbei in meinen bescheidenen Salon. Fast alle sind Stammkunden. Da ist das Ehepaar Göllner, die Frau Jilmaz, ein Psycho-Student, der Dieter heißt, und zwei junge Frauen mit Dreadlocks und Rucksäcken, vermutlich Berlin-Touristinnen. Alles besetzt die Maschinen und sortiert die Wäsche. Sechs Leute, das ist nicht schlecht für sieben Uhr in der Früh am Dienstag. Der Dienstag ist, was meinen Laden betrifft, eigentlich einer von den ruhigen Tagen.

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Während meine Kundschaft die Vorbereitungen für den ersten Waschgang trifft, greife ich mir die drei kleinen Rundtischchen, trage sie nach draußen und platziere sie auf dem Bürgersteig, dann kommen die Korbstühle dazu und zum Schluss die Sitzkissen. Auf jedes der drei Tischchen stelle ich einen Alu-Aschenbecher: Fertig ist die Raucheroase.

Von Norden rücken jetzt zwei Stammkundinnen an, Anna und Agatha: Sie rumpeln, jeweils mit Hackenporsche und Ikea-XXL-Einkaufstasche beladen, die Gotzkowskystraße herunter und halten auf meinen Laden zu. Wie immer tragen sie schwere Wollmäntel und darunter diese geblümten Haushaltskittel aus Perlon, weiß der Henker, wo man die heute noch kaufen kann. Und nicht nur was ihren Dresscode betrifft, sind sie die Letzten ihrer Art. Die zwei Schwestern sind nicht mehr die Jüngsten, ich schätze das Duo auf Ü80 und ich ahne, was mir heute wieder blüht: Wenn die beiden Ladys hier auflaufen, dann wird »gekocht«.

Wäsche kochen, das tut heute eigentlich kein Mensch mehr, zumindest nicht im privaten Haushalt. Die Qualität der Waschmittel und die der Maschinen macht es nahezu überflüssig, Hemden, Laken und Handtücher noch bis zum Siedepunkt zu verbrühen. Aber das hat sich bei der Anna und Agatha, beide »Generation Trümmerfrau«, noch nicht herumgesprochen. Im Mitarbeiterjargon heißen die beiden deswegen liebevoll die »Cookie-Sisters«. Auch heute sind sie gut bestückt und ich ahne, was mir bevorsteht. Mit einem freundlichen »Guten Morgen« halte ich ihnen die Tür auf, sie grüßen herzlich zurück und holpern über die Schwelle.

Die beiden Seniorinnen parken die Rollkoffer mitten im Raum, stellen die Riesentragetüten darauf und entledigen sich ihrer Mäntel: Zeit zum Verschnaufen. Sie stemmen die knorrigen Fäuste in die Hüften und halten eine kurze Lagebesprechung ab, Agatha nimmt sich ihr Kopftuch ab, während Anna ihre Brille putzt. Dann haben sie entschieden: Die Maschinen sieben bis elf sollen ihnen heute zu Diensten sein. Ob das in Ordnung ist? Ich gebe mein Okay und schon beginnen sie, die Waschtrommeln beidhändig mit Kochwäsche zu füttern, als seien sie Heizer auf der Titanic und wollten das Blaue Band gewinnen. Während ich mir einen ersten Milchkaffee gönne, beobachte ich ihr emsiges Treiben. Zum Glück haben sie die Sechs verschont. Die braucht erst mal Ruhe heute und dann später eine kleinere Aufgabe, irgendwas Pflegeleichtes.

Die beiden Ladys haben die erste Fuhre Schmutzwäsche in die Chromtrommeln verfrachtet, in weniger als fünf Minuten ist alles sortiert, verladen und startklar, absolute Bestzeit. Beide atmen kurz durch und beginnen dann, die zweite Befüllung vorzusortieren. Frauen aus dem Holz imponieren mir; A&A strahlen diese ungebrochene Tatkraft aus, die den Menschen dieser Generation zu eigen zu sein scheint. Die schaffen es wahrscheinlich locker, einen Hektar Ackerland mit der Hand umzugraben oder in fünfzehn Minuten ein warmes Mittagessen für ein ganzes Krankenhaus zu zaubern. Was sie an Kochwäsche hier reinschleppen, würde allerdings auch für ein mittelgroßes Hospital reichen.

Ich werfe ihnen einen Lächeln zu und riskiere dabei einen unauffälligen Blick auf ihren Wäscheberg: Oh Gott … der ist gigantisch. Im Kopf überschlage ich die Kilozahl: das, was schon in den Trommeln ist, plus dem hier gelagerten Hügel. Ich rechne das in Maschinenladungen­ um und mir wird kurz schwindelig. Ehrlich: Kochwäsche rentiert sich nicht – zumindest nicht für mich. Meine Stromrechnung wird bei der anstehenden 95-Grad-Orgie noch vor der Mittagspause die griechische Staatsverschuldung in den Schatten stellen. Ich muss außerdem damit rechnen, dass mir überforderte Sicherungen die weiße Flagge zeigen, vielleicht bleiben dann andere Maschinen mitten im Schleudern stehen. Ein Kabelbrand im Verteilerkasten wäre die Krönung.

Aber was tut man nicht alles, um seine Kundschaft zu beglücken. Und ein Waschsalon ohne Kochwäsche-Option, das wäre wie eine Tankstelle ohne Superbenzin.

Die beiden Omis haben sich an den Tisch gesetzt und schauen erschöpft und glücklich drein.

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»Wie geht es uns denn so, gesundheitlich alles in Ordnung?«, frage ich meine beiden Köchinnen. Wie ich so vor ihnen stehe in meinem weißen Kittel, komme ich mir vor wie der Stationsarzt auf Visite. »WAS?«, fragt Anna, sich nach vorne beugend. »Wie es dir geht, hat der Herr Leck gefragt. Hast du dein Hörgerät zu Hause gelassen?« Agatha ist die ältere der beiden Schwestern, und sie benimmt sich auch jetzt noch, nach einem knappen Jahrhundert, als müsste sie auf ihre Schwester aufpassen wie auf eine Fünfjährige. Anna kramt derweil in der Seitentasche ihres geblümten Kittels, sie findet den kleinen, schwarzen Kasten, fummelt die Batterien hinein, entknotet dann umständlich den Kabelsalat und stopft sich den bohnenförmigen Hörer hinter das rechte Ohr. Die Hörhilfe hat sicher auch schon ein paar Jahrzehnte auf dem Kerbholz. Ich wiederhole meine Frage. »ACH SO – WIE ES GEHT?«, brüllt Anna jetzt viel zu laut und lächelt mich dazu an. Eine Rückkopplung pfeift ihr durch den Gehörgang und sie sucht nach dem Lautstärkeregler. Agatha greift ihr an das Kabel, das vom Ohr herabbaumelt und dreht das kleine Rädchen herunter. »Ja, sicher, muss. Watt will man machen, Herr Leck. Die Wäsche bleibt ja sonst liegen«, sagt sie mit dem makellosem Strahlen ihrer dritten Zähne.

»Welchen Weichspüler darf ich denn bringen?«

»So watt ist nicht nötig«, sagt Agatha.

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»Der ist bei der Kochwäsche aber inklusive«, gebe ich zu bedenken.

»Ach so, na dann immer rein damit!«, meint Agatha. Wir diskutieren kurz, welche Duftrichtung zum Einsatz kommen soll. Alte Leute stehen auf die klassischen Gerüche; Lavendel zum Beispiel ist besonders bei der Bettwäsche der Renner. Die beiden sind einverstanden.

Ich hole den Wäschezusatz, gieße alles in die Maschinen sieben bis elf und starte sie. Die beiden Ladys packen derweil auf den Tisch, was sie an Entertainment dabeihaben: ein dickes Sudoku-Heft, die »Gala« und eine große Tupperdose mit Apfelspalten. Ich mache den Cookies einen Tee und sehe aus dem Augenwinkel, wie Gisela das Ladenlokal betritt.

Gisela Morini ist eine echte Erscheinung: Sie ist um die fünfzig, vielleicht ist sie auch älter, das ist schwer auszumachen, denn sie achtet sehr auf ihr Äußeres und das ist immer top gestylt. Sie ist groß und elegant, diese Frau hat etwas Mondänes an sich. Heute trägt Madame Morini einen schwarzen Hosenanzug zu hochhackigen Schuhen, die blonde Mähne ist hochgesteckt und an den Ohren baumeln silberne Kreolen in CD-Größe.

Sie muss sich fast bücken, als sie in den Laden stolziert. Nach zwei Schritten bleibt sie unvermittelt stehen – und schaut sich ratlos um wie ein kleines Mädchen, das sich im Wald verlaufen hat.

Lange Zeit war die Morini eine ziemlich erfolgreiche Architektin, bevor sie vor sechs Monaten einen klassischen Burnout hingelegt hat. Ihr Büro um die Ecke hat sie noch, gleich hier im Kiez.

»Guten Morgen, Frau Morini, kann ich irgendwie helfen?«, frage ich.

In ihrer Rechten baumelt der Schlüssel ihres Mini-Cabrios, das ­draußen irgendwo abgeparkt steht, vermutlich im Halteverbot; in der linken Hand hält sie ein winziges Plastiktütchen mit Designerwäsche.

Sie mustert mich fragend, aber nicht unfreundlich. Dann schweift ihr Blick etwas fahrig durchs Geschäft und gerät beim Anblick der Cookies in Stocken. Jetzt legt sich ihre Stirn in Falten, sie lässt Tüte und Schlüsselbund resigniert auf den Tisch fallen und sich selbst auf den Stuhl daneben. Sie ringt um Fassung. Ich weiß Bescheid.

»Wie wärs mit einer Latte macchiato?«, frage ich zur Ablenkung und sie nickt stumm. Ich bastle ihr den Trostkaffee und serviere ihn direkt an den Tisch. Sie probiert ein Danke-schön-Lächeln.

Gisela ist speziell: Sie wäscht nur mit der Sieben. Die Sieben, das ist ihre Maschine. Und wenn die okkupiert ist, so wie jetzt von den ­Kochschwestern, dann setzt bei Gisela irgendwas aus. Sie nimmt das ­regelrecht persönlich. Ich muss das nicht verstehen, das ist schon in Ordnung. Letzten Endes sind alle Kunden verschieden. Und damit kann ich leben.

Ich setze mich zu ihr und mache ihr ein Kompliment zu ihrem flotten Outfit. Sie schlürft derweil einen Schluck der mit Kaffee verschmutzen Milch. Draußen in der Straßenschlucht gibt es jetzt Stunk: Der große, signalorange Truck der Müllabfuhr hängt an Madame Morinis Cabrio fest, die Männer von der Stadtreinigung stehen wild gestikulierend vor dem Mini; der Fahrer macht großzügigen Gebrauch von der LKW-Vuvuzela. Gisela schaut hinaus, löffelt sich seelenruhig Zucker in den Kaffee und nimmt das Spektakel zur Kenntnis, als sei das gar nicht ihr Wagen. Oder ihr Leben. Ich schaue mir das einen Moment an, dann nehme ich mir ungefragt ihren Autoschlüssel vom Tisch, gehe hinaus, beruhige die aufgebrachten Müllkutscher und parke Giselas Mini vorübergehend in der Hofeinfahrt.

Während ich den Schlüssel wieder zurücklege, mache ich ihr das Angebot, ihre Wäsche zu betreuen, damit sie nicht den halben Tag warten muss – alles bis zum Bügeln, Falten und Zusammenlegen, selbstverständlich wird ihre Wäsche heute noch erledigt und wie immer nur mit der Sieben gewaschen. »Service de Luxe« heißt das in meiner Angebotspalette. Sie schaut mich einen Moment an, dann hellen sich ihre Gesichtszüge auf. »Das würden Sie für mich tun?« Ich nicke. Sie legt mir ihre Visitenkarte auf den Tisch. »Ja, bitte. Rufen Sie mich an, wenn alles fertig ist, okay?«

»In Ordnung«, sage ich und sie verlässt mit Riesenschritten den ­Laden.

Ich liebe meine Kunden. Nicht etwa auf die unterwürfige, anbiedernde Art. Ich meine auch nicht die Art von Liebe, die den Kick braucht, die Verführung, den Flirt, das Abenteuer.

Es geht um eine andere Art von Liebe: um diese fürsorglich-zärtliche Art, bei der der Liebende sich vollkommen im Hintergrund hält. So wie der Gärtner seine Gewächse kennt und liebt. Nehmen wir zum Beispiel die Hortensie: Im Topf darf die nie austrocknen. Aber auf Staunässe reagiert sie sehr empfindlich. Das erfordert ein fürsorgliches Händchen. Aber selbst wenn der Gärtner alles richtig macht, wird die Hortensie ihn niemals wahrnehmen: Sie blüht einfach, das ist alles. Und das befriedigt den Gärtner.

So geht es auch mir mit meinen Kunden: Sie erwarten den perfekten Service und den sollen sie auch haben. Dabei gilt die Regel: Je besser der Service, desto weniger falle ich ihnen überhaupt auf. Und dabei ist es erst mal vollkommen gleichgültig, wer als Kunde diesen Laden betritt. Keiner ist wie der andere und das ist gut so.