Gunna Wendt

Maria Callas

Musik ist, was ich am meisten liebe

Romanbiografie

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Impressum

Titel der Originalausgabe: Maria Callas. Musik ist, was ich am meisten liebe. Romanbiografie

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal

Umschlagmotiv: © bpk – Victoria and Albert

Museum, London – Houston Rogers

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book): 978-3-451-80654-4

ISBN (Buch): 978-3-451-06824-9

«Je ähnlicher wir dem Traum werden, den wir von
uns selbst haben, umso authentischer sind wir.»

Pedro Almodóvar, Alles über meine Mutter

Inhalt

VORSPIEL

1. AKT

Marys Kindheit in New York

Aufbruch in die alte Welt

Ein Wunderkind und seine Mütter

Suche nach dem Vater

INTERMEZZO
Es ist nicht genug, eine schöne Stimme zu haben

2. AKT

Väter der Karriere

Violetta, Tosca, Norma

INTERMEZZO
Die Oper ist Frauensache

3. AKT

New Look – ein anderer Blick

J’aime l’art – pas le métier

Griechische Dramen

Paris ist eine Frau

ANHANG

Lebensdaten

Empfehlenswerte CDs, DVDs und Filme

Ausgewählte Literatur

Dank

Bildnachweis

VORSPIEL

Sirmione, Lago di Garda, Juni 2003. Im Palazzo Civico, seit kurzem Palazzo Callas genannt, ist die Ausstellung «Callas sempre Callas!» zu sehen. Damit ehrt die Stadt ihre berühmte Bewohnerin – sie besaß dort zusammen mit ihrem Ehemann Giovanni Battista Meneghini ein Haus – zu ihrem achtzigsten Geburtstag. Das Haus an der Piazza Carducci in der Altstadt leuchtet in sattem Türkis, der Lieblingsfarbe der Sängerin.

Vereinzelte Touristen schlendern durch die Ausstellungsräume, bleiben vor den Vitrinen stehen, betrachten die Exponate: eindrucksvolle Spuren einer beispiellosen Karriere – Plakate, Programmzettel, Fotografien und als Talisman eine Schatulle mit dem Bild der Heiligen Familie. Mir fällt ein großer Fächer aus himbeerroten Straußenfedern ins Auge. Überdimensional, flirrend – sogar hinter Glas scheint er zu vibrieren –, versehen mit dem Hinweis: «‹La Traviata›, Rio de Janeiro, 28. September 1951.»

Von weither ertönt ihre Stimme. Aus der Höhe. Ich folge ihrem Klang. Im dritten Stock ist ein provisorisches Kino eingerichtet. Auf der Leinwand Maria Callas und Tito Gobbi in der berühmten «Tosca»-Inszenierung von Franco Zeffirelli, Covent Garden, London 1964. Der zweite Akt: Toscas Aufschrei der Verzweiflung. Nur für die Kunst habe sie gelebt. Nur für die Liebe. Warum wird das nicht belohnt? Warum drohen ihr nun Erniedrigung, Verrat und Vergewaltigung? Gibt es denn keine Hilfe, keine Rettung? Nicht nur ihrem Peiniger Scarpia scheint ihre Anklage zu gelten, sondern der ganzen Welt.

Ich setze mich in die letzte Reihe. Ein Paar betritt den Raum, seriös gekleidet, Einkaufstaschen mit sich tragend, so als hätten sie nach der Arbeit noch gemeinsam Besorgungen gemacht. Plötzlich löst sich der Mann von seiner Begleiterin und lässt sich in einer der vorderen Reihen nieder. Sie ist überrascht, will ihn zurückhalten, aber er reagiert nicht. Sein Blick ist auf die Leinwand fixiert. Nichts anderes scheint ihn mehr zu erreichen. Und dann beginnt er plötzlich zu schluchzen. Die Frau drängt sich neben ihn, aber er wehrt sie mit entschlossener Geste ab, ohne seine Augen von der Leinwand zu lösen. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich in einiger Entfernung von ihm hinzusetzen und zu warten.

«Es werden so viele unsinnig geweint, aber die Tränen, die der Callas gegolten – sie waren so sinnlos nicht. Sie war das letzte Märchen, die letzte Wirklichkeit, deren ein Zuhörer hofft teilhaftig zu werden.» Das schrieb Ingeborg Bachmann in ihrer berühmten Hommage an Maria Callas. Darin versucht sie, das Unbegreifliche in Worte zu fassen: Die Erfahrung, dass die Zuhörer mit allen Sinnen in das Ereignis hineingezogen werden, das die Sängerin ihrem Publikum schenkte. Nicht nur die Zuschauer waren überwältigt, sondern auch ihre Kollegen. Der 2005 verstorbene Dirigent Carlo Maria Giulini berichtete von der Zusammenarbeit mit der Callas bei «La Traviata» an der Mailänder Scala im Mai 1955: «Mich überfiel, wann immer ich diese Produktion dirigierte, stets dieselbe Empfindung – über zwanzigmal in zwei Spielzeiten. Für mich begab sich die Wirklichkeit auf die Bühne. Was hinter mir war, das Publikum, das Auditorium, die Scala selbst, all das schien mir künstlich. Nur das, was auf der Bühne atmete, war Wahrheit – war das Leben selbst.»

Drei Jahre vorher hatte der amerikanische Kritiker Newell Jenkins über die Geschehnisse während und nach der Aufführung von «I Puritani» in Florenz gestaunt: «Am Ende jedes Aktes begab sich etwas ganz und gar Außergewöhnliches. Das Publikum rief, trampelte mit den Füßen oder stürmte nach vorn, um für Miss Callas Vorhang um Vorhang zu erzwingen. Das Orchester stand im Graben und applaudierte nicht weniger stürmisch als das Publikum.»

Maria Callas feierte ihre größten Triumphe in den 1950er-Jahren an den großen Opernhäusern der Welt, allen voran an der Mailänder Scala. Sie wurde Diva divina und Diva assoluta genannt. Eine Zeit lang galt sie sogar als berühmteste Frau der Welt. Die Medien berichteten allerdings nicht nur über ihre künstlerische Arbeit, sondern vor allem über die Begleitumstände ihrer Auftritte – spektakuläre Absagen, Prozesse, Rivalitäten – und über ihr Privatleben. Schon lange bevor ihre Beziehung zu dem griechischen Reeder Onassis die Klatschspalten füllte, war sie als erfolgreiche und selbstbewusste Künstlerin zunächst misstrauisch beäugt und dann regelrecht niedergeschrieben worden. Kein anderer egozentrischer Bühnen- oder Filmstar dieser Epoche – weder Marilyn Monroe noch Elizabeth Taylor – zog in solch infamer Weise die Ablehnung einer großen Öffentlichkeit auf sich. Noch heute ist das unverständlich. Warum sollte das Unbegreifliche mit aller Macht entzaubert werden? Warum war die Vollkommenheit so unerträglich, dass sie demaskiert werden musste?

Vielleicht ist die Antwort ganz einfach: Man wollte einer Frau nicht zugestehen, dass sie unbeirrbar ihren eigenen Weg ging und sich zu einer der größten Künstlerinnen aller Zeiten entwickelte, die Kunst und Leben identisch werden ließ. So etwas durfte es nicht geben. Jedenfalls nicht ungestraft. Die Frage nach dem Preis dieser Karriere wurde von der Presse aggressiv in den Vordergrund gerückt. Erst nach ihrem Tod änderte sich der Ton: Nun versuchte man Maria Callas rückblickend als Opfer zu sehen, stilisierte sie bis ins letzte Klischee zur tragischen Diva, die sich für die Kunst geopfert hatte und darüber hinaus von den ihr nahestehenden Menschen ausgebeutet wurde.

Gab es ihn wirklich bei Maria Callas, den unlösbaren Konflikt zwischen der Künstlerin und der Privatperson, der Frau? Oder bestand das Außerordentliche ihrer Existenz gerade darin, dass sie einen Weg für sich erfand, diese beiden Aspekte miteinander zu versöhnen?

Maria Callas hat von sich gesagt, sie empfinde sich als zwei Personen, als Maria und die Callas. Maria – ganz am Anfang in Amerika hieß sie Mary – war zuerst da: munter, pummelig und neugierig auf das Leben. Ein junges Mädchen, das irgendwann merkte, dass es singen konnte. Mit dieser Entdeckung wurde die Callas geboren. Nachdem sie die ersten Töne angeschlagen hatte, war sie untrennbar mit der Musik verbunden – eine Liaison, die sie nie enttäuscht und nie gelangweilt hat, die allerdings auch keine Nebenbuhler duldete. Der Musik wurde von Anfang an alles andere untergeordnet, sogar die Liebe. Oder anders gesagt: Die Musik war ihre einzige große Liebe. Sie erforderte eine extreme Disziplin, in persönlicher und auch körperlicher Hinsicht. Ein neuer Typus wurde kreiert: die Neuschöpfung als schlanke, dreißig Kilo leichtere, elegante Primadonna, die sich wie Audrey Hepburn kleidete und frisierte. Das gab ihr Sicherheit und ermöglichte ihr endlich, die Opern, die ihr am Herzen lagen, noch authentischer zu gestalten. Der Abstand zwischen Maria und der Callas hatte sich dadurch verringert, es blieb jedoch eine der Hauptanstrengungen ihres Lebens, diese beiden Teile ihrer Persönlichkeit zusammenzuhalten – oder zumindest darauf zu achten, dass sie sich nicht zu weit voneinander entfernten. Bühnenrollen wurden zu Hilfsmitteln: So konnten sich Maria und die Callas zum Beispiel in den Rollen der Norma, Tosca, Violetta und der Medea nahe kommen. In ganz besonderen Momenten waren sie deckungsgleich. So entstanden die großen Opernereignisse, die ihr den legendären Ruf einer Bühnengöttin einbrachten. Denn sie war wohl die erste große Sängerin, die ihre Rollen nicht nur mit stimmlichen Mitteln, sondern auch mit ihrem Körper darstellte. Und so gibt es diese unglaublich intensiven Momente, in denen sie, noch bevor der erste Ton erklingt, in ihrer Mimik und Gestik bereits alles vorwegnimmt, was sich in den nächsten Minuten und Stunden auf der Bühne ereignen wird. Alles ist längst in ihr und drängt nach seiner Entfaltung.

Viele Jahre ihres Lebens war die Musik, der Gesang, die Kunst ihre große Liebe. Die Männer, mit denen sie enge – erotische und kreative – Beziehungen einging, akzeptierten diese Tatsache bereitwillig. Ihr Ehemann Giovanni Battista Meneghini bot ihr den notwendigen Rückhalt, um ihre Karriere auf- und auszubauen. Die Regisseure Franco Zeffirelli, Luchino Visconti, Pier Paolo Pasolini, die Dirigenten Tullio Serafin, Carlo Maria Giulini und der Gesangspartner Giuseppe di Stefano gingen vor allem eine künstlerische Verbindung mit ihr ein. Gemeinsam mit ihr schufen sie Werke für die Bühne oder die Leinwand.

Maria Callas hat ihr Leben mit unvorstellbarem Perfektionsdrang selbst gestaltet und inszeniert. Im Vordergrund standen die beiden Protagonistinnen Maria und die Callas, begleitet von männlichen Nebenfiguren. Diese Anordnung blieb in ihrer Struktur und Dramaturgie immer ähnlich – bis schließlich einer kam, der sich nicht mit einer Nebenrolle begnügte und für den die Kunst niemals Liebesobjekt sein konnte: Aristoteles Onassis. Er verliebte sich in die Callas und nahm Maria in Kauf. Für ihn war die Callas eine Berühmtheit, die ihn faszinierte und mit der er sich schmücken konnte. Als notorischer Eroberer ging es ihm vor allem um attraktive Besitztümer. Das war Maria Callas zweifellos. Von seiner Fähigkeit, sie anzubeten, war sie geblendet. Und da er nichts von der Oper verstand, glaubte sie, es ginge ihm bei seiner Werbung um sie selbst, um Maria. Sie fühlte sich als Frau begehrt und entwickelte daraus für ihre Arbeit eine neue künstlerische Qualität. Die Aufnahmen aus der ersten Zeit ihrer Liebe zu Onassis strahlen eine fast übernatürliche erotische Energie aus. Ihr Gesicht, ihr Körper, ihre Stimme vibrieren in ungeschützter Leidenschaft. Hier scheint sich nun die Geschichte Medeas zu wiederholen: Medea, die Zauberin, deren magische Kräfte am Anfang ihrer Liebe zu Jason ins Unendliche wachsen. Sie geht verschwenderisch mit ihnen um. Die Liebe macht sie mutig. Aus Mut wird Übermut. Der lässt sie beinahe vergessen, dass jede Begabung und jedes Talent der Pflege und Fürsorge bedarf. Vor allem der eigenen. Die disziplinierte und achtsame Sängerin Maria Callas entzieht ihrer Stimme einen Teil ihrer Aufmerksamkeit und riskiert, dass ihr deren Zauberkraft entgleitet. Wie lange wird sie es aushalten, so über ihre Verhältnisse zu leben? Oder hatten sich die Prioritäten für sie längst verschoben? War sie bereits an einem Punkt angelangt, an dem die Off-Stage-Inszenierung ihres Lebens für sie viel wichtiger geworden war als jegliches Bühnengeschehen? Ging es inzwischen darum, ihr gesamtes Leben als Kunstwerk zu gestalten?

Ihre Rolle als große Tragödin verlagerte Maria Callas von der Bühne in den Alltag. Die berühmteste griechische Frau des zwanzigsten Jahrhunderts ging eine Liebesbeziehung ein mit dem berühmtesten griechischen Mann. Eine antike Tragödie der Neuzeit schien unaufhaltsam vorprogrammiert. Alle Augen waren gespannt darauf gerichtet, und dabei bemerkte niemand, dass dieses Stück zumindest teilweise von seiner Protagonistin selbst erfunden und inszeniert worden war. Das Publikum und die Medien waren wieder einmal ihrer Verführung erlegen, oder anders gesagt: Sie waren ebenso Maria als auch der Callas auf den Leim gegangen.

1. AKT

MARYS KINDHEIT IN NEW YORK

Anfang Dezember 1923 setzten bei Evangelia Kalogeropoulos die Wehen ein. Sie wurde ins New Yorker Flower Hospital gebracht. Die Geburt verlief ohne Komplikationen, und so hielt sie bald ein gesundes, schwarzhaariges, großes, ungewöhnlich schweres Baby im Arm, das nur einen einzigen Fehler hatte: Es war ein Mädchen. Damit hatte Evangelia nicht gerechnet und reagierte mit Enttäuschung und Ablehnung. Erst nach vier Tagen, so berichtet sie selbst in ihrem Buch My Daughter Maria Callas, habe sie sich dazu durchringen können, das Kind überhaupt anzuschauen. Doch die großen dunklen Augen des Babys, die sie um Liebe zu bitten schienen, hätten dann den Bann gebrochen, und sie habe sich ihrer Tochter Maria zuwenden können.

Maria Callas wurde am 3. Dezember 1923 als drittes Kind von Evangelia und Georges Kalogeropoulos in New York geboren. Der genaue Geburtstermin sorgte später für Verwirrung, denn es waren verschiedene Daten im Umlauf: Die Mutter gab den 4. Dezember an, in der Schule wurde der 3. Dezember eingetragen. Maria selbst feierte ihren Geburtstag immer am 2. Dezember. Auch ihr Taufpate, Leonidas Lantzounis, der bei ihrer Geburt im Krankenhaus anwesend war, nannte dieses Datum. Evangelia sagte, Maria sei während eines heftigen Sturms geboren – eine Tatsache, der sie im Nachhinein Symbolkraft zugeschrieben habe, schließlich sei ihre Tochter mit ihrem Gesang und ihrer Persönlichkeit ihr Leben lang eine Quelle von Stürmen gewesen.

Wenige Monate vor Marias Geburt waren ihre Eltern mit ihrer ältesten Tochter Iacinthy, genannt Jackie, von Griechenland nach Amerika ausgewandert. Kurz davor war ihr zweijähriger Sohn Vasily gestorben – eine schreckliche Tragödie für die Familie. Die Mutter wünschte sich nun nichts sehnlicher als einen neuen Sohn und zog ein anderes Geschlecht des Kindes, das sie erwartete, gar nicht erst in Erwägung. Sie hatte ihren Mann extra zu einem Astrologen gesandt, um die günstigste Sternenkonstellation für die Zeugung eines Jungen zu berechnen. In der Schwangerschaft nähte sie in freudiger Erwartung schon lauter blaue Wäsche und Kleidung. Sogar das Kinderzimmer strich sie blau an.

Auf den Namen der Tochter konnten sich die Eltern zunächst nicht einigen: Evangelia lehnte Cecilia, den Vorschlag ihres Mannes, sofort ab und plädierte für Sophia. Maria war schließlich der Kompromiss, aber es sollte nicht wie üblich ein halbes, sondern drei Jahre dauern, bis das Kind in der griechisch-orthodoxen Kirche von Manhattan getauft wurde: auf den Namen Cecilia Sophia Anna Maria. In der Familie wurde sie Mary gerufen. Den Familiennamen Callas hatte Georges Kalogeropoulos aus praktischen Gründen gewählt. Verkürzungen des komplizierten ursprünglichen Namens waren damals nach amerikanischem Recht unproblematisch.

Offensichtlich hat die Trauer der Mutter um den verstorbenen Sohn die ersten Jahre von Marys Kindheit bestimmt. Das Thema war in der Familie zwar tabu, dadurch jedoch unterschwellig umso mächtiger wirksam. Die Legende des klugen, schönen Bruders, auf den die Mutter alle Hoffnungen gesetzt hatte, schwebte immer über Mary. Irgendwann erzählte ihr ihre Schwester Jackie von der Tragödie um Vasily, diesem Menschen, mit dem sie nur durch einen ständigen Vergleich verbunden war, den sie automatisch immer verlieren musste. Auch den Vergleich mit der Schwester verlor sie, aber das war etwas anderes: Jackie war sechs Jahre älter als sie und daher naturgemäß klüger, vernünftiger und somit überlegen.

Anders war es mit der Schönheit. Maria Callas schilderte ihre Schwester rückblickend als ein sehr hübsches Mädchen, wohingegen sie selbst unansehnlich und dick gewesen sei. Das Gesicht voller Pickel – und kurzsichtig obendrein. Sie musste sich wie ein hässliches Entlein vorgekommen sein. Und sie war nie ein richtiges Kind, sondern schon immer ernst, früh erwachsen und von Natur aus unglücklich. Auch einsam, denn sie hatte keine gleichaltrigen Freunde in New York. Die wenigen Bilder aus Marys Kindheit und früher Jugend bestätigen diese Einschätzung jedoch nicht. Als Kleinkind wirkt Mary niedlich und eigenwillig, mit acht, neun Jahren aufgeschossen, schlank, mit markanten Zügen. Jackie sieht zwar auf allen Bildern lieblicher und feiner aus, aber Mary strahlt Energie und Eigensinn aus. Vielleicht gehört die nachträgliche eigene Herabsetzung also bereits zur Stilisierung ihrer Person.

Natürlich ist die Selbsteinschätzung eines Kindes auch stark von der Reaktion der anderen abhängig. Von ihrer Mutter erfuhr Mary kaum Anerkennung, schon deshalb, weil diese mit ganz anderen Dingen beschäftigt war: dem Tod ihres Sohnes, dem Heimweh nach Griechenland, dem Neuanfang in Amerika. Und über allem schwebte die bittere Erkenntnis, dass es ein großer Fehler gewesen war, Georges zu heiraten.

Marys Eltern waren in ihrer Ehe nicht sehr lange glücklich gewesen. Sie hatten im August 1916 geheiratet, ein Jahr nachdem sie sich in Athen kennen gelernt hatten. Evangelia, geborene Dimitroadou, war zu diesem Zeitpunkt siebzehn Jahre alt, ein hübsches blondes Mädchen. Georges war fast fünfzehn Jahre älter, ein besonders gut aussehender Mann, der sich seiner Wirkung auf Frauen bewusst war. Nicht nur Evangelias Attraktivität hatte ihn angezogen, sondern auch die Tatsache, dass sie aus einer angesehenen und wohlhabenden Familie stammte. Ihr Vater war Armeeoffizier. Musik und Literatur spielten eine wichtige Rolle in dem großen Haushalt. Evangelia hatte zehn Geschwister, die alle gern sangen und musizierten. In ihren Schilderungen hat Evangelia das später immer wieder stark betont, in der Absicht, Marias Talent auf ihre eigene Familie zurückzuführen.

Georges Kalogeropoulos war zum Zeitpunkt der Hochzeit knapp über dreißig. Er kam aus bäuerlichen Verhältnissen, hatte aber an der Universität von Athen Pharmazie studiert. Das war der einzige Grund für Evangelias Vater, dem die Herkunft seines Schwiegersohns zunächst nicht standesgemäß erschien, schließlich doch der Hochzeit zuzustimmen. Widerwillig und nicht ohne seiner Tochter zu prophezeien, sie werde mit diesem Mann niemals glücklich werden. Die sture Evangelia bestärkte dies jedoch nur noch in ihrer Entscheidung. Der Vater erlebte die Hochzeit allerdings nicht mehr – er starb zwei Wochen vorher an einem Schlaganfall.

Wahrscheinlich stammte aus dieser Zeit Evangelias permanentes Überlegenheitsgefühl. Später würde sie Georges seine bäuerliche Herkunft immer wieder vorwerfen und gleichzeitig auf ihren eigenen kultivierten familiären Hintergrund verweisen. Nach der Hochzeit ließ sich das junge Paar erst einmal in Meligala nieder, einer lebendigen Kleinstadt auf dem Peloponnes. Georges eröffnete eine Apotheke und begann schon bald, sein eigenes Leben zu führen. Er war viel unterwegs, umgab sich gern mit anderen Frauen und kam oft spät nach Hause. Schon nach einem halben Jahr, so gestand Evangelia später ihren Töchtern, habe sie erkannt, dass ihr Vater damals Recht gehabt hatte mit seiner pessimistischen Prophezeiung. Georges war ein Schürzenjäger par excellence. Trotzdem wollte Evangelia durchhalten und eine gute Ehefrau und Mutter sein. Die äußeren Bedingungen stimmten, das war nicht unwichtig für sie. Sie lebten in einem großen Haus mit Koch, Hausmädchen und diversen Bediensteten. 1917 wurde Iacinthy geboren, 1920 kam Vasily zur Welt, der 1922 an einer Gehirnhautentzündung starb. Von diesem furchtbaren Schlag erholten sich die Eltern nie mehr richtig. Jeder flüchtete sich in eine Rolle, die Trost und Sicherheit versprach. Georges ging in seinem Berufsleben auf, und Evangelia entwickelte sich zur herrschsüchtigen Hausfrau.

Eines Tages entschloss sich Georges zu einem Schritt, der allen unverständlich erscheinen musste: Er entschied, das Geschäft aufzugeben und nach Amerika auszuwandern. Angeblich – so seine Frau später – eine völlig willkürliche Entscheidung, ohne Diskussionen und Vorgespräche. Er stellte seine Familie vor vollendete Tatsachen, nachdem er sein Geschäft schon verkauft und die Fahrkarten für die Überfahrt bereits gebucht hatte. Das war im Juni 1923, und die Reise sollte Mitte Juli stattfinden. Dieser Willkürakt löste bei seiner überrumpelten Frau einen hysterischen Anfall aus. Sie warf ihm vor, nur ein Mensch ohne Kultur und Erziehung könne sich so verhalten, denn für sein Vorgehen war überhaupt kein nachvollziehbarer Grund erkennbar. Das Geschäft florierte, zumindest finanziell ging es der Familie gut.

Warum plante er gerade jetzt einen Neuanfang in der Neuen Welt? Der Tod seines kleinen Sohnes hatte ihn zweifellos schwer getroffen. Und von den Ratschlägen der Familie seiner Frau hatte er mehr als genug. Der griechische Familienzusammenhalt bedeutete zwar einerseits Geborgenheit, aber andererseits eben auch Einmischung und Bevormundung. In diesem Fall redeten viele Frauen mit. Wenn er seinen Entschluss auszuwandern frühzeitig zur Diskussion gestellt hätte, hätte seine Frau all ihre Geschwister mit in den Entscheidungsprozess einbezogen. Sie wollte ohnehin ihren Lieblingsbruder, den damals achtzehnjährigen Efthemios, nach New York mitnehmen, aber das erlaubte ihre Mutter nicht.

Das Leben in Amerika war für Georges damals gleichbedeutend mit der Existenz des Selfmademan, bei dem nur der starke Wille und der unmittelbare eigene Einsatz zählten. Trotzdem war seine Entscheidung irritierend, denn gerade er war nicht besonders ehrgeizig und strebsam, sondern ließ die Dinge eher unbekümmert auf sich zukommen. Im Hintergrund seines Entschlusses zur beinahe fluchtartigen Auswanderung schlummerte jedoch möglicherweise ein anderer Grund. Man munkelte, er wolle auf diese Weise eine Affäre, die zu einer Schwangerschaft geführt hatte, beenden.

Das Risiko, das die Auswanderung bedeutete, nahm Georges in Kauf. Sein Freund Lantzounis, ein Orthopäde und Chirurg, der kurze Zeit zuvor nach New York gegangen war, riet ihm energisch ab. Er war sich sicher, dass Georges nicht in die amerikanische Welt passte. Schließlich waren er und seine Familie einen gewissen Komfort wie ein großes Haus mit Dienstboten gewohnt.

Lantzounis sollte mit seiner Warnung Recht behalten, denn in der Großstadt New York verhielt sich Georges dann weiterhin so, als wäre er der wohlhabende und angesehene Kleinstadt-Apotheker und gab viel zu viel Geld aus. Außerdem brauchte Georges lange, mindestens fünf Jahre, bis er die neue Sprache so gut beherrschte, dass er die Prüfung als Pharmakologe ablegen konnte, die Voraussetzung für eine Apothekerlizenz. Er arbeitete zunächst als Angestellter bei einem Apotheker in Astoria im Stadtteil Queens, wo damals viele Griechen lebten. Zusätzlich gab er abends Griechischunterricht.

Auch Evangelia konnte sich nur schwer daran gewöhnen, in New York von einem relativ bescheidenen Gehalt zu leben. Sie fühlte sich als etwas Besseres, und die griechische Nachbarschaft in Queens war nicht der Umgang, den sie sich für ihre Familie wünschte. Also vermied sie lieber jeden neuen Kontakt. Von Anfang an wurden ihre beiden Töchter so erzogen, wie es für griechische Auswandererfamilien typisch war: überbehütet und streng. Der neuen Umgebung, dem neuen Land stand man mit Misstrauen gegenüber. Im Zweifelsfall war Zurückhaltung die sicherste Verhaltensweise – auch auf die Gefahr der Isolation hin. Für die Kinder war das besonders schwierig. Aus Iacinthy war Jackie geworden. Man hatte sie aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen und in eine völlig fremde Welt gebracht. Mary dagegen wurde ins amerikanische Leben hineingeboren. Sie wuchs im Schutz ihrer großen Schwester auf, die sich liebevoll um sie kümmerte und ihr Bücher in der für sie selbst neuen Sprache vorlas: Goldilocks and the three Bears und Little red riding Hood. Mary liebte Kinderreime wie den von «Little Polly Flinders, who sat among the cinders». Verse wie «Her mother came and caught her, / And whipped her little daughter / For spoiling her nice new clothes» deklamierte sie mit großem Spaß. Und Jackie war lange Zeit die Einzige, die ihr die Welt, die sie umgab, erklären konnte.

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Evangelia und Georges Kalogeropoulos mit ihren Kindern Maria (links) und Iacinthy in New York, 1926.

An einem Julitag im Jahr 1928 geschah etwas, was dem Leben der Familie beinahe eine zweite große Tragödie zugefügt hätte: Mary wurde von einem Auto angefahren. Sie war mit ihren Eltern unterwegs, um Jackie von der Schule abzuholen. Als sie die Schwester auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdeckte, freute sie sich so sehr, dass sie sich von der Mutter losriss und zu ihr rannte, ohne auf das Auto zu achten, das die Straße entlangkam. Der Fahrer konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen, Mary wurde vor den Augen der vor Schreck erstarrten Eltern und der entsetzten Schwester einige Meter mitgeschleift. Man brachte das bewusstlose Kind ins Saint Elizabeth’s Hospital in der Fort Washington Avenue. Wie lange sie dort blieb, ist nicht bekannt, aber es heißt, sie sei danach verändert gewesen, nicht mehr so unbekümmert fröhlich und lustig, sondern oft nervös und schlecht gelaunt, leicht aufbrausend, manchmal niedergeschlagen und verdrießlich. Maria Callas sagte dazu viele Jahre später, sie erinnere sich an die Tage im Krankenhaus ziemlich genau als an eine eigenartige Zeit. Sie habe Fieber gehabt, sei nicht bei klarem Bewusstsein gewesen und habe in diesem Dämmerzustand Musik gehört, fremde Klänge, verwirrend und anziehend zugleich. Sie konnte sich deren Herkunft nicht erklären. Die Eltern, die schon ein Kind verloren hatten, bangten um ihre Tochter. Sogar in der Zeitung wurde damals über den Autounfall der «Lucky Maria» berichtet. Zwölf Tage sei sie ohne Bewusstsein gewesen und in der Klinik schon als hoffnungsloser Fall betrachtet worden. Glücklicherweise erholte sich Mary jedoch bald. Aber der Unfall war dennoch ein früher Schock für sie gewesen und ein dramatischer Hinweis darauf, wie nahe Leben und Tod beieinander liegen. Vielleicht führte er im Fall von Mary auch zu dem unkindlichen Ernst, den man ihr schon früh attestierte. Das Leben war eben ernst, und man konnte es von einer Sekunde auf die andere verlieren. Daher brauchte sie die größtmögliche Kontrolle über ihre so beängstigend unsichere Existenz. Kontrolle wurde zu einem Schlüsselbegriff in ihrem Leben. In der Musik war sie deshalb gut aufgehoben; denn auch eine noch so komplexe Partitur bleibt immer klar strukturiert. Das würde ihr Weg sein. Ein Weg, der ihr Halt und Orientierung geben konnte.

Die Ersparnisse, die Georges und Evangelia aus Griechenland mitgebracht hatten, waren bald aufgebraucht, genau wie es Leonidas Lantzounis vorhergesehen hatte. Der Freund stand ihnen jedoch weiterhin unterstützend und hilfsbereit zur Seite und lieh Georges Geld für einen eigenen Drugstore. Die «Splendid Pharmacy» wurde im Juni 1929 in der Ninth Avenue eröffnet, einer Gegend, die wegen der vielen griechischen Einwanderer abfällig «Hell’s Kitchen» genannt wurde.

Kurz darauf fuhr Evangelia mit ihren Töchtern in den Urlaub. Eine ihrer ausgewanderten Cousinen hatte sie zu sich nach Florida eingeladen, wo sie mit ihrem Mann in luxuriösen Verhältnissen lebte. Schon die lange Reise mit dem Zug in den Süden war für die Kinder ein Abenteuer. Der Vater blieb zu Hause, weil er sein Geschäft so kurz nach der Eröffnung nicht allein lassen konnte.

In Tarpon Springs konnte Evangelia endlich wieder ihre Lieblingsrolle spielen – die Grande Dame. Sie ließ ihre Töchter weitgehend in Ruhe, und so verbrachten Jackie und Mary eine entspannte Zeit am Strand mit ihren Cousins und Cousinen, drei Jungen und einem Mädchen. Es waren vielleicht die ersten Erfahrungen mit Spielkameraden. Immer wieder hat Maria Callas von diesem wundervollen Urlaub berichtet, in dem nichts Spektakuläres oder Ungewöhnliches geschah, aber alles hat sie sehr beeindruckt: die Landschaft, die Sonne, das Meer, der Sand. Ein Ausblick auf das, was Leben auch sein kann. Sie hat es tief in sich aufgenommen und von dieser frühen Erfahrung lange gezehrt. Jackie, damals zwölf Jahre alt, erinnerte sich später daran, dass sie ihre Schwester noch nie so glücklich und unbeschwert gesehen hatte – und auch später nicht mehr sah.

Der Urlaub schien im Rückblick wahrscheinlich auch deshalb so wunderbar, weil danach eine sehr angespannte und zermürbende Zeit begann: Nur ein halbes Jahr lang war der Vater mit seinem Drugstore erfolgreich gewesen, als Wirtschaftskrise und Börsenkrach ihre Wirkung zeitigten. Die finanzielle Situation seines Geschäfts verschlechterte sich rapide, aber zu Hause versuchte er, die Misere herunterzuspielen, was ihm jedoch nicht lange glückte.

Wenn die Differenzen der Eltern nicht offen ausgetragen wurden, so schwelten sie dennoch unter der Oberfläche. Eines Tages kam es zur Eskalation. Der Anlass war banal: Evangelia half ihrem Mann im Drugstore beim Kassieren. Ein Kunde bedankte sich bei ihr mit einem charmanten Kompliment, was bei Georges zu einer Eifersuchtsreaktion führte. Er wies seine Frau zurecht, und das brachte für Evangelia das Fass zum Überlaufen: Die Worte des Kunden waren in keiner Weise anzüglich gewesen, und sie hatte sich darüber gefreut. Wie konnte es sich ein notorischer Frauenheld wie Georges erlauben, sie in einer solchen Weise zu maßregeln? Es war für sie so schlimm, dass sie sich immer mehr in ihre Wut hineinsteigerte, einen Nervenzusammenbruch erlitt und eine Überdosis Tabletten schluckte. Als die Kinder aus der Schule kamen, mussten sie mit ansehen, wie der Rettungswagen ihre Mutter ins Krankenhaus brachte. Die Folge: ein einmonatiger Klinikaufenthalt, aber glücklicherweise keine Anklage. Denn nach der damaligen Rechtslage in Amerika wurden Suizidversuche mit Gefängnis bestraft. Doch es gelang Georges, wahrscheinlich mit Hilfe seines Freundes Lantzounis, die Angelegenheit als Unfall darzustellen. Es war ein «Unfall» mit weit reichenden Folgen: Die Beziehung von Evangelia und Georges war danach endgültig und unrettbar zerstört. Jackie berichtete, die Eltern hätten von diesem Zeitpunkt an wie zwei Fremde unter einem Dach gelebt. Auf ihre Kindheitsjahre in Amerika zurückblickend, zog sie später das bittere Fazit: Sie sei in der Schule glücklich, zu Hause jedoch unglücklich gewesen.

Wahrscheinlich war Georges gar nicht so betrübt darüber, dass sein Geschäft Bankrott machte, denn das gab ihm die Gelegenheit, als Vertreter eines Pharma-Großhandels durchs Land zu reisen. Es ersparte ihm die unschönen häuslichen Szenen – dramatische Ausbrüche, auf die er gern verzichtete. Evangelia nutzte seine Abwesenheit, um ihn bei ihren Töchtern schlecht zu machen und seine Unfähigkeit zu beklagen. Selbst für den Börsenkrach hätte sie ihn am liebsten verantwortlich gemacht. Trotzdem blieb die Familie offiziell und formell zusammen.

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Mary und Jackie 1934 mit einem Freund in New York.

Georges’ Initiative und Ideenreichtum waren grenzenlos. Er entwickelte ein Mittel zur Behandlung von Zahnfleischerkrankungen und vertrieb es auf seinen Vertreterreisen. Mit diesem Zusatzgeschäft konnte die Familie, die zwischenzeitlich auf billigere Wohnungen, die selten mehr als zwei Zimmer hatten, ausweichen musste, 1932 wieder in eine angesehenere Gegend ziehen: 157. Straße West, Washington Heights. Das gefiel Evangelia, obwohl es einen erneuten Umzug erforderlich machte. Ob es den Kindern gefiel, wurde nicht gefragt. Aber es hatte zur Folge, dass die kleine Mary im Alter von acht Jahren bereits fünf verschiedene Schulen besucht hatte. Wenn sie wieder eine neue Klasse betrat, die Augen des Lehrers und der Schüler auf sich gerichtet sah, dann war das fast schon eine Vorbereitung auf ihre späteren Bühnenauftritte. Früh entwickelte sie eine gewisse Routine im Überstehen von «Prüfungssituationen» dieser Art und lernte, wie sie sich selbst schützen musste, um das Begutachtetwerden zu überstehen.

Auf ihre schulischen Leistungen hatten die Umzüge kaum Auswirkungen. Sie war ein fleißiges, intelligentes Kind, das wegen seiner starken Kurzsichtigkeit immer in einer der ersten Reihen sitzen musste. Sie gehörte fast immer zu den Klassenbesten, doch konnte sie natürlich nirgendwo richtig Fuß fassen, geschweige denn eine längere Freundschaft mit Schulkameraden aufbauen. Ihre sozialen Kontakte ergaben sich eher zufällig und waren nicht zuletzt von den Launen ihrer Mutter abhängig, die den Umgang ihrer Töchter streng überwachte. Mary war oft allein und einsam und machte aus der Not schließlich eine Tugend. Denn sie hatte seit einiger Zeit etwas entdeckt, das ihr nicht nur Spaß machte, sondern ihr ein ganz eigenes Gefühl der Erfüllung gab: die Musik.

Wo und wann Maria Callas’ besondere Begabung erkannt wurde, darüber gibt es zahlreiche sich widersprechende Legenden, gerade später gern von ihr selbst erzählt. Und im Nachhinein erscheinen kindliche Verhaltensweisen von berühmten Menschen manchmal wie frühe Orakel. Ereignisse, Begebenheiten, die normalerweise schnell vergessen worden wären, erlangen plötzlich eine besondere Bedeutung. Das schon als Kleinkind geträllerte Liedchen, die erstaunlich frühe Aufmerksamkeit für ein musikalisches Ereignis im Radio werden naturgemäß anders interpretiert, wenn man weiß, dass es sich um das Leben einer Primadonna handelt. Da wir Maria Callas’ Kindheitsgeschichte nur aus der Rückschau verschiedener mehr oder weniger nah beteiligter Menschen kennen – sie selbst eingeschlossen –, ist die jeweilige Interpretation bereits immer darin enthalten. Maria Callas sagte, sie habe von ihrem Vater oft gehört, dass sie schon als kleines Mädchen gesungen habe, fast noch in der Wiege – und zwar in einer für ein Kleinkind ungewöhnlichen Weise. Sogar die Nachbarn hätten aufgehorcht. Mal heißt es sogar, sie sei schon als ganz kleines Kind musikalisch sehr anspruchsvoll gewesen und habe statt der einfachen griechischen Volksweisen, die ihr Vater so mochte, da sie ihn an zu Hause erinnerten, lieber Opernmusik hören wollen. Das dürfte allerdings eher die Wünsche ihrer Mutter widerspiegeln. Diese antwortete später in einem Interview auf die Frage, wann sie Marys besondere Begabung erkannt habe, ohne zu zögern: mit drei Jahren. In ihrem Buch spricht sie hingegen davon, dass es erst die zehnjährige Mary war, deren Stimme ihr bemerkenswert erschien.

Tatsache ist, dass die Mutter eine musikalische Erziehung ihrer Kinder für wichtig erachtete. Nachdem sie sich ganz von ihrem Mann abgewandt hatte, konzentrierte sie sich beinahe ausschließlich auf ihre Töchter. Und als sie entdeckte, dass ihnen das Musizieren Freude bereitete, hatte auch sie plötzlich eine Aufgabe: Sie wollte ihren Töchtern die Karriere ermöglichen, die ihr selbst versagt geblieben war. Ihr Mann war, wie so oft, vollkommen entgegengesetzter Ansicht: Er hielt die musikalische Ausbildung für überflüssig und zur Zeit der wirtschaftlichen Depression unangebracht. Lieber hätte er seine Töchter einen Beruf erlernen lassen, der eine sichere Existenz versprach. Er hätte sie beispielsweise gern im Drugstore oder in einer Apotheke gesehen. Mary stand den gegensätzlichen Auffassungen ihrer Eltern sehr zwiespältig gegenüber. Emotional fühlte sie sich eher ihrem Vater verbunden, aber die Mutter förderte sie in dem, was ihr wichtig war.

Darüber, wie sich ihre musikalische Förderung konkret gestaltete, machte Maria Callas später ebenfalls höchst widersprüchliche Angaben. Zum Beispiel berichtete sie ausführlich, wie der musikalische Drill unmittelbar einsetzte, nachdem ihre Mutter erkannt hatte, wie begabt sie war. Im Alter von vier Jahren habe sie keine Chance gehabt, sich dagegen zu wehren. Der Einstieg in die Wunderkindkarriere hatte begonnen. Eine regelrechte «Gesangsmaschine», die ihre Kunst abrufbereit präsentieren musste, sei aus ihr gemacht worden. Die Kindheit sei ihr gestohlen worden. Maria Callas konnte diese Geschichte so dramatisch darstellen, dass man das Bild eines gequälten und von fremdem Ehrgeiz getriebenen Mädchens plastisch vor Augen sah. Doch wie streng oder unbarmherzig war die musikalische Erziehung ihrer Mutter wirklich? Und wäre ohne diese Erziehung zur Musik aus Maria überhaupt das geworden, was schließlich aus ihr wurde? Maria Callas konnte diese Fragen nicht eindeutig beantworten. Es gibt nämlich auch eine ganz andere Beschreibung ihrer musikalischen Anfänge. Demnach habe man sie gar nicht so sehr zum Üben anhalten müssen, denn Musik sei ihr, solange sie denken könne, das Wichtigste im Leben gewesen. Und das, was sie am meisten geliebt habe.

Für Evangelia wurde die musikalische Förderung ihrer Töchter zur Lebensaufgabe: Beide waren fleißig, Jackie als Pianistin und Mary als Sängerin ganz besonders. Sie war lernbegierig und stürzte sich mit Enthusiasmus in ihre eigene Ausbildung. Das Üben bedeutete für sie keine Belastung, sondern eine Herausforderung, die sie mit Freude annahm. Später würde sie es mit jeder neuen Rolle so machen und schwierigste Partien in einer so kurzen Zeit einstudieren, die eigentlich als unmöglich galt.

Das Radio war bei der Entdeckung ihrer musikalischen Begabung ein wichtiges Hilfsmittel. Ein Pianola war schon 1926 angeschafft und einige Jahre später durch ein Klavier ersetzt worden. Georges sah zwar diese Anschaffung nicht ein, vor allem weil die finanzielle Situation der Familie angespannt war, ließ sich jedoch überreden. Seinen Töchtern konnte er keinen Wunsch abschlagen. Als Mary sieben Jahre alt war, kam ein Grammophon dazu. Sie sang alles nach, vom gängigen Schlager über die Volksweise bis hin zu Opernarien. Rückblickend sagte sie, sie habe sich zu Bizet hingezogen gefühlt und ihm vieles zu verdanken. «Carmen» habe sie nicht nur fasziniert, sondern sogar ihr Leben bestimmt. Zu Hause habe sie sich von einem Zimmer ins andere bewegt und die provozierende «Habanera» gesungen. Da war sie zehn. Ein kleines unbeholfenes Mädchen mit Brille, das durch die Wohnung tanzt und singt. Von Liebe, Verführung, Begehren.

«L’amour est un oiseau rebelle – Die Liebe ist ein widerspenstiger Vogel, den keiner zähmen kann. Die Liebe ist ein Zigeunerkind. Sie hat niemals, niemals Gesetze gekannt. Wenn du mich nicht liebst, liebe ich dich. Wenn ich dich liebe, nimm dich in Acht.»

Jeder Ton eine Verheißung, ein laszives Versprechen. Es hätte eine lächerliche Szene sein können oder zumindest eine, über die ein erwachsenes Publikum geschmunzelt hätte – doch nicht bei dieser außergewöhnlichen Stimme. Wenn Mary bei offenem Fenster sang, blieben die Passanten stehen. In den Erzählungen der Mutter waren es manchmal regelrechte Menschenansammlungen.

In der Schule nahm man das Besondere ihrer Stimme natürlich auch wahr. Ein Lehrer sagte, sie habe eine Nachtigall in der Kehle, und in ihr Poesiealbum schrieben ihre Mitschülerinnen die besten Wünsche für «das Mädchen mit der goldenen Stimme» und «die zukünftige große Sängerin». Und sie selbst erinnerte sich: «Wenn ich sang, fühlte ich, dass ich wirklich geliebt wurde.»

Genau wie ihre Schwester Jackie erhielt auch Mary Klavierunterricht von Signora Santrina, einer italienischen Musiklehrerin, allerdings nur kurze Zeit; vieles brachte sie sich selbst bei. Sie konnte sich bald begleiten, aber meistens saß ihre Schwester am Klavier, denn diese war die weitaus bessere Pianistin. Doch schon in dieser Zeit schuf sich Mary ein Fundament, das es ihr später ermöglichte, alle Rollen ohne Korrepetitor einzustudieren.

Mit zehn Jahren erhielt Mary Gesangsunterricht von einem schwedischen Gesangslehrer. Der Zufall wollte es, dass er in der unmittelbaren Nachbarschaft wohnte und Mary einmal Klavier spielen und dazu singen hörte. Er war nicht nur beeindruckt, sondern tief berührt von ihrer Stimme und bot sich an, das talentierte Mädchen zu unterrichten. Kostenlos natürlich, denn er kannte die finanziellen Verhältnisse der Familie Kalogeropoulos.