Marie-Helene Steghöfer

Ein Jahr in Schweden

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Titel der Originalausgabe: Ein Jahr in Schweden

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017

Alle Rechte vorbehalten

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Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal

Umschlagmotiv: © Martin Wahlborg – istock

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book): 978-3-451-81145-6

ISBN (Buch): 978-3-451-06889-8

Inhalt

August 2014 – Eine Art Prolog

Dezember

Januar

Februar

März

April

Mai

Juni

Juli

August

September

Oktober

November

August 2014 – Eine Art Prolog

AUSGERECHNET ALS ICH ZU KARSTADT reinwollte,um eines dieser Mützchen aus extraweicher Öko-Baumwolle zu besorgen, klingelte mein Handy. Ich blieb draußen vor dem Schaufenster stehen, fummelte das Telefon aus der Handtasche, dachte: „Bestimmt will mir Jan-Philipp Bescheid geben, was ich vom Supermarkt mitbringen soll“, und ging ran.

„Guten Tag, was darf es denn heute Feines sein, der Herr?“, säuselte ich in der Erwartung, mein Mann werde wie immer bereitwillig auf mein Geplänkel einsteigen. Doch seltsamerweise klang seine Stimme eher nervös, als er mir antwortete:

„Wie wäre es mit Graved Lachs, Elchsalami und ein paar Flusskrebsen? Und zum Nachtisch Zimtschnecken?“

Ich seufzte betont laut. Er wusste doch, dass ich kaltgeräucherte Wurst und Fisch nicht essen sollte wegen der Toxoplasmose. Und Schalentiere auch nicht. Ich war schließlich im sechsten Monat schwanger.

„Zimt steht sogar im Verdacht, vorzeitige Wehen auszulösen“, setzte ich noch eins drauf.

„Halt, stopp, ist ja gut! Du siehst den Zaunpfahl nicht, oder?“ Jetzt wirkte Jan-Philipp nicht mehr nervös, sondern amüsiert. Mir reichte es.

„Was für ein bescheuerter Zaunpfahl? Veräppelst du mich? Sag jetzt, was du zu sagen hast, und erspar mir das Rätselraten!“

Ich war selbst erschrocken, wie schnell ich in Rage geriet, ganz als sei meine Launenhaftigkeit direkt proportional mit dem Umfang meines Bauches gewachsen. Mein Mann wirkte allerdings nicht im Mindesten eingeschüchtert.

„Okay, verstanden, kulinarisch inspirierte Andeutungen sind heute nicht dein Ding. Dann eben ohne Umschweife, halt dich fest: Ich hab den Job, wir ziehen nach Schweden! Ende der Durchsage. Und jetzt bitte nicht wieder laut werden“, fügte er sicherheitshalber hinzu.

Ich höre mich noch heute ein lautes „Waaas?“ ins Telefon brüllen und sehe mehrere Passanten erschrocken stehenbleiben.

„Hallo, bist du noch dran?“, drang Jan-Philipps Stimme an mein Ohr.

„Ja … sicher … Schweden, sagst du?“

Ich nickte den Passanten beschwichtigend zu.

„Dann besorge ich besser was aus Rentierfell, oder? Statt Baumwollmütze, meine ich. In Schweden ist es doch so kalt“, stotterte ich.

„Na ja, Göteborg liegt nicht gerade in Lappland.“

„Aber Mückenspray brauchen wir sicher!“, ereiferte ich mich, bis mir ein noch viel alarmierender Gedanke kam: „Sag mal, muss ich jetzt außer Babyzeichensprache auch noch Schwedisch lernen?“

„Sieht ganz so aus, ja.“

Für einen Moment waren wir beide ganz still, und das Baby in meinem Bauch strampelte heftig, als wollte es protestieren. Schließlich schlug Jan-Philipp vor: „Wir treffen uns in einer halben Stunde daheim, ja? Dann sprechen wir über alles.“

Ich rappelte mich mental vom Boden hoch und machte mich auf den Nachhauseweg. Göteborg also. Was für ein Schock. Konnte es wirklich sein, dass ich selbst meinen Mann zu dieser Bewerbung an der Göteborger Uni ermutigt hatte? Ja, doch! Vage erinnerte ich mich an die Zeit vor mehr als sieben Monaten, genauer gesagt die Zeit vor dem Moment, in dem ich den positiven Schwangerschaftstest in Händen gehalten hatte. Damals, als ich noch jung und spontan gewesen war und meine Abenteuerlust noch nicht von den Schwangerschaftshormonen verdrängt worden war. Aber jetzt: eingespielte Gewohnheiten aufgeben? Sich zusätzlich zu dem großen Abenteuer Baby auch noch ein fremdes Land auf halsen? „Nicht mit uns!“, schrien HCG und Progesteron sofort im Chor.

Während ich in unsere Straße einbog, versuchte ich mich selbst zu beschwichtigen. Immerhin Schweden und nicht Timbuktu! Schweden war doch eher so wie Deutschland, ein Deutschland mit Elchen. Das sollte doch zu schaffen sein.

Ich schloss die Haustür auf. Mir fiel ein, dass ich vorhin am Telefon Jan-Philipp nicht mal zu seiner erfolgreichen Bewerbung gratuliert hatte.

Er war schon zu Hause, und als er mich mit den Worten: „Den Lachs und die Krebse holen wir einfach nach, wenn wir in Schweden sind“, umarmte, spürte ich mit einem Mal die Vorfreude in mir aufsteigen. Schweden – was für ein Abenteuer!

Dezember

SCHWEDEN IST EIN LAND, das diese Bezeichnung tatsächlich verdient. Es besteht nämlich genau daraus: extrem viel Land, unbebaut und herrenlos – wobei ich mir bei Letzterem nicht ganz sicher bin. Vielleicht haust irgendwo zwischen Fichten und Felsen doch einer, der sich als Herr seiner Umgebung versteht, ein Räuber womöglich mit einer abenteuerlustigen Räubertochter. Wäre das nicht guter Stoff für ein Kinderbuch? Wie dem auch sei, das viele Land da unten wirkt auf mich nicht so, als habe es oft menschliche Gesellschaft. Dabei fliege ich doch gerade über den bevölkerungsreichen Teil Schwedens hinweg! Neuneinhalb von zehn Schweden rotten sich in der Südhälfte des Landes zusammen, der restliche halbe ist im Norden also ziemlich allein. Für dieses dramatische Missverhältnis gibt es sicher gute Gründe und ich mache den Schweden natürlich keinen Vorwurf dafür, dass sie sich nicht gleichmäßiger in ihrem Reich verteilen. Ich hoffe nur, dass nicht eines Tages alle gleichzeitig in die Luft hüpfen und – das wäre der kritische Part – wieder landen. Die Skandinavische Halbinsel ist zwar über Finnland und Russland recht gut an Europa befestigt, so ein kollektiver Aufprall könnte das südliche Übergewicht jedoch in schwer abschätzbarem Maß verstärken, und wenn das Land dadurch Schlagseite bekäme, wäre das für neuneinhalb von zehn Schweden eine ziemlich nasse Angelegenheit. Und da ab heute auch ich zu den neuneinhalb zähle …

Schluss jetzt!, rufe ich mich selbst zur Räson. Ich muss wirklich auf hören mit der inneren Panikmache und mich auf das Positive konzentrieren. Darauf, wie schön der Blick aus dem Flugzeugfenster ist, zum Beispiel. Von Überflutung keine Spur, stattdessen unzählige manierlich in ihren Betten liegende Seen, Teiche, Tümpel und Flüsse. Wie achtlos hingeworfene Schmuckstücke sehen sie aus, mit einem Hang zur Extravaganz geformt und der monotonen, graugrünen Landschaft Glanz und Glamour verleihend. Dass, wie es im Reiseführer steht, Gewässer hierzulande mehr Fläche einnehmen als die Landwirtschaft, glaube ich sofort. Ich wünschte nur, man würde auch im Flugzeug was merken vom grandiosen schwedischen Wasserreichtum. Der Inhalt des geriffelten Plastikbechers vorhin hat meinen Durst eher wachgekitzelt als gelöscht, und unwillkürlich frage ich mich, ob es wohl ein schlechtes Vorzeichen ist, dass ich trockenen Gaumens in ein Land einreise, in dem es allerorten so fröhlich fließt und plätschert. Ich meine schon von Deutschen gehört zu haben, die in Schweden verdurstet sein sollen … oder war es verhungert? Weil sie sich köttbullar mit deutschem „k“ am Anfang bestellt haben? Das immerhin kann mir nicht passieren, ich weiß nämlich inzwischen, dass man hier „Schöttbullar“ ordern muss, um satt zu werden. Dank meiner Schwedisch-Lern-App lebe ich auch nicht mehr in dem Glauben, der Buchstabe „ø“ gehöre zum schwedischen Alphabet, und bin damit zumindest den vielen netten Menschen, von denen ich in den letzten Tagen „Viel Glück in Gøteborg“-Nachrichten erhalten habe, einen Schritt voraus. Allerdings hätte ich mich besser nicht für „Dagens Nyheter“ und „Aftonbladet“ als Reiselektüre entschieden, denn viel mehr als die Namen der Zeitungen kann ich darin nicht lesen. Noch beunruhigender als die unverständlichen Schlagzeilen sind nur die Unterhaltungen meiner Mitreisenden. Wieso bitte haben deren endlose Wortschlangen so bestürzend wenig Ähnlichkeit mit den Vokabeln, die mir mein Handy beigebracht hat? Da bekomme ich doch glatt wieder das Gefühl, hoffnungslos unwissend zu sein. Doch halt, ich will positiv denken: Vielleicht steht mir ja gerade aufgrund meiner schlechten Vorbereitung auf das Abenteuer Ausland eine große TV-Karriere bevor, als Kandidatin bei „Goodbye Deutschland“! Wäre das nicht – grauenvoll?

In diesem Moment ertönt vom Nachbarsitz ein zartes Grunzen. Na so was! Da bilde ich mir ein, die naivste Auswanderin der Welt zu sein, dabei gebührt dieser Titel doch ohne Frage einer anderen. Gerade mal einen halben Meter groß, völlig planlos und garantiert nicht in der Lage, sich eine Portion köttbullar zu bestellen – verglichen mit meiner sieben Wochen alten Tochter bin ich die Kompetenz in Person. Ein erhebendes Gefühl!

Dass uns in der Ankunftshalle des Göteborger Flughafens kein VOX-Kamerateam, sondern Jan-Philipp erwartet, trägt ebenfalls zu meinem Seelenfrieden bei. Wir fallen uns in die Arme wie nach einer langen Trennung, dabei war es erst gestern, als mein Mann auf dem Beifahrersitz des monströsen Umzugswagens davonfuhr und ich, Alma im Tragetuch und Staubflusen im Haar, nostalgisch durch die leeren Räume schlich, die sechs Jahre lang unser Zuhause gewesen waren.

„Und, wie war der Flug? Bist du nervös geworden auf den letzten Metern?“

„Quatsch, überhaupt nicht! Kennst mich doch, immer die Ruhe selbst.“

„Gut, und ich hatte schon Angst, dass du den Piloten auf halber Strecke zum Umkehren zwingst.“

Mist, auf diese hübsche Idee bin ich gar nicht gekommen. Und jetzt ist es auch wirklich zu spät zum Umkehren, denn wir steuern bereits auf die gläsernen Automatiktüren zu, hinter denen eine Reihe weiß-gelber Taxis wartet. Jan-Philipp schlägt einen feierlichen Ton an: „Meine Damen, es ist so weit: Willkommen im schönen Göteborg!“

Die Türen gleiten auf – und ein Schwung eiskalter Regentropfen, von einer heftigen Bö bis unters Vordach getragen, klatscht uns geradewegs ins Gesicht. Dann, als befänden wir uns mitten in einem liebevoll inszenierten Begrüßungsritual, schmettert uns der Taxifahrer auch noch ein herzliches „Välkommen till Blöteborg“ entgegen. Fragend schaue ich meinen Mann an.

„Ein kleines Wortspiel“, erklärt er und setzt fast schon schuldbewusst hinzu: „Blöt bedeutet ‚nass‘.“

Na prima, meine neue Stadt trägt den Regen also schon im Spitznamen. Aber positiv besehen ist gewöhnlicher Regen immer noch deutlich besser als eine Sintflut. Und verdursten werde ich bei diesem Sauwetter auch auf keinen Fall. Bliebe nur noch eines zu klären:

„Gibt’s in Schweden eigentlich auch was zu essen?“

Und das gibt es natürlich. Allerdings hätte es unser Abendessen beinahe nicht zu uns geschafft. Während der halbstündigen Taxifahrt zu unserer Wohnung hatte das regenverschleierte Tageslicht endgültig seine Schicht beendet und an die Kollegen von der Straßenbeleuchtung übergeben, weshalb wir einem erneuten Ausflug ins nasskalte, dunkle Draußen das warme, helle Drinnen vorgezogen und beim Lieferservice angerufen hatten. Den armen Asianudelboten eine Viertelstunde vor unserer Haustür einweichen zu lassen, bevor wir ihm öffnen und seine zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ganz so heiße Ware in Empfang nehmen, war nicht Teil des Plans gewesen. Dank eines supermodernen High-Tech-Türklingelsystems, mit dem unser Wohnblock ausgestattet ist, hatten wir seine Bemühungen, auf sich aufmerksam zu machen, allerdings schlicht nicht bemerkt. Statt simpler Klingelknöpfe mit Namensschildern daneben prangt an unserer Hauswand nämlich ein Bildschirm, auf dem sich Klingelwillige durch eine alles andere als alphabetisch sortierte Liste noch dazu falsch geschriebener Nachnamen scrollen müssen, um an den passenden vierstelligen Klingelcode zu gelangen, um dann festzustellen, dass die Tastatur, mithilfe derer der Klingelcode zum Klingelgeräusch werden soll, ur funktion ist. Tja, manche schwedischen Erfindungen sind eben nicht ganz so genial wie Spotify, die Candy Crush Saga und Skype.

Letzteres funktioniert glücklicherweise einwandfrei, und so ist, als ich mein neues Heim das erste Mal bei Tageslicht in Augenschein nehme, die gesamte Verwandtschaft aus Deutschland und Österreich per Video-Telefonat zugeschaltet. Das Interesse für das Appartement, in welchem uns die Göteborger Uni untergebracht hat, ist natürlich nur ein Vorwand – eigentlich wollen alle klein Alma sehen –, daher trifft es sich wunderbar, dass die Führung durch Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Esszimmer, Arbeitszimmer und Kinderzimmer mit einer einzigen kamerabegleiteten Drehung um meine eigene Achse schnell erledigt ist.

„Sehr schwedisch“, befindet meine Schwester, bezieht sich dabei aber nicht auf die beengten Verhältnisse in unserem praktischen 6-in-1-Allzweckraum, sondern auf die offensichtliche Tatsache, dass wir diesen mit einer schwedischen Großfamilie teilen. Zum Glück sind Papa Pax, Mama Klippan, Sohn Billy, Töchterchen Hemnes und Onkel Ivar eher von der schweigsamen Sorte. Für einen Moment denke ich an unsere eigenen Einrichtungsgegenstände, die seit gestern in einem Lagerraum darauf warten, dass wir sie wieder zu uns holen. In Göteborg ein Zuhause zu finden, in dem wir alle gemeinsam Platz haben, könne allerdings etwas dauern, hat man uns gesagt – sieben Jahre etwa, wenn man es auf eine Mietwohnung in attraktiver Lage abgesehen hat. Ich weiß wirklich nicht, warum mich diese Aussicht nicht mehr beunruhigt. Vielleicht habe ich meine Neigung zu mich und meine Familie betreffenden Horrorvisionen im Flugzeug liegen lassen. Apropos Familie – wo ist eigentlich mein Mann? Saß der nicht gerade noch auf dem Sofa alias Doppelbett alias Wickeltisch? Oder wollte er Almas Windeln runterbringen? Am Ende ist er dabei in den Einwurfschacht des unterirdischen Müllentsorgungssystems gefallen! Was, wenn er in diesem Moment bereits zur kilometerweit entfernten zentralen Sammelstation transportiert wird? Und warum habe ich so ein komisches Rauschen in den Ohren? Kommt das etwa aus dem … aber natürlich! Ich öffne die Tür zum Bad.

„Jan-Philipp, bist du unter der Dusche?“, rufe ich in den feuchten Nebel.

Ich nehme das darauf hin ertönende Gurgeln als Zustimmung. War sowieso eine blöde Frage, so viele Versteckmöglichkeiten gibt es hier im Bad ja nicht. Wobei, da im Eck, der weiße Schrank …

„Warum schaust du unseren Kühlschrank so komisch an?“ Mein Mann schält sich aus dem nassen Duschvorhang. „Gib mir lieber mal die Milch raus, dann mach ich uns Kaffee.“

Folgsam öffne ich die metallene Tür – und starre dümmlich auf das seltsame Gestänge im Schrankinneren. Jan-Philipp beginnt zu lachen. Hier stimmt doch was nicht! Es dauert einen Moment, bis mir dämmert, was ich da eigentlich vor mir habe. Einen Trockenschrank habe ich vorher schon einmal gesehen, aber das war auf einer Skihütte. Dass so was zur Grundausstattung eines schwedischen Kleinsthaushaltes gehört, kann ja keiner ahnen.

„Mit deinem Wissensvorsprung wird es bald vorbei sein, du Teilzeitschwede“, prophezeie ich meinem Mann beleidigt. Und gleich darauf ist es tatsächlich an mir, schadenfroh zu grinsen. Denn als Jan-Philipp sich zum Anziehen der Socken auf den Toilettendeckel fallen lässt …

„Bah, nass!“ Empört betastet Jan-Philipp seinen nassen Hosenboden. Ich sehe ihn triumphierend an. An die Besonderheiten skandinavischer Nasszellen kann ich mich noch aus dem Dänemark-Urlaub erinnern. Mein Mann hingegen hat sich während der letzten drei Monate, in denen er unter der Woche zum Arbeiten in Göteborg war und im Hotel gewohnt hat, anscheinend noch nicht an den Umgang mit einem im Spritzbereich der Duschbrause installierten Klo gewöhnt. Aber nun haben wir wenigstens Gelegenheit, den torkskåp in Betrieb zu nehmen.

In den folgenden Tagen entwickeln wir uns nicht nur zu routinierten Klodeckeltrockenwischern und furchtlosen Müllschluckerbenutzern, sondern lernen auch unseren Stadtteil besser kennen – soweit er überhaupt existiert, denn das Neubaugebiet, in dem wir wohnen, besteht noch hauptsächlich aus schlammigen Gruben und halbfertigen Fundamenten.

„Aber tolles Kinderprogramm“, findet Jan-Philipp und deutet auf Alma, die aus ihrem Kinderwagen heraus interessiert die Bewegungen der Baukräne am Himmel verfolgt. Ja, Schweden ist anscheinend wirklich so kinderfreundlich, wie es immer heißt. Allerdings stelle ich einen massiven Mangel an heiteren Bauzaunschildern fest – kein „Vorsicht, Lebensgefahr“, kein „Eltern haften für ihre Kinder“, kein „Betreten verboten“ weit und breit. Wie soll man seine Kinder (und sich selbst) unter diesen Umständen bloß vom Eindringen in Gefahrenzonen abhalten? Mit Vernunft und gesundem Menschenverstand etwa?

Schließlich entdecken wir doch noch ein leuchtend gelbes Hinweisschild an einem Zaun. Statt der ersehnten unheilverkündenden Warnung prangt darauf eine Kaffeetasse mit Gesicht, Armen und Beinen. Eine Kaffeetassenhand deutet auffordernd nach rechts, und weil Befehlen von Kaffeetassen in Schweden unbedingt Folge zu leisten ist, uns außerdem der Dezembergraupel piesackt und mir sowieso ständig der Magen knurrt, seit ich einen nimmersatten Säugling miternähre, wechseln wir zielstrebig die Straßenseite und betreten das erfreulich fertig aussehende Gebäude aus Glas und sandfarbenen Ziegeln. Die saluhall empfängt uns mit den für Markthallen üblichen verlockenden Wohlgerüchen, und Jan-Philipp strebt sogleich den Ständen voller Backwaren, eingelegten Delikatessen und frischem Meeresgetier entgegen. Ich habe im Augenwinkel etwas anderes erspäht, und eine schwungvolle Kinderwagenwendung später betrachte ich staunend meine Entdeckung: Da hat doch tatsächlich jemand unser Stadtviertel aufgebaut – aus großzügig mit Zuckerguss verfugten pepparkakor ! Gerade möchte ich vor Rührung über dieses liebenswerte Backkunstwerk ein stilles Tränchen vergießen, als meine Tochter aus dem Schlaf hochschreckt und, wie es so ihre Art ist, ohne zu zögern ins schrillste Heulprogramm wechselt. Mir bricht der Schweiß aus. Ich hasse es, wenn so was in der Öffentlichkeit passiert. Meine Nerven! Ich brauche dringend Zucker. Da, ist das nicht unser Wohnblock? Meine Hand zuckt in Richtung des appetitlichen Pfefferkuchenhauses, nur noch ein Fingerbreit trennt mich von meiner Nervennahrung und ich bin bereits im Begriff, mein Zuhause mit Dach und Fenstern zu verschlingen …, da tippt mir jemand auf die Schulter.

„Ich habe dir vörtbröd mitgebracht“, verkündet mein Mann, indem er mir einen braun gebackenen, nach Nelken und Ingwer duftenden Laib unter die Nase hält. Noch bevor er mir erzählen kann, dass es sich bei seiner Beute um ein schwedisches Weihnachtsbrot handelt, welches seine dunkle Farbe durch die Beifügung von Portwein erhält, hat selbiges auch schon den Weg in meinen Magen gefunden. Tatsächlich fühle ich mich nun recht weihnachtlich – vor allem aber vollgefressen.

Als wir wenig später aus der saluhall treten, ist es dunkel geworden, beziehungsweise: Es wäre dunkel geworden, wären da nicht die Abertausenden Lichter. Ich besitze zwar kein schwedisches Gesetzbuch, bin mir aber sicher, dass es darin ein „Gesetz zur Schaffung weihnachtlicher Stimmung in Wohngebieten“ geben muss, das schwedische Bürger dazu verpflichtet, in der Vorweihnachtszeit ihre Fenster zu dekorieren. Das Gesetz verlangt mindestens ein, nach Möglichkeit aber mehrere weihnachtliche Leuchtobjekte pro Fenster, wobei auch Gästeklos, Speicher, Garagen und Hundehütten berücksichtigt werden müssen. Die Göteborger sind offensichtlich sehr gesetzestreu. Manche haben sogar so viele mehrflammige Lichterbögen auf ihre Simse gestellt und so viele strahlende Papiersterne vor ihre Scheiben gehängt, dass man die betreffenden Häuser nur durch eine Sonnenbrille betrachten kann. Die Strafen für mangelhafte oder gar fehlende Illumination müssen martialisch sein, so peinlich genau, wie alle darauf achten, ihre Fensterbeleuchtung bei Sonnenuntergang in Betrieb zu nehmen.Wer um diese Zeit, also um kurz nach drei, nicht von der Arbeit daheim sein kann, tut gut daran, mit einer Zeitschaltuhr zu arbeiten, denn schon die kleinste Verspätung kann den strengen Weihnachtsinspektor auf den Plan rufen, und dann bleiben die Konsequenzen nicht aus.

Bei aller Beleuchtungswut halten sich die Göteborger glücklicherweise von bunt Blinkendem und allzu Geschmacklosem fern. Wobei es, natürlich, eine Ausnahme gibt.

Eine mutige Familie setzt sich über die Norm hinweg und lässt es so richtig schlimm krachen, mit hektisch farbwechselnden Lichterketten, regenbogenfarbener Blinkscheibe und kunstschneeberieseltem Plastikweihnachtsbaum. Diese Familie wohnt uns direkt gegenüber. Dass damit keine vier Meter Luftlinie von unserer Schlafcouch entfernt Nacht für Nacht Göteborgs aufregendste Lightshow stattfindet, macht unsere babybedingte Dauermüdigkeit nicht unbedingt besser, aber zum Glück muss Jan-Philipp erst im Januar wieder zur Arbeit, und wir können es – ganz dem beliebten schwedischen Lebensmotto „Ta det lugnt!“ gemäß – bis dahin ruhig angehen lassen.

Eines Morgens, wir verlassen gerade das Haus, ist es mit meiner Ruhe jedoch schlagartig vorbei. Ungläubig betrachte ich die Szene, die sich mir auf dem Gehweg bietet. Habe ich Halluzinationen oder sind wir wirklich von lebenden Pfefferkuchenmännern umringt? Bevor ich verstehe, was hier eigentlich passiert, sind die braunen Gestalten auch schon um die Ecke verschwunden.

„Du hast sie auch gesehen, oder?“, frage ich Jan-Philipp hoffnungsvoll. Der nickt nur. Vorsichtig lugen wir um die Hausecke und sehen gerade noch, wie sich die Tür des Kindergartens auf der anderen Straßenseite schließt. Verwirrt machen wir uns auf den Weg zur saluhall.

„Ich weiß jetzt Bescheid!“ Stolz gebe ich mein am Backstand erworbenes Wissen an meinen Mann weiter: „Diese rennenden Kekse eben, das waren die Begleiter der Lichterkönigin, morgen ist nämlich Lucia-Fest, und das ist für schwedische Kinder wohl wie Nikolaus und Karneval zusammen – allerdings mit beschränkter Kostümauswahl, mehr Kerzen und viel mehr Besinnlichkeit, soweit ich das verstanden habe.“

Die heilige Lucia haben wir leider verpasst, denn die führt den Lucia-Zug natürlich an und war wohl schon im Kindergarten, als wir in die Generalprobe gerasselt sind.

„Und hier“, ich raschle mit der Bäckertüte, in der sich ein Dutzend safrangelber Hefeschnecken mit jeweils genau zwei Rosinen als Deko befindet, „habe ich uns ein paar lussekatter mitgebracht. Die älteste Tochter“, ich werfe einen Blick auf die schlafende Alma, „soll ihre Eltern am Morgen des Lucia-Tages mit diesem Gebäck bewirten.“

Es ist offensichtlich, dass sich diese schwedische Tradition erst mal nicht in unserer Familie etablieren wird.

Bei unserer Straßenbahnfahrt über die Göta älv-Brücke bietet sich uns ein herrlicher Blick auf den Fluss sowie den direkt am Wasser aufragenden Läppstiftet, das markante Hochhaus im rot-weißen Lippenstiftlook, in dem allerdings kein Kosmetikhersteller residiert, sondern der schwedische Baukonzern Skanska (dessen Firmenleitung es natürlich nicht versäumt hat, jedes einzelne der unzähligen Bürofenster mit einem Kerzenbogen auszustatten). Und dann befinden wir uns auch schon mittendrin im schönsten innerstädtischen Vorweihnachtstrubel. Wie ein Schiff, das von der Strömung ergriffen wird, treibt Almas Kinderwagen in der Menschenmenge vor mir her, und ich bin so damit beschäftigt, mich am Griff festzuklammern, dass ich den riesigen, muffigwarme Luft ausatmenden Schlund aus gläsernen Türen erst bemerke, als es schon fast zu spät ist.

Nur Sekunden, bevor wir unweigerlich unter den rot glimmenden Leuchtbuchstaben hindurch ins Nordstan-Shoppingcenter gespült werden, rettet uns Jan-Philipp.

„Hier drüben“, winkt es zu meiner Linken, und schon wird das Kinderwagenboot beherzt dem Strom entrungen. Unendlich dankbar folge ich Jan-Philipp in ruhigere Gefilde – wer will schon Zeit in einem riesigen Einkaufszentrum vergeuden, wenn ein Besuch beim schwedischen Finanzamt auf dem Programm steht?

Dass man hier zum Finanzamt geht, wenn man seinen Wohnsitz anmelden will, ist zunächst ungewohnt. Noch viel ungewohnter, ja geradezu verstörend, ist die Kundenfreundlichkeit, die mir bereits im Eingangsbereich des Skatteverket in Gestalt der umstandslos Englisch sprechenden und mit einem Tablet ausgestatteten Empfangsmitarbeiterin entgegenkommt. Innerhalb von Sekunden ist mein Anliegen aufgenommen, und ich halte einen kleinen Papierfitzel in der Hand, auf dem eine Wartenummer prangt. Mein erster nummerlapp!

Viel Zeit, mich auf den ersten offiziellen Akt meines bisherigen Einwanderer-Lebens einzustellen, bleibt mir nicht. B89, das bin ich! Etwas nervös lasse ich Mann und Kind im Wartebereich zurück und eile dem freigewordenen Schalter und der jungen Frau mit dem bodenlangen Oma-Nachthemd am Leib und dem Adventskranz auf dem Kopf entgegen. Ich stutze. Fünf Kerzen? Das ist doch eine zu viel! Und von diesem Lapsus mal abgesehen scheint schwedische Mode auch nicht mehr ganz so dezent zu sein, wie sie mal war.

Mühsam bringe ich meine entgleisten Gesichtszüge wieder in Ordnung und lege der exzentrischen Skatteverket-Angestellten Urkunden, Bescheinigungen und meinen Perso auf den Tresen, wobei sie mir Letzteren sogleich mit amüsiert verzogenem Mund wieder zurückreicht, ganz als handle es sich bei einem deutschen Personalausweis um einen zwar lustigen, aber in keiner Weise ernstzunehmenden Scherzartikel. Während ich stattdessen den Reisepass aus der Tasche krame, fällt mein Blick zufällig auf das Namensschild am weißen Wallekleid meines Gegenübers. „Anna Lundgren“ verkündet es, und darunter, in schwungvoller Handschrift hinzugefügt: „Lucia“.

Nun bin ich wirklich beeindruckt – vom Ausmaß meiner Begriffsstutzigkeit einerseits, aber vor allem davon, wie gern die Schweden ihre beleuchtete Heilige mögen, dass sie nicht mal am Arbeitsplatz auf sie verzichten können. Beim Versuch, mir einen deutschen Finanzbeamten vorzustellen, der sich im Hasenkostüm oder mit Wattebart, Zipfelmütze und goldenem Buch der Kundenberatung widmet, entgleist mir leider erneut das Gesicht.

Zum Abschied reiche ich der Finanz-Lucia eine lussekatt über den Tresen und wünsche ihr für morgen eine gelungene Prozession. Es kann nicht schaden, sich mit den richtigen Leuten gutzustellen.Wenn Lucia das nächste Mal ihren Chef, den Weihnachtsmann, sieht, kann sie ihm meinen Antrag zur sofortigen Bearbeitung übergeben und dann werde ich hoffentlich bald im Besitz einer id-kort sein. Im Gegensatz zu meinem Perso ist diese „Identitätskarte“ in Schweden nämlich unverzichtbar, außer natürlich man legt keinen Wert darauf, im Laufe seines Lebens mal ein Buch auszuleihen, ein Bankkonto zu eröffnen, ein Handytelefonat zu führen, einen Arzt aufzusuchen oder ein Postpaket zu empfangen.

Jan-Philipp lacht noch immer über meine verzögerte Erleuchtung, als wir Skatteverket schon lange verlassen haben und die Avenyn entlanglaufen. Auf der von Geschäften und Gastronomie gesäumten Flaniermeile, die sich vom Hafen quer durch die Innenstadt bis zum Götaplatsen zieht, scheint heute die halbe Stadt unterwegs zu sein. Ein besonders dickes Knäuel aus besonders kleinen Göteborgern hat sich vor den Schaufenstern des Nobelkaufhauses Nordiska Kompaniet gebildet, hinter denen die Weihnachtswichtel fleißig zugange sind. Während es langsam dunkel wird, legt die Stadt ihr glitzerndes Festgewand an, und Hausfassaden, Brückengeländer, Bäume und Laternenmasten verschmelzen zu einer einzigen leuchtenden Lichterstraße. Ich habe den Verdacht, dass es die Stadtverwaltung aus Angst vor dem Weihnachtsinspektor ein bisschen mit der Befolgung des Dekorationsgesetzes übertrieben hat. Sogar die Konturen des verkrusteten Häuschens im Ententeich werden von einer Lichterkette gerahmt. Aber als wir uns dem Götaplatsen nähern, werde ich das Gefühl nicht los, dass bei der Bestellung der Leuchtobjekte etwas schiefgegangen ist, denn Schmetterlinge gelten doch wohl auch in Schweden nicht als die weihnachtlichsten aller Tiere.

Schon von weitem sehen wir das Ziel unserer Reise. Riesenhaft ragt der Weihnachtsbaum von Liseberg in den dunklen Himmel, und man ist bei diesem Anblick gerne bereit zu vergessen, dass es sich dabei um den mit Lichterketten bespannten Freefall-Tower handelt. Zu Füßen des Baums erwartet uns nicht nur der größte Vergnügungspark, sondern auch der gefühlt größte Menschenauflauf Skandinaviens.Von der märchenhaften Eislauf-Show bekommen wir aufgrund der weihnachtsseligen Massen um uns herum nicht viel mit (der Anblick gertenschlanker Damen in winzigen Glitzerfummeln ist für frischgebackene Mütter in labbriger Stillkleidung sowieso nicht geeignet), und so ziehen wir uns bald an den einzigen Ort zurück, an dem es in diesem Trubel auszuhalten ist: nach Lappland. Dort, zwischen samischen Zelten und lodernden Feuerstellen, teilen Jan-Philipp und ich uns eine Portion geräuchertes Rentier, das es sich unter dem Namen suovas mit schwedischen Preiselbeeren in einer Brottasche gemütlich gemacht hat, und schalten am Ende dieses ereignisreichen Tages erfolgreich in den schwedischen Gelassenheitsmodus zurück.

Als ich am 24. Dezember, der in Schweden julafton heißt, aufwache, liegt Jan-Philipp nicht mehr neben mir. Ich warte ziemlich lange, doch als ich schon glaube, mir einen neuen Ehemann suchen zu müssen, und mir zu diesem Zweck meine superschicke Thermostrumpf hose überziehe, kehrt mein bewährtes Exemplar endlich zurück – in Begleitung eines nadeligen Mitbringsels.

„Darf ich vorstellen: unser julgran! Genauer gesagt die obere Hälfte davon. Der Rest“, erklärt Jan-Philipp, „ist noch beim Weihnachtsbaumverkäufer. So verdattert, wie der von meinem Amputationswunsch war, bin ich wohl der Einzige in Schweden, der keine Lust auf einen tannenbaumbedingten Deckendurchbruch hat.“

„Ein halber Baum reicht zum Drumherumtanzen“, befinde ich und weise dem Tannentorso ein hübsches Plätzchen zu. Nicht ganz zufällig befindet sich dieses direkt am Fenster – man will als Neuschwede ja nicht gleich in den Fokus der Strafverfolgung geraten. Die Kugeln hänge ich mithilfe aufgebogener Büroklammern in die Zweige. Meine tagelange Suche nach Baumschmuckbefestigungshaken hat mir nämlich nur ratlose Verkäuferblicke und einen Satz stählerner Fleischerhaken eingebracht. Da fällt mir ein: „Hast du heute schon nach unserem Elch gesehen?“ rufe ich Jan-Philipp zu.

„Nein, aber schau mal nach ihm, er ist vielleicht ein bisschen aufgeregt vor seinem großen Auftritt heute Abend.“

Ich öffne den Kühlschrank. Der Elchbraten liegt in seinem sahnigen Bad aus f ilmjölk, der schwedischen Antwort auf Dickmilch und Kefir, und wirkt ziemlich entspannt. Auch mit den anderen Mitwirkenden unseres julbord scheint alles in bester Ordnung. Köttbullar, Weihnachtsschinken, Milchreis und eingelegter sill – Ernst Kirchsteiger hat mir verraten, was man für ein typisch schwedisches Weihnachtsbuffet so alles braucht. Ich habe Ernst vor ein paar Tagen auf TV4 kennengelernt, wo er so unfassbar hingebungsvoll Fleischbällchen formt und rohe Heringsfilets so zärtlich mit Essigsud massiert, dass ich gar nicht anders kann, als ihm stundenlang dabei zuzuschauen. Wenn er dann noch stumpfes Stroh in strahlende Sterne verwandelt, aus wertlosen Weinflaschen wackere Weihnachtsengel zaubert und in poetischem Ton den Wert des Handgemachten heraufbeschwört, glaube ich plötzlich wieder daran, dass Weltfrieden möglich ist, und ein durchschlafendes Baby vielleicht auch.

„Lass deinen barfüßigen Bastelonkel bloß nicht wissen, dass du das meiste in der saluhall geholt hast“, unterbricht Jan-Philipp meine Inspektion des Kühlschrankinhalts. Doch wenn er glaubt, ich ließe mich von seinem frechen Kommentar provozieren, täuscht er sich. Ernst Kirchsteiger ist immerhin der George Clooney unter den Bastelonkeln, deshalb geht sogar sein Spleen mit den nackten Füßen irgendwie klar. Und auch wenn ich nur die Hälfte von Ernsts Worten verstehe, ist seine zentrale Botschaft doch unmissverständlich: In der Einfachheit liegt die Schönheit. Und „einfach“ heißt für mich eben: gekauft. Mein philosophisch veranlagter Fernsehfreund wäre bestimmt stolz auf mich.

So, und nun kann es meinetwegen losgehen mit Weihnachten.Vorfreudig schalte ich den Fernseher ein, nicht wegen Ernst, sondern weil es Punkt 15 Uhr ist und wir jetzt, wie alle Schweden, ein Date mit Donald Duck, oder vielmehr Kalle Anka, und den restlichen Bewohnern von Ankeborg haben.

Es ist dunkel im Zimmer. Hinter den Jalousien zucken die Lichter des Party-Balkons. Unter der Bettdecke tastet Jan-Philipps Hand nach meiner.