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Lars-Oliver Schröder

Häuptling Tatakumba

Erfüllt dir deinen Traum

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© 2017 tao.de in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld

Autor: Lars-Oliver Schröder
Umschlaggestaltung: Vincenz Starke

Verlag: J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld ·
www.tao.de

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

ISBN

Paperback: 978-3-96051-451-0
Hardcover: 978-3-96051-452-7
e-Book: 978-3-96051-453-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

HÄUPTLING TATAKUMBA

ERFÜLLT DIR DEINEN TRAUM

Ach du lieber Gott! Schon wieder so ein Traum. Genauso in echt, genauso wie das letzte Mal. Ist es real und lebendig, oder passiert es nur im Schlaf? Louis muss dann immer den gesamten Tag überlegen und darüber nachdenken, ob er das Ganze träumt oder es die Wirklichkeit ist, die er da in den Träumen so erlebt.

Louis ist ein Junge mit einer einzigartigen Gabe, von der er selber noch nichts ahnt, denn er empfindet sie als normal, schließlich durchlebt er sie fast in jeder Nacht. Aber bevor das Besondere beschrieben wird, möchten wir ihn erst einmal vorstellen.

Louis ist der jüngste Sohn einer Großfamilie aus einer mittleren Kleinstadt im Norden des Landes. Er hat sechs ältere Brüder und zwei jüngere Schwestern. Die Familie kommt aus ärmlichen Verhältnissen und kann als soziale Unterschicht bezeichnet werden. Es ist oft so, dass am Ende des Monats das Geld fehlt, um alle Kinder satt zu bekommen. Da er der jüngste Sohn des Hauses ist, muss er früh lernen, sich gegen die größeren Geschwister durchzusetzen. Seine beiden jüngeren Schwestern hingegen werden von den Eltern als Mädchen verhätschelt. Louis teilt sich das Kinderzimmer mit drei Brüdern. Im Zimmer stehen zwei Doppelbetten, von dem er das untere Bett in der Ecke des Raumes, sein Schlafgemach nennt. Die älteren Brüder sind alle von auffallender stabiler Statur, damit ist nicht gemeint, dass sie dick oder wohlgenährt sind, nein, damit ist ein kräftiger, sportlicher, ja muskulöser Körperbau beschrieben. Hier fällt Louis ein wenig aus der Reihe, weil er für sein Alter zu klein ist. Deswegen kann er jetzt nicht als kräftig gebaut bezeichnet werden. Der Vater zieht ihn immer gerne mit der schmächtigen, ja fast schon zierlichen Figur auf. Er sagt meistens zu ihm, dass er ebenfalls ein Mädchen werden sollte, aber Gott sich im letzten Moment dann doch noch um entschied, und aus ihm einen Jungen formte. Manches Mal wünschte er sich, ein Mädchen zu sein, denn die Mädels haben eindeutig in der Familie das bessere Los gezogen. Sie werden nicht nur von den Eltern sehr verwöhnt, sondern genauso umsorgen sie die anderen Familienmitglieder. Louis wird nicht nur vom Vater wegen der unsportlichen Statur aufgezogen, auch die Brüder lassen ihn zu jederzeit spüren, dass sie ihn wenig akzeptieren. Sie ärgern ihn stets mit lächerlichen Spitznamen wie:

„Mainzelmännchen“ oder hier kommt unser Hanf. Auch körperlich muss er einiges ertragen, denn sie gehen mit ihm immer besonders grob um und schlagen ihn, oder schubsen ihn herum, wie große Brüder das ebenso tun. Sie wollen ihn durch die grobe Art trainieren, und härter werden lassen. Sie kämpfen oft mit ihm, zum einen, weil es ihnen Spaß macht ihn zu drangsalieren, aber zum anderen genauso, um ihn kräftiger sowie verbissener zu machen. Im Großen und Ganzen lernt er schon besonders früh, sich in seiner Familie durchzubeißen. Wenn die Familienmitglieder beim Abendessen zusammensitzen, muss er stets zusehen, nicht zu kurz zu kommen, denn es ist nie genug Brot oder Aufschnitt für alle da. Sicher, für die Mädchen werden meistens separate Teller mit genügend Abendbrot bereitgestellt. Aber unter den Jungs herrscht ganz klar Futterneid. So muss er häufig hungrig ins Bett gehen. An außergewöhnlich glücklichen Tagen haben seine Schwestern ihre Brote nicht aufgegessen, dann geben sie den Rest immer ihm. An solchen Tagen braucht er dann nicht hungrig schlafen. Es kommt zwar nicht so oft vor, aber dafür liebt er die beiden Mädchen besonders, schließlich geben sie die Reste immer nur ihm. Auch die Schwestern Lisa und Marie lieben ihn heiß und innig, denn Louis erzählt ihnen stets so schöne Abenteuer. Er hat sehr viel Phantasie. Er zieht sich, so oft es möglich ist, in die innere Phantasiewelt zurück, dabei schläft er manches Mal ein. Dort erscheinen ihm die eigenen Träume häufig extrem real, so echt und er kann in ihnen bestimmen was passiert. Am meisten gefallen den beiden seine Indianergeschichten. Louis hat eine sehr ausgeprägte Kreativität. Gelegentlich wenn er in der Nacht im Bett liegt, laufen ihm die tollsten Bilder durch den Kopf. Er zieht sich dann in die Phantasiewelt zurück, um die aufregendsten Ereignisse zu erleben, die ihn den tristen Alltag gerne vergessen lassen. Eines Abends verweilt er alleine im Zimmer auf dem Schlafplatz und soll einschlafen. Da er noch nicht so richtig müde ist, taucht er in die Gedankenwelt ein. Dabei denkt er sich eine Abenteuergeschichte aus.

Er ist, wie könnte es anders sein, mit den Gedanken im Wilden Westen gelandet. Er überlegt, wie wohl die Indianer abends zu Bett gehen? Zu Bett gehen, ist hier wohl auch das falsche Wort, schließlich schlafen die Rothäute ja im Zelt. Er stellt sich das eigene Tipi von innen vor. Es ist ein großes Wigwam. Er hat viel Platz in ihm. Der Schlafplatz besteht aus Fellen von Bisons. Sie sind kuscheliger sogar weicher, als er es selber dachte. Es liegt sich recht bequem im Schlafgemach.

Wie er so im Bett liegt, sich Detail um Detail ausdenkt, hat er das Gefühl zu fallen, sehr tief zu fallen. Er fällt in eine absolute Dunkelheit hinein. Es ist ein ganz schöner Sturz, doch er hat keine Angst davor, sondern fühlt sich im freien Fall trotzdem sehr sicher.

Er plumpst auf, und liegt jetzt tatsächlich im Indianerzelt. In diesem Moment ist er unsicher. Ist er eingeschlafen? Aber er kommt sich wach vor, alles fühlt sich so wach an. Jedoch ist er definitiv nicht mehr im Schlafzimmer, sondern im Indianerzelt. Dieses Wigwam hatte er sich doch eben im Bett liegend ausgedacht. Und jetzt liegt er ganz, in Wirklichkeit, im Zelt, auf dem Bisonfell? Wie kann das sein? Ist es jetzt ein Traum, oder ist es echt, was er da erlebt? Es kommt ihm jedenfalls richtig lebendig und wahr vor. So echt hatte sich bis hierher noch nie ein Schlaftraum angefühlt.

Draußen hört er Stimmen von anderen Indianern. Ein bisschen ist er selber überrascht, denn er kann die Indianersprache verstehen, oder sprechen sie gar in seiner Sprache? Das ist aber unmöglich! Er sieht im Zelt die Feuerstelle, aber es brennt kein Feuer. Es ist auch ohne Lagerfeuer warm genug. Als er, wie zur Kontrolle den eigenen Oberkörper anfasst, ist er nackt. Wo ist der Schlafanzug? Er ist zu 100 Prozent sicher ihn vor dem Zubettgehen angezogen zu haben.

Louis fällt ein, wie es die Leute im Fernsehen immer machen, wenn sie nicht wissen ob, sie wach sind oder ob sie am Schlafen sind. Sie ohrfeigen, oder sie kneifen sich. Also kneift er sich zur Kontrolle in den Arm. Ja, das kann er jetzt aber eindeutig fühlen! Ok, scheint mit Kneifen nicht zu funktionieren, also muss er sich eine Backpfeife geben. Da diese Ohrfeige ihn aus seinem Schlaf holen soll, muss er sicher sehr stark zuschlagen. Nun knallt er sich selber eine, mit voller Kraft. Er gibt sich selbst eine schallende Ohrfeige…….

Aua…………….,

das hat jetzt aber wirklich sehr weh getan!

Wie kann das nur sein?

Er muss doch träumen, denn wenn er sich umsieht, dann liegt er fortwährend im Indianerzelt. Soll er sich noch ein paar Backpfeifen hauen? Besser nicht, denn die Wange tut schließlich immer noch weh. Da wird eine zweite Ohrfeige sicherlich auch keine Änderung herbeiführen. Das ist komisch! Er weiß, dass es nicht sein kann, dass er im Tipi liegt, aber er hält sich ganz sicher in einem Zelt auf. Und er kann außerhalb weiterhin die Stimmen hören. Jetzt steht er auf, denn er will draußen nachsehen, wer da spricht. Da passiert es: Als er das Fell zur Seite wirft, sieht er sich, und ist abermals erschrocken, denn er ist viel größer, als er es in Erinnerung hat. Er ist mindestens genauso groß und kräftig wie die Brüder von ihm. Er schaut sich von oben bis unten an und sieht sich in Indianerkleidung. Auch die eigene Haut ist viel brauner als sonst. Er richtet den Körper auf und schaut sich in aller Ruhe an.

„Cool……………………..,

ich bin erwachsen und ein Indianer!“

Er ist ein echter Mann. Falsch, er ist ein richtiger Indianer.

„Wow, das glaubt mir keiner!

Na, meine Brüder können sich warm anziehen, denn denen werde ich es zeigen. Die schubsen mich nicht mehr einfach so umher.“

Zur weiteren Kontrolle spannt er die Muskeln an. „Wow…, bin ich kräftig, davon habe ich immer geträumt. Was ist das? Träume ich, bin ich wirklich wach?“

Noch eine Ohrfeige?

………Besser nicht, seine Wange tut weiterhin vom ersten Schlag weh. Kein Wunder, bei diesen Muskeln. Ich bin wach, sagt er selber zu sich. Nun will er draußen nachsehen, wer da spricht, und vielleicht können die da außerhalb ihm ja erklären, was mit ihm passiert ist. Er schlägt sein Zelt zur Seite und geht leicht gebückt nach außen. Es ist im Freien mittlerweile dunkel und er kann die Gestalten nur schemenhaft erkennen. Er sieht jetzt jede Menge Tipis. Es ist eher eine komplette Zeltstadt. Er geht auf die Personen zu, und will sie gerade fragen, was hier los ist, da ruft ihm schon einer zu:

„Da steckst du ja endlich! Wir haben schon die ganze Zeit auf dich gewartet. Wir haben es auch ein wenig eilig, denn die anderen sind schon bei der Versammlung und alle warten nur noch auf uns. Wir sind die Einzigen, die dort fehlen“.

„Mmmmh, die scheinen mich zu kennen!“

Er entschließt sich, erst einmal nichts zu fragen, sondern einfach mit ihnen zu gehen. Er ist sehr gespannt, wo sie hingehen und ob die anderen bei der Ansammlung ihn ebenfalls erkennen. Vielleicht verwechseln sie mich auch nur, ist schließlich ein wenig dunkel hier draußen. Sie marschieren zu viert auf ein besonders großes Zelt zu, in dem ein Feuer brennt. Er kann die Schatten von mindestens einem Dutzend weiterer Indianer erblicken. Sie betreten das Zelt und gehen hinein. Dort sitzen einige sehr alte Stammesmitglieder. Sie halten Ausschau nach dem Dorfältesten. Andere wiederum sehen nach Kriegern aus. Es ist ebenfalls ein Medizinmann dabei. Alle hocken im Schneidersitz im Kreis um das Lagerfeuer und scheinen sich zu beraten. Was soll ich hier bloß? Die begleitenden Indianer, die mit ihm zum Versammlungszelt gegangen sind, weisen ihm einen Platz zu. Dann setzen sich neben ihn. Es wird beratschlagt, wie sie mit einer Gefahr umgehen wollen. Sie haben in der Nähe ein Lager von Soldaten erspäht, sie müssen handeln, bevor ihre Lagerstätte von den Feinden entdeckt wird. Es bleibt für den Angriff nicht viel Zeit, denn sie sind nur einen knappen Tagesritt entfernt. Dabei wird eine so große Ansammlung von Indianerzelten bei ihnen sicherlich nicht unentdeckt bleiben! Jetzt wird Louis vom Dorfältesten gefragt, wie er die Lage beurteilt. Ich muss also mehr sein als ein normaler Indianer oder Krieger, ist sein erster Gedanke, weil er der einzige ist, der vom Ältesten direkt angesprochen wird.

„Wie cool ist das denn? Ich bin nicht nur Indianer, sondern auch noch ein wichtiger!“

Louis gibt den Rat, die Reiterarmee morgen am Tage anzugreifen, und zwar in einem Gebiet in dem sie sich gut auskennen, damit der

Überraschungsmoment auf ihrer Seite ist. Es wird noch viel über die Angriffstaktik gesprochen, bevor sich alle schlafen legen. Als Louis zurück zu seiner Unterkunft geht, und vom Eingang das Zelt zur Seite wirft, um erneut in gebückter Haltung ins Zelt zu gehen, macht er dabei einen großen Schritt. Aber statt festen Boden unter den Füßen zu spüren, fällt er schon wieder in ein schwarzes Loch. Auch dieses Mal fällt und fällt er sehr lange, bevor er im Bett landet, und es kaum glauben kann, wieder zurück im Kinderzimmer zu sein.

Es ist Morgen, und die Brüder sind bereits wach und ziehen sich an. Einer spricht ihn jetzt an, und gibt ihm dabei einen Klaps auf die Schulter.

„Hey Louis, guck nicht so blöde. Stehe endlich auf, du musst gleich zur Schule und hast nicht mehr viel Zeit.“

Er kapiert gerade gar nichts mehr. Was ist denn nun schon wieder? Eben noch im Indianerzelt und im nächsten Augenblick zurück in seinem Zimmer? Was ist denn nun die echte Wahrheit? Er schüttelt kurz den Kopf, steht auf, zieht sich an und begibt sich nach dem Frühstück auf zur Schule. Diese Geschichte wird ihm bestimmt niemand glauben. Er glaubt sie ja selber kaum!

Er weiß, er besitzt eine sehr lebhafte Phantasie, die er immer besonders blumig und lebendig erzählen kann. Die Freunde, sogar alle Schulkameraden mögen die Abenteuergeschichten. Aber das? Ist das überhaupt eine Geschichte? Es kam ihm alles so echt und real vor. So etwas hatte er noch nie erlebt.

Auch den Freunden ist durch die spannende Erzählform oft nicht klar, ob er sich die Abenteuer ausdenkt, oder ob er sie wirklich durchlebt. Es gelingt ihm dann auch meistens ihre kreativen Gedanken anzuregen, und er nimmt sie häufig ein Stück mit in seine Erzählungen. Das lieben ebenfalls die Kumpels. Somit verabreden sich seine Schulkameraden schon in der Schule mit ihm um am Nachmittag mit Louis auf Abenteuer und Entdeckungsreise zu gehen.

Von den Lehrkräften wird er als eigensinnig beschrieben. Er widerspricht gerne, und ist immer zu einer Diskussion bereit, da er manches im Unterricht hinterfragt. Er macht es nicht auf die Art, wie es ein Rebell machen würde, sondern geht viel leiser und einfühlsamer vor. Er scheint an allem interessiert und alles verstehen zu wollen. Sollte er etwas nicht einsehen, was häufig der Fall ist, dann meldet er sich, fragt den Klassenlehrer, nicht ohne das dieser vorher genervt die Augen verdreht, bevor er ihn drannimmt. Eigentlich stört er damit gar nicht den Schulunterricht. Die Lehrer müssten sogar froh darüber sein, dass ein Schüler aufmerksam den Lehrstoff verfolgt um bei aufkommenden Fragen, zu fragen. Aber sie sind eben auch nur Menschen, doch die ständige Nachfragerei zwischendurch sowie die Diskussionsbereitschaft nervt irgendwann auch die beste Lehrkraft. Die Mitschüler freuen sich jedes Mal, wenn sie sehen, dass sein Arm in die Höhe schnellt, weil erwartungsgemäß gleich eine Frage oder Diskussion folgt. Es ist stets eine willkommene Abwechslung vom tristen Unterrichtsstoff und kommt einer zusätzlich eingelegten Pause nahe. Sicher, es hat jetzt nicht zur Verbesserung der Zensuren beigetragen, sondern eher das Gegenteil bewirkt. Immer wenn es um die mündlichen Noten geht, wird von den Lehrkräften moniert, dass es nicht zum Unterricht beiträgt, was er verbal von sich gegeben hat. Das sieht Louis natürlich anders als die Lehrer.

Louis ist in der fünften Klasse, als er zum Geburtstag einen neuen Schulranzen geschenkt bekommt. Es ist ein echter Tornister, mit Bildern von, wie sollte es anders sein, Cowboys und Indianer darauf abgebildet, den er auf den Rücken tragen kann. Zuvor bekam er immer die ausgedienten Schultaschen der Geschwister, die zumeist schon beschädigt oder sehr abgenutzt aussahen. Es ist sowieso so, dass er extrem selten eigene und auch neue Kleidungsstücke beziehungsweise andere Sachen bekommt, denn die Eltern haben ständig wenig Geld und sind regelmäßig knapp bei Kasse. Bei den Hosen, von den Brüdern, ist es ihm egal. Jedoch bei den Schuhen die er aufträgt, hat es ihn am meisten gestört, weil die in der Regel wenig passgenau sind. Häufig sind die Schuhe zwei/ drei Schuhgrößen zu groß für die eigenen Füße, dann muss er zwei paar Socken übereinander anziehen. Aber jetzt und heute hat er seinen höchst persönlichen, niegelnagelneuen, unbenutzten Tornister erhalten. Dieser Schulranzen soll ihm bereits am ersten Tag besonders behilflich erscheinen, denn schließlich hat Louis durch den Ranzen einen entscheidenden Kampf gewonnen. Es ist auf dem Heimweg nach der Schule, wo er sich auf eine Rangelei mit Ralf eingelassen hat. Der Junge ist zwei Klassen über ihm und kann als deutlich kräftiger bezeichnet werden. Auf dem Schulhof gehört Ralf eher zu der Fraktion von Schülern, denen man besser aus dem Wege geht. Ist er doch zumeist übel gelaunt und immer für einen Streit mit anschließender Prügelei zu haben. Selbst vor Handgreiflichkeiten mit Mädchen macht er keinen Halt. Es ist irgendetwas belangloses, was die Auseinandersetzung zwischen ihm und Louis auslöst. Es ist nie viel notwendig, um mit ihm in eine Meinungsverschiedenheit mit folgender Rauferei hinein zu geraten. So auch an diesem Tag. Ralf fängt an, schuppt eine Klassenkameradin von Louis, die fällt auf ihre Knie und kann sich dem groben Verhalten nicht erwehren. Eine zweite Mitschülerin mischt sich ein. Sie wird ebenfalls von Ralf geschuppt. Als Louis das mitbekommt, läuft er schnell zur Hilfe. Er will es mit ihm ausdiskutieren, so wie er es im Unterricht auch immer mit den Lehrern macht. Doch Ralf lacht ihn nur aus, und beschimpft ihn als Weiber-Beschützer. Er ist Louis körperlich deutlich überlegen, und das weiß er auch. Aber Louis hat ja bekanntlich sechs große Brüder, die auch meistens sehr derb mit ihm umspringen. Somit hat er weder Respekt noch Angst vor dem Raufbold, und stellt sich ihm mutig entgegen. Ralf nimmt Anlauf, stürmt wutschnaubend auf ihn zu um ihn mit voller Kraft und Körpereinsatz umzuschubsen. Es sieht nahezu so aus, wie auf einem amerikanische Footballfeld. Ralf trifft mit ganzer Wucht auf ihn. Dabei erinnert er an ein Foodballspieler, der in kompletter Montur daherkommt. Dagegen sieht Louis wie ein Hänfling aus. Bei dem Aufprall gerät er ins Schleudern und driftet nach rechts. Er kann sich dennoch in letzter Millisekunde bei dem Angreifer festhalten und zieht ihn mit in seinen Fall hinein. Louis verliert das Gleichgewicht, kommt mit einer Drehung zu Fall, nicht aber ohne Ralf mit in den Fall hineinzuziehen. Durch die Drehbewegung reißt er ihn mit, dabei kommt Ralf ins Stolpern und fällt in dem Bewegungsablauf direkt unter ihm. Es schaut fast so aus, als wenn Louis diesen Sturz gekonnt so herbeiführte, was mitnichten stimmt. Es ist wohl eher ein Zufall. Nun liegt Louis auf Ralf und richtet sich auf, sodass er auf ihm sitzt und sich mit geballtem Griff an der Jacke fest greift. Er weiß von den zahlreichen Rangeleien mit den großen Brüdern genau was jetzt folgen wird. Der Gegner wird versuchen ihn von sich runter zu schuppen, um wieder die Oberhand zu erlangen. Nun bäumt sich Ralf mit aller Kraft auf, um ihn von sich herunter zu schleudern, ähnlich wie es ein wilder Hengst mit einem Rodeoreiter machen würde. Doch Louis hat ja am Morgen den neuen Schulranzen bekommen mit der Abbildung von einem waschechten Cowboy. Er hält sich mit beiden Händen, zu geballten Fäusten verkrampft, an der Regenjacke fest, und beugt sich für einen niedrigeren Schwerpunkt mit dem Oberkörper nach unten zu ihm. Da passiert es, der Tornister, randvoll gefüllt mit vielen Büchern und allerlei Heften, kommt ins Rutschen und gleitet in Richtung Ralfs Kopf. Gott sei Dank hatte er am Morgen die kompletten Schulbücher und Schulhefte in die Schultasche gepackt, weil er ausprobieren will, wie der Tornister, mit all den Sachen zu tragen ist. Dieser schwergewichtige Ranzen rutscht über den Rücken, trifft mit voller Wucht auf Ralfs Gesicht und verpasst ihm beinahe ein Knockout. Es ist ein schwerer Treffer, fast so, wie ein Schwergewichtsweltmeister im Boxen den Gegner in der zwölften und letzten Runde im Boxkampf treffen möchte. Ralf sieht nur noch Sterne, und weiß im Moment gar nicht was da eben abgelaufen und passiert ist. Doch er hat genug, und gibt sich direkt geschlagen. Er ruft sofort:

„Ist ja gut, du hast gewonnen, ich lasse die Mädchen und dich in Ruhe“.

Jetzt ist Louis selber erschrocken, weil er ebenfalls nicht richtig mitbekam, was geschehen ist. Aber er weiß genau, dass er die Kapitulation von Ralf schnell entgegennehmen muss, denn auf eine weitere Kraftprobe will er sich mit ihm auf gar keinen Fall einlassen. Ihm ist es egal, wie er siegte. Er fühlt sich wie ein würdiger Sieger, der nun von den Mädels gebührend gefeiert wird. Auch sie konnten im Eifer des Gefechts nicht erkennen, was da vor ihren Augen eben stattgefunden hat. Sie haben nur so viel mitbekommen, das Ralf wie ein Stier in einer Stierkampfarena, auf ihren Freund los gestürmt ist. Beide sind zu Boden gegangen, und im nuh ist der Kampf aus, weil Ralf sich ergeben hat. Für die Mädchen ist klar, Louis ist ihr neuer Held. Haben sie doch nie zuvor mitgekriegt, dass der Raufbold je besiegt wurde und so kleinlaut aufgab. Louis verfügt in ihrem Ansehen über Bärenkräfte, denn sonst hätte er die Rangelei gegen diesen Grobian niemals so schnell gewinnen können.

Sandra und Christine verabreden sich gleich für den Nachmittag mit ihm zum Spielen, denn nach der Aktion, wollen sie ihn näher kennenlernen und fühlen sich in seiner Gegenwart deutlich sicherer. Natürlich, Ralf würde von der Niederlage niemanden erzählen, aber dafür waren zu viele Mitschüler in Sichtweite dabei. Es ist klar, dass sich dieser Kampf spätestens am nächsten Tag in der Schule wie ein Lauffeuer verbreiten wird. Ralf wird nun mit dieser Schmach leben müssen. Er hat fortan zu großen Respekt vor Louis, um ihn noch ein weiteres Mal zu einer Kraftprobe herauszufordern und gegebenenfalls ein erneutes Mal gegen ihn zu verlieren. Schließlich hatte er ihn zu Boden gebracht und nur mit einem einzigen vermeintlichen Schlag außer Gefecht gesetzt.

Louis liebt schon am gleichen Morgen, als er den Ranzen zum Geburtstag geschenkt bekommt, seine neue Errungenschaft, doch jetzt nach dieser Aktion, nochmals umso mehr. Zuhause wird er aber lieber nichts vom Vorfall erzählen, um einer wahrscheinlichen Schimpfkanonade der Mutter zu entgehen. Sie würde sicher nicht verstehen, dass er sich eigentlich nur für die Mädchen einsetzen wollte, die Handlung sich verselbstständigte, und er sich ursprünglich auch nur zur Wehr setzte.