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ASCHENDORFF

CRIMETIME

M. ORD(T)SCHREIBER

TREFFER IN

TELGTE

KRIMINALROMAN

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Aschendorffs

EPUB-Edition

Vollständige E-Book-Ausgabe des im Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Umschlagabbildung: Heinrich Schwarze-Blanke

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Copyright © 2008/2012 Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG, Münster

ISBN der EPUB-Ausgabe: 978-3-402-19670-0

ISBN der Druckaugabe: 978-3-402-12782-7

Sie finden uns im Internet unter

www.aschendorff-buchverlag.de

Vorwort

Vorwort

Ein Krimi, der in Telgte spielt und von Telgtern geschrieb­en ist; und am Anfang weiß noch niemand, wie der Fall ausgeht – das versprach Spannung.

Das Kulturbüro der Stadt Telgte, die Westfälischen Nachrichten und die Volkshochschule haben diese Idee gemeinsam verfolgt. In einem VHS-Workshop entwickelten schreibfreudige Krimifans zusammen mit dem münsterschen Schrift­steller Jürgen Kehrer ein Ausgangsszenario für eine Geschichte, deren Dramaturgie fortan die Leserinnen und Leser der Westfälischen Nachrichten bestimmten. Denn über einen Zeitraum von fünf Monaten konnten sie Woche für Woche im Online-Auftritt der WN jeweils aus zwei Kapitel-Varianten auswählen. Der Vorschlag, der die meisten Stimmen bekam, bildete die Grundlage für das nächste Kapitel. So entstand ein Kriminalroman über Macht, Moral und Mord.

1

1.

Die Kälte kroch von unten hoch. Trotz der gefütterten Stiefel, die Horst Döring trug, verwandelten sich seine Füße in eisige Klumpen. Sein altes Leiden. Schon als Kind hatte er darunter gelitten. Wobei die Frotzeleien seiner Mitschüler fast noch schlimmer waren. Hotte mit den eiskalten Händen. Eishorst mit Sauerkraut. Der ganze Unsinn, den sich Pubertierende einfallen ließen. „Hast du nicht Angst, dass die Mädchen schockgefroren werden, wenn du ihnen …?“ Horst Döring kannte noch alle Witze, die jemals über ihn gemacht worden waren. Und er verabscheute seinen eigenen Körper, der auskühlte wie heißes Blei im Wasserglas, sobald die Lufttemperatur unter 15 Grad Celsius fiel.

Eigentlich hasste er auch die Jagd. Dass er hier im Wald mit einem Gewehr im Arm herumstand, lag an seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen. Daran, dass man von ihm erwartete, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Aber im Grunde hatte er nichts für dieses archaische Ritual übrig, bei dem zivilisierte Männer die Instinkte der Urzeit auslebten. Als gemeinsames Jagen dazu diente, die in der Höhle zurückgebliebene Horde zu ernähren. Nichts anderes machten sie an diesem Samstag in den Klatenbergen, ein paar Kilometer nördlich von Telgte. Nur ein bisschen kultivierter als in der Steinzeit. Mit Gewehren statt mit Speeren und Faustkeilen. Und mit Regeln, die besagten, dass er ausschließlich Frischlinge, bis zu einem Jahr alte Wildschweine, schießen durfte. Denn es war Anfang September, die Jagdsaison begann erst in einigen Monaten. Ausgenommen Drückjagden auf Wildschweine, um den Bestand zu reduzieren. Döring wischte sich einen Tropfen von der Nase. Seit einer halben Stunde lauerte er am Rand der Lichtung. Am Morgen, als er aus seinem Haus in der Herrenstraße getreten war, hatte er noch gehofft, dass es in den Klatenbergen ähnlich angenehm sein würde wie in der Telgter Innenstadt, die sich bereits für das große Fest rüstete. Mariä-Geburtsmarkt. In der nächsten Woche würden der Bürgermeister und er, Horst Döring, Baudezernent und Stellvertreter des Bürgermeisters, den Jahrmarkt eröffnen. Für Barbara, seine Frau, war das einer der großartigsten Momente im Jahr. Barbara liebte den Glamour und die repräsentativen Auftritte. Leider gab es davon in Telgte viel zu wenige. Deshalb lag sie ihm in den Ohren, das beschauliche Emsstädtchen so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Am besten in Richtung Düsseldorf oder Berlin. Wo es Einladungen zu festlichen Galas und feinen Abendgesellschaften nur so regnen würde. Falls er den nächsten Sprung auf der Karriereleiter schaffte. Den längst überfälligen, wie Barbara immer öfter und giftiger bemerkte. Aber Döring gefiel es in Telgte. Und insgeheim hatte er sich damit abgefunden, dass es nicht weiter aufwärts gehen würde. Er war jetzt Anfang 50 und kein Hoffnungsträger mehr, mit dem sich Staat machen ließ. Die dynamischen 30-Jährigen zogen an ihm vorbei, warfen mit ihrem Business-Englisch um sich, dass er sich vorkam wie ein Relikt der Kohl-Ära.

Nein, der Zug war abgefahren. Er erhielt den Schein aufrecht, sang weiter im Männerchor und ging zur Jagd, als sei nichts geschehen. Erledigte öffentliche Termine ebenso wie die Routinearbeit im Rathaus. Niemand bemerkte den Bruch, den es in seinem Leben gegeben hatte.

Nur Barbara vielleicht. Erst gestern hatte er gesehen, wie sie an seiner Kleidung schnüffelte. Hatte sie etwas gerochen? Nickis Parfüm womöglich? Dass er abends und an den Wochenenden häufig unterwegs war, sich mit Politikern, Journalisten und Unternehmern in Kneipen und Hinterzimmern traf, gehörte zu seinem Job. Doch in den letzten Wochen war er selten vor 24 Uhr nach Hause gekommen. Und das lag nicht an irgendwelchen mehr oder weniger offiziellen Gesprächen, sondern an Nicki. Der herrlichen, wunderbaren Nicki. An ihrer Haut, die an Schokoladeneis erinnerte, an ihrem schlanken, straffen Körper, mit dem sie ihn umschlang, an den liebevollen Worten, die sie ihm ins Ohr flüsterte. Es war ein Traum. Ein Traum, aus dem er nie wieder aufwachen wollte. Anfangs war er misstrauisch gewesen, hatte nicht glauben können, dass sich die 20-jährige Malerin, der fast alle Männer hinterher starrten, ausgerechnet in ihn, Horst Döring, verliebt hatte. Der Altersunterschied war einfach zu groß, die Lebensanschauungen zu unterschiedlich. Doch schon bald hatte er verstanden, dass Nickis Gefühle für ihn echt waren, dass sie es ernst meinte, sich nicht bloß beweisen wollte, dass sie jeden Mann rumkriegte. Von da an hatte er jede Sekunde mit Nicki genossen. Schmerzhaft waren nur die Momente des Abschieds. Sein Doppelleben, das ihn zwang, zu der ungeliebten Frau ins Ehebett zu steigen.

Im Gebüsch auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung knackte es. Döring hob das Gewehr. Ein Keiler brach aus dem Unterholz, drehte suchend seinen riesigen Kopf, der halslos in den gedrungenen, massigen Körper überging. Döring behielt das Gewehr oben und zielte auf den Keiler, der jetzt zu ihm herüberblickte. Die rot leuchtende Warnweste konnte das Tier wegen seiner Farbenblindheit nicht erkennen, trotzdem erahnte es wohl die Gefahr, die von dem Jäger ausging. Mit trippelnden Schritten rannte das Schwein seitlich weg.

Von Nicki hatte Döring sogar gelernt, die Natur mit anderen Augen zu sehen. Stundenlang waren sie in den Klatenbergen und im Heidbusch spazieren gegangen. Nicki hatte ihm Pflanzen gezeigt, die ihm bis dahin noch nie aufgefallen waren. Sie liebte es, durch die Wälder, Felder und Wiesen zu streifen. Ihre Begeisterung für die kleinen Paradiese rund um Telgte berührte Döring. Bislang hatte er die Natur nur unter den Aspekten der Nützlichkeit und der Bebaubarkeit betrachtet. Seine Gedankenwelt gliederte sich in Tonnen, bebaute Quadratmeter und Fahrzeugbewegungen. Den Wert eines Wäldchens, eines Biotops, einer intakten Umgebung hatte er nie in Betracht gezogen. Erst mit Nickis Hilfe war ihm klar geworden, was für ein Kahlschlag die neue Umgehungsstraße bedeuten würde. Als Baudezernent konnte er diese Tangente nicht verhindern. Er war politischer Beamter, nicht Entscheidungsträger. Der Beschluss, die Straße zu bauen, fiel im Stadtrat. Aber er hatte es in der Hand, auf Gefahren und Probleme hinzuweisen, das Prüfverfahren zu verzögern, die Planung so kompliziert zu machen, dass sie womöglich ein paar Jahre auf Eis lag. Bis, ja, bis ein Sinneswandel im Stadtrat oder eine neue Mehrheit das ganze Projekt kippen würde.

In der vergangenen Woche hatte Döring einen ersten Versuchsballon gestartet. Das Erstaunen beim Bürgermeister und den Fraktionsvorsitzenden, als er seine Bedenken gegen die geplante Umgehung äußerte, war nicht zu übersehen gewesen. Und offenbar hatten einige der beteiligten Herren anschließend nichts Besseres zu tun gehabt, als die Nachricht über Dörings Sinneswandel sofort zu streuen. Denn am nächsten Tag klingelte das Telefon auf seinem Schreibtisch fast ohne Pause. Bauern und Bauunternehmer erkundigten sich, ob es zu Verzögerungen kommen könne. Die Angst, den fetten Gewinn beim Verkauf von Grundstücken oder bei der Erteilung von Bauaufträgen zu verlieren, kroch förmlich aus dem Telefonhörer. Döring hielt sich jedoch bedeckt. Sollten sie ruhig eine Weile zappeln und um ihre Geschäfte bangen. Seine Taktik der kleinen Nadelstiche sah vor, dass er die Katze erst nach und nach aus dem Sack ließ.

Eine Bache mit drei Frischlingen trat aus der Dickung. Döring zielte auf die Gruppe, schoss aber noch nicht. Ein paar Meter neben Döring brach ein trockener Ast. Der Baudezernent fuhr herum. Er sah Stiefel und einen Gewehrlauf. Was um Himmels willen wollte dieser Idiot hier? Der Jagdleiter hatte die Wechsel eingeteilt und auf die Sicherheitsbestimmungen hingewiesen. Keiner der Jäger durfte seinen Stand verlassen – schon deshalb, um nicht in den Schusskorridor eines anderen Schützen zu geraten.

„Hey!“, rief Döring. „Was machen Sie hier?“ Der Gewehrlauf senkte sich nicht, er schwenkte jetzt genau in die Richtung des Rufenden. Noch immer konnte Döring nicht erkennen, wer sich ihm näherte.

„Sind Sie verrückt?“, brüllte Döring. „Ich …“ Seine Stimme wurde vom satten Knall des Schusses übertönt.

Die Luft schien warm und schwer, obgleich sie erst seit einigen Stunden von der Sonne erhitzt wurde. Joachim Grüngräber war mit dem Fahrrad auf dem Weg zum Wasserwerk, seinem Arbeitsplatz. Auch an einem Sonntag musste dort jemand nach dem Rechten sehen. Schnell fuhr er über den schattigen Boden der Klatenberge. Zwischen den Bäumen schwirrten Mücken. Vergeblich versuchte er, sie durch lächerlich wirkende Armbewegungen von seinem Gesicht fernzuhalten.

Er liebte die geruchlose Luft am Morgen, die um diese Uhrzeit normalerweise seine Lungen füllte. Sie ordnete das Chaos in seinem Kopf, besonders nach solch langen Nächten wie der letzten. Denn am Abend zuvor hatte er nach der Drückjagd noch lange mit seinen Kumpels zusammengesessen. Nur Horst Döring war nicht mehr zum Umtrunk erschienen.

Doch heute war etwas anders als sonst. Die Luft war fast zu schwer zum Atmen. Schon seit er von seinem Haus in der Vogelsiedlung losgefahren war, klebte Grüngräbers T-Shirt klamm vom Schweiß zwischen der Jacke und seinem Rücken.

Unter den Reifen seines Fahrrads brach ein Ast. Das Knacken riss ihn aus den Gedanken und lenkte seine Augen auf die Umgebung. Der Himmel war blau, es versprach ein schöner Spätsommertag zu werden. Kaum ein Auto war unterwegs. Die Sonntagsausflügler würden aber noch kommen, so viel stand fest. Grüngräber waren sie lästig, diese Gut-Wetter-Frohnaturen, die nur nach draußen kamen, wenn die Sonne sie mit ihren Strahlen kitzelte. Er selbst war auch bei Regen und schlechtem Wetter gerne in der Natur, besonders dann.

Nach der letzten Kurve sah er das Wasserwerk: das aus den 50er Jahren stammende Hauptgebäude, die beiden mit Gras bewachsenen Hügel, unter denen sich ein Wasserspeicher und der Reinwasserbehälter befanden, die zwei rechteckigen Absetzbecken. Während er seine Taschen durchsuchte, um die Schlüssel für das große Tor zu finden, beobachtete er das Gelände. Alles war ruhig an diesem Morgen, denn keiner außer ihm hatte Frühdienst.

Er schloss das Tor auf. Es quietschte in der Angel, er würde es gleich ölen müssen. Noch auf dem Weg ins Haus öffnete er seinen Reißverschluss und zog die dünne Jacke aus. An seinem Spind tauschte er sie gegen einen Overall. Wie an jedem Morgen musste Grüngräber zuerst das Reinwasserbecken überprüfen. Randvoll mit zwei Millionen Litern dieses kostbaren Gutes.

Nur regelmäßige Kontrollen gewährleisteten eine hohe Qualität des Wassers und die Zufriedenheit der Kunden. Auf dem Weg dorthin ließ er seinen Blick über das rostig-braune Wasser der Absetzbecken schweifen. Irgendetwas war anders. Es musste an den Augen liegen. An den Augen, die ihm aus dem Wasser leer entgegenstarrten.

2

2.

Jochen Kroll wachte einige Kilometer südlich von Telgte mit Rückenschmerzen auf. Wie jeden Morgen. Mürrisch versuchte er, eine entspannte Liegeposition zu finden. Vergeblich. Er stand auf, reckte sich und huschte ins Bad. Nach einer kurzen heißen Dusche ging er zurück ins Schlafzimmer und fischte die Sachen vom Herrendiener, die seine Frau ihm ausgesucht hatte. Heute war es ein dunkelblauer Anzug mit passendem Schlips. Als Anwalt für Wirtschaftsrecht und Notar müsse Jochen Kroll auf sein Äußeres achten, sagte seine Frau.

„Der Kaffee wird kalt“, rief sie aus der Küche, und wie immer: „Beeil dich bitte.“ Dabei war es eigentlich völlig egal, ob er ein paar Minuten früher oder später ins Büro kam. Schließlich war heute Sonntag. Suse Woltner, eine junge Studentin, die gelegentlich in seiner Kanzlei aushalf, würde sowieso schon da sein, ebenfalls Kaffee gekocht haben und hoffentlich einen ihrer tief ausgeschnittenen Pullover tragen. An manchen Tagen war der verstohlene Blick in das Dekolleté seiner Mitarbeiterin das einzig Aufregende in Krolls Anwaltsdasein. Denn er war kein guter Jurist. Eigentlich konnte er nichts richtig gut. Würde sein Vater Herbert ihm nicht regelmäßig Mandanten zuschustern und größere Geldbeträge überweisen, er wäre schon längst bankrott. Auch den schicken Bungalow in Telgtes Randlage und die Kanzlei am Marktplatz hatte Kroll senior seinem Sohn nach dem bestandenen zweiten Staatsexamen feierlich überschrieben und geschenkt. Jochen Kroll ahnte bis heute nicht, dass sein Vater sogar bei seinem Staatsexamen die Finger im Spiel gehabt hatte. Wie bei einer Marionette zog der alte Patriarch aus seiner großen Villa in Düsseldorf die Fäden und ließ den eigenen Sohn nach seinen Regeln tanzen.

Jochen Kroll trank seinen lauwarmen Kaffee, knabberte an dem Toast, den seine Frau ihm gemacht hatte. Es war acht Uhr. Wie gewöhnlich schwiegen sie sich an. Flüchtig drückte er ihr beim Abschied einen Kuss auf die Wange, schnappte sich seine Aktentasche und den leichten Mantel und ging in die Garage. Sein Blick fiel auf die dreckigen Gummistiefel, die er bei der Jagd am Tag zuvor getragen hatte. Er rüttelte kurz am Schloss des Waffenschranks, wie er es jeden Tag aus Gewohnheit tat. Er stutzte. Das Schloss war nicht verriegelt. Er war sich fast sicher, es am Abend vorher abgeschlossen zu haben. Sofort perlte ihm der Schweiß auf der Stirn. Hastig überflog er den Inhalt des Schranks, doch es fehlte nichts. Seine fünf sündhaft teuren Gewehre standen geputzt und geölt in Reih´ und Glied. Liebevoll glitten seine Finger über die kalten Läufe, dann ließ er mit leichtem Kopfschütteln das Schloss zuschnappen und fuhr in sein Büro. Den blauen, dachte er. Sie trägt den blauen.

Den Telefonhörer ans Ohr geklemmt – offensichtlich ein Privatgespräch – saß Suse Woltner an ihrem Schreibtisch im Vorzimmer der Kanzlei. Jochen Kroll grinste sie an. Na also. Doch kein so schlechter Tag. Sie trug den extrem tief ausgeschnittenen blauen Pullover und darunter einen schwarzen Spitzen-BH, der ihre Formen herrlich betonte.

„Einen Moment, bitte“ sagte sie freundlich ins Telefon, deckte den Hörer mit einer Hand zu und lächelte ihren Chef an. „Guten Morgen!“

„Ja, ja. Bringen Sie mir bitte die Akte Umgehungsstraße!“ Im Vorbeigehen warf Kroll einen weiteren Blick auf die Rundungen der 21-jährigen Studentin, die für ein halbes Jahr vormittags bei ihm jobbte, um ihr Studium zu finanzieren. Er arbeitete eigentlich ganz gern sonntags, weil keine Anrufe störten und er sich nicht mit seiner Frau langweilen musste. Heute war auch Suse gekommen, weil sie gemeinsam Verträge vorbereiten mussten. Die Zeit drängte.

Sie brachte ihm die Akte und einen heißen Kaffee, dann ging sie wieder, und er war allein. Allein mit seiner Akte. Seinem Coup für die nächsten zwei bis drei Jahre. Wenn alles klappte. Doch seine Chancen standen seit kurzer Zeit nicht mehr so gut. Wie immer sah es so aus, als würde ihm das Schicksal kurz vor dem Ziel noch Steine in den Weg legen. Über drei Jahre lang hatte er seine ganze Energie darauf konzentriert, als Gewinner beim Bau der neuen Umgehungsstraße dazustehen. Er hatte gefleht und gebettelt, geschmeichelt und bestochen. Am Ende hatte er tatsächlich ein gutes Dutzend Mandanten, die den Verkauf ihrer zum Teil bebauten Grundstücke an den Bund über seine Anwaltskanzlei abwickeln lassen wollten. Es ging um Millionen, und ein schöner Prozentsatz davon würde in seine Tasche wandern. Endlich einmal würde sein Vater stolz auf ihn sein. Wenn nicht… Sein Gesicht verdüsterte sich bei dem Gedanken an den letzten Mittwoch. Wie eine Bombe war die Nachricht eingeschlagen. Und Schuld daran war nur dieses kleine Flittchen, diese Öko-Tusse, diese miese kleine Schlampe. Mit der Faust schlug er auf den Tisch. Er musste sich beruhigen, musste nachdenken. Er ging ans Fenster und schaute auf den kopfsteingepflasterten Marktplatz mit dem bronzenen Ausrufer, der Wind und Wetter trotzte. Wie immer saß ein Stück weiter der alte Trottel auf seiner Bank unter der Kastanie am Alten Rathaus und beobachtete die Leute.

Verzweifelt setzte Jochen Kroll sich wieder an seinen Schreibtisch. Wieso nur musste Döring umfallen? Die ganze Zeit über schien alles klar zu sein. Während einer gemeinsamen Jagd im letzten Herbst hatte er Kroll gegenüber durch die Blume zu verstehen gegeben, dass einem Bau der Umgehungsstraße nichts mehr im Wege stehen würde. Und jetzt das. Der plötzliche Rückzieher letzten Mittwoch. Aus heiterem Himmel. Am liebsten würde er der kleinen Schlampe Nicki eine Ladung Schrot in ihr schönes Gesicht feuern. Ohne Zweifel war sie es, die Döring zum Umdenken gebracht hatte. Der Gedanke daran gefiel ihm so sehr, dass er sich ihr Gesicht vorstellte und mit einem imaginären Gewehr darauf anlegte, zielte und abdrückte. Peng. In dem Moment klopfte es an seiner Tür.„Was denn?“, brüllte er in den Raum. Suse Woltner streckte ihren schönen Oberkörper durch die Tür. Sie schien etwas blasser als sonst zu sein.

„Entschuldigung, aber Herr Grüngräber ist am Telefon. Er ist ganz aufgeregt und sagt, es sei wichtig. Es geht um Horst Döring.“

Jochen Kroll nickte und wartete, bis Suse Woltner sein Büro verlassen hatte. Dann nahm er den Hörer ab. „Joachim, was gibt’s?“

„Du wirst es nicht glauben, aber Döring ist tot. Erschossen. Gestern. Ich …“

„Was? Tot? Woher weißt du das?“

„Ich habe ihn gefunden, heute morgen, oh Gott, es war schrecklich, er lag im Wasserwerk.“ Kroll war plötzlich ganz aufgeregt. Döring tot! Was für ein Glück – vielleicht wendete sich doch noch alles zum Guten. Liebevoll streichelte er den ledernen Deckel seiner Akte.

„Kein schöner Anblick“, sagte Karin Jochimsen mit ihrer Reibeisenstimme und trat eine Zigarette neben dem Leichenwagen aus. Das Geräusch, mit dem der Reißverschluss des Leichensacks zugezogen wurde, hatte etwas Endgültiges. Die Kriminalhauptkommissarin aus Münster sah sich außerhalb der Polizeiabsperrung um. Innerhalb des abgesperrten Bereiches wimmelte es von Technikern der KTU. Sie stöhnte.

„Keine Zeugen, jede Wette. Zu einsam hier. Abwarten, ob die Spurensicherung was herausfindet. Und was der Herr Gerichtsmediziner sagt.“

Sie sah ihren jungen Kollegen Dirks an und fischte eine weitere Zigarette aus ihrer viel zu warmen Jacke. „Na, Michael, was haben wir bis jetzt?“, fragte sie und inhalierte tief.Mit seinen 34 Jahren hatte Michael Dirks zwar schon zehn Jahre Polizeidienst hinter sich, doch dieser Fall war sein erster Mord. Üblicherweise jagte er Graffiti-Sprayer, jugendliche Einbrecher, die Musikinstrumente aus der Musikschule stahlen, oder Handtaschendiebe in Telgtes Innenstadt.

„Tja“, sagte er und schaute auf seine dreckigen Schuhe. „Der Tote heißt Horst Döring, 52 Jahre alt und verheiratet. Keine Kinder. Er war Baudezernent und stellver…“

„Kollege Dirks.“ Karin Jochimsen klang ungeduldig. „Die Tat. Was wissen wir über die Tat?“

„Nichts – ich meine natürlich nicht nichts, sondern …“ Er sah seine 13 Jahre ältere und in Sachen Mord viel erfahrenere Kollegin an. „Tut mir leid, das ist mein erster Mord, was meinen Sie?“

Ein Hauch von Mitleid huschte über ihr Gesicht, dann lächelte sie und fügte den drei Zigarettenstummeln zu ihren Füßen einen weiteren hinzu. „Horst Döring war gestern einer von acht Jägern. Die Jagd dauerte drei Stunden. In etwa. Er wurde also während oder nach der Jagd erschossen. Vermutlich aber während der Jagd, weil ein Schuss danach zu auffällig gewesen wäre. Der oder die Täter haben ihn sofort oder später zum Wasserwerk geschafft. Wo man ihn mit Sicherheit schnell finden würde. Schnell finden sollte. Es sei denn, der oder die Mörder wussten nicht, dass Grüngräber jeden Tag im Wasserwerk nach dem Rechten schaut. Keiner der acht Jäger hat ein wasserdichtes Alibi. Jeder hatte die Möglichkeit, seinen Platz zu verlassen. Auch ein Außenstehender könnte die Tat begangen haben, obwohl das eher unwahrscheinlich ist. Zu riskant zwischen all den Treibern und Jägern. Aber nicht unmöglich. Die Untersuchung der verwendeten Gewehre wird zeigen, ob damit die Tat verübt wurde. Glaube ich aber nicht – das wäre schon ein dummer Mörder oder eine Tat im Affekt.“ Karin Jochimsen schaute zu Dirks auf. „Und?“

Michael Dirks war beeindruckt. Diese unscheinbare kleine Kommissarin mit den zum Dutt gebundenen grauen Haaren würde in Telgte auf Mörderjagd gehen.

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