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ASCHENDORFF

CRIMETIME

HEINRICH PEUCKMANN

AUS DEM NICHTS

KRIMINALROMAN

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Aschendorffs

EPUB-Edition

Vollständige E-Book-Ausgabe des im Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Copyright © 2011/2012 Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG, Münster

ISBN der EPUB-Ausgabe: 978-3-402-19666-3

ISBN der Druckaugabe: 978-3-402-12933-3

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www.aschendorff-buchverlag.de

1

1.

Als Anselm Becker die Wohnung in der Wilmergasse verlassen hatte, schob er den Kinderwagen direkt hinüber zum Prinzipalmarkt. Er wusste selbst nicht, warum er den Wagen unbedingt durch die Stadtmitte von Münster schieben wollte, wo es laut und hektisch zuging. Der kleine Robin schlief nämlich entspannt und friedlich, so dass ein Spaziergang um den ruhigen Aasee entschieden besser wäre. Tanja hatte Anselm das auch vorgeschlagen, dann aber hinzugefügt: „Geh am besten daher, wo es auch für dich was zu gucken gibt, sonst langweilst du dich noch.“

Am Prinzipalmarkt, so viel war sicher, gab es auf jeden Fall etwas zu gucken, gerade an einem warmen Samstag wie diesem. Anselm fragte sich aber, während er den Kinderwagen elegant an entgegenkommenden Passanten vorbei schob, ob er seine Entscheidung noch aus einem anderen Grund getroffen hatte.

Schaut her, ich bin Vater geworden. Fast 43 Jahre alt musste ich dafür werden, aber jetzt ist er da, der Kleine. Ist er nicht süß?

Ganz sicher, ob das bei seiner Entscheidung nicht auch eine Rolle gespielt hatte, war er sich nicht.

Allerdings, wenn es so wäre, wäre es Blödsinn. Abgesehen von ein paar Freundinnen von Tanja, die Robin längst bewundert hatten, kannte er niemanden in Münster. Wenn er den Kinderwagen durch Dortmund schieben würde, dann wäre das etwas anderes. Da kannte ihn die Hälfte aller Polizisten, da kannte ihn vor allem seine Kundschaft, die Ganoven der Stadt. Anselm musste schmunzeln bei dem Gedanken, was die wohl sagen würden zu dem kleinen Robin.

„Oh, Herr Kommissar, Nachwuchs bekommen?“

Mit einem Grinsen auf den Lippen würden sie das fragen, aber ein bisschen würde ihr Interesse auch ernst gemeint sein. So harte Knochen, dass ein Baby sie unberührt lassen würde, waren sie auch nicht. Die meisten jedenfalls nicht.

Er wechselte die Straßenseite und schob den Kinderwagen unter die Bögen am Prinzipalmarkt. Der Blick hinauf zu Lamberti wurde für einen Moment frei. Ja, die Körbe hingen noch dort oben. Immer, wenn er hier vorbeikam, musste er hinaufblicken, immer erfasste ihn dann ein leichtes Gruseln. Da hinein hatte die Kirche die geschundenen, gevierteilten Leichen der Wiedertäufer legen lassen, frei gegeben zum Fraß für die Vögel. Vogelfrei.

Er senkte rasch wieder den Blick und schaute hinüber zu den Passanten. Es waren viele, die an diesem Samstagnachmittag an den Auslagen vorbeiliefen. Ob ihnen da ein Mann in mittleren Jahren mit einem Kinderwagen überhaupt auffiel? Und wenn ja, was würden sie denken? Womöglich, dass ein Großvater mit seinem Enkel unterwegs wäre? Nein, das würden sie nicht. Münster war eine Unistadt, sehr viel mehr als es Dortmund war, deren Uni am Rand lag und das Stadtbild kaum prägte. Die lange akademische Ausbildung bewirkte, dass hier viele erst sehr spät mit dem Kinderkriegen anfingen. In Dortmund, ja, da würden einige vielleicht denken, dass er der Großvater wäre, in der Nordstadt ganz bestimmt sogar. Da war man in seinem Alter schon alt, einige hatten das Leben im Prinzip hinter sich.

Hier tickten die Uhren anders. Hier würde man ihn womöglich in die Riege der Unidozenten einordnen und als spät berufenen Vater verstehen. Keine schlechte Einordnung, dachte er. Obwohl er mit der leicht abgerissenen Lederjacke und den Jeans nicht unbedingt wie ein Unidozent aussah. Oder vielleicht doch? Als er vor vielen Jahren seine paar Semester an der Uni in Bochum studiert hatte, bevor er zur Polizei gegangen war, hatten Dozenten und Professoren in Anzügen unterrichtet. Aber auch bei denen hatte sich inzwischen was geändert, wie er bei einer Ermittlung festgestellt hatte. Bei einem Diebstahl an der Uni hatte er kürzlich zwei Professoren befragen müssen, die ihm beide in Jeanshose, der eine noch dazu in ausgebeultem Pullover, entgegengetreten waren, während der andere immerhin ein dunkelblaues Jackett trug.

Er merkte plötzlich, dass Robin wach geworden war. Strahlend blaue Augen sahen ihn an, Anselm musste lächeln. Sollen doch alle denken, was sie wollen, dieser Anblick war durch nichts zu bezahlen. Immer wenn der Kleine ihn so ansah, schlug Anselms Herz höher.

„Wir beide“, sagte er und beugte sich vor, so dass ihn der Kleine noch besser sehen konnte, „wir werden ein Team, glaub mir das.“

Der Kleine strahlte und schlug vor Freude mit den Händen auf das Oberkissen.

„Natürlich zusammen mit deiner Mama“, ergänzte Anselm, „die dürfen wir nicht vergessen.“

Von Lamberti erklangen in diesem Moment vier tiefe Glockenschläge. Robins Lächeln erlosch, aufmerksam lauschte er, dann verzog sich sein Gesicht zu einem weinerlichen Ausdruck.

Um Gottes Willen, brüll jetzt bloß nicht los!

Aber im nächsten Augenblick fing er auch schon an zu schreien. Anselm guckte strafend zu Lamberti hoch. Verdammte Glocke, musste sie den Kleinen so erschrecken?

Er begann, den Kinderwagen zu schaukeln, der Kleine schrie lauter.

„Psst, psst, psst“, machte Anselm, „aber Robin, wer wird denn gleich …?“

Das Gesicht des Kleinen verfärbte sich krebsrot.

Um Gottes Willen, fuhr es Anselm durch den Kopf, es ist ja schon vier Uhr. Dann hat er seit über drei Stunden nichts gegessen, also lag es gar nicht an Lamberti. Schlagartig wurde ihm klar, dass es jetzt nur noch einen Ausweg gab. Nach Hause, so schnell wie möglich zurück in die Wilmergasse!

Er wendete den Kinderwagen und rannte los.

„Hoppla!“, rief eine Frau, der er beinahe über die Zehen gefahren wäre, „je öller, je döller!“

Anselm ließ sich nicht aufhalten. Blöde Kuh, was sollte das heißen, je öller, je döller? Wollte sie etwa sagen, dass er ein alter Sack war? Egal, was zählte, war jetzt einzig der Kleine, und dass er so schnell wie möglich die Brust bekam. Anselm rannte, der Kleine schrie. Wie der Anschieber beim Bobfahren kam er sich vor, nur dass der Kleine nicht der Steuermann war, sondern Anselm das auch noch übernehmen musste.

„Vorsicht!“, rief ein Mann und sprang im letzten Moment zur Seite, als Anselm angesaust kam und es nicht mehr schaffte, auszuweichen. Er ließ sich vom Schimpfen des Mannes nicht beirren, sondern versuchte, noch schneller zu laufen. Jetzt kam er langsam in die Nähe der Wilmergasse, der Kleine brüllte so ausdauernd, dass Anselm glaubte, er würde ersticken.

„Aber Robin, brüll doch nicht so, wir sind ja gleich da“, keuchte Anselm. Der Kleine beruhigte sich nicht. Es war unklar, ob er bei seiner Brüllerei überhaupt Anselms Stimme gehört hatte.

Anselm bog um eine Häuserecke, da war die Wohnung von Tanja, er musste nur noch die Straße überqueren. Im selben Moment wurde die Haustür aufgerissen, Tanja kam ihm entgegen. Sie hob den Kleinen aus dem Wagen und wiegte ihn in ihren Armen. Im selben Moment hörte er auf zu schreien.

Anselm ließ sich auf eine Treppenstufe fallen, Schweiß rann ihm über die Stirn.

Tanja sah es und lachte. „Ich hab das Gebrüll schon von weitem gehört und wusste sofort, dass ihr das seid.“ Dann lachte sie noch lauter, während sie den Kleinen an sich drückte.

„Sehr witzig. Hab ich etwa gebrüllt?“

„Nun komm, sei jetzt nicht ärgerlich. Wenn er doch Hunger hat, der Kleine …“

Anselm wischte sich über die Stirn. „Dann gib ihm jetzt die Brust. Noch mal so eine Brüllerei und ich bin fertig.“

Kinder, stellte er fest, als er kurz drauf im Liegestuhl auf dem kleinen Balkon saß, brauchen eine feste Ordnung. Gedanken eines Spießers waren das, hätte er früher gedacht, nun musste er feststellen, dass doch etwas daran war. Aber nicht übertreiben dabei, dachte er, das bloß nicht. Ein richtiger Spießer, der fanatisch auf Ordnung achtete, wollte er auf keinen Fall werden.

2

2.

Er war weit ins Sauerland hinein gefahren bis zum Arnsberger Wald. Dort hatte er lange nach einem abgelegenen Feldweg gesucht, wo er das Auto parken konnte. Es war wichtig, diesen Platz genau auszusuchen. Einerseits sollten möglichst wenige Leute den Wagen sehen, er musste ihn also so diskret wie möglich parken, andererseits durfte es nicht so wirken, als wollte er ihn verstecken. Dadurch würde er Spaziergängern, die sich an diesem warmen Samstag aufgemacht hatten, erst recht auffallen. Schließlich glaubte er, eine gute Lösung gefunden zu haben. Es war ein Feldweg in direkter Nähe zum Wald, gut hundert Meter entfernt von der Hauptstraße und vor allem nicht einsehbar von dort aus.

Nach dem Aussteigen schaute er sich erst einmal um. Noch sah für einen Spaziergänger alles so aus, als wollte hier jemand eine kleine Verschnaufpause einlegen, um danach weiter zu fahren. Vor ihm glitzerte im Sonnenlicht das Roggenfeld, dessen Ähren sacht im Wind wogten. Hinter ihm stand eine Reihe Eichen, die den Wald begrenzten. Nein, es war niemand zu sehen, er war allein hier.

Er öffnete die Heckklappe und holte die längliche Tasche heraus, dann ging er ein Stück den Feldweg entlang, bevor er in den Wald einbog. Die Sonne schimmerte durch das Blätterdach, so dass es sehr hell war. Genau richtig für seinen Plan.

Weit ging er in den Wald hinein, sich immer wieder umblickend. Irgendwann sprang ein Reh aus dem Gebüsch, im ersten Moment war er zu Tode erschrocken, dann atmete er erleichtert auf und ging weiter. Dabei achtete er immer darauf, dass er die Orientierung nicht verlor. Es war wichtig, nachher auf schnellstem Wege zurück zum Auto zu finden.

Aber er schaffte es, schließlich hatte er inzwischen Routine und wusste genau, worauf er achten musste. Endlich hatte er das Gefühl, weit genug vom Feldweg und von der Hauptstraße entfernt zu sein. Er blickte sich um. Nein, von hier aus konnte er nicht mehr gehört werden. Dahinten, der vermodernde Baumstamm, war ein gutes Ziel. Er zog die Handschuhe an, dann den Reißverschluss der Tasche auf und holte das Gewehr heraus. Es war geladen, er musste es nur entsichern, dann konnte er anfangen.

Er kniff ein Auge zu und zielte auf eine Astgabelung am Stamm. Ein Schuss peitschte durch den Wald, er hob den Blick und merkte, dass er das Ziel verfehlt hatte. Wahrscheinlich nur knapp, aber genau konnte er das nicht feststellen.

Vor dem zweiten Versuch ließ er sich Zeit und lauschte. Näherte sich jemand von irgendwoher? Vor ein paar Tagen, bei einem Versuch im Schwerter Wald, war plötzlich ein Mann aufgetaucht, mitten im Wald. Er hatte Gewehr und Tasche schnell in einem Gebüsch versteckt, hatte sich wie ein erschöpfter Wanderer auf einen Baumstamm gesetzt und den Mann vorbeigehen lassen. Der Mann hatte ihn nur angesehen, aber nichts gesagt. Nicht mal gegrüßt hatte er. Es war unklar gewesen, ob er etwas von den Schussversuchen mitbekommen hatte, deshalb hatte er das Gewehr im Gebüsch liegen lassen, als er zurück zum Auto gegangen war. Es war besser so gewesen. Wenn der Mann doch etwas mitbekommen und die Polizei informiert hätte, hätten sie ihm nichts nachweisen können. Nein, mit dem Gewehr im Gebüsch hätte er nichts zu tun, genau das hätte er ihnen dann erzählen können. Zur Not müsste er noch einmal zum Dortmunder Bahnhof fahren, hatte er gedacht, und sich ein neues Gewehr kaufen. Genau so, wie er sich dieses besorgt hatte.

Ganz vorsichtig hatte er sich vor zwei Wochen bei herumlungernden Typen am Nordausgang erkundigt, wo man sich Waffen ansehen könne. Einer der Typen mit Borussen-T-shirt hatte gegrinst, weil er ihm das mit dem Ansehen nicht geglaubt hatte. Aber egal, was er geglaubt hatte oder nicht, Hauptsache er hatte ihn für ein paar Euro mit zwei Kosovaren bekannt gemacht. Die beiden hatten seelenruhig auf einer Bank auf einem Bahnsteig gesessen und ihn zuerst prüfend angesehen. Dann hatten sie sich sein Geld zeigen lassen, er hatte über tausend Euro eingesteckt, und ihn aufgefordert, ihnen unauffällig zu folgen. Durch die halbe Nordstadt war er hinter ihnen hergelaufen und hatte schon darüber nachgedacht, ob sie nicht etwas anderes mit ihm vorhatten als ihm ein Gewehr zu verkaufen, da waren die beiden in den Hinterhof eines Hauses an der Braunschweiger Straße verschwunden. Er hatte gezögert, aber dann war der eine der beiden zum Tor zurückgekehrt und hatte ihn herein gewunken. In einem dunklen Schuppen hatten sie ihm das Gewehr gezeigt, und er hatte gleich gemerkt, dass es völlig ausreichend war für seine Zwecke. Er hatte nicht lange mit den beiden verhandelt, er wollte weg aus diesem Hof, so schnell wie möglich, denn er traute ihnen nicht. Die beiden mit dem tief sitzenden Haaransatz und den Bartstoppeln im Gesicht machten einen verschlagenen Eindruck. Er hatte die knapp 700 Euro sofort bezahlt, sie hatten ihm das Gewehr in Pappe eingewickelt, so dass es aussah, als würde er einen Teppich tragen, dann hatte er fast fluchtartig den Hof verlassen.

Die Sache war mehr für ihn gewesen als ein einfacher Waffenkauf, das hatte er schon damals gedacht. Er hatte gemerkt, dass sein Plan, der seit Monaten in ihm gereift war, den er immer neu bedacht hatte, anfing, Wirklichkeit zu werden.

Es war aber nicht nötig gewesen, ein zweites Gewehr zu kaufen. Am anderen Tag war er zurückgegangen in den Wald und hatte sein Gewehr völlig unberührt im Gebüsch gefunden. Umso besser, denn er wollte nicht auffallen. Noch mal in Dortmund nach den Kosovaren zu suchen, ihnen noch mal zum Haus in der Braunschweiger Straße zu folgen, wäre auffällig.

Er zielte noch mal, der Schuss hallte im Wald, die Astgabel zersplitterte. Na bitte, er war besser geworden. Ein völlig unerfahrener Schütze war er sowieso nicht, er hatte in seiner Jugend aus Spaß im Verein geschossen, aber seitdem nicht mehr geübt. Die frühere Erfahrung half ihm jetzt, sich schnell wieder einzufinden.

Er machte keine langen Pausen mehr zwischen den Schüssen. Er zielte und drückte ab, der Baumstamm zeigte helle Wunden.

Er musste fit sein, um seinen Plan durchzuführen, das war das einzige, was er in diesem Moment dachte. Er war sich sicher, dass es kein anderer tun würde, nur er selbst war dazu bereit. Warum eigentlich? Weil die anderen feige waren? Nein, das waren sie nicht. Nicht Feigheit hielt sie davon ab, das zu tun, was getan werden musste, sondern Blindheit. Sie bemerkten einfach nicht, was er so deutlich sah. Die Welt stand Kopf, alles war verkehrt, alles lief falsch. Aber das kapierten die Leute nicht, sie hatten sich längst an die falsche Sichtweise auf die Dinge gewöhnt. Besser gesagt, sie war ihnen eingetrichtert worden. Es war höchste Zeit, dass jemand das korrigierte, allerhöchste Zeit. Und der einzige, der das konnte, weil er alles richtig sah, war er. Nur er!

Er lud durch und schoss wieder, in schnellerem Rhythmus, zielsicher. Auf dem Baumstamm zeichnete sich ein Fleckenmuster ab. Ja, er war so weit, es konnte losgehen. Endlich!

3

3.

Bei der Betreuung des Kleinen hatte sich zwischen Anselm und Tanja eine Arbeitsteilung entwickelt. Pampers wechselte Anselm nur ungern, irgendwie schaffte er es nicht, seinen Ekel zu überwinden. Tanja hatte es gemerkt, ohne dass sie darüber sprechen mussten. Während sie den Kleinen puderte und wickelte, bereitete Anselm ihm die Flasche zu. Wasser warm machen, in die Plastikflasche füllen, Milchpulver hinzufügen, verschließen, durchschütteln und schließlich unter laufendem Wasser auf die richtige Temperatur abkühlen. Um das raus zu finden, hielt Anselm die Flasche von Zeit zu Zeit an die Wange und überprüfte so, ob die Milch noch zu warm war.

Meistens war Tanja mit ihrem Teil der Arbeit schneller fertig. Dann kam sie mit Robin im Arm zu ihm und erzählte dem Kleinen, während sie neben ihm stand, wie toll sein Vater gelernt hätte, ihm eine Falsche zu kochen. Anselm verstand die Anspielung nur zu gut. Wochenlang hatte er sich während der Schwangerschaft schwer getan mit dem Gedanken, Vater zu werden. Zweierlei machte sie ihm mit dieser Anrede an den Kleinen klar. Einerseits machte sie sich lustig über ihn. Guck mal, davor hast du dich so gefürchtet. Ist das denn jetzt so schlimm? Andererseits schwang auch Respekt in ihren Worten mit. Wahrscheinlich hatte sie ihm diese Wandlung selber nicht zugetraut.

Beim Reichen der Flasche wechselten sie sich ab, wobei Anselm diesen Teil der Arbeit gerne übernahm. Es machte ihm Freude zu sehen, wie der Kleine kräftig am Schnuller saugte, wie er zufrieden dabei die Augen schloss und seine Wangen einen leichten Rotschimmer bekamen. Manchmal glühten die Wangen auch, weil er sich beim Trinken so sehr angestrengt hatte, dass er völlig erschöpft war. Noch vor dem letzten Rest schlief er dann ein.

Ihn dann sofort hinzulegen ging aber nicht. Auch das hatte Anselm inzwischen gelernt. Dann musste er ihn vorsichtig an sich drücken, mit ihm durchs Zimmer gehen und sanft auf den Rücken klopfen. Erst musste der Kleine sein Bäuerchen machen, wobei Bäuerchen manchmal eine unpassende Verniedlichung war. Robin konnte derart herzerfrischend rülpsen, dass Anselm glaubte, vor einem Dortmunder Kiosk zu stehen, wo einer von denen, die da immer rumstanden, einen kräftigen Schluck aus der Bierpulle genommen hatte. Das Geräusch, das man dann manchmal hören konnte, war so laut, dass sich selbst Passanten auf der anderen Straßenseite umdrehten. Am Dortmunder Kiosk störte es Anselm, bei Robin fand er es natürlich niedlich.

„Hör mal Tanja, was für ein kräftiger Junge!“, rief er dann.

Manchmal kam auch Thomas, Tanjas inzwischen fünfzehnjähriger Sohn aus erster Ehe aus seinem Zimmer und bat darum, Robin die Flasche geben zu dürfen. Anselm hatte es zuerst nicht glauben wollen, als er es zum ersten Mal hörte. Thomas, der den halben Tag mit seinen bescheuerten Ballerspielen am Computer verbrachte, interessierte sich plötzlich für ein Baby. Nie und nimmer hätte Anselm das für möglich gehalten.

Tanja freute sich über diesen Wunsch. Sie bat Thomas, sich auf das Sofa im Wohnzimmer zu setzen und zeigte ihm, wie er Baby und Flasche halten musste. Anselm verfolgte es mit Staunen. Wenn Robin begonnen hatte, kräftig am Schnuller zu saugen, zog Tanja ihn sanft aus dem Zimmer.

„Lass sie jetzt in Ruhe“, sagte sie dann. „Thomas ist doch sein Bruder, ich freue mich, wenn sich zwischen ihnen geschwisterliche Zuneigung entwickelt.“

Anselm nickte. Ja, er verstand Tanja. Sie wollte ihre beiden Kinder zusammen bringen, trotzdem empfand er unterschwellig Eifersucht. Wenn er selbst mal etwas mit Thomas unternehmen wollte, blockte der meistens ab. Dann war ihm alles andere, vor allem sein Computer, wichtiger. Aber jetzt plötzlich, bei Anselms Sohn, drängte er sich dazwischen. Er war doch der Vater, er hatte größere Rechte als ein Halbbruder. Aber das sagte er nicht, das dachte er nur.

„Sie sollen später im Leben zusammenhalten“, erklärte ihm Tanja irgendwann, als hätte sie seine Gedanken erraten, „es ist wichtig, dass sie das tun. Wer weiß, was mal alles auf sie einstürzen wird, da kann es wichtig sein, wenn man einen hilfsbereiten Bruder hat.“

Anselm hatte genickt. Ja, er sah das ein. Aber man wird doch noch seine Gefühle haben dürfen, die kann man doch nicht einfach unterdrücken.

Als der Kleine die Flasche geleert und sein Bäuerchen gemacht hatte, war es kurz nach fünf. Gleich würde Borussia spielen. An diesem Wochenende mussten sie das späte Samstagspiel in Stuttgart bestreiten. Borussia war gut in die Saison gestartet, mit einer ganz jungen Mannschaft, die wunderbar kombinieren und eine gegnerische Abwehr schwindlig spielen konnte. Nach einer Durststrecke von mehreren Jahren machte es Anselm wieder richtig Freude, der Mannschaft zuzuschauen. Tanja wusste, dass er sich das Spiel nicht entgehen lassen würde. In einer Studentenkneipe ganz in der Nähe wollte er sich das Spiel ansehen.

Als sie sah, dass er sich die Jacke anzog, kam sie zu ihm und nahm ihn in den Arm.

„Dann drücke ich ganz fest die Daumen, dass es klappt“, sagte sie.

„Bist du jetzt Borussenfan?“

„Nicht unbedingt. Aber wenn sie gewinnen, hast du immer gute Laune.“

4

4.

Der Mann kam langsam über einen Feldweg näher. Es war sein Lieblingsweg, derjenige, der ihn aus seinem Versteck heraus im Blick hatte, wusste das. Wenn dieser Typ an seinem Schreibtisch nicht mehr weiter kam, ging er immer hierher. Dann lief er durch die Felder, dachte nach und tat vor allem bedeutungsschwer. Ja, das glaubte sein Beobachter. Das meiste an diesem Typen war Getue, war plumpe Schau, da war er sich sicher. Er tat es für den Fall, dass ihn einer von weitem sah oder ihm entgegen kam. Dann wollte er Eindruck schinden und sich hofieren lassen.

„Na, denken Sie wieder über einen Roman nach? Dürfen wir wieder etwas Gutes von Ihnen erwarten?“ Dies oder Ähnliches sollten ihn die Leute fragen, und er würde dann huldvoll nicken und etwas von Bedeutung sagen.

„Oh, sieht man mir das an?“ Etwas in dieser Art würde er dann entgegnen.

Man sieht dir gar nichts an, dachte er in seinem Versteck, das einzige, was ich dir ansehen kann, ist deine Hohlheit. Ja, die müsste jeder klar und deutlich bemerken, wenn er nur genau genug hingucken würde.

Heute hat der Typ wahrscheinlich nur kurz geschrieben, am Sonntag beanspruchte ihn seine Familie. Wahrscheinlich hatte er, weil es ein warmer Sommertag war, unter einem Baum in seinem Garten gesessen und zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter Kaffee getrunken und Kuchen gegessen. Ja, das machte er manchmal, vor allem bei schönem Wetter wie heute. Er hatte ihn kürzlich dabei beobachtet. Wahrscheinlich hatte er dabei auch groß rumräsoniert über sein Schreiben, seine Bedeutung und sein ach so großartiges Können. Dass so einer sich seiner Familie gegenüber anders verhielt als bei Veranstaltungen, glaubte er nicht. Nein, das war der Typ, der immer im Mittelpunkt stehen musste, gleichgültig ob zu Hause oder in der Öffentlichkeit.

Dann wollte er sich jetzt, darauf hatte sein Beobachter gehofft, sammeln für sein Schreiben morgen. Dann hatte er die Absicht, in Ruhe darüber nachzudenken, wie er das nächste Kapitel seines Romans aufbauen sollte, was er darin erzählen sollte und was nicht. Als wenn es dazu viel nachzudenken gäbe, bei seinen platten, dümmlichen Texten. Auch das war nur Schau, nur aufgeblasene Wichtigtuerei.

Aber egal, wie banal das alles auch war, es war nur eines wichtig, nämlich dass er es heute überhaupt tat. Wie sonst könnte er ihn so gut ins Visier nehmen? Einzig darauf kam es an, nämlich ihn ins Visier zu nehmen. Die Stelle hier, das hatte er nachrecherchiert, war am besten geeignet für das, was er vorhatte.

Er griff zur Seite und tastete nach seinem Gewehr. Ja, da lag es, griffbereit und entsichert. Dann beugte er sich vor, ohne seine Deckung zu verlassen und sah hinüber zur Hauptstraße. In einem Abstand von gut zweihundert Metern führte die Straße von Dortmund-Kurl nach Methler vorbei. Dort war es ruhig, nur ab und an fuhr ein Auto vorbei. Also kaum ein Zeuge, der ihn beobachten, geschweige denn erwischen konnte. Die perfekte Situation, besser ging es nicht.

Der Typ kam jetzt genau auf den Wald zu, in dem er sich verborgen hatte. Nur noch gut fünfzig Meter betrug der Abstand. Er konnte jetzt genau das Gesicht dieses Typen sehen, die kleine, fleischige Nase, die hohe, faltige Stirn. Seine Haare waren hellblond, kaum zu unterscheiden, ob sie wirklich nur blond waren oder ob sich grau dazu mischte. Er ging langsam, schien jeden Schritt betonen zu wollen. An dem Kerl musste eben alles Bedeutung haben, selbst sein Spaziergang. Und auf so einen fielen die Leute rein, von so einem ließen sie sich blenden! Wut durchzuckte ihn. Wut auf den Kerl da vorn, Wut auf die Leute, die auf jede noch so dümmliche Schau hereinfielen, die aber das, was wirklich Bedeutung hatte, nicht sahen.

Plötzlich zuckte der Typ und blieb stehen. Hatte er etwas bemerkt? Hatte er im letzten Moment entdeckt, dass ihn jemand aus einem Gebüsch heraus beobachtete? Nein, er schaute nicht her zu ihm, sondern blickte in die Luft. Jetzt sah er es auch. Ein Bussard hatte sich aus einem der Bäume am Waldrand erhoben und flog davon. Ein erhebender Anblick, wenn man den Vogel so nah vor sich sah. Einen Moment lang glitt der Vogel am Waldrand entlang, dann flog er über das Feld hinüber zur Straße. Vielleicht suchte er dort nach Beute, nach einem tot gefahrenen Kaninchen oder sonst etwas.

Beute, dachte er, ja, das war das richtige Wort. Er war jetzt auch ein Jäger, aber ein Jäger der Gerechtigkeit. Und um diese Beute zu erjagen wurde es höchste Zeit. Der Typ kam nämlich immer näher, nur noch dreißig Meter war er vom Wald entfernt. Wenn er jetzt nicht zuschlug, war es in ein paar Sekunden zu spät. Dann hätte ihn der Typ entdeckt und es wäre aus mit seinem Plan. Mindestens mit dem Teil, der heute zu erledigen war, vielleicht sogar mit dem gesamten Plan.

Er griff nach dem bereit gelegten Gewehr, setzte es an die Schulter, suchte durchs Visier nach seinem Ziel, fand es schnell und hielt den Finder am Abzug. Er atmete tief ein, hielt die Luft an, wurde für einen Moment ganz ruhig und drückte ab. Ein Knall ertönte, im selben Moment zuckte der Mann im Feldweg zusammen und blieb für Augenblicke, die endlos schienen, bewegungslos stehen. Verdammt, hatte er ihn verfehlt? Nein, das durfte nicht sein, er hatte zuletzt doch so gut getroffen, sogar viel schwerere Ziele als dieses. Und ausgerechnet jetzt sollte er versagt haben?

Dann endlich bewegte der andere den rechten Arm, hob ihn hoch und starrte darauf, mit fassungslosem Blick. Etwas tropfte auf den Feldweg, der Typ begriff nicht, was es war, denn sein Blick blieb weiter ungläubig auf den Arm gerichtet.

Ja, starre nur darauf, frohlockte er, ich habe dich doch getroffen! Es ist dein Blut, das da zu Boden tropft, kapierst du das endlich? Was hilft dir jetzt deine Schau, dein bedeutungsschweres Getue? Nichts hilft es dir, gar nichts. Jetzt bist du nichts anderes als der kleine und mickrige Typ, der du in Wirklichkeit schon immer warst.

Der andere hob den Kopf und starrte herüber. Jetzt endlich hatte er begriffen und suchte nach dem, der auf ihn geschossen hatte. Weg hier, dachte er, so schnell wie möglich abhauen! Auf keinen Fall durfte der Typ ihn sehen. Er kroch vorsichtig ein Stückchen rückwärts, damit sich kein Zweig im Gebüsch bewegte und sein Versteck verriet, dabei hielt er das Gewehr in der Hand. Endlich war er weit genug vom Gebüsch entfernt, um sich aufrichten zu können. Schnell stand er auf und schaute an dem Gebüsch vorbei zu dem Mann hinüber. Nein, er war nicht näher gekommen. Er stand noch immer bewegungslos auf dem Feldweg und suchte den Waldrand ab.

Kam er nicht näher aus Angst, dass ihn ein zweiter Schuss treffen könnte? Umso besser, dachte er, denn dann hatte er kein Problem damit, sich unbemerkt zu entfernen. Er lief durch den Wald, kam kurz darauf zu einem Gebüsch, in dem er die Tasche versteckt hatte, legte das Gewehr hinein, zog den Reißverschluss zu und ging zügig hinüber zur anderen Seite des Waldes. Jetzt zu laufen wäre falsch, das hatte er sich schon vorher überlegt. Dadurch würde er erst recht auffallen. Nein, es war vielmehr richtig zu gehen, aber zügig, um so schnell wie möglich von hier fort zu kommen.

Da, am Waldrand stand sein Auto. Er stieg ein, warf die Gewehrtasche auf den Rücksitz, gab Gas. Kurze Zeit später konnte er in den Verkehr der Vorstadt eintauchen.

5

5.

Anselm war hundemüde, als er am Montagmorgen im Dortmunder Präsidium eintraf. Als erstes ging er zur Kaffeemaschine und füllte viel Kaffeepulver in die Filtertüte. Er brauchte einen starken Kaffee, sonst würde er nie in die Gänge kommen.

In den Nächten vorher hatte Robin ganz ruhig geschlafen, aber ausgerechnet in jener zum Montag, die Anselm gerne durchschlafen wollte, um für die anstrengende Woche ausgeruht zu sein, hatte er immer wieder geschrieen. Immer wieder waren Tanja und er deshalb aufgestanden und hatten versucht, ihn zu beruhigen, was aber nur für kurze Zeit gelang. Dann schrie er wieder.

Offensichtlich hatte der Kleine Blähungen, die ihm große Schmerzen bereiteten. Anselm war zuerst sauer gewesen. Die Arbeit war hart, wer konnte wissen, was an diesem Tag und an den folgenden passieren würde, er brauchte seinen Schlaf. Tanja sah das genauso, deshalb bat sie ihn irgendwann, als die Sirene wieder losging, liegen zu bleiben. Aber was half das? Nach ein, zwei Stunden wurde er wieder aus dem Schlaf gerissen. Gegen drei Uhr hatte er Tanja abgelöst und den Kleinen für eine halbe Stunde auf dem Arm durchs stockfinstere Wohnzimmer geschleppt, bis er still wurde und zurück in sein Bettchen gelegt werden konnte.

Das Kinderbett sollte eigentlich in Tanjas früherem Arbeitszimmer stehen, das sie für den Kleinen geräumt hatte. Gemeinsam hatten sie es mit Tapete mit Märchenmotiven tapeziert, hatten Sticker mit bunten Tiermotiven an die Fensterscheiben geklebt, aber der Kleine hatte noch nicht eine Nacht dort verbracht. Weil er nicht durchschlief, hatten sie sein Bettchen schon am ersten Abend in ihr Schlafzimmer geholt. So mussten sie, wenn er schrie, wenigstens nicht durch die halbe Wohnung laufen und machten dabei womöglich Thomas wach. Tanja hatte Anselm getröstet.

„Mit drei, vier Monaten schläft er durch, dann ist alles wie früher.“ Sie hatte gegrinst dabei und hinzugefügt: „Jedenfalls nachts.“

Gegen Morgen hatte Anselm dann doch noch gut zwei Stunden schlafen können, bevor es Zeit für das Frühstück war.

Im Büro brauchte er also erst mal einen starken Kaffee. Sibel, seine Mitarbeiterin, kam rein.

„Na, wie läuft es mit dem Kleinen?“

Anselm sah sie erstaunt an. Sah man ihm die durchwachte Nacht an? Fing sie deshalb gleich von dem Kleinen an, ohne ihn richtig zu grüßen?

„Geht so.“

„Was heißt das, geht so? Gibt es Probleme?“

Nein, das sollte sie nicht denken. Richtige Probleme waren das ja nicht, der Kleine war kerngesund. Nur hatte er eben öfter Blähungen.

„Er schläft halt noch nicht durch, das meine ich.“

Sibel lachte. „Ach so, das ist normal. Die Tochter von meiner Freundin hat auch erst nach drei Monaten fest durchgeschlafen.“

Anselm nickte. Das war es also, sie interessierte sich für Babypflege. Vielleicht dachte sie an ein eigenes Kind, mit ihrem deutschen Freund war sie immerhin schon über ein Jahr zusammen. Richtig kennen gelernt hatte Anselm ihren Mark noch nicht, nur einmal zufällig getroffen. Da war er nach Dienstschluss in ein Cafe in der Passage zwischen Kuckelke und Lütge Brückstraße gegangen, ein wenig abseits vom Trubel, weil er in Ruhe entspannen wollte. Sibel schien dieselbe Idee gehabt zu haben, jedenfalls war sie kurz darauf mit ihrem Freund aufgetaucht. Es war gar nichts anderes möglich gewesen, als dass sie sich zu ihm setzten.

Mark war dunkelhaarig, etwa einen halben Kopf größer als Anselm und hatte schwarze, funkelnde Augen. Er trug eine dunkelbraune Lederjacke, die gut zu seinem Äußeren passte. Ein schicker Typ, wie Anselm neidlos anerkennen musste. Aber obwohl er sich seiner Ausstrahlung sicher sein konnte, wirkte er zurückhaltend, fast ein bisschen schüchtern. Immerhin erfuhr Anselm, dass er Chemie studierte und mitten im Examen stand. Wenn er fertig wäre, wollte er in einem Chemiewerk irgendwo im Ruhrgebiet arbeiten, Angst vor Arbeitslosigkeit, erklärte er, hätte er nicht.

Es war eine ganz angenehme Begegnung gewesen, vor allem, weil Sibel und er jede Anspielung auf ihre eigene Arbeit vermieden. Deshalb hatten sie sich beim Abschiednehmen vorgenommen, sich bald mal wieder zu treffen, aber dabei war es geblieben.

Anselm sah Sibel nachdenklich an. Mark müsste inzwischen fertig sein mit seinem Studium, dann arbeitete er wahrscheinlich schon, also konnte seine Vermutung, dass sie an Familienplanung dachte, stimmen.

Aber sie danach zu befragen, traute sich Anselm nicht.

„Du kannst den Polizisten wohl nie ablegen, oder?“ Er hatte Sorge, dass sie so etwas Ähnliches darauf antworten würde und das wäre ihm unangenehm. Der Kaffee war inzwischen durchgelaufen.

„Soll ich dir auch eine Tasse eingießen?“

Sibel nickte. „Wenn du was über hast.“

Aber als sie den ersten Schluck getrunken hatte, verzog sie das Gesicht zu einer angeekelten Miene.

„Igitt, willst du mich vergiften? Was ist das denn für eine Brühe?“

Anselm grinste. „Sei nicht so zimperlich. Der weckt die Lebensgeister.“

„Da muss man aber vorher tot gewesen sein.“ Sie stellte die Tasse auf Anselms Schreibtisch ab.

In diesem Moment kam Rautert ins Zimmer gestürmt, einen Zettel in der Hand.

„Ihr müsst gleich los!“, rief er. „Da ist im Feld bei Kurl ein Schriftsteller angeschossen worden.“

Anselm sah Sibel fragend an, die mit den Schultern zuckte. Offensichtlich war sie von Rauterts Auftritt genauso überrascht wie Anselm.

„Guten Morgen“, sagte Anselm.

Jetzt war Rautert überrascht. „Oh, gute Manieren scheinen euch plötzlich wichtiger zu sein als das Leben eines Schriftstellers.“ Er zog seine Stirn in Falten. „Dann also Guten Morgen.“

„Verzeihung, wir wollten nicht pietätlos erscheinen. Seit wann bist du denn so ein Bücherfreund?“, witzelte Anselm.

„Also bitte!“ Rautert schien wirklich empört zu sein. „Ich weiß ja nicht, wie viel ihr lest, aber ich habe immer ein Buch auf meinem Nachtschränkchen liegen. Ohne etwas zu lesen kann ich gar nicht einschlafen.“

Anselm verging das Witzeln, denn er glaubte Rautert. Wenn er weiter Witzchen machte, würde Rautert womöglich auf Anselms Leseleistung anspielen, und das würde in einem Desaster enden.

Er trank einen Schluck von seinem Kaffee, rieb sich mit der Hand über seine müden Augen und sah Rautert an.

„Also gut, dann erzähl schon. Wer wurde angeschossen und was genau ist mit ihm passiert?“

Rautert setzte sich auf Anselms Schreibtisch, während Sibel auf dem Stuhl davor Platz nahm.

„Also, der Mann heißt Roland Kaufmann. Er ist gestern Nachmittag, als er durchs Feld am Kurler Busch spazieren gegangen ist, plötzlich vom Wald aus beschossen worden. Im rechten Oberarm hat ihn eine Kugel erwischt. Wohl nur ein Streifschuss, aber er hat einiges an Blut verloren.“

„Gestern Nachmittag?“, fragte Sibel. „Und warum erfahren wir erst jetzt davon?“

„Weil der Mann kein Handy dabei hatte, um uns anzurufen. Der ist zur Hauptstraße gelaufen, hat sich da mitnehmen und zum Krankenhaus bringen lassen. Gut möglich, dass er unter Schock stand und nur noch daran gedacht hat, sich so schnell wie möglich verarzten zu lassen.“

Sibel verstand den Ablauf immer noch nicht. „Aber die Ärzte müssen doch gesehen haben, was das für eine Verletzung war und die Polizei von sich aus informieren.“

Rautert zuckte mit den Schultern. „Fragt ihn selbst. Vielleicht hat er denen gesagt, dass er das alles selber übernehmen will, was weiß ich.“

Anselm überlegte. Roland Kaufmann, den Namen hatte er schon mal gelesen, von ihm selbst aber noch nichts, daran würde er sich erinnern. Verdammt, das Thema mit dem Lesen fing an, peinlich zu werden.

„Ist der Mann bestohlen worden?“, fragte Sibel.

Rautert schüttelte den Kopf. „Nein, davon steht nichts im Bericht. Er ist nur angeschossen worden, einfach so. Komische Sache.“

Er blickte die beiden nachdenklich an.

„Vielleicht ist der Bericht aber auch ungenau. Deshalb sollten wir ihn so schnell wie möglich befragen. Er wohnt in Kurl, in der Minoritenstraße.“

„Soll einer von uns hingehen oder beide?“, fragte Anselm.

„Geht mal beide“, antwortete Rautert und grinste. „Du bist ja durch den kleinen Robin so belastet, dass du jede Unterstützung gebrauchen kannst. Und viel anderes ist ja im Moment nicht los.“

Die Ironie, die deutlich mitschwang, nervte Anselm. Er verstand genau, wie Rautert das meinte. Dass so ein alter Kerl wie er noch Vater geworden war, wunderte ihn. Soll er doch, dachte Anselm. Wichtig allein ist, wie ich mich dabei fühle. Und wenn mich der kleine Robin anlächelt, weiß ich, wofür ich den Stress auf mich nehme.

Als sie auf den Flur traten, kam ihnen Herbert Wermann entgegen. Er sah noch müder aus als Anselm, viel müder. Sibel und er erschraken in gleicher Weise, sagten aber nichts. Sie wussten, dass Wermann Familienprobleme hatte und manchmal abends, wenn er es zu Hause nicht mehr aushielt, in eine Kneipe flüchtete. Gestern musste wieder so ein Abend gewesen sein.