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ASCHENDORFF

CRIMETIME

HEINRICH PEUCKMANN

HEIMKEHR

KRIMINALROMAN

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Aschendorffs

EPUB-Edition

Vollständige E-Book-Ausgabe des im Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG erschienenen Werkes

Originalausgabe

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Copyright © 2010/2012 Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG, Münster

ISBN der EPUB-Ausgabe: 978-3-402-19665-6

ISBN der Druckaugabe: 978-3-402-12855-8

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www.aschendorff-buchverlag.de

1

1.

Die Sonne spiegelte sich im Wasser des Aasees, seine Wellen glitzerten golden. Anselm Becker genoss es, den asphaltierten Weg am Ufer entlangzuschlendern. Der glitzernde See, die ruhig dahindümpelnden Segelboote, das leise Plätschern der Wellen, das alles wirkte beruhigend auf ihn.

Vorhin war er an den Aasee-Terrassen vorbeigekommen und hatte kurz überlegt, ob er sich in eines der Cafés setzen sollte. Aber er hatte keinen freien Tisch gefunden und war weitergegangen. Zu stark war der Wunsch, das Treiben am und auf dem See aus der Ferne zu beobachten, im Übrigen aber ungestört von Tischnachbarn seinen Gedanken nachzuhängen. Der Wanderweg schien ihm der richtige Ort zu sein.

Die Bänke, an denen er vorbeikam, waren besetzt. Es kam ihm so vor, als hätte sich die halbe Stadt aufgemacht, um das schöne Wetter nach einer langen Regenwoche am Aasee zu genießen.

Anselm blickte hinüber zur Straße. Auf der bebauten Seite befand sich ein Studentenheim. Drei junge Leute saßen auf den Treppenstufen davor und redeten miteinander, sonst war es ruhig. Kein Wunder, dachte Anselm. Es war Samstag, da waren die meisten Studenten zu Hause bei ihren Eltern. Zu Hause, dachte Anselm. Ja, irgendwie war er das inzwischen in Münster, zu Hause bei Tanja. Und wenn sie mal Abstand voneinander brauchten, hatte er immer noch seine Junggesellenbude in Werne. Eine Lösung, mit der er sich arrangiert hatte, bis, ja
bis …

Ein älteres Ehepaar kam ihm entgegen. Der Mann hatte sich bei der Frau eingehakt und ging weit vorgebeugt, so dass es aussah, als ließe er sich von der Frau ziehen. Obwohl es warm war, trug er seine Jacke bis zum Hals geschlossen. Anselm drehte sich nach ihnen um, nachdem sie an ihm vorbeigegangen waren. So ist also das Alter, dachte er. Wie gut, wenn man dann jemand hat, der einen stützen konnte. Aber war es auch gut, jemand zu haben, den man stützen musste? Er schüttelte den Kopf. Was dachte er da? Vor allem, worüber machte er sich Sorgen? Sein Problem war ein ganz anderes. Problem, dachte er dann, war das wirklich das richtige Wort für das, was ihn bewegte?

Plötzlich fand er doch eine unbesetzte Bank und steuerte sofort auf sie zu. Ein bisschen ausruhen mit Blick auf das Wasser tat ihm jetzt gut. Er legte die Arme ausgestreckt auf die Lehne, als wollte er die Bank ganz für sich allein in Besitz nehmen. Auf dem See herrschte großes Getümmel. Die Optimistenboote der Jugendlichen, die größeren Segelboote, die Tretboote für die Familien, alles schipperte durcheinander. Anselm fiel der schwarze Schwan ein, der sich in ein Tretboot in Schwanengestalt verliebt hatte. Keinen Moment ließ das Tier sein geliebtes Tretboot aus den Augen. Das Fernsehen hatte mehrfach über ihn berichtet, selbst in China war der falsch gepolte Schwan aus Münster bekannt. Er hielt Ausschau nach dem Vogel, konnte ihn aber nicht entdecken. Vielleicht war es besser so, dachte er. Ein Schwan, der sich in eine Holzattrappe verliebt hatte, war kein erfreulicher Anblick, im Gegenteil, er war so bemitleidenswert wie Menschen, die sich in einer virtuellen Welt verloren. Die sich in Personen verliebt hatten, die es überhaupt nicht gab. Sterile, fruchtlose Liebe war das, in beiden Fällen.

Anselm musste grinsen. Könnte sein, dass er als Dortmunder Kommissar demnächst auch noch in dieser Welt einen Mord aufklären müsste. Zum Beispiel einen Mann zu überführen, der aus Eifersucht seine virtuelle Freundin in „second life“ ermordet hatte. Vielleicht würde der Mörder aus tiefer Betroffenheit heraus sogar noch geständig sein und sich der Polizei stellen, aber wo blieb die Leiche? In welche Sphären der Computerwelt hätte sie sich verflüchtigt? Und ohne Leiche taugte auch das beste Geständnis nichts. Der Täter könnte es jederzeit widerrufen, Anselm stünde ohne Beweise da.

Er schüttelte den Kopf. Was dachte er da? Langsam fing er an zu spinnen.

Ein Liebespaar ging vorbei. Gott sei Dank, der Anblick einer ganz realen Liebe lenkte ihn ab. Das Mädchen, schwarzhaarig und deutlich kleiner als ihr schlaksiger Freund, neckte ihn. Sie puffte ihm in die Seite, lief aus Spaß weg und ließ sich von ihm einholen. Immer sind wir es, die hinterherlaufen müssen, dachte Anselm, obwohl auch das nicht stimmte. Tanja war bei ihm geblieben, sie war nicht weggelaufen, auch nicht zum Spaß. Sie war da, und wie sie das war.

Seine Gedanken waren wieder bei ihr, und gerade in dem Moment, als hätte ihn eine innere Stimme herbeigerufen, kam ein Mann vorbei, der einen Kinderwagen schob. Das passte. Das passte zu all dem, was ihn bewegte. Er schätzte den Mann auf etwa vierzig, höchstens auf zwei, drei Jahre jünger, als er es selber war. Wenn ein Mann in Dortmund in diesem Alter einen Kinderwagen schob, handelte es sich um den Opa. Hier, in der Uni-Stadt Münster mit langer akademischer Ausbildung, war es wahrscheinlich der Vater.

Vater. Da war das Wort. Er wiederholte es in Gedanken, um zu spüren, welche Gefühle es in ihm auslöste. Zuerst einmal keine. Zu fremd war es ihm in Zusammenhang mit seiner Person. Obwohl … Er rief sich die Szene von vorhin in Erinnerung. Eine knappe Stunde war seither vergangen. Tanja hatte sich angezogen, um zum Kaffeetrinken zu einer Freundin zu fahren. Eine Freundin, die gleichzeitig Kollegin in der Uni-Bibliothek war, in der Tanja arbeitete. Die beiden hatten schon lange vorgehabt, sich zu einem Frauengespräch zu treffen. Während sie sich anzog, normale Jeans, eine weiße Bluse, sagte sie ihm im Vorübergehen, dass sie seit zwei Monate über ihrer Zeit sei. Anselm hatte zuerst gar nicht begriffen, was sie damit meinte. Über welche Zeit denn? Gott sei Dank hatte er seine Frage nicht gestellt, so dass Tanja seinen fragenden Blick missverstanden hatte.

„Was guckst du denn so?“, hatte sie gesagt, „das muss noch nichts bedeuten. Ich gehe nächste Woche zum Arzt und lasse testen, ob ich schwanger bin oder nicht.“

Schwanger! Erst da hatte er ihre Andeutung kapiert. Mein Gott, es konnte sein, dass sie ein Kind bekam. Ein Kind von ihm! Oder besser gesagt, es konnte sein, dass er Vater wurde. Ein Gedanke, der ihn aus der Fassung brachte. Vater. Er, Anselm Becker.

Wollte er das überhaupt? Er wusste es nicht. Deshalb hatte er, nachdem Tanja gegangen war, unbedingt raus gemusst aus der Wohnung, die ihm plötzlich zu eng erschienen war, um sich über sich selber klar zu werden. Aber je mehr er beim Spaziergang darüber nachdachte, desto mehr senkte sich Nebel vor sein inneres Auge. Noch eine halbe Stunde Wanderung um den Aasee, und er würde überhaupt nicht mehr ein noch aus wissen.

Wenn er das seiner Mutter erzählen würde, fiel ihm plötzlich ein. Um Gottes Willen, seine Mutter! Sie würde ihm gar keine Wahl lassen, wenn sie es erführe. „Endlich“, würde sie rufen, „wie lange habe ich darauf warten müssen. Ein Enkelkind! Ich werde doch noch Großmutter! Dem Himmel sei Dank.“

Dann würde sie anfangen, etwas zu stricken für das Kind, das es noch gar nicht gab, Söckchen, einen kitschig bunten Strampler. Und natürlich würde sie Tante Lisbeth anrufen, ihre Schwester.

„Stell dir mal vor, Lisbeth, ich werde Oma“, würde sie rufen. Anselm glaubte schon, ihre Stimme zu hören, vor allem ihre unüberhörbare Schadenfreude, die einzig eines bewirken sollte. Dass Tante Lisbeth neidisch wurde. Die beiden gönnten sich einfach nichts. Stets nahm die eine die Erfolgsmeldungen der anderen mit aufgesetzter, zähneknirschender Freundlichkeit zur Kenntnis und schaffte es nur mit Mühe, die Missgunst zu unterdrücken.

Wenn ihm bis jetzt noch nicht viel klar geworden war, eines wusste er auf jeden Fall. Dass seine Mutter nichts davon erfahren durfte. Auf keinen Fall durfte er ihr gegenüber auch nur die geringste Andeutung machen.

Ansonsten bewirkte sein Nachdenken keine Klarheit, sondern immer größere Unruhe. Er schaffte es einfach nicht, ruhig auf der Bank zu sitzen, sprang auf und lief weiter. Was sollte er jetzt machen? Hoffen, dass es Fehlalarm war? Und wenn es das nicht war, wenn sie wirklich schwanger war, sollte er Tanja etwa zu einer Abtreibung überreden? Und falls sie das nicht wollte, sollte er sie dann heiraten, nach Münster ziehen und in Familie machen? Eine Familie mit zwei Kindern. Mit Tanjas computersüchtigem Sohn Thomas und einem leiblichen Kind? Wollte er das?

Wie er es auch drehte und wendete, er kam einfach nicht weiter. Nervös blickte er auf seine Uhr. Kurz vor halb vier. Gleich würde im Radio die Fußballbundesliga-Übertragung beginnen. Das erste Spiel in der neuen Saison, seine Borussia gegen den 1. FC Köln. Er beschloss, zurückzugehen zu Tanjas Wohnung in der Wilmergasse und dort die Übertragung im Radio zu hören. Vielleicht lenkte ihn das ab. Borussias Start in die neue Saison. Eigentlich müssten sie gewinnen, dachte er. Die Kölner waren nicht stark, außerdem fehlten ihnen ihre beiden besten Stürmer wegen Verletzung. Das könnte ein guter Einstieg in die Saison werden, und wenn das erste Spiel erst mal gewonnen war … Er beeilte sich mit dem Rückweg. Wenn nichts ihn aus seinen Gedanken retten könnte, der Fußball würde es schaffen. Plötzlich war ihm etwas leichter zumute.

2

2.

Er hatte gerade das Hotelzimmer betreten, da klingelte auch schon das Telefon. Im ersten Moment hatte er geglaubt, der Mann von der Rezeption hätte vergessen, ihm etwas mitzuteilen, was das Hotel betraf und wollte das jetzt nachholen. Etwa wo sich der Frühstücksraum befand und ab wann er es zu sich nehmen könnte. Ein wenig unwirsch hatte er nach dem Hörer gegriffen und war überrascht gewesen, wer sich meldete. Nein, mit diesem Anruf hatte er nicht gerechnet. Ja, er hatte zugestimmt. Er war sofort einverstanden gewesen mit dem Vorschlag, der ihm gemacht wurde.

„Ja, ist gut“, hatte er gesagt, „ich komme“.

Es war ein angenehmes Gefühl gewesen, das ihn durchströmte. Danach hatte er sich erst mal hingelegt. Die lange Zugfahrt aus Hamburg mit dem Umsteigen in Dortmund und Hagen hatte ihn angestrengt. Er hatte sich die Fahrt hierher einfacher vorgestellt, obwohl er doch wissen musste, wie schwierig es war, Unna mit dem Zug zu erreichen. Daran würde sich, da konnten noch so viele Jahre vergehen, nichts ändern. Er hatte bei der Planung dieser Reise einfach nicht daran gedacht.

Die Arme unter dem Kopf verschränkt und mit ausgestreckten Beinen lag er auf dem Oberbett. Die Entspannung, das spürte er, tat ihm gut. Zwischendurch blickte er auf seine Armbanduhr. Bis zu seinem Auftritt hatte er noch gut zwei Stunden Zeit, kein Grund also, unruhig zu werden. Er musste sich auch nicht mehr auf seinen Vortrag vorbereiten, denn während der Zugfahrt hatte er in seinem Buch, aus dem er gleich etwas erzählen sollte, geblättert und Papierschnipsel in die Seiten gelegt, aus denen er etwas vorlesen oder zitieren wollte. Das reichte. Nach fast 30 Jahren Lehrtätigkeit brauchte er kein Konzept für einen Vortrag. Das Buch lag griffbereit neben ihm auf dem Nachtschränkchen.

Plötzlich spürte er doch eine innere Unruhe, die ihn aufstehen ließ. Er war zurückgekehrt, mein Gott, nach wie viel Jahren? Er trat ans Fenster und blickte hinaus. Drüben war der Bahnhof. Viel hatte sich nicht geändert seit damals, seit das alles seine Stadt gewesen war. Das Gebäude war dasselbe, nur war es hell gestrichen. Damals, zu seiner Zeit, war es grau gewesen. Aber auf dieser Seite, dem Bahnhof gegenüber, hatte sich alles verändert. Damals hatten hier Bänke gestanden, auf denen er und seine Freunde gesessen und geredet hatten. Oder waren es gar keine Bänke gewesen? War es eine kleine Steinmauer gewesen, die eine Treppe begrenzte, über die man vom Bahnhof in die Innenstadt gehen konnte? Er wusste es nicht mehr. Jedenfalls hatten ein paar Bäume dort gestanden, unter denen sie oft gesessen und geredet hatten, so viel war sicher.

Jetzt standen dort das Hotel, in dem er abgestiegen war und das neue Rathaus. Er hatte es schon mal gesehen, vor vielen Jahren, aber er konnte sich nicht mehr genau erinnern. Damals war er zu einem Zwischenstopp nach Unna gekommen, um eine Studentin abzusetzen, die hier wohnte. Er hatte niemanden getroffen, den er von früher kannte, und auch der Studentin, die als Hilfskraft bei ihm gearbeitet hatte, nichts von seinem Bezug zu Unna erzählt. Er hatte auch nicht das Bedürfnis gehabt, das Auto irgendwo zu parken und durch die Stadt zu laufen, sondern er hatte sie so schnell wie möglich wieder verlassen. Es war die Zeit gewesen, in der er eine Rückkehr an die Orte der Kindheit und Jugend für sentimental gehalten hatte.

Es fiel ihm ein, dass dort, wo jetzt das Rathaus stand, zu seiner Zeit eine Ladenzeile gewesen war mit dem kleinen Kaffeelädchen, in dem er sich mit seinen Schulfreunden getroffen hatte. Mein Gott, daran hatte er in all den Jahren nicht mehr gedacht. Bei „Mutti Jakobs“, wie Martin den Ort aus Spaß genannt hatte. Auch das fiel ihm plötzlich wieder ein. Immer mittwochs zur ersten Stunde hatten sie sich dort getroffen, während des Schulgottesdienstes in der Stadtkirche. Gottesdienste empfanden sie als spießig, als Ausdruck eines konservativen Weltbilds, das sie ablehnten. Da kamen sie lieber in dem kleinen Lädchen zusammen, quetschten sich um einen der Stehtische, diskutierten über Gott und die Welt und tranken Kakao. Kaffee schmeckte ihm und seinen Freunden noch nicht. Doch, ihre Gespräche damals hatten was. Um soziale Gerechtigkeit ging es ihnen, um das Vertreiben der Altnazis von den Schalthebeln der Macht, um den Zusammenhang von Wissenschaft und Religion. Er musste schmunzeln, als er daran dachte. Wahrscheinlich waren sie viel religiöser gewesen, als sie sich das damals zugeben wollten. Und dann, kurz vor neun Uhr, waren sie doch noch in die Stadtkirche geschlichen, hinauf auf die Empore und hatten das Schlusslied aus voller Kehle mitgesungen, so dass sich ihre Lehrer umdrehten, ihnen wohlgefällig zunickten und dachten: Na bitte, da sind sie doch.

Sie hatten die Schau nicht aus Angst vor den Lehrern abgezogen, den Konflikt mit ihnen hätten sie in Kauf genommen. Sie waren aufmüpfig gewesen, schon gut zwei Jahre vor der Studentenrevolte in Berlin. Sie hatten es getan, weil es ihnen Freude machte, die Lehrer auf den Arm zu nehmen.

Er musste lachen, rief sich aber im nächsten Moment selbst zur Ordnung. Solche Erinnerungen sind nichts als Kitsch, dachte er. Sie sind verklärt und Verklärung liebte er nicht. Die Fakten, die messerscharfe Analyse, das war sein Metier. Nicht die Romantisierung.

Er hätte gar nicht hierherkommen sollen, dachte er dann, aber die Versuchung war einfach zu groß gewesen. Als die Anfrage zu einem Vortrag kam, hatte er nicht einmal überlegt, ob er annehmen sollte, sondern sofort zugesagt. Jetzt, wo er mit klarem Kopf darüber nachdachte, war ihm auch klar, warum. Er wollte sich beweisen. Er wollte jenen, aus deren Umfeld er stammte, zeigen, was aus ihm geworden war, egal, ob sie zu seinem Vortrag kamen oder nicht. Sie würden es ja auf jeden Fall mitkriegen, durch den Tratsch in der Stadt, durch die Berichte in der Lokalpresse. Das war die Versuchung gewesen, der er erlegen war. Denen, die mit ihm ins Leben gestartet waren, beweisen, dass er etwas geschafft hatte. Er schüttelte den Kopf. Dass er so etwas nötig hatte, jemand wie er.

Er schaute wieder auf die Uhr. Noch eineinhalb Stunden, dann wollte ihn der Mann, der ihn engagiert hatte, abholen. So hatte er es ihm gestern Abend bei einem Anruf versprochen. Irgendwie freute er sich auf diese Begegnung. Der Mann war freundlich gewesen am Telefon. Er hatte interessiert gewirkt und sich bestens ausgekannt in seinem Werk. Das hatte ihm den Mann sofort sympathisch gemacht, weil so was selten genug vorkam, selbst bei seinen Studenten. Sonst reagierte er eher abwartend und prüfte sorgfältig, bevor er jemanden an sich heranließ. Auch dann, wenn er sein Werk gut fand. Komisch, dass er bei diesem Mann eine Ausnahme gemacht hatte. Irgendwas war es gewesen, das ihn angesprochen hatte, aber er wusste nicht, was.

Vielleicht hatte er ja nur seinetwegen zugesagt, dachte er, und nicht aus Gründen der Nostalgie oder um sich vor den Leuten in Unna zu beweisen. Vielleicht war es einfach nur deshalb gewesen, weil jemand ihm gegenüber den richtigen Ton getroffen hatte.

Wieder schüttelte er den Kopf. Was sollte das, das glaubte er doch selber nicht. Wie lange wollte er sich etwas vormachen? Kühlen Kopf bewahren, nahm er sich vor, sachlich bleiben. Jetzt bist du eben hier, warum auch immer. Dann ziehst du das auch durch und zwar ganz ohne dir etwas vorzumachen. Es ist wie es ist, und auch du bist nicht frei von Schwächen.

Plötzlich klingelte wieder das Telefon. Ist das etwa schon der Mann, der ihn abholen wollte? Möchte er vielleicht früher kommen, weil er noch etwas mit ihm besprechen wollte? Oder war es der Anrufer von vorhin? Aber warum, es war doch alles klar. Sie hatten sich geeinigt. Nachher, nach der Veranstaltung, wollten sie sich treffen. Da gab es doch gar nichts mehr zu klären.

Er griff zum Hörer und hörte zuerst ein merkwürdiges Rauschen. Erst nach längerer Zeit der Eingewöhnung nahm er eine verschwommen sprechende Stimme wahr. War das die Stimme von eben? Aber warum spricht sie dann so unklar, während sie eben noch so klar und verständlich geklungen hatte, fragte er sich. Dann endlich konnte er einzelne Worte heraushören, wenn auch immer noch unklar. Noch jemand möchte ihn sprechen, jemand ganz anderer. Es sei wichtig, sagte die Stimme, sehr wichtig sogar. Es würde auch nicht lange dauern, es wäre schnell erledigt.

Er wusste nicht, wie er reagieren sollte. Sollte er das Angebot annehmen? Aber warum? Da konnte ihn doch jeder anrufen. Und dann auch noch jemand mit kaum verständlicher Sprache. Er fühlte sich plötzlich unwohl bei dem Gespräch. Die Sache kam ihm nicht geheuer vor. Irgendwas, dachte er, stimmte da nicht. Aber was? Dann kam ihm der rettende Einfall.

„Kommen Sie doch zu mir“, sagte er. „Kommen Sie rauf in mein Zimmer. Oder ich komme runter ins Foyer.“

Aber die Stimme wimmelte ab. „Nicht im Hotel“, nuschelte sie. Er solle nach unten kommen, schlug sie vor, dann am Ausgang nach rechts gehen in Richtung Umgehungsstraße, da wäre der Stadtgarten und mittendrin stünde ein Denkmal. Dort würde die Person auf ihn warten.

Stimmt, dachte er, den Stadtgarten und das Denkmal, die hatte es zu seiner Zeit auch schon gegeben. Irgendwann nach einer Fete im Nachbargymnasium hatten seine Freunde und er sich dort getroffen, jeder mit einer Pulle Bier in der Hand und hatten ihr ganz privates Ende der Fete gefeiert. Es war mit keinem Wort verabredet gewesen, dass sie dort zusammentreffen sollten, wusste er noch. Sie waren unabhängig voneinander auf die Idee gekommen. Die Fete war im Laufe des Abends langweilig geworden, sie hatten keine Lust mehr gehabt, der schlaffen Musik zuzuhören und wollten, jeder für sich, in Ruhe ein Bier trinken. Aus unerklärlichen Gründen waren gleich drei von ihnen auf das Denkmal im Stadtgarten als geeigneten Ort gekommen. Die anderen hatten sie in der Ferne entdeckt, als sie nach Hause gingen, und durch Zurufen verständigt. Es war der beste Teil der Fete geworden. Sie alle unter sich am Denkmal mit einer Pulle Bier in der Hand, fröhlich und in irgendeine Diskussion verstrickt.

„Na gut, wenn es schnell geht“, sagte er und dachte an ihre damalige Privatfeier. „In ein paar Minuten kann ich am Denkmal sein.“

Die Stimme antwortete nicht mehr, das Rauschen hörte auf. Von einer Sekunde zur anderen war es still in der Leitung.

Komisch, dachte er, sehr merkwürdig.

3

3.

Borussia berannte pausenlos den Kölner Kasten, aber es wollte einfach kein Tor fallen. Der Ball lief flott durchs Mittelfeld, die Kölner hatten wenig entgegenzusetzen, aber in Strafraumnähe stockte Borussias Spiel. Anselm zuckte jedes Mal zusammen, wenn der Reporter den Torschrei auf den Lippen hatte, dann aber wieder ein enttäuschendes Ahhhhh … folgte.

Verdammter Mist, was war da los? Warum wollte die blöde Pille nicht in den Kölner Kasten? Ein guter Start in die Saison war wichtig. Sie durften nicht gleich Punkte verlieren, die ihre Konkurrenten um einen Spitzenplatz garantiert holen würden. Die Kölner waren ein Gegner, den man schlagen musste. Aber selbst der neue Stürmer, den Borussia in letzter Minute verpflichtet hatte, ein argentinischer Torjäger, schaffte es nicht. Barrios hieß er, Anselm musste sich erst an den Namen gewöhnen.

Thomas saß nebenan in seinem Zimmer vor dem Computer. Die Geräusche, die zu Anselm herüberdrangen, belegten nur zu deutlich, was er dort machte. Thomas hatte seine Ballerspiele angestellt. Jetzt, wo seine Mutter nicht da war, nutzte er seine Chance, ungestört rumzuballern. Anselm war es egal, es war Tanjas Sohn, nicht seiner. Sollte er machen, was er wollte, er, Anselm, war nicht zuständig. Bis auf weiteres jedenfalls. Aber wenn, dachte Anselm, wenn, dann würde er ihn anders erziehen. Man konnte sein Leben doch nicht mit diesem Schwachsinn verbringen.

In diesem Moment war Anselm sogar einverstanden damit, dass Thomas vor dem Computer saß. Hauptsache, er störte ihn nicht bei der Fußballübertragung.

Schalke, der Erzfeind, lag schon in Führung. Also würden die Schalker, wenn es so bliebe, schon nach dem ersten Spieltag in der Tabelle vor Borussia stehen. Auch das noch! Anselm wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Dann fiel ihm plötzlich das Kind ein. Seines und Tanjas Kind. Was wäre, wenn es doch käme. Wenn da ein kleiner Zellklumpen begonnen hätte, sich eifrig zu teilen, um am Ende ein ganzer Mensch zu werden. Ein Mensch, der seine Entstehung ihm, Anselm Becker, zu verdanken hatte? Und Tanja, der natürlich auch.

Genau in diesem Moment fiel das erlösende 1:0! Anselm riss die Arme hoch und stieß einen Jubelschrei aus. Es war typisch für den bisherigen Spielverlauf, dass keiner der Borussen getroffen hatte, sondern die Kölner kräftig nachgeholfen hatten. Ein Abwehrspieler von ihnen hatte die Flanke eines Dortmunder Verteidigers ins eigene Tor gelenkt. Egal, dachte Anselm, völlig wurscht! Hauptsache, der Ball war drin. Endlich!

Thomas schaute durch die Tür.

„Was ist los?“, fragte er.

„Borussia liegt 1:0 in Führung.“

„Na prima“, antwortete Thomas, „das wurde aber auch Zeit.“

Anselm freute sich über die Zustimmung. Vielleicht kriege ich doch noch einen Draht zu dem Jungen, dachte er.

Das Spiel plätscherte ab jetzt vor sich hin. Borussia stürmte nicht mehr auf Biegen und Brechen, sondern sicherte die Abwehr gegen die harmlosen Kölner, die es kaum einmal schafften, in den Dortmunder Strafraum einzudringen. Besser das 1:0 über die Zeit bringen, als in einen Konter zu laufen und den Ausgleich hinnehmen zu müssen, schienen die Spieler zu denken. Anselm dachte genauso. Gewonnen war gewonnen, egal wie.

Als der Schlusspfiff ertönte, ballte er die rechte Hand zur Faust. Na also, es ging doch! Der erste Saisonsieg war geschafft.

Er machte das Radio aus, stellte im Wohnzimmer den Fernseher an, sah einen Tierfilm und wartete auf den Beginn der Sportschau. Während dieser Zeit versuchte er, sich nur auf die Bilder zu konzentrieren und auf nichts anderes. Bloß nicht an etwas zu denken, das gar nicht spruchreif war, dachte er. Es gelang ihm auch halbwegs, der Film über die nach Deutschland zurückgekehrten Wölfe zog ihn in seinen Bann. Genau in dem Moment, als die Sportschau endlich begann, trat Tanja ins Wohnzimmer. Sie lächelte, kam sofort zu ihm und legte ihm die rechte Hand auf die Schulter und streichelte mit der Linken seine Wange.

„Ist ja klar, womit du dich beschäftigst“, sagte sie. „Gegen den Fußball ist bei dir kein Kraut gewachsen. Dann muss ich mir ja keine Sorgen machen, dass du dich gelangweilt hast.“

Er liebte es, wenn sie ironisch war. Es war ein Zeichen dafür, dass sie gut gelaunt war. Also war die Begegnung mit der Freundin gut verlaufen. Oder hatte sie einen anderen Grund? Aus den Augenwinkeln sah er sie an.

„Na, habt ihr euch gut unterhalten?“ Er bemühte, seine Frage so unverfänglich wie möglich klingen zu lassen.

„Und wie“, antwortete Tanja. „Was Mareike nicht alles wusste über unsere Mitarbeiter in der Bibliothek.“

„So, und was wusste sie?“

„Na, wer mit wem und wer nicht mehr mit wem. Und wer in wen verliebt ist, ohne dass der andere es merkt.“ Sie kicherte. „Na, was uns Frauen eben so interessiert in einem Klatschgespräch.“

Anselm nickte. Immerhin, sie hatte es selber Klatschgespräch genannt, das sprach für die richtige Selbsteinschätzung. Andererseits gab es keinen Grund für Überheblichkeit. Wenn er mit seinem Freund Burkhard bei Fränzer in Werne an der Theke saß, was selten genug vorkam, zogen sie auch über irgendwelche Leute her. Solche Gespräche stillten ein Grundbedürfnis an Neugier. Burkhard, dachte er, Mensch, den habe ich schon lange nicht mehr gesehen.

Er konnte sich vorstellen, dass Tanja ein lockeres, unangestrengtes Gespräch Spaß gemacht hatte. Trotzdem beobachtete er sie weiter aus den Augenwinkeln. Schimmerte noch ein anderer Grund für ihre Fröhlichkeit durch? Aber sie ließ sich nichts anmerken und plauderte weiter munter über ihre Begegnung.

„Mensch, was Mareike alles weiß“, fuhr sie fort. „Und wie genau die über alle Hintergründe informiert ist. So was würde ich nie rauskriegen.“

Gott sei Dank, dachte Anselm. Ein Glück, dass du nicht so quatschig bist wie deine Kollegin, normalerweise jedenfalls. Nicht zum Aushalten wäre das. Er konnte schon viele Klatschgeschichten von Rautert, seinem Chef, nur mit Mühe ertragen.

Komisch, dachte er dann, oder nein, nicht komisch. Er hatte schon beruflich viel mit Klatsch zu tun, nicht nur durch Rautert, auch bei seinen Befragungen. Da war die Frage, wer mit wem, manchmal entscheidend für die Klärung eines Falles.

Trotzdem hörte er nur mit halbem Ohr auf das, was Tanja ihm jetzt erzählte. Er hatte Tanjas Mitarbeiter nie gesehen, kannte zwar ihre Namen, weil Tanja sie erwähnt hatte, konnte sich aber keine realen Personen vorstellen. Was sollte er da mit Angaben zu ihren Beziehungsgeschichten?

Tanja dagegen machte es Spaß zu erzählen, er hatte gemerkt, wie wichtig die Berichte für sie selber waren. In Wahrheit interessierte ihn nur ein Bericht. Wie sicher war das, was sie annahm und von dem sie ihm vorhin nur beiläufig erzählt hatte? Wie viel Wahrscheinlichkeit maß sie dem bei? Sie war doch schon mal schwanger gewesen und musste wissen, wie so etwas ablief. Stattdessen der banale Beziehungskram, der ihm völlig gleichgültig war.

Gott sei Dank kam jetzt der Spielbericht über Borussia, und auch Tanja verstand, dass er nicht mehr aufmerksam zuhören konnte.

„Ist ja gut“, sagte sie, „ich lass dich schon mit meinen Geschichten in Ruhe.“

Anselm war erstaunt. Hatte sie sein Desinteresse bemerkt? Egal, jetzt wollte er das Tor sehen, den einzigen Treffer, der Borussia in der Tabelle weit nach oben gebracht hatte.

Später am Abend ging er rüber zu einer der Pizzerien in der Innenstadt, um für Tanja, Thomas und sich drei bestellte Pizzas abzuholen. Dabei fiel ihm ein, dass er in Werne manchmal zum Griechen neben der Bibliothek ging, um Souflaki oder Gyros zu holen. Das aß er dann zu Hause alleine vor dem Fernseher mit einer Pulle Bier oder einem Glas Wein dabei.

Jetzt, wo er daran dachte, spürte er plötzlich eine große Zufriedenheit. Da gab es zwei Menschen, die auf ihn warteten. Und der eine von den beiden ganz besonders. Er war nicht mehr allein, egal was passierte. Also konnte er in Ruhe abwarten, was sich ergeben würde. Er spürte selbst, wie sich sein Schritt beschleunigte. Gleich würden sie zusammensitzen, sie drei, würden zusammen essen und miteinander reden. Selbst mit Thomas ging das inzwischen. Das war etwas anderes als allein vor dem Fernseher zu sitzen.

4

4.

Kurz nach dem Anruf verließ er das Hotel und wandte sich nach rechts. Er hätte auch ohne Beschreibung gewusst, dass dort der Stadtgarten lag. In direkter Nachbarschaft zum Hotel stand die katholische Kirche, in der er mal mit seinen Eltern den Weihnachtsgottesdienst erlebt hatte. Obwohl sie evangelisch waren, waren sie einmal dorthin gegangen, weil die Stadtkirche schon voll gewesen war. Und Heiligabend ohne Weihnachtsgottesdienst konnte sich vor allem seine Mutter nicht vorstellen. Also waren sie hierher ausgewichen.

Er wunderte sich nicht mehr, dass ihm diese Geschichte einfiel. Seit er hier war, fielen ihm laufend Kindheits- und Jugenderlebnisse ein. Er hatte nicht geglaubt, dass ihn die Erinnerung so stark übermannen würde. Er blieb einen Moment lang stehen und schaute zu der Kirche hinüber. Es hatte damals ein Krippenspiel gegeben, bei dem die Maria, ein schüchternes, blondes Mädchen, dauernd stecken geblieben war, so dass ein paar Kirchenbesucher sogar angefangen hatten zu lachen. Bis ausgerechnet der jüngste der Hirten, ein Junge von höchstens sechs oder sieben Jahren, ihr im Text weitergeholfen hatte. Danach hatte die gesamte Gemeinde gelacht. Er schüttelte den Kopf. Blöde alte Kamelle, langsam wurde es peinlich. Gut, dass keiner seine Gedanken erraten konnte.

In einer Kirche, fiel ihm ein, war er schon lange nicht mehr gewesen. Er hatte alles Religiöse, schon vor Jahren, aus seinem Leben verbannt.

Die frische Luft tat ihm gut, es war richtig gewesen, noch mal raus zu gehen, bevor er gleich in der stickigen Aula des alten Gymnasiums auftreten und aus seinem Buch vorlesen würde. Die Sonne war hinter der Kirche verschwunden, trotzdem war es noch angenehm warm. Er atmete ein paar Mal tief durch, dann ging er langsam weiter.

Wer konnte das nur sein, der ihn da so dringend sprechen wollte? Was konnte es so Wichtiges geben, dass es unbedingt noch vor seinem Vortrag geklärt werden musste? Na egal, dachte er, so wichtig wird es schon nicht sein. Vermutlich wollte sich nur jemand aufspielen, wollte Nähe und Bekanntschaft demonstrieren, wo überhaupt keine war.

Wie ticken eigentlich die jungen Leute, die gleich zu meinem Vortrag kommen sollten, fragte er sich. Der Veranstalter hatte ihm gesagt, dass er sich vor allem auf junge Zuhörer einstellen sollte. Gerade für sie sollte er die Veranstaltung durchführen. Keine schlechte Idee, dachte er, junge Leute bedeuteten immer ein Stück Zukunft. Und sein Buch war auf die Zukunft ausgelegt, auf eine neue Gesellschaft, die die jetzige ablösen sollte.

Wie seine Studenten in der Großstadt Hamburg dachten, wusste er. Aber die jungen Leute hier, in seinem Geburtsort, das war noch etwas anderes. Was prägte ihr Denken im Vergleich zu ihm und seinen Freunden früher? Er spürte, wie sich eine Spannung in ihm aufbaute. Irgendwie war die Veranstaltung gleich doch nicht die übliche Routine.

Eine Punkerin kam hinter der Kirche hervor und lief in Richtung Innenstadt. Sie trug einen kurzen Rock, der schwarze Strumpf an ihrem rechten Bein wurde von einem Strumpfband gehalten. In Unterlippe und Nase glitzerten Ringe, dazu hatte sie Tattoos auf beiden Oberarmen. Sollten etwa Leute wie sie die Umstürzler dieser Gesellschaft sein? Veränderung geht nur durch Wissen, davon war er unerschütterlich überzeugt und das wollte er den jungen Leuten auch nachher erklären. Und was wusste diese Punkerin?

Er schüttelte den Kopf. Lass dich nicht durch Äußerlichkeiten leiten, dachte er, mit Vorurteilen gibt es auch keine Veränderung.

Am Rauschen des Verkehrs merkte er, dass er der Ringstraße näher kam. Gleich da vorn mussten Stadtgarten und Denkmal sein. Jetzt wurde er doch neugierig, denn merkwürdig war er schon gewesen, dieser Anruf. Die angebliche Dringlichkeit, dazu die unklare Stimme und das Rauschen … Er bekam plötzlich ein mulmiges Gefühl. Vielleicht hätte er sich gar nicht auf diese Sache einlassen sollen, vielleicht hätte er den Anrufer einfach abwimmeln sollen, Gründe dafür hätte er genügend gehabt. Wer konnte verlangen, dass jemand kurz vor einem Vortrag zu einem Gespräch bereit war? Aber gleich war er fast am Ziel, ein Umkehren käme ihm jetzt selber blöd vor.

Er kam näher, erblickte das Denkmal, sah aber niemand, der auf ihn wartete. Verflixt, war das vielleicht ein dummer Spaß gewesen? Hatte ihn jemand auf den Arm nehmen wollen, womöglich einer aus alter Zeit? Er wurde ärgerlich. Was fiel dieser Person ein? Wusste sie nicht, dass er sich auf seinen Vortrag konzentrieren musste und dumme Störungen nicht gebrauchen konnte? Dann aber sah er doch, dass dort eine Person stand, halb verdeckt vom Denkmal und aus seinem Blickwinkel kaum zu bemerken. Die Person trug, unpassend zum warmen Wetter, einen langen Anorak und drehte ihm den Rücken zu. Ob das der Anrufer war? Aber warum blickte er ihm dann nicht entgegen? Die Person musste doch wissen, aus welcher Richtung er kam. Also war sie es gar nicht?

Er blickte sich suchend um. Nein, hier gab es keine andere Person, die auf jemanden zu warten schien. Also konnte es nur die Person dort drüben sein. Er ging auf sie zu, ein Windstoß fegte plötzlich durch die Büsche und brachte die Blätter zum Rascheln. Wieder spürte er ein Unbehagen.

Er wollte die Person ansprechen. „Hallo“, wollte er rufen, „sind Sie es, der angerufen hat?“, aber aus unerklärlichen Gründen kam ihm die Frage nicht über die Lippen.

Immer näher kam er der Person, immer weniger konnte er sich erklären, warum sie ihm auch weiterhin den Rücken zudrehte. Sie musste seine Schritte auf den Steinplatten doch gehört haben. Was war los mit ihr?

Dann plötzlich, als er der Person ganz nahe war und nur noch seine Hände ausstrecken musste, um sie an der Schulter zu berühren, drehte sie sich ruckartig um. Im nächsten Moment drang ein ätzender Geruch in seine Nase und es wurde ihm schwarz vor Augen. Er hatte nicht einmal Zeit, das Gesicht richtig zu erkennen, merkte er noch. Nur zwei stechende Augen hatte er wahrgenommen, dann spürte er, wie seine Beine nachgaben. Was war los mit ihm? Nur noch dieser Gedanke schoss ihm durch den Kopf, was geschieht hier, was macht diese Person mit mir? Dann konnte er nichts mehr denken. Nur noch gespenstische Stille umfing ihn.

Ein paar hundert Meter von hier entfernt waren ein paar Leute gerade damit beschäftigt, alles für einen Vortrag vorzubereiten. Stuhlreihen wurden aufgestellt, ein Tischchen hingestellt, ein Mikrophon installiert und Blumen daneben gestellt. Ein etwa 40-jähriger Mann leitete die Aktion. Er hatte die Hoffnung, dass gut hundert Leute kommen würden, junge vor allem, aber auch ein paar ältere, die den Referenten aus alten, gemeinsamen Tagen kannten. Gleich würde er den Referenten abholen. Der Mann freute sich auf die Begegnung mit dem Referenten und auf seinen Vortrag.