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ASCHENDORFF

CRIMETIME

HEINRICH PEUCKMANN

ARMENTAFEL

KRIMINALROMAN

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Aschendorffs

EPUB-Edition

Vollständige E-Book-Ausgabe des im Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Copyright © 2010/2012 Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG, Münster

ISBN der EPUB-Ausgabe: 978-3-402-19664-9

ISBN der Druckaugabe: 978-3-402-12826-8

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www.aschendorff-buchverlag.de

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1.

Der Mann musste sein Fahrrad schieben, während er durch den Wald lief. Er blickte dabei immer wieder nach unten, um nicht in eines der Schlammlöcher zu treten, denn die Spuren im Weg waren tief nach dem Regen vor ein paar Stunden. Die beiden Satteltaschen lasteten schwer am Gepäckträger, so dass er nur langsam vorankam, aber das machte dem Mann nichts aus. Es gab niemanden, der ihn drängte, schnell zu sein, auch nicht sein Freund, den er gleich an einer der Bänke am Wegrand treffen würde. Auch sein Freund hatte Zeit genug, solange zu warten, bis er da war.

Manchmal gaben die Bäume den Blick frei auf das angrenzende Feld und die Vorstadtsiedlung in der Ferne. Der Mann wollte aber gar nicht dorthin schauen, weil er wusste, dass ihn sofort Wut überkam, wenn er die Siedlung sah. Aber es gelang ihm nicht, wie magisch zog sie seinen Blick an.

Viele der Häuser lagen versteckt hinter hohen Hecken, so dass nur die Dächer hervorschauten. Von den Bewohnern war niemand zu sehen. Wie eine verschlossene Welt lag die Siedlung vor ihm, und doch, das wusste er, täuschte der Eindruck. Zur Genüge wusste er das, denn die Bewohner sahen alles, was um sie herum vorging, jede noch so kleine Belanglosigkeit. Aber nicht nur das, sie wollten auch über alles entscheiden, was um sie herum geschah. Vor allem, wer sich in ihrer Nähe aufhalten durfte und wer nicht, das besonders wollten sie bestimmen. Leute wie er und sein Freund sollten auf keinen Fall dazu gehören. Die sollten von hier verschwinden, so schnell wie möglich. Besser noch hätten sie in den Augen dieser Leute gar nicht erst hier auftauchen dürfen.

Was glaubten die eigentlich, wer sie sind? Vor allem, was glaubten sie, wohin Leute wie er und sein Freund gehen sollten? Sollten sie sich in Luft auflösen? Bloß, weil diese Leute sich für was Besseres hielten und meinten, Menschen wie er und sein Freund hätten keine Rechte und wären Freiwild, einzig deshalb, weil sie keine Wohnung hatten? Aber da hatten sie sich getäuscht. Da hatten sie sich vor allem in ihm getäuscht, denn er würde sich nicht mehr rumstoßen lassen. Viel zu lange hatte er das mit sich machen lassen, viel zu oft hatte er geduldet, dass man ihn hin und her schob, bis man ihn gar nicht mehr brauchte und wegjagte. Klaglos hatte er das alles über sich ergehen lassen und es ihnen damit leicht gemacht. Ein Fehler, wie er längst wusste. Von niemandem würde er sich mehr vertreiben lassen, da konnten sie sicher sein. Jetzt spürte er doch wieder die Wut, die er vermeiden wollte. Aber sie war ja nicht falsch, dachte er dann. Sie hatte ihm längst geholfen, diese Wut, die ihm früher fremd gewesen war. Sie war es, die ihn stark gemacht hatte für seinen Widerstand.

Ein Eichelhäher erhob sich aus dem Geäst und flog kreischend davon. Der Mann blieb stehen und schaute sich um. Wollte der Vogel vor etwas warnen? War hier noch jemand außer ihm? Nein, es war alles still. Etwas anderes musste den Vogel erschreckt haben. Er stützte sich einen Moment auf das Fahrrad, weil seine Arme vom Schieben durch den Schlamm ermüdet waren.

Nach dem Regen war es wieder warm geworden, stellte er fest, obwohl es schon spät im Jahr war. Wenn die Blätter nicht begonnen hätten, sich zu verfärben, könnte man meinen, dass es Sommer wäre, dachte er.

Ja, die Wut hatte ihm geholfen. Denn als er gemerkt hatte, wie seine Freunde in ihrer Not genauso ausgenutzt werden sollten, wie es früher mit ihm geschehen war, hatte sie ihn mit einer solchen Wucht gepackt, wie er sie noch nie gespürt hatte. Da war er tatsächlich zu jenem hingelaufen, den er zu seinem Erstaunen unter den Schmarotzern entdeckt hatte und hatte ihn fertig gemacht. Mein Gott, was hat der Typ für Augen gemacht, als er plötzlich vor seiner Haustür stand und ihm mitteilte, dass er das Spiel, das er und seine Hintermänner betrieben, durchschaut hatte. Dass der Typ mitmache bei den üblen Tricksereien und sich keine Mühe zu geben brauche, es zu bestreiten. Er hätte ihn eindeutig erkannt.

Der Mann musste schmunzeln, wenn er an diese Szene dachte. Ja, er hatte es genossen, in die vor Schreck weit aufgerissenen Augen seines Gegenübers zu blicken. Er hätte sie schon viel früher sehen müssen, diese erschrockenen Augen, ein einziges Mal nur, und es hätte gereicht, um ihm viel Ärger im Leben zu ersparen. Aber damals war er noch nicht so weit gewesen, damals hatte er alles hingenommen.

Natürlich hatte der andere alles abgestritten, aber das Zittern in seiner Stimme hatte ihn verraten. Der Typ war dabei gewesen, natürlich war er das. Und irgendwie passte es auch zu ihm, miese Tricks zu drehen mit Leuten, die sich nicht wehren konnten.

Er hatte ihm gedroht, alles auffliegen zu lassen, wenn sie nicht sofort aufhören würden damit. Vielleicht hätte er sich das ersparen sollen, hatte er danach ein paar Mal gedacht. Jemanden zu bedrohen war gefährlich, vor allem bei solchen Leuten. Aber er hatte es einfach nicht unterdrücken können, zu sehr hatte er seinen Triumph genießen wollen.

Er schob sein Fahrrad weiter. Ganz so lange wollte er seinen Freund doch nicht warten lassen, sonst würde der womöglich alleine zum Essen gehen. Er freute sich auf das warme Essen, das es in der Nordstadt gab, in der ehemaligen Kneipe an der Mallinckrodtstraße, die nun von der Diakonie betrieben wurde. Am besten schmeckte es ihm, wenn sein Freund dabei war, deshalb gingen sie immer zusammen dorthin. Es gab ihnen beiden das Gefühl, so etwas wie eine Familie zu sein, die sich zum Essen traf.

Wieder erhob sich ein Vogel kreischend von einem Ast und diesmal hörte er irgendwo neben sich auch das Knacken eines Zweiges. Also war doch jemand in seiner Nähe. Vielleicht sein Freund, der schon im Wald zu ihm stoßen wollte? Verdammt, warum zeigte er sich dann nicht? Was sollte das blöde Versteckspiel?

Der Mann blickte sich um. Nein, auch diesmal war nichts zu sehen. Jetzt wurde es ihm mulmig zumute. Die beiden Vögel, dazu das knackende Geräusch, irgendwas stimmte da nicht. Es war ein flaues Gefühl im Magen, das ihn plötzlich überkam. Er wusste selbst nicht, warum das so war.

Ach was, versuchte er sich einzureden, das Knacken konnte nichts mit ihm zu tun haben. Wer sollte sich für ihn interessieren? Die Typen in der Siedlung etwa? Die würden, wenn sie etwas von ihm wollten, ihre Leute dorthin schicken, sie selbst würden niemals kommen. Aber wenn sie gerade das getan hatten, fiel ihm plötzlich ein. Wenn sie wirklich ihre Leute geschickt hatten, nur für ihn, für ihn ganz allein … Er drehte sich wieder um. Nein, es war ruhig im Wald, niemand war zu sehen. Er blickte nach vorn. Noch gut hundert Meter, dann würde freies Feld vor ihm liegen und irgendwo dort vorn würde der Freund auf ihn warten. Er beeilte sich, um ihn schnell zu erreichen, denn das flaue Gefühl im Magen ließ nicht nach. Erst wenn er seinen Freund erreicht hatte, würde es verfliegen, so viel war ihm jetzt klar.

Dann hörte er erneut ein Knacken, rechts von ihm und viel näher als vorhin. Er schaute gar nicht auf, um keine Zeit zu verlieren, sondern versuchte zu laufen so schnell es ging. Aber der Boden war tief und die Räder schienen festzukleben im Schlamm. Je mehr er sich anstrengte, desto langsamer schien er voranzukommen.

War das nicht ein Atem, den er jetzt hinter sich hörte? Wenn es wirklich sein Freund war, dem würde er etwas erzählen! Was fiel ihm ein, ihn so zu erschrecken? Gleichzeitig hoffte er, dass seine Vermutung stimmte. Dass es wirklich sein Freund war und niemand anders, denn jetzt war er sich sicher. Jemand verfolgte ihn, jemand war ihm dicht auf den Fersen. Deutlich hörte er den keuchenden Atem, und als er ihn neben sich spürte, versuchte er sich umzuwenden, um den anderen zu erkennen. Genau in dem Moment traf ihn ein Schlag am Hinterkopf. Er spürte, wie er taumelte und es ihm schwer fiel, sich am Fahrrad festzuhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Für zwei, drei Sekunden gelang ihm das, dann wurde der Schwindel stärker, und er musste das Rad los lassen. Die Klingel ertönte leise, als das Rad in den Schlamm fiel. Dann fasste er sich an den Kopf und spürte eine warme Feuchtigkeit an den Fingern. Ungläubig führte er die Hand vor Augen und sah, wie sein Blut zu Boden tropfte. Erst jetzt spürte er einen stechenden Schmerz. Dann drehte er sich um und sah hinter sich ein Gesicht, das ihn zusammenzucken ließ. Erstarrt war es, entschlossen, aber nicht eiskalt, sondern gleichgültig. Einfach nur gleichgültig.

Mein Gott, was macht der, dachte er, was will der Typ von mir? Aber er konnte nichts ablesen in dem Gesicht vor ihm außer dieser unglaublichen Gleichgültigkeit, die ihn nicht nur erschreckte, sondern auch lähmte. Er musste weg von hier, das wusste er, so schnell wie möglich, aber seine Beine waren wie angewachsen. Dann sah er, dass der andere ausholte und noch einmal zuschlagen wollte mit dem dicken Ast, den er in Händen hielt. Verzweifelt wollte er sich zu Boden werfen, um dem Schlag auszuweichen, aber es war zu spät. Mit voller Wucht wurde er an der Schläfe getroffen. Es war ein kurzer, heftiger Schmerz, den er spürte und der im selben Moment nachließ, in dem ihm schwarz vor Augen wurde. Er konnte nur noch fühlen, wie er endgültig das Gleichgewicht verlor und zur Seite kippte, hinein in den feuchten Matsch des Waldweges. Noch einmal machte er den verzweifelten Versuch aufzustehen, aber seine Hände fanden keinen Halt im Schlamm, um sich abzustützen. Dann hörte er von fern nur noch den Gesang eines Vogels, immer leiser werdend, bis er endgültig verstummte. Dann trat Stille ein, eine Stille, wie er sie noch nie erlebt hatte.

1

2.

Als Anselm Becker aufwachte, war es schon kurz vor zehn. Ungläubig schaute er auf das Zifferblatt seines Weckers, er konnte sich nicht erinnern, wann er zum letzten Mal so lange geschlafen hatte. Mühsam erhob er sich, ging zum Schlafzimmerfenster und blickte hinunter auf die Schulstraße. Es war ein sonniger Spätsommertag, anders als gestern Nachmittag, wo es zwischendurch heftig geregnet hatte. Die Schüler der Grundschule gegenüber hatten gerade große Pause, vielleicht war es ihr Lärm gewesen, der ihn aufgeweckt hatte. Anselm empfand keinen Ärger darüber, es war wirklich Zeit zum Aufstehen.

Schon am gestrigen Sonntag hatte er viel geschlafen, er hatte sich erschöpft gefühlt von den Anstrengungen der letzten Wochen und sich einfach treiben lassen. Vom Bett aus hatte er ferngesehen, zwischendurch in einer Illustrierten geblättert und war dabei eingeschlafen. Seine Müdigkeit hatte schon am Samstag begonnen, als er Tanja in Münster besucht hatte, aber zu allem, was sie vorschlug, einfach keine Lust gehabt hatte. Egal was es gewesen war. Sie hatte ihm schließlich geraten, das restliche Wochenende zum Ausschlafen zu nutzen, am besten in seiner eigenen Wohnung in Werne, wo ihn niemand störte. Er hätte es dringend nötig, hatte sie hinzugefügt.

Anselm hatte zuerst geglaubt, dass sie ihren Vorschlag ironisch gemeint hatte, aber sie hatte ganz ernsthaft dazu genickt.

„Fahr ruhig“, hatte sie gesagt, „du musst auch mal auf deinen Körper hören, sonst wirst du noch krank.“

Dieser Satz hatte ihn noch misstrauischer gemacht. Wollte sie vielleicht andeuten, dass sie ihn für einen alten Sack hielt, der es nicht mehr bringe? Aber auch in dem Moment hatte er kein spöttisches Lächeln in ihrem Gesicht entdecken können, sie hatte wirklich gemeint, was sie sagte.

Der Pausengong ertönte und die Schüler strömten zurück ins Schulgebäude. In Sekundenschnelle wurde die Schulstraße wieder zur ruhigen Seitenstraße. Anselm ging zur Toilette, wusch sich, zog sich an, dann begann er, sein Frühstück zu bereiten. Erst als er am Küchentisch vor seinem dampfenden Kaffee saß, griff er zum Hörer, um Tanja anzurufen. Gestern hatte er es nicht getan, sie selber hatte das so vorgeschlagen, aber jetzt wollte er ihr mitteilen, dass es genau der richtige Tipp gewesen war. Er fühle sich viel frischer, wollte er ihr sagen, fast wie nach einem Kurzurlaub.

Er musste lange durchläuten lassen, bis endlich jemand abnahm.

„Hallo“, hörte er eine tiefe männliche Stimme.

Anselm war im ersten Moment verdutzt und glaubte, sich verwählt zu haben. Er blickte auf das Display, aber tatsächlich, es war Tanjas Nummer.

„Hallo“, rief die Stimme wieder, „wer ist denn da?“

Thomas konnte es auf keinen Fall sein, dessen helle Stimme, die ein wenig der von Tanja glich, hätte Anselm sofort erkannt.

„Ja, hier ist … hier ist …“ stotterte er. Verdammt, wer war der Kerl und vor allem, was machte er in Tanjas Wohnung?

„Kann ich mal Tanja sprechen?“, rief er barsch in den Hörer. Er wusste, dass sie noch da sein musste. Montags begann sie ihren Dienst in der Unibibliothek immer erst gegen 12 Uhr. Es war der einzige Tag, an dem Thomas nach Hause kam, ohne dass seine Mutter da war. Tanja war nicht glücklich darüber, konnte es aber nicht ändern.

Kurz danach hörte er ihre Stimme.

„Ja, hallo“, sagte sie.

„Was ist los?“, rief Anselm. „Wer ist dieser Mann?“

„Ach, du bist es, Anselm. Es tut mir Leid, ich kann dir das jetzt nicht erklären.“

„Dann komme ich heute Abend nach dem Dienst vorbei“, rief er, „vielleicht kannst du es dann!“ Er merkte selbst, wie ärgerlich seine Stimme klang.

„Das geht nicht, Anselm. Du kannst nicht vorbeikommen.“

„Wie? Was soll das heißen, ich kann nicht vorbeikommen?“

„Weil es im Moment nicht geht.“

„Was heißt das, im Moment? Meinst du damit heute?“

„Heute und morgen und … Ich weiß nicht, wie lange. Ich melde mich, sobald es wieder möglich ist. Ruh dich inzwischen weiter aus. Bis dann.“

Sie drückte das Gespräch weg.

Verdammt, was war plötzlich in Tanja gefahren? Anselm starrte mit offenem Mund auf den Hörer, als könnte der ihm eine Antwort geben. So eine Reaktion war er nicht gewohnt von ihr, er konnte gar nicht glauben, was sich da gerade zwischen ihnen abgespielt hatte. Wenn in ihrer Beziehung jemand etwas abgesagt hatte, dann war es immer er gewesen, niemals Tanja. Mit der Möglichkeit, dass sie es auch mal tun könnte, hatte er nicht gerechnet, er musste erst mal schlucken.

Am liebsten wäre er sofort nach Münster gefahren, um der Sache auf den Grund zu gehen. Aber wer konnte wissen, was Tanja dann sagen würde. Und außerdem musste er dringend ins Präsidium. Rautert, sein Chef, würde zwar nicht meckern, wenn Anselm erst am späten Vormittag eintrudelte, schließlich hatte er noch jede Menge Überstunden abzufeiern, aber einen ganzen Tag lang nicht aufzutauchen konnte er sich keinen Fall erlauben.

Die Lokalzeitung lag vor ihm auf dem Tisch, aber er wusste, dass er sich jetzt nicht mal auf den lokalen Klatsch konzentrieren konnte, der ihn sonst immer amüsierte. Gedankenverloren biss er in sein Käsebrötchen und trank einen Schluck Kaffee.

Wie musste sich eigentlich Tanja in jenen Momenten gefühlt haben, an denen er es gewesen war, der die Treffen mit ihr abgesagt hatte, ging es ihm plötzlich durch den Kopf. Komisch, dass er erst jetzt daran dachte, als er selbst eine Absage erhalten hatte. Oder nein, nicht komisch. Irgendwie kann man sich immer nur in das hineinfühlen, was man selbst erlebt hat, dachte er. Tanja hatte es ihm aber auch leicht gemacht. Sie hatte seine Absagen immer akzeptiert und er hatte geglaubt, sich über ihre Gefühle keine Gedanken machen zu müssen. Aber was wäre, wenn sie ihm das alles nur vorgespielt hatte? Wenn sie unter seinen Absagen, zu ihr zu kommen, genauso gelitten hatte wie er jetzt? Besser, er stellte sich das gar nicht vor, denn er merkte, wie ihm mulmig zu werden begann.

Er biss wieder in das Brötchen, aber es schmeckte ihm nicht. Es hatte ihm schon, seit er die männliche Stimme am Telefon gehört hatte, nicht mehr geschmeckt. Genau in dem Moment, als er den Teller von sich schob und sich vom Küchentisch erhob, klingelte das Telefon. Tanja, dachte er. Jetzt wird sie ihm doch noch erklären, was los ist. Hastig griff er nach dem Hörer, aber es war Rautert, der sich meldete.

„Meckere jetzt bloß nicht, dass ich dich anrufe!“, sagte Rautert, „ich habe dich ja wohl lange genug schlafen lassen.“

„Lange genug ist es nie“, antwortete Anselm und seufzte, denn es war klar, dass Rauterts Anruf nichts anderes als Arbeit bedeutete. „Also sag schon, was ist los?“

„Was los ist? Was soll schon los sein? Einer ist tot. Da liegt einer erschlagen in einem Wäldchen im Dortmunder Süden. Du sollst sofort hinkommen. Wermann ist schon da.“

Verdammt. Anselm war wütend. Jetzt nicht auch das noch, er war schon genug beschäftigt mit Tanja. Das war es, was er zuerst klären wollte, was los war mit Tanja, mit diesem Mann in ihrer Wohnung und nichts anderes. Man hat ja auch seine Rechte, zum Beispiel auf sein Privatleben. Nicht nur diese Leichen haben Rechte. Er seufzte noch einmal laut auf.

„Was ist“, rief Rautert, „hast du was?“

„Nein, was sollte ich schon haben? Ist alles in Ordnung. Dann sag schon, wie ich zu dem Wald komme.“

3

3.

Fast gleichzeitig mit Sibel Dogan, seiner Mitarbeiterin, kam Anselm Becker am Tatort an. Wermann sicherte gerade die Spuren im matschigen Waldweg, dann hatte er die Leiche bestimmt schon so weit untersucht, wie es am Tatort möglich war, dachte Anselm. An den Falten in seiner Stirn sah er, dass Wermann schlechter Laune war.

„Verdammter Mist!“, rief er, als er Anselm entdeckte. „Jetzt auch noch so was!“

„Nimm dir den Toten nicht zu sehr zu Herzen“, entgegnete Anselm, „daran müsstest du doch längst gewöhnt sein.“

„Den Toten soll ich mir nicht zu Herzen nehmen.“ Wermann lachte verächtlich. „Der interessiert mich überhaupt nicht. Mich interessiert die Einbruchserie, die ich endlich aufklären muss. Da klauen welche wie die Raben, deshalb kann ich jetzt keinen Toten gebrauchen, der mir die Zeit stiehlt.“

Fast hätte Anselm lachen müssen über diesen Satz, aber ihm war nicht nach Lachen zumute. Der Tote passte ihm ja auch nicht in seinen Zeitplan. Außerdem wusste er von dem Fall, an dem Wermann arbeitete. Da tauchte eine Bande nachts an unbewachten Lagerhallen oder Baustellen auf, schlug blitzschnell zu und war sofort wieder verschwunden, mit fetter Beute jedes Mal. Teure Werkstoffe, elektronische Geräte, Baumaschinen, Werkzeuge. Sie hatten gar nicht gewusst, wie viel wertvolles Material an Baustellen und in Lagerhallen aufbewahrt wurde. Schon seit Monaten ging das so, Wermann kam ihnen einfach nicht auf die Spur. Eine ärgerliche Sache.

„Mord ist wichtiger“, versuchte er ihn zu trösten, „das hat jetzt erst mal Vorrang.“

Es war ein Satz, der genauso gut für ihn selber galt, aber an Wermanns bösem Blick merkte er, dass es für ihn der völlig falsche gewesen war.

„Ein Toter ist tot, egal, ob er ermordet wurde oder nicht!“, rief Wermann. „Aber diese Bande klaut weiter, ganz lebendig und richtet einen Riesenschaden an.“

„Ich verstehe dich ja“, versuchte Anselm ihn zu beruhigen, „reg dich nicht weiter auf. Wenn zwischendurch mal Zeit ist, helfen wir dir alle.“

Sibel nickte, aber Wermann sah Anselm nur skeptisch an.

„Du auch?“

„Ja, ich auch.“ Jetzt hatte Anselm Mühe, sich nicht aufzuregen. Was sollte das denn heißen, du auch? War er etwa ein Faulpelz oder jemand, der seine Kollegen im Stich lässt? Aber er unterdrückte seinen Ärger und zwang sich, sachlich zu reagieren.

„Wer hat ihn gefunden?“, fragte er und zeigte auf den Toten.

„Ein Jogger“, antwortete Wermann, „vor knapp zwei Stunden. Wir haben Namen und Adresse. Der konnte nicht warten, weil er Schichtarbeit hat. Wenn er zu spät kommt, kann es Ärger geben. In diesen Zeiten ist schnell jemand entlassen.“

„Hat er sonst irgendwas bemerkt?“, fragte Sibel.

„Als er ihn gefunden hat, war der Mann schon lange tot. Was soll er da bemerkt haben? Tatzeit vermutlich gestern Abend. Genaueres wird die Obduktion ergeben. Der Mann wird uns nicht weiterhelfen.“

Die Obduktion, dachte Anselm. Stimmte, wo war eigentlich der Dok? Wermann schien seine Gedanken zu erraten.

„Der Dok kommt gleich. Er steckt noch in der Endphase irgendeiner Arbeit, die er nicht abbrechen konnte. Er müsste aber jeden Moment hier sein.“

Anselm wäre nicht böse, wenn er dem Dok überhaupt nicht begegnete. Vermutlich würde der sofort damit anfangen, dass seine geliebten Schalker beim Unentschieden in Dortmund betrogen worden seien. Das letzte Tor von Borussia wäre abseits gewesen, würde er bestimmt herausposaunen, was vermutlich sogar stimmte. Auch Anselm müsste das zugeben. Aber einer der Schalker Spieler hätte schon nach 30 Minuten wegen Foulspiels vom Platz gestellt werden müssen, das übersahen diese Fanatiker von Schalke. Gut, dass er sich nicht damit auseinandersetzen musste.

Vorsichtig, um keine Spuren zu zertreten, ging er zu dem Toten hinüber. Der Mann trug eine dick wattierte Jacke, die sich inzwischen mit Feuchtigkeit voll gesogen hatte. Aber schon vorher musste sie Wasserflecken vom Tragen im Regen gehabt haben, wie Anselm an hellen Rändern am Rücken feststellte, die trocken waren. Auf dem rechten Ärmel entdeckte er pechschwarze Stellen, die wie Ölflecken aussahen. Besonders sauber war der Mann also nicht gewesen. Sein Hinterkopf wies eine klaffende Wunde auf, das Blut war hinter dem Ohr hergelaufen und von dort auf den Boden getropft.

Erschlagen also, dachte Anselm, einfach von hinten niedergeknüppelt. Er hatte längst aufgehört, sich über so viel Brutalität zu wundern. Sie gehörte inzwischen zu seinem Berufsalltag, obwohl ihn der Anblick eines Mordopfers immer noch betroffen machte.

Das verkrustete Blut hatte eine bräunliche Färbung angenommen, also stimmte Wermanns Annahme, dass der Mann schon länger tot war. Am Wegrand neben ihm lag ein Fahrrad, an dessen Gepäckträger zwei prall gefüllte Satteltaschen hingen. Anselm beugte sich hinüber und merkte an den geöffneten Schnallen, dass Wermann sie schon kontrolliert hatte. Er warf ebenfalls einen Blick hinein. Feuchte Hemden und Socken, zwei ungewaschene Unterhosen, Shampoo … Ein Penner also, dachte Anselm. Einer, der seine gesamte Habe mit sich führt, weil er keinen Ort hat, an dem er sie lagern könnte, ohne Angst zu haben, dass ihm auch noch das Letzte geklaut würde. Komisch, dachte er, auf den ersten Blick hatte er dem Mann die Lage, in der er gelebt hatte, gar nicht angesehen.

Er erhob sich und seufzte. Dann war das also wieder so eine Tat im Rausch, dachte er, und seine Lust an dem Fall sank auf null. Da wäre es wirklich besser, erst mal die Sache mit Tanja klären, das würde wenigstens Sinn ergeben. Sinn deshalb, weil es jemandem half, nämlich ihm selber. Hier dagegen lag bestimmt ein Streit um nichts vor. Das ist meine Flasche Schnaps, nein meine, gib sie sofort her, sonst …

Er erhob sich und sah Wermann an. „Warum sagst du nicht, dass es sich hier um eine spontane Tat ohne Sinn und Verstand handelt?“

„Was für eine spontane Tat?“

„Na, so ein Streit zwischen Pennern um eine Pulle Schnaps oder eine Rotweinbombe. Was weiß ich, worum es diesen Leuten in ihrem Wahn geht?“

„Ich weiß nicht, ob du mit deiner Vermutung richtig liegst“, antwortete Wermann. „Der Mann stinkt jedenfalls nicht nach Schnaps.“

„Das ändert nichts an meiner Annahme!“, rief Anselm. „Dann hat er den Kampf um die Pulle eben verloren. Dann hat der andere sie aussaufen können und nicht er. Man kennt das doch.“

Neulich hatte in einer anderen Stadt ein Penner einen anderen wegen 17 Euro beinahe totgeschlagen, Anselm hatte es in der Zeitung gelesen.

Sibel kam näher und blickte ebenfalls in die Satteltaschen.

„Das ist bisher nicht mehr als eine Vermutung“, sagte sie dann. „Sollen wir nicht mal systematisch vorgehen, so wie immer?“ Sie sah zu Wermann hinüber. „Weißt du, wie er heißt?“

Wermann zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Papiere habe ich bei ihm nicht gefunden.“

Anselm blickte hinunter zu dem Toten, an dessen Hinterkopf der Schädelknochen weiß hervorschimmerte. Es war ungewöhnlich, keine Papiere zu haben, dachte er. Die Obdachlosen brauchten zumindest die Bestätigung, dass sie Arbeitslosengeld IV bezogen, sonst bekamen sie kein Essen bei den Armentafeln, von denen es inzwischen mehrere in der Stadt gab. Und darauf waren die meisten von ihnen angewiesen. Dann musste der Täter die Papiere mitgenommen haben. Aber wozu? Glaubte er, dass es ihnen so nicht gelingen würde, die Identität des Toten rauszufinden? Jetzt kamen ihm doch Zweifel an seiner Theorie.

Er blickte sich um. Hinter den Bäumen am Waldrand lag ein abgeerntetes Feld, dahinter begann die Südstadt. Für einen Oktobertag war es erstaunlich warm. Sibel, bemerkte er plötzlich, hatte sich entsprechend sommerlich gekleidet. Sie trug diesmal kein Schwarz, wie sie es sonst bevorzugte. Sie trug eine gelbe Bluse und eine blaue Jeans, die ihr beide gut standen. Komisch, dass ihm das erst jetzt auffiel, dachte er. Zu sehr war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt gewesen, mit dem Toten auf dem Waldweg und vor allem mit Tanja und ihrem merkwürdigen Besucher.

Ob der Kleiderwechsel allein mit dem schönen Wetter zu tun hatte, fragte er sich, oder hatte er noch etwas anderes zu bedeuten? Etwas, das mit ihrem Privatleben zu tun hatte? Egal, es ging ihn nichts an. Er selbst hatte heute Morgen nach seiner schwarzen Hose und der grauen Kordjacke gegriffen, die er schon am Samstag in Münster getragen hatte. Lediglich ein frisches Hemd hatte er aus dem Schrank geholt, ein grau kariertes. Es war das zweitletzte gebügelte gewesen, das dort hing. Höchste Zeit, mal wieder zu waschen und zu bügeln. Er schaute an sich herunter und stellte fest, dass sie ein sehr ungleiches Paar waren. Sie schick gekleidet und er schlampig. Vielleicht sollte er auch mehr Wert auf seine Kleidung legen, dachte er. Bevor er Tanja kennen gelernt hatte, hatte er das doch auch getan.

Was nun, dachte er und blickte den Weg zurück, den er gekommen war. Wie sollten sie mit ihren Ermittlungen beginnen?

„Hört mal“, sagte Wermann, „ich habe da etwas Merkwürdiges gesehen, als ich herkam.“

„Ich auch!“, rief Sibel. „Aber erzähl du, vielleicht meinen wir ja dasselbe.“

„Es gibt am anderen Ende des Wäldchens eine Zeltstadt“, fuhr Wermann fort, „lauter kleine Zelte stehen da wild durcheinander.“

„Eine Zeltstadt?“ Anselm begriff nicht, was Wermann meinte.

„Sieht so aus, als wenn da Obdachlose campieren würden.“ Wermann sah Sibel an.

„Ja“, antwortete sie, „das habe ich auch gedacht, als ich es gesehen habe.“

„Und ihr meint, der hier könnte dazu gehört haben?“ Anselm wies mit dem Zeigefinger auf den Toten.

„Warum nicht“, sagte Sibel. „Möglich wäre es, so wie der hier aussieht. Wir sollten es überprüfen.“

Anselm nickte. Ja, das klang plausibel. Außerdem spürte er seine Neugier auf diese Zeltstadt. So etwas hatte er noch nie gesehen.

„Ist gut.“ Anselm nickte. „Sichere du inzwischen die Spuren“, fügte er an Wermann gerichtet hinzu, „und sag dem Dok, wenn er kommt, dass wir die Tatzeit brauchen, so schnell wie möglich.“

„Dass wir die Tatzeit brauchen ist ja was völlig Neues“, entgegnete Wermann. „Darauf wäre ich von alleine nie gekommen.“

Zum ersten Mal während ihrer Begegnung grinste er, Anselm nahm es mit Erleichterung zu Kenntnis. Dann holte er sein Handy aus der Innentasche seiner Kordjacke und machte ein Foto vom Kopf des Toten. Er hielt die Kamera dabei so, dass möglichst viel vom Gesicht und möglichst wenig von der tödlichen Verletzung zu sehen war. Vielleicht stammte der Mann ja wirklich aus der Zeltstadt, dann könnten sie durch Vorzeigen des Fotos seine Identität feststellen. Gleichzeitig wollte er die Befragten mit der Wunde nicht erschrecken.

Während er neben Sibel durch den Wald lief, fiel es ihm schwer, ein Gespräch zu beginnen, zu sehr war er mit Gedanken an Tanja beschäftigt. Ob er am Abend, wenn sie die ersten Spuren gesichert hatten, nach Münster fahren sollte, um sich selbst ein Bild davon zu machen, was bei ihr los war, überlegte er wieder. Er rieb sich das Kinn. Gut für sein Seelenheil wäre es auf jeden Fall, gleichzeitig gefiel ihm der Gedanke aber nicht. Wie würde das aussehen und vor allem, was würde Tanja dazu sagen?

Ach, wenn du mich nicht treffen willst, ist das in Ordnung, und ich muss es akzeptieren. Aber wenn ich mal absage, ist das was anderes. Das muss dann natürlich sofort kontrolliert werden.

Es war ein Satz, den er Tanja eigentlich nicht zutraute, sondern der im umgekehrten Fall eher für ihn gelten würde. Aber das änderte nichts an der Sache. Allein die Vorstellung, dass sie so etwas denken könnte, hinderte ihn. Es war sein Stolz, der das nicht zuließ. Aber auf welchem Wege sollte er sonst rauskriegen, was los war?

„Ist was?“, fragte Sibel.

„Ne, warum? Ist alles in Ordnung.“

Sie sah ihn schräg von der Seite an.

„Na, dann ist ja alles klar.“

Am Tonfall merkte er, dass sie ihm nicht glaubte, aber es war ihm egal. Das hätte ihm gerade noch gefehlt, jetzt über sein Privatleben zu reden, von dem er selber nicht wusste, wie es darum stand.

Er versuchte, sich auf die Umgebung zu konzentrieren. Es war ein schönes Buchenwäldchen, durch das sie liefen, klein, aber immerhin. Gut, dass es so etwas noch in der Nähe der Großstadt gab. Von allem, was er bis jetzt erlebt hatte, war dieser kleine Spaziergang der schönste Augenblick des Tages, der aber schon einige Schritte weiter verflog. Plötzlich entdeckte er nämlich hinter den Büschen, links und rechts vom Weg, Papierreste. Es sah hässlich aus, wie die Leute hier überall ihren Müll entsorgt hatten, glaubte er, bis er begriff, dass es gar kein Müll war, der dort rum lag. Jedenfalls keiner von der Sorte, die er sich zuerst darunter vorgestellt hatte.

„Mein Gott, ist dieser Wald etwa eine Kloake oder was ist hier los?“

Sibel rümpfte die Nase, entgegnete aber nichts. Anselm bekam Brechreiz von dem Gestank.

„Und was ist mit den Tieren?“, rief er, „haben die etwa keine Rechte? Wo sollen die leben in diesem Dreck?“

Sibel stieß ihn an und zeigte nach vorn. „Da, schau mal“, sagte sie.

Tatsächlich, zwischen den Büschen und Bäumen schimmerten Zeltplanen durch, schmutziggrau, so dass sie sich kaum von der Farbe des Feldes unterschieden.

Erst als sie aus dem Wald traten, fielen ihnen die Leute auf, die sich in ihrer eintönig dunklen Kleidung ebenfalls kaum vom Umfeld abhoben. Es waren nur wenige Leute, die auf umgedrehten Apfelsinenkisten oder Decken saßen, einzeln zumeist, nur vor einem größeren Zelt waren es zwei. Erst bei genauerem Hinsehen konnte Anselm feststellen, dass unter den Leuten auch eine Frau war. Einige Zelte waren verlassen, vermutlich waren ihre Bewohner gerade irgendwo unterwegs.

„Ich habe es nicht geglaubt“, sagte Anselm, „Wermanns Vermutung war also doch richtig.“

„War nicht so schwierig, darauf zu kommen“, antwortete Sibel, „ich habe das bei der Hinfahrt genauso gesehen.“

Sie standen im Schatten der Bäume und ließen den Anblick auf sich wirken. Zwischen den Zelten streunten Hunde herum, alles Promenadenmischungen, die meisten so groß wie ein Schäferhund, zwei kamen sofort angelaufen und beschnupperten sie. Etwa ein Dutzend Zelte waren es, stellte Anselm fest, dazu stand am Rand des Platzes eine Hütte, ein primitiver Bretterverschlag, dessen Türöffnung von einer verfilzten Decke verhangen war. Fast wie im richtigen Leben, dachte er. Die meisten wohnten zweiter Klasse, nur eine kleine Minderheit in der ersten. Aber dann schüttelte er unmerklich den Kopf. Nein, das war ein blöder Gedanke. Wer hier wohnte, lebte in keiner Klasse mehr, der war ausgeschieden aus dem System, vielleicht sogar für immer.

„Sind wir schon so weit?“, fragte er Sibel.

„Offensichtlich“, antwortete sie.

Er bemerkte, dass die Leute seltsam regungslos, fast apathisch auf ihren Kisten hockten. Keiner stand auf, um zu ihnen herüber zu kommen, niemand hob auch nur den Kopf, um sie anzusehen. Trotzdem kam es ihm so vor, als hätten sie Sibel und ihn genau registriert. Ob sie wussten, was passiert war? Eigentlich müssten sie es, dachte er, denn der Tatort lag nur ein paar hundert Meter von hier entfernt. Andererseits gab es keinen Grund für sie, durch den Wald zu laufen. Der Weg dorther war länger als jener durch die Siedlung, wenn sie in die Stadt wollten. Deshalb erschien es ihm auch logisch, dass ein Jogger den Toten gefunden hatte und keiner von ihnen.

Vielleicht hatten sie ihn aber auch gar nicht finden wollen, dachte Anselm dann, weil sie irgendetwas mit der Sache zu tun hatten. Vielleicht war es doch ein banaler Streit um nichts gewesen, der zum Mord geführt hatte, und sie wollten ihnen nur vorspielen, dass sie nichts damit zu tun hatten. Er atmete tief durch.