Für Thula und Freya,

meine Sturmgeister

Hanna

Wenn man zu lange und zu weit auf das Meer hinausfährt, wenn man dem Horizont zu nah kommt, stürzt man irgendwann über den Rand der Welt ins Nichts. Früher haben die Menschen an so etwas geglaubt und stellten sich einen gewaltigen Wasserfall vor, der donnernd in die Tiefe rauscht. Und dann? Ist man einfach weg, oder geht es endlos weiter nach unten, immer weiter, weil man aus der Zeit gefallen ist? Davon erzählen keine Geschichten, keine Bilder und keine Wikipedia-Artikel.

Wir sind über den Rand unserer Welt hinausgesegelt. Für uns gibt es kein Zurück mehr. Deshalb haben wir angefangen, alles aufzuschreiben. Für das, was wir getan haben, könnten wir uns ein Leben lang entschuldigen, uns einreden, wir hätten keine andere Wahl gehabt, doch ändern würde es nichts. Leichentücher werden nicht aus Seemannsgarn gewebt.

Wenn ihr das hier lest, sind wir wahrscheinlich tot, Tintengeister, die zwischen diesen Seiten spuken und bis ans Ende aller Tage die Planken unseres verfluchten Schiffes schrubben müssen.

Chris

Die anderen sind ganz still. Wie schwere Weidenzweige beugen sich ihre Köpfe über meine Schultern. Ich möchte euch gerne von ihnen grüßen, nur erscheint mir das so dumm und belanglos. Aber vielleicht sind Dummheiten das Letzte, was uns geblieben ist. Wir sehen uns … vielleicht. Eines Tages hinter dem Wasserfall.

Chris

In einem schlechten Film hätte der Schrei meiner Mutter die Glaswände unseres Poolhauses zerspringen lassen. Aber der Reihe nach, denn alles begann mit der besten Idee des Universums.

»Das ist die dümmste Idee, von der ich je gehört habe«, brummte Lücki wenig begeistert. Mit seinem hautengen Funktionsshirt, in dem wahrscheinlich mehr Weltraumtechnik steckte als in den meisten Satelliten, lehnte er an der vollgekritzelten Säule neben dem Kopierer und nahm einen Schluck von seinem Proteindrink.

Ich war nicht bereit, mir meine gute Laune vermiesen zu lassen – auch nicht von meinem besten Freund.

»Das sagt ausgerechnet jemand, der gerade rohe Eier und zermatschte Erbsen trinkt«, sagte ich abwesend, mehr darauf bedacht, mir nicht den Hals zu brechen. Ich balancierte auf der Lehne eines altersschwachen Stuhls und versuchte, mein Bild ganz oben an der Säule zu beenden. Der schwarze Edding war kurz davor, den Geist aufzugeben, aber mein Meisterwerk Schiff im Klo brauchte noch ein paar Dutzend Möwen.

»Eine Party ist immer eine gute Idee – vor allem, wenn ich sie schmeiße«, sagte ich.

»Aber mitten in der Prüfungsphase?«, gab Lücki zu bedenken. »Wir schreiben jede Woche zwei bis drei Tests.«

»Das ist ja das Geniale daran.« Ich sprang vom Selbstmordstuhl. »Meine Eltern glauben, ich lade euch alle zum Lernen ein.«

»Die gesamte neunte Jahrgangsstufe? 93 Leute?«

»Okay, sie kennen vielleicht nicht alle Details, aber wir haben das Haus ohnehin für uns, weil sie über Nacht auf irgendeinen Handelskongress müssen.«

»Vorletztes Mal sind sie auch früher wiedergekommen …«

»… und ich konnte ihnen das Pferd auf dem Dach plausibel erklären.«

»Und wie willst du das Chaos danach beseitigen, ohne Spuren zu hinterlassen?« Lücki trat energisch auf eine der vielen Blasen im grauen Bodenbelag und produzierte drei weitere. »Und das Passwort für die Kameras haben sie garantiert geändert.«

»Mach dir keine Sorgen«, sagte ich zur staubigen Zimmerpalme in der Kopierecke, »ich habe einen Plan.«

Lücki schwankte, das sah ich. Er musterte mich, als würden meine zerrissenen Jeans und mein farbverschmiertes T-Shirt irgendetwas über meinen Geisteszustand aussagen.

»Kann ich auf dich zählen?«, fragte ich mit todernster Stimme und drehte mich zu ihm.

Er zerdrückte die Dose seines Shakes und warf sie ohne hinzuschauen zwei Meter neben den Mülleimer. Wir sahen uns grimmig in die Augen und hielten die Luft an. Das Echo meiner Worte verhallte im leeren Flur des Gymnasiums und der Wind zwängte sich pfeifend durch den undichten Fensterrahmen hinter uns. Meine braunen Locken klebten an der sommerheißen Stirn.

Die dritte Stunde – Geschichte mit Frau Grützner – war in vollem Gange, und normalerweise genossen wir das bisschen Freiheit, das mit dem Kopierdienst einherging. Der rumpelnde und blitzende Kopierer spuckte irgendwelche Arbeitsblätter über irgendeinen uralten Friedensvertrag aus. Gestern erst hatten wir einen etwa 15-km-Papierstau verursacht, damit wir Zeit schinden und die neue hübsche Sekretärin um Beistand anflehen konnten. Aber heute war alles anders.

Die Kopien landeten unfallfrei auf der Ablage und das Lesegerät warf die Chipkarte aus. Unsere Namen – Chris Kazan und Olaf Lück – waren schon ganz verblasst. Immerhin hatten wir uns seit der fünften Klasse jedes Jahr freiwillig für den Posten gemeldet.

»Meine Augen fangen an zu brennen«, presste ich hinter schmalen Lippen hervor.

»Du atmest ja«, stieß Lücki mit einem Japsen aus. »Du schummelst!«

»Ich hab halt keine Lust zu ersticken.«

»Dann … ist … es ja«, beschwerte er sich keuchend, »kein Wunder … wenn du immer … gewinnst!?«

»Ach komm, die Regeln sind lahm und Publikum haben wir auch keins.« Ich schlug ihm spielerisch mit der Faust gegen den Oberarm.

Autsch!

Da hätte ich vermutlich gleich gegen die Wand kloppen können.

Eigentlich bin ich immer der Sportlichere gewesen. Auch in Bio, Deutsch, Geschichte und natürlich Zeichnen musste ich mich nie richtig anstrengen. Manchmal war mir das sogar ein bisschen unangenehm, aber die meiste Zeit fand ich es ganz okay, mich mit der Schule nicht so stressen zu müssen.

Lücki konnte zwar Klavier spielen, aber er hatte nicht meine natürlichen Talente, meine eisblauen Augen und meinen lässigen Charme. Mit mir kam er natürlich trotzdem in die Nähe der hübschesten Mädchen. Bis vor einem halben Jahr half er dabei mit Igelfrisur, Pummelbauch und Babyface nicht wirklich mit. Mittlerweile ging er jedoch fast jeden Tag ins Fitnessstudio und ernährte sich gefühlt nur noch von Magerquark. Kurz gesagt, Lücki war eine Kante geworden und unsere kleinen Wettkämpfe verlor ich jetzt meist.

Wir entschieden uns jedenfalls, in die staubige Vergangenheit zurückzukehren. Frau Grützner hatte vermutlich schon vor hundert Jahren Schüler mit ihren Zeitstrahlen niedergeschossen.

Als ich den Kopierer ausschalten wollte, fing er auf einmal an, das Papier wieder einzuziehen, bis er fiepsend aufgab.

»Das hört sich gar nicht gut an«, bemerkte ich vielsagend.

»Überhaupt nicht gut.«

»Dann müssen wir wohl schweren Herzens zur Sekretärin«, seufzte ich schicksalsergeben.

»Ich denke auch«, grinste Lücki. »Wer zuerst da ist.«

Wir rannten los.

Vom Geländer aus baumelten meine nackten Füße frei über der Tiefe. Brombeerbüsche und wilde Rosen stürzten steil zum Elbufer hin ab, wo der Fluss wie die bronzeglänzende Strähne einer schlafenden Riesin bis vor die Füße des Abendhimmels fiel.

Das gleichmäßige Schaben des Bleistifts auf dem Skizzenblock hatte etwas Beruhigendes. Heute sogar mehr als der verglimmende Joint neben mir. Ich drückte ihn auf der Mauer aus und ließ ihn nach unten segeln.

Von der Terrasse unseres Hauses, das sich nicht wesentlich vom Protz der anderen Villen hier in Blankenese unterschied, wirkten die Spaziergänger auf der Uferpromenade wie kleine Farbspritzer auf einem ansonsten langweiligen Bild. In meiner Skizze waren sie sogar noch winziger – graue Pünktchen, wie die Grafitkrümel, die beim Spitzen übrig bleiben.

Zeichnen ist für mich immer nur Zeitvertreib gewesen. Je näher die Oberstufe rückte, desto häufiger spielte ich jedoch mit dem Gedanken, damit später mein Geld zu verdienen. Nicht dass der einzige Sohn einer erfolgreichen Reederfamilie unbedingt Geld bräuchte, aber es wäre doch nicht schlecht, alle paar Monate mal einen »echten Kazan« rauszuhauen und den viel zu teuer zu verkaufen. Oder eine eigene Galerie zu haben, in der ich drei winzige Zeichnungen vom selben Hundehaufen an fußballfeldgroßen Wänden aufhängen könnte.

Das Schlimme daran: Es würde funktionieren. Seit wir hier wohnten, hatten meine Eltern nur noch mit Leuten zu tun, für die Namen wichtiger waren als die Menschen dahinter.

Kennt ihr das magische Gefühl, wenn ihr in den Wolken plötzlich Gesichter erkennt? Mir ging es oft genau andersherum. In den ganzen dauerstrahlenden Gesichtern auf irgendwelchen Geschäftsfeiern und Empfängen sah ich irgendwann nur noch graue Wolken.

Allmählich versank die Sonne hinter den Bäumen am hohen Elbufer. Seit ich klein war, mochte ich die Vorstellung, sie würde nachts unter dem Meer aufgehen und unsere Welt sähe von dort unten auch nicht anders aus als ein tiefer, dunkler Ozean.

Lediglich morgens und abends, für einen kurzen Augenblick, wenn die Sonne halb über den Horizont lugt und sich noch nicht entschieden hat, wohin sie gehört, erhellt sie beide Welten gleichermaßen und verrät demjenigen, der genau hinschaut, all ihre Geheimnisse.

Bevor ich weiterphilosophieren konnte, klingelte es an der Tür. Der Tag und ich klappten unsere Blöcke zu und freuten uns auf eine laue Sommernacht und die Party des Jahres.

Als ich nach zwei Stunden die Kopfhörer abnahm, wirkte die Party plötzlich gespenstisch. Alle tanzten wie in einem Stummfilm und bewegten ihre Münder, aber man hörte fast nichts. Dank der kabellosen Kopfhörer konnten wir die völlig übertriebene Anlage meines Vaters voll aufdrehen und ich bekam keinen Ärger mit den Nachbarn. In Kombination mit den geschlossenen Rollos, hatten wir unser eigenes kleines Reich von dem nichts nach außen drang.

Das Wohnzimmer meiner Eltern war fast so groß wie die Aula unserer Schule – und vermutlich zehnmal so teuer. Doch während unser altes Gymnasium wenigstens so etwas wie Rumpelkammercharme versprühte, standen in dem riesigen Glasbetonwürfel meiner Eltern so wenige Möbel, dass sogar der hässliche Plastikköter vor dem Elektrokamin zu vereinsamen begann.

Mit Einbruch der Dunkelheit kamen die frisch ausgetauschten Farb-LEDs des Kronleuchters besonders gut zur Geltung, und ein paar Beamer, auf denen ich sonst die aktuellsten Spiele zockte, warfen Palmen, Strand und blaues Meer an die kahlen Wände. Auf dem Marmortisch vor dem Sofa stand eine badewannengroße Glasschüssel. Die hatte ich mit dem guten Wein aus dem Keller meines Vaters und Unmengen Traubensaft gefüllt, damit morgen keiner auf die Testblätter kotzte.

Die Stimmung war entspannt. Bis auf ein paar Streber und Schisser waren alle gekommen, hatten ihre Anstandsoutfits gegen Strandklamotten getauscht und tanzten ausgelassen durch den Saal. Zu Beginn der Party war ich mit den Umarmungen gar nicht mehr hinterhergekommen. Also hatte ich mich bald hinter den Zimmerspringbrunnen zurückgezogen, damit mir niemand auf meinen Hello-Kitty-Bademantel kotzte.

»Wie viel hast du für den ganzen Scheiß bezahlt?« Lücki sah sich kopfschüttelnd um.

Für einen Typen in Hawaiihemd und Badelatschen klang er nach viel zu wenig Spaß.

»Ach, reden wir da nicht drüber«, winkte ich ab.

Während Lisa und Katharina auf dem Weg zum Pool vorbeihuschten und mir kichernd Knutschfleck Nummer sieben und acht aufdrückten, luden ein paar Kumpels aus der 9b gerade ihre Paintball-Pistolen durch.

»Okay«, sagte Lücki skeptisch. »Und du bist sicher, deine ›Vorsichtsmaßnahmen‹ reichen?«

Zur Antwort borgte ich mir höflich sein Glas und ließ theatralisch Fruchtmilch samt Cocktailschirmchen Richtung Sofa regnen.

»Musste das sein?«, brummelte Lücki und beobachtete, wie sein Shake vom schneeweißen Sofa abperlte.

»Fünfhundert Meter selbstklebende Malerfolie«, sagte ich zufrieden.

Der Raum sah ein bisschen so aus, als hätten die schlechtesten Anstreicher der Welt auf Nummer sicher gehen wollen. Der Boden, die Möbel und die Wände waren in mehrere Lagen Plastik gehüllt, das bei jedem Schritt knisterte.

Plötzlich stürmten ein paar Jungs und Mädels patschnass aus dem angeschlossenen Poolhaus herein und rutschten auf den Bäuchen bis in die Garderobe vor der Haustür.

»Ich glaube, ich sollte jetzt besser gehen«, brummte Lücki. »Morgen früh ist Matheklausur.«

»Komm schon, Mann.« Ich packte ihn mit beiden Händen am Kragen. »Du bist mein bester Freund, mach mir die Sache nicht kaputt! Ist alles narrensicher und um Mitternacht ist Schluss. Versprochen! Wir haben heute ein bisschen Spaß und morgen sind alle fit. Okay?«

Er hätte mich durch den halben Saal prügeln können, wenn er gewollt hätte, aber stattdessen ließ er den Kopf sinken.

»Lass mich los«, sagte er resigniert und ohne mich anzusehen, »ich muss noch lernen. Meine Mutter will, dass ich nächstes Jahr auf die Realschule wechsle. Sie glaubt nicht, ich könnte das Abi schaffen. Deshalb muss ich mich echt reinknien.«

»Tja, auf der Hantelbank«, sagte ich lachend und gab ihm eine leichte Ohrfeige, »trainiert man eben keine Hirnmuckis.«

Lücki sah mich an. »Du kannst so ein Arschloch sein«, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen und stieß mich weg.

Ich verlor das Gleichgewicht, und wie in Zeitlupe bemerkte ich das schwarze Loch, in dem wir uns befanden. Um uns herum ging die Feier ihren gewohnten Gang. Gedämpfte Musik, Farbkügelchen und Gelächter erfüllten den Raum. Niemand hörte uns streiten, niemand bemerkte, wie ich mit dem Kopf auf dem Boden aufschlug.

»Du Trottel könntest alles werden, auch ohne das dicke Bankkonto deiner Eltern.«

Mein Blick verschwamm, aber ich spürte seinen zitternden Zeigefinger vor meinem Gesicht und hörte seine bebende Stimme in meinem Hirn.

»Und trotzdem schmeißt du’s einfach weg, weil dein Alter das schon irgendwie regeln wird. Kapierst du nicht, Chris? Unsere Wege trennen sich. Ich mache eine bekloppte Ausbildung und du gehst auf irgendeine Privatuni. Seit wir uns kennen, treiben wir jedes Jahr weiter auseinander. Und du bist zu beschäftigt mit Kiffen und Rebellieren, um das zu bemerken.«

Mein brummender Schädel brauchte eine Weile, um zu registrieren, dass Lücki gegangen war, und es dauerte noch länger, bis ich verstand, dass ich gerade meinen einzigen echten Freund verloren hatte.

Das Nächste, an das ich mich erinnerte, war der poolhauszerberstende Schrei meiner Mutter. Und da meine Eltern danach drei Tage lang nicht mehr mit mir redeten – ein Rekord, auf den ich nicht unbedingt stolz bin –, musste ich ein bisschen herumtelefonieren, um zu erfahren, wie der Abend zu Ende ging.

Dabei kam heraus, dass ich nach dem Streit offenbar zum Pool geschwankt war und es mir auf einer Luftmatratze gemütlich gemacht hatte. Da ich hin und wieder in der Schule ziemlich benebelt aufgetaucht bin, schoben die anderen mein Lallen und Taumeln darauf. Die Wunde an der Schläfe hielten alle für einen zerplatzten Paintball. Selbst im Delirium muss ich noch ein ausgesprochen geistreicher und attraktiver Gastgeber gewesen sein, denn die Feier ging bis in die Morgenstunden.

Als meine Eltern am Vormittag eintrafen, fanden sich keine Spuren der Nacht mehr – jedenfalls nicht im Wohnzimmer. Leider waren dem Aufräumkommando zwei kleine Missgeschicke unterlaufen. Vielleicht hätte ich den Saufköppen im Vorfeld die Funktionsweise einer Schere erläutern sollen. Natürlich erwies sich unsere Mülltonne als einen Tick zu klein für ein Folienknäuel in der Größe des Mondes, weshalb sie es auf die Nachbarschaft hatten aufteilen sollen. Leider hatten sie vergessen, die Bahnen auseinanderzuschneiden, sodass eine klebrige Folienspur wie der Faden einer Monsterspinne bis zu unserem Haus führte.

Das Ganze hätte sich ja noch als das Werk psychopathischer Tapezierer vertuschen lassen, wenn sie nicht den verdammten Rotweinkübel aus Faulheit oder Panik in den Pool gekippt hätten. Als meine Mutter mich reglos mit einer Kopfwunde auf dem scheinbar blutgetränkten Pool treiben sah, war sie jedenfalls kurz davor, mich ein zweites Mal umzubringen.

Wäre das alles gewesen, ich hätte mich vermutlich wie so oft herausreden können, Besserung gelobt, ein paar harmlose Strafen auf mich genommen und die miese Stimmung auf einer Arschbacke abgesessen, aber aller bösen Dinge sind bekanntlich drei.

Das WLAN-Passwort meiner Eltern »Chrissispatz« war nicht so irre schwer zu knacken. Ich hatte für die Dauer der Party die Kameras ausgeschaltet, nur leider war da offenbar etwas schiefgelaufen. Zwar gab es keine Spuren dieser Party, aber seltsamerweise fanden sich auf dem Online-Speicher plötzlich alle Aufnahmen der letzten – also die nach dem Pferd –, die bislang unter dem Radar geblieben war. Irgendjemand wollte mir offenbar eine Lektion erteilen.

Weder dumme Witze noch ehrliche Entschuldigungen halfen. Beim gemeinsamen Abendessen war es, als gäbe es mich gar nicht. Sie stritten über ihr Versagen bei meiner Erziehung. Also eigentlich stritten sie nicht, sondern waren sich einig, fünfzehn Jahre in den Sand gesetzt zu haben. Vergeudete Investitionen in meine Zukunft und so. Deswegen wunderte es mich umso mehr, dass ich trotz ausstehender Klausuren zu Hause bleiben sollte. Was hatten sie vor?

Gerade als ich das Gefühl bekam, meine Eltern hätten sich zumindest ein bisschen beruhigt – mein Vater hatte versehentlich »Guten Morgen!« zu mir gesagt –, kam es richtig dick. Einen Tag nachdem meine Mutter im Netz nach Schulen für »Problemkinder« gesucht hatte, lag der passende Prospekt auch schon im Briefkasten. Ich war geliefert.

 

Als das Flugzeug nach einer weiteren Woche Streit durch die Wolken stieß, schrumpfte Hamburg auf die Größe einer Spielzeugstadt.

Lukas

Ein paar Möwen schrien mit den Hafenarbeitern um die Wette. Ich saß auf den knarzenden Planken unseres Schulschiffes und betrachtete die ferne Skyline. Mit dreizehn Jahren war man auch in Indien zu jung fürs Gefängnis, aber bereits alt genug, um richtig Mist zu bauen. Das wusste ich nur zu gut.

Kalkutta war ein einziges Durcheinander aus alten Träumen und bösen Märchen. Wie Drachen bliesen die Schlote der Jutefabriken Rauch in den Himmel. Es regnete seit Tagen. Im Stadtzentrum wuchsen glänzende Hochhäuser aus Glas und Wolken, an den Rändern wucherten Slums aus Blech, Holz und Hunger. Dazwischen Kirchen aus der Kolonialzeit, bunte Hindutempel und wimmelnde Basare.

Als ich klein war, hat mir meine Mom immer von Indien vorgeschwärmt, und irgendwann sind wir von Berlin nach Kalkutta umgezogen.

Der Name Kalkutta bedeutet so viel wie »Tor der Göttin Kali«. Und die war ausgerechnet die Göttin der Zerstörung und des Todes.

Eilige Schritte rissen mich aus meinen Gedanken. Neben mir tauchte ein Mädchen auf und lehnte sich würgend über die Reling. Sie hatte ein hübsches, aber ungesund graues Gesicht.

»Was glotzt du mich so an, Trottel?«, fauchte sie.

Ihre schwarzen Haare trug sie streng zu einem Knoten gebunden, und obwohl sie vielleicht ein oder zwei Jahre älter als ich war – also vierzehn oder fünfzehn –, sah sie aus, als arbeitete sie, schon seit sie alleine aufs Klo gehen konnte, in einer Bank.

Plötzlich huschte ein rothaariges Mädchen mit explodierten Sommersprossen wie ein fröhliches Flämmchen über das Deck, trat zwischen uns und biss herzhaft in einen fettigen Burger.

Judith

Die Wangen der zugeknöpften Tussi blähten sich schlagartig auf und sie kotzte über die Reling.

Ich klopfte ihr mitfühlend auf den Rücken. »Lass alles raus, Schätzchen. Das miese Essen und die ganzen losen Schrauben aus deinem Kopf.«

Ihr Blick war mörderisch – aber egal – jede anständige Heldin braucht eine Erzfeindin.

Ich drehte mich zu dem Jungen. »Ich heiße Judith. Zeigst du mir das Schiff?« Ich legte meinen Arm um seine Schultern. Er zitterte. War er auch seekrank? Oder nur extrem schüchtern?

»Lukas«, erwiderte er zögerlich.

»Okay«, sagte ich und bot ihm von meinem Burger an, was er hastig ablehnte. Ich stopfte mir den Rest in den Mund.

»Paff auf, woweit ich weif … Fuldigung.« Ich schluckte runter. »Soweit ich weiß, sind wir die beiden Jüngsten an Bord, und du bist sogar kleiner als ich, also …«

Lukas ließ den Kopf hängen.

»Sorry, schlechter Anfang. Was ich sagen will: Wir müssen zusammenhalten, oder?«

Lukas versuchte verlegen, seine Haare zu richten, die er scheinbar mit einem Rasenmäher geschnitten hatte.

Oh Mann. Erst zwei Stunden auf diesem Schiff und ich vermisste YouTube jetzt schon.

Louisa

Ich hasste alles. Es war heiß, es regnete und der Smog hing wie eine Glocke über der Stadt. Auf dem Schiff stank es nach Teer, Tabak und billigem Rasierwasser (vielleicht war es auch das Zeug, das die Besatzung trank, keine Ahnung). Überall schwirrten Mücken umher und die beiden Kinder hätte ich am liebsten ertränkt. Vor allem aber hasste ich meinen Vater dafür, dass ich nun sechs Monate lang auf diesem Schiff festsaß. Selbst ohne das ständige Schwanken hätte ich mich übergeben können.

Ach … ich habe keine Lust mehr. Beim Schreiben wird mir schwindelig. Macht den Mist doch allein.

Chris

Ich hatte ziemlich Jetlag. Morgens in Hamburg losfliegen und am selben Tag morgens in Kalkutta anzukommen, ist schon komisch. Mein Körper wollte schlafen. Aber das war unmöglich. Die Stadt war ein einziges Chaos, in dem mich alles umbringen wollte: Hochgeschwindigkeitsmenschenmassen, denen ich im Weg stand, Autos, für die rote Ampeln offenbar das Signal zum Anschmeißen des Turbos waren, und Regenschauer, die mich im Minutentakt ersäufen wollten. Außerdem spielte das Navi meines Smartphones verrückt und ließ mich ständig im Kreis laufen. Aber der große, erwachsene Chris wollte ja unbedingt allein nach Indien fliegen. Scheißstolz.

In der Ferne ein Signalhorn. Ich mochte das Meer, aber Schiffe fand ich nur so halb toll. Eine schwimmende Kiste schien mir einfach nicht das sicherste Fortbewegungsmittel zu sein. Auch in fliegenden Kisten fühlte ich mich nicht richtig wohl, weswegen ich froh war, die meiste Zeit des zwölfstündigen Fluges geschlafen zu haben. Die nächtlichen Zwischenstopps in Paris und Neu-Delhi waren aber ganz cool. Die Dunkelheit machte die riesigen Städte kleiner und den Himmel größer, die Lichter der Metropolen mischten sich unter die Sterne.

Ich hatte echt Hunger, musste aber bis mittags am Hafen sein, und so winkte ich wild am Straßenrand herum, bis endlich eine Rikscha anhielt. Die wurde von einem so alten Männchen gefahren, dass ich jede Sekunde mit seinem plötzlichen Erschöpfungstod rechnete. Nachdem ich ihm die Adresse auf der Karte gezeigt hatte, bretterte er los. Ich konnte mich gerade noch am Sitz festkrallen, während mein zu kurzes Leben wie ein Film an mir vorbeizog.

 

»Tha-thank you«, stammelte ich, als das Fahrradtaxis endlich am Hafen anhielt und ich wieder auf wackligen Beinen stand. Ich bezahlte den Mann bestimmt mit viel zu vielen Rupien, hatte aber keine Lust, auf das Wechselgeld zu warten. Es regnete schon wieder.

Die letzten zwei, drei Kilometer ging ich zu Fuß, vorbei an Kreuzfahrtschiffen, die wie schwimmende Märchenschlösser aussahen, und schneidigen Hightech-Jachten, mit denen man im Zweifelsfall wahrscheinlich auch ins All fliegen konnte. Riesige Containerschiffe durchschnitten den Fluss und viermastige Großsegler lagen stolz vor Anker.

Auch wenn ich immer noch nicht den größten Bock darauf hatte, ein halbes Jahr nichts als Wasser zu sehen, konnte ich mich durchaus an Bord von so einem Ding sehen. Im Prospekt sah das Segelschiff echt schick aus. Weiße Segel, poliertes dunkles Holz. Kuschlige Kojen und geiles Essen. Ich meine, irgendwo mussten die – selbst für meine Eltern – sauhohen Kosten ja herkommen. Wind und Wellen gab’s schließlich umsonst.

Doch je länger ich am Kai entlangschlenderte, desto kleiner, schäbiger und klappriger wurden die Boote, bis ich schließlich ein Schiff sah, das mit seinen krummen Holzbohlen und rostigen Metallflicken wie ein unvollständiges Puzzle aussah, das ein Dreijähriger zusammengebaut hatte. Das also war mein Sarg.

Mali

Irgendetwas war seltsam an diesem Schiff, fühlte sich falsch an, alt und traurig. Es steckte im Holz. Wie ein Schrecken, der dir in die Knochen fährt und dich nicht mehr loslässt. Vielleicht lag es aber nur am bedrückend grauen Himmel oder am Ächzen der alten Masten und Spieren, wenn eine Böe an ihnen zerrte. Vielleicht auch am modrigen Geruch der Planken.

Das Schiff war alt. Wie viele Menschen waren hier wohl an Krankheit gestorben, waren über Bord gespült worden? Ich strich mit dem Finger über die raue Oberfläche des Fockmastes und zuckte zurück. Blut quoll aus meiner Fingerspitze. Der Splitter saß tief, aber ich drückte ihn heraus.

Vorsichtshalber legte ich meine unverletzte Hand an eine Sicherheitsleine. In gut zehn Metern Höhe ließ ich die Beine von der Fockmars baumeln und genoss den feuchtwarmen Wind, der mir um die Nase wehte. Das Meer war noch weit, aber das Salz schmeckte man selbst aus dem Smoggestank heraus.

Trotz ihres Alters war die Marie ein Traum. Der Traum eines altmodischen Schrottsammlers, aber immerhin. Einunddreißig Meter lang, elf Segel, davon zwei Gaffelsegel am Großmast, drei Rahsegel am Fockmast und jeweils drei Stagsegel zwischen den Masten sowie dem Klüverbaum. Ein solches Schiff war sogar leicht genug, um es ein kurzes Stück zu rudern. Die Ausbesserungsarbeiten am Rumpf, verwaschene Farben, Segelflicken und ausgefranste Taue zeugten zwar nicht gerade von viel Liebe, aber soweit ich sehen konnte, lag sie stabil im Wasser. Alles in allem war die Brigantine ein kleines Wunder aus Holz und Hanf.