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Ein lebendiges Feuer

Alois Prinz, geboren 1958, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie und lebt in der Nähe von München. Er ist einer der renommiertesten Biografen. Bei Beltz & Gelberg erschienen bereits seine Biografien über Hermann Hesse, Hannah Arendt (Evangelischer Buchpreis), Ulrike Meinhof (Deutscher Jugendliteraturpreis), Paulus, Joseph Goebbels sowie die Anthologie Rebellische Söhne (über Franz von Assisi, Martin Luther, Klaus Mann u. a.). Außerdem erschien von ihm die Biografie über Franz Kafka Auf der Schwelle zum Glück. »Die Lebensgeschichten, die Alois Prinz schreibt, sind so leidenschaftlich recherchiert, so sorgfältig aufgebaut und gut geschrieben.« Tages-Anzeiger, Zürich

Für Mirjam

Inhalt

Prolog
Milena aus Prag

Vaterliebe

Der große Schmerz

Skandale

Liebeswahn

Vom Kaffeehaus in die Straßen Wiens

Geschriebene Küsse

Diesseits und jenseits des Horizonts

Zerbrechliches Glas

»Mutter Milena« und die Wunderbrillen

Liebe und Politik

Die Kunst, stehen zu bleiben

Die Hölle der Frauen

Epilog
Das »Prinzip Milena«

Zeittafel

Literatur

I. Artikel, Briefe von Milena Jesenská

II. Biografien, Aufsätze zu Milena Jesenská

III. Zeugnisse in Schriften anderer

IV. Artikel in Zeitschriften

V. Hintergrund (Geschichte, Soziales etc.)

VI. Konzentrationslager Ravensbrück

VII. Filme, Hörfunksendungen

Quellenverzeichnis

Prolog: Milena aus Prag

Vaterliebe

Der große Schmerz

Skandale

Liebeswahn

Vom Kaffeehaus in die Straßen Wiens

Geschriebene Küsse

Diesseits und jenseits des Horizonts

Zerbrechliches Glas

»Mutter Milena« und die Wunderbrillen

Liebe und Politik

Die Kunst, stehen zu bleiben

Die Hölle der Frauen

Epilog: Das »Prinzip Milena«

Fotonachweis

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Milena Jesenká Anfang der Zwanzigerjahre

Prolog

Milena aus Prag

In Milenas Kopf war ein einziges Chaos. Es war drei Uhr nachts an diesem Maitag im Jahr 1915. Am nächsten Tag begannen die schriftlichen Abiturprüfungen am Prager Mädchengymnasium Minerva, und sie hatte das Gefühl, alles vergessen zu haben, was sie gelernt hatte. Stundenlang hatte sie sich mit dem Stoff in Geschichte geplagt und jetzt war alles Gelernte wieder weg. Nicht anders war es mit Latein und Griechisch. »Sieben Stunden habe ich gestern gelernt – morgen wird geprüft – ich weiß überhaupt nichts«, schrieb sie an ihre Lehrerin.1 Das »Fräulein Professor«, wie sie Albína Honzáková nannte, war die einzige Lehrkraft an der Schule, die sie bewunderte und der sich Milena anvertrauen wollte. Sie schrieb ihr persönliche Briefe und wollte mit ihr über Dinge reden, die nichts mit dem Unterricht zu tun hatten. Dementsprechend enttäuscht war sie gewesen, als auch ihre Lieblingslehrerin sie aufgefordert hatte, sich zu benehmen, wie es sich in der Schule gehöre. Sie werde sich anständig benehmen, hatte Milena ihr daraufhin geantwortet, »ruhig, höflich und glatt sein wie Volejníkorá und andere vorbildliche Schülerinnen. – Wissen Sie – ich habe nicht gewusst, dass auch Sie die Menschen danach beurteilen.«2

Statt Prüfungen zu schreiben, hätte sich Milena lieber mit jemandem unterhalten, über ganz einfache Fragen, auf die sie bisher von niemandem eine Antwort bekommen hatte. Ihre Mutter, mit der sie über alles hätte sprechen können, war vor Jahren gestorben. Und mit dem Vater gab es zu Hause nur »schreckliche Szenen«3. Jan Jesenský, ein erfolgreicher Zahnarzt und Professor an der Universität, erkannte seine Tochter nicht wieder: Milena, die früher ein gehorsames und fleißiges Mädchen gewesen war, schien sich nach dem Tod ihrer Mutter in eine widerspenstige Furie verwandelt zu haben, die alles tat, um seinen guten Ruf zu zerstören. Sie gab das Geld ihres Vaters mit vollen Händen aus, sie stahl, nahm Drogen, trieb sich mit ihren Freundinnen an anrüchigen Orten herum und hatte Affären mit älteren Männern. Jan Jesenský hatte alle Mühe, die Eskapaden seiner Tochter vor der Öffentlichkeit zu verbergen und die Schäden ihrer Umtriebe wieder auszubügeln. Seine Hoffnung war, dass Milena zur Vernunft kam und dann den Lebensweg einschlug, den er für sie vorgesehen hatte. Sie sollte Medizin studieren und einmal seine florierende Praxis übernehmen.

Milena wusste nicht, wie es mit ihr weitergehen sollte. Sie liebte Musik, Bücher und Bilder mit einer Leidenschaft, über die manche den Kopf schüttelten. Dass sie deshalb als überspannter »Schöngeist« hingestellt wurde, schmerzte sie sehr. Denn sie wollte, wie sie einmal sagte, ein Leben führen, »das der Erde sehr nahe wäre«4. Das schloss für sie nicht aus, dass sie in allem, was sie machte, verschwenderisch, ja maßlos war, in der Liebe, in der Freundschaft, in der Sorge für andere. Mit ihrer überschwänglichen Leidenschaft stieß sie oft auf wenig Verständnis. Vielen galt sie als cholerisch, kopflos, unerträglich, ungestüm und zügellos. Einzig ihre Lehrerin, das Fräulein Doktor, hatte sie ernst genommen und nie in einem erniedrigenden oder verletzenden Ton zu ihr gesprochen. Dafür bedankte sich Milena bei ihr, als sie im Juli 1915 alle Prüfungen erfolgreich hinter sich gebracht hatte und damit ihre Schulzeit zu Ende war. Ihrer Lehrerin hatte sie auch versprochen, sie wolle es einmal »weit bringen im Leben. Sehr weit«5.

Fünfundzwanzig Jahre nach ihrem Schulabschluss, im Oktober 1940, saß Milena Jesenská in einem Zug, der sie in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück brachte. Sie war des Hochverrats angeklagt, weil sie in ihrer Heimatstadt Prag, die nun von Hitlers Soldaten besetzt war, an einer illegalen Zeitschrift mitgearbeitet hatte. Vor dem Gericht der Nationalsozialisten hatte man ihr nichts nachweisen können, trotzdem war sie in Schutzhaft genommen worden.

Milena hinkte leicht. Diese Behinderung war ihr von einer Knieoperation geblieben. Außerdem schmerzten ihre Hände von der langen Untersuchungshaft in einer kalten und feuchten Zelle. Wie alle anderen weiblichen Häftlinge bekam sie nun ihre Lagerkleidung: eine graue Hose, ein graues Hemd, einen gestreiften Kittel, eine blaue Schürze, ein Kopftuch und klobige Holzpantinen. Auf dem linken Ärmel ihres Kleides war ihre Häftlingsnummer aufgenäht, die 4714, darüber ein rotes Dreieck zum Zeichen, dass sie eine »Politische« war.

Im Konzentrationslager gab es eine große Gruppe tschechischer Frauen, von der Milena aufgenommen wurde. Die Frauen rückten bald wieder von ihr ab, als sie merkten, dass Milena ihre politischen Ansichten nicht teilte. Sie glaubte nicht daran, dass alles gut werden würde, wenn die russischen Truppen die Armeen Hitlers besiegten. Der sowjetische Diktator Stalin war für sie nicht besser als der Nazi Hitler. Noch unbeliebter machte sich Milena, als sie Kontakt zu einer Deutschen aufnehmen wollte, die in russischen Lagern gewesen war. Milena traf Margarete Buber-Neumann, als die Häftlinge auf dem schmalen Weg zwischen Mauer und der Rückseite der Baracken spazieren gehen durften. Obwohl sie vom Strom der Frauen vorwärtsgedrängt wurden, blieben beide stehen und unterhielten sich. Margarete Buber war augenblicklich fasziniert von »Milena aus Prag«, wie diese sich vorstellte, von ihrer Neugier, ihrem eigenständigen Denken, ihren klugen Fragen und vor allem von ihrer außergewöhnlichen Lebenskraft.6

Bei den nächsten Spaziergängen an der »Klagemauer«, wie Milena die vier Meter hohe Lagermauer nannte, und bei heimlichen nächtlichen Treffen in den Baracken erzählten sie sich ihre Lebensgeschichten. Milena berichtete ihrer Freundin vom frühen Tod ihrer Mutter, von den wilden Jugendjahren in Prag, vom Krieg gegen den Vater, der sie sogar in eine Irrenanstalt hatte sperren lassen, um sie, allerdings erfolglos, von der Hochzeit mit einem zehn Jahre älteren Juden abzuhalten. Sie erzählte von den Ehejahren in Wien, als sie einsam und mittellos war, auf den Bahnhöfen Koffer schleppte, dann zu schreiben begann und sich allmählich aus ihrer unglücklichen Ehe löste. Von der kurzen Liebe zu dem Dichter Franz Kafka, von ihrer Rückkehr nach Prag, ihren Erfolgen als Journalistin, ihrer zweiten Ehe, ihrer Tochter Jana, von ihren Krankheiten, Niederlagen und glücklichen Tagen und wie sie zur politischen Widerstandskämpferin wurde.

Traurig wurde Milena, wenn sie ihre Tochter Jana erwähnte, die alle nur Honza nannten. Nach ihrer Verhaftung hatte Milena sie nur noch ein Mal gesehen. Seither versuchte sie verzweifelt herauszufinden, wer sich um Jana kümmerte und wie es ihr ging. Wenigstens mit den zensierten Briefen, die sie nach Prag schicken durfte, wollte sie ihrer Tochter nahe sein: »Ich habe zwar ein Mädchen, das denkt, fühlt, wächst, darf aber nicht bei ihm sein. Ich darf nur von ihr träumen, an sie denken und für sie beten. Ich kann den Wolken Grüße für sie auftragen, weiß Gott, ob sie bestellt werden. […] Ich denke oft an Euch alle, ich grüße Euch, ich bin bei Euch allen immerfort. Es geht mir wirklich gut, ich bin sehr für die Arbeit dankbar und bin frisch und gesund, vergesst mich nur nicht. Ich küsse Euch, Eure Milena.«7

Milena ging es nicht gut und gesund war sie auch nicht. Ihre Hände und Füße waren vom Rheuma geschwollen und sie hatte starke Nierenschmerzen. Sie klagte aber nicht und blieb auch im Konzentrationslager unbeugsam. Für Margarete Buber-Neumann war Milenas Benehmen nicht »lagermäßig«. »Milenas bloße Erscheinung war ein ständiger Protest gegen das Lagerregime«, schrieb sie in ihren Erinnerungen. »Sie marschierte nie richtig in Fünferreihen, sie stand nicht vorschriftsmäßig beim Zählappell, sie eilte nicht, wenn man es befahl, sie hofierte nicht den Vorgesetzten.«8

Für viele ihrer Leidensgenossinnen im KZ war Milenas Haltung eine große Hilfe und Trost. Manche nannten sie »Zarewa«, Herrscherin, weil sie an diesem Ort, wo Leiden, Tod und Demütigungen aller Art an der Tagesordnung waren, frei wirkte und ihren Stolz bewahrte. Viele, die Milenas Stärke bewunderten, ahnten nicht, dass Milena zeitlebens mit sehr gegensätzlichen inneren Kräften zu kämpfen hatte. Immer war sie von großen Sehnsüchten angetrieben. Andererseits aber war es für sie eine wichtige Fähigkeit, das Leben so zu akzeptieren, wie es ist. Milena sei auch im KZ ein »realistisch denkender Mensch« gewesen, sagte eine Mitgefangene später über sie, »aber immer noch eine Träumerin und Dichterin«9. Nach Milenas eigener Überzeugung gibt es zwei Möglichkeiten, sein Leben zu führen. Entweder man nimmt sein Schicksal an, mit allem Glück und Unglück, und ist bereit, für alle Irrtümer und Fehler bereitwillig zu bezahlen. Oder man sucht sein Schicksal. Aber diese Suche kostet Zeit und Kraft und sie geht meistens auf Kosten des Lebens. Wer immer nur sucht, der wird nach Milena ärmer, er verliert das »sichere Gespür für die Dinge« und zuletzt auch das Gespür für den eigenen Wert.10

Milena war eine Suchende, aber mehr noch eine Liebende. Franz Kafka, mit dem sie eine kurze Liebesgeschichte verband und der sie ein »lebendiges Feuer« genannt hatte, suchte menschliche Nähe in Briefen. Ihr aber, die Kafkas Angst vor Menschen verstehen konnte, ging nichts über die reale Gegenwart. Wäre sie bei Kafka geblieben, hätte sie nie den Weg gehen können von der selbstbezogenen Femme fatale zur politischen Widerstandskämpferin. Ein Tag Leben war für sie wichtiger und wertvoller als noch so viele Briefe oder Bücher. Diese Überzeugung hat sie in ihren Artikeln oft bekenntnishaft ausgedrückt. In einem schrieb sie: »Ich liebe das Leben, das ganze zauberhafte, wunderbare, strahlende Leben, in all seinen Erscheinungen, in all seinen Formen, in der Alltäglichkeit wie in der Feierlichkeit, an der Oberfläche wie in der Tiefe.«11

Im KZ Ravensbrück hatte Milena eine Stelle im Krankenrevier zugeteilt bekommen. Von ihrem Arbeitsplatz aus konnte sie auf das große, eiserne Tor sehen, das sie von der Freiheit trennte. An die Wand hatte sie ein Foto von Prag gehängt, daneben einen Kalender, auf dem ein weit geöffnetes Fenster zu sehen war, das auf eine Berglandschaft hinausging. Als sie in Wien lebte, hatte sie einen Artikel über Fenster verfasst. Fenster bedeuteten für sie etwas Besonderes. Nicht Türen, sondern Fenster seien das »Tor zur Freiheit«, hatte sie damals geschrieben. Vor dem Fenster beginne die Welt. »Denn im Fenster«, so meinte sie, »liegt alle Hoffnung auf Licht, auf den Sonnenaufgang, auf den Horizont; im Fenster liegen Sehnsüchte und Wünsche.«12

Vaterliebe

»Ich bin, dank dem Vater, extrem abgehärtet.«

Vor dem Eingang des privaten Gymnasiums Minerva in der Vojtesská-Straße in Prag herrschte an diesem Tag Anfang September 1907 aufgeregte Erwartung. Es war der erste Schultag. Stolze Mütter und Väter standen neben ihren herausgeputzten Töchtern. Besonders ein Paar zog alle Blicke auf sich. Es waren der bekannte Arzt und Professor Jan Jesenský und seine elfjährige Tochter Milena. Doktor Jesenský war eine eindrucksvolle Erscheinung, groß und breitschultrig, in einem knielangen Rock, einen Halbzylinder auf dem Kopf und ein Monokel auf dem einen Auge. Neben ihm wirkte die hochgewachsene, sehr schmale Milena zart und zerbrechlich. Offensichtlich für alle war, dass dieser Vater sehr stolz auf seine Tochter war und Wert darauf legte, dass sie von Anfang an einen guten Eindruck machte. Milena war zu diesem Anlass eigens von einer Schneiderin eingekleidet worden. Sie trug ein elegantes graues Kostüm, und auf ihrem üppigen, gelockten Haar saß ein Hut aus Velour mit einem bunten Bändchen daran.1

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Die »Minervistin« Milena an der Moldau

Um in das Minerva aufgenommen zu werden, mussten die Mädchen eine Prüfung in Religion, tschechischer Sprache und Mathematik bestehen. Für Jan Jesenský war es keine Frage, dass seine Tochter diese Hürde ohne Schwierigkeiten überwindet. Seine Pläne gingen schon viel weiter in die Zukunft. Milena war sein einziges Kind, ein Sohn, der auch Jan hieß und drei Jahre nach Milena geboren worden war, hatte nur wenige Monate überlebt. Auf seiner Tochter ruhten nun Jan Jesenskýs ganze Hoffnungen. Sie sollte einmal in seine Fußstapfen treten und Medizin studieren. Das war für eine Frau in dieser Zeit eine ungewöhnliche Karriere. Eine höhere Bildung war immer noch den Männern vorbehalten. Dass eine Frau, selbst wenn sie eine noch so auffällige Begabung zeigte und ehrgeizig war, den Weg in die Hörsäle der Universitäten schaffte, war die seltene Ausnahme. Normal war, dass ein Mädchen aus bürgerlichen Familien vier oder fünf Jahre die Volksschule besuchte und danach in eine höhere Töchterschule, ein Lyzeum, übertrat. Dort lernte sie ein wenig Latein und Französisch. Was dabei herauskam, war, so meinte Milenas Tochter Jana später, ein »Püppchen zum Vorzeigen«2, das für ein Leben als Ehefrau und Mutter bestimmt und mit ein bisschen Bildung geschmückt war. An dieser Situation begann sich erst um die Jahrhundertwende langsam etwas zu ändern. Und in Österreich-Ungarn, zu dem Prag gehörte, gingen die Uhren noch langsamer.

Das Mädchengymnasium Minerva war seiner Zeit weit voraus. Als es 1890 auf hartnäckiges Betreiben des Frauenvereins Minerva eröffnet wurde, war es die erste Einrichtung dieser Art in Mitteleuropa. Anfangs durfte die Schule noch keine eigenen Abiturprüfungen abhalten und musste sich mit den Beiträgen der Eltern, mit Spenden und Zuschüssen finanzieren. Erst 1914 wurde das Minerva von der Königlichen Hauptstadt Prag übernommen und zum Realgymnasium erklärt. Und erst mit den Jahren wurde der weibliche Anteil im Lehrkörper immer größer. Als Milena in das Gymnasium eintrat, unterrichteten bereits ehemalige Schülerinnen als Lehrerinnen. Sie galten als Feministinnen und zählten in Prag zu den »ganz verrückten«3 Frauen.

Das Minerva war aber nicht nur ein Meilenstein in der Emanzipation von Frauen, es war auch ein politisches Signal. Das Leben in Prag war bestimmt von den Spannungen zwischen der deutschen Minderheit und der tschechischen Mehrheit. Die tschechische Bevölkerung kämpfte um mehr Rechte und wollte zeigen, dass man den Deutschen in nichts nachstand. Mit einem Gymnasium, das jungen Frauen den Weg zum Abitur, zu einem Studium und einem Beruf öffnete, das nicht nur eine klassische Bildung vermittelte, sondern in dem neben Latein und Griechisch auch lebende Sprachen wie Englisch und Französisch gelehrt wurden, hatte man die kulturbeflissenen Deutschen sogar übertrumpft. Dementsprechend wurde den Mädchen von Anfang an das Gefühl vermittelt, in einer besonderen Schule zu sein und zu einer Elite zu gehören.

Milena bestand die Aufnahmeprüfung und kam mit fünfunddreißig anderen Mädchen in die Klasse IA. Sie war nun eine Minervistin, denen man in Prag mit einer Mischung aus Bewunderung und Skepsis begegnete. Dass Jan Jesenský seine Tochter gerade in diese Schule gab, sagt viel über ihn aus. Er wollte die beste Ausbildung für sein einziges Kind. Und er wollte, dass Milena in einem tschechisch geprägten Umfeld erzogen wird. Er selbst war Tscheche mit Leib und Seele und hegte starke Abneigungen gegen Deutsche und Juden. Jan Jesenský hielt viel auf seine Herkunft, und er hatte gezeigt, dass man es als Angehöriger eines kleinen, unterdrückten Volkes weit bringen kann. Milena sollte diese Tradition fortsetzen. Das Minerva bot dazu die Möglichkeit. Dass die jungen Frauen dort auch mit sehr fortschrittlichen, modernen Ideen in Berührung kamen, die mit seinen konservativen Werten nicht vereinbar waren, das musste Jan Jesenský wohl hinnehmen.

Der Direktor der Schule Josef Grim hatte erwartet, dass die neuen Schülerinnen an ihrem ersten Schultag von ihren Eltern begleitet werden. Milena erschien nur mit ihrem Vater. Ihre Mutter war zu Hause geblieben. Sie war gesundheitlich angeschlagen und musste sich schonen. Abgesehen davon, stand es um die Ehe der Jesenskýs nicht gut. Die beiden waren einfach zu verschieden. Auf der einen Seite der ehrgeizige, vor Energie und Gesundheit strotzende Vater. Und auf der anderen Seite die sanfte, immer kränkelnde Mutter. Zusammengehalten wurde dieses ungleiche Paar offenbar nur noch von der Sorge um die begabte Tochter. Milena stand zwischen den beiden wie zwischen zwei völlig verschiedenen Welten. Und mit dem Eintritt in das Minerva öffnete sich nun eine neue Welt, in der sie eine eigene Persönlichkeit entwickeln konnte.

Jan Jesenský war mit sieben Geschwistern, größtenteils Mädchen, im Prager Stadtteil Malá Strana, der Kleinseite westlich der Moldau, unterhalb der Burg aufgewachsen. Sein gleichnamiger Vater war ein Mann mit handwerklichem Geschick und einer künstlerischen Ader, der sein Leben lang davon träumte, reich zu werden und mit seiner Familie ein luxuriöses Haus zu bewohnen. Doch was auch immer Jan Jesenský senior anfing, keine seiner Unternehmungen brachte ihm den erhofften Erfolg. Mit einer Druckerei scheiterte er ebenso wie mit einem Geschäft für Baumaterialien. Und auch sein Vorhaben, eine Gärtnerei aufzubauen und die öffentlichen Prager Parks mit einer nie da gewesenen Blumenpracht neu zu gestalten, blieb in den Anfängen stecken. Schließlich musste er als Handelsreisender seine Familie ernähren und den Traum vom sorgenfreien Leben und dem großen Haus aufgeben.4

Sein Sohn Jan, der am 5. März 1870 geboren wurde, hat vermutlich nicht viel von seinem Vater gehalten und wollte nicht wie dieser arm und erfolglos enden. Immerhin hatte es ihm der Vater ermöglicht, ein Gymnasium zu besuchen und Abitur zu machen. Schon sehr früh scheint sich der Sohn vorgenommen zu haben, nicht wie sein Vater auf vage Geschäftsideen zu setzen, sondern eine gute Ausbildung zu machen, um dann einen angesehenen und einträglichen Beruf zu ergreifen. Er entschloss sich, Medizin zu studieren. Von zu Hause hatte er keine Unterstützung zu erwarten, und so musste er sehen, wie er neben dem Studium zu Geld kam. Er gab Nachhilfestunden, und weil er musikalisch war und passabel Geige spielte, unterhielt er die Gäste in Prager Bars und Restaurants. Zusätzlich soll er auf dem Bahnhof die schweren Koffer der Reisenden geschleppt haben.

Mit unermüdlichem Fleiß und eisernem Willen konnte Jan Jesenský sein Studium in kürzester Zeit abschließen und wollte sich anschließend spezialisieren zum Zahnarzt und Kieferchirurgen. Dazu war aber eine weitere Ausbildung nötig und sogar Aufenthalte im Ausland. Das war kostspielig, das Geld, das man mit Geigespielen und Koffertragen verdienen konnte, reichte bei Weitem nicht. War es diese finanzielle Notlage, die Angst vor einer stockenden Karriere, die Jan Jesenský bewog, nach einer Ehefrau Ausschau zu halten? Das waren zu dieser Zeit durchaus gängige und anerkannte Gründe, um eine Ehe zu schließen. Ehrgeizige, aber mittellose junge Männer konnten oft nur durch eine gute Partie vorwärtskommen. So hatte auch einige Jahre vorher der Vater von Franz Kafka, Hermann Kafka, in Prag ein Geschäft für Galanteriewaren eröffnen können, weil er Julie Löwy, eine Frau aus reichem Hause, geheiratet hatte. Die Ehe ermöglichte ihm, dem armen jüdischen Sohn eines Fleischhauers vom Lande, einen enormen sozialen und beruflichen Aufstieg.

Hermann Kafka, achtzehn Jahre älter als Jan Jesenský, hatte seine Frau mithilfe eines Heiratsvermittlers gefunden. Wie Jan Jesenský seine Frau Milena Hejzlarová kennengelernt hat, weiß man nicht. Sie war die Tochter eines wohlhabenden Landschulinspektors, der mit seiner Familie erst vor einigen Jahren nach Prag übergesiedelt war. Milena Hejzlarová war jung und schön und, was vielleicht noch wichtiger war, sie brachte eine beachtliche Mitgift mit in die Ehe. Das Paar bezog eine Wohnung in Žižkow, das früher ein Dorf gewesen war und nun zu einem Stadtteil Prags wurde, wo überwiegend Arbeiter lebten und die Mieten günstig waren. Schon im ersten Jahr der Ehe ließ Jan Jesenský seine Frau einige Zeit alleine, um in Paris seine Studien fortzusetzen. Und auch als sie später schwanger wurde, musste sie wieder Wochen, vielleicht Monate alleine oder mithilfe ihrer Eltern zurechtkommen, weil ihr Ehemann bei einem berühmten Professor in Berlin seine Fachkenntnisse erweiterte. Am 10. August 1896 wurde das Kind geboren. Wäre es ein Junge geworden, hätte es Jan geheißen. Es war aber ein Mädchen und wurde nach der Mutter benannt: Milena, was auf Deutsch so viel heißt wie »Liebende« oder »Geliebte«.

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Der Vater Jan Jesenský

Milena oder »Milka«, wie man sie auch nannte, wurde von ihren Eltern geliebt – auf je verschiedene Weise. Mit der Mutter lebte sie in stiller, inniger Zweisamkeit, in die manchmal der Vater einbrach, um zu erziehen. Milena musste ihn siezen und mit Handkuss empfangen. Zweifelsohne hatte das Kind Milena Angst vor diesem großen Mann, für den Schläge ganz selbstverständlich zur Erziehung gehörten. Aber im Verhalten des Vaters zeigten sich manchmal Züge, die sie vielleicht noch nicht einordnen konnte, die sie aber nachhaltig beeinflussten und eine Nähe herstellten, die anders war als die Nähe zur Mutter. Milena erinnerte sich noch als erwachsene Frau an eine Szene, die sich ereignete, als sie ungefähr drei Jahre alt war: Sie saß mit der Mutter allein in einem Zimmer, als plötzlich der Vater hereinkam und sie aufforderte, das Zimmer zu verlassen, weil er etwas mit der Mutter zu bereden habe, das sie nicht hören solle. Milena gehorchte sofort. Doch als sie die Zimmertür hinter sich geschlossen hatte und auf dem Weg zur Küche war, wurde die Tür hinter ihr wieder aufgerissen. Der Vater hatte sie verdächtigt, an der Tür zu horchen. Als er sah, dass er sich getäuscht und Milena sich vor Schreck auf den Boden gesetzt hatte, tat er etwas Unerwartetes: »Ich begriff, dass er mich verdächtigt hatte, und etwas Schmerzliches, Niederschmetterndes begann mich im Herzen zu drücken – der Vater begriff, dass ich das empfunden hatte und dass er etwas sagen oder tun müsste; und da tat er etwas sehr Tapferes: Er kam zu mir hin mit ernsten, großen Schritten, reichte mir die Hand und sagte: ›Bitte verzeih mir, ich werde dich nie mehr verdächtigen.‹ Das gequälte Herz wurde auf einmal stolz und frei, der Vater stand da, ehrenhaft und gerecht, und lehrte mich in dieser Minute wertvolle Dinge.«5

Es muss um diese Zeit gewesen sein, als die Familie wieder Nachwuchs bekam. Der kleine Jan war der Stammhalter, den sich Jan Jesenský immer gewünscht hatte. Und sicher hätte dieser männliche Nachkomme Milena in der Gunst des Vaters verdrängt, wenn er nicht frühzeitig gestorben wäre. Dieser Tod ist rätselhaft. Milenas Tochter Jana hat später behauptet, dass die unerbittliche Strenge ihres Großvaters schuld gewesen sei am Tod des Kindes.6 Seine Frau konnte den Säugling nicht stillen, und Jan Jesenský soll ihr strikt verboten haben, eine Amme zu nehmen. Sein Sohn sollte zeigen, dass er auch ohne diese Hilfe überlebensfähig sei. Er war es nicht. Eine Zeit lang kümmerte sich ein Dienstmädchen notdürftig um ihn, dann starb er. Kann es sein, dass für Jan Jesenský seine Grundsätze wichtiger waren als das Leben seines einzigen Sohnes, auch wenn er schwächlich war? Jedenfalls blieb es der kleinen Milena erspart, die Hüterin eines bevorzugten Bruders zu werden. In diesem Fall wäre ihr Leben sicher anders verlaufen. So blieb sie ein Einzelkind und damit hatte sie die Bürde aller väterlichen Erwartungen alleine zu tragen.

Jan Jesenský war mit seiner Ausbildung fertig und nun ein Doktor der Medizin. Vorläufig arbeitete er noch als Assistent an der Universität mit der Aussicht, einmal ein Professor zu werden. Das reichte ihm allerdings nicht. Mit dem Geld aus seiner Ehe wollte er eine eigene Praxis als Zahnarzt eröffnen, möglichst in bester Lage in der Prager Innenstadt. Und auch die Familie brauchte ein neues Heim, das dem zukünftigen Stand angemessen war. Die Wohnung im Haus Beim schwarzen Adler in der Eisengasse war wohl nur eine Übergangslösung. Sie lag zwar günstig, nahe der Universität, bot aber keinen Platz für eine Praxis. Ganz in der Nähe aber, in der Obstgasse, am Rand des Wenzelsplatzes, wurde ein neues, großes Gebäude errichtet, in dem nicht nur geeignete Räume für eine Praxis entstanden, sondern auch Wohnungen für gehobene Ansprüche. Schon nach einem Jahr in der Eisengasse zog die Familie Jesenský 1902 in die Obstgasse. Es war ein fünfstöckiges Jugendstilhaus mit einer riesigen Eingangshalle, bunten Fenstern, einem holzgetäfelten Treppenhaus und marmorverkleideten Wänden. Im ersten Stock wurde die Zahnarztpraxis Dr. Jesenský eingerichtet. Im fünften Stock bezog die Familie eine weitläufige Wohnung.

Das Haus in der Obstgasse lag am Schnittpunkt der Hauptverkehrsadern der Stadt, dem Graben und dem Wenzelsplatz, und damit an dem Punkt, wo die Lebenswelten der verschiedenen Nationalitäten von einer unsichtbaren Grenze getrennt waren. Denn während den Wenzelsplatz traditionell die Tschechen für sich in Anspruch nahmen, war der Graben der Mittelpunkt des deutschen Gesellschaftslebens, zu dem auch die Juden gehörten. Am Graben befanden sich die von der deutsch-jüdischen Gesellschaft bevorzugten Restaurants, Cafés, Buchhandlungen und Hotels. Hier fand auch jeden Sonntag der »Korso« statt, ein Spaziergang, der von Ritualen geregelt war, in denen sich die sozialen Stellungen und privaten Verhältnisse der Leute abbildeten. Wie tief ein Grüßender seinen Hut zog oder in welcher Entfernung er zu seinem Gruß ansetzte, sagte sehr viel aus über sein Verhältnis zum Gegrüßten. Nicht anders verhielten sich die Tschechen auf dem Wenzelsplatz, die hier ihre Geschäfte, Weinlokale und Cafés besuchten. Am Wenzelsplatz, unweit der Obstgasse, lag auch die Assicurazioni Generali, das Versicherungsunternehmen, in dem der frisch promovierte Franz Kafka ab Herbst 1907 angestellt war. Wenn Milena zu dieser Zeit aus dem Fenster der elterlichen Wohnung schaute, hätte sie vielleicht den jungen Kafka gesehen, der frühmorgens, kurz vor acht Uhr, zu seinem Arbeitsplatz eilte oder der an seinem freien Tag aus dem Eldorado, einer Weinstube im Untergeschoss eines Palais in der Obstgasse, kam.

Der Neubau, in dem die Familie Jesenský jetzt wohnte, war ein sichtbarer Hinweis dafür, wie Prag sich veränderte. Ein ganzer Stadtteil, die Josefstadt, das ehemalige jüdische Ghetto, das zu einem Elendsviertel heruntergekommen war, wurde abgerissen und die umfangreichen städtebaulichen Maßnahmen wirkten sich bis in die Altstadt aus. Wenn Milena mit ihrer Mutter zum Altstädter Ring ging, um auf dem Markt einzukaufen, konnte sie sehen, wie Bautrupps mit Hacken und Schaufeln alte Mauern einrissen und neue Straßenzüge angelegt wurden. Ein neues, modernes Prag war im Entstehen und das hing auch zusammen mit den veränderten Kräfteverhältnissen in der Stadt. Während die Zahl der Prager Deutschen in den letzten Jahrzehnten ziemlich gleich geblieben war, hatte sich der tschechische Anteil an der Bevölkerung stetig erhöht. Grund dafür war die Industrialisierung, die immer mehr Menschen vom Land in die Stadt trieb. Inzwischen war es auch nicht mehr so, dass die Deutschen die Oberschicht bildeten und die einflussreichen Posten belegten. Es gab nun tschechisches Bürgertum, das auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet beeindruckende Leistungen vorweisen konnte. Jan Jesenský war das beste Beispiel dafür. Wie andere erfolgreiche Männer unterstützte er die Jungtschechische Partei, die sich als Partei des Fortschritts verstand, eine eigene tschechische Universität in Böhmen und stärkere Förderung der technischen und wirtschaftlichen Entwicklung forderte. Es war auch die tschechische Stadtverwaltung gewesen, die 1886 den Entschluss gefasst hatte, das Stadtbild radikal zu verändern.

Eine einmalige Gelegenheit, das neue Selbstbewusstsein der tschechischen Nation zu demonstrieren, war die große Landesausstellung in Prag im Jahr 1891 gewesen.7 Nachdem wegen unvereinbarer Vorstellungen über den Charakter der Ausstellung die deutsche Seite ihre Teilnahme abgesagt hatte, war diese Leistungsshow eine fast rein tschechische Angelegenheit geworden. Nach dem Vorbild der Weltausstellung in Paris zwei Jahre zuvor waren auf einem riesigen Areal im Bubenčer Park Pavillons aufgestellt worden, in denen Erzeugnisse aus Industrie, Landwirtschaft, Handwerk, Kunst und neueste technische Erfindungen präsentiert wurden. Die Hunderttausende von Besuchern, die von der Stadt zum Ausstellungsgelände pilgerten, konnten schon die erste Sensation bewundern, einen Tramwagen, der nicht von Pferden gezogen wurde, sondern, angetrieben von einer unsichtbaren elektrischen Kraft, ganz von alleine fuhr. Wer wollte, konnte sich mit einer Seilbahn auf den Laurenziberg befördern lassen und dort auf den stählernen Aussichtsturm steigen, der nach dem Vorbild des Pariser Eifelturms, nur etwas kleiner, errichtet worden war.

Auf dem Gelände der Landesausstellung bildeten der nachts aufwendig beleuchtete Industriepalast und die gigantische Maschinenhalle mit den riesigen Dampfmaschinen für Bergwerke oder die chemische Industrie den spektakulären Mittelpunkt. Von dort aus konnten die Besucher über das weitläufige Gelände schlendern und alles besichtigen, was Böhmen an Erzeugnissen zu bieten hatte: Fahrzeuge, Schmuck, wissenschaftliche Geräte, Porzellan, Malerei, Musikinstrumente, Rechenmaschinen, Regenschirme, Holzschnitzereien, Zeitungen, Zuchttiere – und als besondere Attraktion eine Fontaine lumineuse, eine mit buntem Licht ausgeleuchtete Wasserfontäne. Im Bericht über die Landesausstellung wurde stolz vermerkt, dass das Königreich Böhmen auf dem Gebiet der Industrie so viel leiste »wie alle übrigen österreichischen Länder zusammen«. Das war ein Wink in Richtung Wien, dem Sitz der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, die aus der Sicht Böhmens in alten, längst überholten Zeiten verharrte und den Zug in die Zukunft verpasst hatte.

Ende September 1891, in den letzten Tagen der Landesausstellung, war der höchste Repräsentant des Habsburger Reiches, der Kaiser Franz Joseph I., nach Prag gekommen. Eine ganze Woche lang hielt er sich in der Stadt auf, die in dieser Zeit im Ausnahmezustand war. Dicht gedrängt standen die Menschen in den geschmückten Straßen, als er in Paradeuniform die Huldigungen seines Volkes entgegennahm. Es wird dem Kaiser nicht entgangen sein, dass neben den »Hurra«-Rufen viele »Sláva«-Rufe zu hören waren, die weniger ihm als der slawischen Heimat galten.8

Falls der junge Jan Jesenský am Straßenrand gestanden hat – und wer hätte sich dieses Ereignis entgehen lassen –, wird er bestimmt dem Kaiser nicht zugejubelt haben. Auf alles, was aus Wien kam, war er schlecht zu sprechen. Er behauptete sogar, mit Jan Jesenius verwandt zu sein, einem berühmten Mediziner und Gelehrten, der als Märtyrer in das nationale Bewusstsein eingegangen ist und dessen Name auf einer großen Bronzetafel am alten Rathaus in Prag verewigt war. Dieser Jesenius war Anfang des siebzehnten Jahrhunderts am Aufstand der böhmischen Stände gegen die Unterdrückung durch die Habsburger beteiligt gewesen. Nach der entscheidenden Schlacht am Weißen Berg nahe Prag, bei der die Rebellen vernichtend geschlagen wurden, war die Rache der Sieger fürchterlich. Jan Jesenský wird es nicht versäumt haben, seiner Tochter Milena jene mit drei Kreuzen markierte Stelle auf dem Altstädter Ring zu zeigen, wo am 21. Juni 1621 das Blutgericht über die Anführer des Aufstandes abgehalten wurde. Siebenundzwanzig Männer wurden einer nach dem anderen entweder mit dem Schwert hingerichtet oder erhängt. Ein besonders grausames Exempel wurde am prominentesten der Verurteilten, an Jan Jesenius, statuiert. Ihm wurde vor der Enthauptung die Zunge herausgeschnitten und seine Leiche wurde öffentlich gevierteilt.

Ob Jan Jesenský tatsächlich ein Nachfahre des Jan Jesenius war, konnte er nie beweisen. Für ihn aber wie für andere nationalistisch gesinnte Tschechen war Jesenius die Symbolfigur für die Unterdrückung der Tschechen durch die Deutschen, die bis in die Gegenwart anhielt und immer wieder für Spannungen und handfeste Auseinandersetzungen sorgte. Als der österreichische Ministerpräsident Badeni 1897 durchsetzen wollte, dass in Zukunft beide Sprachen, Tschechisch und Deutsch, gleichberechtigt sein sollten, war die Empörung unter den Deutschen in Böhmen so groß, dass diese Sprachverordnung wieder zurückgenommen werden musste. Daraufhin kam es in Prag im Dezember 1897 zu regelrechten Straßenschlachten. Deutschnationale Studenten wollten diesen Sieg »feiern« und zogen, das Kampflied Die Wacht am Rhein singend, über den Graben zum Wenzelsplatz. Tschechische Studenten empfanden das natürlich als Provokation, aber ihre Gegendemonstration wurde von der Polizei aufgelöst. Das war der Auftakt zu einem Sturm der Gewalt. Nichts, was irgendwie mit »deutsch« in Verbindung gebracht wurde, war mehr vor der aufgebrachten tschechischen Menge sicher. Schulen und Zeitungsredaktionen wurden verwüstet, Geschäfte geplündert, die Fensterscheiben von Hotels und Kaffeehäusern eingeworfen. Über Prag wurde der Ausnahmezustand verhängt.9

Die verfeindeten Gruppen blieben auch in den folgenden Jahren in Kampfbereitschaft. Deutsche Studenten mit den Mützen der Burschenschaften promenierten auf dem Graben, um ihre Gesinnung zu zeigen, und die tschechischen Studenten mit ihren slawischen Samtbaretten taten es ihnen gleich. Irgendwann Anfang des neuen Jahrhunderts gerieten die verfeindeten Gruppen im Graben wieder aneinander. Dieses Mal wurden sie beobachtet von einem kleinen Mädchen, das im Haus am unteren Ende des Grabens am Fenster stand. Es war Milena mit ihrer Mutter. Sie sahen, wie die verfeindeten Lager aufeinander zugingen und wie plötzlich eine Gruppe Polizisten aus einer Seitenstraße heraneilte und sich zwischen die Fronten stellte. Trotz der mehrmaligen Aufforderung, stehen zu bleiben, bewegten sich die Demonstrationszüge weiter vorwärts. Plötzlich krachten Schüsse. Die Menge stob auseinander, nur ein Mann blieb unmittelbar vor den Polizisten mit ihren Gewehren stehen. Es war Jan Jesenský. Neben ihm lag ein offenbar getroffener Mann regungslos am Boden. Jesenský bückte sich zu ihm und begann ihn zu verbinden. Dieses Bild vom Vater, der als Einziger nicht weglief und sich um den Verwundeten kümmerte, vergaß Milena ihr Leben lang nicht mehr, auch nicht die Reaktion ihrer Mutter: »Die Augen meiner Mutter waren halb geschlossen und zwei große Tränen rannen ihre Wangen hinab. Ich erinnere mich noch, wie sie mich so fest in die Arme nahm, als ob sie mich erdrücken wollte.«10

Das Kind Milena konnte noch nicht verstehen und erst recht nicht sagen, warum es so beeindruckt war vom Verhalten des Vaters. Erst die erwachsene Milena fand Worte für ihre damaligen Gefühle. Und sie glaubte nun zu wissen, dass es zum Wesen der Angst gehört, dass sie einem nicht gestattet, an Ort und Stelle zu verharren, wenn dies nötig sei. Und Stehenbleiben hieß für sie, »voller Ruhe dem entgegenzusehen, was ich nicht kenne«. Die Kraft dazu kann ein Mensch allerdings nur aufbringen, wenn er sich zugehörig fühlt, einer Idee, anderen Menschen, einer Gemeinschaft. Wer alleine ist, ohne jegliche Bindung, läuft leichter weg. »Einsamkeit«, so Milena, »ist vielleicht der Welt größter Fluch.«11

Der große Schmerz

»Ich habe eine verrückte Sehnsucht, in die Welt zu entfliehen.«

Kinder, so wird die erwachsene Milena einmal behaupten, sind keine unfertigen Geschöpfe, sondern vollwertige Personen, und man sollte sie deshalb nicht behandeln wie »hübsche Puppen« oder niedliche Tiere. Sie verstehen alles, was um sie herum geschieht, nur eben nicht in der Weise wie Erwachsene. Darum solle man Kindern mit Respekt und Ernst begegnen, und ein Kind merke es sofort, wenn dieser Ernst nur gespielt sei. Das gelte besonders für Eltern. »Eltern«, so Milena, »die ihr Kind zwingen zu gehorchen, nur weil es ein Kind ist und sie die Eltern, erziehen es zu einem Lügner, weil die Lüge der einzige Schutz eines Kindes ist gegen eine Autorität, die es nicht versteht.«1

Milena war ein widerspenstiges Kind. Jedenfalls empfand das ihr Vater so. Er war oft unzufrieden mit ihr und steckte sie einmal sogar in einen Kleiderkorb, wo sie ganz im Dunkeln saß und kaum mehr Luft bekam. Mit der Mutter war es anders. Bei ihr fühlte sich Milena verstanden und geborgen. Die Mutter schimpfte nie mit ihr und schlug sie auch nie.

Vermutlich war es eine Idee des Vaters, Milena eine Puppe zu schenken. Oder zumindest war es sein Einfall, dieses Geschenk als Erziehungsmittel zu benutzen. Die Puppe lag auf dem Küchenschrank, und Milena durfte nur mit ihr spielen, wenn sie brav gewesen war. Alle erwarteten von ihr, dass sie sich freute, wenn sie die Puppe zum Spielen bekam. Doch Milena empfand diese Belohnung eher wie eine Strafe und von den Erwartungen der Erwachsenen wurde sie geradezu gelähmt. »Wir saßen traurig in der Ecke, die Puppe und ich, und sahen einander an«, berichtete sie später über ihre Ratlosigkeit.2

Viel lieber spielte Milena mit Glaskugeln, die innen bunte Streifen oder Blasen hatten. Sie erfand ein Spiel, bei dem diese Glasmurmeln in einem Wettkampf gegen Bohnen antreten mussten, und sie richtete es so ein, dass immer die Murmeln gewannen, die sie viel lieber mochte als die Bohnen, weil sie mit ihren Regenbogenfarben etwas Zauberhaftes, Übernatürliches hatten.3 Milena spielte meistens alleine. Die Mutter war oft bettlägerig und zu schwach, um das Haus zu verlassen. Wenn sie die Kraft dazu fand, widmete sie sich ihren Hobbys. Sie liebte schöne Stoffe und Möbel, in die sie mit einer speziellen Technik Verzierungen einbrannte, und entwarf und fertigte sogar einen eigenen Stuhl. Milena besuchte ab ihrem sechsten Lebensjahr vormittags die Volksschule für Mädchen, die restliche Zeit des Tages verbrachte sie meist im Zimmer der Mutter, die im Lehnstuhl saß und ihrer Tochter Märchen von Andersen vorlas.

In dieser Frauenwelt wurde der Vater nur selten gesehen. Entweder er war in der Universität oder in seiner Praxis. Abends traf er sich mit seinen Freunden vom Sokol, einem Turnverband, dessen Ziel es war, nicht nur die körperliche Ertüchtigung zu fördern, sondern auch den Gemeinschaftsgeist der Tschechen zu stärken. Für Jan Jesenský gehörten Nationalstolz und Fitness zusammen. Er stand jeden Tag sehr früh auf, nahm ein kaltes Bad und ging mit seinen Hunden spazieren. Am Wochenende nahm er Milena mit auf seine ausgedehnten Wanderungen, die sie weit hinaus vor die Stadt führten. Zu Fuß zu gehen, war für ihn die beste Art, Sorgen und Probleme abzuschütteln und Kraft zu sammeln für den anstrengenden Alltag. Milena, die lieber zu Hause saß und Bücher las, fand zunehmend Gefallen an frischer Luft und Bewegung, und ihr Vater brauchte sie bald nicht mehr zu zwingen, Schwimmen und Tennis zu lernen.

Jan Jesenský erwartete von anderen, was er von sich selbst verlangte. Von daher war es für ihn, der »raubtierhaft gesund«4 war, schwer erträglich, dass seine Frau eine so schwache Gesundheit hatte. Zu der Entfremdung zwischen beiden trug sicher auch der tote Sohn bei. Und Jan Jesenský, dem es doch so wichtig war, seine Erfolge aus eigener Kraft zu schaffen, konnte es nicht vergessen, dass er seine Karriere auch dem Geld seiner Frau zu verdanken hatte. Auf diese Hilfe angewiesen gewesen zu sein, nahm er ihr und den Schwiegereltern übel. Zu zärtlichen Worten und Gesten scheint es zwischen den Ehepartnern selten gekommen zu sein. Und wenn, dann wurden sie durch Jesenskýs rücksichtsloses Verhalten wieder entwertet. So wie einmal im Frühjahr, als er seiner Frau einen Strauß Veilchen ans Bett brachte und ihn ihr einige Stunden später wegnahm, weil er für eine verehrte Patientin ein Geschenk brauchte.5

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