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1. Auflage 2016

 

© 2016 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

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Redaktion: Claudia Fregiehn

Umschlaggestaltung: Isabella Dorsch

Umschlagabbildung: ullstein bild - AP

Satz: inpunkt[w]o, Haiger

 

 

ISBN Print 978-3-7423-0001-0

ISBN E-Book (PDF) 978-3-95971-367-2

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-95971-366-5

 

 

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Inhalt

Vorwort

Die Sache mit dem Alter

Klein Karl auf Schatzsuche

Ein Künstler wächst heran

Eine schmerzhafte Bildungslücke

Karl der Simulant

Von Pferden und Kühen

Ein Schüler, der aus dem Rahmen fällt

Der Träumer und die schnellen Autos

Eine überraschende Auszeichnung

Balenciaga oder Balmain?

Lagerfeld erweckt einen Toten

Modelist und Bodybuilder

Die Sonnenbrille

Lagerfeld und die Liebe

Der Kaiser der Mode und der König der Kunst

Lagerfeld und der schnöde Mammon

Lagerfeld der Bibliothekar

Der nervöse Magen

Traumhafte Kreation

Die Kunst der Fotografie

Lagerfeld und der Aberglaube

Eine Villa für ein Parfum

Der Sonne zu nah

Lagerfeld der Prophet

Der Ton macht die Musik

Exklusive Hygieneroutine

Kaiserliche Diät

Es ist gelb, es ist hässlich …

Ein Bär namens Karl

Lagerfeld, Newton und Marlene Dietrich

Eine neue Liebe

Choupette

Unsterblichkeit

Quellennachweis

Vorwort

»Ich wollte mich immer nur von meinen Wurzeln befreien, um mit meinen eigenen Flügeln zu fliegen.«

Karl Lagerfeld (in Lagerfeld Confidential)

Wer ist Karl Lagerfeld? Diese Frage wurde schon unzählige Male gestellt und doch bis heute nicht beantwortet. Der unerreichte Maestro der Mode ist ein Faszinosum mit unerschöpflicher Strahlkraft. Er ist nur schwer greifbar, inszeniert sich gekonnt. Mal als unnahbarer Paradiesvogel, ein anderes Mal exzentrisch provokant, und im nächsten Augenblick erzählt er mit angedeutetem Lächeln einen schmutzigen Witz über die Brüste einer reiferen Frau.

Karl Lagerfeld wirkt oft entrückt und fernab jeglicher Realität. Doch dann vollzieht er ganz unerwartet eine 180-Grad-Wende und gibt sich auf einmal für seine Verhältnisse ganz herzlich und offen. Er tänzelt nicht nur leichtfüßig durch die Pariser Hautevolee, Küsschen hier, Küsschen da, macht gekonnt Small Talk mit Modegrößen und Hollywoodschauspielern, nein, wer genau hinschaut, sieht auch immer wieder die menschliche Seite des geheimnisumwobenen Designers durch seine disziplinierte Fassade blitzen. Wenn er etwa – für den Außenstehenden ganz überraschend – die Zimmermädchen in seinem Landhaus zur Begrüßung auf beide Wangen küsst, wirkt das bei Karl Lagerfeld genauso authentisch, wie wenn er Nicole Kidman auf einer Modenschau begegnet.

Er lässt sich eben nicht gerne in die Karten schauen und noch weniger in irgendeine Schublade stecken. Der in Paris lebende Modepapst weiß, wie überlebenswichtig es in seinem Gewerbe ist, anpassungsfähig zu sein. Das heißt aber nicht, mit dem Strom zu schwimmen, sondern sich ständig zu verändern und neu zu erfinden. Der Karl Lagerfeld von morgen ist ein ganz anderer Mensch als der von heute. Auch wenn er meist Schwarz trägt, ist er wandlungsfähig wie ein Chamäleon und taucht plötzlich, wenn man am wenigsten damit rechnet, im golden glänzenden Blouson auf, wo ansonsten ein schwarzes Sakko Pflicht wäre. Doch so ist »Karl der Große«, wie er auch genannt wird, nun mal. Er pfeift auf Konventionen, vor allem auf die der Bourgeoisie, tanzt nach niemands Pfeife außer nach seiner eigenen. Er gibt den Ton an und bestimmt seit Jahrzehnten in der Modeszene, wo es langgeht.

Karl Lagerfeld ist ein Freigeist und Individualist. Schon zu Beginn seiner Karriere in Paris weiß er genau: Er will von niemandem gelehrt werden, er will selbst lernen. So war er schon als Kind. So wurde er erzogen.

Er ist wie der griechische König Midas – was er anfasst, wird zu Gold. Ob als Modeschöpfer oder Fotograf, als Marketinggenie oder Autor, als Entdecker von Topmodels oder Innenarchitekt, das Schicksal scheint es mit Lagerfeld gut zu meinen wie mit kaum einem Zweiten. Der Erfolg fliegt ihm scheinbar mühelos zu. Und doch arbeitet er viel, manchmal rund um die Uhr. Aber das ist für Lagerfeld, der die 80 (möglicherweise) bereits überschritten hat, keine Belastung, sondern viel mehr die Erfüllung. Stress ist für den Mann mit der dunklen Sonnenbrille ein Fremdwort. Er kennt höchstens Strass, wie er einmal sagte.

Karl Lagerfeld ist aber nicht nur der berühmteste Modeschöpfer der Welt, geschweige denn eine Modeerscheinung. Karl Lagerfeld ist ein einzigartiges Stück Zeitgeschichte, das in diesem Büchlein in kleinen Anekdoten geehrt werden soll.

Die Sache mit dem Alter

Es ist nichts Ungewöhnliches, dass Frauen aus ihrem Alter ein Geheimnis machen, und gewiss keine Seltenheit, wenn das schöne Geschlecht beim Geburtsjahr ein wenig Kosmetik benutzt. Dabei weiß jeder kultivierte Mensch ohnehin, dass die Frage nach dem Alter einer Frau äußerst indiskret, gar unhöflich ist.

In dieser Hinsicht scheint Karl Lagerfeld seinen Zeitgenossinnen ein bisschen über die Schulter geschaut zu haben. Man braucht nur an der biografischen Oberfläche des Modepapstes zu kratzen, und schon wird offenbar, dass die Quellen sich über sein Geburtsjahr nicht einig sind. Sobald die Frage nach seinem wirklichen Alter aufkommt, zeigt sich Lagerfeld betont gelangweilt. Die einzig halbwegs konkrete Aussage des Modeschöpfers ist die, dass er irgendwann in den Dreißigerjahren geboren wurde. Genauer könne er es beim besten Willen nicht sagen, da seine Geburtsurkunde während des Bombardements der Alliierten auf Hamburg-Altona in Flammen aufging. Lagerfeld ist sich nicht einmal sicher, ob der 10. September wirklich sein Geburtstag ist. Doch das ist ihm ohnehin einerlei. Allein die Vorstellung, das Älterwerden zu feiern, ist in Lagerfelds Augen »grauenhaft«. Also lässt er es schon seit vielen Jahren gleich ganz bleiben.

Doch es gibt ein paar Leute, die sich noch an den jungen Karl erinnern können. Zeitzeugen, die behaupten, das wahre Geburtsjahr des mysteriösen Mannes mit der Sonnenbrille zu kennen. Einer von ihnen ist Kurt Wagner. Er gibt sich als Schulfreund Lagerfeldts – damals noch mit -dt geschrieben, erst später wird Karl den Namen in Lagerfeld ändern – aus und hat tatsächlich einige Fotos aus der gemeinsamen Schulzeit. An der Echtheit der Bilder besteht kaum ein Zweifel. Der junge Karl ist deutlich darauf zu erkennen. Durch seine extravagante Kleidung sticht er auf all den Bildern sofort hervor. Schon damals waren der gestärkte weiße Kragen und eine edle Krawatte für den modebewussten Jungen Pflicht. Die Sonnenbrille sollte allerdings erst später hinzukommen.

Wagner kann seine Geschichte auch mit ein paar Anekdoten aus der gemeinsamen Kindheit untermauern. Genau wie Lagerfeld wächst er auf Gut Bissenmoor auf, wo Wagners Onkel als Verwalter tätig ist. In dieser Zeit werden Karl und Kurt Spielkameraden. Sie schmieden sogar Pläne für den Bau einer Straßenbahnlinie vom Gutshof bis nach Bad Bramstedt, da sie nicht jeden Tag den weiten Weg in die Schule zu Fuß gehen wollen.

Mit seiner Fotosammlung und seinen Erinnerungen wird Kurt Wagner in der deutschen Medienlandschaft bald zu einem gefragten Mann, aber der Ruhm ist nur von kurzer Dauer. Als Lagerfeld 2006 von Sandra Maischberger mit Wagners Geschichte konfrontiert wird, leugnet der Modezar jegliche Verbindung zu den angeblichen Zeitzeugen mit den Worten: »Ich kenne die nicht! […] Nehmen Sie diese Lustgreise da weg.«

Und sowieso – mit Kindern habe er doch nie gespielt, Kinder habe er immer schon gehasst.

Dennoch bleibt Wagner bei seiner Aussage und ordnet Lagerfeld dem Jahrgang 1933 zu. Bloß beweisen kann er seine Geschichte nicht, und so wird das Rätsel um Lagerfelds wahres Alter wohl weiter ungelöst bleiben.

Klein Karl auf Schatzsuche