Kerstin Zilm

Ein Jahr in
KALIFORNIEN

Auswandern auf Zeit

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Impressum

Titel der Originalausgabe: Ein Jahr in Kalifornien

Auswandern auf Zeit

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2016

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Umschlagmotiv: © FiledIMAGE – shutterstock

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book): 978-3-451-80767-1

ISBN (Buch): 978-3-451-06882-9

Inhalt

Abenteuer Kalifornien

Februar

März

April

Mai

Juni

Juli

August

September

Oktober

November

Dezember

Januar

Abenteuer Kalifornien

DER CHEFREDAKTEUR KAM AM TELEFON direkt zur Sache: „Der Korrespondentenplatz in Los Angeles wird neu besetzt. Soll ich Ihren Namen in den Ring werfen?“ Mein Herz stockte. Na klar soll mein Name in den Ring! „Wenn Sie sich bewerben, müssen Sie für mindestens ein Jahr zurück nach Berlin kommen“, ergänzte mein Chef. Und damit wurde die Sache kompliziert.

Ich war mitten in einem Sabbatjahr, lebte bei meinem amerikanischen Freund in Washington D.C. und war gerade dabei, mir als freie Journalistin einen Kundenstamm aufzubauen. „Habe ich denn eine echte Chance?“, fragte ich nach, in der Hoffnung, dass dem Chef mein Zögern nicht allzu sehr auffiel. „Na klar haben Sie eine Chance. Sonst würde ich Sie doch nicht anrufen.“ Bei der Vorstellung, wieder tausende von Meilen und mehrere Zeitzonen entfernt von meinem Freund zu leben, wurde mir schlecht. Aber wer kann sich die Chance auf einen Korrespondentenplatz in Kalifornien entgehen lassen? Ich nicht!

Sechs Monate nach dem Anruf feilte ich in Berlin an meinem Lebenslauf und kopierte Arbeitsproben für meine Bewerbungsmappe. Kurz darauf machte ich im ARD-Radiostudio von Los Angeles einen Freudentanz, nachdem ich als Urlaubsvertretung zum ersten Mal meine offizielle Absage ins Mikrofon gesprochen hatte: „Kerstin Zilm, Los Angeles.“

Als wieder ein paar Monate später ein orangefarbener Container vor meiner Wohnung in Berlin stand und Möbelpacker meine Ikea-Regale in Luftpolsterfolie wickelten, hätte ich vor Glück platzen können. Ich hatte den Job bekommen. Das Abenteuer konnte beginnen.

Dieses Buch beschreibt ein Jahr in Kalifornien, basierend auf wahren Ereignissen und Menschen, die mir begegnet sind. Fast alle Namen habe ich geändert und nicht alles ist haargenau so passiert, wie es hier steht.

Doch: Ich habe wirklich Erdbeben erlebt und beim Anblick von Delfinen geweint. Ich bin vor einem Waldbrand geflüchtet und Bären im Nationalpark begegnet. Ein sehr persönliches Geständnis von Oscar-Preisträger Hans Zimmer hat mich tatsächlich total verblüfft und eine Vollmondnacht am Pazifik bescherte mir wirklich den wohl kalifornischsten Moment meines Lebens.

Natürlich ist vieles anders gekommen, als geplant. Rückblickend kann ich nur feststellen: Zum Glück war meine Antwort auf die Frage des Chefredakteurs ein enthusiastisches „JA!“

Februar

„SO YOU’RE A JOURNALIST?“ Das hört sich nicht wie eine Frage an, sondern wie ein Vorwurf. Der Immigrationsbeamte hinter der Glasscheibe blättert bedächtig in meinem Reisepass und studiert mein nagelneues Journalistenvisum.

„J. Gonzales“, lese ich auf dem Schild über seiner Brust. „Ja, Herr Gonzales, ich bin US-Westküsten-Korrespondentin.“

„Officer Gonzales!“ Er blättert weiter. „Und für wen arbeiten Sie?“

„Fürs deutsche öffentliche Radio.“

Mit tiefen Falten in die Stirn gegraben hebt Offizier Gonzales den Blick und schaut mir durchdringend in die Augen. „Was für Geschichten schreiben Sie denn?“

„Na, eigentlich alles: Politik, Silicon Valley, Lifestyle, Immigration, Kunst, Hollywood. Jetzt erstmal natürlich die Oscars.“

„Schauen Sie hier in die Kamera!“ Er zeigt auf eine weiße Kugel über dem Schalter. Großartig! In US-Dateien bin ich jetzt mit blutunterlaufenen Augen, trockenen Lippen und plattgelegenen Haaren gespeichert! Als auch meine Fingerabdrücke ins System des US-Heimatschutzes eingegeben sind, hämmert Offizier Gonzales einen Stempel in meinen Reisepass und reicht ihn mir mit einem Lächeln. „Welcome!“

Zweimal muss ich noch Schlange stehen: am Fließband der Gepäckausgabe und in der Zollkontrolle.

„Nein, ich war nicht kurz vor der Abreise in Berlin auf einem Bauernhof, habe weder Bakterien noch Drogen und leider auch keinen Koffer voller Bargeld bei mir.“

Nett wäre ja, wenn mich jemand abholen würde. Aber ich kenne niemanden in Los Angeles und ziehe meine zwei Rollkoffer vorbei an sich jubelnd in die Arme fallenden Familien und Pärchen, an Schildern der Limousinenchauffeure in schwarzen Anzügen und an blau uniformierten Sicherheitsbeamten.

Die automatische Tür nach draußen geht auf.

BOOM!

Mir schlägt mein neues Leben mit der Wucht eines Baseballschlägers entgegen: Trillerpfeifen, Lautsprecherdurchsagen und Baustellen. Laue Abendluft und Abgase. Ratternde Koffer und scheppernde Gepäckwagen. Flipflops, Cargo-Shorts und T-Shirts, Pelzmäntel, Cowboyhüte und bunte Saris. Ich höre Spanisch, Englisch, Französisch, Deutsch und zig Sprachen, die ich nicht identifizieren kann. Die siebzig Millionen Passagiere, die der Flughafen jedes Jahr abwickelt, müssen alle heute angekommen sein und drängeln sich zu Taxis, Limousinen, und Shuttle-Bussen.

Vor zwanzig Stunden in Berlin stand ich noch neben meiner Freundin Susanne mit hochgestelltem Plüschkragen im Schneematsch der Raucherzone am Flughafen Tegel. Jetzt muss ich die Jacke ausziehen. Eine halbe Stunde später fliegen auch die Strümpfe auf den Rücksitz meines Mietwagens. Ich schalte das Radio an, lasse alle Fenster runter und starte den Motor. Mit klopfendem Herzen reihe ich mich ins fließende Verkehrschaos von Los Angeles ein.

Erstmal ins Hotel in Santa Monica. Die Schlüssel zu meinem neuen Zuhause bekomme ich morgen. Im Zimmer lasse ich mich aufs Bett fallen. Au weia! Wenn ich nicht aufpasse, falle ich sofort ins Halbkoma. Das geht nicht! Ich will schnell in der neuen Zeitzone ankommen. In Deutschland ist es schon Montag und vier Uhr morgens. In Kalifornien ist noch Sonntag und sieben Uhr abends. „Drei Stunden musst du noch durchhalten“, sagt mein Hirn. Mein Körper ist anderer Meinung. Er ist plötzlich tonnenschwer. Ich kann mich nicht mehr rühren. Nicht einmal, um die auf arktische Temperaturen eingestellte Klimaanlage abzuschalten.

Das Telefon klingelt. O Gott! Nur die Chefredaktion in Berlin hat diese Nummer! Ist etwas Wichtiges in meinem „Berichtsgebiet“ passiert? Erdbeben? Promi gestorben? Ich muss sofort den Computer einschalten! Den Fernseher! Meine E-Mails checken! Ich muss immer auf dem Laufenden sein. Immer? Immer!

„Hallo! Kerstin Zilm.“

„Hallihallo! You made it!“ Richtig! Ben hat auch meine Nummer. Ben, mein amerikanischer Freund. Er lebt an der Ostküste und ist mir jetzt drei Stunden voraus. Gestern war er mir noch sechs Stunden hinterher. Bei ihm ist es jetzt kurz nach 22 Uhr. Was für ein Durcheinander! Zum Glück ist das bald vorbei. Mein Neuanfang in Los Angeles bedeutet nämlich auch, dass er zu mir kommen wird und unsere Fernbeziehung endlich ein Ende hat. Fünf Jahre Berlin – Washington sind mehr als genug.

Ich erzähle ihm vom warmen Wind und den Lichtern am Santa-Monica-Pier, die ich auf der Fahrt gesehen habe. Er erzählt von eisglatten Straßen und festgefrorenen Scheibenwischern. Wir leben jetzt zwar auf demselben Kontinent, aber so wie sich das anhört noch immer in verschiedenen Welten!

„Hast du inzwischen einen festen Umzugstermin?“ „Noch nicht, aber jetzt sind wirklich nur noch ein paar Sachen beim Job zu erledigen. Spätestens Anfang März bin ich da.“

Er ist müde. Ich habe Angst, eine Katastrophe in meinem Berichtsgebiet zu verpassen. Wir wünschen uns eine gute Nacht. Ich schalte den Computer ein. Mehr als vierzig E-Mails. Zum Glück nichts Dringendes.

Ich dusche und ziehe mich um. Zeit für erste Erkundungen. Es ist Februar, und ich spaziere in Sandalen zwischen Touristen, Künstlern und Selbstdarstellern Richtung Strand. Im Park der Promenade liegen Obdachlose neben zerschlissenen Rollkoffern und Plastiktüten unter Palmen auf der Wiese. In Meeresbrise und salzige Luft mischt sich der Geruch von Urin und saurem Schweiß. Alle tun, als wäre das ganz normal, also gehe auch ich einfach weiter über eine schmale Brücke, unter mir der rauschende Verkehr des Pacific Coast Highway, dann barfuß durch den Sand bis zum Pazifik. Die Lichter des Riesenrads spiegeln sich in der weißen Gischt. Ich stehe am Rand des Kontinents.

Eigentlich müsste die Welt jetzt mal einen Moment anhalten. Das „Landei“ (wie mich meine lieben Verwandten als Kind gerne nannten), aufgewachsen in Dörfern von Ammerland und Markgräflerland, ist in Los Angeles gelandet! Am liebsten würde ich einen Tarzan-Schrei loslassen. Stattdessen starre ich nur still, mit den Füßen im Wasser, eine Weile zum dunklen Horizont. Auf dem Rückweg hole ich mir eine Pizza, öffne einen Piccolo aus der Minibar, bestelle einen Weckruf für sechs Uhr und schlafe ein.

Polizeisirenen und Gläserklirren schrecken mich auf. Ich schaue aus dem Fenster. Im Hotel-Innenhof hängt eine graue Gestalt über einem Müllcontainer und wirft Glasflaschen in einen Einkaufswagen. „4:00 AM“ leuchten rote Digitalziffern vom Radio neben meinem Bett. Meine innere Uhr ist felsenfest davon überzeugt, dass es höchste Zeit zum Aufstehen ist.

Ich esse den kalten Rest der Pizza, checke meine Mails und schalte den Fernseher ein. Entsetzlich munter erzählen dort braun gebrannte Frühstücksmoderatoren mit perfekten Zähnen und Dauerlächeln von Sonnenschein, Stau, nächtlichen Schießereien und Filmpremieren mit Oscar-Favoriten. Wirklich Wichtiges scheint auf der Welt nicht passiert zu sein.

Im Frühstücksraum stehen Mammut-Thermoskannen neben Pappschachteln mit süß-klebrigen Plunderstücken.

„Enjoying an early morning?“ Die Rezeptionistin hat dieselbe muntere Quäkstimme wie die Verkehrsfrau im Fernsehen. Sie zeigt mir auf einem Stadtplan, wo es Espresso gibt. Mit dem Plan gibt sie mir einen Gutschein. „Fünf Dollar für Frühstück im „Euro Caffé“! Da gibt’s auch frischen Orangensaft und internationale Zeitungen.“ Mein „Thank you. See you later!“ klingt schon fast so fröhlich wie der Wetterbericht.

Meine gute Laune steigt auf dem Weg zur Arbeit. Am Meer entlang fahre ich in die Pacific Palisades. Surfer warten im Wasser neben mir auf perfekte Wellen. Pelikane gleiten im Formationsflug über den im Morgenlicht glitzernden Pazifik. Ich biege an der Kreuzung von Pacific Coast Highway und Sunset Boulevard ab. Vorbei an Bougainvilleas, Oleanderbüschen und Palmen steuere ich einen Hügel hinauf zu meinem neuen Zuhause: ein Bungalowhäuschen mit orangefarbenen Papageienblumen, Rosenbüschen und Kakteen im Vorgarten. Makler Peter wartet schon. Wie immer ist der athletische Zwei-Meter-Mann ganz in Weiß gekleidet und hat sein graues Haar im Nacken zum Pferdeschwanz gebundenen. Neben ihm wippt eine rundliche Frau in regenbogenfarbenem Batikhängekleid und blonden kurzen Locken unterm breitkrempigen Strohhut.

„Hi, willkommen Kristen, ich bin Rose! Ich wohne da unten, auf der anderen Straßenseite“, stellt sie sich vor, kaum dass ich ausgestiegen bin. „Herzlich willkommen! Hier, das ist für dich.“ Sie drückt mir eine Plastiktüte in die Hand. „Die Milch und die Suppe stellst du am besten gleich in den Kühlschrank. Orangen und Avocados sind aus unserem Garten. Die Cookies hab’ ich selbst gebacken. Wir – mein Mann John und ich – wohnen hier schon über dreißig Jahre. Peter hat gesagt, dein Mann kommt nach?“

Der Makler rollt hinter ihrem Rücken mit den Augen, zieht entschuldigend die Schultern hoch und schließt das Haus auf. „Ich zeig’ dir erstmal alles, was du wissen musst: Gasherd, Heizung, Gartensprinkler.“ Wir stehen direkt im Wohnzimmer. Das ist komplett leer, kein Tisch, kein Stuhl, kein Bett. Meine gesamte Einrichtung ist noch im Container. Wer hätte gedacht, dass meine Billy-Regale mal durch den Panamakanal schippern?

„Ich kann das auch machen, Peter. Ich hab’ mich um alles gekümmert, wenn der Professor unterwegs war.“ Rose legt mir eine Hand auf den Arm. „Er hat ganz wundervolle Orchideen! Die brauchen jede einen Eiswürfel die Woche.“ Der Professor, das ist mein Vermieter. Für die nächsten zwei Jahre hat er eine Gastprofessur in Australien.

„Kerstin meldet sich bei dir.“ Peter schiebt Rose sanft zur Tür. „Die Nudelsuppe hat ganz viel Gemüse!“, ruft sie mir im Rausgehen zu. „So wie ihr Europäer das mögt! Wir haben unsere Hochzeitsreise nach Rom, Paris und Barcelona gemacht. Ein Traum!“

Ich gehe schnurstracks durchs Wohnzimmer zur Glasschiebetür. Hier habe ich den Mietvertrag unterschrieben. Ich weiß, was mich erwartet. Trotzdem verschlägt es mir wieder den Atem. Ich schaue auf eine Holzterrasse, größer als mein Wohnzimmer in Berlin, und über grüne Hügel zum Pazifik. Hier wird mein Schreibtisch stehen. Möge das Korrespondentinnenleben beginnen!

Kaum ist der Makler weg, taucht mein Vorgänger auf. Bis gestern war Hartmut US-Westküsten-Korrespondent fürs öffentlich-rechtliche Radio. In drei Wochen geht er in Rente. Schweiß steht auf seiner hohen Stirn, rotblonde Haare schauen unterm halb offenen Hawaiihemd hervor. Er breitet auf der Küchenablage tausende Papiere aus. „Ein bisschen Buchhaltung, die wichtigsten Telefonnummern und Anfragen der Sender, die ich nicht mehr bearbeiten konnte. Am besten rufst du bald bei der Oscar-Akademie an. Ich hatte keine Zeit, irgendetwas vorzubereiten.“

„Wie bitte? Die Oscar-Verleihung ist in vier Wochen!“ Es stellt sich heraus: Ich bin zu keiner Veranstaltung und für keinen roten Teppich angemeldet. Die Fristen dafür sind längst abgelaufen.

„Ich dachte, die Assistentin kümmert sich drum, Mandy?!“ Ich kenne Mandy von meiner Urlaubsvertretung. „Mandy gibt’s nicht mehr. Gekündigt. Nach New York gezogen. Deshalb bin ich auch mit der Buchhaltung in Verzug.“ Hartmut zeigt auf drei gelbe Ordner. „Manuskripte, Beitragsprotokolle, Rechnungen, Quittungen. Dazu komme ich nicht mehr. Ist aber nur das letzte Quartal und Januar.“

Keine Assistentin? Mit der Buchhaltung in Verzug? Die Oscars in vier Wochen! Meine Herzpumpe hat einen Gang zugelegt. „Hat sich wenigstens die Umzugsfirma bei dir gemeldet?“ „Ja, hat sie. Ein Wetterproblem oder irgendwas. Jedenfalls ist dein Container noch nicht in Los Angeles.“ Hartmut geht in Seelenruhe Richtung Terrasse.

„Wie bitte?“ „Kein Grund zur Panik. Dauert höchstens ein paar Wochen. Schreibtisch und Büromöbel werden heute Nachmittag von mir zu dir gebracht.“

„Und Geschirr? Meine Klamotten? Mein Bett!“ Ich folge ihm nach draußen. „Ich kann dir meine Luftmatratze geben. Den Rest hast du ganz schnell gekauft.“

„Ich hab aber keine Zeit zum Shoppen! Ich muss mich um die Oscars kümmern! Du musst mir helfen! Ich kann unmöglich nicht von den Oscars berichten!“

„Natürlich berichtest du von den Oscars! Du schneidest alles im Studio mit. Vom Fernseher.“ „Und was ist mit dem roten Teppich?“ „Roter Teppich, Wolfgang-Puck-Gala-Menü, Diamanten, Designer, Promis – das ist doch jedes Jahr dasselbe, glaub’ mir!“

Ich beginne zu verstehen, warum Korrespondenten spätestens nach fünf Jahren den Standort wechseln müssen. Während Hartmut auf der Terrasse an seinem Handy einen Segeltrip organisiert, rufe ich die Oscar-Akademie an.

Ein paar Stunden später sieht alles schon besser aus. Zur Oscar-Verleihung werde ich nicht mehr zugelassen, aber ich bin im Presseverteiler der Academy und kann von den Vorbereitungen berichten. Außerdem habe ich eine Akkreditierung für die Vergabe der SAG-Awards bekommen. Das sind sowas wie die Oscars der US-Schauspielergewerkschaft. Und immerhin habe ich jetzt eine Nummer, über die ich am Computer verfolgen kann, wo sich meine Möbel bewegen. Hartmuts Büroausstattung, die ich übernehmen werde, wurden von ein paar kräftigen Kerlen geliefert, und ein Techniker baut die Bibliothek des Professors zum sendetauglichen Hörfunkstudio um.

Ein paar Tage später ziehe ich um. Der Container schippert noch immer an der Küste entlang. Ich schlafe auf der Luftmatratze mit Daunenschlafsack als Decke. Nachts wird es richtig kalt. Die Heizung pustet heiße Luft aus vollem Rohr in alle Zimmer. Die zieht durch Fenster- und Türritzen direkt wieder nach draußen.

Aber wen stört das schon, wenn jeden Morgen die Sonne scheint, Kolibris beim Frühstück vor Hibiskusblüten schweben und es zum Abendessen unter der Schlafsackdecke Mammut-Tacos, fettig-süßes Zuckergebäck und über hundert Reality-Shows gibt?

Zu meinen Neuerwerbungen gehört auch ein Satz Abendkleidung für offizielle Veranstaltungen. Der schwarze Schlaghosenanzug mit weißer Seidenbluse wird bei den SAG-Awards seine Premiere haben. Es hat zum ersten Mal geregnet, seit ich in Kalifornien bin. Die Frühstücksmoderatoren stehen in Anoraks neben Pfützen und warnen vor Erdrutschgefahr und Sturmböen. Die sollten mal einen echten deutschen Wolkenbruch erleben!

Inzwischen sind die Wolken weg, aber es ist überraschend kalt geworden. Ich sehne mich in der SAG-Medienschlange nach meiner Jacke mit Plüschkragen. Eine junge Frau mit Porzellanhaut und Schneewittchenhaar reicht mir Namensschild und Pressemappe. Wenn ich nicht selbst so schlottern würde, würde ich ihr meine Anzugsjacke geben. Schneewittchen trägt ein elfenbeinfarbenes Nichts mit Spaghettiträgern!

„Du bist mit den anderen internationalen Radiojournalisten in Spot R.“ Mit perfekt manikürtem Zeigefinger zeigt sie auf ein Papier mit bunten Feldern. „Hier! Direkt am Eingang!“ Äußerlich bleibe ich cool. Innerlich jubiliere ich. Direkt am Eingang! Großartig! Die Promis MÜSSEN an mir vorbei! Alle! Die Medien-Spots sind mit weißem Klebestreifen und Papier neben dem roten Teppich markiert. Spot R sind höchstens zwei Quadratmeter. Darauf drängeln sich mehr als ein Dutzend Kolleginnen und Kollegen.

„Hi! Bisschen eng hier!“, sage ich und zwänge mich zwischen die Meute. Diese ignoriert mich und ich lande immer wieder außerhalb der Markierungen. Die Kamera eines Kollegen aus Spot Q kracht mir an den Kopf. „Verdammt nochmal!“ Ich würde am liebsten mit meinem Mikrofon zurückschlagen.

Da winkt mich ein schwarz gekleideter Mann mit dickem Schnauzbart und Bierbauch zu sich. Neben ihm direkt am roten Teppich ist ein winziges Fleckchen frei. „Ich heiße Nacho. Kurz für Ignacio. Mexikanisches Radio“, stellt er sich vor. Nacho geht mir knapp bis zum Kinn und streckt mir enthusiastisch seine Hand entgegen. „Bist du neu? Ich hab dich noch nie gesehen!“ Ich erzähl ihm kurz meine Geschichte. „Oh, cool, herzlich willkommen! Ich kann dir helfen. Hollywood ist ein Haifischbecken. Viel Bullshit. Deshalb komme ich immer mit meinen hohen Boots.“ Er zeigt auf seine grün-weiß-roten Cowboystiefel. „Die mexikanischen Nationalfarben.“ Nacho ist Mitglied der Hollywood Foreign Press Association. Die vergibt die Golden Globes – eine andere Veranstaltung, für die ich keine Akkreditierung mehr bekommen habe. „Und du bist also aus Deutschland? Beckenbauer! Rummenigge! Was ist deine Mannschaft?“ Für Fußball-Smalltalk hab ich jetzt wirklich keine Zeit. Nacho schaut amüsiert zu, wie ich mein Aufnahmegerät, Mikrofon, Stift und Reporterblock aus der Tasche hole.

„Bei uns bleibt übrigens niemand stehen, den du wirklich brauchen kannst“, sagt er lapidar. „Wie bitte? An uns müssen doch alle vorbei!“ Nacho lacht laut. „VORBEI! Genau! Das ist genau das richtige Wort.“ Er zeigt zum Anfang des roten Teppichs. Etwa 200 Meter von uns entfernt werden dort auf Minibühnen unter Heizlampen Moderatoren in Abendrobe gepudert und gebürstet. „Siehst du das? Das sind Spot A, B und C. Da bleiben die wirklichen Stars stehen. Dort sind ‚Entertainment Tonight‘, ‚Access Hollywood‘ und wie sie alle heißen. Dahinter steht das internationale Fernsehen. Wir hier, internationales Radio, wir kriegen die B-Liste. Höchstens!“

Wie aufs Stichwort posiert eine ältere Dame im Goldkleid mit hochtoupiertem Blondkopf vor uns und lächelt erwartungsvoll. „What do you want to know?“, fragt sie mit aufgespritzten pflaumenblauen Lippen und künstlich hochgezurrten Augenbrauen. Bevor ich „Und wer sind Sie?“ fragen kann, hat die Meute um mich herum ruckzuck Arbeitshaltung angenommen. „Wie fühlen Sie sich auf dem roten Teppich?“ „Wie war die Zusammenarbeit mit dem Team?“ „Wer hat Ihr wunderbares Kleid genäht?“, fragen sie drauf los. Ich halte mein Mikrofon der Unbekannten entgegen. Als sie uns den Rücken zudreht und ich frage „Wer war das nun?“, zucken alle mit den Schultern. „Keine Ahnung!“

„C-Liste“, grinst Nacho. „Sag ich ja!“

Während meine Zehen zu Eisklumpen werden, mache ich in meinem Block eine Liste der Promis, die an uns vorüberziehen. Und dann kommt der Moment, an dem ich sowohl Eisfüße wie sämtliche Schamgefühle vergesse. Richard Gere schlendert über den roten Teppich. Nur eine Armlänge von mir entfernt. Dieses charmante, geheimnisvolle Lächeln! Dieses silbergraue Haar! „Richard! Richard! Richard!“, rufe ich mit der Meute. Er winkt. Ich glaube, er hat mir zugezwinkert.

Kurz bevor meine Eiszehen von den Füßen fallen, werden wir ins Pressezentrum gelassen. Vorbei an Käseplatten und Kaffeekannen renne ich durch die Tür mit dem Pappschild „Media“. Ich MUSS mir einen Platz in der ersten Reihe sichern! Und wieder bekommt mein Hollywoodtraum einen kräftigen Dämpfer. Ich schaue auf zwanzig Reihen weiße Klapptische und Klappstühle in einem fensterlosen Raum. Ganz vorne ist eine Bühne mit Mikrofonständer aufgebaut. Zettel mit Tesafilm zeigen, wo an den Klapptischen welche Journalisten ihren Platz haben. Meiner ist in der zwölften Reihe, etwa vierzig Zentimeter zwischen Frankreich und Griechenland.

„Die Gewinner kommen direkt nach der Dankesrede zu uns. Du hörst am Schreien von den Fotografen nebenan, dass sie kommen“, erklärt mir Nacho. Er sitzt in der zweiten Reihe. Dann geht’s los. Wir verfolgen das Geschehen im Saal über Bildschirme in unserem spartanischen „Medienzentrum“. Ich verstehe Hartmuts Aversion gegen Preisverleihungen ein wenig besser. Andererseits: Im Laufe des Abends schaut mir Daniel Day Lewis in die Augen, während er eine Frage von mir beantwortet. Julianne Moore erzählt nur wenige Meter entfernt von mir von Jugendängsten. Ich bin Clint Eastwood so nah, dass ich seine Falten zählen und sein Aftershave riechen kann.

Nach drei Stunden ist der Spuk vorbei, und um mich herum wird abgebaut, derweil ich live übers Handy von Gewinnern, Verlierern, Überraschungen und der Garderobe der Stars erzähle. Während ich an meinem Laptop noch einen Beitrag zusammenbastle, steckt Nacho mir seine Visitenkarte zu, winkt und verschwindet.

Morgens um drei falle ich auf meine Luftmatratze. Kann ich bitte ein paar Tage Freizeitausgleich haben? Ich brauche eine Assistentin. Jetzt! Der Studioboden ist bedeckt mit Stapeln von Rechnungen, Manuskripten und unbeantworteter Post. Ich muss endlich ein Bankkonto einrichten und eine Social Security Number beantragen, den amerikanischen Führerschein bekommen und ein Auto kaufen. Ich war immer noch nicht im Pazifik schwimmen und habe schon ewig nicht mehr mit Ben telefoniert. Zum Glück gedeihen wenigstens die Orchideen, auch ohne dass ich ihnen Eiswürfel gebe. Ich ziehe meine Daunendecke über die Nase. Es regnet wieder. Zum ungewohnten Klang von dicken Tropfen auf Dach und Terrasse falle ich in tiefen Schlaf.

Noch vor der Morgendämmerung klingelt das Telefon. „Wir brauchen dringend was zum Wetter für die Abendsendung“, blafft mich ein Redakteur an. „Ich war bis vor drei Stunden mit den SAG-Awards beschäftigt“, blöke ich zurück und schalte den Fernseher ein. Ich sehe Regengüsse, Erdrutsche, umgefallene Bäume und Strommasten. „Diese Awards interessieren hier grade niemanden mehr“, antwortet der Kollege. „Wir brauchen was zum Wetter. Die Sendung beginnt in zwei Stunden.“

„Ich bin nicht eure Sklavin!“, will ich sagen, verspreche stattdessen aber ein kurzes Stück und hänge auf. Wenig später rufen noch zwei Redaktionen an. Die erste will ein Stück zu Auswirkungen des Klimawandels auf Küstenstädte. „Analytisch mit einem Experten.“ Die andere braucht eine Geschichte „mit vielen Tönen“ zu einem Teenie-Star, der in ein Drogenkoma gefallen ist. Wieder keine Zeit für einen Strandspaziergang.

Und auch keine Zeit, mich vor den Oscars um meine Buchhaltung, eine Assistentin oder den Führerschein zu kümmern. Umso mehr genieße ich am Tag vor der Verleihung einen großen Glücksmoment. Ich stehe auf dem „berühmtesten Bürgersteig der Welt“, dem Hollywood Walk of Fame. Genauer gesagt, stehe ich auf dem dort ausgerollten roten Oscar-Teppich. Meine Absätze versinken im weichen Plüsch. Streng genommen darf ich hier mit meiner begrenzten Akkreditierung gar nicht stehen. Aber ich habe das über meiner Brust baumelnde Namensschild umgedreht und bin selbstbewusst lächelnd, Blick geradeaus, Handy am Ohr, an den Sicherheitskräften vorbeigegangen. Über denselben Teppich werden morgen Nicole Kidman und Renée Zellweger schreiten, Julianne Moore und Charlize Theron, Johnny Depp, Keanu Reeves, Tom Cruise und Richard Gere! Schnell ein Selfie und verziehen, bevor jemand nach meiner Akkreditierung fragt. Nächstes Jahr mache ich das dann nochmal ganz offiziell. Dann bin ich bei der Verleihung garantiert vor Ort direkt dabei.

Dieses Jahr mache ich es mir stattdessen am Oscar-Abend in Jogginghose und Sweatshirt vor dem Studiofernseher bequem. Genau so, wie Hartmut empfohlen hat. Als Richard Gere ins Bild kommt, öffne ich einen Piccolo und proste ihm zu. Dazu esse ich Mini-Schoko-Oscars, die es heute beim Bäcker gab.

Der Eingangsmonolog ist unterhaltsam, dann kommt Werbung, und fünf Minuten später ist schon die erste Gewinnerin gekürt. Ab jetzt gibt’s nur noch Wasser. Ich schwitze zwischen Mitschneiden, Mitschreiben und der Erkenntnis, dass die Zeremonie mehr als eine halbe Stunde länger dauert als geplant! Ich habe kaum Zeit, zwischen der letzten Preisvergabe und meinem ersten Live-Gespräch mit Deutschland die versprochenen Geschichten zu produzieren.

Dann rede ich quasi ununterbrochen. Die ARD hat mehr als sechzig Radioprogramme. Ich plaudere mit einem Jugendsender über After-Show-Partys und analysiere fünf Minuten später im Deutschlandfunk den Mangel an afro-amerikanischen Filmemachern. Als ich mich zum letzten Mal verabschiede, stehen mir die Haare zu Berge, und mir ist schlecht von Schokolade und Chips, die ich tütenweise inhaliert habe, ohne es zu merken. Ich bin hundemüde. Die Luftmatratze müsste mal wieder aufgepumpt werden. Ein richtiges Bett wäre jetzt schön. Und wenn Ben doch endlich da wäre.

Der hat noch immer ein paar „loose ends“ zu bewältigen, wie er mir am nächsten Abend gesteht. „Loose ends?“ „Also, eigentlich ist alles fertig, aber ein paar Sachen müssen noch erledigt werden.“ „Ach, wie beim Stricken, wenn die Fäden noch verwahrt werden müssen.“ „Genau so. Nehme ich an. Kenne mich nicht so gut aus beim Stricken. Aber glaub’ mir: Ich stricke, so schnell ich kann!“ „Na gut. Ich hab’ hier auch loose ends, bei denen ich deine Hilfe brauchen könnte.“

Um sie kümmere ich mich später. Heute ist eine Auszeit angesagt. Ich fahre gen Norden, etwa vierzig Minuten, nach Zuma Beach. Der ewig lange Strand mit türkisblauen Wellen, Imbissbuden und malerischem Kliff ist eine beliebte Kulisse für Werbespots und Filmromanzen. Ich setze mich mit einem Cheeseburger in den Sand. Fett trieft mir über die Hände. Vor mir glitzert unter Schönwetterwolken der Pazifik bis zum Horizont. Ich atme tief durch. Den ersten richtigen Korrespondententest habe ich überstanden!

Ich hole Notizbuch und Stift aus meinem Rucksack. To-do-and-to-see-Liste schreibe ich auf die leere Seite:

Assistentin!!!!!!

Yosemite Park, Joshua-Tree, Big Sur und Death Valley

San Francisco, San Diego, Palm Springs, Silicon Valley

Hippies, Immigranten, Erfinder, Indianer, Soldaten, Bauern

Social Security, Konto

Strandspaziergang, im Meer schwimmen, Wale

Führerschein, Auto

BEN!!!!!!!!!!!!!!

März

„AN DER NÄCHSTEN KREUZUNG LINKS ABBIEGEN!“, sagt der Fahrprüfer auf dem Beifahrersitz. Schweiß fließt zwischen meinen Schulterblättern Richtung Hosenbund. Meine Hände umklammern das Steuer des Mietwagens. Fahrprüfung in den USA? Nichts leichter als das, dachte ich, in einer halben Stunde habe ich meinen Führerschein in der Hand. Der fungiert in den USA auch als Ausweis, und ich habe keine Lust mehr, meinen Reisepass immer dabei zu haben. Außerdem brauche ich einen kalifornischen Führerschein, wenn ich ein Auto kaufen möchte. Ich will meinen Mietwagen endlich gegen ein eigenes Cabrio tauschen.

Fahrstunden muss ich keine vorweisen. Die schriftliche Prüfung habe ich schon bestanden. Ich habe mich daran gewöhnt, auf Freeways auch rechts überholt zu werden, wechsle nie die Spur, wenn ich eine doppelte gelbe Linie sehe, parke selbst in größter Eile NIEMALS vor einem Hydranten und gewöhne mir die „Rechts-vor-Links“-Regel ab. In Kalifornien hat an Kreuzungen mit vier Stoppschildern das Auto Vorfahrt, das zuerst ankommt. Das kann dazu führen, dass sich Autofahrer endlos Zeichen geben: „Du zuerst!“ – „Nein, du!“ – „Nein! Du warst vor mir hier.“ Ich trete in diesen Fällen aufs Gas, winke dankbar lächelnd in alle Richtungen und wundere mich, dass es nie kracht.

In der Fahrprüfung mache ich so etwas natürlich nicht. „Defensive Fahrweise!“, erinnere ich mich an meinen deutschen Fahrlehrer, während die Ampel vor mir von Rot auf Grün und wieder zurück auf Rot schaltet. Mein Fuß bleibt eisern auf der Bremse.

„ERST IN DIE KREUZUNG EINFAHREN, WENN DAS LINKS-ABBIEGEN BEI GRÜN GESICHERT IST! AUF KEINEN FALL EINE KREUZUNG BLOCKIEREN!“ In roten Großbuchstaben steht das im Führerschein-Lehrheft der kalifornischen Verkehrsbehörde. Das „Links-Abbiegen bei Grün“ ist an dieser Mist-Kreuzung anscheinend leider nie gesichert. Der entgegenkommende Verkehr rollt und rollt, ohne dass eine Lücke zu sehen wäre, in die ich mich einfädeln könnte. Die Ampel schaltet wieder auf Grün. Der Gegenverkehr rollt wieder auf mich zu. Jetzt hupt jemand! Noch ein Hupen! „Fahr endlich!“, bellt der Lehrer plötzlich. Ich bewege das Auto erschreckt ein paar Meter nach vorne. Die Ampel wird rot. Ich biege ab. „Rechts ranfahren!“ Mit feuchten Handflächen steure ich das Auto in einen Parkplatz. Der Prüfer schreibt und gibt mir das Papier. Durchgefallen!

„Normaler Menschenverstand!“, zischt er durch seine dünnen Lippen. „Du willst doch nicht den ganzen Tag an einer Kreuzung stehen bleiben!“ „Aber das Links-Abbiegen …“ „Die Leute hinter dir wollen ganz sicher nicht ewig warten! Du hättest gleich beim ersten Mal fahren müssen! Zurück zum Amt bitte.“