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DAS WUNDER
DES
BEWUSSTEN ATMENS

Theseus Verlag

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ATME! DU BIST LEBENDIG!

Atme, und du weißt: Du bist lebendig.

Atme, und du weißt, dass alles dir zu Hilfe eilt.

Atme, und du weißt: Du bist die Welt.

Atme, und du erkennst, dass auch die Blume atmet.

Atmest du für dich, so atmest du für die Welt.

Atme Mitgefühl ein und Freude aus.

Atme, und sei eins mit der Atemluft.

Atme, und sei eins mit dem dahinströmenden Fluss.

Atme, und sei eins mit der Erde, auf der du wandelst.

Atme, und es schwindet jeder Gedanke an Geburt und Tod.

Atme, und du erkennst, dass Unbeständigkeit das Leben ist.

Atme, damit deine Freude stetig ist und ruhig.

Atme, damit deine Sorgen verfliegen.

Atme, damit sich jede Zelle im Blut erneuert.

Atme, damit sich dein Bewusstsein bis in seine tiefsten Schichten erneuert.

Atme und verweile im Hier und Jetzt.

Atme, und was du berührst, wird neu und wirklich.

Annabel Laity

INHALT

Die sechzehn Übungen des bewussten Atmens

Das Sutra des Bewussten Atmens

Das achtsame, bewusste Atmen –
ein Weg zum Erwachen

Einführung in das Sutra des Bewussten Atmens

Das Wunder des bewussten Atmens –
die sechzehn Übungen

Geleitete Meditationen

Eine kurze Übersicht über die Geschichte des Sutra

Einige weiterführende Aspekte der Übung

Anmerkungen

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DIE SECHZEHN ÜBUNGEN
DES BEWUSSTEN ATMENS

1. Bei langem Einatmen weiß ich: »Ich atme lang ein.« Bei langem Ausatmen weiß ich: »Ich atme lang aus.«

2. Bei kurzem Einatmen weiß ich: »Ich atme kurz ein.« Bei kurzem Ausatmen weiß ich: »Ich atme kurz aus.«

3. Ich atme ein und nehme meinen ganzen Körper bewusst wahr. Ich atme aus und nehme meinen ganzen Körper bewusst wahr.

4. Ich atme ein und lasse meinen Körper ruhig und friedvoll werden. Ich atme aus und lasse meinen Körper ruhig und friedvoll werden.

5. Ich atme ein und empfinde ein Gefühl der Freude. Ich atme aus und empfinde ein Gefühl der Freude.

6. Ich atme ein und empfinde ein Gefühl des Glücks. Ich atme aus und empfinde ein Gefühl des Glücks.

7. Ich atme ein und nehme die Aktivitäten des Geis­tes in mir bewusst wahr. Ich atme aus und nehme die Aktivitäten des Geistes in mir bewusst wahr.

8. Ich atme ein und lasse die Aktivitäten meines Geistes ruhig und friedvoll werden. Ich atme aus und lasse die Aktivitäten meines Geistes ruhig und friedvoll werden.

9. Ich atme ein und nehme meinen Geist bewusst wahr. Ich atme aus und nehme meinen Geist be­wusst wahr.

10. Ich atme ein und lasse meinen Geist glücklich und leicht werden. Ich atme aus und lasse meinen Geist glücklich und leicht werden.

11. Ich atme ein und sammle meinen Geist. Ich atme aus und sammle meinen Geist.

12. Ich atme ein und befreie meinen Geist. Ich atme aus und befreie meinen Geist.

13. Ich atme ein und beobachte die unbeständige Natur aller Phänomene. Ich atme aus und beob­achte die unbeständige Natur aller Phänomene.

14. Ich atme ein und beobachte das Erlöschen der Be­gierde. Ich atme aus und beobachte das Erlöschen der Begierde.

15. Ich atme ein und betrachte die vollkommene Be­freiung. Ich atme aus und betrachte die vollkom­mene Befreiung.

16. Ich atme ein und betrachte das Loslassen. Ich atme aus und betrachte das Loslassen.

DAS SUTRA
DES BEWUSSTEN ATMENS

1. ABSCHNITT

So habe ich gehört.

Zu jener Zeit weilte der Buddha in Savatthi1 im Öst­lichen Park, gemeinsam mit vielen wohl bekannten und vielseitig gebildeten Schülern. Unter ihnen waren Sariputta, Maha-Moggallana, Maha-Kassapa, Maha-Kaccayana, Maha-Kotthita, Maha-Kappina, Maha-Cunda, Anuruddha, Revata und Ananda.

Die älteren Mönche in der Gemeinschaft unter­wiesen mit Eifer und Hingabe diejenigen Bhikkhus2, die noch nicht mit der Übung vertraut waren. Einige unterwiesen zehn Schüler, andere zwanzig, einige dreißig und andere vierzig; auf diese Weise machten die Bhikkhus, denen die Übung noch nicht so geläu­fig war, allmählich große Fortschritte.

In dieser Nacht war Vollmond, und die Gemein­schaft hielt die Pavarana-Zeremonie3 ab, um das En­de des Regenzeit- Retreats anzuzeigen. Der Buddha, der Erhabene, Vollerwachte, hatte unter freiem Him­mel Platz genommen. Seine Schüler, die Bhikkhus, versammelten sich um ihn. Er blickte auf die Ver­sammlung der Mönche und begann zu sprechen: Ehrwürdige Bhikkhus, ich bin erfreut, die Ergebnisse zu sehen, die ihr in eurer Übung bereits erzielt habt. Und ich weiß, dass ihr noch größere Fortschritte machen könnt. Was ihr bisher nicht erreicht habt, könnt ihr noch erreichen. Was ihr bisher nicht verwirklicht habt, könnt ihr noch verwirklichen. (Um eure Bemühungen zu unterstützen), werde ich hier bleiben bis zum nächsten Vollmondtag4.

Als sie hörten, dass der Buddha noch einen Monat in Savatthi bleiben würde, machten sich Bhikkhus aus dem ganzen Land auf den Weg, um ihn zu hören und bei ihm zu lernen. Die älteren, fortgeschrittenen Bhikkhus fuhren fort, mit noch größerer Hingabe jene Mönche, die mit der Übung noch nicht vertraut waren, zu unterrichten. Dank dieser Hilfe gelang es den neuen Bhikkhus, allmählich in ihrem Verstehen voranzuschreiten.

Als nun der nächste Vollmondtag gekommen war, nahm der Buddha unter freiem Himmel Platz, blick­te auf die Versammlung der Mönche und sprach:

Bhikkhus, unsere Gemeinschaft ist rein und gut. In ihrem Innersten ist sie ohne nutzloses und überhebliches Gerede, und so verdient sie, Spenden und Gaben zu empfangen und als Feld der Verdienste5 betrachtet zu werden. Eine derartige Gemeinschaft gibt es selten, und jeder Pilger, der sie aufsucht, wie weit auch immer er zu reisen hat, wird ihre Achtbarkeit erkennen. Bhikkhus, in dieser Versammlung gibt es Bhikkhus, die bereits die Frucht der Arahatschaft6 verwirklicht haben, die jegliche Wurzeln des Leidens7 vernichtet, jegliche Last abgelegt und Vollkommenes Verstehen und Befreiung erlangt haben. Da gibt es auch Bhikkhus, die bereits die ersten fünf inneren Fesseln8 durchtrennt und die Frucht der Niemals-Wiederkehr9 in den Kreislauf von Leben und Tod verwirklicht haben.

Da gibt es Bhikkhus, welche die ersten drei inneren Fesseln gelöst und die Frucht der Einmal-Wiederkehr errichtet haben. Sie haben die Wurzeln von Gier, Hass und Unwissenheit abgeschnitten und müssen nur noch einmal in den Kreislauf von Leben und Tod zurückkehren.10 Es gibt Bhikkus, welche die drei ersten Fesseln gelöst und die Frucht des Stromeintritts11 erlangt haben; sie steuern sicher dem Vollkommenen Erwachen zu. Da sind diejenigen, welche die Vier Grundlagen der Achtsamkeit12 üben. Da sind Bhikkhus, welche die Vier Rechten Bemühungen13 üben und andere, die die Vier Grundlagen14 des Erfolgs üben. Wir kennen Bikkhus, welche die Fünf Fähigkeiten15 üben und solche, die die Fünf Kräfte16 üben. Andere wieder üben die Sieben Faktoren des Erwachens17; manche üben den Edlen Achtfachen Pfad18. Es gibt Bikkhus, welche sich in der Entfaltung der Liebenden Güte üben, solche, die sich in der Entfaltung des Mitgefühls üben, andere üben sich in der Entfaltung der Freude, wieder andere in der Entfaltung des Gleichmuts19. Es gibt die Mönche, welche die Neun Betrachtungen20 üben, und andere, die die Beobachtung der Unbeständigkeit üben. Auch gibt es bereits Bhikkhus, die sich darin üben, die Achtsamkeit auf den Atem zu richten.

2. ABSCHNITT

Bhihkhus, die Methode, den Atem vollkommen bewusst wahrzunehmen, wird, wenn sie beständig entfaltet und geübt wird, reiche Früchte tragen und großen Nutzen bringen. Sie wird zum Erfolg in der Übung der Vier Grundlagen der Achtsamkeit führen. Wird die Methode der Vier Grundlagen der Achtsamkeit beständig entfaltet und geübt, so führt sie zum Erfolg in der Übung der Sieben Faktoren des Erwachens. Die Sieben Faktoren des Erwachens rufen, wenn sie beständig entwickelt und geübt werden, Verstehen und Befreiung des Geistes hervor.

Wie aber kann die Methode, den Atem vollkommen bewusst wahrzunehmen, beständig entwickelt und ge-übt werden, so dass die Übung reiche Früchte trägt und großen Gewinn bringt?

Das geschieht folgendermaßen, ihr Bhikkhus:

Da begibt sich der oder die Übende in den Wald, zum Fuße eines Baumes oder an einen anderen einsamen Ort, setzt sich mit gekreuzten Beinen in einer stabilen Haltung nieder, hält den Körper gerade aufgerichtet und übt folgendermaßen: Wenn ich einatme, weiß ich, dass ich einatme; und wenn ich ausatme, weiß ich, dass ich ausatme.

1. Bei langem Einatmen weiß ich: »Ich atme lang ein.« Bei langem Ausatmen weiß ich: »Ich atme lang aus.«

2. Bei kurzem Einatmen weiß ich: »Ich atme kurz ein.« Bei kurzem Ausatmen weiß ich: »Ich atme kurz aus.«

3. »Ich atme ein und nehme meinen ganzen Körper bewusst wahr. Ich atme aus und nehme meinen ganzen Körper bewusst wahr.« So ist die Übung.

4. »Ich atme ein und lasse meinen Körper ruhig und friedvoll werden. Ich atme aus und lasse meinen Körper ruhig und friedvoll werden.« So ist die Übung.

5. »Ich atme ein und empfinde ein Gefühl der Freude21. Ich atme aus und empfinde ein Gefühl der Freude.« So ist die Übung.

6. »Ich atme ein und empfinde ein Gefühl des Glücks. Ich atme aus und empfinde ein Gefühl des Glücks.« So ist die Übung.

7. »Ich atme ein und nehme die Aktivitäten des Geistes in mir bewusst wahr. Ich atme aus und nehme die Aktivitäten des Geistes in mir bewusst wahr.« So ist die Übung.

8. »Ich atme ein und lasse die Aktivitäten meines Geistes ruhig und friedvoll werden. Ich atme aus und lasse die Aktivitäten meines Geistes ruhig und friedvoll werden.« So ist die Übung.

9. »Ich atme ein und nehme meinen Geist bewusst wahr. Ich atme aus und nehme meinen Geist bewusst wahr.« So ist die Übung.

10. »Ich atme ein und lasse meinen Geist glücklich und leicht werden. Ich atme aus und lasse meinen Geist glücklich und leicht werden.« So ist die Übung.

11. »Ich atme ein und sammle meinen Geist. Ich atme aus und sammle meinen Geist.« So ist die Übung. 12. »Ich atme ein und befreie meinen Geist. Ich atme aus und befreie meinen Geist.« So ist die Übung.

13. »Ich atme ein und beobachte die unbeständige Natur aller Phänomene22. Ich atme aus und beobachte die unbeständige Natur aller Phänomene.« So ist die Übung.

14. »Ich atme ein und beobachte das Erlöschen der Begierde23. Ich atme aus und beobachte das Erlöschen der Begierde.« So ist die Übung.

15. »Ich atme ein und betrachte die vollkommene Befreiung24. Ich atme aus und betrachte die vollkommene Befreiung.« So ist die Übung.

16. »Ich atme ein und betrachte das Loslassen25. Ich atme aus und betrachte das Loslassen.« So ist die Übung.

Wird die Methode des achtsamen Atmens in Übereinstimmung mit diesen Anweisungen beständig entwickelt und geübt, so trägt sie reiche Früchte und ist von großem Gewinn.

3. ABSCHNITT

In welcher Weise nun entfaltet und übt man beständig die auf den Atem gerichtete Bewusstheit, um mit Erfolg die Vier Grundlagen der Achtsamkeit zu üben?

Wenn der Übende lang oder kurz ein- oder ausatmet und dabei seinen Atem oder den ganzen Körper bewusst wahrnimmt oder wenn er wahrnimmt, dass sein Körper dadurch ruhig und friedvoll wird, so verweilt er friedvoll bei der Beobachtung des Körpers im Körper, ist beharrlich und vollkommen wach, versteht klar seinen Zustand und ist über jedes Verlangen wie auch jedes Gefühl der Abneigung dem Leben gegenüber hinausgelangt. Diese Übungen des Atmens in voller Achtsamkeit gehören zur ersten Grundlage der Achtsamkeit: zum Körper.

Wenn der Übende ein- oder ausatmet und dabei ein Gefühl der Freude oder des Glücks empfindet oder die Aktivitäten des Geistes bewusst wahrnimmt oder die Aktivitäten des Geistes dabei ruhig und friedvoll werden lässt, so verweilt er friedvoll bei der Beobachtung der Gefühle in den Gefühlen, ist beharrlich und vollkommen wach, versteht klar seinen Zustand und ist über jedes Verlangen wie auch jedes Gefühl der Abneigung dem Leben gegenüber hinausgelangt. Diese Übungen des Atmens in voller Achtsamkeit gehören zur zweiten Grundlage der Achtsamkeit: zu den Gefühlen.

Wenn der Übende ein- oder ausatmet und dabei seinen Geist bewusst wahrnimmt, wenn er ihn durch den Atem glücklich und leicht werden lässt oder zu sammeln trachtet oder zu befreien sucht, so verweilt er friedvoll bei der Beobachtung des Geistes im Geist, ist beharrlich und vollkommen wach, versteht klar seinen Zustand und ist über jedes Verlangen wie auch jedes Gefühl der Abneigung dem Leben gegenüber hinausgelangt. Diese Übungen des Atmens in voller Achtsamkeit gehören zur dritten Grundlage der Achtsamkeit: zum Geist. Ohne die volle Bewusstheit des Atmens können meditative Stabilität und Verstehen nicht wachsen.

Wenn der Übende ein- oder ausatmet und dabei die grundlegende Unbeständigkeit aller Phänomene (Dharmas) oder das Erlöschen der Begierde oder die Befreiung oder das Loslassen betrachtet, so verweilt er friedvoll bei der Beobachtung der Geistesobjekte in den Geistesobjekten, ist beharrlich und vollkommen wach, versteht klar seinen Zustand und ist über jedes Verlangen wie auch jedes Gefühl der Abneigung dem Leben gegenüber hinausgelangt. Diese Übungen des Atmens in voller Achtsamkeit gehören zur vierten Grundlage der Achtsamkeit: zu den Geistesobjekten.

Wird die Übung, den Atem vollkommen bewusst wahrzunehmen, beständig entfaltet und geübt, so führt sie zur vollkommenen Verwirklichung in den Vier Grundlagen der Achtsamkeit.

4. ABSCHNITT

Überdies können die Vier Grundlagen der Achtsamkeit, werden sie beständig entfaltet und geübt, zu vollkommenem Verweilen in den Sieben Faktoren des Erwachens führen. Wie ist dies möglich?

Wenn der Übende in der Lage ist, ohne Ablenkung bei der Übung zu bleiben, den Körper im Körper zu beobachten, die Gefühle in den Gefühlen, den Geist im Geist, die Geistesobjekte in den Geistesobjekten, wenn er also beharrlich und völlig wach ist, klar seinen Zustand versteht und über jedes Verlangen wie auch jedes Gefühl der Abneigung dem Leben gegenüber hinausgelangt ist, er somit unerschütterlich, standhaft und unbeirrbar im gegenwärtigen Moment weilt, dann hat er den ersten Faktor des Erwachens erreicht, nämlich die Achtsamkeit. Ist dieser Faktor entfaltet, wird er zur Vollkommenheit gelangen.

Wenn der Übende ohne Ablenkung mit seiner Aufmerksamkeit ganz im gegenwärtigen Moment verweilen kann und jedes Dharma, jedes Geistesobjekt, das sich im Bewusstsein erhebt, ergründen kann, dann wird in ihm der Zweite Faktor des Erwachens geboren und entwickelt, der Faktor der Dharma-Ergründung. Wenn dieser Faktor entfaltet ist, wird er zur Vollkommenheit gelangen.

Wenn der Übende ohne Ablenkung jedes Dharma in einer steten, beharrlichen und unerschütterlichen Weise beobachten und ergründen kann, so wird der dritte Faktor des Erwachens in ihm geboren und entwickelt, der Faktor der Tatkraft. Wenn dieser Faktor entfaltet ist, wird er zur Vollkommenheit gelangen.

Wenn der Übende dauerhaft und unerschütterlich im Energiestrom der Übung verweilen kann, so wird der vierte Faktor des Erwachens in ihm geboren und entwickelt, der Faktor der Freude. Wenn dieser Faktor entfaltet ist, wird er zur Vollkommenheit gelangen.