Christine Wollowski

Ein Jahr in Brasilien

Reise in den Alltag

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Impressum

Titel der Originalausgabe: Ein Jahr in Brasilien

Reise in den Alltag

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2016

Alle Rechte vorbehalten

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Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal

Umschlagmotiv: © martinbisof – Fotolia.com

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book): 978-3-451-80934-7

ISBN (Buch): 978-3-451-06861-4

Ich bedanke mich bei Polho, Patrícia
und meiner Schwester Susanne,
ohne die es dieses Buch nicht geben würde.

Inhalt

Prolog

Juni

Juli

August

September

Oktober

November

Dezember

Januar

Februar

März

April

Mai

Prolog

ALLES, WAS ICH JETZT HIER LASSE, liegt morgen weit hinter mir. Genauer gesagt 7000 Kilometer, denn morgen fliege ich nach Brasilien. Nicht für ein paar Urlaubswochen, sondern für ein ganzes Jahr: Wie soll ich da jetzt schon wissen, was ich alles brauchen werde? Auch nach dem dritten Mal Aussortieren schaffe ich es einfach nicht, unter den erlaubten 32 Kilo zu bleiben. Dabei packe ich seit dem frühen Abend, und bald ist es Mitternacht.

Schuld ist im Grunde der Papayabaum im Garten meines Cousins. Vor ein paar Monaten saßen wir in einer Münchner Kneipe beim Caipirinha, als Peter plötzlich anfing, von diesem Papayabaum zu erzählen. Wie prall und duftend daran die Früchte sozusagen direkt auf seinen Frühstückstisch wüchsen. Peter hat ein Ferienhaus auf einer brasilianischen Insel.

Plötzlich war alles wieder da. Der Duft der Früchte. Die Schreie der Bem-te-vi-Vögel. Das Türkisblau des Meeres. Der weiche Singsang der Sprache. Nach dem Studium bin ich ein paar Monate durch Brasilien gereist. Bin an endlosen Stränden entlanggewandert und mit Fischern aufs Meer gefahren. Habe in einer Holzhütte am Amazonas meinen ersten Tropenregen erlebt und meinen ersten Piranha geangelt. Ich habe mich so zuhause gefühlt, als hätte ich schon ein ganzes Leben in diesem Land verbracht. Dann war irgendwann das Geld alle, ich fuhr zurück, fing an zu arbeiten, die Erlebnisse verblassten. Bis zu diesem Moment, als Peter so ausgiebig von seiner Papaya schwärmte. Andere hätten sich vielleicht am nächsten Tag auf dem Viktualienmarkt eine Papaya gekauft. Ich habe ein Ticket nach Brasilien gebucht.

Ich hatte endlich den Grund gefunden, nach dem ich seit Jahren suchte. Ein wirklich gutes Argument, um auszusteigen. Nicht aus der Zivilisation an sich, nur aus einer extrem bequemen und ein wenig langweiligen Berufssituation. Ich hatte einen gut bezahlten Vertrag voller Freiheiten und machte jeden Monat mehr oder weniger das Gleiche. Innerlich vertrocknete ich. Ich wollte endlich Neues lernen, erleben, erobern. Gleichzeitig hatte ich Angst vor dem Unbekannten und dem Verlust der Sicherheit. Es ging mir nicht darum, einen anderen, besseren Job zu finden, ich wollte ein anderes Leben. Das würde ich in Brasilien mit Sicherheit finden.

Eigentlich glaube ich, dass ich in Brasilien auf gewisse Weise nach Hause komme. Immerhin bin ich in das Land verliebt, seit ich zwölf bin. Auch daran ist übrigens mein Cousin beteiligt. Damals waren Reisen nach Brasilien noch sehr exotisch und Peters erste ein ziemliches Abenteuer. Er kam mit einem Stapel LPs und Fotos im Gepäck zurück. Die Wälder und Strände auf den Bildern waren sämtlich ein paar Nummern größer als alles, was ich bis dahin gesehen hatte. Spätestens als ich die Sambaplatten hörte, war für mich klar: Das Land musste ich kennenlernen! Zum ersten Mal hingefahren bin ich dann mehr als ein Jahrzehnt später.

Seitdem sind schon wieder zehn Jahre vergangen, und jetzt will ich Brasiliens Alltag entdecken. Vom Leben im Ausland habe ich schon als Schülerin geträumt. Habe mich in der zehnten Klasse für einen Austausch nach Kanada beworben, aber keinen Platz bekommen. Nach dem Abi bekam ich dann zu schnell einen Platz – an der Uni.

Der Abschied ist nicht schwer, schließlich fahre ich nicht für immer. Ein Jahr ist kurz genug, dass ich mich anschließend in München wieder zurechtfinden kann, und gleichzeitig zu lang, um den bequemen Job zu behalten. Wenn die verflixten 32 Kilo nicht wären, könnte ich jetzt schon die Leichtigkeit der neuen Freiheit spüren. Kurz entschlossen packe ich alle warmen Pullover aus und verzichte darauf, noch einmal zu wiegen. Immerhin ist Brasilien das Land des Jeitinho, in dem es immer mindestens eine Lösung neben der offiziellen gibt. Warum sollte das fürs Übergepäck nicht auch gelten?

Juni

DER LEBENSRHYTHMUS IST ANDERS hier auf dem Dorf in den Tropen. Mitten in der Nacht beginnen die Hähne der Nachbarschaft ihr Morgenkonzert. Kurz darauf fangen die Nachbarinnen an, ihre Stimmen zu erheben. Daran gewöhne ich mich schnell, drehe mich genüsslich noch einmal um und ziehe mir das Laken, das mir als Decke dient, über den Kopf. Am Abend ist die Sache nicht ganz so einfach. Kaum bemerke ich, dass es dämmert, bricht ohne Umweg über einen romantischen Sonnenuntergang auch schon schwarze Nacht aus. Um sechs Uhr abends. Da kann ich doch noch nicht schlafen gehen!

Meine Nachbarn sehen TV. Nicht erst ab acht Uhr, wie in Deutschland üblich. Tägliche Soaps gibt es mindestens vier, und die erste fängt schon am frühen Nachmittag an. Ich habe keinen Fernseher und will eigentlich auch keinen. Aber alle langen Abende allein zuhause verbringen, ist mir auch etwas einsam. Heute hat mich Vera eingeladen, mit ihr die Acht-Uhr-Serie zu gucken, die soll ganz besonders toll sein. Vera ist vielleicht Ende zwanzig, hat zwei Söhne um die zehn, einen Ehemann, der ständig unterwegs ist, und ein so freundliches Lächeln, dass sie mir auf Anhieb sympathisch war, als ich angekommen bin. Ein Fernsehabend bei Vera ist vielleicht nicht das Schlechteste. Immerhin gehören die Novelas zu Brasiliens Alltagskultur, und außerdem lerne ich meine Nachbarin so ein bisschen besser kennen als bei unseren Kurzgesprächen am Gartenzaun.

Ich kaufe ein paar Cracker für meinen Besuch und klatsche pünktlich um acht vor Veras Terrasse laut in die Hände. Klatschen ersetzt hier die Klingel, die ohnehin niemand besitzt. Wie wohl Veras gute Stube aussieht? Ihr Haus ist nach deutschen Verhältnissen eher ein Rohbau: die Ziegelwände unverputzt, das Dach mit Eternitplatten gedeckt. Tatsächlich besteht auch der Wohnzimmerfußboden aus grobem Estrich. Darauf drängen sich allerdings ein riesiges und ein kleineres Sofa mit neuem Überzug sowie mehrere Plastikstühle vor dem Herzen des Hauses: einem neuen 32-Zoll-Flachbild-TV. Die Polstermöbel sehen ein bisschen so aus, als wären sie für Besuch reserviert. Vera hat mich wie einen Ehrengast in der Mitte des großen Sofas platziert, hockt selbst aber nur ganz am Rand. Liebevoll bemüht, es mir gemütlich zu machen, springt sie alle paar Minuten auf. Um mir noch einen Kaffee einzugießen. Um mir ein Glas Wasser zu holen. Oder, um das Bild am Fernseher noch besser einzustellen. Vielleicht hat sie es beim Zuckern des Kaffees auch besonders gut mit mir gemeint – das Getränk ist so süß wie ein Bonbon, und ich weiche unauffällig eine Menge Cracker darin ein, um es besser hinunterzubekommen. Gleichzeitig versuche ich, das Geschehen auf dem Bildschirm zu verstehen: Langmähnige Frauen und muskulöse Männer in teurer Kleidung beschimpfen sich in edel eingerichteten Wohnungen, rauschen wütend in schicken Autos davon oder sitzen diskutierend in Restaurants. Für mich sehen die glatten, gepflegten Gesichter alle gleich aus, und wenn endlich halbwegs ein Handlungsstrang erkennbar wird, folgt garantiert eine Werbepause. Ganz schön anstrengend. So ein Epos entwickelt sich über mehrere Monate, in denen sich mindestens ein Dutzend Menschen miteinander verstricken. Vera lacht nachsichtig. „Ist gar nicht schwer“, sagt sie, und erklärt: „Paulo ist der Exmann von Ana, gleichzeitig der Verlobte von Luisa und der leibliche Vater von Doras Adoptivtochter, die wiederum in den Sohn von Ana verliebt ist.“ So in etwa. Ich hoffe, im wirklichen Leben sind die brasilianischen Verhältnisse nicht ganz so kompliziert.

Dafür, dass ich erst zehn Tage auf der Insel bin, habe ich mich schon gut orientiert. Habe gelernt, dass es im Supermarkt von Lucy das frischste Gemüse und eine gut sortierte Kosmetikabteilung gibt. Und dass nur deswegen keine gefrorenen Hühnerteile im Gefrierregal liegen, weil Lucy auf Wunsch à la minute Hühner schlachtet. Das gerupfte Tier bekommt die Kundin dann in einem Frischhaltebeutel, in dem auch die Krallen und der Kopf nicht fehlen. Sogar das Blut ist in einem kleinen Extrabeutel dabei. Wofür das wohl gedacht ist? Ich halte mich bisher lieber an Fisch, den es ebenfalls frisch und hübsch sauber ausgenommen bei Lucy gibt.

Manchmal fühle ich mich schon fast zuhause. Die Wege zum Supermarkt und zum Strand sind mir vertraut, einen Internetanschluss habe ich beantragt, und auf der Straße werde ich erstaunlich oft gegrüßt. Manche der Grüßenden kommen mir sogar bekannt vor. Vera ist nach der Novela noch mehr aufgetaut, erzählt über ihre Kinder und den Ehemann und sagt jedes Mal, wenn ich mich verabschieden möchte: „Aber es ist doch noch früh!“ Als ich um zehn Uhr gehe, weil sie die Kinder ins Bett bringen will, bin ich trotzdem nicht sicher, ob das jetzt der Beginn meiner ersten brasilianischen Freundschaft ist oder nur ein belangloses Plaudern unter Nachbarinnen.

Die Nacht ist lau, der Kaffee war stark, und außerdem ist heute Samstag – ich könnte mal gucken, was am Dorfplatz so los ist. Der Mond leuchtet silbern über den Häusern, und der weiche Boden des ungepflasterten Wegs gibt sanft unter meinen Flipflops nach. Als ich auf die asphaltierte Hauptstraße einbiege, trägt mir der Wind Gitarrenmusik entgegen. Vor der Kneipe Maresias, die ich tagsüber immer nur mit Gittern verrammelt gesehen habe, sitzt jetzt ein schlaksiger Sänger auf einem Barhocker. Er spielt ein Stück, das ich kenne! „Marina morena“ erzählt von der dunkelhäutigen Marina, die sich doch bitte nicht schminken möge, weil sie schon mit dem, was Gott ihr gegeben habe, schön genug sei. Ich setze mich an einen der Plastiktische und merke, dass ich Hunger habe, nach den Crackern mit Kaffee. Der Kellner guckt mich etwas seltsam an und fragt, ob ich mit der Bestellung nicht noch warten wolle. Nein, ich hätte mein Krebsfleisch in Kokossauce gern so schnell wie möglich! Erst als der Mann etwas zögernd den Rückzug antritt, ahne ich, was er gemeint hat: Frauen sind nicht allein unterwegs im Inselnachtleben. An den anderen Tischen jedenfalls sind entweder Paare oder Männerrunden zu sehen.

Mir sind so einige Dinge gar nicht aufgefallen, bei meinen Reisen. Erst als ich nach Brasilien gezogen bin, habe ich gemerkt, dass die Frauen zwar unglaublich knappe Bikinis tragen, aber niemals oben ohne gehen würden. Oder dass ich hier im Nordosten ständig überall die weißeste Person und damit ziemlich auffällig bin. Oder dass es die Cafés, in denen ich in meiner Vorstellung Nachmittage lesend verbringen würde, hier auf der Insel gar nicht gibt. Strandkneipen, die vor allem am Wochenende öffnen und eiskaltes Bier servieren, gibt es. Frische Fruchtsäfte mancherorts. Na, und abends offenbar eine Männergesellschaft. Immerhin starrt mich niemand an.

Ich fühle mich ein wenig unbehaglich und freue mich, als ich den freundlichen Mann aus dem Internetcafé erkenne, der mir von einem anderen Tisch aus zuwinkt. Dazusetzen mag ich mich lieber doch nicht: Die Jungs, mit denen er unterwegs ist, haben unter ihrem Tisch schon eine ganze Batterie geleerter Flaschen liegen. Was konsumiert wird, ist an diesem Haufen abzulesen, der einfach liegen bleibt, bis die Rechnung gezahlt ist. Ich verzichte auf alkoholbeschwingte Gespräche, lausche weiter der Musik und sehe zu, wie der Wind mit den Blättern der uralten Gameleira-Bäume spielt.

Dann klappern Hufe auf dem Asphalt. Zwei Reiter springen aus dem Sattel, binden ihre Pferde an einen Laternenpfahl und setzen sich an einen Tisch. Sie sehen aus wie aus einem Western entstiegen: Einer der beiden trägt ausgetretene Stiefel, Sporen und ein kariertes Hemd, der andere Schnurrbart und einen Schlapphut. Stilecht bestellen sie Cachaça in Wassergläsern und dazu eine kleine Flasche Cola, mit der sie den Zuckerrohrschnaps nur unwesentlich verdünnen. Kurz darauf betritt ein kleiner gedrungener Mann in ausgebeulten Bermudas und Badeschlappen die Szene. Leicht wankend tappt er an den Tisch der Cowboys und scheint sie zu beschimpfen. Die beiden machen beschwichtigende Gesten, aber der Kleine wird immer wütender. Bis der Kleine etwas Glänzendes aus seiner Hosentasche zieht und damit wild herumschwenkt. Mir wird schwummrig im Magen: Das Glänzende ist eine Pistole. Mit seinen großen und schwammigen Gesten bringt mich der Betrunkene alle paar Sekunden in die potentielle Schusslinie.

Natürlich weiß ich, dass in Brasilien Kriminalität existiert. Die Mordrate liegt 37 Mal höher als in Deutschland. Direkt begegnet ist mir die Gewalt bisher nicht.

Am liebsten möchte ich weglaufen. Aber dann müsste ich an dem Betrunkenen vorbei. Höre ich gerade das Blut in meinem Kopf rauschen oder ist das noch das Meer? Nach einer Minute oder ein paar Sekunden tritt entschlossen der Kneipenbesitzer an den Tisch der drei. Wie ein menschlicher Wall stellt er sich zwischen den Revolvermann und die Cowboys. Wenn jetzt ein Schuss losgeht, ist es aus mit ihm. Sérgio redet beruhigend auf den Bewaffneten ein. Er redet und redet. Bis der andere seine Waffe wie in Zeitlupe in seinen Hosenbund schiebt, sich umdreht und unsichere Schritte in die entgegengesetzte Richtung macht. Ich merke, dass ich die ganze Zeit den Atem angehalten hatte. Da dreht der Mann sich um und schimpft wieder los. Mein Atem stockt erneut. „Geh nach Hause“, ruft Sérgio ihm freundlich, aber bestimmt zu. Der Mann zögert, dann setzt er sich in Bewegung, bis er langsam aus meinem Blickfeld verschwindet.

Als sei nichts geschehen, greift der Sänger wieder zur Gitarre und stimmt einen neuen Song an. Die Cowboys bestellen noch einen Schnaps. Die Blätter der Bäume rascheln immer noch im Wind. Alles scheint genau wie vorher und niemand sonderlich beeindruckt. So ein bisschen Wildwestromantik hatte ich mir ja auch vorgestellt, als ich beschlossen habe, mein Brasilienjahr auf einer kleinen Insel im Nordosten des Landes zu beginnen. Itamaracá liegt vierzig Kilometer nördlich der Metropole Recife, hat weiße Sandstrände und türkisblaues Meer, Kokoshaine und Mangrovenwälder. Mein Cousin besitzt auf der Insel ein Ferienhaus, und ich habe schnell ein günstiges kleines Häuschen mit Garten zur Miete gefunden. Nur ein paar Minuten zu Fuß von Dorfplatz, Strand und Geschäften entfernt. Alles überschaubar und leicht kennenzulernen, habe ich gedacht. Ich habe mir vorgestellt, endlos am Strand zu wandern, zu Pferd über die Insel zu streifen, in Cafés zu sitzen und mich bald mit Nachbarn anzufreunden. Mit Waffengewalt habe ich nicht gerechnet.

Am nächsten Tag bleibe ich zuhause. Knüpfe meine Hängematte hinten im Garten an den beiden Kokospalmen auf und schaukele unterm blauen Himmel. In meinem Gartenteich blühen violette Blüten, die Hyazinthen ähneln. Als ich gerade eine pflücken will, um sie auf meinen Tisch im Wohnzimmer zu stellen, beugt sich Vera über den Zaun: „Die sind hübsch, nicht wahr“, sagt sie, „aber Cacau sagt, dass sie nur in verschmutztem Wasser richtig gedeihen.“ Cacau ist Veras Mann, und was er sagt, ist Gesetz. Er ist ein paar Jahre älter als sie, hat mehr Schulbildung, und außerdem ist er ein Mann. Gestern hat Vera mir zum ersten Mal gestanden, dass sie es nicht immer toll findet, was er alles für sie mit entscheidet. Gleichzeitig bedauert sie mich, weil ich sehr einsam sein muss, so ganz ohne Partner.

Manchmal fühle ich mich tatsächlich ein wenig einsam, aber im Vergleich zu Vera auch enorm frei und emanzipiert. Heute zum Beispiel koche ich erst abends und kaufe die Zutaten für meine Pizza ganz luxuriös bei Joselito. Joselito ist der Herrscher über einen schummrigen Laden in der Nähe, und er hat schon oft mein Abendessen gerettet. Offiziell schließt sein Geschäft irgendwann gegen sieben Uhr abends, doch solange Joselito wach ist, holt er aus den Tiefen seines Reichs immer noch hervor, was mir gerade fehlt. So viel Service hat natürlich seinen Preis – aber den kann ich in einem kleinen Notizblock anschreiben lassen. Als ich gerade mit Käse, Mehl und Hefe auf dem Heimweg bin, höre ich aus einer dunklen Gasse eine sehr rhythmische Musik, die mit Samba und Co. rein gar nichts zu tun hat. Hört sich eher nach Polka an. Was mag da los sein?

Vor einem unbewohnten Ferienhaus hat jemand eine Oberleitung angezapft und an einem Draht quer über die Sandgasse eine Reihe Glühbirnen angebracht, die leise im Nachtwind tanzen. Am Wegesrand steht ein kräftiger Mann hinter einer professionell wirkenden Soundanlage und lässt aus mannshohen Boxen leicht verzerrt Musik dröhnen. Dazu tanzen vielleicht zwei Dutzend Kinder und Jugendliche. Die Jungs tragen karierte Hemden und Strohhüte und die Mädchen weite Röcke mit Rüschenvolants, Glitzer-T-Shirts oder weiße Rüschenblusen. Manche stöckeln in viel zu großen Schuhen herum, andere tanzen barfuß im Sand. Manchmal drehen sich die Paare umeinander wie in einem Reigen, dann wieder formiert sich die ganze Gruppe zu einem geometrischen Gesamtbild. Toll sieht das aus und vollkommen unwirklich in der verlassenen Dorfstraße. Erst mein knurrender Magen erinnert mich irgendwann an meine Pizza.

Am nächsten Morgen sehe ich, wie mein Nachbar Dico eine riesige Soundanlage in seinem Garten sortiert. Er war das also, der gestern die Musik gemischt hat! „Kennst du São João nicht?“, fragt er mich ungläubig zurück, als ich ihn frage, was der Tanz gewesen sei. Bei der Johannisfeier „São João“ treten Tanzgruppen, „Quadrilhas“, gegeneinander an, erklärt er. Und gestern hätte eben die Quadrilha unseres Viertels geprobt. Johannisfeier? So etwas habe ich zuletzt als Kind erlebt, als wir bei Verwandten auf dem Bauernhof zu Besuch waren und dort ein Johannisfeuer angezündet wurde. Wie mag das in Brasilien funktionieren? Feuer gehören auch dazu, bestätigt Dico, und Quadrilhas und Samba de Roda und natürlich Forró. Überhaupt sei São João viel besser als jeder Karneval! Das klingt spannend. Doch Dico erzählt nichts mehr, sondern dreht sich zu seinen Hühnern um, streut ihnen ein paar Maiskörner hin und geht in sein Zehn-Quadratmeter-Haus, die Anlage anstellen.

Ich werde mich bei Vera genauer erkundigen. Sie ist so etwas wie meine Lehrerin in brasilianischer Alltagskultur, meine Vertraute und Beinahe-Freundin. Vera hat mich als Erste besucht, als ich eingezogen bin, leiht mir freigiebig Mixer, Blätterharke oder Spaten und hat immer Zeit für mich. Ich nenne sie trotzdem nur Beinahe-Freundin, weil mir ihre Neugier manchmal etwas suspekt ist. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie womöglich den anderen Nachbarn nach ihren Besuchen bei mir haarklein berichtet, was sie gesehen hat. Das muss in ihren Augen ziemlich exotisch sein. Statt riesigem TV-Möbel habe ich ein Bücherregal im Wohnzimmer stehen. Korbstühle statt Plastik. Keine Stereoanlage, kein TV und nicht einmal einen Ventilator.

Dass ich freiwillig auf die hiesigen Statussymbole verzichte, ist sicher schwer zu verstehen, denn für Vera und Cacau sind sie sehr wichtig. Cacau verdient bei der Polizei gerade mal den gesetzlichen Mindestlohn, aber seine beiden Söhne besuchen eine Privatschule, alle vier Familienmitglieder besitzen Smartphones, und die Anlage auf dem Regal ist so gewaltig, dass ich froh bin, sie noch nie in Aktion erlebt zu haben. Sein persönliches Lieblingsobjekt hat Cacau gerade auf den Rasen vor dem Haus gerollt: einen blitzblanken Fiat Uno, den er hingebungsvoll mit Polituren aus zwei verschiedenen Fläschchen noch ein bisschen blanker putzt. Dem Uno gehört mehr als die Hälfte von Cacaus und Veras Terrasse. Da steht er die ganze Woche unter einer Plane verborgen, heute am Sonntag wird er vorsichtig heruntergerollt, sorgfältig gewienert und dann wieder hochgeschoben. Ob er auch manchmal angelassen oder gar ausgefahren wird, weiß ich nicht. „Das Ding zahlen wir noch mindestens zwei Jahre lang ab“, erklärt mir Vera, nachdem Cacau zur Arbeit aufgebrochen ist. „Ich hätte lieber einen richtigen Fußboden.“

Meine Nachbarin auf der anderen Seite heißt Esmeralda und hat keinen Mann, dafür aber einen tollen Fußboden: blendend weiße Kacheln im ganzen Haus. Esmeralda ist die Wohlhabende unserer Straße. Ihr Haus ist am größten, ihre Kacheln sind die neusten. Die Gitter an ihren Fenstern und vor der Terrasse sind frisch gestrichen und der Rasen vor dem Haus ist peinlich kurz gehalten. Jeden Tag bekämpft Esmeralda mit einem struppigen Besen einzelne Blätter, die in ihr perfektes Grün gefallen sind. Das dauert eine Weile und ist eine gute Gelegenheit, sich mit mir zu unterhalten. Ich bin etwas nachlässiger in der Gartenhygiene, dafür schaukele ich zu gern in der Hängematte auf meiner mit Palmstämmen begrenzten Terrasse. Esmeralda war früher Lehrerin und bringt auch mir noch einiges bei. Zum Beispiel, dass Vera und Cacau eigentlich aus einem Slum stammen und man das unter anderem an ihrer Sprache merkt. Wie peinlich: Ich hatte gerade angefangen, die gedehnte, etwas verwaschen klingende Aussprache von Vera zu imitieren, weil sie in meinen Ohren so besonders einheimisch klang.

Esmeralda erklärt mir auch, was es mit meinem Lieblingsnachbarn auf sich hat. Der ist fünf Jahre alt, heißt Polho und sitzt meistens schon vor meinem Haus im Gras, wenn ich morgens die Tür aufmache. Auch seine Familie stamme aus einem Slum in Recife, und seine Mutter habe von dort ein halbes Dutzend Kinder von ebenso vielen Männern mitgebracht, bevor sie kürzlich an Krebs verstorben sei. Jetzt habe ihre Schwester den Nachwuchs am Hals. „Auch nicht leicht“, Esmeralda schüttelt mitleidig den Kopf, verwandelt das Mitleid aber sogleich in Strenge, als sie fortfährt: „Aber wenn man auch jeden Centavo gleich in Alkohol umsetzt … Und dieser junge Typ, der da dauernd zu Besuch ist, ob sie mit dem was hat?“ Sie guckt mich so auffordernd an, dass klar wird: Hier ist mein Einsatz gefragt. Aber ich kann noch lange nicht mitreden, und außerdem kommt gerade Polho angetrabt. Mit einem Schreibheft unterm Arm und erwartungsvollem Blick: „Cristina! Kannst du mir meine Hausaufgaben erklären?“ Ich? Nie Lehrerin gewesen, noch dazu frisch zugezogene Deutsche, die keinesfalls perfekt Portugiesisch spricht? Ich gucke zweifelnd, aber Polho lässt sich nicht beirren. „Bitte“, sagt er, „erklär mir meine Hausaufgaben!“ Also male ich seitenweise mit ihm Spazierstöcke und Kreise, Striche und Punkte. Als wir fertig sind, fragt er: „Und was machen wir jetzt?“ Blumen gießen, entscheide ich, und Polho ist genauso eifrig bei der Sache wie vorher beim Schreiben. „Na, da hast du ja schon einen Sohn gefunden“, kommentiert Esmeralda neugierig hinter ihren Terrassengittern.

Sie selbst hat sich mit sechzig einen Adoptivsohn zugelegt, „zur Gesellschaft“, sagt sie. Das sei ganz einfach gewesen. Schwangere Frauen, die ihre Kinder nicht aufziehen könnten oder wollten, gebe es genug. Und dann habe sie den Jungen einfach als ihren Sohn registriert. Der Sohn heißt Diego, und sieht mit seiner Afrokrause und der dunklen Haut der hellen Adoptivmama ungefähr so ähnlich wie Polho mir. Er ist ein stilles, verschüchtertes Kind, das jeden Tag stundenlang zum Lernen angehalten wird. Regelmäßig höre ich die strenge Stimme von Esmeralda laut werden. „Wie kann man nur so dumm sein!“, ruft sie erbost. „Soll ich dir mit dem Lineal eins überziehen, damit du es endlich kapierst!“ Esmeraldas Wohnzimmer ist nur wenige Meter von meinem entfernt, es klingt, als schimpfe sie auch mit mir. Soll ich sie darauf ansprechen? Ich berate mich mit Vera. „Ja, das ist wirklich schlimm, wie sie den Kleinen behandelt“, sagt sie, „aber ich habe mich nie eingemischt, weil ich befürchte, dem Jungen geht es nachher noch schlechter.“ Vermutlich hat sie Recht, und ich als Neuzugezogene habe schlechte Chancen, Esmeraldas Erziehungsmethoden zu beeinflussen. Mit schwerem Gewissen mache ich mich auf den Weg zum Strand: Da muss ich die Tiraden wenigstens nicht hören.

So schön die Insel Itamaracá ist, ihre besten Tage hat sie wohl schon hinter sich. An den Stränden müffeln gelegentlich Algen, in den ungepflasterten Straßen klaffen Löcher, unter manchen Kokospalmen wartet Müll auf eine ewig verspätete Abfuhr. Sogar die einst sicher adretten Feriensiedlungen mit Blumen in den Vorgärten zeigen mangels Pflege eine gewisse Schrammeligkeit. Ausländische Besucher finden kaum hierher, brasilianische Besucher umso zahlreicher, vor allem am Wochenende. Die Insel ist eines der Naherholungsgebiete für die Millionen Menschen im Ballungsraum rund um Recife, und am Wochenende kosten die öffentlichen Busse nur die Hälfte.

Ich laufe direkt an der Wasserlinie, lasse mir die Beine von Gischt besprühen und gucke mir die Wochenendausflügler an. Sie haben Kühlboxen aus Styropor mit Bier mitgebracht und grillen auf kleinen Holzfeuern direkt im Sand ihr Essen dazu. Kinder werfen sich mit neonbunten Badenudeln ins flache Wasser oder hechten im tiefen Sand einem Fußball hinterher. Jeder Strandabschnitt ist anders besiedelt. Zuerst kommen die Familien mit Sonnenschirmen und viel Gepäck. Dann folgt eine Reihe Kneipen mit lauter Musik und bunten Tischen, beliebt bei jungen Paaren und Gruppen. Am Ende stehen mit Palmwedeln gedeckte Fischerhütten. Ich gehe weiter bis in die Einsamkeit, wo sich Strandgras im Wind wiegt und sanfte Wellen im leuchtend türkisblauen Wasser schäumen. Ein paar Schäfchenwolken stehen am hellblauen Himmel. Noch weiter hinten entdecke ich Felsformationen, auf denen es sich prima klettern lässt. Und ganz am Ende, wo ein Fluss sich breit im Meer auflöst, steht eine winzige Bude aus Schwemmholz, davor ein Sonnenschutz aus einem alten Segel und selbstgezimmerte Hocker. Hier gibt es weder einen Wasseranschluss noch Strom; keine Musik stört das Rauschen der Wellen und des Windes. Leider lässt sich ohne Mixer auch kein frischer Fruchtsaft herstellen. „Nimm doch eine grüne Kokosnuss“, rät mir der schlaksige Kellner. Das Wasser darin ist süß und frisch. Ich bestelle dazu einen Fisch und stürze mich ins badewannenwarme Meer. Lasse mich mit der Strömung abtreiben, schwimme wieder zurück und treibe erneut ab. Dabei beobachte ich den Jungen, höre sein Lachen im Gespräch mit anderen Gästen, sehe seinen tanzenden Schritt. Ob er je etwas anderes getragen hat als flatterige Shorts und Flipflops? Ich habe mir nie vorher darüber Gedanken gemacht, dass Jeans und Turnschuhe beengende Kleidungsstücke sein könnten. Seit ich hier bin, trage ich selbst nur noch Flipflops und Flatterkleider – genau das Richtige auf einer Insel mit 20000 Einwohnern. Eine brasilianische Metropole wäre mir zu viel gewesen. Zu viel Lärm, zu viel Unordnung, zu viel Verkehr, Gewalt und Stress. Ich steige aus dem Wasser und setze mich zum Trocknen auf einen der sonnenwarmen Felsen, bis der Junge mir zuwinkt. Mein Essen ist fertig. Knusprig gebratener, goldroter Fisch, dazu von Hand geschnittene Pommes, ein paar Salatblätter, Tomatenscheiben und Limette. Kann ein Sonntag schöner sein?

Die neue Einfachheit in meinem Leben genieße ich sehr. Ich kann alle Wege zu Fuß erledigen und bin fast 24 Stunden am Tag an der frischen Luft, die so sauber ist wie bei uns vielleicht noch an der Ostsee. Das Verhältnis von Arbeit zu Freizeit hat sich so positiv verschoben, wie ich es mir in Deutschland gar nicht hätte vorstellen können.

Andere Dinge sind überraschenderweise weniger simpel. So beschäftige ich – sonst eher mäßig eitel – neuerdings eine persönliche Schönheitsassistentin! Seit ich in Brasilien gelandet bin, habe ich mich nahezu struppig gefühlt neben all den geschminkten Lippen, geföhnten Haaren und lackierten Nägeln. Deutschland liegt weit hinter mir, und für die Durchschnitts-Brasilianerin sind offenbar selbst auf einer kleinen Insel nicht nur Smartphone und Novela unverzichtbar. Auch perfekt geschnittene und geglättete Haare auf dem Kopf, perfekt entfernte Haare am restlichen Körper und mindestens einmal wöchentlich in Form und Farbe gebrachte Nägel an Händen und Füßen gehören zur Mindestausstattung.

Ein Smartphone habe ich noch nicht. Meinem ersten Novela-Abend ist bislang kein zweiter gefolgt. Aber bei Patrícia bin ich gleich nach ihrem ersten Besuch Stammkundin geworden. Patrícia trägt ihre zwanzig Kilo Übergewicht ebenso kokett wie die farblich auf die Fingernägel abgestimmten roten Locken und hat eine unerschütterliche gute Laune. Jeden Freitag besucht sie mich auf meiner Kokosterrasse. Schweiß perlt auf ihrer glatten Stirn, wenn sie die Hornhaut von meinen Füßen schmirgelt. „Wann wirst du endlich aufhören, so viel barfuß zu laufen“, stöhnt sie, „du hast bald keine Füße mehr, sondern Hufe!“ Sie pinselt meine Nägel sorgfältig in Pink, Lila oder Blau an, massiert sanft meine Füße und rupft mir dann weniger zart die Haare von den Beinen. „Das kann doch gar nicht weh tun, bei dem bisschen Flaum“, behauptet sie, „du hast ja keine Ahnung, welchen Urwald ich bei manch anderer Kundin roden muss!“ Zum Schluss packt sie mir eine Kur auf die von Sonne, Wind und Meer strapazierten Haare und erzählt mir während der Einwirkzeit den neuesten Inselklatsch.

Den lasse ich meist an mir vorbeiplätschern, denn er erinnert mich an die Wirrungen der Telenovela. Heute erklärt mir Patrícia, dass in der letzten Nacht in einer der Nachbarstraßen eingebrochen worden sei. Hat sie in ihrer Lieblingssendung gesehen. Darin berichtet ein ehemaliger Polizeibeamter in strengem Stakkato über Verbrechen gleich um die Ecke. Wohlig schaudernd räkeln sich die Zuschauer dann auf ihrem Sofa, freuen sich, dass es sie nicht erwischt hat, und gehen möglichst gar nicht mehr vor die Tür. Ich habe die Sendung keine fünf Minuten ausgehalten. „Bestimmt Knackis“, urteilt Patrícia. Knackis? Die sitzen doch? „Von wegen“, berichtigt sie. Das Gefängnis der Insel sei so ein fortschrittliches, das seine Insassen mit großzügigem Freigang belohne. „Und den nutzen sie wofür? Um uns Insulaner zu berauben!“ Sie redet sich richtig in Rage. Ihr wenig überraschendes Fazit: Man könne kaum noch auf die Straße gehen, bei all der Gewalt.

Aber an diesem Wochenende ist Johannisfest! Meine Nachbarn Vera und Cacau haben zwar nichts gegen das Fest, finden Ausgehen aber prinzipiell auch problematisch, schließlich haben sie im TV erfahren, dass jede Stunde fünf Brasilianer durch Feuerwaffen umkommen. Als ich mir die entsprechende Statistik im Internet genauer ansehe, lese ich: Die meisten Opfer von Gewalttaten sind männlich, unter 25 und schwarz. Ermutigende Nachrichten.

Sicherheitshalber leihe ich mir für den großen Abend ein Pferd. Erstens wollte ich sowieso gerne reiten auf der Insel. Zweitens ist ein Pferd praktisch, weil ich damit nicht nur das Fest bei uns am Dorfplatz besuchen kann, sondern auch die mit Palmwedeln gedeckten Hütten in den Hintergassen, wo laut Patrícia noch traditioneller Samba gespielt und getanzt wird. Und außerdem kann ich mich im Zweifelsfall zu Pferd schneller aus dem Staub machen. Patrícia hat mich zwar zuerst für verrückt erklärt, aber als sie gemerkt hat, dass ich es ernst meine, hat sie mir über einen Cousin ein Pferd vermittelt. Der hat mir das Tier schon morgens ohne viel Aufhebens an meinen Zaun gebunden: ein braunweißer Schecke mit langer Mähne und sanften Augen. „Morgen hole ich ihn wieder ab, es reicht, wenn du ihm bis dahin einen Eimer Wasser gibst“, sagt sein Besitzer.

Pferde liebe ich, seit ich laufen kann. Jahrelang habe ich auf einem Ponyhof ausgeholfen, um dafür reiten zu können. Die deutschen Pferde, die ich kenne, sind gepflegte Freizeitgefährten, die für jeden Schritt extra ein Leckerli bekommen. Hier ist eher Wilder Westen angesagt, und Pferde sind bestenfalls Kumpel bei der Arbeit, sie ziehen Karren mit Schutt oder Baumaterial durch die Straßen, tragen ihre Besitzer durch die sengende Hitze und warten dann am Straßenrand, bis sie wieder gebraucht werden. Ich spendiere meinem neuen Freund trotzdem zum Wasser eine Tüte Haferflocken.

Cacau hat in den letzten Tagen einen beachtlichen Scheiterhaufen am Straßenrand aufgeschichtet. Als es dämmert, setzt er ihn in Brand und lädt mich ein, Maiskolben am Feuer zu rösten. Im Juni ist Maisernte im brasilianischen Nordosten, deswegen gibt es an São João Maisflocken gedämpft als Couscous, weißen Mais in Kokosmilch gekocht als Canjica, Maispudding, geröstete oder gekochte Maiskolben und Kuchen aus Maismehl. Ich knabbere mit Vera, Cacau und den anderen ein paar der süßlichen Körner, dann verabschiede ich mich trotz aller „Willst du wirklich los?“- und „Bleib doch einfach hier“-Einwände. Schiebe den letzten Kolben meinem Pferd ins Maul und schwinge mich in den Sattel.

Die Trommeln des Côco höre ich schon von weitem. Côco heißt Kokosnuss, und ich habe nicht ganz verstanden, was die Nuss mit dem Junifest zu tun haben soll, bis Patrícia es mir erklärt hat. Côco heißen der Tanz und auch die Musik; nur Rhythmus, getrommelt, gerasselt, geschlagen. Côco heißen außerdem die Musikstücke, seit Generationen überliefert oder beim Singen gedichtet. Côco heißt das Ereignis, heißen die Teilnehmer und heißt der Ort, an dem sich Alte und Junge versammeln: gestampfter Lehmboden unter einem Dach aus Palmblättern, das in den Wochen vor dem Fest aufgestellt wird.