Cover

Lily Frost

Nova Weetman

Nova Weetman hat zahlreiche Artikel für Literaturmagazine wie Kill Your Darlings, Island und Cardigan Press verfasst und Drehbücher für Kinderserien geschrieben. Für den Kurzfilm Ripples and Mr Wasinski’s Song wurde sie für den Best Short Film Award des Internationalen Filmfestivals von Melbourne nominiert. Außerdem erhielt sie ein Stipendium von HarperCollins und den FAW Award für das beste unveröffentlichte Manuskript. Nova Weetman lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Australien. Lily Frost. Fluch aus dem Jenseits ist ihr erstes Jugendbuch.

www.novaweetman.com.au

Impressum

Dieses E-Book ist auch als Printausgabe erhältlich

(ISBN 978-3-407-74654-2)

www.beltz.de

© 2016 Beltz & Gelberg

in der Verlagsgruppe Beltz · Weinheim Basel

Werderstraße 10, 69469 Weinheim

Alle Rechte der deutschsprachigen Ausgabe vorbehalten

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel The Haunting of Lily Frost bei University of Queensland Press of St Lucia, Queensland, Australia

© 2014 by Nova Weetman

Aus dem australischen Englisch von Friederike Levin

Lektorat: Christian Walther

Neue Rechtschreibung

Einbandgestaltung: Carolin Liepins, München

ISBN 978-3-407-74657-3

Für Nola, Evie und Arlo

1

Am Anfang

Als ich fünf Jahre alt war, wäre ich beinahe gestorben. Es war, wie so oft im Januar bei uns in Melbourne, so heiß, dass man als kleines Kind nur noch Eis am Stiel aß und nichts mehr anziehen mochte. Mum war mit meinem Bruder schwanger und lag auf der Couch, um sich auszuruhen. Sie hatte mir den Fernseher angestellt, aber aus irgendeinem Grund war ich losgezogen und suchte nach Abwechslung. Die Hintertür muss offen gewesen sein, denn ich erinnere mich, dass ich rausgeschlichen und übers Gras gelaufen bin, was sich so gut anfühlte. Ich durfte selten ohne meine Eltern in den Garten hinaus, und wenn doch, dann behielten mich Mum oder Dad von drinnen im Auge.

Zwischen unserem Garten und dem Nachbargrundstück gab es einen niedrigen Zaun, und ich hatte ein paarmal versucht, darüberzuklettern, aber jedes Mal schnappten mich Mum oder Dad genau dann, wenn ich oben auf der Kante wippte und nebenan wieder runterwollte. Aber diesmal zog ich mich hoch, schwang meine nackten Beine hinüber und rutschte in den Nachbargarten hinab, wobei ich mir hinten die Oberschenkel aufschürfte. Die Nachbarn hatten einen Hund. Einen Schäferhund, soweit ich mich erinnere. Ich erschrak immer, wenn er nachts bellte. Und an diesem Nachmittag streunte er herum, auf der Suche nach jemandem, dem er Angst einjagen konnte.

Wir starrten einander an, der Hund ebenso überrascht wie ich, dass da noch jemand im Garten war. Dann knurrte er, zog die Lefzen hoch, bleckte die Zähne und setzte sich in Bewegung. Nur langsam – er hatte keine Eile, denn ich saß in der Falle. Ich wusste, dass ich nicht schnell genug über den Zaun zurückklettern konnte, also rannte ich los. Mein Herz machte einen Satz, als ich barfuß den heißen Beton betrat, und ich rannte weiter, obwohl meine nackten Füße geröstet wurden. Ich war so auf den Hund hinter mir fixiert, dass ich nicht merkte, wie ich bei den Terrakottafliesen am Beckenrand ankam, weiterlief und im Wasser landete, in einem Pool, in dem ich nicht stehen konnte.

Zum ersten Mal an diesem Tag wurde mir kalt, ich sank in Sekunden. Ich blickte auf und sah, wie sich der Hund über das Wasser beugte, sein Gesicht schlug Falten in den Wellen und sein Bellen war mit einem knappen Meter Wasser über mir kaum noch zu hören. Seltsamerweise fühlte ich mich sicher. Als hätte ich einen Weg gefunden, dem Hund zu entkommen, und wenn ich nur lange genug am Grund des Pools bleiben würde, könnte mir niemand etwas anhaben.

Ich blieb minutenlang unten. Ich versuchte zu atmen und bekam Panik, als sich mein Mund mit Wasser füllte. Es war schwer, die Augen offen zu halten, und alle Geräusche hörten sich irgendwie dumpf an. Ich dachte nicht, dass ich sterben würde, aber ich fühlte mich irgendwie anders. Die Welt war plötzlich ganz weit weg.

Und dann war Schluss. Ich fing an zu ertrinken. Ich konnte nichts sehen und alle Geräusche hörten einfach auf. Stille.

Das Seltsamste war, dass ich nur deshalb rechtzeitig gefunden wurde, weil der Hund weiterbellte. Anscheinend hörte sich sein Bellen an, als würde ein Kind weinen. Jedenfalls erzählte Dad es mir später so. Er war früher von der Arbeit gekommen, Mum schlief auf der Couch und mich konnte er nicht finden. Deshalb ging er nach draußen, sah den Hund am Boden liegen und den Pool anknurren und blickte hinein. Er erkannte eine Gestalt, einen Klumpen, der auf dem Grund lag, und begriff, dass ich es war. Ich atmete nicht mehr, als er mich herauszog. Ich bin froh, dass ich mich an den Rest nicht erinnere. Die Vorstellung ist ziemlich eklig: mein Dad, der mir mit dem Mund Luft in die Lungen bläst und verzweifelt versucht, mich zum Atmen zu bringen.

Ich hab es mir oft vorgestellt. Seine unglaubliche Panik. Sein wild hämmerndes Herz. Sein Entsetzen, ob er etwa zu spät gekommen war. Und manchmal, wenn wir streiten, fällt mir ein, dass er mich gerettet hat, indem er genau im richtigen Moment gekommen ist und gewusst hat, was zu tun war.

Nachdem ich wieder angefangen hatte zu atmen, kotzte ich Dad von oben bis unten mit Wasser voll, und er umarmte mich wie verrückt, heulend, riesige Tränen strömten aus seinen Augen. Wir saßen eine Ewigkeit am Rand des Pools. Er schaukelte mich nur und weinte, und ich starrte den Hund an, der jetzt nicht mehr bellte, sodass ich mich fragte, ob er froh war, dass ich noch lebte.

Sie brachten mich für ein paar Tage ins Krankenhaus, um sicherzugehen, dass meine Lungen und mein Gehirn keinen Schaden genommen hatten. Ich aß massenweise Eis, und Mum brach jedes Mal in Tränen aus, wenn sie mich ansah. Sie entschuldigte sich noch wochenlang. Immer wieder. Bei mir, bei Dad, bei jedem, der bereit war, ihr zuzuhören. Aber erst als sie sich bei den Nachbarn entschuldigte, nachdem ich aus dem Krankenhaus nach Hause gekommen war, brüllte Dad sie endlich an. Er war fuchsteufelswild – auf Mum und die Nachbarn. Immer wieder warf er ihnen vor, es sei hauptsächlich ihre Schuld, dass ich beinahe ertrunken wäre. Weil sie keinen Zaun um ihren Pool gebaut hätten, könnte jederzeit jemand einfach reinfallen und ertrinken. Ich glaube, Mum war erleichtert, als er das alles sagte, weil sie bis zu diesem Zeitpunkt gedacht hatte, er würde nur ihr ganz allein die Schuld geben.

Dad muss sich mit den Nachbarn über seine Wut ausgesprochen haben, denn wenig später kamen die Lkws. Ich saß oben auf seinen Schultern und sah über den Zaun hinweg zu, wie Zement in den leeren Pool gegossen wurde. Und dann war jeder Beweis, dass ich fast ertrunken wäre, einfach so verschwunden.

Anschließend ließ mich Mum eine ganze Weile nicht aus den Augen. Sie verfolgte mich durchs ganze Haus, überallhin, um Gefahren von mir fernzuhalten. Ich genoss es, immer in ihrem Mittelpunkt zu stehen. Aber dann kam mein Bruder zur Welt, und so folgte sie nicht mehr mir, sondern ihm. Ich hatte niemanden zum Spielen und vor allem und jedem Angst.

Kurz bevor ich eingeschult wurde, zog ein Mädchen namens Ruby Harada mit ihren Eltern und zahllosen Kartons nebenan ein. Sie war kaum angekommen, da grinsten wir uns schon über den Zaun an und verbrachten den Rest des Nachmittags mit den Umzugskartons, die wir zu Häusern umfunktionierten. Sie war vier Tage älter als ich, aber nur halb so groß. Das war vor zehn Jahren. Und seitdem sind wir beste Freundinnen. Sie ist immer noch halb so groß wie ich und vier Tage älter, obwohl es sich manchmal so anfühlt, als wäre sie mir Jahre voraus.

Ruby hebt Dinge auf, schaut, wozu sie zu gebrauchen sein könnten, und bringt sie in Ordnung. So hat sie es auch mit mir gemacht. Wenn sie mich nicht gefunden hätte, während ich allein in unseren Garten darauf wartete, dass jemand kam, um mich zu retten, wäre ich vielleicht bis zum Ende meines Lebens dort sitzen geblieben.

»Lil, wir kommen zu spät.«

Ruby ist schon vorausgelaufen und redet einfach weiter, in der Annahme, dass ich losjogge, um sie einzuholen.

»Mir egal. Ist doch bloß Mathe.«

Es ist Montagmorgen. Nicht gerade mein Lieblingstag. Wir haben Mathe in der Ersten, und ganz gleich, wie oft unser Lehrer, Mr Parks, mir alles erklärt, ich kapiere es nicht. Mir ist außerdem total schleierhaft, warum ich Mathe kapieren muss, denn ich lebe schließlich im technisierten Zeitalter, und wieso soll ich etwas können, was ein Computer für mich erledigen kann?

»Vielleicht fehlt er heute«, sagt Ruby optimistisch.

Sie bleibt stehen und wartet auf mich, und ich sehe, dass sie sich die Nägel lackiert hat, jeden in einer anderen Farbe, wie bei einem seltsam kindlichen Regenbogen.

»Neue Fingerfarben, Rubes?«

»Umwerfend. Ich konnte mich nicht entscheiden, welche mir am besten gefällt, und dachte, vielleicht geht’s leichter, wenn ich sie alle nebeneinander sehe«, sagt sie.

»Und?«

»Nö. Was meinst du?«, sagt sie und hält mir die Hände hin. »Ich warte schon die ganze Zeit, dass du was sagst.«

»Grün«, antworte ich und höre mich dabei unbeteiligt an, was aber gar nicht stimmt.

»Hell oder dunkel?«

»Weiß ich nicht.«

»Warum bist du so sauer?«, fragt sie.

»Bin ich gar nicht.«

»Bist du doch.«

Ich will ihr erzählen, dass Mum und Dad das ganze Wochenende getuschelt haben und dass ich mir deswegen Sorgen mache, genervt bin, aber ich weiß, dass sie mich bloß auslachen und erklären wird, ich wäre paranoid.

»Tut mir leid«, brummele ich.

»Bin dran gewöhnt.«

»Bist du nicht.«

»Also, mir gefällt das helle Grün am besten. Passt zu meinen Augen, finde ich.«

Und damit ist jede Gefahr für einen Streit aus der Welt. Wenn das mit meinen Eltern nur auch so einfach wäre.

Ich liebe meine Eltern. Wirklich. Ich werde bloß misstrauisch, wenn sie anfangen zu tuscheln. Als sie das letzte Mal getuschelt haben, wollten sie, dass ich die Schule wechsle. Ich sollte an eine Mädchenschule in der Stadt, weil sie dachten, ich könnte mich dann besser auf meine Hausaufgaben konzentrieren. Ich musste ihnen alles Mögliche versprechen, um meine Noten zu verbessern, damit ich an der Graceview Highschool bleiben durfte, ich hätte jedoch ohnehin alles getan, um zu bleiben. Sie würden mich niemals dazu bringen, Ruby und meine anderen Freundinnen, Sarah und Brigid, zu verlassen.

Diesmal kriege ich einfach nicht raus, worüber sie tuscheln. Ich habe sogar meinen Bruder Max angezapft, aber er weiß auch nichts. Wobei ihm ein Schulwechsel allerdings nichts ausmachen würde. Er findet an jeder Straßenecke neue Freunde.

Ich habe meine Eltern geradeheraus gefragt, ob irgendwas los sei, aber Dad hat sich nur gewunden und Mum hat das Thema gewechselt. Und dann beschweren sie sich, dass Jugendliche nichts rauslassen.

»Ist das nicht Tom?«

Ich schaue in die Richtung, in die Ruby zeigt, und erkenne ihn an seinem schleppenden Gang. »Stimmt.«

»Wo ist seine bessere Hälfte?«

Tom und seine Freundin Becka gehen immer zusammen zur Schule. Wir können sie alle nicht leiden. Manchmal sieht es sogar so aus, als könnte Tom sie auch nicht leiden, aber egal, wie oft sie sich freitags trennen, am Montag gehen sie dann doch wieder zusammen zur Schule.

»Keine Ahnung.«

»Vielleicht …«

Ruby schafft es nicht, ihren Satz zu beenden, weil sie in Tom verknallt ist, seit sie elf ist, und mit dreizehn hat sie angefangen, verzweifelt zu hoffen, dass er sie bemerkt. Jetzt ist sie fünfzehn und wartet schon seit über einem Jahr darauf, dass er endlich die Augen aufmacht und Becka verlässt.

Ich drücke ihre Hand. Man soll die Hoffnung nie aufgeben. »Wer weiß, Rubes.«

So gehen wir weiter bis zur Schule, Händchen haltend wie mit fünf.

Mr Parks versucht ruhig zu bleiben, während er zum vierzigsten Mal die Flächenberechnung erklärt. »Geometrie, Lil. Schon mal gehört?«

»Doch, irgendwie schon.«

»Gut, du musst einfach nur den Flächeninhalt dieser Formen benennen.«

»Ach so.«

Ich starre auf das Blatt, hoffe darauf, dass er geht, aber das tut er nicht, und ich habe so ein schreckliches Gefühl, dass er heute von mir erwartet, dass ich es rauskriege, während er danebensteht. Ich kann seinen Atem riechen. Er hat Kaffee getrunken, und der verbreitet so einen scheußlich schalen, bitteren Geruch, den ich nicht ausstehen kann. Obwohl er gar nicht dicht bei mir steht, sich nicht über mich beugt, spüre ich trotzdem, dass er noch da ist und wartet, dass ich anfange zu schreiben. Bei einigen Formen habe ich nicht die leiseste Ahnung, wie ich die Grundfläche berechnen soll. Ich kann mich auch gar nicht erinnern, wie sie heißen. Ganz bestimmt gibt es Regeln und Methoden, die ich wissen müsste, aber immer, wenn ich sie besonders dringend brauche, wollen sie mir einfach nicht einfallen.

Ich nehme meinen Stift in die Hand und fange an, auf das Papier zu klopfen. Warum hat Jodie Mathieson noch nicht um Hilfe gebeten? Normalerweise hat sie immer gleich nach mir eine Frage, aber aus irgendeinem Grund lenkt sie Mr Parks heute nicht ab. Ich werde später mit ihr sprechen und sie daran erinnern müssen, dass sie in Mathe gefälligst schlechter zu sein hat als ich. Ich beuge mich vor, damit es so aussieht, als würde ich intensiv nachdenken, und fange an zu kritzeln. Anscheinend funktioniert es, denn endlich höre ich Mr Parks seufzen und weggehen.

Ich werfe Ruby einen verzweifelten Blick zu, in der Hoffnung, dass sie aufsieht. Aber sie ist zu sehr mit der Lösung der Aufgaben beschäftigt.

»Rubes, hilf mir«, flüstere ich so laut es geht, ohne von Mr Parks gehört zu werden. Sie lächelt mich an. Wenn sie nicht in meiner Klasse wäre, würde ich in Mathe durchfallen. Glücklicherweise muss ich nur noch dieses Jahr überstehen, und dann kann ich die Fächer belegen, in denen ich gut bin.

Sie schaut sich um, ob Mr Parks noch abgelenkt ist, und dann schiebt sie mir die Antworten rüber. Ich kritzele sie auf mein Blatt, ohne eine einzige zu verstehen.

»Danke.« Ich schiebe sie zurück.

»Soll ich dir irgendwas erklären?«

»Nö. Ich will bloß die Antworten abgeben und nie wieder an Geometrie denken müssen.«

»Woher weißt du, dass ich sie richtig habe?«

»Das kann ich nur hoffen, sonst merkt er, dass wir geschummelt haben.«

»Du hast geschummelt, Lily Frost. Nicht ich.«

»Da du mir dabei geholfen hast, bist du mitschuldig.«

»Nur aus Loyalität.«

Genau genommen bin ich sicher, Mr Parks weiß, dass ich manchmal abschreibe. Allerdings würde ich das eher als Leihgabe aus Rubys Hirn bezeichnen, aber das ändert nicht viel. Wenn ich bei Tests auf mich allein angewiesen bin, rutsche ich meistens gerade so durch, und im Unterricht sind meine Ergebnisse dann auf wunderbare Weise richtig, auch wenn ich nicht erklären kann, wie ich darauf komme. Ich habe mich oft gefragt, warum er nichts sagt. Vielleicht hat er mich einfach aufgegeben, oder vielleicht versteht er auch, dass einige von uns Mathe einfach nicht kapieren, egal, wie oft man uns etwas erklärt.

2

Die Bombe geht hoch

Montagabends gibt es meistens Fertigessen, weil nach dem Wochenende niemand Zeit zum Einkaufen hat. Heute Abend riecht es jedoch gut, als ich mit Ruby das Haus betrete. Aber anstatt mich darüber zu freuen, macht es mich misstrauisch. Wenn Mum sich die Mühe macht, etwas Essbares zu kochen, dann nur, weil sie Neuigkeiten hat, die uns nicht gefallen werden. Sie glaubt, dass wir mit schlechten Nachrichten besser zurechtkommen, wenn sie uns mit Leckereien schmackhaft gemacht werden.

»Du hast gekocht, Mum?«

»Ja, Süße.«

Sie kocht also nicht nur mit Zucker, sie will mir auch noch Honig ums Maul schmieren. Jetzt mache ich mir wirklich Sorgen, was das alles zu bedeuten hat. Sie entdeckt Ruby hinter mir und legt die Stirn in Falten. Normalerweise tut sie das nicht, wenn sie Ruby sieht, das ist also noch ein Kreuz auf der Liste der Warnsignale.

»Darf Ruby mitessen?«

»Hm, heute nicht.«

»Warum?«

»Ich habe dein Lieblingsessen gekocht.«

»Cool. Das isst Ruby doch auch am liebsten.«

Ruby scheint zu spüren, dass ich gleich Streit anfangen werde, denn jetzt runzelt sie die Stirn, versucht, eine Augenbraue hochzuziehen, und will mir etwas mitteilen. Da ich wegsehe, mich weigere, die Botschaft anzunehmen, weiß sie, dass ich nicht nachgeben will, und versucht es mit Diplomatie.

»Lil, das macht doch nichts. Ich bleibe noch ein bisschen bei dir, bis euer Essen fertig ist und gehe dann rüber«, sagt sie höflich.

»Mum, bitte.«

Ruby ist immer bei uns. Sie isst mindestens vier Mal pro Woche bei uns. Das hat angefangen, als ihr Vater starb und ihre Mum abends manchmal länger arbeiten musste, und dann ist es einfach so geblieben und Mum und Dad hatten anscheinend bis jetzt nichts dagegen.

»Tut mir leid, Ruby, aber heute Abend müssen wir etwas im Familienkreis besprechen.«

Alarmsirenen schrillen in meinem Kopf, als Mum das sagt. Was könnte das bedeuten? Wenn Ruby geht, habe ich keine Zeugen mehr, und sie können mir alles erzählen, was sie wollen.

»Ruby gehört doch fast zur Familie. Wenn sie nicht bleiben darf, esse ich in meinem Zimmer.«

Bevor Mum in den Streit verwickelt werden kann, der sich da zusammenbraut, klingelt der Ofenwecker, und sie erschrickt. Ich könnte schwören, dass ich sie fluchen höre, als sie die Ofentür öffnet. Sie holt einen Kuchen heraus, den ich besonders gern esse – normalerweise. Diesmal ist er angebrannt. Mit einer schwarzen Kruste obendrauf und in der Mitte zusammengesackt.

Mum betrachtet ihn und fängt an zu weinen. Sie versucht auch gar nicht erst, es vor uns zu verbergen, und das wäre mir in der Gegenwart jeder anderen Person außer Ruby wirklich peinlich. Ruby stupst mich an und gibt mir zu verstehen, dass ich etwas tun solle. Zum Beispiel versuchen, Mum zu trösten. Ich schlurfe hin und lege ihr den Arm um die Schultern.

»Ist doch nicht schlimm, Mum. Macht mir nichts aus, dass er verbrannt ist. Ich mag verbrannten Kuchen. Schmeckt viel interessanter.«

Darauf schluchzt sie nur noch mehr. Ich sehe Ruby an, ob ihr noch was einfällt, aber sie zuckt nur mit den Schultern. Meine Mum weint nie. Ich weiß nicht, was ich tun soll. »Ist was passiert?«

Sie sieht mich streng an, als ich das sage, und mir fällt auf, wie grau ihr Haar am Scheitel geworden ist.

»Lil, ich kann dir das nicht schonend beibringen. Wir ziehen aufs Land.«

Sie macht Witze. Ich weiß nicht, wieso ich das glaube, aber ich fange an zu lachen. Sie lacht allerdings nicht, also hat sie ganz offensichtlich keinen Witz gemacht. Ich höre nicht auf zu lachen.

»Das ist nicht witzig, Lil. Wir wollten es euch heute Abend sagen. Wir haben ein altes Haus gekauft und werden umziehen.«

In diesem Moment fühle ich mich wieder wie beim Ertrinken, damals, als ich klein war. Ich sinke und kriege keine Luft und kann nichts dagegen tun. Da sind nur das Gesicht meiner Mutter und ihre Worte, die sie mir entgegenschleudert. Als ich herumwirbele, ist Ruby blass geworden. Sie ergreift meine Hand und zieht mich zu sich.

Aber Mum ist noch nicht fertig. »Es tut mir leid. Aber dieses Haus, es ist …«, stottert sie.

»Unseres.« Ich ziehe die Augenbrauen hoch.

»›Teuer‹, wollte ich sagen. Da dein Vater seit einem Jahr arbeitslos ist, können wir die Raten nicht mehr bezahlen.«

»Er findet bestimmt einen neuen Job.« Ich höre mich wirklich jämmerlich an.

»Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber wir wollen uns verändern. Wir glauben, dass es für uns alle gut ist.«

»Wieso? Wie kann das gut sein? Für mich ist das nicht gut.«

»Ich verstehe, dass du das jetzt glaubst …«

»Nein, Mum. Ich glaube das nicht. Ich weiß es. Das hier ist mein Zuhause. Ich liebe dieses Haus. Ich gehe hier nicht weg.«

»Lass uns später darüber reden, wenn dein Vater da ist«, sagt sie leise.

»Warum?«

»Weil er auch etwas dazu zu sagen hat.«

An diesem Punkt weckt unser Geschrei anscheinend das Interesse meines Bruders Max, denn er kommt auf seine nachlässige Weise in die Küche gelatscht und öffnet den Kühlschrank, auf der Suche nach etwas Essbaren.

»Hast du gehört, was Mum gerade gesagt hat?« Ich hoffe auf eine Reaktion. »Wir ziehen aufs Land.«

Mit kalten Würstchen auf einem Teller in der Hand schließt er die Kühlschranktür wieder und zuckt mit den Schultern. »Land mit Strand oder Land mit Land?«

»Woher soll ich das wissen? Vielleicht erzählt uns Mum jetzt alles, nachdem ihr kleines Geheimnis keins mehr ist.«

Mum starrt an mir vorbei, vielleicht auf die Tür, in der Hoffnung, dass Dad von wo auch immer zurückkehrt und ihr den schwierigen Teil dieser Diskussion abnimmt. Nachdem sie jetzt verraten hat, was los ist, will sie nicht ins Detail gehen.

»Mum?«

»Es ist Land mit Land. Ungefähr zwei Stunden Fahrtzeit von hier.«

»Zwei Stunden!« Ich stürze aus der Küche und stampfe durch den Flur zu meinem Zimmer, das ganz hinten liegt, weit weg von den anderen. Und das hat mich noch nie so gefreut wie jetzt. Ich kann gar nicht weit genug wegkommen von Mum. Als ich mich aufs Bett fallen lasse, springt Jasper, meine Katze, hinterher und kuschelt sich an meinen Bauch. Er weiß immer, wann ich jemanden brauche, aber heute Abend hilft das auch nicht.

Ruby, die mir gefolgt ist und die Tür hinter sich schließt, überrascht mich. Ich hatte sie vollkommen vergessen.

»Lil …«

»Was ist?« Es kommt schroffer heraus als beabsichtigt.

»Das konnte keiner ahnen«, sagt sie leise.

»Wie können sie bloß …«

»Weiß ich nicht.«

»Aber was ist mit mir?« Das hört sich sogar für meine Ohren erbärmlich an.

»Wird schon werden.«

Sie setzt sich aufs Bett, beugt sich über mich und versucht, mich zurückzuholen, aber ich bin weg – vergrabe mich in meinem Kopf mit dem wütenden Gedanken, wegzulaufen.

»Wird es nicht, Rubes.«

»Doch. Es ist nicht toll, aber es könnte auch viel schlimmer sein.«

»Wie denn?«

Sie lächelt. »Du könntest tot sein.«

»Was soll daran schlimmer sein? Dann müsste ich wenigstens nicht umziehen.«

Sie nimmt meine Hand. »Aufs Land zu ziehen, kann sogar Spaß machen.«

Sie ist meine beste Freundin, aber ich hasse es, wenn mir jemand sagt, dass alles gut wird, obwohl das niemand wissen kann. Ich will die Dinge beim Namen nennen und nicht wie Ruby versuchen, positiv zu denken.

»Was soll daran Spaß machen? Umziehen? Eine neue Schule. Ein neues Haus. Alles neu. Was macht daran Spaß?«

Sie seufzt und legt ihre kräftigen Arme um mich, die nicht ganz herumreichen. Ich würde gerne weinen, aber es kommen keine Tränen.

Ruby ist gegangen, denn sie ist nicht blöd. Sie weiß, dass unser Familienessen nicht unbedingt lustig wird, deshalb ist sie geflüchtet, obwohl Mum Lasagne gekocht hat. Normalerweise wäre ich begeistert, aber heute Abend hänge ich am Tisch und sehe meinem Bruder zu, wie er die dritte Portion verdrückt und darauf wartet, dass »die Besprechung« anfängt. Wenn sie darauf hoffen, dass ich den Anfang mache, dann haben sie sich getäuscht. Ich werde sie so lange wie möglich schmoren lassen.

Dad hat mehrmals versucht, mir einen freundlichen Blick zuzuwerfen, aber er hat Tomatensauce am Kinn und sieht damit peinlich aus. Ich lächle nicht zurück. Ich habe den Bestrafungsmodus eingeschaltet, und das kann ich ziemlich gut, deshalb sollten sie sich in Acht nehmen.

»Lily …«

Ich sehe Dad an. Ich weiß, worüber er reden will, ich kann mir sogar vorstellen, was er sagen wird, und habe nicht vor, es ihm leichter zu machen.

»Hat dir Mum das Haus gezeigt?«

»Nö.«

»Willst du es sehen?«

Bevor ich antworten kann, nickt mein verräterischer Bruder mit dem Mund voller Lasagne. »Ich schon.«

»Nö«, antworte ich und blitze ihn an.

Mum lächelt Max an. »Ich zeige es dir nach dem Essen.«

»Danke, Mum.«

Es wird alles immer schlimmer. Mum schlägt sich oft auf die Seite meines Bruder, aber das ist unfair, wenn sie wollen, dass ich mit aufs Land ziehe. Als ob ich mich jemals darüber freuen könnte.

»Lil, deine Mum hat dir zu erklären versucht, warum wir umziehen.«

»Klar – weil du arbeitslos bist.«

»Nun, das ist aber nur der halbe Grund. Deine Mum hat eine Abfindung wegen Personaleinsparungen angeboten bekommen, und das ist ein guter Zeitpunkt für Veränderungen. Wir wollen einfach mehr Zeit miteinander verbringen. Auf dem Land ist das Leben auch nicht so teuer und ich finde da hoffentlich Arbeit.«

»Ich will nicht mehr Zeit mit euch verbringen. Ich bin fünfzehn. Ich muss überhaupt keine Zeit mit euch verbringen.«

Dad lächelt mich an und will meine Hand berühren, aber ich ziehe sie weg.

»Aber wir wollen öfter in deiner Nähe sein«, sagt er sanft.

»Warum?«

»Weil wir dich lieben.«

»Also bitte. Was hat denn das damit zu tun? Ihr habt ein Haus gekauft, ohne mir was davon zu sagen, und darüber soll ich mich jetzt freuen? Also, ich bleibe hier. Bei Ruby.«

Und als ich das sage, weiß ich, dass das die Lösung ist. Ich ziehe einfach nach nebenan und lebe bei meiner Freundin Ruby und ihrer Mutter.

»Nein, Liebes. Du ziehst mit uns nach Gideon.«

»Nach Gideon? Was ist denn das für ein bescheuerter Name?«

»Wir wissen, dass es dir schwerfallen wird, dieses Haus und Ruby und die Schule zu verlassen, aber das wird aufregend.«

»Ich will aber nichts Aufregendes.«

»Ich schon«, redet Max dazwischen.

»Halt die Klappe, Max.«

»Nein. Es geht nicht immer nur um dich.«

»Hab ich gemerkt. Niemand hat mich gefragt, was ich davon halte.«

»Wir wollten euch überraschen«, sagt Dad.

»Das ist euch gelungen. Besten Dank.«

Dad sieht Mum an und lächelt verhalten, wie immer, wenn er weiß, dass er nicht gewinnen wird. Sie fängt an, den Tisch abzudecken, obwohl ich nichts gegessen habe.

»Max, du kannst mir helfen und dann zeige ich dir das Haus.«

Sobald sie das Zimmer verlassen haben, rückt Dad mit seinem Stuhl näher, der über den Boden schrappt. »Lil, wir müssen es wenigstens versuchen.«

»Ohne mich.«

»Wir müssen als Familie zusammenhalten.«

»Warum kann ich nicht hier bei Ruby bleiben?«

»Weil du zu unserer Familie gehörst und noch ein Kind bist.«

»Sonst sagst du immer, dass ich kein Kind mehr bin, aber wenn es dir wieder in den Kram passt, bin ich es doch.«

»So leid es mir tut, Lil, aber wir verkaufen dieses Haus. In einem Monat ziehen wir um.«

»In einem Monat!«

Er nickt, und jetzt kommen mir doch die Tränen, aus jeder Pore. Vor ihm will ich nicht weinen. Ich will wütend bleiben.

»Versuch es doch, bitte.«

Ich schluchze auf und dann kann ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Dad will mich noch einmal am Arm berühren, aber ich springe auf und verschwinde vom Tisch.

Diesmal knalle ich meine Zimmertür zu und werfe mich wie eine Vierjährige aufs Bett. Ruby hat mir ungefähr zwanzig Textnachrichten geschickt, aber ich schaffe es nicht, sie zu beantworten. Der Umzug nach Gideon ist das Schlimmste, was mir je passiert ist.

Auf meinem Wecker leuchtet 4:00 Uhr. Ich habe kaum geschlafen. Ich kann nie schlafen, wenn ich mir Sorgen mache. Das Haus ist still bis auf Dads Schnarchen. Ich öffne die Tür zum Arbeitszimmer und schalte das Licht ein. Vielleicht haben sie die Seite auf dem Computer aufgelassen oder ich kann sie zurückverfolgen. Dann erfahre ich alles, was ich wissen will, ohne dass sie es mitbekommen.

Beim Scrollen durch den Verlauf habe ich die Seite schnell gefunden: Simpson Street No. 4, Gideon. Ich lege den Finger auf »Enter«. Bin ich wirklich bereit, es mir anzusehen?

Dann drücke ich und auf dem Monitor leuchtet ein Bild von einem großen, alten Haus auf. Es sieht aus wie die Häuser, die kleine Kinder malen. Da ist ein dreieckiges Dach auf einer rechteckigen Schachtel. Es gibt vier Fenster auf der Vorderseite, die einen wie zwei Augenpaare ansehen, und unten genau in der Mitte ist eine Tür. Von der Straße führt sogar ein schmaler Pfad zur Eingangstür und auf dem Dach steht ein Schornstein. Alles ist ziemlich symmetrisch.

Und trotzdem stimmt irgendwas nicht, etwas verschafft mir eine Gänsehaut. Das Haus wirkt von außen so nett, als wolle es mir gefallen, aber dann werden mir Pläne von der Innenaufteilung präsentiert, die mir Rätsel aufgeben. Wie sind meine Eltern auf dieses Haus gekommen? Es sieht ganz anders aus als die Häuser, die Mum normalerweise gefallen – ganz anders als unser modernes, großzügiges Haus.

Ich klicke mich durch die Bilder. Das erste Zimmer ist ziemlich groß: keine Möbel, aber wahrscheinlich ist es ein Wohnzimmer. In der Ecke gibt es einen offenen Kamin, an den Wänden klebt eine dunkelgrüne Tapete mit Wirbelmuster, dazu ein weinroter Teppich und hohe Decken. Es fehlen nur noch ein ausgestopfter Hirschkopf und ein Mann mit Gewehr und einem Glas Scotch. Dann kommt die Küche: Schränke in der Farbe von Erbrochenem.

Das Badezimmer sieht hässlich aus und hat anscheinend noch nicht mal eine Dusche. Man stelle sich vor, wie wir alle ein Bad nehmen, bevor wir zur Arbeit oder zur Schule gehen!

Es gibt keine Bilder von den Schlafzimmern und nur noch ein Foto, auf dem ein leerer Raum zu sehen ist, der so aussieht, als wäre er nachträglich ausgebaut worden. Er passt nicht zum übrigen Haus. Er hat einen Dielenboden und schräge Wände. Die Form ist seltsam, vermutlich der Speicher.

Auf der Vorderansicht des ganzen Hauses zoome ich das obere Dreieck an, ob ich da etwas übersehen habe. Und da ist es. Ein winzig kleines Fenster, düster und rund wie ein vergessenes Bullauge. Während ich es betrachte, kriecht Kälte an meinen Beinen hoch, als hätte ich ein Geheimnis entdeckt. Und obwohl ich es nicht will, zieht mich dieser Raum magisch an. Während ich auf den Computer starre, stelle ich mir vor, wie ich durch das Haus gehe.

Jasper streift um mich herum, reibt sich an meinen Knöcheln. Ich beuge mich über ihn, hebe ihn hoch, aber als ich das tue, fährt er die Krallen aus und kratzt mich.

»Was zum Teufel soll das?« Ich setze ihn wieder auf den Boden und er faucht und rennt weg. Er hat mich noch nie gekratzt. Das verstehe ich nicht. Wie wird er mit dem Umzug aufs Land fertigwerden, wo er die ersten sechs Wochen eingesperrt bleiben muss?

Eine Diele knarrt hinter mir und ich erstarre. Jemand weiß, dass ich im Haus in Gideon herumschnüffle, und will mich erschrecken. Dann wird der Bildschirm plötzlich schwarz. Wie dunkel es ohne Computerlicht im Zimmer ist. Ich merke, dass ich tief eingeatmet habe, um anschließend die Luft anzuhalten.

Und dann geht irgendwo eine Tür auf und ich atme weiter. Wahrscheinlich ist das bloß Mum, die zur Toilette geht. Leise ducke ich mich in den Sessel, damit ich nicht gleich gesehen werde, wenn jemand ins Zimmer schaut. Ich will auf keinen Fall von Mum erwischt werden. Sie würde eine Riesensache daraus machen, annehmen, dass sie mich überlistet hat, und mir ist nicht danach, ihr diesen Triumph zu gönnen.

Während ich hier allein im Dunkeln sitze, mit dem Bild des Hauses im Kopf, kommt mir das alles unwirklich vor. Meine Eltern haben nie geäußert, dass sie auf dem Land leben möchten. Ich wusste auch gar nicht, dass es ihnen auf dem Land gefällt. Sie gehen gern zu Fuß ins Café und besuchen ihre Freunde zum Brunch, sehen sich einen Film im Kino an und haben alles, was sie jetzt nutzen können, seit Max und ich keinen Babysitter mehr brauchen, in ihrer Nähe. Was wollen sie zwei Stunden außerhalb von Melbourne? Koalas über die Straße jagen? Der freiwilligen Feuerwehr beitreten? Gemeindeversammlungen abhalten? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das funktioniert. Und ich werde auf eine neue Schule gehen müssen, haufenweise neue Kids kennenlernen, die zusammen aufgewachsen sind, mich zum Lächeln und Freundlich sein zwingen, in der vagen Hoffnung, dass jemand nett zu mir ist. Ich hasse es, Freundschaften zu schließen. Dafür habe ich Ruby. Sie ist meine Freundin, und sie ist nett zu den Leuten, die deshalb denken, ich wäre es auch. Aber wenn sie nicht mehr da ist und auf mich aufpasst oder mit mir redet –

Willkommen, einsames Mädchen.

3

Der Dachboden

Wer noch nie in Gideon war, kann sich glücklich schätzen. Gideon ist eine langweilige Kleinstadt. Es gibt fünfzehn Geschäfte. Ich habe sie bei unserer Ankunft gezählt. Mum hört nicht auf zu schwärmen, wie hübsch alles ist, aber ich sehe nur Bäume. Und Bäume sind prima, aber man kann bei ihnen nicht einkaufen und sie auch nicht essen. Wenn man kein Opossum ist. Aber ich bin ein Mädchen, das von seinen Eltern mitgeschleppt wird, weil Dad seinen Job losgeworden ist. Gideon ist eine Stadt, in der man nur sterben kann. Es gibt ein Schlammloch, das sie Strandbad nennen (die Einheimischen finden das witzig), eine Sackgasse, die Hauptstraße heißt (auch unheimlich komisch), und ein Klassenzimmer, das sie Schule nennen (hurra). Der Ort eignet sich vielleicht für einen Tagesausflug, aber nicht, um dort zu leben. Nicht, um unser fantastisches Haus in der Stadt dafür zu verkaufen oder uns aus der Schule zu reißen und all unsere Freunde dafür zu verlassen. Das ist gestört.

Heute sind wir also nach Gideon gefahren, um uns unser neues Haus anzusehen. Und dann müssen wir in die Stadt zurück, unser altes Haus verpacken, auf den Markt werfen und ein paar Wochen später in diese Absteige ziehen.

Wenigstens haben Mum und Dad erlaubt, dass Ruby mitkommt – damit ich die Klappe halte, vermutlich. Und darüber bin ich wirklich froh. Ich habe meinen Eltern nichts zu sagen, deshalb redet sie für uns beide. Genau genommen habe ich in der vergangenen Woche kaum etwas gesagt. Nachdem mir klar geworden ist, dass ich sie nicht umstimmen kann, bin ich ihnen aus dem Weg gegangen.

Sie wollten, dass ich mein Zimmer für den Makler und einen Fotografen herausputze, aber ich bin lieber zu Ruby gegangen. Als ich zurückkam, hatte Mum offensichtlich das eine oder andere aufgeräumt, weil mein Zimmer so ordentlich aussah wie nie zuvor. Ich hasse den Gedanken, dass fremde Leute in meiner Abwesenheit darin waren und all meine Sachen fotografiert haben, weil sie Werbung für unser Haus machen wollen.

In der Schule wissen alle, dass wir wegziehen. Muss Max gewesen sein, weil ich ganz sicher niemandem außer Ruby davon erzählt habe. Die wenigen Freunde, die ich habe, wollen eine Abschiedsparty, aber ich will mich lieber heimlich davonschleichen, ohne mich von allen zu verabschieden. Ruby hat mir eine Karte geschenkt, auf der sie den Weg von ihr zu mir rot eingezeichnet hat. Sie nennt die Karte 196, weil genau 196 Kilometer zwischen uns liegen werden. Ich weiß, dass sie es gut meint und dass sie mir den Umzug leichter machen will, ich will aber sauer sein.

Und jetzt werden wir in wenigen Sekunden bei dem Haus ankommen und ich kriege Kopfschmerzen. Als Dad in die Simpson Street einbiegt, kippt Max um und rempelt mich mit seinem verschwitzten Arm an.