weickmann_tanz_su.jpg

14434.jpg

Besuchen Sie uns im Internet unter:

www.herbig-verlag.de

© für die Originalausgabe und das eBook:

2012 F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel

eBook-Produktion: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger & Karl Schaumann GmbH, Heimstetten

ISBN 978-3-7766-8145-1

Inhalt

Aufforderung zum Tanz

Tanz – ein Begriff mit vielen Gesichtern

I.
Schwingende Körper, bewegte Seelen – Tanz im Vorhof der Zivilisation

Ton, Steine, Scherben – Die tanzenden Frauen von Gönnersdorf

Tief unter der Erde – Höhlenzauber und Tanzmagie

Das fehlende Glied in der Kette – Tanz zwischen Eiszeit und Antike

Tanz’ die Dynastie – Das alte Ägypten in Bewegung

Terpsichores Geburt aus dem Geist von Hellas

Panem et Pantomimum – Lustbarkeiten des Imperium Romanum

Hinter dem Horizont – Tanz im Fernen Osten

Tanz ist Sünde! Sagt die Kirche – und bricht ihr eigenes Gebot

II.
Im Pantheon der Kunst – Tanz auf dem Weg in die Moderne

Die Wiederentdeckung des Tanzes im Licht der Renaissance

Der Widerspenstigen Zähmung – Die Zivilisierung des tanzenden Körpers

Der König tanzt! – Vom Zauber des absolutistischen Hofballetts

Freiheit, Gleichheit, Kunst! – Tanz und Aufklärung

Komödianten und Kurtisanen – Glanz und Elend eines Berufsstandes

Die blaue Blume welkt nie – Das Romantische Ballett

Der Zar ist tot, lang lebe der Impresario! – Die Ballets Russes und ihre Erben

Frauen und Männer, Revolten und Traditionen im 20. Jahrhundert

III.
Die vernetzte Disziplin – Tanz und Gesellschaft im Dialog

Hochleistungssport im Tutu – Tänzer-Laufbahnen heute

Neurotanz – Was geht da oben eigentlich ab?

Kannitverstan – Das tanzsprachliche Dilemma

Das tanzende Klassenzimmer, oder: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr

Fit for Future – Tanzvariationen zwischen Sport und Therapie

Multimedia-Manie – Ohne Tanz geht gar nichts!

Clash of (Dance) Cultures – ein Schlussakkord

Ein Dankeschön

Literatur

Bildnachweis

Lesetipps

Aufforderung zum Tanz

Hand aufs Herz: Wann haben Sie es zuletzt getan? Wann haben Sie zuletzt die Hüften kreisen, die Beine schwingen, die Handgelenke verführerisch durch die Luft spazieren lassen? Wo sind Sie aufreizenden Tangorhythmen erlegen oder dem Trommeln des Schlagwerks gefolgt? Wie lange ist es her, dass Sie auf irgendeinem dance floor die Nacht zum Tag gemacht, eine Party nicht bei Küchenkonversation, sondern im bassgesteuerten Bewegungstaumel verbracht haben? Und wie oft, wenn überhaupt, besuchen Sie eine Ballettaufführung oder stehen für eine zeitgenössische Tanzdarbietung Schlange? Alles nicht (mehr) Ihre Kragenweite? Oder wenn doch, dann eher aus unschuldiger Liebhaberei denn aus wohlbedachter und mit Wissen unterfütterter Routine?

Ob Sie zu den Tanz-Totalverweigerern zählen, zu den hin und wieder vorbeischwirrenden Zaungästen oder den eingeschworenen Fans – Sie finden garantiert jede Menge Leute, die Ihren Standpunkt teilen: Abstinenzler, die das Tanzen höchstens als Jugend- oder Anarcho-Zeitvertreib durchwinken; Temperenzler, die eine wohldosierte Tanz-Session für belebend halten, egal in welchem Alter; und eben echte Maniacs, die mit schöner Regelmäßigkeit die Tanzflächen stürmen, keine Premiere auslassen und manchmal Hunderte von Kilometern fahren, um einen ihrer Stars zu erleben, dessen Name dem überwiegenden Rest der Welt noch nie untergekommen ist.

Denn der inner circle dieser Tanzgemeinde ist hierzulande überschaubar, und der Tanz an sich genießt kein sonderlich gutes Renommee: Zu viel Körper-, zu wenig Kopfeinsatz, unverständliches Kauderwelsch auf der Bühne und für die männliche Hälfte der Bevölkerung, sofern sie nicht gerade hip-hoppend oder mit Breakdance Moves Eindruck schindet, eher uncooler Weiberkram – so in etwa lauten die gängigen Vorurteile. Wer beim Small Talk über Literatur und Musik passen muss, hat seinen Ruf als Banause weg. Für mangelhafte Tanz-Expertise kassiert dagegen niemand einen Rüffel.

Das war nicht immer so. Bis ins 20. Jahrhundert hinein galt Tanzkenntnis in Theorie und Praxis als Voraussetzung für gesellschaftlichen Aufstieg. Der Tanz gehörte zum bürgerlichen Bildungskanon, stand als Lehrmeister sozialer Etikette, sportive Leibesübung und Attraktion jedes Salons hoch im Kurs – von seinen rebellischen Unterströmungen und den handfesten Lustbarkeiten des Proletariats ganz zu schweigen. Wer sich im Glanz der Bourgeoisie sonnen wollte, kam um den Besuch der Tanzstunde nicht herum. Zeitgleich lief der Bühnentanz als Motor künstlerischer Erneuerung auf Hochtouren.

Aus und vorbei. Auf der seit PISA allenthalben beschworenen Bildungsagenda rangiert der Tanz weit hinter seiner musikalischen Schwesterkunst. Geht einer Gemeinde das Geld aus, setzt der Kämmerer den Rotstift meist unverzüglich bei der kommunalen Tanzsparte an. Kulturdezernenten versäumen keine Vernissage und mühen sich redlich um das Verständnis moderner Skulptur – aber sobald es um Tanz geht, reagieren viele mit einem achselzuckenden »Kannitverstan«. Nicht anders verhält es sich mit jenen Wirtschaftskapitänen, Polit- und Showprominenten, die alljährlich zum Grünen Hügel nach Bayreuth pilgern oder beim Jedermann vor dem Salzburger Dom andächtig stillsitzen. Auf den roten Teppich vergleichbar hochkarätiger Tanzfestivals verirren sie sich so gut wie nie. Diese Randständigkeit des Tanzes zeitigt beim Wettlauf um staatliche Subventionen fatale Folgen – zumal auch seine Lobbyisten eher körper- denn sprachrhetorisch geschult sind und deshalb nicht so recht aus der Lamentier-Ecke herauskommen.

Spiegelt diese Zeitgeist-Skizze nun die volle Wahrheit? Haben wir nicht viel mehr und viel alltäglicher mit Tanz zu tun, als uns bewusst ist? Begegnen wir ihm nicht erheblich öfter jenseits von Ballsaal und Bühne, als wir wahrhaben wollen? Und schwelt da nicht, gleichsam im Untergrund, das Feuer einer Revolution, die den Tanz zurück in die Mitte der Gesellschaft katapultieren kann?

Machen wir ein kleines Experiment: Schalten Sie den Fernseher ein und zappen Sie bei der Werbung nicht sofort zum nächsten Kanal – was kriegen Sie zu Gesicht? Kosmetik-, Auto-, Turnschuh- und IT-Reklame, verpackt in flotte Tanzclips. Selbst der WC-Reiniger-Spot kommt nicht ohne computeranimierte, über den Brillenrand balancierende Bakterien aus. Auf Musik-Spartensendern klebt eine Wenig-Stoff-viel-Haut-Choreographie an der nächsten, bei den Casting-Formaten tragen die Zensuren von Bohlen, Klum & Co. nicht unwesentlich dem Wechselschrittvermögen der Kandidaten Rechnung, und zur Primetime verkuppelt RTL ein halbes Dutzend Profitänzer mit ebenso vielen Starlets beiderlei Geschlechts, um einen »Let’s dance«-Gewinner auszumendeln.

In der Kinowerbung wie im Spielfilm ist der Tanz regelmäßig mit von der Partie, manchmal sogar als Dreh- und Angelpunkt der Story. Regisseure wie Max Ophüls (Lola Montez), Carlos Saura (Carmen), Ettore Scola (Le Bal) oder Bernardo Bertolucci (Der letzte Tango in Paris) haben ihm Meisterwerke gewidmet, und massentaugliche Vergnügungsware – Marke Fame oder Billy Elliot – bebildert alle paar Jahre den Traum vom kometenhaften, gegen alle Widerstände durchgefochtenen Emporkommen tanzbesessener Outcasts. Manchmal wird auch das übel beleumundete, weil der Ausbeutung bezichtigte dance business selbst zum Thema, so zuletzt in Darren Aronofskys Thriller Black Swan, der eine aufstrebende Ballerina über gnadenlose Ambitionen stolpern und in die Hölle des Wahns fahren lässt, was Millionen Zuschauer sehen wollten.

Tanz-Kassenschlager müssen nicht unbedingt made in Hollywood sein. Wenn, von Wim Wenders geadelt, die 2009 verstorbene Grande Dame des Wuppertaler Tanztheaters, Pina Bausch, in 3-D aufersteht, entern Hunderttausende die Kinosäle, und als Nachschlag gibt’s eine Oscar-Nominierung. Nicht ganz so viele, aber immerhin Hunderte von Fahrgästen bleiben gebannt stehen, wenn das Berliner Staatsballett theaterfremdes Terrain erobert und seine Exerzitien an den Hauptbahnhof verlegt. Der Regierende Bürgermeister räumt fürs Internationale Tango-Festival sogar das Rote Rathaus frei, und zweihundert Kilometer weiter westlich versammeln sich tausend Bürger auf dem Hannoveraner Opernplatz, um Schulter an Schulter mit dem heimischen Ensemble den Guinness-Rekord in der Kategorie »Größte Ballettklasse der Welt« zu erkämpfen.

Auch jenseits von Kunst und Kommerz ist der Tanz zumindest in Spurenelementen anzutreffen. In jeder Fußgängerzone wippen Kinder im Takt der Straßenmusikanten; unter Stereo-Beschallung klappert der Filius daheim den Rap der Black Eyed Peas nach; am Sommerstrand wiegen sich Heerscharen flirtseliger Teenies zum Schmusekrawall aus dem Ghettoblaster, und kein Straßenfest ohne Combo, die selbst notorischen Tanzmuffeln einheizt. In den Schaufenstern von Elektro- und Kleider-Filialisten spreizen sich landauf, landab jungschöne Popmodels auf Flachbildschirmen, und zugige U-Bahnhof-Passagen sind ein beliebter Tummelplatz für aberwitzig dahinkreiselnde Streetdancer. An Reichweite und schierer Präsenz mangelt es dem Tanz also kaum, wohl aber an Reputation. Was angesichts seiner Allgegenwart verwundern mag, in Anbetracht des abendländischen Zivilisationsprozesses allerdings folgerichtig ist. Zwar ist das Tanzen dem Grundsatz nach die zugänglichste aller Künste, weil jedermann qua biologischer Grundausstattung über das Instrument und das notwendige Handwerkszeug verfügt. Und nicht umsonst erhärten wissenschaftliche Befunde neuerdings die Vermutung, dass der Tanz tatsächlich nicht weniger als die eigentliche Muttersprache des Menschen ist. Zugleich aber scheint kein anderes Genre derart abweisend, ja geradezu abschreckend zu wirken wie der Tanz.

Abschottung hier, Ressentiment da – beides ist Ergebnis geschichtlicher Hypotheken. So war die Philosophie des Abendlands seit ihren christlichen Anfängen und quer durch alle Hauptströmungen mit Leibfeindlichkeit imprägniert. In den Köpfen der Meisterdenker gehen Körper und Geist so gut wie nie zusammen. Das Leibliche wird entweder von vornherein ausgeblendet, oder die Argumentation zielt darauf, den Körper als anarchisches, sexuelles und generell triebgesteuertes pièce de résistance auszuschalten und seine Regungen zu beherrschen. Dieser Kontrollmechanismus entscheidet über Wohl und Wehe zivilisatorischen Erfolgs und hat Descartes’ Maxime »cogito, ergo sum« als Herzstück unseres kulturellen Selbstbildes etabliert. Allein die Kraft der Ideen scheint das Rad der Entwicklung anzutreiben. Deshalb soll der Körper keine Ansprüche anmelden und sich nicht mehr herausnehmen, als er muss: Essen, Trinken, Schlafen und allenfalls das Vergnügen einer Liebespaarung.

Eine Kunst, die den Körper ins Zentrum rückt, wirkt hier wie der sprichwörtliche Stachel im Fleisch der Gesellschaft und wird entsprechend als Grenzüberschreitung geächtet. Je stärker sich die Vernunft als Leitkriterium des Westens durchgesetzt hat, desto mehr geriet das Tanzen unter Druck, bis es auch seine Hauptbastionen – sportliche Ertüchtigung und Einübung sozialer Verkehrsformen – räumen musste. Ein Tanz-Analphabet zu sein ist heute kein Beinbruch mehr.

Damit wird die vielfältige und vielgestaltige Sprache des Tanzes zur reinen Expertensache, zum Steckenpferd für Eingeweihte, das an der Mehrheit stolz vorbeigaloppiert. Selbst die kulturelle Elite ist dem tanzsprachlichen Klang derart entwöhnt, dass ihr dessen Grundlagen – Buchstaben, Silbenbildung, Grammatik, Syntax und Semantik – meist völlig Hekuba sind. Doch genau wie alle Vokalsprachen ist der Tanz keine langue universelle, die sich voraussetzungslos begreifen, anwenden und interpretieren ließe. Es kommt ja auch niemand auf den Einfall, man müsse Englisch, Französisch oder Spanisch aus dem Stegreif kapieren und übersetzen können. Vielmehr braucht es hier wie dort Übung, ja eine regelrechte Literarisierung, ehe der Empfänger einer Botschaft diese entschlüsseln kann.

Paradoxerweise – jedenfalls in Anbetracht der historischen Entwertung – lässt sich der Code des Tanzes am besten über eigenes Handeln und Tun erschließen: Wer selbst tanzt und mit dem eigenen Körper Gedanken, Gefühle, Gestaltungsprozesse ausdrückt, der schärft sein Sensorium für das, was andere Körper artikulieren. Aber reicht dieser Anreiz als Aufforderung zum Tanz? Reicht es, um uns in Bewegung zu bringen und zum Tanzen zu verführen, obwohl sich daraus scheinbar gar kein handfester Vorteil ergibt?

Vermutlich ziehen in der Wissensgesellschaft empirische Argumente besser, und hier ist vor allem eines dazu angetan, die Opposition zwischen Kopf und Körper, Denken und Tanzen ein für alle Mal aufzuheben: Tanz, erklärt uns neuerdings die Forschung, ist nichts anderes als »Wissen in Bewegung« (wie denn auch richtungsweisend das Motto des ersten deutschen Nachkriegs-Tanzkongresses 2006 in Berlin lautete). Diese Erkenntnis ist aus dem vertrauten Rahmen der Geisteswissenschaften in die Naturwissenschaften eingesickert und hat dort vor allem in hochdynamischen Ablegern, namentlich Neuro-, Kognitions- und Biotech-Domänen, eine wahre Goldgräberstimmung ausgelöst.

Seit ein paar Jahren nämlich reißt sich die scientific community um Laien- wie Profitänzer als ideale Modelle für die Erkundung kniffliger Zusammenhänge: Wie greifen Gehirn, Gedächtnis und Motorik ineinander, wo entsteht Bewegung und wie wird sie erinnert? Was erlebt der Zuschauer, wenn er andere beim Tanzen beobachtet? Wie ordnet er das Geschehen und nach welchen Gesichtspunkten kann er sich einen Reim darauf machen? Nicht von ungefähr werden diese Fragen ausgerechnet an den Tanz und seine Jünger adressiert. Alles, was die Forschung zutage gefördert hat, belegt, dass wir es hier – egal ob auf Amateur- oder Profiniveau – mit hochkomplexen systemischen Leistungen zu tun haben. Deshalb ist Tanzen ein Denken mit dem ganzen Körper und viel umfassender in seinen Anforderungen, als es unsere ums Lob der Kopfarbeit kreisende Leitkultur wahrhaben möchte.

Dieser Befund könnte die Ehrenrettung einer art maudit, einer verfemten Kunst, bedeuten, und deshalb wird dieses Buch einer Handvoll Wissenschaftler und Praktiker in die Labore folgen, um ihnen dabei zuzuschauen, wie sie dem tanzenden Körper ihre Erkenntnisse abgewinnen, und zu erzählen, was sich daraus an Konsequenzen über den Tanz hinaus ergibt. Zuvor muss uns allerdings die Geschichte selbst beschäftigen, also die Frage, warum und in welchen Formen das Tanzen die Menschheit seit ihren überlieferten Anfängen begleitet hat. War der Homo sapiens ein Tänzer, und wenn ja, von Anbeginn an? Welchen Stellenwert hatten tänzerische Handlungen für die Sakral- und Mysterienkulte versunkener Hochkulturen? Wie verhält es sich mit den apollinischen und dionysischen, den vergeistigten und orgiastischen Verästelungen des Tanz-Stammbaums?

Im zweiten Teil dieses Bandes steht der Westen im Mittelpunkt, also die Traditionslinie, in der wir uns – zwischen Ballett und zeitgenössischer Performance – bewegen. Im Gefolge mittelalterlicher Totentänze hat das Abendland die Renaissance des weltlichen Tanzens eingeleitet und schließlich eine akademische danse d’école hervorgebracht, einen schulmäßigen, strengen Regeln gehorchenden Tanz, der den Anspruch erhob, mit Oper und Schauspiel gleichzuziehen und ins Pantheon der Künste aufzusteigen. Dieses Ziel wurde dank hochgeschraubter Virtuosität zwar erreicht, doch das Fach und der zugehörige Berufsstand blieben im Zwielicht. Gleichwohl gehörte es für die Töchter und Söhne des Bürgertums zum guten Ton, die Grundlagen von Pirouette- und Sprungtechnik zu studieren und damit ihr anmutiges oder agiles Auftreten zu unterstreichen.

Wieso der Tanz immer mal wieder an Haupt und Gliedern krankte und dennoch nicht zum Dauerpatienten herabsank, wird dieser zweite Teil auch erörtern, bevor er den Bogen über die ästhetischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart schlägt – in die vitalste, spannungsreichste Phase dieser Kunstform, aus der jedermann schöpfen kann, wenn er ihr neugierig und vorurteilsfrei gegenübertritt. Dann nämlich ist Tanzen ein Lebenselixier, ein Labsal für Körper und Seele, für jeden Einzelnen, jedes Paar und das Kollektiv insgesamt.

Darum werden wir im dritten Teil das Augenmerk darauf richten, auf welche Weise und über welche Umwege Tanz und Gesellschaft im Alltag einander mit größerer Selbstverständlichkeit näherkommen können. Nach jahrzehntelanger Tanz-Latenz und -Abstinenz beginnt gerade eine Bewegungswelle durchs Land zu rollen, die einerseits mit umfangreichen Education-Programmen Schüler und sogar Senioren erfasst, andererseits zahllose Max und Marie Mustermanns in Ballsäle, Tangokurse oder Turnhallen spült, wo sie – mal sportiv und ehrgeizig, mal maximal meditativ ausgerichtet – das Tanzen in allen erdenklichen Variationen für sich entdecken. Mit gutem Grund: Nicht nur Neuro-Spezialisten, sondern auch Mediziner, Anthropologen und Psychologen haben sich forschend in die Tanz-Praxis vertieft und werden seitdem nicht müde, ihre Vorzüge zu preisen: Tanzen ist gesund, stiftet Gemeinschaftssinn und stärkt jene Soft Skills von Empathie bis Disziplin, ohne die kein Team aus den Startlöchern kommt. Denn wo die Sprache versagt, kann das Tanzen immer noch pendeldiplomatische Beziehungsfäden spannen.

Deshalb steigen Tänzer, Choreographen und Kompanieleiter von ihren Elfenbeintürmen und machen das Wissensreservoir, das der Tanz speichert, der Allgemeinheit zugänglich. Manche Kompanien verzweigen sich zu regelrechten Denkfabriken, bringen Multimedia-Produkte auf den Markt, von denen die Kreativen anderer Branchen regen Gebrauch machen. Auch das Internet steigert die Präsenz des Tanzes und lässt seine Vergangenheit in digitalen Atlanten und Videoportalen auferstehen. So arbeitet die flüchtigste aller Kunstformen auf jene historische Verankerung hin, an der es ihr außerhalb des Klassik-Segments bislang gebricht. Was ihre prekäre Lage maßgeblich mit verschuldet hat, denn ohne gesichertes und nachweisbares Erbe, ohne greifbare und begreifbare Tradition, ohne in Bilder und Filmschnipsel gebannte Geschichte steht jedes Metier unter dem Druck, sich im ansonsten gut dokumentierten Kanon der Künste ständig neu positionieren und rechtfertigen zu müssen. Insofern gleicht jede Internet-Repräsen-Tanz einer Einladung, hinter die Kulissen zu schauen und sich davon zu überzeugen, welche ästhetischen, wissenschaftlichen und persönlichkeitsbildenden Schätze hier zu heben sind.

So möge, wenn Sie dieses Buch zugeklappt haben, zweierlei auf jeden Fall passieren. Erstens sollten Sie nach dem vierblättrigen Kleeblatt fahnden, das allen Tanzschwärmern winkt und dessen Standorte Ihnen die nächsten rund 250 Seiten verraten. Zweitens müssten Sie zum überzeugten Tanztheater-Gänger werden, den ein, zwei, drei Enttäuschungen nicht entmutigen, weil er nach dem ganz großen Kick giert – nach der einen Aufführung, die zehn mittelprächtige vergessen macht.

Tanz – ein Begriff mit vielen Gesichtern

Was ist das eigentlich: Tanz? Wer Zeitgenossen anspricht, wird einen bunten Strauß an Antworten hören: Tanz ist Kunst, Amüsement, gesellschaftliche Verkehrsform, Jugendvergnügen und Sport. Die einen werden sich als glühende Liebhaber zu erkennen geben, die anderen aus ihrer Ablehnung keinen Hehl machen, und die übrige Welt wird sich ohne nennenswerten Rest einem dieser beiden Lager anschließen. Die freilich in der Regel mehr verbindet, als sie wahrhaben wollen. Denn jenseits schnell gefällter Urteile ist wirkliches Wissen um den Tanz ziemlich rar gesät.

Zunächst einmal ist Tanz nichts anderes als Bewegung in Raum und Zeit. Der Rhythmus spielt natürlich eine Rolle, ebenso die dreidimensionale Formgebung und die jeweilige Körperformation. Was das Theater mit Worten, die Musik mit Klängen vollbringt, entfaltet der Tanz entlang kinetischer Energieströme. Allerdings ist das noch eine reichlich grobkörnige Definition, viel zu vage, um Details zu rastern oder gar in die vielen Gesichter zu schauen, die der Tanz im Lauf seiner Geschichte hervorgebracht hat.

Die Physiognomie des Tanzes lässt sich vielleicht am ehesten über einen Vergleich erschließen. Angenommen, der Tanz wäre ein Kontinent, geprägt von verschiedenen geologischen und klimatischen Zonen, von Ethnien, Nationen, Sprachregionen. Dann quert jeder, der diesen Kontinent durchmisst, völlig unterschiedliche Landschaften, obwohl er die ganze Zeit auf ein- und demselben Terrain unterwegs ist.

Welche Eindrücke wird er auf dieser Reise sammeln? Da sind zunächst, verkarsteten Felsmassiven gleich, jene bewegten Zeremonien, mit denen urzeitliche Stämme, später ganze Völkerschaften ihre Zusammengehörigkeit besiegeln. Unmittelbar angrenzend liegt ein ebenfalls seit Jahrtausenden kolonisiertes Gebiet, auf dem der Tanz den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen feiert oder wüste Dämonen exorziert. Mit sakraler Wucht schlägt er hier sphärische Brücken zwischen Mensch und Metaphysik, Erde und Göttern, Sterblichen und den Helden phantastischer Mythen.

Als Nächstes locken die fruchtbaren Ebenen der Zivilisation, deren tänzerische Artenvielfalt dem Wanderer die Augen übergehen lässt. Zwar bewahrt der Tanz seine kosmologische Dimension über viele Zeitalter hinweg, allen klerikalen Beschimpfungen zum Trotz, an denen es im Westen nicht mangelt. Doch schließlich entdecken ihn weltliche Herrscher als politisches Instrument. Sie lenken ihn in akademische Bahnen, bis er ihrer Indienstnahme entwächst und sich in eine Theaterkunst verwandelt: ein ästhetisches Programm, das die Persönlichkeit und Schöpferkraft des Einzelnen zum Ausdruck bringt, weil es Wesen, Stärke, Geschick und Gewandtheit zur Einheit bündelt. Nicht zu vergessen die Etikette, die jeder Tänzer – also auch der Amateur – wie nebenbei erlernt: den Umgang mit seinesgleichen und mit dem anderen Geschlecht, auf dass er den Eros in gesellschaftlich akzeptable Muster kleide.

Lange bilden wiederum diese beiden – Theater- und Gesellschaftstanz – einen Zwillingsstaat, der allmählich in separate Exklaven mit eher angespannten Beziehungen zerfällt. Hier Bühnenkunst, dort bal masqué, hier Profis, dort Dilettanten – so kehren sie einander den Rücken, ängstlich darauf bedacht, nur ja keine Grenzverletzung zu riskieren. Erst in jüngster Zeit macht sich auf beiden Seiten des Schlagbaums Neugier bemerkbar. Seitdem wird hier und da der Austausch angekurbelt, mit überraschend ansehnlichen Resultaten.

Produzenten und Konsumenten agieren dabei Hand in Hand. Im Theaterland und seinen minder reputierlichen Ausgründungen namens Film, Fernsehen und Multimedia bietet der Tanz zwar Unterhaltung, Aufklärung und Zeitvertreib. Aber zugleich entdecken immer mehr Tanzprofis, dass es lohnt, mit Amateuren zu arbeiten, mit Kindern und Jugendlichen, die sich noch nie zu Musik bewegt haben und oft ein Weilchen brauchen, ehe sie begreifen, wie spannend das ist. Irgendwann wagen sich diese Anfänger, nunmehr grundlegend alphabetisiert, sogar ins Theater und machen Bekanntschaft mit dem Ballett oder zeitgenössischen dance adventures. So behauptet sich der Tanz als zweifaches pädagogisches Instrument: Einerseits vermittelt er kreative und soziale Impulse, andererseits präsentiert er sich als kulturelle Tradition im Kanon der Künste und versorgt den Nachwuchs mit Nährstoffen, die nirgendwo sonst zu finden sind.

Für die eigentlichen Bewohner des Theaterlandes aber, die Künstler, ist der Tanz kein smartes Freizeitvergnügen, sondern Beruf (und häufig Berufung in einem). Wobei ihre Disziplin ganz unterschiedliche Zweige ausgebildet hat und neben Tänzern, Choreographen und Lehrern auch Coaches, Trainingsleiter oder Korrepetitoren beschäftigt. Sie alle bestreiten mit dem Tanz ihren Lebensunterhalt. Manche wechseln über die nächstgelegene Grenze, um mit dem gleichen Metier Geld zu verdienen, wenn auch in anderen Zusammenhängen. So lassen Tanztherapeuten Schwingungskräfte auf Körper, Geist und Seele wirken und erinnern daran, dass auch unsere urzeitlichen Vorfahren ihr Heil in der Bewegung gesucht und gefunden haben.

In den entlegenen Randzonen des Tanzkontinents macht der (erwachsene) Globetrotter zu guter Letzt eine ebenso interessante wie mutmaßlich irritierende Erfahrung. Mit hoher Wahrscheinlichkeit stößt er dort auf eine Sprachbarriere, in deren Rücken ein kompromisslos rauer, radebrechender Slang den Standard setzt. Urban street dance, Break & Co. prägen das Gesicht der Städte und stehen für ein Lebensgefühl, das sich mit Vollkaracho an der bürgerlichen Ordnung abarbeitet. Sie sind das Privileg der Jugend, in Bewegung gegossene Revolte. Auch das gehört zum Tanz, und gar nicht so selten: Aufbegehren wider die herrschenden Verhältnisse, subversive Strategie wider die Macht des Wortes, die Repressalien der Potentaten – ein Stück Selbstbehauptung, das inneren und äußeren Zwängen die Stirn bietet.

All das ist TANZ: eine Weltformel, die sich in alle Kulturen eingraviert hat; ein Kunstkontinent, so abwechslungsreich wie vielgestaltig.