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WILTRUD MIETHKE

Live aus der
AKASHA – CHRONIK

Band I

STEINE DER MACHT

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Inhalt

PROLOG

1. Der Jenseitsjob

2. Das Teufelszeug

3. Die Paros Lösung

4. Die Sufi Schulung

5. Die Sufi Attacke

6. Die gottgewollte Form

7. Das manipulierte Programm

8. Das Geheimnis von Akakor

9. Das Kundalini Abenteuer

10. Die Sinai Kugel

11. Die unsichtbare Ebene

12. Der Jahrhundert Auftrag

13. Die Agharti Karte

14. Die Akasha-Chronik

15. Die Agharti Recherchen

16. Die Steine der Macht

17. Das Gral Verwirrspiel

18. Die Luzifer Klage - Nullpunkt-Feld

EPILOG

Die Autorin

PROLOG

Es krachte und blitzte über ihren Köpfen, gewaltige tiefschwarze Wolkentürme bauten sich rund um die dunklen Ruinen von Machu Picchu auf, als sie sich am Ufer des Urubamba trafen. Der ohrenbetäubende Lärm hier im Tal übertraf jedes Gewitter, das der Alte bisher erlebt hatte. Und er hatte einige erlebt.

Wirklich der passende Ort, der richtige Zeitpunkt für dieses Gespräch? Musste der junge Elohim es immer so melodramatisch anlegen? Dieses Gespräch wurde doch nicht aufgezeichnet!

Der Alte war ein wenig verwirrt: Ein wenig Distanz zum eigenen Geschäft war immer seine Devise gewesen. Nur so kann man Imperien aufbauen, galaktische Erfolge einheimsen. Nicht aber, wenn man keinen Wert auf gezähmte Naturgewalten legte. Das passte nicht zum Thema!

Hatten sie nicht selbst einst die stille Idylle dieses Ortes gewählt, um ihr gewaltiges Epos zu starten? Die gewichtigen Brocken aus den Felsmassiven der Umgebung heraus gelasert um die erste und beste Festung zu Ehren Intis zu errichten? Und mit Bedacht und Sorgfalt entsprechende Einbauten veranlasst? Die sie jetzt erst richtig nutzen konnten? Der damalige Sonnengott, sein Bruder Inti, hatte es ihnen so wenig gedankt! Hatte diese tolle Location nicht ein einziges Mal besucht und nur seine Sonnenjungfrauen vorgeschickt, die mit den Möglichkeiten dieses Ortes so wenig anfangen konnten wie Babies mit Hightech.

Aber das war eine andere Geschichte.

Der alte Gott seufzte schwer und sah sich um, bevor er in diese originelle aber reichlich unpassende Klapperkiste einstieg, die vorgab ein Auto zu sein.

Was einst als prickelnde Herausforderung begann, war jetzt zum Hintertreppenwitz der Historie gediehen: das menschliche Gewimmel auf einer der großartigsten Festungen dieses Planeten, diese unwürdigen Umstände, Hunderte von unwissenden Besuchern täglich, und heute dazu noch dieses entsetzliche Fortbewegungsmittel.

Sein Lieblingsplanet Gaia war leider zu einem Haufen Dreck verkommen - kosmisch gesehen.

„Ich möchte hier nicht auffallen, Ihr könnt ja wieder zurücklaufen, Herr“, hatte dieser unverschämte junge EL gemeint. Und der Alte musste sich fügen. So waren die Regeln.

Aber er bekam auch Material von unschätzbarem Wert geliefert. Da konnte und musste er leider dulden, was ihn normalerweise zu cholerischen Anfällen und natürlich zu harten Konsequenzen für so eigenwilligen Nachwuchs gebracht hätte. Hier war ein Exempel zu statuieren - aber das hatte Zeit. Viel Zeit.

Keine Hand konnte man in den Regengüssen vor Augen sehen, und die Scheibenwischer wirbelten und klackerten verzweifelt gegen die Wassermassen an. Kein Vergnügen auf den Serpentinen, die vom überfüllten Touristentreffpunkt in Aguas Calientes hoch zu den alten Gemäuern führten. Diese neugierigen Menschen saßen jetzt alle in ihren Hotels und hofften, dass es nicht wieder solche Überschwemmungen gab wie im letzten Jahr, als es die einzige Bahnlinie wegspülte, die in diese gottverlassene Bergwelt führte.

Der Alte und sein junger Begleiter sprachen kein einziges Wort mehr, als sie sich in dem klapprigen R4 hinauf quälten. In dieser Verkörperung brachte der alte Gott einige Kilo zuviel mit, rutschte unruhig auf seinem viel zu schmalen Sitz hin und her und vermied bei den schmalen Kurven, hinauszusehen in den stürmischen Sturzregen, der sie von der Straße zu fegen drohte.

Drei Kurven vor dem offiziellen Eingang hielten sie an, stellten den Wagen in einer Nische ab, kletterten mühsam die glitschigen Stufen hinauf - um dann einfach in einer regennassen Felswand zu verschwinden.

Dort sprachen sie drei Stunden lang ernst und heftig aufeinander ein. Der uralte Meister vom Orion-System und der mit seinen 35.000 irdischen Jahren vergleichsweise junge Erzengel. In einem riesigen Raum, dessen technische Perfektion in hellem Kontrast zu den dunklen Gemäuern der Ruinen über ihren Köpfen stand. Übertragungs- und Aufzeichnungselemente von gigantischer Potenz. Erbaut, um ein Imperium von Fernsehstationen im gesamten Universum in Lichtgeschwindigkeit zu versorgen.

Wer hier versehentlich reinstolperte - was mit tödlicher Sicherheit nicht geschah - hätte allerdings nur die verfallenen Überreste eines Waldhüterlagers gefunden. Eine ziemlich überflüssige Maßnahme aus der multidimensionalen Requisitenkiste, denn auf diese Felswand war seit Jahrhunderten keiner gestoßen. Vielleicht weil sie sich direkt neben den schmalen Treppen befand, die viel zu harmlos für einen Eingang in die andere Dimension wirkten.

Jeder der rund 32 Busfahrer, die von 5 Uhr am nächsten Morgen bis um 5 Uhr am späten Nachmittag die Horden von Touristen zum Heiligen Berg hinauf karrten wunderte sich allerdings über das Schrottauto am Rande der eh schon viel zu schmalen Schotterstrecke. Doch keiner fragte nach dem Besitzer.

Und am nächsten Tag war der Spuk schon wieder vorbei.

Der Erzengel hatte ihm den Plot erklärt, die Dramaturgie und die Eckdaten dieser neuen Reality Show, die dem Alten endlich die höchsten Einschaltquoten einbringen würde, die jemals in diesem Universum erreicht werden konnten. Ein atemberaubendes Format, um das ihn jede galaktische Konkurrenz beneiden würde.

Er schmunzelte vergnügt in sich hinein.

In seinem verwitterten Gesicht verzog sich dabei keine Miene. Soweit käme es noch, dass dieser Jüngling sich auch noch bestätigt fühlte. Untergebene muss man immer klein halten, vor allem wenn sie größer sind und so gut aussehend wie dieser hier neben ihm.

Der Alte dieser Tage war sehr wach und darüber hinaus sehr beeindruckt.

Es hatte sich gelohnt, sich in die Niederungen der 3. Dimension zu quälen und das entscheidende Produktionsgespräch hier zu führen. Wenn er ehrlich war, amüsierte er sich königlich über das fast kindliche Engagement und die ungezügelte Kreativität seines besten EL. Er überlegte, wie er die neue Serie besser vermarkten konnte, erinnerte sich allerdings dann, dass bereits genügend Propaganda für den bevorstehenden Aufstieg der Erde im Weltraum gemacht worden war und dass alle damit zusammenhängenden Dramen durch das Konzept dieser Serie in Gänze abgedeckt waren.

Es ging eigentlich nur noch um Details wie den Titel der Soap und die Loyalität des Regie führenden EL in der Abwicklung. Und hier trat ein Konflikt auf, der nicht kalkulierbar war.

Es drohten Komplikationen in diesem Teil der Galaxis, die auch seine allmächtigen Kompetenzen überschritten. Da wollte er sich nichts vormachen!

Er beschloss dennoch: DIE AKASHA-CHRONIK sollte gesendet und so lange wie möglich fortgesetzt werden.

Er forderte den Elohim Michael auf, zu berichten. Der setzte sich in Positur und all seine Strahlkraft kam ordentlich zur Geltung:

„Okay, ich fange an, oh Herr. Ihr habt es so gewollt. Die Schläfer sind erwacht. Ihre Kameraimplantate sind eingeschaltet. Ich gratuliere Euch, Herr! Seit heute früh fängt Eure neue Serie an. Es geht um nichts Geringeres als die Rettung Eures Planeten Gaia.

Damit das klar ist, ich arbeite hier nicht für die Nachwelt, sondern für mich und Euch, also meinen Auftraggeber. Natürlich auch für Eure engsten Mitarbeiter! Wir alle haben hier zu lernen. Dieses Experiment muss gut gehen!“

Mit einem Seitenblick auf die teuren Installationen: „Nicht nur, weil das ganze Universum darauf wartet.

Wir gehen in die Zukunft, um in der RÜCKBLENDE aus der AKASHA-CHRONIK die Gegenwart zu verstehen. Lasst Euch nicht irritieren, denn jede Ungereimtheit hat ihren Sinn!

Wir warten auf den Dimensionswechsel der Erde. Die kommenden Ereignisse werde ich für Euch, meine galaktischen Auftraggeber in bestimmten Abständen zusammenfassen. Ihr wisst, das mache ich seit Jahrtausenden so. Von Polsprung zu Polsprung, von Sintflut zu Sintflut.

Doch ich bin hier, wie Ihr wisst, in einer Situation, die unzumutbar ist. Ich bin froh, dass Ihr Euch heute hierher gewagt habt oh Herr, weil nur ab und zu eine Antwort für mich in diese schreckliche ghettoähnliche 3. Dimension durchdringt. Das ist dann wie Weihnachten und Geschenke auspacken bei den Irdischen.“

Der Erzengel lehnte sich zurück und sein schönes klares Gesicht verzog sich schmerzvoll, die nächsten Sätze klangen sehr bitter, und der Alte fühlte ein ungewohntes Grummeln in der Mitte seiner menschlichen Hülle.

Ob es sich hier um das handelte, von dem alle Besucher dieses Planeten sprachen? Diese Gefühle? Er musste das zu Hause analysieren lassen. Dieser EL schien ja voll davon zu sein!

„Verzeiht meine Geschwätzigkeit. Und dass ich mit mir selbst anfange, oh Herr. Normalerweise operiere ich hier ja auf eigene Verantwortung. Alleine. Manchmal fühle ich mich einsam, auch wenn mein Job eine gewisse Gefühllosigkeit voraussetzt.

Materialmüdigkeit wäre der bessere Ausdruck. Mein Problem ist die brutale Zeitlosigkeit: Ich komme aus der Zukunft, die in der Vergangenheit die Gegenwart trifft. Und ich bin ein Elohim!

Darauf bin ich normalerweise stolz! Uralt und unsterblich begleite ich diesen Planeten und seine Einwohner seit Jahrtausenden. Sozusagen als galaktischer Beobachter, Spielleiter, auch Regisseur, wenn es die Aufgabe erfordert.

Ich habe für die große Unterhaltung zu sorgen – im ganzen bekannten Universum. Eine riesige galaktische Fernsehsendung. Damit jeder in unserem Universum über alles informiert ist. Ein toller Job!

Ich gebe zu, sie läuft zurzeit Gefahr, aus dem Ruder zu laufen. Das liegt nicht nur an den Umständen sondern vor allem an GAIAs Fähigkeit, ihre Kinder mit Gefühlen auszustatten. Ich bin nicht mehr immun dagegen, muss ich zugeben.

Daher habe ich um diesen Termin gebeten. Welche Ehre für mich, dass Ihr Euch zu mir herabgelassen habt!“

„Worüber beschwerst Du Dich Michael? Du hast es so gewollt!“, bellte der Alte, etwas genervt vom anklagenden Ton seines Gegenüber. Der Erzengel faltete in aller Ruhe seine gepflegten Hände. In dieser Dimension hatte er sechs Finger an jeder Hand.

„Ich weiß, oh Herr, wir Elohim waren die Ersten, die begannen, diesen Planeten zu besiedeln. Wir werden auch die Letzten sein, wenn dieses Experiment hier wieder scheitert. Diese Erde sollte die Bibliothek des Weltalls werden. Das Juwel in der Krone unseres Schöpfers, in Eurer Krone, oh Herr!

Das ist uns bisher noch nicht gelungen. Aber wir arbeiten daran.

Wir haben uns damals heftig zerstritten, beim Versuch, Euch oh Herr bei der Entwicklung von Materie zu gefallen. Einer hat es geschafft, Euer missratener Sohn Luzifer – er ist seitdem in der Versenkung seiner eigenen Schöpfung verschwunden.

„Wieso weiß ich nichts davon?“, fragte der Schöpfer mit einem gequälten Lächeln und lehnte sich auf dem unbequemen Sessel indigniert zurück. „Erzähl, wie es dazu kommen konnte!“

„Unser Kampf um Eure Gunst war gewaltig, und die Zerstörung der ersten Zivilisationen total. Das war während der Planetenkriege. Unsere Basisstation auf der Erde hieß Hyperboräa. Es gab eine Art Waffenstillstand. Und Vertragsverhandlungen mit schrecklichen Konsequenzen für die Beteiligten und erst recht für dieses potentielle Juwel Erde – diese weibliche Bewusstseinseinheit namens Gaia.

Ihr erinnert Euch: Die Weißen EL dürfen seither nicht mehr ins weltliche Geschehen eingreifen, und die schwarzen tun es ununterbrochen!

Die Menschen halten uns alle für große und allmächtige Geister, malen niedliche Putten und channeln kritiklos auch die schwärzesten unter uns. Sie kennen unsere wahre Geschichte nicht.

Ich konnte mich schon damals nicht entscheiden, ob ich zur schwarzen oder weißen Fraktion gehörte. Das habt Ihr oh Herr und haben Eure Berater genutzt und mir seitdem die Grauzone begrenzter Korrekturfrequenzen überlassen. Im Bereich des so genannten Freien Willens!

Das war weniger als ich eigentlich wollte. Jetzt bin ich Geschichtenerzähler für dieses Universum, bin ein hoch spezialisierter Lizenzträger, der weiß, dass seine Filmproduktionen und damit sein gesamtes technisches Know-How ununterbrochen auf andere Planeten übertragen werden.

Intergalaktisches Fernsehen mit Live-Übertragung und Versteckter Kamera. Wie im Kleinen so im Grossen. Ein gewaltiges Geschäft und eine exorbitante Einschaltquote. Nach dem Motto ‚Ich bin ein Star, ich will hier raus‚!

Auch wenn ich sicher bin, dass es auch diesmal wieder sehr spannend zugehen wird und Ihr auch wieder die Quoten und Einnahmen habt, die Ihr Euch gewünscht habt: Ist das wirklich alles, was wir hier erschaffen wollten? Habt Ihr gewusst, was uns grossen Geistern hier geschieht? Wie übel uns diese Materie mit ihren so genannten Gefühlen mitspielt?“

Der EL strich sich mit seinen zwölf männlich starken Fingern durch das lockige Haar, das er heute offen trug zur Feier des Tages. Warf den markanten Schädel trotzig zurück und lachte bitter.

„Ihr seht mich jetzt hier in meinem Studio unter dem Machu Picchu, mein menschlicher Auftritt ist normalerweise sehr unauffällig und Materiekonform: alterslos glatt, elegant und auch für menschliche Augen gut aussehend. Immer in bestem Tuch gekleidet, auch wenn die Zeiten es manchmal nicht gestatten.

Ich gebe zu: Ich bin ein wenig eitel und selbstgefällig geworden. Beherrsche aber die Kunst, mich selbst total zurückzunehmen. Das habe ich den meisten Irdischen voraus. Mein einziges Problem ist diese teuflische Herausforderung, immer liebevoll und pädagogisch korrekt mit Menschen umgehen zu müssen. Das erfordert überirdische Charakterzüge: wahre Engelsgeduld und mehr Liebe als mir selbst gegeben ist.“

„Mach Dich nicht kleiner als Du bist, Michael, Du hast Gewaltiges geschafft im Verlaufe dieser Jahrtausende!“

„Ja, oh Herr, ich weiß, aber das wird langweilig im Verlauf der Äonen, Und ich gebe zu, es war eine gute Idee, aus all diesen Abenteuern eine Show für alle zu produzieren.

Doch hier wird mein Können überfordert. Ich habe dieses Gespräch tausende Male begonnen und wieder aufgehört, weil es mir einfach unmöglich erschien, eine akzeptable Form in die irdische Informationsflut zu bringen. Diesen bösartigen Thriller nach guter alter Autorenmanier zusammen zu tragen, die unzähligen Fragmente in ein Bild zu pressen, keinen Aspekt auszulassen, und dabei den Überblick zu bewahren. Ich verzettelte mich unzählige Male und gab immer wieder auf.

Das war auch Eure Absicht, nehme ich mal an, oh Herr. Es geht ja in dieser 3. Dimension immer wieder um den Freien Willen und das Unberechenbare. Und die vierte Dimension, die Astralwelt, bricht immer wieder in die Dritte ein. Sie soll ja mitgenommen werden, wenn Gaia demnächst die Dimension wechselt, und das ist die eigentliche Katastrophe!

Was soll’s! Ich werde Euch berichten, was hier los ist. Vom ersten Zeichen an bis zum bitteren Ende auf das wir jetzt unerbittlich zusteuern werden. Oder haben wir noch eine Chance?

Ist mein Eingriff, meine Regiearbeit diesmal wirkungsvoller als bei den letzten Malen als die Erde zusammenbrach?“

„Mach es nicht so spannend und komm zur Sache, ich kenne die Ausgangsposition und den galaktischen Plot. Ich weiß, dass unsere im gesamten Universum zugeschalteten Zuschauer live übertragene Folgen vom Countdown der Erde vor dem Polsprung am 21. Dezember 2012 sehen werden. Sie genießen es, diesen Planeten bei seinem Wechsel von der dritten in die fünfte Dimension zu begleiten – durch die Augen menschlicher Akteure, aber ohne deren Wissen. Wo ist das Problem?“

Michaels strahlende Augen bekamen einen nassen Schimmer:

„Der besondere galaktische Gag: Der Regisseur dieser Soap-Opera, also meine unwürdige Person, ist selbst notgedrungen nur in groben Zügen in den Handlungsablauf eingeweiht, greift aber ein, wo er Handlungsbedarf sieht. Mit allen Mitteln eines Außerirdischen aber den unsäglichen Unzulänglichkeiten eines menschlichen Wesens. Ich gerate immer wieder selbst auf Irrwege und verfolge falsche Fährten. Muss also nicht nur dieses Chaos beim Polsprung ertragen sondern auch die Hoffnungslosigkeit, die Zerstörung und meine eigene Kopflosigkeit, wenn es losgeht. Ganz zu schweigen von den unangenehmen Schmerzen, wenn es mich auch erwischt.

Und immer wieder kämpfe ich gegen das Gefühl an, dass in dieser Dimension einer existiert, der alles viel besser weiß und mich nur an seinen Marionettenfäden tanzen lässt, um sich selbst ein wenig zu amüsieren. Ich ahne, um wen es sich handelt. Ich hoffe, mein Herr Ihr wisst, was Ihr tut!“

Der Alte lachte schallend los: „Das gehört zum Konzept, mein Junge. Der war von Anfang an da. Das ist das tolle Spiel von Schwarz und Weiß, das, was hier erst Spannung bringt in den Laden. Eine zauberhafte Erfindung, die mir die Grenzen dieser Materie zeigt und ich amüsiere mich königlich dabei, das kannst Du glauben! Fahr fort, mein Lieber, ich höre Dir zu!“

Der EL namens Michael seufzte, räusperte sich, streckte seine langen wohlgeformten Beine aus und riss sich zusammen. „Nun gut, Ihr müsst es wissen. Ihr seid ja schließlich der Produzent dieser Inszenierung, oh Herr. Verzeiht meine Klagen.

Ihr erinnert Euch? Zwölf Menschen wurden einst von mir als Übertragungseinheiten ausgesucht, denen schon vor der Geburt Minikameras in die Hypophyse – das ehemalige dritte Auge – implantiert wurden. Ein Casting, das niemals von Euch abgesegnet wurde!

Von den zwölf Kandidaten leben nur noch zwei. Eva Ackermann und ihre ehemalige große Liebe Adam Kraft. Beide sind durch jeweils zutiefst erschütternde Erlebnisse in den Besitz einer faustgroßen Kugel gekommen, die aus einem Meteoriten stammt. Ihr kennt die Kraft dieses Materials.

Diese Artefakte sind Teile einer Merkaba genannten uralten atlantischen Konstruktion, Träger einer weltübergreifenden Programmierung.

Diese Kugeln haben als Urim und Thummin höchste mystische Bedeutung in der Geschichte der Menschheit erlangt. Sie tauchten in verkleinerter, kristalliner Form im Volke Israel, später bei den Mormonen auf. Das Lichtende und das Schlichtende genannt. Vielleicht erinnert Ihr Euch an die Produktionen? Sie besitzen die absolute Kraft der Dualität. Davon wissen weder Eva noch Adam. Aber ich und Ihr und die meisten Zuschauer dieses Universums.

Wir beschreiben zunächst das oder besser die Leben dieser Frau namens Eva, die jetzt schon einen deutlichen Ehrenplatz in der Akasha-Chronik einnimmt.

Akasha – das ist, wie Ihr Euch vielleicht erinnert, die Zentrale Aufzeichnungsbank dieser Erde, in der jedes Leben mit seinen hässlichsten und schönsten Momenten seinen Platz einnimmt. Die Akasha-Chronik ist anzapfbar von Menschen, die hellsichtig, hellhörig oder hellfühlig sind. Unsere Eva ist hellhörig. Wir begleiten ab jetzt ihr Leben in dieser und einer früheren Welt. Wir lassen karmische Erinnerungen Revue passieren und beschreiben das Abenteuer ihrer spirituellen Entwicklung – mit allen Höhen und Tiefen. Und sie hat einige Tiefen! Wir dokumentieren aber auch ihre Zweifel und ihre Erkenntnisse, das was sie in der Beschäftigung mit der spirituellen Welt durchschaut und bemängelt. Du wirst staunen, was hier los ist bei den weiblichen Wesen, die Deine Welt bevölkern.

Dann wenden wir uns Adam zu. Da er nicht gerade zu den Karmagläubigen gehört, ignorieren wir seine geistige Entwicklung bis zu einem Zeitpunkt, als Adam in seinem Studio Besuch von einem Unbekannten bekommt, der ihn fragt, ob er die letzten Geheimnisse der Menschheit fürs deutsche Fernsehen drehen will. Er will natürlich.

Ich ziehe, wie Ihr seht, alle Register der materiellen und spirituellen Welt in der Hoffnung, dass mein Produzent wieder einmal erkennt, dass es sich lohnt, die Menschheit zu retten, wenn ihre Welt wieder einmal untergeht.

Welch gewaltiges Unterhaltungspotential hier schlummert! Und in welch großartigem Moment wir mit Euch, oh Herr, die Bühne dieser Welt betreten. Denn die größten Geheimnisse der geistigen Welt sind in den letzten Jahrzehnten veröffentlicht worden und Eva kennt die wichtigsten. Wir werden also auch nach dem Zusammenbruch dieser Welt genügend Stoff für unsere galaktischen Zuschauer finden. Versprochen!

Vorausgesetzt, es geht wirklich weiter und die Überlebenden finden einen Zugang zur Akasha-Chronik – dieser Geschichte in der Geschichte in der Geschichte in der Geschichte…

„Das war alles?“, fragte der alte Gott und schaute sich um, wo sich denn hier das Wurmloch zu seinem Domizil im Orion-System öffnen würde. Er entdeckte im Hintergrund eine Tür aus diesem gigantisch flexiblen Material, das sich jeder Energieform anpasste ohne zu zerbersten.

Und nickte seinem EL noch einmal aufmunternd zu:

„Du wirst es schon wieder richten, mein Lieber, da bin ich sicher. Außerdem gibt es ja noch ein paar Aufgestiegene Meister von hoher Qualität, die Dir bestimmt zur Seite springen werden, wenn es brenzlig wird.“

Er schnippte mit seinen knochigen Fingern in Richtung der Türe und zwinkerte Michael zu: „Pass nur auf, dass Du Dich nicht noch einmal verliebst, mein Lieber, dann ziehe ich Dich endgültig ab von dieser galaktischen Region. Und das will ich eigentlich nicht “, stand auf und verschwand durch die fluktuierende milchig-weiße Masse, die sich plötzlich in der Ecke aufbaute und wieder zusammenfiel, als die unförmige Gestalt des Alten der Tage darin verschwand.

Er nutzte dazu die Energie des heftigen Blitzes, der in diesem Moment durch das Studio fuhr.

Der Erzengel Michael hieb wütend mit der Faust auf den Tisch, atmete einmal tief durch, hob beide Hände hilflos in die Höhe und band dann kurz entschlossen seine blonden Locken zum Pferdeschwanz zusammen, zog die Lederkluft an und holte seine Harley aus der Nische neben der Türe, um dann mit aufheulendem Motor die Serpentinen runter zu donnern.

Der Regen hatte - wie bestellt - aufgehört.

Denn der Erzengel Michael verstand sein Metier!

1. Der Jenseitsjob

Michael-Notizen:

Ich muss zugeben, dass ich erst jetzt verstanden habe, dass Ihr meine Aufzeichnungen für andere Universen dringend braucht, weil Ihr es auch nicht besser wisst. Und ich weiß, dass Ihr froh wart, dass ich diese Aufgabe übernahm, mich hier inkarnierte und mit der üblichen Amnesie absank in die Vergessenheit.

Aber um mich hier in der 3. Dimension zu halten, musste ich immer wieder ein Leben übernehmen, das nicht meines war und – schlimm genug – mich bis zur Halskrause meiner Seele mit neuem Karma anfüllte. Ihr wisst doch: Karma ist dieser Seelenmüll, der zurückbleibt, wenn die Menschen sterben und der ihnen in jedes neue Leben folgt.

Ihr Götter wisst bestimmt genau was Ihr hier angerichtet hab! Apropos – sind Zeus, Seth, Horus und Konsorten immer noch im Galaktischen Rat?

Wer von Euch hat sich eigentlich unsere neue irdische Soap ausgedacht?

Ich bitte zumindest um die groben Konzeptangaben dieser Serie. Lasst mich nicht schon wieder hängen!

Geht es hier, wie gehabt, um die Dramen männlichen Stolzes, um Heldentaten, die – wie üblich – in Dreck, Angst und Tod enden, die Liebe missachten um der Ehre willen, um das bittere Vollziehen der Rache? Oder habt Ihr endlich auch mal Lust auf originellere Lösungen? Unsere Schläfer sind aufgewacht und haben die Spur aufgenommen.

Ihr wisst, ich kann so einiges steuern. Muss ja nicht immer der Null-Acht-Fuffzehn-Reisser sein, der sich hier abspielt, auch wenn der immer die besten Einschaltquoten bringt.

Kurz: Eure spärlichen Informationen gehen mir auf den Wecker, um es menschlich auszudrücken Wann hört Ihr endlich auf, mich hier alleine arbeiten zu lassen und installiert ein anständiges Teamwork?

Ihr merkt, ich bin etwas aufgeregt, denn nun beginnen unsere Sendungen.

Achtung: Kamera läuft!

LiveSchaltung: Terra a.d. 2001

Der Mann war zäh. Einer dieser hoch motivierten glattzüngigen jungen Fernsehjournalisten die man nicht abschütteln konnte. Seit Tagen rief er an und bat um einen Termin. Er kam von diesem platten katalanischen Soap-Sender IB3 und spielte den CNN-Reporter. Mixte feine Gefühle zwischen kaltschnäuzige Fragen, um ihrer Thematik näher zu kommen.

Eva war entnervt.

„Ich kann sie verstehen“, behauptete er, als Eva ihm zum zehnten Mal erklärte, dass ihre Themen sich der Umsetzung in Bildern entzog, dass sich ihre Arbeit weniger im Kopf als im Herzen abspielte.

„Aber sie arbeiten doch mit dem historischen Karma, das kann ich doch zeigen?“

„Das können sie zeigen, doch sie müssten Kino machen, dazu fehlen ihnen doch die Gelder!“

„Oh, das überlassen sie mal uns, wir finden einen Weg. Da zeigt man ein paar deftige Ritterszenen oder Auszüge aus Filmen mit grusligen Hexenverbrennungen, ein paar Szenen können wir auch selber drehen, dann viele sanfte Bilder mit Blumen…“ erwartungsvolles Schweigen.

Sie hatte es satt. „Es geht weiß Gott nicht nur um Hexen und Kreuzritter, guter Mann! Ich sage ihnen zum letzten Mal, dass ich nicht will, und dass sich unsere Patienten diesen Aufnahmen entziehen und wir selbst auch nicht ins Schussfeld der Kritiker kommen wollen.

Wir arbeiten mit Ärzten und Psychotherapeuten zusammen und sind keine Hexen oder Scharlatane. Das was wir machen verstehen viele Zuschauer nicht und sie bekommen dann unnötige Ängste und misstrauen uns. Das geht so schnell, dass sie nicht einmal hinschauen können“, sagte sie und lenkte zum Schluss noch einmal ein. „Bitte lassen sie mich in Ruhe. Ich verspreche ihnen, dass ich mich selbst melde, wenn wir etwas für sie haben, das gesendet werden kann.“

Sie legte auf in dem unguten Gefühl, sich damit keinen Freund geschaffen zu haben. Und hoffte, dass ihr Spanisch ausgereicht hatte, dem Mann die Problematik seines Vorhabens zu erklären.

Doch wie sollte sie besser reagieren? Seit vielen Jahren machte sie diese Arbeit, die andere zum Staunen, gierigen Zuhören oder abweisenden Kopfschütteln brachte. Klar, dass die Fernsehleute darin Stoff für ihre Zuschauer witterten.

Schwierig genug, immer wieder selbst genügend Distanz zu bekommen, wenn sie die Dramen anderer Menschen erlebt hatte. Neuerdings zusammen mit einer begnadeten Kinesiologin namens Lisa. Sie befreiten gemeinsam die Menschen, die den Weg zu ihnen fanden, von ihren karmischen Verstrickungen.

Eva war hellhörig und hellfühlig. Das war ihre Stärke und gleichzeitig Schwäche. Lisa half ihr professionell und einfühlsam, gab ihr Begleitschutz und hielt die Zielrichtung, wenn die Emotionen bei den Clearings überschwappten.

Tausende von Horrorgeschichten, die vor ihrem geistigen Auge Gestalt angenommen hatten. Keine Cleopatra-, kein Napoleon- und keine Prinzessinnenstorys, die sie in der täglichen Halbtrance sah, sondern der dreckige Schrecken des Todes, der sich in den letzten Sekunden und Minuten bei ihren Klienten in die Seele eingeätzt hatte: Mord und Totschlag, Schlachten und Schlächtereien, einsame Tode und Massenmorde, Seuchen- und Folteropfer – das ganze Spektrum der Schrecklichkeit dieser Erde, das umfangreiche Verbrechensrepertoire dieser Menschheit, das Elend des Einzelnen, der im Gedränge der historischen Ereignisse erbärmlich unterging. Und die letzten tödlichen Bilder bis ins heutige Leben mit sich geschleppt hatte.

Karma-Clearing hatten sie genannt, was sich aus ihrer Zusammenarbeit herauskristallisierte. Und es war schwer genug, die klebrigen Geschichten und Geister wieder loszuwerden, von denen sie die anderen befreiten.

Wie sollte so etwas im Fernsehen gezeigt werden, ohne eine Massenpanik auszulösen?

Sie lehnte sich zurück in ihren tiefsten Sessel, das Prunkstück, dass sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Lachsrot, hohe Rückenlehne und an der Seite mit einem Hebel ausgestattet, der das Ding in allen möglichen Lagen stabilisierte. Hier verbrachte sie die Stunden, die sie zur Entspannung brauchte. Mit Blick auf die Märchenlandschaft in der Mitte der Insel Mallorca.

Nicht, dass sie diese Arbeit nicht schätzte, den langen Weg durch die Instanzen der einzelnen Leben, derer, die sich zu ihnen wagten. Der Prozess des Clearings, Lisas Arbeit mit den vielen Karma - lösenden Therapieformen, welche die jeweilige Seele zuließ. Und dann das plötzlich aufblitzende Verständnis im Bewusstsein des Klienten, diese ungeheuerliche Erleichterung, ab jetzt ohne belastende uralte Gefühlsrelikte leben zu dürfen. Das war immer wieder ergreifend und schön.

Doch es war auch ein Kraftakt, ein Tasten im Niemandsland, ein Trial & Error Verfahren mit unbekannten Größen, das ihr immer wieder neue Überraschungen, miese Angriffe aus dem ätherischen Hinterhalt der Astralwelt und unkalkulierbare Risiken eingebracht hatte, die auch die hochkompetente Gruppe der therapeutischen Freundinnen nicht in den Griff bekam.

Die vierte Dimension, in die sie sich da Tag für Tag per Halbtrance mit ihrer Freundin Lisa begab, um die Probleme der Klienten an den karmischen Wurzeln zu erfassen, war unbekanntes Land.

Und für dieses unbekannte Land existierte keine Karte.

Doch Eva war ehrgeizig und neugierig genug, diese Kartierung anzusteuern. Sie hatte gelernt zu recherchieren und wusste, dass irgendwann ein großer Bedarf an Experten für diese unsichtbare Welt entstehen würde. Aber sie ahnte, dass diese Suche ihre Fähigkeiten weit übersteigen würde.

*

Vor Evas Finca im Herzen der Insel Mallorca bremste der weiße Fiat ihres Freundes Tom Bucher, Psychotherapeut und Arzt. Bucher war einer der Wenigen, der Gesprächs- und vor allem lernbereit war, wenn es um diese Art von Themen ging. Sie hatten sich kennen gelernt auf einer dieser Chillout Fiestas im Südwesten der Insel, wo schöne Menschen mit Cava anstießen und sich mit den üblichen Seitenblicken à la „Werd ich gesehen oder ist hier jemand, der gesehen werden muss?“ dem insularen Small-Talk hingaben.

Eva stand dort wie immer ein wenig verloren herum, ohne große Lust auf dieses Oberflächengeplauder, als hinter ihr eine angenehm warme Stimme den lauten und in dieser festlichen Umgebung eigentlich unmöglichen Satz los ließ:

„Zweidrittel ihrer Gäste haben ein Problem mit ihrer Selbstliebe, gnädige Frau, und das sage ich nicht als Profi sondern als Mensch!“

Die Antwort der Gastgeberin bestand aus einem hilflosen Gekicher und einem pfeilschnellen Griff zu Evas Arm.

„Eva, Süße, ich glaube, du solltest diesen Herrn hier mal kennen lernen, er findet, dass ihr euch alle nicht lieb genug habt, sag was dazu“, bat sie, stellte sie einander vor und wandte sich gekonnt dem nächsten Gast zu.

Dieser überraschte sie mit blassrosa Anemonen, die perfekt ins Ambiente passten.

„Dieser Strauss ist ein Traum! Kein Wunder, du bist ja auch der beste Designer dieser Insel“, flötete sie dem schlanken Schwulen ins Ohr. Er entführte sie zu ihrer Erleichterung auf die zweite Terrasse des Hauses.

„Magst du einen Schampus zum Sonnenuntergang?“

Eva verkniff sich jeden Kommentar zu der Szene und schaute still den Mann an, der offenbar die Wahrheit liebte.

Tom Bucher liebte auch Schwarz, sein dunkles Outfit stand in düsterem Kontrast zu den sonnengebleichten widerspenstigen Locken, die ein tief gebräuntes Gesicht mit vielen kleinen Lachfältchen umrahmten. Er war erstaunlich groß, etwa um eine Kopflänge überragte er die meisten der männlichen Gäste. Eher ein Engel denn ein Misanthrop, stellte Eva fest und schaute ihn neugierig an.

„Sind sie Menschenverächter?“

„Nein, aber ich liebe es, schöne Frauen zu schockieren“, gab er zu und grinste breit hinter der Gastgeberin her, als freue er sich, sie so wirkungsvoll verjagt zu haben.

Eva registrierte zeitgleich mit dem Ehering ein gut gepflegtes, strahlendes Gebiss und weiche graue Augen. Schade, schon vergeben. Der ganze Mann machte einen interessanten Eindruck – in dieser mallorquinischen Oberflächengesellschaft selten genug. So etwas läuft nicht lange allein herum.

Sie ertappte sich wieder einmal bei der Suche nach ihrem Märchenprinzen.

Die nächsten Sätze entschädigten sie für die leise Enttäuschung.

Tom entschuldigte sich bei ihr für das schlechte Benehmen und erzählte ganz offen von dem schwierigen Fall, mit dem er sich kurz zuvor in seiner Praxis herumgeschlagen hatte. Ein depressiver Patient, hochintelligent und in einer wichtigen Position.

„Die ganze Firma und die Familie warten darauf, dass ich das Problem löse. Und ich muss gestehen, ich bin am Ende mit meinem Latein. Ich möchte verhindern, dass ich den Mann in die Klinik einliefern muss, aber ich fürchte es geht kein Weg daran vorbei. Wissen sie, gnädige Frau, wie es in den Nervenkliniken aussieht?“, fragte er und schaute sie neugierig an.

„Und ob“, sagte Eva und lachte bitter auf. „Meine Mutter war manisch depressiv. Jetzt ist sie tot, Gott sei dank! Es wurde Zeit, dass diese Quälerei ein Ende hatte.“

„Ich weiß, wovon sie sprechen“, sagte Tom. Und nach einer kleinen Pause, in der sie beide auf das unruhige Meer hinausblickten, „Ich weiß gar nicht, warum ich ihnen das überhaupt erzählt habe. Bitte verzeihen sie mir.“

„Ich ziehe solche Gespräche an, sie aber offensichtlich auch“, sagte Eva. „Es ist eine Berufskrankheit.“

„Sind sie auch Therapeutin?“, fragte er und taxierte neugierig die große schlanke Frau, deren rotbraunes knielanges Leinenkleid so gut zu dem lockigen ebenfalls rötlichen Haar passte. Ihre vollen Brüste und die schlanken langen Beine erfasste er mit Kennerblick.

„Sie sehen gar nicht danach aus!“

„Schlimmer, ich bin ein Medium. Ich höre karmische Geschichten und fühle die Geister, die an den Menschen hängen“, sie strich sich die kinnlangen Haare aus dem Gesicht und steckte sie selbstvergessen hinter die Ohren, um besser sehen zu können, wer da vor ihr stand. Die kleine Hornbrille mit den runden Gläsern schob sie mechanisch hinterher.

Der Mann lachte irritiert auf, schien erst einmal sortieren zu müssen, was sie so gelassen aussprach.

„Das heißt, sie machen eine Art Reinkarnations-Therapie?“

„Etwas Ähnliches, nur viel kürzer und wirkungsvoller. Ich arbeite seit einiger Zeit mit einer Kinesiologin zusammen, die mich in meiner Halbtrance führt. Wir suchen die tiefen Gründe jetziger Probleme in früheren Leben und lösen sie mit dem großen Spektrum der Alternativen Therapien.“

„Erzählen sie mehr davon“, bat er. „Vielleicht ist es das, was uns zusammengeführt hat heute Abend. Über Zufall oder Fügung brauchen wir nicht zu reden, denk ich. Vielleicht kann ich etwas dazu lernen für meinen Patienten.“

Eva begann nach einigem Zögern zu reden. Es war selten, dass sie einen Menschen traf, der berufliches Interesse an ihrer Arbeit hatte. Meist waren es sensationshungrige Menschen, die nach anfänglichem Interesse an karmischen Themen nur noch von eigenen Déjà-Vu-Erlebnissen oder ihren Träumen berichteten.

„Wer sich mit diesen Ebenen befasst, stößt bei anderen Menschen meist auf ungläubiges Staunen, auf Typen, die angstvoll die Ohren verschließen oder uns für verrückt halten, wenn wir berichten,“ sagte sie vorsichtig.

Er nickte, schaute sie sehr gelassen an und wartete. Also ging sie in die Vollen in der Annahme, dass ihr Gegenüber auch ein klares Wort vertragen konnte.

„Eure traditionellen psychotherapeutischen Methoden kalkulieren selten ein, dass sich andere Persönlichkeiten in den Patienten befinden, ihr seht in ihnen schizophrene, d. h. gespaltene oder gar multiple Persönlichkeiten, ohne zu akzeptieren, dass die Patienten andere und zwar autonome fremde Persönlichkeiten in sich beherbergen, die befreit werden müssen.“

Tom Bucher hörte schweigend zu. Das Gelächter der Geburtstagsgesellschaft, ein zartes Happy Birthday Lied und die laute Partymusik traten in den Hintergrund.

Eva wollte nicht zu weit ausholen, aber dann machte es ihr Spaß, zu erklären, was kaum zu erklären war.

„Sie glauben gar nicht, wie schnell eine jahrelange Psychotherapie durch ein anderthalbstündiges Clearing beendet werden kann. Einfach dadurch, dass die Seelen, die an den Menschen manchmal traubenweise hängen, liebevoll angesprochen und ausgeleitet werden. Sie befinden sich seit Jahren und manchmal seit Jahrhunderten in dem verwirrten oder depressiven Wirt. Wir nennen das Karma-Clearing.“

„Sie wissen, dass der Clearing Begriff bereits von den Scientologen besetzt ist?“, fragte er schnell.

„Ja ich weiss, aber mit diesen Gehirnwäschen Spezialisten haben wir nichts zu tun“, sagte sie und die beiden schlenderten zu einer weissen Couch im weissen Nebenzimmer, wo die weissgekleideten Kellner nur so durchflitzten, um mit weissen Handschuhen Canapés und Champagner nachzuladen.

„Es gibt inzwischen so einige Clearing Spezialisten in aller Welt, und es gehört quasi zur Grundreinigung, Dämonenprogramme zu beseitigen“

„Was ist denn ein Dämonenprogramm?“, fragte er grinsend und griff schnell und gekonnt nach zwei neuen Champagnergläsern, so dass der Kellner fast stolperte.

Die Gäste schwirrten laut und lustig durch die eleganten Räume, bewunderten das Styling und die exotischen Gemälde und flüsterten über diejenigen unter den Gästen, die sich besonders aufgedonnert hatten.

„Es geht um magische Rituale und Seelenverträge, die bis heute über den Tod hinaus an Personen hängen können. Vor vielen Jahrhunderten wurden in der Zeit der asiatischen Bön-Priester menschliche Opfer vom Schamanen ausgewählt, die alle Plagegeister und Dämonen abfangen mussten, damit die Sippe leben und überleben konnte. Das geschah mit Ritualen, deren Auswirkungen über den Tod hinaus und bis in alle Ewigkeit an den – meist jungen und gesunden – Opfern hängen blieben. Solche magischen Verkopplungen können wir lösen und das ist ganz wichtig, damit das Leben leichter wird und der Betroffene seine wirkliche Lebensaufgabe wieder aufgreifen kann.“

Es wurde ein langer Abend, an dem die beiden nicht nur berufliche Themen besprachen. Tom gestand seine mythischen Seiten ein, das Interesse für den Heiligen Gral, die Templer und ein mystisches Reich namens Paititi, das sich angeblich in Südamerika unter der Erde befinden sollte und durch ein Höhlensystem mit allen Kontinenten dieser Welt verbunden war. Eines der Völker, die dort lebten, sollte der Empfänger des Templerschatzes gewesen sein.

„Ich habe schon einmal versucht, dorthin zu kommen, dachte, man würde den Heiligen Gral oder die Bundeslade auf dem Präsentierteller erhalten, bin aber kärglich gescheitert!“

Eva war begeistert. Der Ehering wurde nicht einmal erwähnt, und sie fragte nicht danach. Sie ersparte sich zunächst die Enttäuschung, dass dieser tolle Mann vergeben war.

Sie sprachen stattdessen über die Themen, die früher zu den bestgehüteten Geheimnissen der Welt gehörten und tauschten ihr Wissen aus. Ohne Vorbehalt und voller Begeisterung, einen informierten Gesprächspartner gefunden zu haben.

Schließlich verabredeten sie einen Termin, zu dem Tom seinen schwierigen Patienten in die Praxis von Eva und ihrer Freundin Lisa mitbringen wollte.

„Ich will sehen, wie ihr mit ihm umgeht. Vielleicht hilft es ihm, was ihr mit ihm macht, schlechter als jetzt kann es nicht werden.“

Irgendwann merkten die beiden, dass sie zu den letzten Gästen gehörten, die das durchgestylte Haus an der Küste von Puerto Andratx verließen. Sie standen noch eine Weile unter der zartlila wuchernden Bourgainvillea am Straßenrand und genossen den Vollmond, den berauschenden Duft, den der Busch mit den totenblassen Trompetenblumen verströmte und gingen nach einem langen Abschied zu ihren Autos.

Es dauerte keine drei Tage, da saß Tom mit dem kräftigen Mallorquiner im Behandlungszimmer der beiden Frauen auf Lisas Traumfinca Can Trissa. Draußen vor dem Fenster standen weißgelbe Heckenrosen in voller Blüte, ein kleiner Brunnen plätscherte im Hof und Grillen zirpten um die Wette mit den zahllosen Rotkehlchen, die den Paradiesgarten der Alfanis bevölkerten.

Lisas Mann war ein Ästhet der Alten Schule und hatte dafür gesorgt, dass sich die karge Umgebung seiner mallorquinischen Finca zur Freude seiner Frau zur üppigen Gartenlandschaft verwandelte. Jede Ecke und Nische zierten rosa und hellblaue Blüten um diese Jahreszeit, blühende Büsche, die sich an Exotik, Wuchs und Farbvielfalt gegenseitig übertrafen.

Evas Freundin Lisa – eine kleine zarte und hochsensible Frau mit kurzen blonden Haaren, betrachtete das Leben als ein einziges Geschenk, und ihre großen, blauen, immer freundlichen Augen konnten nicht genug bekommen von den Schönheiten dieser Welt. Die seelenvolle Bachblüten-Therapie und das exakte kinesiologische Arbeiten mit dem Muskeltest hatten sich im Verlauf der Jahre als Lisas Lieblingsmethoden herausgeschält. Mit Eva verband sie die Freude an ungewöhnlichen Schicksalen und noch ungewöhnlicheren Wegen, den von Krankheiten und schrecklichen Schicksalsschlägen betroffenen Menschen zu helfen. Die beiden waren ein Herz und eine Seele in der Arbeit und ergänzten sich perfekt.

Das verhärmte blasse Gesicht, die dunklen Augenränder und die verkrampfte Haltung des Patienten sprachen Bände. Es dauerte keine 20 Minuten, bis Eva die ersten Vagabundierenden Seelen in seiner Aura entdeckt und mit Lisas Hilfe „ins Licht“ begleitet hatte. Es ging ein heftiger Ruck durch den Patienten, und ein kleines Lächeln huschte über seine starren Züge.

Eva erzählte mit geschlossenen Augen die Geschichte, die zu diesen fremden Seelen gehörte, eine furchtbare Fehde im 16. Jahrhundert, die den armen Mann bis in dieses Leben verfolgte.

„Sein drittes Chakra ist zu“, sagte Lisa, und Tom konnte danach dem fremdartigen Dialog der beiden kaum noch folgen, starrte fasziniert auf die Frauen, die von Planetentönen, „Isopogon geben“ oder „Mitochondrien aktivieren“ sprachen.

Die Sitzung war das Fremdeste, was dem Therapeuten in seiner langen Berufsbahn begegnet war. Doch der Effekt war greifbar. Der mallorquinische Patient lächelte, fühlte sich sichtbar wohl und sagte, dass der steinschwere Druck auf Bauchhöhe nun weg sei, sein Kopf leicht und frei.

Als er aufstand sagte er mit kräftiger und fröhlicher Stimme, dass er jetzt Lust habe, mit seiner Frau ans Meer zu gehen.

Tom konnte es nicht fassen.