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HEXEN, LEBENDE UND TOTE

DER ZIRKEL – DIE AUSERWÄLTEN IN ENGELSFORS

ANNA-KARIN NIEMINEN – natürliche Hexe, Element: Erde. Verfügt über die Fähigkeit, andere Menschen zu kontrollieren. Hat einen Fuchs als Familiaris.

 

LINNÉA WALLIN – natürliche Hexe, Element: Wasser. Hat die Fähigkeit, über Gedanken zu kommunizieren. Kann Wasser beeinflussen.

 

MINOO FALK KARIMI – natürliche Hexe, Element: keines. Von den Beschützern gesegnet. Kann deren Magie kanalisieren. Verfügt über die Fähigkeit, die Erinnerungen anderer zu betrachten und zu manipulieren. Kann anderen die Lebenskraft und die Seele nehmen. Minoo kann die Segnung der Dämonen brechen und ist als Einzige in der Lage, die Magie der Beschützer und Dämonen zu sehen, wenn sie angewendet wird.

VANESSA DAHL – natürliche Hexe, Element: Luft. Kann sich unsichtbar machen. Zeitweise verhält sich der Wind in ihrer Nähe auffällig.

 

ELIAS MALMGREN – natürlicher Hexer, Element: Holz. Verfügt über die Fähigkeit, sein Aussehen zu verändern. Wurde von Max ermordet, bevor er erfuhr, dass er zu den Auserwählten gehört.

 

REBECKA MOHLIN – natürliche Hexe, Element: Feuer. Kann Gegenstände mit der Kraft der Gedanken bewegen und Feuer kontrollieren. Wurde von Max ermordet.

 

IDA HOLMSTRÖM – natürliche Hexe, Element: Metall. Verfügt über die Fähigkeiten, Elektrizität zu kontrollieren und als Medium zu fungieren. Wurde von Olivia ermordet.

ANDERE

ADRIANA LOPEZ (GEBEHRENSKIÖLD) – gelernte Hexe, Element: Feuer. Mitglied des Rats. Kaum magische Begabung. Kann in einem gewissen Rahmen Feuer kontrollieren. Hat versucht, den Rat zu verlassen. Wurde mit einem magischen Band bestraft, das sie an einer erneuten Flucht hindert und es ihr schwer macht, gegen Befehle zu verstoßen. Alexanders jüngere Schwester. Nahm den Nachnamen ihrer Mutter an. Hatte einen Raben als Familiaris.

 

ALEXANDER EHRENSKIÖLD – gelernter Hexer, Element: Feuer. Bekleidet eine hohe Position im Rat. Kann die Elemente anderer Hexen gegen sie selbst richten. Leitete die Untersuchungen gegen Anna-Karin und war Ankläger im Prozess, den der Rat gegen sie führte. Adrianas älterer Bruder. Adoptierte Viktor und dessen Schwester.

 

HEDVIG ELINIGA – natürliche Hexe, Element: unbekannt. Mitglied im Rat des 17. Jahrhunderts. Mutter von Matilda, Ehefrau von Nicolaus. Stürzte sich in die Flammen, als Matilda hingerichtet wurde.

 

MATILDA ELINGIA – natürliche Hexe, Element: alle. Die erste Auserwählte in Engelsfors. Lebte von 1660 bis 1675. Tochter von Nicolaus und Hedvig. Als sie ihre Kräfte aufgab, lieferte der Rat sie der zivilen Gerichtsbarkeit aus, die sie der Hexerei für schuldig befand. Wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Seitdem ist ihre Seele zwischen den Welten gefangen.

 

MAX ROSENQVIST – natürlicher Hexer, Element: Erde. Fähigkeit, die Körper anderer zu kontrollieren. Gesegneter der Dämonen. Liegt im Koma, seit Minoo seine Segnung gebrochen hat. Tötete Elias und Rebecka.

 

MONA MONDLICHT – unbekannt, Element: unbekannt. Verfügt über mediale Fähigkeiten. Betreibt die Kristallgrotte. Setzt Magie ein, um ihre Kunden an ihre Prophezeiungen glauben zu lassen und besitzt das nicht-magische Talent, genau das zu sagen, was ihre Kunden hören wollen.

 

NICOLAUS ELINGIUS – natürlicher Hexer, Element: Holz. Ehemaliges Mitglied des Rats. Lebt seit dem 17. Jahrhundert. War Priester in Engelsfors. Hedvigs Ehemann. Matildas Vater. Schloss einen Pakt mit den Beschützern, als die beiden starben. Er tötete die höchsten Mitglieder des schwedischen Rats in einem Ritual, das es ihm ermöglichte weiterzuleben, um der nächsten Auserwählten zu helfen. Nennt sich Gefährte der Auserwählten. Hat Engelsfors verlassen, niemand weiß, wo er sich befindet. Verfügt über die Fähigkeit, die Vegetation zu kontrollieren. Hatte eine Katze als Familiaris.

 

OLIVIA HENRIKSSON – natürliche Hexe, Element: Metall. Besitzt die Fähigkeit, Elektrizität zu kontrollieren, Amulette mit Magie zu laden und andere mit Hilfe dieser Amulette zu lenken. War die Gesegnete der Dämonen. Ermordete Ida, Elias’ Eltern und andere. Wurde vom Rat an einen unbekannten Ort gebracht, nachdem sie von den Auserwählten besiegt worden war.

 

SIMON TAKAHASHI – natürlicher Hexer, Element: Luft. Adrianas Geliebter und Alexanders Freund. Wurde vor fast zwanzig Jahren hingerichtet, weil er gemeinsam mit Adriana versucht hatte, den Rat zu verlassen.

VIKTOR EHRENSKIÖLD (GEB. ANDERSSON) – natürlicher Hexer, Element: Wasser. Arbeitet für den Rat, hat aber den Eid nicht abgelegt. Kann erkennen, ob jemand lügt, Wasser kontrollieren und mittels Gedanken mit anderen Wasserhexen kommunizieren. Wurde von Alexander adoptiert. Hat eine Zwillingsschwester, die durch ihre Magie krank geworden ist.

GRENZLAND

Das gleißende Weiß wird schwächer.

Ida blinzelt. Schaut sich um.

Sie ist nicht mehr in der Kirche. Sie ist nirgends. Grau umgibt sie. Wie Nebel und doch anders. Eher wie Nichts.

Matilda steht immer noch in dem weißen Kleid neben ihr und hält ihre Hand. Ihre rotblonden Haare, die Sommersprossen und eisblauen Augen bilden einen scharfen Kontrast zu all dem Grau, das sie umgibt.

Ida versucht, ihre Hand zu befreien, aber Matilda lässt nicht los.

»Wo sind wir?«, fragt Ida.

»Im Grenzland.«

»Was ist …«

Matilda bedeutet ihr, still zu sein.

»Leise«, flüstert sie und späht mit angstvollen Augen in das Grau. »Sonst finden sie uns.«

Plötzlich ist Ida froh, dass Matilda ihre Hand hält.

Die Hand.

Gerade eben, als Ida in der Kirche war, hat sie ihre Hand nach Minoo ausgestreckt und dann ging Minoo einfach durch sie hindurch. Aber Matilda kann sie offenbar anfassen.

Also bin ich vielleicht doch nicht ganz tot, denkt Ida. Nicht ganz.

Sie schaut an sich herunter und sieht, dass sie ihre normalen Sachen anhat. Die dunkle Jacke. Einen hellblauen Pulli mit V-Ausschnitt und Jeans. Sie berührt das silberne Herz, das sie an einer Kette um den Hals trägt.

Matildas Griff wird fester.

»Aua«, faucht Ida.

Matilda rennt los, zieht sie mit sich. Ida stolpert, bis sie einen gemeinsamen Rhythmus gefunden haben.

Der Boden liegt unter dem Nebelschleier verborgen. Er fühlt sich weich und schwammig an, und Ida kann ihre Schritte nicht hören, aber wenigstens gibt es so etwas wie einen Untergrund. Sie kann ihn spüren. Und sie atmet schneller, während sie rennt, ihr Puls rast. Das Silberherz prallt gegen ihr Brustbein.

Ich kann nicht ganz tot sein, denkt sie. Nicht ganz.

Sie rennen weiter. In dem Grau finden die Augen keinen Halt, es fühlt sich an, als würden sie laufen, ohne je irgendwo anzukommen.

Ida wirft einen Blick zurück. Nichts als Grau.

Nein.

Sie hört ein leises Flüstern.

Da ist etwas.

Ida kann nichts sehen, aber trotzdem ist sie sicher, dass etwas da ist. Sie läuft schneller. Jetzt ist sie es, die Matilda zieht. Weiter, weiter durch das Nichts.

Wieder hört sie ein Flüstern, ganz dicht hinter ihnen.

Ida unterdrückt einen Schrei. Es kommt ihr vor, als würde sie von all ihren Dunkelheitsängsten gleichzeitig gejagt.

Weiter vorne nimmt sie einen Schimmer wahr, sie sieht, dass es ein »weiter vorne« gibt. Das Grau scheint sich zu lichten. Und sie glaubt, hinter dem Schleier etwas zu erahnen – wie die Sonne hinter dichten Wolken. Ein schwacher, gelber Ton, verdünntes Licht, das mit dem Grau verschwimmt.

Sie sind fast da, als Matilda unvermittelt stehen bleibt. Ihre eisblauen Augen schauen Ida durchdringend an. Nicolaus’ Augen sehen ganz genauso aus.

»Ich muss versuchen, sie abzulenken, aber ich finde dich wieder«, sagt Matilda. »Zeit und Raum haben sich für dich verändert. Solange du hier bist, musst du in Bewegung bleiben. Such immer nach dem Licht.«

Und dann versetzt sie Ida einen harten Stoß.

Ida hat das Gefühl, wie in Zeitlupe zu fallen. Die Luft ist zäh und voller Widerstand.

Plötzlich ist sie an einem ganz anderen Ort.

Ein Steinboden. Ein Saal. Säulen verschwinden hoch über Idas Kopf in der Dunkelheit. Sie sind mit Mustern und Figuren in kräftigen Farben verziert. Rot, blau, gelb, grün, schwarz. Dichter Rauch hängt in der Luft und von dem starken, würzigen Geruch wird Ida schwindelig.

In der Mitte des Saals steht ein junges Mädchen. Licht strahlt von ihrem Körper aus, sickert durch ihr weißes Leinenkleid. Ihre schulterlangen schwarzen Haare sind lockig. Ihr Kopf hängt nach unten, das Kinn ruht auf dem Brustkorb. Nur die Zehen des Mädchens berühren den Boden.

Sie schwebt.

»Entschuldigung?«, sagt Ida und hört, wie schrill ihre Stimme klingt. »Hallo?«

Das Mädchen hebt den Kopf, als würde eine unsichtbare Hand ihr Kinn führen. Um den Hals trägt sie eine Kette mit einem kleinen Anhänger aus Ton. Ihr Mund öffnet sich langsam und sie fängt an, in den dunklen Raum zu sprechen.

»Wir sind jetzt da«, sagt sie.

Die Sprache ist fremd, aber trotzdem kann Ida sie verstehen.

»Seid gegrüßt«, antwortet eine raue Männerstimme.

Erst jetzt bemerkt Ida die anderen Menschen im Saal. Sie haben sich dort versammelt, wo das Licht des Mädchens sie nicht erreicht. Ida kann sie im Schatten kaum ausmachen. Es müssen mindestens zwanzig Leute sein, vielleicht mehr.

Ida ist kurz davor, etwas zu sagen, aber dann besinnt sie sich. Selbst wenn diese Menschen sie hören sollten, ist es womöglich eine irrsinnig dumme Idee, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie hat keine Ahnung, wer das ist. Sie hat keine Ahnung, wo sie ist.

»Ihr alle seid in euren Träumen hierher gerufen worden«, sagt das Mädchen zu den Versammelten. »Ihr alle seid Hexen. Ihr alle beherrscht Magie in ihren unterschiedlichen Formen. Wir haben euch gerufen und ihr seid gekommen.«

»Wer seid ihr?«, ertönt eine Frauenstimme aus dem Schatten. »Seid ihr Geister, die durch dieses Mädchen sprechen?«

»Eine Art Geister, ja«, antwortet das Mädchen. »Wir sind eure Beschützer.«

Die Beschützer. Sie müssen Ida helfen können. Ihr erklären, was hier eigentlich los ist.

»Hallo?«, sagt Ida und geht auf das Mädchen zu. »Ich bin es! Ida!«

Aber das Mädchen starrt einfach durch sie hindurch.

»Seit Anbeginn der Zeit wachen wir über euch Menschen«, sagen die Beschützer mit der Stimme des Mädchens. »Wir beobachten euch. Haben zugesehen, wir ihr eure kleinen Gesellschaften errichtet, eure Kriege geführt habt. Wir haben uns nicht eingemischt. Aber die Dinge haben sich verändert.«

»Hallo?«, sagt Ida und wedelt mit der Hand vor dem Gesicht des Mädchens herum.

Keine Reaktion. Sie versucht, das Mädchen anzufassen, aber ihre Hand gleitet einfach durch seinen Arm hindurch. Genau wie in der Kirche.

»Böse Wesen, Dämonen, versuchen, in unsere Welt einzudringen«, sagt das Mädchen.

»Dämonen?«, fragt ein junger Mann.

Ida zieht sich zurück, aber sie will auf keinen Fall in den Schatten. Schon gar nicht, wenn von Dämonen die Rede ist.

»Wesen, die sich zwischen den Welten bewegen« antwortet das Mädchen. »Sie haben nur ein einziges Ziel: Ordnung ins Chaos zu bringen.«

»Wenn das so ist, ist es gut«, sagt der junge Mann. »Chaos sollte vernichtet werden.«

»Ihr versteht nicht«, sagt das Mädchen. »Wenn die Dämonen Leben in anderen Welten entdecken, betrachten sie es als ihre Aufgabe, dieses Leben zu unterwerfen. Es nach ihrem eigenen Vorbild zu formen. Die Dämonen verabscheuen Unordnung, Gefühle, Ungleichheit. Sie betrachten sich selbst als fehlerlos und ewig. Kein Geschöpf kann ihrem Ideal entsprechen. Und wenn es ihnen misslingt, eine Welt zu unterwerfen, dann rotten sie alles Leben auf dieser Welt aus. Zerstören sie vollständig.«

Unter den versammelten Menschen erhebt sich ein unruhiges Gemurmel.

»Bis jetzt ist es uns gelungen, sie aufzuhalten«, fährt das Mädchen fort. »Aber im Kampf zwischen uns und den Dämonen sind sieben Risse in unserer Welt entstanden, sieben schwache Punkte. So etwas wie Tore, durch die die Dämonen in diese Welt gelangen können. Es ist uns gelungen, sie vorübergehend zu verschließen, aber alle sieben Tore müssen endgültig versiegelt werden.«

Das hat Ida alles schon mal gehört. Fakt ist, dass sie es sogar selbst gesagt hat, als Matilda ihren Körper in Besitz nahm und durch sie sprach.

»Das erste Portal, das versiegelt werden muss, befindet sich hier in eurer Stadt«, fährt das Mädchen fort.

Das erste? Matilda sagte, dass sechs Portale von früheren Auserwählten geschlossen wurden, dass das Portal in Engelsfors das letzte sei.

Ein Schauer läuft ihr den Rücken hinunter.

Das erste Portal, das geschlossen werden muss.

Die Frage ist nicht mehr nur, wo sie sich befindet. Die Frage ist auch, in welcher Zeit.

»Das Portal macht eure Stadt zu einem besonders magischen Ort«, sagt das Mädchen. »Und im Augenblick befinden wir uns in einem magischen Zeitalter. Das Magieniveau wird immer weiter ansteigen, und wenn es seinen höchsten Stand erreicht hat, ist die Haut zwischen den Welten am dünnsten. Nur dann kann das Portal versiegelt werden. Und diese junge Frau, durch die wir sprechen, ist die Einzige, die es tun kann. Denn sie ist Die Auserwählte.«

Das erste Portal. Die erste Auserwählte.

»Das muss ein Traum sein«, sagt Ida und kneift die Augen zu. »Ein verdammt langer Traum. Gleich wache ich auf und alles ist wieder ganz normal. Ich gehe in die zehnte Klasse, es gab nie einen blutroten Mond. Es muss ein Traum sein, das ist so viel wahrscheinlicher.«

Sie versucht, sich zum Aufwachen zu zwingen. Sie kneift sich sogar in den Arm.

Als sie die Augen öffnet, sieht sie das leuchtende, schwebende Mädchen.

Tränen laufen über Idas Wangen.

Wenn ich weine, kann ich zumindest nicht ganz tot sein, denkt sie.

Aber sie weiß nicht, was schlimmer ist. Tot zu sein oder in einer anderen Zeit festzusitzen.

»Was ist denn so besonders an diesem Mädchen?«, fragt der junge Mann.

»Ein besonderes Band verbindet sie mit diesem Ort«, sagen die Beschützer. »Sie beherrscht mehr Magie, als ihr es je tun werdet.«

»Ihr beleidigt uns!«, ertönt die raue Männerstimme.

»Wir sagen euch die Wahrheit. Ihr wurdet hierher gerufen, weil ihr über magische Fähigkeiten verfügt. Aber ihr kennt eure Kräfte nicht und das begrenzt sie. Ihr müsst viel lernen.«

Jemand schnaubt. Das Mädchen dreht den Kopf ein kleines Stück. Sieht dorthin. Es wird wieder still.

»Ihr kennt nicht einmal den grundlegenden Aufbau der Magie«, sagt sie.

»In Gottes Namen, dann klärt uns auf!«, sagt der Mann.

»In dieser Welt gibt es sechs Elemente«, sagen die Beschützer. »Sie sind die Basis jeglicher Magie. Jeder von euch kann eins dieser Elemente beherrschen.«

Das Mädchen hebt seine Hände. Nein, ruft Ida sich ins Bewusstsein, die Beschützer heben die Hände des Mädchens. Zwei gelbe Flammen flackern in ihren Handflächen auf.

»Feuer«, sagt die erste Auserwählte und im nächsten Moment werden die Flammen von einem glitzernden Sprühregen gelöscht. »Wasser.«

Ein Raunen geht durch die Menge.

Das Mädchen fährt mit den Händen durch die Luft und ein Windstoß wirbelt vor ihr auf, bildet eine kleine Windhose und legt sich wieder.

»Luft.«

Sie schlägt die Hände zusammen und ein Knall hallt durch den Saal. Als sie die Handflächen wieder umdreht, sind sie gefüllt mit schwarzer Erde.

»Erde«, sagt sie und einen Augenblick später sprießen zwei zarte grüne Pflanzen daraus hervor. »Holz.«

Pflanzen und Erde ändern die Farbe, werden zu funkelndem Silber.

»Metall.«

Sie schließt die Hände und öffnet sie wieder. Ein Regen aus silbrig glitzerndem Sand rieselt sanft auf den Boden.

»Die Auserwählte beherrscht alle sechs Elemente. Sie ist mit diesem Ort verbunden. Und ihre Kräfte sind der Schlüssel, der das Portal versiegeln kann.«

»Ein Schlüssel vermag auch zu öffnen«, sagt eine alte Frau.

»Das stimmt«, sagt das Mädchen. »Und der Feind wird versuchen, ihn zu stehlen.«

»Wie?«, fragt die alte Frau.

»Die Dämonen sind nicht in der Lage, in unserer Welt zu handeln. Aber sie können eine Hexe überreden, es an ihrer Stelle zu tun. Sie segnen die Hexe mit ihrer Magie. Das Ziel der Gesegneten ist es, Die Auserwählte zu töten, ihre Seele und ihre Kräfte zu stehlen, um das Portal zu öffnen und die Dämonen einzulassen.«

Deshalb also hat Max Elias und Rebecka getötet. Er benötigte ihre Kräfte, um das Portal zu öffnen. Er benötigte die Kräfte aller Auserwählten.

»Die Auserwählte wird den Augen des Feinds eine Zeit lang verborgen sein«, sagt das Mädchen. »Aber je näher der Kampf rückt, desto schwächer wird dieser Schutz und sie wird auf eure Hilfe angewiesen sein. Deshalb müsst ihr mehr über Magie lernen.«

So etwas wie eine Papierrolle erscheint in den Händen des Mädchens.

Sechs Zeichen treten nacheinander auf der leeren Oberfläche hervor, während das Mädchen sie aufrollt. Sechs Zeichen, die Ida nur zu gut kennt.

»Diese Zeichen repräsentieren die sechs Elemente. In ihnen liegt Kraft«, sagen die Beschützer. »Eure Aufgabe wird euch viel abverlangen. Ihr werdet die Welt vor dem Untergang retten. Von nun an seid ihr keine Individuen mehr. Ihr seid eine Einheit. Ihr seid der Rat.«

Die erste Auserwählte, denkt Ida. Der erste Rat.

Der Rauch um sie herum wird dichter, wird zu einem undurchdringlichen Nebel. Die Stimmen verstummen. Und plötzlich ist sie zurück im Grau. In dem, was Matilda das Grenzland genannt hat.

Sie sieht sich um. Sie nimmt nichts wahr, aber das muss nicht heißen, dass sie auch wirklich alleine ist. Das Unsichtbare, das hinter ihr und Matilda her war, beobachtet sie vielleicht genau in diesem Moment.

»Such nach dem Licht«, flüstert Ida sich zu und rennt los.

Sie versucht zu verstehen, was sie eben gehört hat, was es für sie bedeutet.

Die Kräfte der Auserwählten sind der Schlüssel zum Portal. Der Schlüssel, der es für immer verschließen oder öffnen kann.

Alle sechs Elemente werden gebraucht, also ist der Schlüssel nicht mehr vollständig – schon seit Elias gestorben ist.

Wie sollen sie dann das Portal schließen? Und wie sollte der Gesegnete es öffnen können? Ist die Sache nicht für alle gelaufen?

Aber das kann nicht sein, denkt Ida. Denn dann hätten die Dämonen doch sicher längst aufgegeben? Sie hätten schon aufgeben müssen, nachdem Minoo Elias’ und Rebeckas Seelen befreite. Welchen Sinn hatte es da noch, Olivia zu segnen?

Und außerdem hätten die Beschützer es den Auserwählten doch gesagt, wenn sie keine Chance mehr hätten, das Portal zu schließen? Wieso sollten sie so was für sich behalten?

Und wieso ist Minoo nicht hier und erklärt ihr alles?

Weiter vorne entdeckt Ida ein neues Licht im Grau.

Sie hält es fest im Blick und stürzt sich in das Unbekannte.

1. Teil

2. Kapitel

Minoo öffnet ihren Spind und eine Flut von Büchern, Stiften und Notizblöcken stürzt ihr entgegen. Sie schafft es gerade noch, ihr Biologiebuch und Schuld und Sühne aufzufangen, aber der Rest fällt auf den Boden.

Ihre Ohren glühen, als sie sich bückt und alles aufsammelt. Sie wartet auf das Gelächter, aber niemand scheint etwas bemerkt zu haben. Alle um sie herum sind damit beschäftigt, über ein und dasselbe zu reden.

wird so dermaßen lustig, endlich passiert was … der Kumpel von meinem großen Bruder besorgt was zu Trinken … kann ich mir nicht dieses eine Kleid von dir leihen … ach egal, alle gehen hin …

Minoo steht auf und stopft ihre Sachen zurück in den Spind. Dann setzt sie ihren Rucksack ab und fängt an, ihn vollzupacken.

»Partyyyy!«, grölt ein Typ aus der Zwölften, während er den Korridor entlangrennt.

Minoo ruft sich ihre Rolle in Erinnerung. Jeder an dieser Schule weiß, dass sie nie auf Partys geht. Dass sie nicht eingeladen wird, liegt nicht daran, dass die anderen sie hassen. Sie kommen nur gar nicht auf die Idee. Und das ist okay. Es ist wirklich okay.

Sie schlägt die Spindtür zu und blickt in ein Paar kornblumenblaue Augen.

Viktor Ehrenskiöld trägt ein sorgfältig gebügeltes Hemd und darüber einer sandfarbene Strickjacke. Sein aschblondes Haar liegt wie immer perfekt. Und wie immer riecht er nach nichts. Kein Parfum. Kein Körpergeruch. Das ist ihr nach wie vor unheimlich.

»Bitte schön«, sagt er und hält ihr einen ihrer Stifte hin.

»Danke«, sagt sie und nimmt ihn.

Es ist das längste Gespräch, das sie seit mehr als einem Monat miteinander geführt haben. Seit sie in seinem Auto saßen und er ihr erklärte, dass er dem Rat gegenüber unverändert loyal wäre, ist sie ihm aus dem Weg gegangen, und er hat sie in Frieden gelassen.

Minoo setzt ihren Rucksack auf, die Bücher drücken sich in ihr Kreuz.

»Sieht schwer aus«, sagt Viktor. »Willst du in der Walpurgisnacht lernen?«

Sie antwortet nicht, sondern geht langsam Richtung Eingangshalle. Er folgt ihr.

»Oder kommst du auch auf seine kleine … Soiree?«, fährt er fort. Er nickt in Levans Richtung, der umringt von ein paar Jungs aus der Zwölften auf dem Flur steht. Sie lachen und klopfen ihm so auf den Rücken, dass er sich die Brille hochschieben muss.

Levan.

Minoo wird also nicht mal dann eingeladen, wenn die anderen Streber eine Party geben. Das sticht mehr, als sie zugeben will.

»Kommst du?«, fragt Viktor.

»Wieso willst du das wissen?«

»Ich versuche nur, ein Gespräch zu führen.«

»Such dir jemanden, den das interessiert.«

»Autsch«, sagt Viktor und schlägt sich theatralisch die Hand vor die Brust.

In der Eingangshalle fällt Minoos Blick auf ein Plakat mit dem Foto von Olivia. HABT IHR OLIVIA HENRIKSSON GESEHEN?, fragen die großen Buchstaben über der Telefonnummer der Polizei. Olivias blaue Haare stehen wie eine Wolke von ihrem Kopf ab. Ihr Gesicht ist weiß geschminkt. Ihre riesigen braunen Augen glänzen. Ihre Wangen sind füllig. Es ist eine ganz andere Olivia als das dürre Mädchen, das Alexander vom Boden der Turnhalle aufgehoben hat.

»Minoo«, sagt Viktor. »Ich weiß, dass wir nicht immer einer Meinung waren. Aber können wir nicht wenigstens miteinander reden?«

Minoo bleibt abrupt an der Eingangstür stehen. Schaut ihn durchdringend an.

»Na klar«, sagt sie leise. »Es gibt eine Menge Dinge, über die ich gerne mit dir sprechen würde. Wo ist Olivia? Lebt sie? Und warum seid ihr noch in Engelsfors, Alexander und du? Ihr glaubt doch noch nicht mal an die Apokalypse oder daran, dass wir die Auserwählten sind, also solltet ihr wohl Besseres zu tun haben.«

»Du weißt, dass ich dir auf diese Fragen keine Antworten geben kann«, sagt Viktor.

»Dann haben wir zwei auch nichts zu bereden.«

Er legt eine Hand auf ihre Schulter, hält sie davon ab zu gehen.

»Denkst du wirklich, ich bin dein Feind?«, fragt er.

»Du bist definitiv kein Freund.«

Viktor nimmt die Hand weg.

»Oh«, sagt er. »Du meinst es ernst.«

Es scheint, als hätte ihm seine Lügendetektor-Magie verraten, wie ernst sie es meint, denn er sieht richtig verletzt aus. Für eine Sekunde hat Minoo ein schlechtes Gewissen. Dann erinnert sie sich daran, dass er womöglich genau das beabsichtigt. Sie hat keine Ahnung, wer Viktor wirklich ist, was an ihm echt ist und was Manipulation. Sie weiß nur, dass sie sich geschworen hat, ihm nie wieder zu vertrauen.

»Lass mich in Ruhe«, sagt sie.

Er folgt ihr nicht, als sie geht.

Der Schulhof ist in ein bleiches, graues Licht getaucht und sie kneift geblendet die Augen zusammen. Gustaf steht in seiner olivgrünen Jacke an dem einsamen Fußballtor. Der Wind zerzaust seine blonden Haare, und er lächelt ihr zu, hebt die Hand zum Gruß.

Minoos gesamter Körper sendet Signale aus. Verrät, woran sie nicht einmal zu denken wagt, was sie nicht fühlen darf. Ihre Ohren werden heiß. Ihre Handgelenke kribbeln wie elektrisiert, als sie auf ihn zugeht.

»Hallo«, sagt Gustaf und umarmt sie zur Begrüßung.

»Hallo«, antwortet sie und muss sich zwingen, ihn wieder loszulassen und sich nicht an ihm festzuklammern wie ein Koala am Eukalyptusbaum.

»Hast du Lust auf einen Spaziergang?«, fragt Gustaf.

 

Die Wolken liegen wie ein Deckel über Engelsfors. Gustaf und Minoo nehmen den Weg durch die Kleine Ruhe. Huflattich und Krokusse leuchten am Straßenrand. Sie gehen an dem Haus mit dem Schnitzwerk vorbei, in dem Adriana Lopez noch bis vor wenigen Wochen wohnte. Das schöne Haus steht verlassen da. Adriana lebt jetzt im Herrenhof, und Minoo fragt sich, wie es ihr geht. Wie sie sich fühlt. Minoo hat Adriana nicht mehr gesehen, seit sie ihre Erinnerungen an alles, was seit Adrianas Ankunft in Engelsfors passiert ist, verborgen hat. Verborgen, um Adriana vor dem Rat zu schützen.

Sie gehen weiter zum Kanal, und Gustaf erzählt von den verschiedenen Universitäten, an denen er sich beworben hat. Am liebsten würde er in Uppsala Jura studieren. Minoo versucht, ermutigend zu klingen, versucht, den Schmerz zu ignorieren.

Uppsala. Stockholm. Lund. Linköping. Umeå. Göteborg. Jeder Name fühlt sich an wie ein Messerstich. In ein paar Monaten wird Gustaf in einer dieser Städte leben und nicht mehr Teil ihres Alltags sein. Aber vielleicht ist das auch egal. Egal, dass diese Beziehung, oder was immer es sein mag, im Sand verläuft.

Minoo lässt den Blick zum Olssons-Hügel wandern. Für das Maifeuer ist ein großer Haufen aus Reisig und Brettern nach oben geschleppt worden.

»Kommst du zum Feuer?«, fragt Gustaf.

»Nein …«, setzt sie an, aber ein lauter Knall unterbricht sie so, dass sie zusammenzuckt.

Sie dreht sich um und sieht ein paar Mittelschüler, die hinter ihnen laut lachen.

»Darf man in dem Alter überhaupt schon Böller haben?«, fragt sie und hört selbst, dass sie klingt wie eine mürrische alte Oma.

»Hast du Angst?«, fragt Gustaf und lächelt.

»Ich verstehe nur nicht, was an Böllern so toll sein soll.«

»Früher gab’s doch nichts Besseres, als zu versuchen, irgendwelches Zeug zu sprengen. Sandhaufen und so was. Hast du das nie ausprobiert?«

Minoo schüttelt den Kopf. Natürlich hat er mit Böllern gespielt. Und natürlich hat sie das nie getan.

Sie erinnert sich an den Gustaf, den sie nur aus der Ferne kannte, als sie beide noch in der Mittelschule waren. Damals war er in der Mittagspause immer auf dem Fußballplatz, umgeben von Freunden und Fans. Minoo dagegen hat sich meistens in der Schulbibliothek versteckt, um nicht rausgehen zu müssen.

Der Gedanke daran, wie unglaublich verschieden sie und Gustaf als Kinder waren, schafft es immer wieder, sie zu verunsichern. Denn – sagt das nicht etwas darüber aus, wie grundverschieden sie auch jetzt noch sind?

Was haben sie eigentlich gemeinsam? Warum sind sie Freunde? Und was bedeutet dieses andere Gefühl? Das, woran sie nicht denken darf. Das, was Gustaf dazu brachte, ihre Hand zu nehmen, als sie an dem Abend vor dem Frühlingsfest nebeneinander auf seinem Bett saßen.

»Gehst du auf die Party?«, fragt Gustaf.

Neue Böller knallen hinter ihnen.

»Du meinst die bei Levan?«, sagt Minoo und merkt, dass es womöglich so klingt, als wollte sie es so aussehen lassen, als hätte sie heute Abend die Wahl zwischen gleich zwei fantastischen Festen.

»Genau«, sagt Gustaf.

»Ich muss lernen und außerdem bin ich sowieso nicht eingeladen«, sagt sie und hofft, nicht wie ein Märtyrer zu klingen.

»Es interessiert niemanden, wer eingeladen ist oder nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Levan klar ist, worauf er sich da eingelassen hat. Vielleicht sollten wir hingehen, um aufzupassen, dass das Ganze nicht total aus dem Ruder läuft.«

Er beendet seinen Satz mit einem Lachen, das fast ein bisschen nervös klingt. Minoo sieht ihn verstohlen von der Seite an und merkt, dass er auch gerade möglichst unauffällig zu ihr rüberschielt.

Will er wirklich, dass wir da zusammen hingehen?, denkt sie. Weshalb sollte er das wollen? Weil er sich plötzlich einbildet, ich wäre eine Freundin, mit der man super feiern kann? Oder tue ich ihm leid, weil ich in der Nacht zum ersten Mai alleine zu Hause sitze? Oder meint er genau das, was er gesagt hat? Dass ich mich als Partypolizei gut machen würde?

Oder geht es darum, dass auf einem Fest alles möglich ist?

Ihre Ohren fangen an zu brennen.

»Wieso denkst du, dass es aus dem Ruder laufen könnte?«, fragt sie.

»Es ist Walpurgisnacht. Fast niemand kennt Levan. Und es ist die erste große Party seit den Ereignissen in der Turnhalle.«

Seit den Ereignissen in der Turnhalle.

Als Olivia zusammen mit Helena und Krister Malmgren alle Mitglieder von Positives Engelsfors opfern wollte. Um Elias von den Toten zu erwecken. Mit der Lebenskraft Hunderter Menschen. Aber Helena und Krister wussten nicht, dass Olivia vorhatte, sie ebenfalls zu töten. Und Olivia wusste nicht, dass sie von den Dämonen reingelegt worden war. Wäre sie mit ihrem Massenmord durchgekommen, hätte sie nicht Elias heraufbeschworen, sondern die Apokalypse.

Aber von all dem ahnt Gustaf nichts. Er erinnert sich genauso wenig an diesen Abend wie all die Zombies, die Olivias Amulette trugen. Minoo hat alle seine Erinnerungen tief in seinem Unterbewusstsein versteckt.

Sie wünschte nur, jemand könnte ihr Gedächtnis löschen.

Alles, was Gustaf an diesem Abend erlebt hat, ist jetzt in Minoos Kopf. Sie hat Ida nicht nur mit ihren eigenen, sondern auch mit Gustafs Augen sterben sehen. Sie hat viel zu viel durch die Augen anderer gesehen. Adrianas.

Und Max’.

Wie er im Speisesaal die Pistole auf Linnéa richtete. Wie er Anna-Karin dazu brachte, das Tranchiermesser zu nehmen und sich die Klinge an den Hals zu legen. Wie er sie selbst fast ertränkte. Wie er Rebecka vom Schuldach stieß. Wie er Elias zwang, sich die Pulsadern mit der Spiegelscherbe aufzuschneiden. Wie er seine Freundin Alice zwang, von der Fensterbank zu springen, und wie sie auf den Klippen aufschlug, weil sie nicht mehr mit ihm zusammen sein wollte.

Gustaf berührt leicht ihre Schulter. Die Berührung weckt sie auf, löst sie aus dem Mahlstrom, der droht, sie in Max’ Erinnerungen hinabzuziehen.

»Wo warst du denn eben?«, fragt er.

Sie wünschte, sie könnte ihm ehrlich antworten, ihm alles erzählen. Aber die Gesetze des Rats verbieten ihr, sich der Allgemeinheit als Hexe erkennen zu geben, und zu dieser Allgemeinheit gehört auch Gustaf. Die Auserwählten müssen sich unauffällig verhalten, wenn sie den Rat nicht weiter gegen sich aufbringen wollen. Und vor allem fürchtet Minoo, was der Rat mit Gustaf machen würde, wenn er zu viel wüsste.

»Tut mir leid, mir geht zurzeit nur so viel durch den Kopf.«

»Vielleicht habe ich das eben nicht gerade geschickt verkauft, aber jetzt mal im Ernst, was meinst du? Gehen wir zu Levan?«

Minoo wird plötzlich bewusst, dass sie wirklich gerne mitkommen würde. Dass sie einen einzigen Abend lang mal nicht brav sein will, nicht das Richtige tun, nicht nachdenken.

Sie dreht sich zu Gustaf, aber er hat jemanden entdeckt, hebt die Hand und winkt. Minoo schaut in die Richtung.

Isabelle Mohlin, Rebeckas Mutter, kommt auf sie zu. Mit Rebeckas kleinen Geschwistern an der Hand. Sie trägt ihre rotblonden Haare jetzt kürzer, aber sie sieht Rebecka immer noch ähnlich. Sie lächelt Gustaf fröhlich an. Als sie bei ihnen ist, umarmt sie ihn lang und herzlich.

»Wie schön, dich zu sehen«, sagt sie und lässt ihn los.

»Gleichfalls«, sagt Gustaf und geht in die Hocke, um Alma und Moa zu begrüßen.

»Hallo«, sagt Isabelle und lächelt Minoo an.

»Hallo«, erwidert sie.

Denkt Isabelle daran, dass Minoo und Gustaf zu den Menschen gehören, die Rebecka am nächsten standen? Fragt sie sich, ob die beiden irgendwelche Zeichen bemerkt haben, die sie selbst übersah? Zeichen, die es nie gab, weil Rebecka sich nicht umgebracht hatte.

»Mama«, sagt Moa mit heiserer Kleinkindstimme. »Ich muss mal.«

»Ja, wir gehen gleich«, sagt Isabelle und wendet sich an Gustaf. »Ich muss vor der Arbeit noch die ganze Meute abfüttern. Ich bin froh, dass ich nicht mehr in der Notaufnahme bin. Walpurgisnacht und so.«

»Mama!«, quengelt Moa und zieht mit ihrem ganzen Gewicht an Isabelles Arm.

»Ja, Süße«, sagt Isabelle, ohne den Blick von Gustaf abzuwenden. »Du weißt, dass du jederzeit bei uns willkommen bist. Aber ich verstehe natürlich, dass du so kurz vor den Abschlussprüfungen viel zu tun hast.«

»Wir schreiben bald die letzten Klausuren, dann wird es ruhiger«, sagt Gustaf. »Ich wollte euch zur Abschlussfeier einladen.«

»Wie schön«, sagt Isabelle. »Wir werden wirklich versuchen zu kommen. Auf jeden Fall ein paar von uns. Tschüss, Minoo.«

Sie gehen weiter und Minoo und Gustaf bleiben stehen und schauen ihnen nach.

»Ich kann heute Abend nicht ausgehen«, sagt Minoo. »Ich muss wirklich lernen.«

Sie schaut Gustaf an und sein Blick flackert.

»Verstehe«, sagt er.

Zum Abschied umarmt er sie nicht, und sie fragt sich, ob das etwas zu bedeuten hat. Und sie hasst sich selbst dafür, dass sie sich das fragt, weil sie wünschte, er hätte es getan.

 

Minoo schließt die Haustür auf, schüttelt sich in der Diele die Schuhe von den Füßen, rennt die Treppe hoch und wirft sich aufs Bett. Ihre Gedanken sind wie tausend kleine Widerhaken, die sich festsetzen und in alle Richtungen an ihr zerren.

Sie hebt ihre Hände, löst die Sperre.

Der schwarze Rauch ringelt sich um ihre Finger. Er bewegt sich langsam, die Schleier fließen ineinander, werden dicker und breiten sich aus, schweben still über ihr wie dunkles Wasser.

An dir ist was falsch. Aber das weißt du ja schon, nicht wahr?

Du stinkst nach Magie, aber sie gleicht keiner Magie, der ich je begegnet bin. Weiß der Teufel, was das ist. Ich mag es nicht.

In der Woche nach Idas Beerdigung war Minoo in der Kristallgrotte, um Mona Mondlicht zu fragen, was sie damit eigentlich gemeint hatte.

»Ich wusste schon, bevor wir uns begegnet sind, dass an dir irgendwas faul ist«, sagte Mona und trug eine weitere Schicht frostig-rosa Lippenstift auf. »Aber dass es so übel ist, habe ich erst kapiert, als du hier aufgetaucht bist. Magie kann sich auf unterschiedliche Arten zeigen, aber die Bausteine sind immer dieselben.«

»Sie meinen die Elemente?«, fragte Minoo.

»Natürlich meine ich die Elemente«, sagte Mona Mondlicht ungeduldig. »Aber du hast kein Element, stimmt’s?«

Nein, denkt Minoo jetzt und folgt den weichen Bewegungen des Rauchs, verliert sich in ihnen. Ich habe etwas viel Besseres.

Die Gedanken verstummen. Nach und nach verebben ihre Gefühle. Als würden sie sich auflösen.

Sie hat keine Angst mehr. Im Rauch kann ihr niemand etwas anhaben, nichts tut weh. Es ist egal, ob der Schmerz von außen oder von innen kommt, er erreicht sie nicht, solange die Magie der Beschützer in ihr und um sie herum pulsiert.

Sie spürte es zum ersten Mal, als sie Max besiegte. Sie spürte es, als sie Adrianas Erinnerungen versteckte. Aber erst seit Idas Beerdigung flüchtet sie sich in den Rauch. Und vielleicht ist genau das das größte Geschenk der Beschützer. Sie von sich selbst zu befreien.

Minoo setzt sich auf und öffnet die Schublade ihres Nachttischs. Sie nimmt das Buch der Muster und legt es vor sich aufs Bett. Der Rauch fließt träge um ihre Finger, als sie auf gut Glück darin blättert.

Seit Ida gestorben ist, hat Minoo jeden Tag mit den Beschützern durch das Buch gesprochen. Sie antworten selten auf ihre Fragen. Aber alleine, dass sie da sind, fühlt sich an wie ein Trost.

Minoo sieht, wie die Elementzeichen über die Seiten gleiten, miteinander verschmelzen, auseinanderdriften und neue Muster bilden.

Wir müssen dir etwas zeigen.

Minoo streicht mit den Fingern über die Zeichen.

»Was?«, fragt sie.

Plötzlich wird ihr schwindelig.

Das Zimmer dreht sich, und ihr Kopf wird ganz leicht, als wäre er mit Helium gefüllt.

Sie schwebt ein kleines Stück über ihrem eigenen Körper, steigt höher und höher, bis zur Decke. Sie schaut nach unten und sieht sich selbst auf dem Bett sitzen, das Buch der Muster aufgeschlagen auf den Knien.

Dann mustert sie die Dachziegel unter sich.

Sie hebt den Blick, sieht die ganze Stadt. Wie ein glühender Ball hängt die Sonne am Himmel. Direkt unter ihr ist das Haus, in dem sie wohnt. Das Viertel, in dem sie aufgewachsen ist. Sie sieht alles, nimmt wahr, wie es kleiner und kleiner wird, während sie langsam weiter nach oben steigt.

Eigentlich müsste sie Angst haben. Sie betrachtet Engelsfors aus der Vogelperspektive, aber alles, was sie fühlt, ist eine kühle Neugier.

Es sieht so schön aus.

Von hier oben wirken die Straßen der Stadt ganz anders. Manche krümmen sich in sanften Kurven, die ihr zu Fuß noch nie aufgefallen sind. Sie sieht den Wald, der die Stadt umgibt. Sieht die Sonne im Dammsee glitzern und im Wasser des Kanals. Sie sieht das Krankenhaus. Den Herrenhof. Die Stille ist vollkommen. Als würde die Stadt schlafen. Nichts bewegt sich.

Außer am Himmel.

Sie schaut zum Gymnasium.

Dunkel Wolken haben sich hinter dem viereckigen Backsteinbau aufgetürmt, und jetzt kriechen sie in alle Richtungen über den Horizont, wachsen über das ganze Firmament.

Das sind keine Wolken.

Schwarzer Rauch wallt lautlos über Engelsfors. Seine Tentakel schlängeln sich zwischen die Hochhäuser, in die Gärten der Villen, schlucken alle Gebäude, schlucken die ganze Stadt. Die Sonne verblasst, schrumpft zu einem fernen Stern, einem Stern, der schließlich erlischt. Und Minoo weiß nicht, ob sie in den Weltraum geschleudert wird oder fällt.

Sie öffnet die Augen.

Alle Ängste, die sie eben nicht fühlte, überrollen sie jetzt.

Mit zittrigen Beinen steht sie vom Bett auf, geht zum Fenster und schaut nach draußen.

Und obwohl alles aussieht wie immer, ist sie sicher, dass sie eben die Wirklichkeit gesehen hat.

Sie ist nur noch nicht eingetreten.

3. Kapitel

Anna-Karin ist seit Stunden unterwegs, war im Bewusstsein des Fuchses und in ihrem eigenen. Sie haben Knospen an den Bäumen gesehen und Blumen an den Hängen. Sie haben den Vögeln zugehört, Hasenfährten und die Wege anderer Füchse verfolgt, haben im Gebüsch ein Amselnest entdeckt, aber die Eier in Ruhe gelassen.

Es ist ein perfekter Frühlingstag, doch Rastlosigkeit zerrt an Anna-Karin und ihrem Familiaris.

»Wonach suchen wir eigentlich?«, fragt sie den Fuchs.

In den letzten Wochen hat sie ihm und sich selbst diese Frage oft gestellt. Der Fuchs kann ihr keine Antwort geben. Er weiß nur, dass sie weitersuchen müssen.

Der Weg teilt sich an einem alten, eingezäunten Grubenloch, das mit Wasser gefüllt ist. Die Ränder der Grube fallen steil zu der reglosen Wasserfläche ab. Das Moos auf den Felswänden fluoresziert grün.

Der Fuchs trippelt weiter nach links auf dem gewundenen Pfad. Sein buschiger Schwanz wedelt hin und her und Anna-Karin muss lachen.

Sie hat versucht, ihm einen Namen zu geben, aber keiner passt. Dann musste sie sich eingestehen, dass es sich nicht richtig anfühlte, ihn überhaupt zu taufen. Sie hat kein Recht, darüber zu bestimmen, wie er heißen soll, also ist er für sie nur der Fuchs. Sie fragt sich, ob Nicolaus seinen Familiaris aus demselben Grund Katze genannt hat.

Sie versucht, sich den Gedanken an Nicolaus aus dem Kopf zu schlagen. Seit seinem Verschwinden ist mehr als ein halbes Jahr vergangen und er hat sich nicht ein einziges Mal gemeldet. Nicht mal um ihnen zu sagen, dass er noch lebt. Falls er noch lebt.

Plötzlich bleibt der Fuchs mitten auf dem Weg stehen und sieht sie aus bernsteinfarbenen Augen an. Sein Schwanz rührt sich nicht.

»Was ist los?«, fragt Anna-Karin und er antwortet mit einem durchdringenden Bellen.

Sie geht auf ihn zu, aber er wartet nicht. Stattdessen verlässt er den Weg und verschwindet zwischen den Fichtenstämmen.

Anna-Karin bleibt stehen und schaut ihm nach. Zögert.

Viele sind in den Wäldern hier verschwunden und die meisten Engelsforser verlassen die Wege nur ungern. Anna-Karin würde sich am liebsten davor drücken, aber der Fuchs will, dass sie kommt.

Sein Bewusstsein zieht sie zu sich, und für einen Moment taucht Moos vor ihr auf, Baumstämme huschen an ihr vorbei, er rennt immer schneller.

Sie macht einen Schritt in den Wald. Einen Augenblick lang ist sie verwirrt, weil das Moos unter ihren Füßen nachgibt, statt ihre Pfoten zu tragen. Dann verschwindet auch sie zwischen den Bäumen.

Irgendwo weiter vorne bellt der Fuchs wieder, und Anna-Karin hastet weiter, bis sie ihn sieht. Er wartet an einem umgestürzten Baum, dessen Wurzel ihr bis zur Schulter reicht. Er schaut sie durchdringend an.

»Hast du etwas gefunden?«, fragt sie.

Im selben Moment wird ihr bewusst, wie still es ist. Keine Vögel, die singen. Kein Rauschen in den Baumkronen hoch über ihren Köpfen. Und sie versteht.

Sie geht an der Wurzel vorbei und sieht sich um. Obwohl sie sich inzwischen daran gewöhnt haben müsste, stellen sich ihre Nackenhaare auf.

Die Stämme haben sich grau gefärbt. Die Nadeln der Fichten sind vertrocknet und schmutzig braun. An den kahlen Zweigen der Laubbäume sind nirgends Knospen zu sehen. Noch ein toter Platz im Wald. Seit dem letzten Sommer sind es immer mehr geworden.

Der Fuchs bellt ein Mal, dann geht er weiter. Langsam. Wachsam.

Anna-Karin folgt ihm.

Die Luft macht das Atmen schwer. Außer dem Rascheln des trockenen Waldbodens unter ihren Füßen ist nichts zu hören. Es kommt ihr vor, als würden die Bäume näher herankriechen. Als würde sich der Wald um sie schließen.

Das ist natürlich nur Einbildung. Alles ist still.

Viel zu still.

Sie zuckt zusammen, als der Fuchs wieder bellt. Er ist stehen geblieben.

Eine Amsel liegt auf dem Rücken im Moos. Ihr Schnabel ist halb geöffnet, die Flügel ausgebreitet.

»Armer kleiner Kerl«, sagt Anna-Karin.

Sie will hier weg. Sofort. Der Fuchs schnuppert vorsichtig an den schwarzen Federn.

»Komm jetzt«, sagt sie und hebt den Blick.

Der Boden ist so felsig, dass es aussieht, als würde das Moos in Wellen auf sie zukommen. Und jetzt sieht sie die Vogelkörper. Alle mit ausgebreiteten Flügeln, als wären sie im Flug vom Himmel gefallen.

Anna-Karin macht ein paar Schritte. Sie liegen überall.

Elstern. Krähen. Kleine Singvögel.

Anna-Karin bleibt bei einem Mäusebussard stehen, der auf dem Rücken liegt. Es ist ein Jungvogel, das erkennt sie an der Gefiederzeichnung auf der Unterseite seiner Flügel.

Sie fragt sich, wie lange die Vögel hier wohl schon liegen. Es hat noch keine Verwesung eingesetzt. Bei so vielen Kadavern sollte es hier eigentlich vor Insekten nur so wimmeln.

Der Fuchs bleibt neben ihr stehen.

»Komm«, flüstert sie. »Wir gehen nach Hause.«

Sie dreht sich um und geht zurück. Sobald sie den ersten Fuß auf den Waldweg setzt, fühlt sie sich wieder sicherer. Ihr Handy klingelt und der Fuchs spitzt die Ohren. Erleichtert sieht sie Minoos Namen auf dem Display. Sie wird sich besser fühlen, wenn sie ihr davon erzählt hat.

»Es ist was passiert«, sagt Minoo sofort.

Anna-Karin schluckt, als Minoo von dem schwarzen Rauch berichtet. Wie er Engelsfors verschlingt.

»Ich glaube, ich möchte heute Abend nicht alleine sein«, sagt Minoo. »Papa übernachtet in Fagersta. Kann ich zu dir kommen?«

Anna-Karin zögert. Minoo war ein paarmal bei ihr zu Hause, aber Anna-Karin hat sich jedes Mal unwohl gefühlt. Sie stellt sich vor, wir ihre Wohnung in Minoos Augen wirken muss.

Und Mama war die letzten Tage schlechter drauf als sonst. Sie hat das Sofa kaum verlassen, liegt nur da und raucht, tut sich selber leid und hat den Fernseher viel zu laut gedreht. Als Anna-Karin sich heute Morgen erkundigte, wie es ihr geht, fauchte ihre Mutter nur: Du brauchst gar nicht erst fragen, du verstehst es ja sowieso nicht.

»Oder du kommst zu mir«, sagt Minoo, und man hört ihrer Stimme an, dass sie weiß, warum Anna-Karin zögert.

Anna-Karin wird plötzlich wütend. Warum soll sie sich schämen? Sie und ihre Mutter sind zwei verschiedene Menschen.

»Nein, ist schon okay«, sagt Anna-Karin. »Komm du zu mir. Ich rufe dich an, sobald ich ein bisschen aufgeräumt habe.«

»Das ist nicht nötig.«

Anna-Karin denkt an Mamas Aschenbecher, an den Wäschekorb im Badezimmer, der so voll ist, dass er überquillt, an die riesigen Wollmäuse.

»Doch«, sagt sie. »Das ist es.«

 

Als Anna-Karin die Wohnungstür aufschließt, kommt Peppar zu ihr und schnuppert. Er scheint den Fuchsgeruch interessant zu finden.

Die Tür zu Mamas Zimmer ist zu. Anna-Karin stellt sich lange unter die warme Dusche und versucht, das Gefühl der heraufziehenden Katastrophe abzuwaschen. Dann geht sie in ihr Zimmer und zieht eine bequeme Jogginghose und ein lockeres T-Shirt an. Die Deckenlampe flackert. Seit fast einem Jahr verhält sich der Strom jetzt so. Noch ein Hinweis darauf, dass die Apokalypse näher rückt. Sie macht die Lampe aus, um es nicht länger sehen zu müssen.

Sie geht in die Küche und weicht die Teller mit den angetrockneten Essensresten ein. Anna-Karin wirft einen Blick in den Kühlschrank. Sie muss Mama um Geld bitten, damit sie einkaufen gehen kann. Aber sie drückt sich davor. Sie weiß, dass sie am Limit leben. Ihre Mutter tut nicht einmal mehr so, als würde sie Arbeit suchen. Anna-Karin hat keine Ahnung, was werden soll, wenn ihnen das Geld ausgeht. Muss sie sich dann ans Sozialamt wenden? Wird ihnen jemand helfen?

Sie will nicht mehr daran denken. Sie nimmt ihr Handy und ruft ihren Großvater an.

Ein Freizeichen nach dem anderen vergeht, ohne dass jemand abnimmt. Anna-Karin wird unruhig. Um diese Zeit sitzt ihr Großvater eigentlich in seinem Zimmer. Sie will gerade auflegen, als sich eine Frau meldet.

»Bei Taisto Nieminen.«

»Hallo, hier ist Taistos Enkelin. Ist er zu sprechen?«

»Er schläft. Es fühlt sich heute nicht so gut.«

Anna-Karin starrt das Spülwasser an, auf dem sich ein öliger Film gebildet hat.

»Ist … ist es etwas Ernstes?«, fragt sie.

»Nein, es ist bestimmt nicht schlimm«, sagt die Frau. »Er ist nur müde. Ruf doch morgen wieder an.«

Anna-Karin legt auf.

Mona Mondlichts Weissagung hallt in ihrem Kopf wider.

Sag Adieu, solange du kannst. Noch ist Zeit. Nutze sie.

4. Kapitel

Linnéa lehnt sich auf dem unbequemen Sofa in Dianas Zimmer zurück.

Sie fragt sich, wie oft sie schon im Jugendamt von Engelsfors rumhocken musste. Und sie fragt sich, wie oft sie das wohl noch tun wird.

Ihr gegenüber sitzt Diana auf einem stoffbezogenen Stuhl. Rechts von ihr sitzt Psychologen-Jakob, links von ihr eine dicke Frau, deren Namen Linnéa schon wieder vergessen hat.

Linnéa muss an die drei Affen denken. Jakob hat während des gesamten Gesprächs noch kein einziges Wort gesagt. Die Frau hat Fragen gestellt, ohne sich Linnéas Antworten anzuhören. Und Diana tut offenbar alles, um Linnéa nicht anschauen zu müssen.

Das Ganze nennt sich »Netzwerktreffen«, das soll vermutlich gut klingen und nach Sicherheit, aber Linnéa muss die ganze Zeit an einen Fisch denken, der zappelnd im Netz hängt.

»Du wirst ja nun schon bald achtzehn«, sagt Diana. »Der größte Unterschied wird für dich darin bestehen, dass die Kinder- und Jugendpsychiatrie nach deinem Geburtstag nicht mehr für dich zuständig ist.«

Sie schielt zu Jakob, der sich räuspert.

»Genau«, sagt er. »Dann kümmert sich die Erwachsenenabteilung um dich. Aber das Angebot ist freiwillig.«

Alle drei mustern Linnéa. Sie muss ihre Gedanken gar nicht lesen, um zu wissen, wie sehr sie hoffen, dass Linnéa gleich etwas Durchdachtes, Reifes dazu sagen wird.

»Es geht mir ja viel besser«, sagt sie. »Mit den Panikattacken und so.«

Jakob und Diana nicken einfühlsam. Sie glauben ihr.

Sie wissen nicht, dass Erik Forslund und Robin Zetterqvist Linnéa gezwungen haben, von der Kanalbrücke zu springen. Dass sie seit diesem Abend keine Nacht ohne Albträume verbracht hat. Dass die Panik sie überfällt, sobald sie auch nur jemanden sieht, der den beiden ähnelt.

Sie hat nicht vor, Diana und Jakob davon zu erzählen. Entweder würden sie ihr nicht glauben oder sie würden ihr glauben. Aber dann würden sie vermutlich Anzeige erstatten und das will Linnéa auf keinen Fall.

Helena ist tot, doch daran, dass sie Erik und Robin ein Alibi gegeben hat, hat sich nichts verändert. Somit würde Aussage gegen Aussage stehen, und es herrscht kein Zweifel daran, wem man glauben würde. Erik und Robin sind die Hockeystars der Gegend und ihre Familien gehören Engelsfors’ lächerlicher Kleinstadtsociety an. Linnéa ist ein Psychofall mit seltsamen Klamotten und einem stadtbekannten Säufer als Vater.

»Es ist natürlich schön, dass es dir besser geht«, sagt Diana. »Aber vielleicht wäre ein wenig zusätzliche Unterstützung trotzdem nicht verkehrt.«

»Ich denke darüber nach«, lügt Linnéa.

Was bringt es, zum Psychologen zu gehen, wenn man alle wichtigen Sachen, die einem im Leben passieren, verschweigen muss? Zum Beispiel, dass man einem Mordversuch ausgesetzt war? Oder dass man gerade versucht, die Welt vor den Dämonen zu retten?

»Das klingt gut«, sagt Jakob.

»Ansonsten wird sich, wie gesagt, nicht viel für dich ändern, solange du das Gymnasium besuchst«, sagt Diana. »Du kannst weiter in der Wohnung wohnen. Und ich bleibe deine zuständige Sozialarbeiterin. Außer natürlich, du willst mit mir Schluss machen.«

Sie lächelt, aber Linnéa sieht die Unsicherheit in ihren Augen.

Als Minoo Diana das Amulett mit dem Metallzeichen vom Hals riss, erwachte Diana wie aus einem Traum. Sie hatte versucht, Linnéa in ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche zu sperren, und wusste plötzlich nicht mehr, wieso. Im Anschluss war sie mehrere Wochen krankgeschrieben. »Burnout« hatte Diana es in ihren Gedanken genannt. Linnéa konnte ihre Angst spüren. Weiß, dass Diana ihrer eigenen Psyche nicht mehr über den Weg traut, weil sie fürchtet, irgendwann wieder die Kontrolle zu verlieren. Das kann Linnéa definitiv nachvollziehen.

»Nein, alles gut«, sagt sie und Diana sieht erleichtert aus.

»Okay«, sagt sie. »Dann bleibt es dabei. Anette, erzählst du uns vielleicht kurz, wie ihr arbeiten werdet?«