Cover

Nicole Boyle Rødtnes wurde 1985 geboren und lebt in Kopenhagen, Dänemark. Die Erfahrung mit einem Aphasie-Patienten in ihrer Familie inspirierte die Autorin dazu, einen Roman über die Krankheit zu schreiben und zu zeigen, wie eine Person verschwindet, wenn sie keine Witze mehr erzählen oder über ihr Leben sprechen kann. Mit ihrem Buch Wie das Licht von einem erloschenen Stern möchte Rødtnes Außenstehenden verständlich machen, was für ein harter Kampf es ist, seine Sprache wiederzufinden.

Bei Gulliver erscheint von Nicole Boyle Rødtnes die Elfentrilogie Die Töchter der Elfe.

Impressum

Dieses E-Book ist auch als Printausgabe erhältlich

(ISBN 978-3-407-82104-1)

www.beltz.de

© 2016 Beltz & Gelberg

in der Verlagsgruppe Beltz · Weinheim Basel

Werderstr. 10, 69469 Weinheim

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Neue Rechtschreibung

© 2014 Nicole Boyle Rødtnes

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel

Hul i hovedet bei Forlaget Alvilda, Kopenhagen

Aus dem Dänischen von Gabriele Haefs

Lektorat: Isabelle Ickrath

Einbandgestaltung: © FAVORITBÜRO, München unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com (Pfauenfeder © Evgeniya Moroz) und gettyimages.de (Mädchen mit Federn © Jeremy Woodhouse/Holly Wilmeth)

E-Book: Beltz Bad Langensalza GmbH, Bad Langensalza

ISBN 978-3-407-74710-5

Inhalt

Kapitel 1
Lustiges Ratespiel mit der Spastifrau

Kapitel 2
Albtraum

Kapitel 3
Fallenlassen

Kapitel 4
Workshop

Kapitel 5
Schauspiel

Kapitel 6
Abweisung

Kapitel 7
Idas Geburtstagsfest

Kapitel 8
Ring

Kapitel 9
Meteorregen

Kapitel 10
Toter Stern

Kapitel 11
Breitengrade

Kapitel 12
Idiot

Kapitel 13
Siebzehn Tage

Kapitel 14
Ein Sonnensystem aus Bildern

Kapitel 15
Im Zoo

Kapitel 15
Eine Sieben

Kapitel 17
Weg

Kapitel 18
Die Farbe Weiß

Kapitel 19
Träumen

Kapitel 20
Haie

Kapitel 21
Angebunden

Kapitel 22
Ein ganzes Wochenende

Kapitel 23
Ganz weg

Kapitel 24
Entschuldigung

Kapitel 25
Ein Pfau auf der Flucht

Kapitel 26
Sechs Monate später

Kapitel 27
Abschied

Nachwort der Autorin

Kapitel 1

Lustiges Ratespiel mit der Spastifrau

Woran ich mich am besten erinnere, ist das Gefühl, zu ertrinken. Zuerst kam der scharfe Schmerz, als ich mit dem Hinterkopf auf den Boden des Schwimmbeckens knallte. Der Schmerz pulsierte vom Nacken ins Rückgrat und dann weiter in jede Zelle. Ich versuchte zu schreien, aber aus meinem Mund quoll nur Wasser. Das Chlor brannte mir in der Nase und im Hals, als es meine Lunge füllte. Viel zu spät erst konnte ich den Mund zumachen. Ich hustete, aber dadurch kam nur noch mehr Wasser herein. In meiner Brust hämmerte es. Meine Lunge war ein einziger Schmerzklumpen, der nach Sauerstoff schrie. Ich schlug wie wild um mich, wollte nach oben, aber der Schmerz in meinem Hinterkopf war noch immer so scharf, dass er mich blendete. Oben und unten gab es nur noch Chaos. Ich kratzte mit den Fingernägeln über den Boden. Trat um mich, aber mein Kleid wickelte sich um meine Beine und hielt sie fest. Und der Schmerz in meinem Kopf wurde immer schärfer, bis alles andere verschwand.

»Ich heiße Vega«, sagt der Computer, und ich wiederhole.

»Ich heiße Vega«, sage ich. Ich lächele, denn ich kann ja hören, dass ich es diesmal fast richtig gemacht habe.

Alles ist so schwer, seit mein Gehirn in Stücke gegangen ist. Es ist vor sechs Monaten auf dem Sommerfest passiert. Ich bin ausgerutscht und in ein Schwimmbecken gefallen. Bin mit dem Hinterkopf auf den Boden geknallt und ertrunken, bevor Johan mich herausziehen und mit den Wiederbelebungsversuchen anfangen konnte.

Ich kam in einem Krankenhausbett zu mir. Gehirnblutung. Sprachzentrum beschädigt. Aphasie. Die Ärzte haben immer wieder versucht, mir das zu erklären. Meine Sprache ist zerbrochen. Wenn ich den Mund öffne, kommt nur ein Wörterwirrwarr heraus.

Das Sozialamt stellt mir eine Logopädin. Sie heißt Charlotte und besucht mich einmal pro Woche, um mit mir zu üben. Sie war vorhin hier und hatte eine Menge neuer Übungen, aber die waren viel zu schwer. Und obwohl sie sagt, dass wir die Sache dann eben langsam angehen werden, finde ich es schrecklich, dass es so ist. Jetzt übe ich mit dem Computer.

Ich schließe die Tür, damit meine Mutter nichts hört. Sie bekommt immer diesen traurigen Blick, wenn ich die Wörter ruiniere, was mir oft passiert. Viel zu oft und absolut gegen den Plan, den Charlotte aufgestellt hat. Aber was soll ich machen? Ich habe ein Loch im Kopf. Ein Loch im Gehirn. Ein Fleck auf dem Röntgenbild. Ein Krater dort, wo die Sprache sein müsste. Der Krater ist entstanden, als Gehirnmasse abgestorben und verfault ist.

Mein Telefon vibriert und ich sehe mir die Mitteilung an. Die Buchstaben verwickeln sich auf dem Display miteinander. Ich brauche Zeit, um meine Gehirnzellen zu sammeln und lesen zu können.

»In 5 Min da.«

Meine Finger gleiten über die Tastatur. Ich konzentriere mich und spüre fast, wie es da oben im Gehirn um das Loch brodelt, als ob die restlichen Zellen versuchten, eine Brücke darüberzubauen.

O.k. Das will ich schreiben. Es steht ganz deutlich in meinen Gedanken, aber als ich auf die Tastatur blicke, kann ich mich plötzlich nicht erinnern, welches Geräusch zu den Symbolen gehört.

Ich versuche es also mit K. K wie Konsonant. Krokodil. Es gibt keine Bilder in meinen Gedanken, nur die Erinnerung an das Geräusch. Das ist seltsam. Wenn ich mich wirklich konzentriere, kann ich lesen, aber schreiben kann ich noch immer nicht. Auch das gehört zu den Dingen, die ich an dieser Krankheit nicht verstehe. Aber ich brauche ja auch nicht zu antworten. Ida weiß schließlich, dass Nachrichten nicht mehr meine große Stärke sind.

Bald darauf höre ich die Türklingel. Ich warte an der Wohnungstür und sehe Ida, die sich in den fünften Stock hochkämpft. Ihre braunen Locken sind vom Regen verwuschelt. Der Regen kann jeden Tag zu einem Bad Hair Day machen, sagt sie oft.

»Hallo«, sagt sie.

»Hallo«, sage ich. Das ist ein Wort, das ich im Griff habe.

Sie umarmt mich. Ihre Wangen sind eiskalt.

»Hallo, Ida.« Meine Mutter erscheint auf dem Gang. »Das ist aber nett, dass du kommst. Vega freut sich so über deine Besuche.«

Ich schaue weg. Ich finde es schrecklich, wie meine Mutter sich anhört. Bei ihr klingt es, als ob ich irgendein Wohltätigkeitsprojekt wäre. Rettet den Regenwald. Helft den Kindern in Afrika. Besucht die arme Vega, die nicht sprechen kann.

»Das ist doch nicht der Rede wert«, sagt Ida. »Ich werd ja wohl meine beste Freundin besuchen.«

Ja, beste Freundinnen. Das sind wir. Und zwar, seit wir in der ersten Klasse einen Klub für alle gegründet haben, die »My Little Pony« liebten.

»Na, dann macht es euch gemütlich, Mädels. Ich muss gleich in den Verlag«, sagt meine Mutter.

Sie ist Journalistin und schreibt Bücher, in denen sie Promis interviewt. Das Klappern ihrer Finger auf der Tastatur gehört zu den Geräuschen, an die ich mich schon aus meiner frühesten Kindheit erinnern kann. Aber in den letzten beiden Monaten war es still im Arbeitszimmer. Sie fährt noch immer zu vielen Interviews, aber obwohl sie jeden Tag ihr Diktiergerät ablaufen lässt, taucht auf dem Bildschirm kein einziges Wort auf. Und darum wird es sicher gleich im Verlag gehen. Wie sie das Buch fertigstellen sollen, jetzt, da Mama schon wieder einen Abgabetermin verpatzt hat.

Wir gehen in mein Zimmer.

»Wie geht es dir?«, fragt Ida.

»Gut«, sage ich. Das gehört auch zu den Wörtern, die ich gut im Griff habe. Das lernt man, wenn man dauernd gefragt wird: »Wie geht es dir?« Den meisten reicht ein »Gut«, dann laufen sie mit ruhigem Gewissen weiter. Sie bleiben lieber nicht zu lange, denn es könnte ja sein, dass ich plötzlich eine Menge Unsinn von mir gebe.

Ida sieht mich an. Sie kann gut erraten, wann ich darüber reden will und wann nicht. Und heute ist es ein ganz klares Nein.

Ich habe gesehen, dass Charlotte in ihren Unterlagen gesucht hat. Dass sie auch in dieser Woche in viele Spalten ein Minus gesetzt hat. Es ist bald Zeit zu einem Einstufungsgespräch, zu dem Charlotte mich, meine Mutter und Alma zu sich bestellt, um über meine Fortschritte oder meinen Mangel an denselben zu reden.

»Du?« Ich bin nicht sicher, ob ich dieses Wort richtig herausbringe, deshalb zeige ich auch noch auf sie. Zeichen können eine große Hilfe sein, vor allem, wenn meine Ohren mich betrügen und sich einbilden, ich sagte das Richtige, auch wenn ich allen andern ansehen kann, dass mir das eben nicht gelingt.

»Gut«, sagte sie. »Das Fest war toll. Du hättest wirklich dabei sein müssen.«

Ich zucke mit den Schultern.

»Nächstes Mal kommst du!« Sie nimmt meine Hand und wir verschränken unsere Finger ineinander.

Ich verdrehe die Augen und mime ein Gähnen.

»Nein, hör auf damit. Du bist nicht langweilig«, sagt sie. »Und wenn du etwas trinken möchtest, bestelle ich das für dich.«

Wir lachen. Denn Ida liebt Drinks und Shots, während ich mehr auf Bier stehe. Wenn ich sie bestellen lasse, dann bin ich sicher schon betrunken, bevor das Fest richtig losgegangen ist.

»Ja, ja«, sagt sie. »Aber zu meinem Geburtstagsfest musst du auf jeden Fall kommen!«

Ich nicke. Das war ein Versprechen, das ich schon vor langer Zeit gegeben habe. Und obwohl es noch zwei Wochen dauert, ist Ida schon gewaltig mit den Vorbereitungen beschäftigt.

Dann setzen wir uns nebeneinander aufs Sofa und schlagen die Beine übereinander, und zwischen uns ist nur noch eine Handbreit Platz.

»Aber das Fest gestern …«, sagt Ida. »Ich hab dir ja so viel zu erzählen.«

Ich nicke. Das gehört zu den Dingen, die ich an Ida liebe. Sie ist eine gute Erzählerin, deshalb braucht nicht alles zu sterben, bloß weil ich nicht reden kann.

»Du hättest mal Susan sehen sollen!«, sagt Ida und verdreht wieder die Augen. »Also, ich weiß ja auch, dass das Thema ›Gangster und Nutten‹ war, aber dennoch.«

»Wir kurz war denn ihr Rock?«, frage ich. Oder genauer gesagt, ich glaube, das gefragt zu haben, aber das Runzeln auf Idas Stirn sagt mir, dass etwas anderes aus meinem Mund gekommen ist.

»Wie kost war das Fest?«, wiederhole ich, und jetzt höre auch ich, dass es nicht richtig war.

»Was der Eintritt gekostet hat?«, fragt Ida. »Vierzig Kronen, das war nicht der Rede wert.«

Ich schüttele den Kopf.

»Wie kost war das Fest?«, frage ich noch einmal und versuche, es mit den Händen zu demonstrieren. Etwas Kurzes und etwas Langes zu zeigen.

Ida überlegt.

»Wie viele da waren?«

Ich schüttele den Kopf.

»Auch egal«, sage ich. Die Wut hämmert hinter meiner Stirn. Blöder Drecksmund und Scheißohren, nie können sie etwas richtig machen.

»Du darfst nicht aufgeben, Vega.« Ida drückt meine Hand.

»Geht es um das Fest?«, fragt sie dann.

Ich nicke.

Sie überlegt noch ein wenig.

»Geht es um Susan?«

Wieder nicke ich. Zupfe ein bisschen an meiner Bluse.

» Ach so.« Ida schlägt sich vor die Stirn.

»Du willst wissen, was sie anhatte.«

Ich nicke.

»Das war … also ich glaube, sie selbst hat das für einen Rock gehalten.« Wieder verdreht Ida die Augen und beschreibt dann ausführlich, wie viel oder genauer gesagt wie wenig Susan anhatte.

Danach gerät unser Gespräch ins Stocken. Ich kann ihr ansehen, dass es ihr Probleme macht, dass ich alles durcheinandergeworfen habe. Es ist aber auch blöd, immer die zu sein, die mit der Spastifrau Ratespiele machen soll.

Ich versetze ihr einen Rippenstoß und sie lächelt. Ich mache eine Handbewegung, um zu zeigen, dass sie weitererzählen soll.

»Hmmm«, sagt sie. »Was ist sonst noch passiert …«

Ich zeige auf sie und mache einen Kussmund.

Sie lacht und wird rot.

»Nein«, sagt sie und errötet noch ein bisschen mehr, und ich versetze ihr einen Rippenstoß.

»Okay«, sagt sie dann. »Ein bisschen vielleicht.«

»Wer?«, frage ich.

»Wenn ich das sage, musst du versprechen, nicht zu lachen.«

Ich zwinge mich dazu, tiefernst auszusehen, und nicke.

»Oscar«, sagt sie.

Ich glotze sie an.

»Verrate das bloß niemandem!«, sagt sie. »Das ist doch oberpeinlich!«

»Ich …« Ich kann das Wort nicht finden, deute aber einen Reißverschluss über meinen Lippen an.

»Ich weiß nicht, wie das passiert ist.« Sie versteckt das Gesicht hinter einem Kissen. »Ich hatte einfach zu viel getrunken und dann …«

Ich reiße das Kissen weg, will noch weitere Einzelheiten hören.

»Was?«, frage ich.

»Es ist einfach so peinlich«, sagt sie und mir kommt ein entsetzlicher Gedanke.

»Bananaka?«, frage ich.

»Was?«

Ich zeige es mit drei Fingern. Vögeln. Sex.

»Nein«, sagt sie und schlägt mir das Kissen an den Kopf. »Also echt, Vega.« Und dann lachen wir beide.

»Aber … ja … Hände. Hände an zu vielen Stellen.« Wieder wird sie rot. »Deshalb musst du doch zum nächsten Fest kommen. Du musst mich zurückhalten, Vega.«

Ida bleibt eine Stunde, dann bricht sie auf. Eine Stunde ist ungefähr das, was wir schaffen. Diese Treffen, bei denen vor allem sie redet und ich mich mit drei oder vier Wörtern begnügen kann.

Als sie weg ist, gehe ich zum Computer, wo noch immer das Sprechtraining angezeigt wird, wie eine dunkle Gewitterwolke aus schlechtem Gewissen. Ich müsste noch mehr üben, aber ich bringe es einfach nicht über mich. Ich rolle mich auf dem Bett zusammen. Der Mittagschlaf ist jetzt alltäglich. Er hilft mir, die Zeit herumzubringen.

Meine Mutter sagt, ich schlafe zu viel. Vielleicht hat sie recht, aber jetzt soll die Uhr einfach nur fünf anzeigen – vielleicht ist Johan dann mit seiner Besprechung im Schülerrat fertig und vielleicht hat er Zeit, bei mir vorbeizuschauen.

Die Träume kommen, sobald ich die Augen schließe. Ich habe nie so viel geträumt wie seit dem Sturz auf den Hinterkopf.

Heute sind meine Träume vage und seltsam. Sie sind lange Erinnerungsgirlanden. Zuerst aus meiner Kindheit, dann aus der Zeit, bevor ich auf den Kopf gefallen bin und die Wörter verloren habe. Träume von Johan und Ida und von der Zeit, als ein Fest etwas war, worauf man sich freute, statt sich davor zu fürchten … dann zerbrechen die Träume. Es kommen kleine verschleierte Erinnerungsstücke. Ein Pfau. Ein Stöckelabsatz. Fragmente vom Sommerfest … Gesprächsfetzen. Ich tanze. Eine Wange, die an meiner brennt. Hände, die über meinen Rücken tasten. Eine Stimme, die ruft.

Das Bild wechselt. Jetzt bin ich es, die ruft. Ich stehe am Becken. Und dann … falle ich … Das kalte Wasser schließt sich um meinen Körper, aber oben am Rand steht eine Gestalt. Eine, die mich fallen, die mich auf den Grund sinken sieht.

Ich spüre den Schlag gegen den Hinterkopf, als ich auf dem Boden aufpralle, und dann jagt ein scharfer Schmerz mein Rückgrat hinunter.

Kapitel 2

Albtraum

Ich wurde vom Krankenwagenpersonal wiederbelebt, hat meine Mutter erzählt. Für mich ist das nur eine vage Erinnerung. Es kam mir vor, wie aus einem Traum zu erwachen. Ich erinnere mich an das scharfe Licht im Krankenwagen und an Gesichter, die ich nicht kannte. Ich erinnere mich an die Sauerstoffmaske über meinem Mund, während ich um Atem rang, und an meine Nase, meinen Hals, meine Lunge, die vom Chlor noch immer brannten.

Ich kann sehen, dass sie etwas sagen, aber ich höre nichts. Spüre nur den Schmerz.

Allein schon das Atmen tut so weh, dass ich nicht mitmachen kann. Ich verschwinde wieder in der Dunkelheit.

Meine Mutter sagt, ich sei im Krankenwagen dreimal gestorben.

Ich erwache mit einem Schrei. Mein Körper ist von kaltem, klebrigen Schweiß überzogen, und ich sitze zitternd im Bett, als Mama die Tür aufreißt und ins Zimmer stürzt.

»Was ist denn los?«

»Träume«, sage ich und zeige mit aneinandergelegten Händen auf meine Wangen.

»Albträume«, flüstert meine Mutter, und ich nicke. Ich hatte nur »Träume« gesagt, denn Albtraum ist ein zu schwieriges Wort für mein Gehirn. Vor allem, wenn es im Moment nur die Bilder noch einmal zeigen kann. Ich, die stürzt und ertrinkt, und die Gestalt am Rand. Ich habe schon häufiger von diesem Abend geträumt. Gleich nach dem Unfall hatte ich jede Menge Albträume, in denen ich ertrunken bin, aber es war nie so wie jetzt. Dieser Traum war anders.

Meine Mutter bleibt eine Weile auf der Bettkante sitzen, sie streichelt meinen Kopf, als ob ich ein kleines Kind wäre. Ich schiebe sie weg.

»Okay, Liebes«, sagt sie und erhebt sich. »Ich bin gleich nebenan, wenn etwas ist.«

Sie geht, während noch immer Reste des Albtraums durch meine Gedanken jagen. Es kam mir nicht vor wie ein Traum, es war so wirklich wie eine Erinnerung. Aber als ich ausgerutscht bin, stand niemand am Beckenrand. Sonst wäre ich doch nicht ertrunken. Sicher spielt mir mein Gehirn einfach einen Streich. Die Ärzte haben gesagt, dass das passieren kann: dass man leicht in Verwirrung gerät und Dinge durcheinanderwirft.

Ich zwinge mich, an etwas anderes zu denken. Ich strecke die Hand nach meinem Smartphone aus.

Eigentlich warte ich auf eine Nachricht von Johan. Ich finde, seit dem Unfall schreibt er deutlich weniger. Früher bekam ich jeden Tag wenigstens sechs, sieben Mitteilungen, aber jetzt kann ich schon froh sein, wenn eine kommt.

Ich würde Ida gern nach ihm fragen. Was er macht und so. Ich habe es einmal versucht, aber sie hat es nicht verstanden. Vielleicht wollte sie es ja nicht verstehen. Es ist nicht gesund, so viel Zeit zum Nachdenken zu haben. Alle zwei Tage bin ich sicher, dass Johan mich aufgegeben hat und mit jeder Menge anderer Mädchen vögelt und dass Ida es mir nur nicht sagen will, weil ich ihr leidtue.

Ich gehe die Kontakte in meinem Mobiltelefon durch. Meine Mutter hat Johans Namen mit einem Herzchen markiert. Zeichen sind leichter als Buchstaben.

Ich rufe an. Er müsste doch jetzt mit der Besprechung des Schülerrates fertig sein.

»Hallo«, sagt er.

»Hallo«, sage ich.

»Hallo. Wie geht’s?«

»Gut.«

»Du sprichst ja deutlich heute.«

»Danke«, sage ich, obwohl ich weiß, dass das nicht stimmt. Ich spreche nicht deutlicher als sonst. Ich bleibe nur im sicheren Bereich, bei den Wörtern, die ich kann.

»Also …«, er zögert. »Warum rufst du an?«

»Du fehlst mir.« Ich hoffe, das war richtig. Ich habe es mit Charlotte geübt. Möglicherweise findet sie es ja wichtiger, dass ich sagen kann, was ich essen will, aber für mich ist es eben wichtig, solche Dinge sagen zu können.

»Du fehlst mir auch«, sagt er.

Ich lächele.

Das Schweigen kommt angeschlichen und ich kann durch die Leitung fast sein schlechtes Gewissen spüren. Ah, nein, Mist. Ich klammere. Ich mache ihm ein wahnsinnig schlechtes Gewissen.

»Soll ich kommen?«, fragt er und ich kann hören, dass er auf ein Nein hofft.

»Ja«, sage ich. Das klingt wie ein Befehl. Ich würde gern sagen: Ja, wenn du Zeit hast, wenn du Lust hast, wenn ich dir wirklich fehle, aber das schaffe ich einfach nicht.

»Okay«, sagte er, und es klingt fast wie ein Seufzer. »In einer Stunde. Ich muss nur noch meine Hausaufgaben für Sozialkunde fertigmachen.«

»Okay.«

»Bis dann«, sagt er.

»Ja«, sage ich.

Er legt auf. Ich halte mir das Telefon ans Ohr und lausche der Stille. Ich hätte Nein sagen müssen. Hätte ihn nicht zwingen dürfen, in den Regen hinauszugehen.

Ich schalte den Fernseher ein. Da läuft Friends. Ich kenne diese Folge bestimmt fast auswendig, schalte aber trotzdem nicht aus. Das Lachen aus der Konserve hallt im Zimmer fast wider. Ich muss an eine Dokumentation denken, die ich einmal gesehen habe. Es ging um einen Mann, der durch einen Unfall am ganzen Leib gelähmt war, bis auf das linke Augenlid. Sein Herz war gesund und er konnte mit dem linken Augenlid blinzeln. Das war alles.

Mithilfe einer freundlichen Krankenschwester entwickelte er ein System, sie sagte das Alphabet auf und er zwinkerte beim richtigen Buchstaben. So konnte er sich durch die Wörter buchstabieren. Sätze bilden. Reden. Ja, er schrieb dann mit ihrer Hilfe sogar ein Buch. Das ist eine total wahnsinnige Geschichte, und es ist noch viel wahnsinniger, dass ich diesen Mann manchmal beneide. Er konnte sich schließlich verständlich machen. Er konnte noch immer buchstabieren und verstehen und war nicht im Buchstabenlabyrinth gefangen, wo nichts einen Sinn ergibt. Im Moment würde ich so gern eine Mitteilung blinzeln und fragen, was eigentlich an dem Abend passiert ist, als ich ertrunken bin.

Ich kann hören, wie eine Tür aufgerissen wird.

»Hallo.«

Das ist meine Schwester Alma. Sie geht seit einem Monat aufs Gymnasium. Ich kann hören, wie sie ihre Zimmertür zuschlägt. Sie war heute bei einer Aufnahmeprüfung für ein Musical. Das ist offenbar nicht besonders gut gelaufen.

Gleich darauf höre ich die Türklingel.

»Hallo«, sage ich in die Gegensprechanlage.

»Hallo«, sagt Johan und ich drücke auf den Summer.

Johan rennt nicht wie sonst die Treppe hoch. Wir bekommen Blickkontakt, als er den letzten Treppenabsatz erreicht hat. Meine Augen versuchen, das zu sagen, was mein Mund nicht schafft.

»Hallo.« Er drückt seine Lippen auf meine und zieht die Jacke aus.

Wir gehen in mein Zimmer und setzen uns eng nebeneinander auf das Sofa. Ich lege den Kopf an seine Schulter. Die Regentropfen glitzern in seinen Haaren, dann gleiten sie nach unten und landen auf meiner Wange.

»Ich kann nicht lange bleiben«, sagt er. »Ich muss noch so viel büffeln.«

Ich nicke, aber ich bin doch enttäuscht. Ich habe den Eindruck, dass er nie lange bleiben kann. Er sagt, dass die letzte Klasse vor dem Abi viel schwieriger ist als die vorletzte.

Ich kann das nicht beurteilen – mein Unterricht ist derzeit auf das Sprachtraining bei Charlotte begrenzt. Ehe ich wieder sprechen, lesen und schreiben kann, darf ich nicht aufs Gymnasium zurückkehren.

Ich strecke die Hand aus. Zeichne mit dem Zeigefinger Herzen auf seine Brust.

Er nimmt meine Hand und küsst meinen Finger.

»Ich liebe dich auch.«

Ich lächle, bin immer erleichtert, wenn er das sagt. Es tötet die negativen Gedanken, die sich wie ein Virus in meinem Kopf ausbreiten.

Dann kommt das Schweigen. Johan ist nicht wie Ida. Er kann nicht einfach über den Alltag drauflosplaudern. Wenn Johan redet, dann über wichtige Themen, große Themen wie Politik und globale Erwärmung, oder, wenn er gerade eher philosophisch gestimmt ist, über die Frage, ob wir einen freien Willen besitzen und ob der Tod nur eine Illusion ist. Solche Dinge. Es hat zu den Dingen gehört, in die ich mich bei ihm verliebt habe, dass er zu allem eine überaus klare Meinung hat. Aber jetzt sagt er fast nie mehr etwas, denn das, worüber er reden will, lässt sich nicht mit Ja oder Nein beantworten.

»Hattest du einen guten Tag?«, fragt er.

Ich sehe ihn lange an. Dann nicke ich. Ich würde ihm gern von dem Albtraum erzählen, weiß aber nicht, wie.

Das Schweigen ist wie eine Schlinge, die sich um meinen Hals zusammenzieht.

»Du?«, frage ich.

»Schön«, sagt er nur. Früher hätte er für mich das gesamte Treffen des Schülerrates zusammengefasst und leidenschaftlich die Diskussionen wiedergegeben. Jetzt muss ich mich mit »Schön« begnügen.

Als ich das Schweigen nicht mehr ertragen kann, beuge ich mich vor und küsse ihn. Meine Zunge berührt seine, während seine Hände über meinen Rücken gleiten.

Er schiebt mich auf das Sofa. Küsst meinen Hals.

Ich schließe die Augen und genieße es, dass es Dinge gibt, die selbst dann noch möglich sind, wenn man nicht sprechen kann. Wir haben nie so viel Sex gehabt wie seit meinem Unfall. Nur dabei komme ich mir noch immer normal vor. Nur dabei enttäusche ich ihn nicht.

Kapitel 3

Fallenlassen

Als Nächstes erinnere ich mich daran, dass ich im Krankenhaus zu mir komme. Sobald ich meine Augen öffnete, wusste ich, dass ich im Krankenhaus war. Ich konnte die Pieptöne der Geräte hören. Wie ein Unheil verkündender Wecker rissen sie mich aus meinen Träumen. Meine Augen kamen mir wie ausgetrocknet vor, als ich sie öffnete.

Zuerst sah ich nur die Lampe unter der Decke und den Vorhang vor dem Bett. Dann spürte ich, dass jemand meine Hand drückte. Langsam drehte ich den Kopf. Alma saß neben mir. Sie quetschte meine Hand so fest zusammen, dass es wehtat. Auch Mama war da. Sie hatte den Kopf an die Wand gelehnt und schlief. Ein kleiner Speichelfaden hing aus ihrem Mundwinkel und sie hatte tiefe dunkle Ringe unter den Augen.

Dann entdeckte Alma, dass ich bei Bewusstsein war. Sie öffnete den Mund. Sagte etwas, aber ihre Wörter verschwanden in einem hallenden Murmeln, das ich nicht verstand. Wie bei einer schlechten Telefonverbindung, wo alles verzerrt und undeutlich wird.

Sie weint und lächelt gleichzeitig. Und ich will tausend Fragen stellen. Mein Hals tut weh, meine Lippen sind rau. Ich öffne den Mund, aber alles, was herauskommt, ist: »Bah … bah … bah …« Ich höre mich an wie ein Säugling.

Und Almas Lächeln verschwindet, als sie Mutter wach rüttelt.

Heute Nacht habe ich wieder geträumt. Er war dieses flirrende, flatternde Gefühl, eine Mischung aus Gedanken, Fantasie und Erinnerungen. Aber diesmal sah nicht nur jemand zu, wie ich stürzte. Diesmal wurde ich gestoßen. Das deutliche Gefühl von Händen auf meiner Brust, und wie ich das Gleichgewicht verliere, lässt mich nicht los.

Ich träume immer weiter von diesem Abend. Mein Gehirn lässt diesen kleinen Film immer wieder ablaufen, und je häufiger ich ihn sehe, umso sicherer bin ich, dass jemand meinen Sturz gesehen hat. Und nach heute Nacht spüre ich, wie ein scheußlicher Zweifel in meinem Körper heranwächst: Wurde ich gestoßen? Wenn ich sprechen könnte, würde ich alle anrufen, die auf dem Fest waren, und mir bestätigen lassen, dass mein Gehirn sich irrt. Aber ohne Wörter ist es schwer, solche Nachforschungen durchzuführen, und ich sitze hier mit meinem Zweifel.

Und was noch schlimmer ist, ist, dass heute der Einstufungstag ist. Meine Mutter läuft vor Nervosität schon den ganzen Morgen herum wie ein verwirrtes Huhn. Und sie hat Alma gebeten, von der Schule dazubleiben, damit sie mitkommt, weil mein Vater das eben nicht kann. Papa arbeitet in der Atacamawüste in Südamerika. Er ist seit drei Jahren dort, aber nach meinem Unfall hat er sich zwei Monate Urlaub genommen. Ich bin sicher, er wäre gern länger hier geblieben, doch die Sterne riefen ihn.

Aber er versucht, so häufig wie möglich anwesend zu sein. Deshalb bin ich durchaus nicht überrascht, als er sich eine halbe Stunde später per Skype meldet.

»Hallo, mein Sternchen.«

»Hallo, Papa.«

»Heute ist also die Einstufung …«

Ich nicke.

»Ist Mama schon total unzurechnungsfähig?«

Wieder nicke ich.

»Das musst du einfach über dich ergehen lassen.«

»Ich werde es versuchen.«

Papa verzieht das Gesicht auf eine Weise, die mir sagt, dass das nicht richtig ausgesprochen war.

»Aber denk dran: Was die Tests behaupten, ist egal. Wichtig ist, was du fühlst, was du hier hast.« Er tippt sich mit dem Finger an die Stirn. »Nur das ist von Bedeutung.«

Ich nicke, obwohl ich Bauchweh habe. Was ich im Kopf habe, ist ein beschädigtes Gehirn mit Löchern. Was für eine Vorstellung, dass Blut das Gehirn zerstören kann. Das werde ich nie begreifen. Wieso es gefährlicher war, dass ich kein Loch im Schädelknochen hatte. Dass ein Schädelbruch besser gewesen wäre, denn dann hätte das Blut ablaufen können.

»Geht’s dir sonst gut?«, fragt er.

Ich nicke.

»Dir?«

»Gut«, sagt er, und das kann ich ihm auch ansehen. Ich sehe, dass er strahlt, seit er wieder dort unten ist.

»Und die Sterne?«, frage ich und zeige sicherheitshalber nach oben, damit er versteht.

»So schön und geheimnisvoll wie immer. Genau wie meine Töchter.«

Ich lache. Ich heiße nach einem der drei Sterne im Sommerdreieck. Die beiden anderen heißen Altair und Deneb. Wenn es nach Papa gegangen wäre, würde Alma Altair heißen, und wir hätten noch eine Schwester namens Deneb. Aber das hat Mama verhindert.

Bei meiner Geburt war Mama noch immer von Papas Leidenschaft für Sterne fasziniert und sie hat seinen Namensvorschlag akzeptiert. Aber als Alma kam, hatte sie die Sache schon ziemlich satt.

Trotzdem hat Papa seinen Willen durchgesetzt. Irgendwie jedenfalls. Alma heißt nach unserer Urgroßmutter, behauptet Mama – Papa dagegen behauptet, sie sei nach dem größten Teleskop der Welt benannt.

Zwei Stunden später sind wir beim Sozialamt, wo Charlotte ihre neue Einschätzung vorträgt.