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Daniel Ladinsky

Daniel Ladinsky

Mein Herz im Spiegel
Deiner Augen

Gedichte inspiriert von

HAFIZ

Aus dem Englischen von
Chandravali D. Schang

Vollständige E-Book-Ausgabe der bei

Dieser Gedichtband enthält eine Auswahl aus der Originalausgabe,

Copyright der deutschen Ausgabe © Theseus

Auswahl und Übersetzung: Chandravali D. Schang

Wir danken Frau Ilserose Vollenweider für die Erlaubnis, ihre Übersetzung der Gedichte Let’s Eat, Mismatched Newlyweds und The Sun Never Says abzudrucken, und danken Sufism Reoriented für die Erlaubnis, den Essay »Das Leben und Werk von Hafiz« von Henry S. Mindlin zu übernehmen. Dieser erschien im Original zuerst in dem Band I Heard God Laughing: Renderings of Hafiz von Daniel Ladinsky.

Umschlaggestaltung: Morian & Bayer-Eynck,

1. Auflage 2011

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

ISBN E-Book: 978-3-89901-567-6

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe, sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Für Gottes großartige Verkleidung –
in unserer Gestalt!

Inhalt

Ich bin
Eine Öffnung in der Flöte,
Durch die der Atem Christi weht –
Lausche dieser
Musik.

Hafiz

Vorwort zur englischen Übersetzung
von Daniel Ladinsky

Seit vielen Jahrhunderten ist Shams-ud-din Muhammad Hafiz (ca.1320–1389) ein wunderbarer Freund der menschlichen Seele. Für unzählige Menschen sind die Gedichte von Hafiz nicht ein klassisches Werk aus der fernen Vergangenheit, sondern sie verkörpern die Liebe, die Musik, die Weisheit und den Humor eines geliebten Gefährten. Seine außergewöhnlichen Verse schenken uns ein kostbares Wissen. Hafiz besitzt eine wunderbare Gabe, uns näher zu Gott zu bringen, selbst wenn er dies manchmal auf eine sehr gewagte Weise tut. Dieser persische Meister ist vor allem ein Verfechter der Freiheit und ermutigt unsere Herzen ständig dazu zu tanzen!

Obwohl der Westen immer noch dabei ist, Hafiz zu entdecken, übt sein Werk hier bereits seit mehr als 200 Jahren einen beachtlichen Einfluss aus. Eine der frühesten Übersetzungen eines Hafizgedichts ins Englische stammt von Sir William Jones und wurde 1771 veröffentlicht. Im 19. Jahrhundert las Ralph Waldo Emerson Hafiz auf Deutsch und fertigte einige eigene Übersetzungen ins Englische an. 1858 nannte Emerson Hafiz in seinem Essay über persische Dichtung »einen Dichter für Dichter« und schrieb in seinen Tagebüchern: »Er fürchtet nichts. Er ist zu weitblickend; er durchschaut; so ist der einzige Mann, der ich ... sein möchte.« Man geht davon aus, dass Emerson Hafiz durch Goethes 1819 erschienenen West-östlichen Divan kennenlernte. Dieses Werk enthält ein Kapitel »Das Buch Hafis«. In dem Gedicht »Offenes Geheimnis«, das an Hafiz gerichtet ist, nennt Goethe ihn »mystisch rein« und nennt sich selbst an einer Stelle Hafiz’ »Zwilling«.

Hafiz Dichtung kreist um das schöne menschliche Bedürfnis nach Freundschaft und um den inneren Wunsch der Seele, alle Erfahrungen hinter sich zu lassen, außer der Erfahrung des Göttlichen Lichts. Seine Verse sprechen viele Ebenen gleichzeitig an, aber sie sind so treffend, dass sich kaum jemand nicht angesprochen fühlt.

Hafiz wurde in Schiraz geboren und lebte dort auch. Während ich an diesem Buch arbeitete, las ich mehrere dieser Gedichte einer persischen Freundin vor, deren Familie seit Generationen in Schiraz lebt. Sie sagte zu mir: »Im Iran werden mehr Bücher vom Diwan-i-Hafiz (seiner vollständigen Gedichtsammlung) verkauft als vom Koran.« Das ist erstaunlich angesichts des religiösen und politischen Klimas, das dort herrscht. Wie viele Gedichte Hafiz hinterlassen hat, ist ungewiss und noch heute umstritten. Man geht von 500 bis 700 aus, wobei diese nur zehn Prozent seines geschätzten Gesamtwerks ausmachen. Ein Großteil seines Werks wurde angeblich von Geistlichen und Regierenden vernichtet, die den Inhalt seiner Gedichte verurteilten. Wie schade, wenn man bedenkt, wie viel Schönheit und göttliche Intelligenz auf diese Weise verloren gegangen sind. Man betrachtete Hafiz als eine große Bedrohung, als einen spirituellen Rebellen. Seine Einsichten befreiten die Leser von den herrschenden Mächten, welche unschuldige Menschen mit ihrer verrückten religiösen Propaganda ausnutzen. Hafiz verkündet einen Gott, dessen Einsicht unübertroffen ist, einen Gott, der uns nie durch Schuldzuweisung lähmt oder uns durch Angst beherrscht.

Ein Grund, warum Hafiz so populär ist, liegt darin, dass er oft als Orakel zur Befragung in unmittelbaren Entscheidungssituationen benutzt wurde. Der typische Leser von Hafiz’ Gedichten greift zu ihnen so, wie man sich an einen Astrologen, ein Horoskop oder ein Medium wenden würde. Angeblich hat sich auch Queen Victoria nicht selten auf diese Weise bei Hafiz Rat geholt.

Hafiz’ Botschaft ist in der heutigen Zeit genauso bedeutsam wie im 14. Jahrhundert. Immer noch bietet dieser Dichter allen Suchenden spirituelle Heilung und einfühlsame Hilfe an, im Wissen um die unumstößliche Bestimmung des Herzens: seine herrliche Entfaltung der Liebe. »Meine Augen werden wie eine Quelle erhitzte Gesichter kühlen und die Erde in deiner Seele fruchtbar machen.«

Menschen aus vielen religiösen Traditionen sind sich einig in ihrem Glauben, dass immer Menschen existieren, die eins mit Gott sind. Diese seltenen Seelen verbreiten Licht auf Erden und machen andere mit dem Göttlichen vertraut. Hafiz wird als ein solcher Mensch angesehen, der in jener heiligen Einheit lebte, und er spricht in seinen Gedichten manchmal direkt von dieser Erfahrung.

Rumi, Kabir, Saadi, Shams, Franz von Assisi, Ramakrishna, Nanak, Milarepa und Laotse zählen zu jenen Verwirklichten, die durch ihre intensive Herzensbeziehung zu ihrem göttlichen Geliebten Einheit oder Vollendung erfuhren. Manchmal nennt man sie »verwirklichte Seelen« oder »Vollkommene Meister«. Wie Hafiz schrieb:

Die Stimme des Flusses,
Der sich in den Ozean ergossen hat,
Lacht und singt nun wie Gott selbst.

Ich glaube, dass die Vermittlung heiliger Poesie von einer Kultur zu einer anderen, so wie dies augenblicklich in einem großem Ausmaß geschieht, einen weiteren bewussten Entwicklungsschritt einleitet, was den Sprachgebrauch des neuen Landes betrifft. Wahre Kunst entwickelt uns – sie lässt uns unsere Arme ausbreiten und nimmt uns die Vorurteile, damit sich die ewigen Samen der Heilung und Erneuerung in unsere Seele und in unser Fleisch senken können und Freude säen.

Anfangs arbeitete ich mit diesen Gedichten, indem ich aus dem Farsi (Persischen) ins Englische übersetzte, was sich als eine extrem herausfordernde Aufgabe erwies. Dann kam mir ein unerwartetes Geschenk zur Hilfe: Ein Freund aus Indien schickte mir die vollständige Kopie der angesehensten englischen Hafiz-Übersetzung von H. Wilberforce Clarke. Clarkes Werk war erstmals 1891 in Indien veröffentlicht worden. Ich besaß nun eine Kopie der auf 500 Exemplare limitierten Ausgabe, die 1971 im Verlag Samuel Weiser erschienen war. Alle Gedichte in diesem Buch basieren auf Clarkes Übersetzungen und seinen umfangreichen Fußnoten. Darüber hinaus berücksichtigte ich weiteres Material über Hafiz’ Leben, das mehrere tausend Seiten umfasst, sowie andere Gedichte, die ihm zugeschrieben werden. Es ist wirklich ein ungeheures Projekt, so ein »nicht übersetzbares« Meisterstück wie die Dichtung von Hafiz mit ihrem so brillant wirbelnden Zusammenspiel von Idiomen in die spirituell noch junge und in Entwicklung befindliche englische Sprache zu übersetzen. Ich glaube, der Maßstab des Erfolgs kann daran bemessen werden: Befreit der Text den Leser? Trägt er zu unserer psychophysischen Heilung bei? Schenkt er uns »goldene Werkzeuge«, mit denen wir den Geliebten freilegen können, den wir und die Gesellschaft so tief innen begraben haben?

Persische Dichter aus der Zeit von Hafiz pflegten sich in ihren Gedichten oft selbst anzusprechen und machten das Gedicht dadurch zu einem vertraulichen Gespräch. Das galt auch als eine Methode, das Gedicht »zu signieren«, so wie man einen Brief an einen Freund oder ein Gemälde signierte. Manchmal spricht Hafiz als Sucher, manchmal aber auch als Meister und Führer.

Hafiz bedient sich einer Fülle von einzigartigen Wörtern als Namen für Gott – so wie man liebevolle Kosenamen für seine eigenen Familienmitglieder benutzt. Gott ist für Hafiz mehr als nur der Vater, die Mutter, das Unendliche oder ein unfassbares Wesen. Er gibt Gott die vielfältigsten Namen wie Lieber Onkel, Großzügiger Kaufmann, Problemestifter, Problemlöser, Freund, Geliebter (in den Gedichten meist kursiv geschrieben). Auch die Worte Ozean/Meer, Himmel, Sonne, Mond oder Liebe können Synonyme für Gott sein, da Hafiz in diesen Gedichten viele Interpretationsebenen gleichzeitig eröffnet. Gott ist für Hafiz jemand, dem wir begegnen können, in den wir eingehen und den wir ewiglich erforschen können.