Christine Merzeder

WIE

SCHLEICHENDES

GIFT

Narzisstischen

Missbrauch

in Beziehungen

überleben

und heilen

Für Gerhard, Jan, Werner, Elisabeth, Daria,

Gusti, Lisa … und Max

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INHALT

EINMAL HÖLLE UND ZURÜCK

Die Folgen des Missbrauchs heilen

Den Missbrauch erkennen

Überstehen, überwinden, aufblühen

EINFÜHRUNG: DIE STIMME DER ECHO

Die Opfer stehen im Schatten

Es kann jeden treffen

DAS UNTERSCHÄTZTE DRAMA

Prolog: Von Pfauen und Hennen

Der Narzisst in uns

Negativer Narzissmus – der giftige Stoff, aus dem Narzissten sind

Die Ursachen

Opfer – Täter – Opfer

Extrem und bösartig

Und die (Selbst-)Liebe?

ERSTER AKT: BOY MEETS GIRL

Ich bin so schön

Ein Traum – oder?

Wider besseres Wissen

Zur Liebe »gebombt«

Sesam öffne dich, und zwar schnell!

ZWEITER AKT: ERSTER ÄRGER IM PARADIES 56

Die Fassade bröckelt

Du sollst nicht aufhören zu bewundern …

… und du sollst nicht kritisieren

Unverständig, unverständlich – Kommunikation I

Auf unsicherem Untergrund

Er liebt mich, sie liebt mich nicht …

DRITTER AKT: HERR HYDE, FRAU FURIE UND ANDERE ÜBERRASCHUNGEN

Wer bist du?

Wer mehrmals lügt, dem glaubt man doch

Unverständig, unverständlich – Kommunikation II

Mir schwirrt der Kopf!

Die Wut

Betrug und Verrat

VIERTER AKT: IM BLINDFLUG 97

Narzisst und Co.

Zurück auf Null

Unverständig, unverständlich – Kommunikation III

Ich bin allein

Ein neuer Tanz beginnt

FÜNFTER AKT: ON UND OFF

Ich saug dich auf

Du gehörst zu mir …

Weggeworfen

DAS ANTI-DRAMA:
DIE VERGIFTUNG HEILEN – UND ERSTARKEN

Vergiftet und abhängig

Auf Entzug

Bis in die kleinste Zelle – körperliche Reaktionen bei narzisstischem Missbrauch

Die Sucht der Sehnsucht

Den Zellen helfen – Reserven auffüllen

OER WEG IN DIE STÄRKE

Die Situation verstehen

Die Heilung in die eigene Hand nehmen

Sich für die Heilung entscheiden

Wege suchen und Hilfe annehmen

Das Trauma verarbeiten

Erste Schritte in die Freiheit

DAS NARCISSISTIC ABUSE RECOVERY PROGRAMM (NARP)

Die Stufen des NARP

Ein Schlussgedanke

Danksagungen

Anhang

EINMAL HÖLLE UND ZURÜCK

Die Psychologie lehrt uns, dass jeder Mensch narzisstische Züge besitzt: Wir alle sind bis zu einem gewissen Grad selbstbezogen und überschätzen unsere eigene Wichtigkeit, sind eitel und stellen uns in einem möglichst günstigen Licht dar. Wir streben nach Erfolg und Anerkennung und stechen auch mal gerne aus der Masse hervor. Im rechten Maß ausgeprägt, sind unsere narzisstischen Züge mit dafür verantwortlich, dass wir ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln. Als »positive Narzissten« können wir uns mit uns selbst wohlfühlen, die eigenen Fähigkeiten anerkennen, aber auch unsere Grenzen akzeptieren. Es gelingt uns, Ablehnung zu ertragen, Kritik zu verarbeiten und Rückschläge zu überwinden. Und nicht zuletzt ist ein bejahendes Selbstwertgefühl eine wichtige Voraussetzung, um mit anderen Menschen Beziehungen aufzubauen, die für beide Seiten befriedigend sind, sei es in einer Partnerschaft, in der Familie, mit Freunden oder Kollegen.

Menschen mit sehr ausgeprägten narzisstischen Zügen bis hin zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung sind hingegen vollkommen auf sich selbst fokussiert. Ihr Selbstgefühl und ihr Selbstwertgefühl sind jedoch zutiefst gestört. Solche »negativen Narzissten« entwickeln keine Beziehungen, die wir als funktionierende Partnerschaften mit einem mehr oder minder ausgeglichenen »Konto« aus Geben und Nehmen bezeichnen würden. Sie sind nicht für andere Menschen da, sondern benutzen sie als Energiequelle, um die eigene innere Leere aufzufüllen. Sie stärken ihr Ego durch »narzisstische Zufuhr«, so der Fachbegriff, die sie in all ihren Facetten von ihrem Umfeld erhalten: Anerkennung, Lob, Bewunderung, Respekt, Sex, materielle Vorteile – aber auch Angst und Unterwerfung und damit einhergehend Kontrolle und Machtgefühle. Narzissten, wie negative Narzissten im allgemeinen Sprachgebrauch und im Folgenden auch in diesem Buch verkürzt genannt werden, werten sich selbst auf, indem sie ihr Gegenüber manipulieren, emotional ausbeuten und abwerten. Sie begehen narzisstischen Missbrauch.

Wer diese Form des Missbrauchs nicht selbst oder in seinem persönlichen Umfeld erlebt hat, vermag sich seine Mechanismen und verheerenden Auswirkungen kaum vorzustellen. Außenstehende können nur schwer nachvollziehen, wie Menschen in den Bann von negativen Narzissten geraten, wie ihr Denken und Fühlen nur noch auf den narzisstischen Partner ausgerichtet ist, wie ihre Wahrnehmung und Eigenwahrnehmung manipuliert und ihr Selbstbewusstsein so zerstört werden, dass sie sich nur noch als ein »Nichts« fühlen. Die Betroffenen wissen nicht, dass sie eine gestörte Persönlichkeit, ja einen Feind als Gegenüber haben, dem sie nach der romantischen Anfangsphase einer Beziehung nie mehr etwas recht machen können. Sie erschöpfen sich zusehends über die Jahre. Narzisstischer Missbrauch kann daher den Weg in die Katastrophe bedeuten, zu seelischem Leid und chronischen Krankheiten, zu Suchterkrankungen und in einem letzten verzweifelten Schritt sogar zum Suizid führen.

Welch ungeheure destruktive Kraft diese Form des Missbrauchs entfesselt, habe ich in meiner zwölf Jahre langen Ehe mit einem extremen Narzissten am eigenen Leib erfahren. An dieser Verbindung wäre ich beinahe zugrunde gegangen. Durch den dauerhaften Missbrauch hatte ich psychisch enormen Schaden genommen, der sich schließlich auch in einem körperlichen Zusammenbruch manifestierte. Ich verspürte große seelische und körperliche Schmerzen und magerte stark ab, war wie gelähmt und stand unter Schock. Ich fühlte mich wie auf automatische Selbstzerstörung programmiert und fand gleichsam den Knopf zum Abschalten nicht. Nachdem ich jahrelang unter permanentem seelischem Stress gestanden hatte, emotional manipuliert und entwertet worden war, mich selbst immer wieder infrage gestellt und ständig härter um das Gelingen der Beziehung gerungen hatte, litt ich unter einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung. Mein Ehemann hatte mich seelisch so erschöpft, dass ich akut suizidgefährdet war und diese schwere Krise nur dank der Hilfe meiner Familie und guter Freunde durchstand.

DIE FOLGEN DES MISSBRAUCHS HEILEN

Durch den narzisstischen Missbrauch in meiner Ehe war ich bis in meine Grundfesten erschüttert, und in dieser leidvollen Erfahrung halfen mir weder empfohlene Psychopharmaka noch das Therapieangebot von Psychologen. Ich besaß aber noch genügend (Über-)Lebenswillen, um nach einem Ausweg aus dieser hoffnungslos anmutenden Lage zu suchen. Meine persönliche Rettung fand ich in der einfühlsamen Begleitung durch einen Psychiater, der einfach im Hier und Jetzt für mich da war, der meine Annahmen und Gedanken in einen neuen Kontext stellte und mir bestätigte, dass ich dringend Hilfe brauchte. Er war auch offen genug, mich darin zu unterstützen, Rettung in einem Heilverfahren der Australierin Melanie Tonia Evans zu suchen und zu finden. Heute bin ich dank der Hilfe meines Umfelds, des Beistands meines Psychiaters und Melanies Therapie vollständig von den Folgen meines Missbrauchs geheilt. Tatsächlich habe ich in ein Leben zurückgefunden, in dem ich mehr Glück, Zufriedenheit und Freude verspüren kann als je zuvor, weil ich gelernt habe, mich selbst und meine Bedürfnisse auf eine positive Weise ernst zu nehmen. Dafür bin ich allen Beteiligten zutiefst dankbar.

Das Narcissistic Abuse Recovery Program

Eine große, entscheidende Rolle bei meinem Weg zurück ins Leben spielte zweifellos Melanie Tonia Evans’ Narcissistic Abuse Recovery Program (Programm zur Genesung von narzisstischem Missbrauch, NARP). Melanie hatte jahrelang als intuitive Heilerin gearbeitet, was sie jedoch nicht davor schützte, zweimal durch einen jeweils anderen narzisstischen Lebenspartner schwer missbraucht zu werden. Die Folgen waren katastrophal und hätten sie beinahe das Leben gekostet: Sie litt an einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung, war aufgrund einer extremen Agoraphobie nicht mehr in der Lage, sich im Freien aufzuhalten, und konnte wegen wiederkehrender Panikattacken kein auch nur annähernd »normales« Leben führen.

Auf der Basis dieser Erfahrungen und der ihr vertrauten Heilmethoden entwickelte sie das NARP, mit dessen Hilfe es ihr gelang, vollständig zu genesen. Melanies Heilmethode werde ich in diesem Buch noch detailliert vorstellen, weshalb ich an dieser Stelle nur kurz darauf eingehen möchte. Das Verfahren besteht aus sprachlich geführten Visualisierungen, in deren Verlauf man Kontakt mit allen Körperzellen aufnimmt, in denen die Traumata des narzisstischen Missbrauchs gespeichert sind. Auf diese Weise wird es einem möglich, diese zu lösen und durch Licht und Energie zu ersetzen. Die tief greifende, langfristige Wirksamkeit dieser Therapie ruht auf drei Säulen: schonungslose Ehrlichkeit ohne Schuldzuweisungen, glasklare Selbsteinsicht und die Unterstützung durch ein Online-Forum mit Tausenden betroffenen Mitgliedern.

Das Narcissistic Abuse Recovery Program kann seit 2007 über Melanies Website gebucht werden. Seither hat es bereits Tausenden Betroffenen geholfen, die Folgen ihres narzisstischen Missbrauchs zu überwinden. Leider besteht es derzeit nur auf Englisch, ich hoffe jedoch, dass es bald in anderen Sprachen erhältlich sein wird.

Wer heilt, hat recht

Das Narcissistic Abuse Recovery Program stellt jedoch nur eine – wenngleich in meinem und in vielen anderen Fällen fantastisch wirksame – Methode dar, die schlimmen Folgen narzisstischen Missbrauchs zu überwinden. Tatsächlich reiht sich das NARP ein in eine Vielzahl von seit Langem bewährten Therapieformen, die bei der Überwindung und Bewältigung von Traumata auf das enge Zusammenspiel von Psyche und Körper eingehen und/oder meditative Elemente aufweisen. Hilfreiche Erkenntnisse darüber, wie unsere Prägungen, Einstellungen, Glaubenssätze und Gedanken unsere Körperstrukturen positiv wie negativ beeinflussen können, liefert unter anderem die Epigenetik.

Dieser Wissenschaftszweig beschäftigt sich damit, ob und wie die Umwelt unser Erbgut im Lauf eines Lebens beeinflusst, welche Rolle dabei Krankheiten, physische und psychische Traumata spielen – und ob wir auch einschneidende Erfahrungen beispielsweise aus Kriegs- und Hungerzeiten durch unsere Gene weitergeben. Wenn ich also an dieser Stelle etwas empfehlen kann, dann einzig die Regel, dass es hinsichtlich der besten Therapie keine Regel gibt. Alles, was hilft, ist gut und richtig!

DEN MISSBRAUCH ERKENNEN

Nachdem ich im Jahr 2012 meinen, wie ich erst dann herausfand, untreuen, pornografiesüchtigen, kaltherzigen Ehemann Hals über Kopf – und keinen Tag zu früh – verlassen hatte, suchte ich verzweifelt nach einer Erklärung für meinen katastrophalen psychischen und körperlichen Zustand. Als ich während einer meiner zahllosen Internetsuchen schließlich auf Melanies Programm stieß, verstand ich zum ersten Mal, was mit mir geschehen war: Ich litt unter den Folgen schweren narzisstischen Missbrauchs – ein psychologisches Phänomen, von dem ich bis dato keine Ahnung gehabt hatte, dass es überhaupt existiert. Doch schon allein das Wissen, dass es einen Grund für mein Leiden gab und ich mit meinen schlimmen Erfahrungen keinen Einzelfall darstellte, linderte meine seelische Not, gab mir Trost und brachte mir Hoffnung.

Mein Bruder bot mir in dieser schweren Zeit Zuflucht und Sicherheit, erlaubte mir jedoch kein Selbstmitleid. Als Fotograf für Hochglanzmagazine und Kunstexperte bewegter sich beruflich in einer »narzisstisch anfälligen« Szene und kommt häufig mit Menschen zusammen, die Ähnliches wie ich erlebt haben. Kaum war ich wieder auf den Beinen, forderte er mich deshalb eindringlich dazu auf, über narzisstischen Missbrauch aufzuklären, ihn aus der Innenansicht einer Betroffenen zu schildern und anderen Opfern durch die Darstellung meiner Heilung Hoffnung zu vermitteln.

Sein beharrliches Mahnen gab somit den Anstoß, dieses Buch zu schreiben. Zuallererst wende ich mich damit natürlich an andere Betroffene, die sich häufig in einer ähnlich qualvollen Lage wie ich vor wenigen Jahren befinden: Sie leiden, weil sie von ihrem narzisstischen Partner auf vielfältige Weise missbraucht wurden, doch wissen sie nicht, dass ihr Unglück und Schmerz eine benennbare Ursache haben. Möglicherweise sind sie seelisch und körperlich am Boden, haben den Glauben an sich und die Welt aufgegeben und nicht nur scheinbar ihren Verstand, sondern auch ganz real ihr materielles Vermögen verloren. Doch vielleicht – und dies hoffe ich ganz fest – können sie in dieser dunklen Phase von meinen Erfahrungen profitieren. Denn eines habe ich sicher gelernt: Sobald man die Gründe für seinen desolaten Zustand kennt, hat man den ersten Meilenstein auf dem Weg zur Heilung erreicht.

Wie (überlebens-)wichtig zudem die Erkenntnis ist, dass auch andere unter den gleichen Nöten leiden, erfahre ich zudem fast täglich in Internetforen, in denen sich Betroffene austauschen. Für die meisten ist es ein wichtiger, kraftspendender Trost, zu wissen, dass sie kein Einzelfall sind – und dass sie in ihrem Leid Verständnis und Unterstützung erfahren.

Ob in der Familie zwischen Eltern und Kindern, zwischen Liebespartnern, im Beruf, im Freundeskreis: Beziehungen mit Narzissten sind wie schleichendes Gift, das seine Opfer langsam zerstört. Damit die Betroffenen ihre Situation wiedererkennen, versuche ich diese so deutlich wie möglich anhand der Entwicklung einer Paarbeziehung mit einem narzisstischen Partner darzustellen. Dabei schreibe ich zwar durchgehend von »dem Narzissten«, doch dies nur der Einfachheit halber und um den Lesefluss nicht zu behindern. Gemeint sind natürlich immer Narzisstinnen und Narzissten.

Damit Betroffene darüber hinaus das angemessene Verständnis und die dringend benötigte Hilfe erlangen, möchte ich aber auch alle ansprechen und aufklären, die Opfern narzisstischen Missbrauchs im privaten Umfeld oder im Rahmen ihres Berufes begegnen. Hierzu zählen sicherlich Psychologen, Ärzte und die ganze Palette der im weitesten Sinne im medizinischen und therapeutischen Bereich Tätigen, Angehörige sozialer Berufe wie Mitarbeiterinnen in Frauenhäusern, Polizisten, Seelsorger, aber beispielsweise auch Mediatoren sowie Anwälte und Richter im Familienrecht oder Personalverantwortliche in Firmen.

Zudem richte ich mich selbstverständlich an alle, die sich für Psychologie im Allgemeinen, für die psychischen Folgen von wie auch immer geartetem Missbrauch oder das Phänomen des Narzissmus im Speziellen interessieren.

Und da die beste Therapie noch immer die Prävention ist, möchte ich mit meinem Buch nicht zuletzt auch dazu beitragen, dass seine Leser Narzissten anhand ihrer typischen Verhaltensweisen erkennen, die einem immer gleichen, leicht variierten Grundmuster folgen. So gerüstet, können sie, wie es in den entsprechenden Internetforen mit durchaus humorvollem Augenzwinkern geraten wird, den Narcdar (Narzissmusradar) ausfahren, wann immer sie neue Freundschaften schließen oder Partnerschaften eingehen. Oder im Beruf den Narc-Decoder anwerfen, um all die Narzissten in ihrem Umfeld zu erkennen, auch wenn diese nur ein paar Sätze von sich gegeben haben.

ÜBERSTEHEN, ÜBERWINDEN, AUFBLÜHEN

Es ist mir wichtig, mit Schleichendes Gift Opfern von narzisstischem Missbrauch eine Stimme zu verleihen, aber auch Auswege aus ihrer Situation aufzuzeigen. Dazu haben mir viele Betroffene persönlich oder über Internetforen ihre Geschichten erzählt, die ich so wiedergebe, dass sie darin nicht erkannt werden. So ist es denn keine Übertreibung, wenn ich dieses Buch auch als eine Überlebenshilfe bezeichne, die auf den Erfahrungen und dem Wissen von Hunderten Überlebenden basiert. All diesen Frauen und Männern, die sich mir gegenüber öffneten, danke ich zutiefst für ihren Mut und ihr Vertrauen. Sie alle wissen, wer gemeint ist, und freuen sich hoffentlich mit mir, dass narzisstischer Missbrauch und seine verheerenden Folgen endlich zu einem öffentlich diskutierten Thema werden – und zwar aus der Sicht der Opfer.

Das vorliegende Buch soll dazu beitragen, dass Leidtragende wie ich den Missbrauch überstehen und Möglichkeiten finden, seine Folgen zu überwinden. Wie schwierig dieser Weg der Heilung ist, weiß ich nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern auch aus meinen Aktivitäten mit anderen Betroffenen. So moderiere ich zum Beispiel mit anderen geheilten Missbrauchsopfern das interne Forum auf Melanie Tonia Evans’ Website. Dort ermutige ich neu hinzugekommene Mitglieder, helfe ihnen, Klippen auf ihrem Weg der Genesung zu überwinden und vor allem den Glauben an sich selbst wiederzufinden.

Dies ist kein einfacher Weg. Ich kann jedoch nicht genug betonen, dass er auch eine große Chance birgt. Wer ihn beschreitet, stellt sich den seelischen Verletzungen, die er schon vor dem Missbrauch erlitten hatte und die dem narzisstischen Täter überhaupt erst die ideale Angriffsfläche boten. Wenn man diese tief verborgenen Wunden aufspürt und ihre Heilung zulässt, schafft man sich letztendlich die Grundlage für ein glücklicheres Leben. Dazu gehört unabdingbar, authentischer zu werden, sich endlich als die Person, die man ist, schätzen zu lernen und weiterzuentwickeln.

From survivor to thriver, heißt es im Englischen, vom Überlebenden zu einem Menschen, dem es gut geht oder, poetischer ausgedrückt, der regelrecht aufblüht. Für stark leidende Betroffene, die sich fühlen, als wären sie gerade von einem Schnellzug überfahren worden, mag das völlig illusorisch erscheinen. Doch tatsächlich drückt der Leitspruch genau das aus, was sich aus der bedauernswerten Situation eines Missbrauchsopfers heraus erreichen lässt. Oder, wie Melanie Tonia Evans am Anfang meiner Therapie zu mir sagte: »Narzisstischer Missbrauch ist ein Geschenk, das wir anzunehmen lernen müssen.« Dass dies kein zynischer Wahlspruch ist, sondern eine tiefe Wahrheit ausdrückt, verstand ich erst lange Zeit später.

Zürich, im Sommer 2015

Christine Merzeder