Egon Bahr

Ostwärts und nichts vergessen

Politik zwischen Krieg und Verständigung

Herausgegeben und bearbeitet von Dietlind Klemm

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Impressum

Titel der Originalausgabe: Ostwärts und nichts vergessen. Politik zwischen Krieg und Verständigung

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2015

Alle Rechte vorbehalten

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Die Fotos im Bildteil stammen zum großen Teil aus dem Privatarchiv von Egon Bahr. Nicht alle Bildrechte konnten ermittelt werden.

Das Urheberrecht wird ausdrücklich anerkannt.

dpa: Abb. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7

Landesbildstelle Berlin: Abb. 1, 2

Umschlaggestaltung: Verlag Herder

Umschlagmotiv: © dpa Picture-Alliance / Britta Pedersen

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book): 978-3-451-80290-4

ISBN (Buch): 978-3-451-06766-2

Dank an Sven Haarmann von der Friedrich-Ebert-Stiftung

Inhalt

Vorwort der Herausgeberin

Persönliches – Politisches

Den Krieg überleben als JM II

Die Deutschen nach dem Krieg

Von Wiedervereinigung keine Rede

Als Journalist unter Besatzern

Berlin – eine Stadt im Ausnahmezustand

Der 17. Juni 1953

Eine außergewöhnliche Begegnung

Der Mauerbau 1961 – der Status quo Berlins wird zementiert

Passierscheine als Probe

Ohne Washington ging nichts

Wandel durch Annäherung

Veränderungen beginnen im Kopf

Im Planungsstab des Auswärtigen Amtes

Der Weg nach Osten – erste Annäherungen

Russland: ein Buch mit sieben Siegeln

Offene Fragen und Ringen um Grundpositionen

Ein historischer Moment

Polen – eine unerwiderte Neigung

Die Ostverträge und die Folgen

Das Vier-Mächte-Abkommen über Berlin

Das Transitabkommen

Höhepunkte und Abschied von der sozialliberalen Macht

Auf dem Weg zur europäischen Sicherheit: Helsinki

Die Palme-Kommission und meine Begegnung mit Michail Gorbatschow

Der lange Weg zur Einheit

Warum ist die DDR wirtschaftlich nicht zusammengebrochen?

Der 9. November 1989

Wer hat von der Einheit profitiert?

Wie sollen wir mit der DDR-Hinterlassenschaft umgehen?

Blicke ich auf Deutschland…

Deutschlands neue Rolle

Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts

Wir haben hier das Sagen – die Macht der Sowjetunion

Das atomare Schwert scharf halten

Ein besiegtes Land hat nichts zu fordern

Sozial-Demokratisches

Mein Weg in die Partei

Meine Freundschaft zu Willy Brandt

Die Troika Brandt–Wehner–Schmidt

Zur Rolle der SPD in Europa

55 Jahre in der Partei

Der Führungsanspruch

Die großen Fragen im 21. Jahrhundert

Was wir vor 100 Jahren noch nicht wussten

Das Internet als »Atom des 21. Jahrhunderts«

Der europäische Traum

Wann wird Europa mit einer Stimme sprechen?

Die Europäische Chance

»Wandel durch Annäherung« – noch aktuell?

Mein persönlicher Ausblick

Sommer 2015
Egon Bahr im Gespräch mit Hans Modrow

Fotos

Anhang (Dokumente)

Vorwort der Herausgeberin

Natürlich ist es dreist, den Refrain des Solidaritätsliedes »Vorwärts, und nicht vergessen…« von Bertolt Brecht in den Titel »Ostwärts und nichts vergessen!« umzuwandeln. Aber Egon Bahr mochte den Titel spontan, wahrscheinlich dachte er: Der Brecht war ja doch ein doller Typ, auch wenn er Kommunist war…

Damit wären wir gleich bei einer grundlegenden Fähigkeit von Egon Bahr: über den Tag hinaus perspektivisch und strategisch denken zu können, den langen Atem zu bewahren.

Bahr war kein Kommunistenhasser, aber er hatte schon 1957 bei seiner Antrittsrede als SPD-Parteineuling in Berlin die Erkenntnis: »Der Kommunismus ist keine Gefahr mehr, er hat sich durch seine Widersprüche zwischen Dogma und Wirklichkeit selbst entmachtet.«

Er war ein Patriot, einer, der fest an die Wiedervereinigung glaubte, auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, sie noch zu erleben. Wenn man zurückschaut in die Jahre nach dem Krieg, wie aus dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 und dem Bau der Mauer 1961 das Konzept der Ostpolitik »Wandel durch Annäherung« entstand, dann kann man nur staunen: Hier haben zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute mit einer richtigen Idee zusammengefunden.

Die Begegnung Egon Bahrs mit Willy Brandt kann man getrost als Glücksfall der Geschichte bezeichnen. Beide waren überzeugt: In Richtung Sowjetunion, Polen und der DDR müssen neue Konzepte entwickelt werden, denn die Bonner Politik unnachgiebiger Grundsatzpositionen war buchstäblich gegen die Wand gefahren.

Das war ein mehrfacher Tabubruch: Ein nicht souveränes Land macht Anstalten, seine Ostpolitik selbst in die Hand zu nehmen, mitten im »Kalten Krieg«, in den Zeiten von Wiedervereinigungsgerede ohne Wiedervereinigungswillen und Abhängigkeit Deutschlands von den Siegermächten. Im Deutschland der 1960er Jahre war undenkbar, ja geradezu obszön, was Willy Brandt und Egon Bahr vorhatten: Man muss das Trennende zum Osten hin überwinden und das Gemeinsame suchen, »ohne zu wissen, wann und wie es erreichbar war« (Bahr).

»Wandel durch Annäherung« wurde eine Methodik, sich dem zuzuwenden, von dem ich etwas will, um etwas zu erreichen – in diesem Fall der Sowjetunion. Voraussetzung war, Interesse und Bereitschaft zu wecken, gemeinsame Lösungen zu finden. Egon Bahr ist immer wieder gefragt worden, ob diese Methodik denn auch heute noch Bestand habe. Er war vorsichtig: in Europa ja, »auf den Rest der Welt ist das Rezept nicht automatisch übertragbar«.

Die Verhandlungen mit der Sowjetunion bauten auf das System der »back channels«, einer ursprünglich amerikanischen Einrichtung von informellen Kanälen mit Moskau. Dass politische Verhandlungen fast gänzlich auf Verschwiegenheit und Diskretion, im Vertrauen auf das gesprochene Wort und in mündlich getroffene Abmachungen bauen, ist in unserer geschwätzigen Parlaments- und Medienwelt fast unvorstellbar.

Es ist heute auch unvorstellbar, dass sich ein Politiker als »Diener seines Staates« definiert. Egon Bahr tat es. Ohne Pathos.

Zwei unerfüllte Träume blieben für den über 90-Jährigen: Ein politisch geeintes Europa und ein gesicherter globaler Frieden. Für jemanden, der weit über 50 Jahre einen wachen Blick auf das politische Geschehen hatte, war es unerheblich, wann diese Träume in Erfüllung gehen, solange das Ziel im Blick bleibt.

Ich hatte Gelegenheit, Egon Bahr im Rahmen eines fünftägigen Seminars im Château d’Orion im Südwesten Frankreichs zu erleben. Fünf Tage lang gab er einem kleinen Kreis von Gästen Einblicke in sein Leben. Welch ein Luxus an Zeit – auch für ihn, dem meist »Vortrag plus 10 Fragen« an einem einzelnen Abend gegönnt sind. Die Themen der Woche in Frankreich wurden zum Leitfaden für das Buch.

Zuletzt noch mein persönlicher Dank als Herausgeberin, weil ich nicht nur Egon Bahrs scharfen Sachverstand, seinen Humor, seine herrliche Schroffheit und seine Sensibilität kennenlernen durfte. Mein Dank gilt auch seiner Nachsicht unser aller »Geschichtsvergessenheit« gegenüber, seiner Rücksicht, niemals persönlich Verletzendes über politische Kontrahenten zu sagen, und seiner Absicht, keinen falschen Zungenschlag in sein Selbstzeugnis zu bringen.

In der Nacht auf den 20. August 2015 ist Egon Bahr gestorben. Dieses Buch sei ihm in Dankbarkeit gewidmet.

Dietlind Klemm

Persönliches – Politisches

Den Krieg überleben als JM II

Ich weiß noch genau, wie mein Vater 1933 sagte: Wenn die Nazis kommen, dann ist das der Krieg. Und dann habe ich festgestellt: 1934, 1935 – immer noch kein Krieg. 1936 kam die ganze Welt nach Berlin, um den Führer bei den Olympischen Spielen zu begrüßen – von Krieg keine Rede! Da kann man mal sehen, wie dumm die Alten daherreden, dachte ich als 15-Jähriger. 1938 erfolgte der Anschluss Österreichs – na, wundervoll! Dieser Jubel beim Einmarsch der Wehrmacht in Wien!

1939 ging es tatsächlich los mit dem Krieg, und diesmal sagte mein Vater: Das ist das Ende Deutschlands. Stattdessen gab es ungeheure militärische Erfolge! Ich war voller Bewunderung: Innerhalb von 14 Tagen war Polen überwältigt. Dann wurden fast nebenbei Norwegen und Dänemark erobert. Im Mai 1940 begann der Krieg gegen Frankreich, und der wurde in nur sechs Wochen beendet! Ich dachte damals: Was das große Kaiserreich im Ersten Weltkrieg nicht vermocht hat, haben »wir« in sechs Wochen geschafft! Ich habe wirklich »wir« gedacht!

Erst allmählich dämmerte mir: Was bedeutet es eigentlich, wenn Hitler den Krieg gewinnt? Der Wunsch, dass das eigene Land gewinnt, wäre das Ende meiner Familie gewesen. Meine Mutter war Halbjüdin – ich hatte eine jüdische Großmutter. Mein Vater war bereits in Torgau an der Elbe, wo wir zehn Jahre gelebt hatten, vor die Entscheidung gestellt worden, dass er sich von seiner halbjüdischen Frau scheiden lassen sollte, wenn er seinen geliebten Beruf als Lehrer weiterführen wollte.

Die Ehe war nicht besonders gut, aber er hat keine Sekunde gezögert und gesagt: Ich lasse mich nicht scheiden! Denn in der Ehe mit ihm war meine Mutter geschützt. Mein Vater hat natürlich darunter gelitten, dass er seine Arbeit verlor und in der Industrie ein Einkommen suchen musste. Für mich als Gymnasiasten hieß das: Meinen Wunsch, nach dem Abitur Musik zu studieren, konnte ich mir als »jüdischer Mischling« abschminken.

Ich hatte einen Onkel – der Bruder meiner Mutter –, der früh nach Oranienburg ins KZ kam. Als er 1934 rausgelassen wurde, emigrierte er nach Schanghai – Juden und Halbjuden wurden in Amerika und in der Schweiz nicht aufgenommen, niemand wollte sie haben.

Dem bin ich auf dem Berliner Anhalter Bahnhof begegnet, wo er eine Stunde Aufenthalt hatte, bevor er in Richtung China weiterfuhr. Er hatte ursprünglich volles schwarzes Haar, doch als ich ihn traf, war er kahl geschoren, völlig verändert, die goldenen Zähne, die ich immer so bewundert hatte, waren ihm ausgeschlagen worden. Ich war damals zwölf Jahre alt und wusste nun: Es gibt KZs. Was man da mit Leuten macht, konnte man sehen. Aber geredet wurde darüber nicht. Mein Onkel sagte nur: Fragt mich nicht.

Ich hatte im Gymnasium mit Begeisterung mit dem Altgriechischen angefangen. Bald konnten wir Platon im Original lesen. Die Verteidigungsrede des Sokrates sollte für mein ganzes Leben bestimmend bleiben. Seine Jünger hatten ihm gesagt, es ist unrecht, was Dir geschehen ist, Du solltest fliehen, solltest Dich dem Unrecht entziehen. Aber Sokrates antwortete: Ich habe mich nach den Gesetzen schuldig und die Jugend rebellisch gemacht, ich werde den Schierlingsbecher trinken. Im Übrigen dürfe man vor dem Tod keine Angst haben. Niemand sei bisher zurückgekommen, um zu berichten. Wenn dort wirklich das Paradies ist, weshalb soll man dann Angst haben? Oder es ist das absolute Nichts, wie ein traumloser Schlaf – was gibt es dann Schöneres?

Sich einzustellen auf das Ende und davor keine Angst zu haben – das ist für mich eine Grundeinstellung geworden.

1941 war ich an einem Sonntag allein zuhause. Da habe ich zum ersten Mal im Radio die Fanfare gehört, mit der die Sondermeldungen des Ostfeldzugs angekündigt wurden – eine Transkription aus »Les Préludes« von Liszt. Zum ersten Mal hatte ich ein Gefühl, als ob die Erde bebt. Da wurde mir klar, was mein Vater gesagt hat: Russland kann niemand besiegen. »Wir« können den Krieg nicht gewinnen.

Im selben Jahr habe ich Abitur gemacht. Einige aus der Klasse hatten sich schon freiwillig zur Wehrmacht gemeldet – vor allem diejenigen, die nicht so besonders gute Schüler waren. Eine zweite Gruppe wollte Medizin studieren und sagte: Die Wehrmacht sorgt dafür, dass Medizinstudenten ihre Ausbildung bekommen, und das kann man hinterher im Frieden gebrauchen.

Ich habe mich erst 1942 zur Luftwaffe gemeldet, freiwillig, als ich hörte, dass ich zur Infanterie eingezogen werden sollte. Infanterie war für mich ein Gräuel, ich wollte damals schon nicht gerne laufen, nach Russland hin- und zurücklatschen, das war nicht besonders attraktiv.

Ich wurde in Spandau eingezogen, anschließend wurden wir nach Belgien transportiert. Dabei habe ich zum ersten Mal den Rhein »überschritten«. Nach einer harten Infanterie-Grundausbildung mit klassischer Kommiss-Schleiferei hieß es am Ende: Abiturienten rechts raus. Die wurden dann von Belgien nach Rendsburg verfrachtet und zu einem Offiziersbewerberregiment zusammengefasst. Danach ein Jahr Unteroffizierslehrgang und zum Schluss befördert zu Fahnenjunkern – das war dann schon 1943.

Wir bekamen unsere Marschpapiere, und für mich sollte es nach Minsk in den Mittelabschnitt der Ostfront gehen – war nicht so doll, die Aussicht. Aber dann gefiel es dem Führer, in das unbesetzte Frankreich einzumarschieren, also wurden ein paar Fahnenjunker mehr für Frankreich gebraucht.

Beim Kommiss war das so, da nahm man die Namensliste und fing oben an abzuhaken, »Ba-« war relativ weit oben! Mir wurden die Papiere für Minsk abgenommen, und ich wurde an die Frontleitstelle Brüssel versetzt. Von dort bekam ich fünf weitere Fahnenjunker zugeteilt, und wir wurden nach Dieppe in Marsch gesetzt.

Wir kamen dort vier oder sechs Wochen nach dem misslungenen Landeversuch der Kanadier und Engländer an. Ich wurde einer Batterie zugeteilt und bei Nacht und Nebel in der Nähe von Crécy aufs freie Feld verlegt. Wir mussten uns dort einbuddeln und sollten eine V1-Abschussstelle schützen. Die V1 gehörte zu den so genannten Wunderwaffen, eine Rakete, die in Peenemünde entwickelt wurde. Sobald die Bauarbeiten beendet waren und die Instrumente eingebaut werden sollten, begannen die Angriffe. Uns war klar: Résistance, Engländer und Amerikaner hatten genau gewusst, in welchem Bau-Stadium sich die »Wunderwaffen« befanden.

142 Angriffe, Bomber, Tiefflieger, dann war das Ding zerstört und wir etwas lädiert.

Nach dieser »Frontbewährung« wurde ich als Fahnenjunker-Unteroffizier an die Kriegsschule LKS6 in Kitzingen am Main versetzt. Ich stand kurz vor der Beförderung zum Oberfähnrich, als ich einen Brief von meinem Vater erhielt: Das Gau-Sippenamt habe sich nach mir erkundigt. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gab, habe mich aber mit sauberen Fingernägeln und Stahlhelm beim Chef gemeldet. Ergebnis: Wegen meiner jüdischen Großmutter wurde ich vom Dienst suspendiert.

Die Offiziere in der Kriegsschule haben sich mir gegenüber alle erstklassig verhalten. Bis auf einen, das war der NS-Führungsoffizier. Der beantragte, mich vor das Kriegsgericht zu stellen wegen versuchten Einschleichens in die Wehrmacht. Das wurde aber niedergeschlagen, weil in meiner Wehrstammrolle, die jeder Soldat mit sich führte und die von Dienststelle zu Dienststelle weitergereicht wurde, ganz eindeutig stand: JM II, jüdischer Mischling zweiten Grades. Also konnte ich mich nicht »eingeschlichen« haben.

Mir wurden »nur« Beförderungen aberkannt und die Unterlagen zur Entlassung an die Stammstelle in Spandau geschickt. Ich sollte am 20. Juli 1944 entlassen werden. An dem Tag fand aber das Attentat auf Hitler statt,1 also wurde das verschoben. Ich bin dann im August entlassen und zu Rheinmetall Borsig in Berlin dienstverpflichtet worden. Welche Ironie: Ich durfte kein Gewehr mehr tragen, war aber verantwortlich für die Verteilung der Waffen an die immer näher kommenden Fronten.

Im Rückblick muss ich sagen: In militärischer Hinsicht bin ich hervorragend ausgebildet worden. Nach dem Krieg konnte ich durch keine Landschaft fahren, ohne zu überlegen, wie die unter dem Gesichtspunkt der Verteidigung zu beurteilen ist: hinreißende Gegend für Partisanen, für Stellungen oder für Flak? Lange behielt ich diesen taktisch-strategischen militärischen Blick bei. Auch viel später noch habe ich darauf geachtet, dass ich mit den militärischen Entwicklungen so vertraut blieb, dass mir kein General etwas sagen konnte, was ich nicht selber unter den Gesichtspunkten von Technik, Entwicklung und Fähigkeit von Waffen beurteilen konnte. Das war erforderlich, wenn man sich mit politischen Sicherheitsfragen beschäftigte. Ich verfolge noch heute den Stand der unterschiedlichen taktischen Mittelstrecken- und strategischen Waffensysteme. Inzwischen habe ich allerdings Wissenslücken, weil ich nicht mehr genau beurteilen kann, was in der »Pipeline« drin ist, also in den Entwicklungen neuer Waffensysteme, die es unter Umständen gestatten, Atomwaffen abzuschaffen und etwas Wirksameres einzusetzen.

Mein Vater war 1943 mit der Aktion Himmler, einem zivilen Zwangsdienst, irgendwo in Westdeutschland verschwunden. Das war das Groteske bei den Nazis: Der Stein des Anstoßes war ja meine Mutter, aber meine Mutter war die einzige in der Familie, die unbehelligt in Berlin blieb. Die Großmutter lebte illegal zunächst in Ostpreußen. Als die Front näher kam, holte ich sie zu meiner Tante nach Köpenick, wo sie einen Schlaganfall bekam.

Wir haben überlegt, an welcher Stelle wir sie, wenn sie stirbt, im Garten verbuddeln würden. Durch Freunde, die in Elbing in Ostpreußen geblieben waren, haben wir für sie Evakuierungspapiere bekommen, natürlich auf einen anderen Namen – mit der Post vorweggeschickt und der Angabe, wann der Zug ankommt. Also wurde die jüdische Großmutter im Februar 1945 unbehelligt in einem Krankenrollstuhl auf den Bahnsteig im Bahnhof Friedrichstraße gefahren, wo sie mit falschen Papieren der Inneren Mission übergeben wurde. Von denen wurde sie ins Erzgebirge evakuiert. Auf diesem Wege legal geworden, hat sie den Krieg unversehrt überstanden.

Den Einmarsch der Russen in Berlin habe ich hautnah erlebt. Wir waren im Luftschutzkeller, als sie in der Nacht kamen. Wir hatten gerade nette Unterhaltungsmusik vom Reichssender Berlin gehört – alles sehr kafkaesk! –, und dann gingen sie durch die Reihen und sagten zu den Frauen: Du und Du, komm mit – auch zu meiner Frau. Da habe ich die Arme ausgebreitet und gesagt: »Nein, die Frau bleibt hier« (es war nicht zu übersehen, dass sie schwanger war). Einer wollte mir an den Kragen, meine Mutter fing an zu schreien, ich weiß nicht mehr, was ich gemacht habe, habe dem irgendwelche Papiere gegeben und natürlich auch die Uhr. Er stank nach Alkohol. Ich weiß bis heute nicht, weshalb der mich dann plötzlich losgelassen hat.

Die Besetzung durch die Russen war hart, aber für mich zählten nur zwei Dinge. Erstens: Gott sei Dank, Du hast es überstanden, Du bist rausgekommen mit gesunden Knochen, musst jetzt nur noch warten, bis dein Vater zurückkommt. Zweitens: Du wirst das dir Mögliche tun, dafür zu sorgen, dass so etwas Schreckliches nie wieder passiert. Denn nun sind wir frei, das Land wiederaufzubauen. Dass alles in Trümmern lag, war nicht zu übersehen, aber das ist nichts verglichen mit dem, was vor Dir liegt.

Vor Dir liegt ein tolles Leben – bei Kriegsende war ich 23 Jahre alt!

Die Deutschen nach dem Krieg

Mit Beginn der Nazizeit ging es in Deutschland aufwärts, die Arbeitslosen verschwanden. Wenn es 1936, 1937, 1938 freie Wahlen unter demokratischen Voraussetzungen gegeben hätte – die Deutschen hätten Hitler wiedergewählt. Dass gleichzeitig ein System der Blockwarte ausgebaut wurde, hatten die Leute zwar nicht so gerne, nahmen es aber hin. Nach dem Krieg hatten sie im Grunde ein schlechtes Gewissen, auch weil es keinen erkennbaren Widerstand gegeben hatte.

Niemand wollte Nazi gewesen sein. Die ersten Amerikaner, Franzosen und Engländer, die nach Deutschland kamen, stellten fest: Nazis gab’s nicht mehr. In der sowjetischen Zone lebten bis 1945 nicht weniger Nazis, aber nach dem Verbot der NSDAP wurden sie von den neuen Machthabern im Osten benutzt, sozialisiert und aufgefordert, sich zum Antifaschismus zu bekennen. Dagegen gab es auch keinen Widerstand. Sie waren bescheiden, anständig und autoritätsgläubig – nur die Farbe hatte gewechselt.

Bei dieser Geschichte konnte sich niemand rühmen, besonders »heldisch« gewesen zu sein. Psychologisch kann man sagen: Den Deutschen ist durch den totalen Krieg und sein Ende politisch das Rückgrat gebrochen worden. Ich kann mich nicht erinnern, dass es einen aufbegehrenden Stolz auf das eigene Land, das eigene Volk, die eigene Geschichte gegeben hätte. Nur eine Minderheit der Deutschen hat sich befreit gefühlt. Die Masse der Deutschen war besiegt, und zwar ohne jeden Zweifel. Insofern ist es historisch richtig und logisch gewesen, dass Adenauer als Repräsentant der besiegten Deutschen, also der Mehrheit, der erste Bundeskanzler wurde.

Als die Vier Mächte auf der Potsdamer Konferenz im August 19452 beschlossen, Deutschland bleibt ungeteilt, wird als Einheit behandelt, wird aufgeteilt in Besatzungszonen mit der Sonderregion Berlin als Viermächtestadt und Viermächtebesetzung, war ich erleichtert. Nichts mehr von den früheren Plänen der Teilung oder der Entindustrialisierung! Das Gefühl war ein bisschen so: Na ja, im Osten haben wir Gebiete bis zur Oder und Neiße an Polen verloren – bitter, aber das konnten wir ja verstehen –, im Westen hatten wir überhaupt keine Gebietsverluste. Und wir durften eigentlich alles, konnten z. B. alles produzieren, nur keine Waffen. Aber wer wollte 1945 auch schon Waffen produzieren? Das Gefühl 1945 nach der Potsdamer Konferenz war: Wir sind eigentlich sehr glimpflich davongekommen.

Natürlich haben wir gemerkt, dass die Unterschiede der Positionen zwischen Ost und West sich am deutlichsten in Berlin manifestierten. Sie haben auf kultureller Ebene sofort angefangen, das Beste, was sie zu bieten hatten, nach Berlin zu bringen. Frankreich und die USA brachten ihre Theater und Musik, die Russen ihre Filme und Vorträge. Wir bemerkten sehr schnell die Unterschiedlichkeit der Interessen, und wir genossen diese kulturelle Schlemmerei. Der Kampf um die Seelen der Deutschen begann schon unmittelbar nach Ende des Krieges!

Ansonsten herrschte überall Knappheit: wenig Brot, keine Fensterscheiben, kaum Kohle. Aber man spürte den Hunger nicht, wenn man ins Theater oder Konzert gehen konnte. Es war die Gegensätzlichkeit von materieller Armut und Reichtum im Genuss dessen, was die Vier zu bieten hatten. Der Eintritt zu den Veranstaltungen war erschwinglich. Das bisschen Geld, das wir hatten, konnten wir eh nicht ausgeben, weil es ja nichts gab.

Von Wiedervereinigung keine Rede

Die meisten Deutschen glaubten, die Grenzen der Besatzungszonen würden bald verschwinden. Das Land war verwaltungsmäßig, aber nicht politisch durch das Potsdamer Abkommen aufgeteilt. Erst im Laufe der dann folgenden Entwicklung war deutlich, dass die einzelnen Besatzungsmächte ihre Zone politisch prägten, und das war natürlich für die Franzosen etwas ganz anderes als für die Engländer, für die wiederum anders als für die Amerikaner, und für alle drei etwas ganz anderes als für die Russen. Das heißt, die Prägung durch die Praxis der täglichen Administration hat zur De-facto-Teilung geführt. Die Amerikaner gelangten in ihrer Besatzungszone schnell zu der Überzeugung: Wir können nicht akzeptieren, dass wir Reparationen aus der laufenden Produktion im Westen für den Osten leisten, sondern müssen dafür sorgen, dass die Westzonen langsam wieder auf die Beine kommen, sodass wir nicht dauernd etwas liefern müssen. Daraus entstand die Idee des Marshallplans:3 Die Wiederherstellung der Produktion zur Hebung des Lebensstandards in Europa sollte auch auf die westlichen Besatzungszonen ausgedehnt werden. Zwar nicht so viel wie für Frankreich und England, aber jedenfalls so, dass ein Neuanfang in Deutschland möglich wurde. Als sie anboten, den Marshallplan auch auf die Tschechoslowakei und Polen auszudehnen, kam prompt Widerspruch von der Sowjetunion: Das sei der Versuch der Beeinflussung und des Übergriffs auf ihr Besatzungsgebiet, das sie erobert hätten. Der Marshallplan blieb also lediglich der Versuch zur Wiederherstellung der Wirtschaftskraft Westdeutschlands und Westeuropas.

Was die Teilung Deutschlands in Sektoren anbelangte: Unmittelbar nach dem Krieg waren wir im Glauben, das es sich um bloße Verwaltungsgrenzen handele, dass wir die Einheit aller Wahrscheinlichkeit nach wieder bekommen werden, wie es von den vier Mächten in Potsdam versprochen worden war. Sollte das nicht passieren, wird es die oberste Aufgabe für uns sein, dafür zu sorgen, dass die Teilung aufgehoben wird.

Es sollte ein langer Weg werden.

Ich habe das zum ersten Mal gedacht, als die Blockade Berlins 1949 aufgehoben wurde, aber die Besatzungszonen mit den Reisebeschränkungen für die Deutschen blieben.

Als Journalist unter Besatzern

Nach Kriegsende musste ich – wie alle – Geld verdienen. Was ich gelernt hatte, Industriekaufmann, war nicht gefragt, was ich eigentlich studieren wollte, nämlich Musik, konnte ich nicht mehr. Also habe ich mir gedacht: Das einzige, was du kannst, ist schreiben. Die erste Zeitung, die aufmachte, war die »Tägliche Rundschau«, das Zentralorgan der Roten Armee, die zweite war die »Berliner Zeitung« – auch unter sowjetischer Kontrolle –, aber mit dem Untertitel: »unabhängiges deutsches Blatt«. »Da gehste hin«, hab ich gedacht, hab mir einen Kanten Brot eingesteckt und bin von Weißensee nach Neukölln gelaufen – das ist sehr weit für Berlin, zumal es kaum mehr Brücken gab, und wenn, dann musste man rüberklettern. Die Redaktion der »Berliner Zeitung« war am Herrmannplatz hinter dem heutigen Karstadt-Gebäude. Ich war ein bisschen naiv, die ersten, die ich traf, waren natürlich Russen – von wegen unabhängige Zeitung!

Was ich denn könne. »Nüscht«, hab ich gesagt, »aber ich möchte gerne schreiben«. »Wo kommen Sie her? Aus Weißensee? Na, dann gehen Sie mal wieder nach Hause, und wenn Sie glauben, Sie haben etwas, was für uns interessant ist, dann kommen Sie wieder her, und wir werden sehen, ob wir das drucken können«. So habe ich als Lokalreporter begonnen. Eines Tages hatte ich das Glück, dass ein Kollege krank und ich an seiner Stelle zu einem Konzert im großen Sendesaal an der Masurenallee geschickt wurde. Das Orchester war zusammengewürfelt aus allen möglichen Musikern, keiner von ihnen hatte eine Konzertkleidung, unter den Zuhörern waren auch ehemalige KZ-Häftlinge, noch in ihrer Gefängniskleidung. Dort habe ich zum ersten Mal wieder die 6. Symphonie von Tschaikowsky gehört. Es klang überwältigender und bewegender als in der Schule, wo wir im Unterricht Tschaikowsky durchgenommen hatten. Aber hier ließen Umgebung und Anlass das Werk natürlich ganz anders hören! Das war ein großes Erlebnis!

Bei der »Berliner Zeitung« haben wir schnell zwischen Leningrader und Moskowiter Russen unterscheiden gelernt: Die Leningrader waren intelligente Menschen, die gut Deutsch sprachen, die Moskowiter waren die harten Funktionäre. Die Leningrader Besatzungsoffiziere waren in der deutschen Literatur, in der deutschen Geschichte bewandert, und sie hatten – anders als die Amerikaner – Hochachtung vor der deutschen Kultur und – im Rückblick nicht einfach zu verstehen – Respekt vor den deutschen Soldaten, die in ihren Augen wirklich gekämpft hatten. Und sie und ihr Land fast umgebracht hätten.

Nachdem die russische Chefredaktion durch einen kommunistischen Hardliner ersetzt wurde, der aus der Emigration in Moskau zurückkehrte, wehte ein anderer Wind. Ich sollte vom »Aufbaumythos« schreiben. Das war bei den Nazis Blut-und-Boden-Mythos genannt worden. Hier war meines Bleibens nicht länger! Lieber verbrachte ich einige Zeit arbeitslos zu Hause.

Eines Tages klingelte es an meiner Tür, ein amerikanischer Sergeant sprach mich mit Vornamen an. Es stellte sich heraus, dass er zu einer befreundeten Familie gehörte, die 1934 nach Amerika ausgewandert war, der Sohn war Grafiker geworden und kam als amerikanischer Sergeant nach Deutschland. Er hatte uns gesucht, gefunden und nun schlug er vor: Komm zu uns, wir machen eine neue Zeitung, die »Allgemeine Zeitung«. Unter amerikanischer Leitung, und die war fabelhaft! Bei denen habe ich den Beruf des Journalisten von Grund auf gelernt: wann, wer, wo, wie, was – möglichst kurz im ersten Satz. Als ich eines Tages einen kleinen Artikel begann, guckte mir mein Ausbilder über die Schulter und fragte: »Wollen Sie ›Krieg und Frieden‹ neu schreiben?« Es war eine gute Schule!

Journalismus unter Besatzeraugen? Das ist zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich gewesen. Unmittelbar nach dem Kriege konnten wir im Prinzip Nachrichten aus Berlin oder aus den verschiedenen Regionen bringen, ohne das Gefühl zu haben, irgendwie eingeschränkt zu sein. Etwas später bekamen wir dann allerdings von den Amerikanern die Weisung, keine Meldung und keine Meinung zu drucken, die die Russen übel nehmen könnten. Da kam zum Beispiel eines Tages jemand aus Aue im Erzgebirge, der erzählte folgendes: Bei uns ist Pechblende gefunden worden. Wir wussten natürlich, das ist der Rohstoff für die Entwicklung der Atombombe. Ich bin zu meinem amerikanischen Chef gegangen und habe gesagt: Wir haben eine Weltmeldung für morgen früh. Da hat er den Kopf geschüttelt: Das muss ich erst nach Washington berichten, damit meine Leute wissen, bevor die Russen wissen, dass wir es wissen. Die Meldung wurde nicht gedruckt, es gab für den Überbringer und für mich stattdessen eine Stange Zigaretten. Unter der Decke brodelten also bereits die Machtinteressen zwischen den Amerikanern und den Sowjets. Mein Gedanke: Wenn die Sowjets in der SBZ – so nannten wir damals die Sowjetisch Besetzte Zone – Rohstoff für die Atombomben kriegen, dann wird das lange besetztes Gebiet bleiben. Ich habe damals die Geschichte mit dem Uran nicht weiter verfolgt, hatte aber auch keine Angst vor einem neuen Krieg, weil ich genau wusste: Wenn es dazu kommt, werden wir gar nicht gefragt.

Wir hatten keinerlei Souveränität, die Alliierten haben über uns bestimmt. Berlin hat das besonders zu spüren bekommen.

Berlin – eine Stadt im Ausnahmezustand

Von Lenin soll der Ausspruch stammen: Wer Berlin hat, hat Deutschland, und Deutschland ist der Schlüssel für Europa.

Die im Juni 1948 beginnende Blockade Berlins durch die Sowjetunion war die erste Schlacht des Kalten Krieges – und endete mit einer Niederlage Stalins: Der Einsatz seiner »Hungerwaffe« misslang, etwa zwei Millionen Einwohner der Westsektoren der Stadt wurden von den Amerikanern 15 Monate lang über eine Luftbrücke mit lebenswichtigen Gütern versorgt. Ich habe noch das Geräusch der ein- und ausfliegenden Maschinen, die nicht sehr weit entfernt von unserer Wohnung zu hören waren, in den Ohren. Das war für mich Musik! Ich bin nachts aufgewacht, wenn mal eine Maschine ausfiel. Dann fehlte plötzlich etwas!

Dass man eine Luftbrücke machen könnte, dass es funktionieren könnte, schien anfangs unvorstellbar! Die Westberliner haben eine ungeheure Moral gezeigt. Es war der Anfang der heroischen Zeit: Dass Deutsche etwas riskierten, um frei zu sein und frei zu bleiben, war die erste positive Nachricht aus Deutschland für die amerikanischen Zeitungen und ihre Headlines. Ich hab sehr viel später in den 1970er Jahren zu einem sowjetischen Gesprächspartner gesagt: Ihr habt damals mit dem Einsatz der Hungerwaffe den Kampf um die Seelen der Deutschen verloren. Und ihr habt überhaupt verloren, weil ihr euch nicht durchsetzen konntet. Da hat er genickt und gesagt: »Das stimmt, aber die Amerikaner haben in derselben Zeit China verloren.« Welch ein Glück, dass die Amerikaner Berlin für wichtiger gehalten haben! Ihre Lufttransportkapazität reichte nicht aus, gleichzeitig Chiang Kai-shek gegen Mao zu unterstützen.4

Obwohl sich Wirtschaft und Gesellschaft in den beiden 1949 gegründeten deutschen Staaten systemgemäß auseinander entwickelten, konnte man aus deutscher Sicht immer noch hoffen, die beiden Teile relativ einfach vereinigen zu können – wie zwei Kabel, die man zusammenschließt. Zumal der Interzonenhandel gerade unter diesem Gesichtspunkt entwickelt wurde und in der Tat nicht nur alle kommenden Krisen und sogar die Mauer überstand, sondern zu einem Instrument ausgebaut wurde, an dem der DDR sehr gelegen war. Die Versorgung der Stadt mit frischen Lebensmitteln hing an der DDR und die Entsorgung erst recht: Denn die Abwässer flossen nun mal von Osten nach Westen.

Dagegen wurde es als hinnehmbarer Schönheitsfehler angesehen, dass der Westteil der Stadt vom Osten als eine besondere politische Einheit bezeichnet wurde. Im Interzonenabkommen 1951 wurde von den Währungsgebieten der D-Mark – im Plural – gesprochen. Aber das konnte mit der Haltung der Westmächte erklärt werden, die den Artikel des Grundgesetzes suspendiert hatten, wonach Berlin Teil der Bundesrepublik sei. Die Oberste Gewalt in Berlin garantierte den Vier Mächten die Kontrolle über Deutschland, so lästig das auch für beide wurde. Die Sowjetunion musste den Vergleich der ungleichen Lebensstandards in der Stadt aushalten, bis sie zu der Einsicht kam, dass die DDR nicht zu konsolidieren sei, solange die Menschen für 20 Pfennig mit der S-Bahn auf die andere Seite fahren konnten. Der Westen musste die Krisenanfälligkeit ertragen, wenn die Zonenbehörden auf den Autobahnen die Ampeln für Lastwagen auf Rot stellten und ihre Zollbeamten Transitvisa ausstellten, was bekanntlich ein Hoheitsakt ist, obwohl es theoretisch den Staat DDR nicht gab.

Wir hatten uns so an die Ausnahmesituation von Berlin gewöhnt, dass ich, als ich 1948 vom »Tagesspiegel« nach Hamburg geschickt wurde, um dort eine norddeutsche Redaktion aufzubauen, einen kleinen Kulturschock erlebte. Ich sah eine hell erleuchtete Stadt und wurde mir bewusst, wie dunkel es im blockierten Berlin war.

Die Augen gingen über vor den eleganten Auslagen an der Alster; an der Spree hatten wir die Wirkungen der Währungsreform5 verpasst. Dachten die Menschen, die ungeniert und genussvoll Torten fraßen, eigentlich daran, wie andere ziemlich nahe vor den Toren ihrer Stadt lebten? Die Selbstverständlichkeit, mit der aus reichhaltigen Speisen ausgewählt wurde, hatte fast etwas Sündhaftes. Aber ich stellte noch etwas anderes, viel Beunruhigenderes fest: Der Westen war eine andere Welt. In Berlin wurden Besatzer zu Beschützern, dort ging der Kampf ums Überleben weiter. In Hamburg wandte man sich, dem Feuersturm des Krieges entronnen, dem Leben zu.

Die Überschriften in den westdeutschen und Berliner Zeitungen differierten immer stärker und zeigten die Unterschiedlichkeit des Blicks. Die norddeutsche Redaktion vom »Tagesspiegel« wurde 1949 wieder geschlossen, Bonn war als neue Regierungshauptstadt interessanter geworden, der Hamburger Korrespondent wurde in dieses idyllische und sympathische Städtchen versetzt. Meine politische Kleinkinderzeit hatte in Berlin stattgefunden. In Bonn war eine politische Lernzeit zu absolvieren…

Kein Bundestag konnte wieder so tiefe Furchen auf dem politischen Brachland ziehen, wie das in der 1. Legislaturperiode möglich und nötig war. Das Grundgesetz mit Leben erfüllen, wurde zu einem Ereignis, bei dem das Parlament reifte und Spreu sich vom Weizen trennte. Für die Journalisten galt das genauso. Ich jedenfalls fand mein zentrales Thema, das mal Deutschland-, mal Außen-, mal Ost- und mal Sicherheitspolitik genannt wurde, aber im Grunde immer dasselbe blieb: Deutschlands Selbstbestimmung in Europa.

1950 bin ich dann vom RIAS – Radio im amerikanischen Sektor – abgeworben worden, ich blieb dem Sender zehn Jahre als Chefkommentator treu, ein Jahr davon als Chefredakteur in Berlin, die übrige Zeit in Bonn.

Zwei wichtige Ereignisse fallen in diese Berliner Zeit: der 17. Juni 1953 und meine Begegnung mit Willy Brandt im Jahr 1960. Beides hat mein politisches Leben nachhaltig verändert.

Der 17. Juni 1953

Wir haben selbstverständlich verfolgt, dass es in der Zone – wir sprachen damals alle noch von »Zone« – Unruhen gab wegen der Erhöhung der Arbeitsnormen, was mehr Arbeit fürs gleiche Geld bedeutete. Wir hatten aber keine Ahnung, bis zu welchem Grad das eskalieren würde.

Am 16. Juni 1953 wurde ein Marsch der Bauarbeiter von der Stalinallee in Richtung Innenstadt gemeldet. Am Nachmittag kam dann eine Abordnung der Streikleitung in mein Büro und bat darum – nein, forderte eher –, dass der RIAS zum Generalstreik in der Zone aufrufen sollte. In der anderen Zone aktiv operativ eingreifen konnte ein amerikanischer Sender natürlich nicht. Aber das durfte ich nicht sagen. Stattdessen habe ich argumentiert: Haben Sie denn irgendeine Organisation vorbereitet, Generalstreik ohne Vorbereitung gibt es nicht. »Nein, haben wir nicht, das wird auch so funktionieren«, bekam ich als Antwort. Das habe ich nicht geglaubt: »Wie sind denn Ihre Forderungen?« Wir haben uns dann an meinen Schreibtisch gesetzt und die Forderungen erstens in eine vernünftige Reihenfolge und zweitens in ein vernünftiges Deutsch gebracht. »So werden wir das senden.« Sie zogen dann ab, nicht sehr befriedigt. Wir haben das gesendet. Später kam die Nachricht, dass die Demonstrationszüge vor dem Haus der Ministerien angekommen waren. Losgegangen waren sie mit der Forderung: Weg mit den Normenerhöhungen und angekommen sind sie ein paar Kilometer weiter mit der Forderung nach freien Wahlen. Da waren ökonomische Forderungen in politische Forderungen verwandelt worden.

Nach Lenin ist das der Beginn einer revolutionären Situation. In der nächsten Stufe gehen dann die bewaffneten Streitkräfte über auf die Seite der revolutionären Demonstranten. So weit war es auch schon, die Volkspolizei fing an, sich mit den streikenden Arbeitern zu verbrüdern. Das war der Punkt, an dem die sowjetische Besatzung eingreifen musste, weil ihr sonst die Kontrolle aus den Händen genommen worden wäre. Die Regierung der DDR – an der Spitze Walter Ulbricht6 – war schon an diesem Tag nach Karlshorst in den Schutz der sowjetischen Besatzung geflohen.

Am Morgen des 17. Juni wurden alle Chefredakteure zum Vertreter des Bundes in Berlin gerufen. Bevor ich da hinging, hatte mir mein Nachrichtenchef gesagt, Bundeskanzler Adenauer habe eine Erklärung abgegeben, das sei eine Provokation der »Sowjets«, man sollte nicht darauf reagieren. Ich habe darauf entgegnet: »Das senden wir nicht, denn das ist das Gegenteil der realen Situation; wenn wir das senden, blamieren wir den Alten Herrn nur.« Ich habe dann Globke7 angerufen, der versprach, die Meldung zurückzuziehen.

Gegen Mittag kam die Ausrufung des Ausnahmezustandes. Der Sender reagierte sofort: Befehle der Besatzungsmacht müssen befolgt werden. Nichts gegen die Besatzungsmacht! Die Demonstranten hatten verabredet: Am 17. Juni um 6 Uhr früh sollen sich alle am Strausberger Platz treffen. Das haben wir gesendet. Eine halbe Stunde später kam mein amerikanischer »Controller« mit bebendem Bärtchen zu mir: Das müsse sofort aus dem Programm. Das sei ein Befehl des amerikanischen Hochkommissars! Ob denn der RIAS den Dritten Weltkrieg auslösen wolle? »Können Sie garantieren, dass die Demonstranten nicht einfach weitermarschieren nach Westberlin?« Darauf habe ich die Meldung aus dem Programm genommen und – es war inzwischen Abend geworden – den Chef des DGB, Walter Sickert, angerufen und gebeten, in den Sender zu kommen. Ich habe ihm die Lage erklärt, und dann hat er als Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes eine kleine »Erklärung« im Radio abgegeben. Der DGB war ja eine demokratische Organisation, die eben mit Verständnis reagierte für die Forderungen der Arbeiter und einflocht, dass man sich am nächsten Tag um 6 Uhr früh am Strausberger Platz treffen wollte. Am Morgen haben wir einen amerikanischen Jeep dorthin geschickt, er kam nach einer halben Stunde zurück mit der Meldung: Es wimmelt dort vor Menschen! Alle hatten RIAS gehört! Aber es hat noch ein paar Tage gedauert, bis wir begriffen: Überall in der DDR wurden die fünf Punkte, die der RIAS gesendet hatte, mit dem exakten Wortlaut aufgegriffen und öffentlich vertreten. Das war das erste Mal, dass ein elektronisches Medium diese Wirkung erzielte. Wir hatten, ohne es zu wissen und ohne es zu wollen, den Aufstand ausgelöst. Der Rest ist Geschichte: Der Aufstand wurde durch russische Panzer erstickt.