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Alison Goodman

Titeltypo.tif

Roman

Aus dem australischen Englisch
von Andreas Heckmann

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
»Eona – The Last Dragoneye«
bei Viking / Penguin Group, New York.

1. Auflage

Taschenbuchausgabe September 2013

bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe
Random House Gmbh, München.

© der Originalausgabe 2011 by Alison Goodman

© der deutschsprachigen Ausgabe 2011by cbj,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

UH · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-12816-6

www.blanvalet.de

Für Ron

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Vorwort

Von Lehrer Prahn, dem Kaiserlichen Bibliothekar und Lehrer Seiner Majestät Kygo, dem rechtmäßigen Erben des Kaiserthrons

Ein weiser Mann schrieb einst: Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer. Deshalb verfasse ich einen wahren Bericht über die Einnahme des Palasts und des Kaiserthrons durch Großlord Sethon am Tag nach dem Tod seines Bruders, unseres verehrten Kaisers des Friedens und der Harmonie.

Ich war bei dem brutalen Angriff der Armee auf den Palast zugegen und sah, dass viele meiner Eunuchen-Brüder – obwohl unbewaffnet – niedergemetzelt wurden. Ich war Zeuge, wie der Harem gestürmt, die Kaiserliche Garde niedergemetzelt und der Hofstaat angegriffen wurde. Zu meinem nicht enden wollenden Kummer habe ich auch gesehen, wie Großlord Sethon selbst den noch ganz kleinen zweiten Thronerben und dessen Mutter getötet hat. Offiziell hieß es, Prinz Kygo – der Kronprinz, der vor dem grausamen Staatsstreich seines Onkels zum Perlenkaiser gesalbt worden war – sei bei den Kämpfen getötet worden. Doch die Leiche wurde nicht gefunden und ich habe gehört, er sei mit seiner restlichen Garde entkommen. Möge dies eine Wahrheit aus dem Munde der Götter sein.

Ich kann einen Bericht bestätigen, demzufolge Lord Ido – das Rattendrachenauge – an der Tötung von fast allen seinen Gefährten und deren Lehrlingen maßgeblich beteiligt war, um sich ihre Macht anzueignen. Ich habe die Leichen gesehen und wir alle haben das Beben der Erde und die Gewitter am Himmel gespürt, in denen sich zweifellos die Trauer ihrer zehn Drachen zeigte. Nun leben nur noch zwei Drachenaugen: der heimtückische Lord Ido und das neue Spiegeldrachenauge, Lord Eon, den man aus dem Palast hat fliehen sehen. Idos Lehrling Dillon soll ebenfalls entkommen sein. Man weiß nicht, ob er die Machtgier seines Meisters teilt, doch falls er noch am Leben ist, könnte er sehr bald Rattendrachenauge werden. Lord Ido wollte Großlord Sethon hintergehen und sitzt nun im Kaiserlichen Gefängnis. Angeblich kann er seine Macht dort nicht abrufen, sondern ist dem Zorn des Großlords ausgeliefert.

Niemand weiß, wo Lord Eon sich aufhält. Ich bete, dass er sich weit entfernt von der Stadt verbirgt. Und ich weiß, dass er unter dem Schutz von Ryko, einem Mitglied der Schattenmänner-Garde, und von Lady Dela stand, einer Zwillingsseele mit dem Körper eines Mannes und dem Geist einer Frau, deren Findigkeit legendär ist unter den Höflingen. Wir können nur hoffen, dass sie mit ihren vereinten Fähigkeiten das junge Drachenauge beschützen können. Mitten in der Furcht, die im Palast herrscht, und den Lügen, die dort verbreitet werden, ist das schändliche Gerücht aufgekommen, Lord Eon, ein Eunuchen-Bruder, sei in Wirklichkeit ein Mädchen. Ich habe den neuen Lord mit eigenen Augen gesehen und seine feinen Züge, sein zierlicher Körperbau sind ganz normal für einen von uns, der das Opfer in so jungen Jahren gebracht hat. Ich erwähne das Gerücht nur, damit die gottlose Vorstellung von einem weiblichen Drachenauge sich nicht ausbreitet in unserem geschundenen Land und noch mehr Panik hervorruft.

Ich weiß nicht, wie unser Kaiserreich überleben soll, wenn es zur Beherrschung der Elemente nur zwei Drachenaugen und deren Tiere gibt, zumal eines dieser Drachenaugen als Verräter eingesperrt wurde und das andere ein ungeübter Junge ist. So aufgeweckt und schlau Lord Eon auch ist: Er kann die Energien der Erde nicht allein beherrschen. Seit Menschengedenken bedarf es der vereinten Kräfte der elf Drachenaugen und ihrer Tiere, um das Land zu ernähren. Als der fehlende zwölfte Drache – der Spiegeldrache – aus dem Exil zurückkam und er Lord Eon zum ersten Spiegeldrachenauge seit fünfhundert Jahren erwählte, wurde dies als Vorbote von Glück und erneuerter Kraft angesehen. Ich bete, dass dies so sein möge und dass die Rückkehr des Spiegeldrachen in den Kreis der zwölf Geisttiere kein Vorzeichen der Vernichtung ist. Schon seit langer Zeit hat sich eine Widerstandsbewegung gegen Großlord Sethons grausame Kriegstreiberei gebildet, doch nun müssen sich diese Getreuen gegen die ganze Armee behaupten und so ein Kampf wird unser Land zerreißen.

Ich bemühe mich, diesen Bericht aus dem Palast zu schaffen. Wenn Ihr das lest, verbreitet es bitte möglichst weit. Und bitte betet zur Göttin des Todes für meinen Geist. Einer meiner Eunuchen-Brüder hat mich an Großlord Sethon verraten und dem falschen Kaiser von meiner engen Verbindung zu seinem Neffen erzählt. Ich bin in meiner Bibliothek gefangen, und obwohl ich nichts weiß, werde ich bald nur eines der vielen Folteropfer im Zuge der Suche des Großlords nach dem Perlenkaiser und nach Lord Eon sein.

Zu Papier gebracht von Prahn, dem Sohn des Mikor,

am zwanzigsten Tag des neuen Jahrs des Rattendrachen.

1

Die Drachen weinten.

Ich sah auf die graue, kabbelige See und konzentrierte mich auf das leise Geräusch in mir. Seit wir vor drei Tagen aus dem eroberten Palast geflohen waren, hatte ich jeden Morgen auf diesem Fels gestanden und die Totenklage der zehn beraubten Drachen gespürt. Meist war es nur ein gedämpftes Jammern unter dem goldenen Gesang meines Spiegeldrachen gewesen. Doch heute Morgen war es stärker. Strenger.

Vielleicht hatten die zehn Geisttiere ihre Trauer überwunden und waren in den Kreis der Zwölf zurückgekehrt? Ich holte tief Atem und glitt in die nervenaufreibende innere Schau. Das Meer verschwamm zu wogendem Silber, als ich mich nicht mehr auf die irdische Ebene konzentrierte, sondern die pulsierenden Farben der parallelen Energiewelt in den Blick nahm. Nur zwei der zwölf Drachen waren über mir in ihren Himmelsregionen: Lord Idos massiger blauer, sich vor Schmerz krümmender Rattendrache im Nordnordwesten und mein roter Drache im Osten. Der weibliche Spiegeldrache. Die Königin. Die übrigen zehn Drachen waren noch immer nicht von dort zurückgekehrt, wohin Geisttiere zum Trauern fliehen.

Der Spiegeldrache wandte mir den riesigen Kopf zu, und die goldene Perle unter dem Kinn hob sich schimmernd ab von den blutroten Schuppen. Vorsichtig bildete ich im Geiste unseren gemeinsamen Namen Eona und rief ihre Macht an. Sie antwortete sofort und ließ goldene Energie durch mich strömen. Ich genoss meine aufsteigende Freude, schwelgte in unserer Vereinigung und vermochte Erde und Himmel gleichzeitig zu sehen: Um mich herum waren Fels, Meer und Himmel, und zugleich nahm ich durch ihre großen Drachenaugen den Strand im wogenden, immerwährenden Rhythmus des Werdens und Vergehens wahr. Silberne Nadelspitzen von Hua, der Lebensenergie, huschten, schwammen, wühlten durch eine wirbelnde Landschaft in den Farben des Regenbogens. Tief in mir entfaltete sich ein süßer Gruß – die wortlose Berührung ihres Drachengeists mit meinem Geist – und ließ einen warmen Geschmack nach Zimt auf meiner Zunge zurück.

Doch plötzlich schlug der köstliche Geschmack um. Wir beide spürten gleichzeitig eine Wand aus ungestümer Energie, eine sausende, schreiende Kraft auf uns zukommen. Nie hatten wir einen so zehrenden Schmerz verspürt. Ein gewaltiger Druck hämmerte auf unser goldenes Band ein und lockerte meinen irdischen Griff. Ich stolperte über Felsen, die unter mir nachzugeben schienen. Der Spiegeldrache schrie und bäumte sich auf, um sich der tosenden Woge des Verlangens entgegenzustemmen. Ich spürte keinen Boden, keinen Wind, keinen festen Grund. Nur den Zusammenprall wilder, wirbelnder Energie.

»Eona!«

Eine ferne, beunruhigte Stimme.

Die zermalmende Trauer zerrte an meinem Halt auf der Erde und am Himmel. Ich fuhr herum, meine Verbindung von Geist und Körper war überdehnt und drohte zu reißen. Ich musste mich befreien, wenn ich nicht zerstört werden wollte.

»Eona! Ist alles in Ordnung mit Euch?«

Das war Delas Stimme, ein Anker aus der physischen Welt. Ich griff danach und entwand mich der tosenden Gewalt. Plötzlich war um mich wieder Sand und Meer und Sonnenschein. Ich krümmte mich und würgte an einem bitteren, mit Kummer verschnittenen Essig: dem Geschmack der zehn beraubten Drachen.

Sie waren zurück. Und griffen uns an. Schon als ich das dachte, wusste ich tief in mir, dass ich mich irrte: Sie würden ihre Königin nicht angreifen. Und doch hatte ich gespürt, wie ihr Hua uns bedrängte. Eine andere Angst ergriff von mir Besitz. Vielleicht war dies der Anfang der Perlenkette, jener Waffe, die die Kraft der zwölf Drachen vereinte und die aus dem Tod aller Drachenaugen geboren war – aller Drachenaugen bis auf eines.

Doch das war nur eine Legende und ich war nicht das letzte lebende Drachenauge. Der Rattendrache war noch in seinem Himmelskreis. Also war mindestens ein Rattendrachenauge (ob Lord Ido oder sein Schüler Dillon) noch am Leben. Ich zitterte. Irgendwie war mir klar, dass Lord Ido nicht tot war, doch ich konnte meine Gewissheit nicht erklären. Mir war, als beobachtete er mich und wartete darauf, sich meiner Kraft erneut zu bemächtigen. Er glaubte an eine andere Legende der Perlenkette: dass seine geistige und körperliche Vereinigung mit mir diese Waffe erst schaffen werde. Und es wäre ihm fast gelungen, mir diese Vereinigung aufzuzwingen. Manchmal spürte ich noch seinen eisernen Griff um meine Handgelenke.

»Alles in Ordnung mit Euch?«, rief Dela noch einmal.

Sie stand oben auf dem steilen Pfad, und obwohl sie die Drachen weder sehen noch spüren konnte, wusste sie, dass etwas nicht stimmte. Ich hob meine zitternde Hand und hoffte, sie würde die Nachwirkungen meiner Angst nicht bemerken. »Mir geht’s prima.«

Und doch hatte ich meinen Drachen verlassen, um mich dieser bitteren Woge des Verlangens zu stellen. Ich konnte nicht viel tun, doch ich durfte sie nicht allein lassen. Mit dem nächsten Atemzug nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, konzentrierte mich auf die innere Schau und tauchte erneut ein in die Energiewelt.

Das krachende, schlingernde Chaos war verschwunden, und die Himmelsebene war wieder ein ruhiges Kommen und Gehen von Edelsteinfarben. Der Spiegeldrache sah mich ruhig an und seine Aufmerksamkeit streifte durch meinen Geist. Ich sehnte mich danach, seine Wärme wieder zu spüren, doch ich ließ seine Erscheinung vorbeigehen. Falls die trauernden Drachen durch unsere Vereinigung aus dem Exil herbeigerufen worden waren, durfte ich nicht riskieren, dass sie wiederkamen. Schließlich war ich kaum in der Lage, die Kraft meines eigenen Drachen zu beherrschen – wie sollte ich da zehn Geisttiere lenken, die wegen des Mordes an ihren Drachenaugen ohnehin aus dem Gleichgewicht waren? Und falls diese trauernden Wesen nun auf meiner Vereinigung mit meinem Drachen lauerten, musste ich einen Weg finden, mich ihrer Verlassenheit zu erwehren, oder ich würde die Drachenkünste nie erlernen, mit denen man die Elemente beherrschte und das Land ernährte.

Auf seinem Platz im Nordnordwesten wand sich der blaue Drache noch immer unter schrecklichen Schmerzen. Am Vortag hatte ich seine Macht anrufen wollen wie zuvor im Palast, doch diesmal hatte er nicht reagiert. Ohne Zweifel hatte Lord Ido seine Qualen verursacht. Wie alle unsere Qualen.

Seufzend verließ ich die Energie-Ebene wieder. Aus den pulsierenden Farben wurden wieder die festen Umrisse und das klare Licht des Strandes, und Delas sich nähernde Gestalt schälte sich heraus. Selbst in der einfachen Kleidung eines Fischers und mit dem Arm in einer Schlinge schritt sie einher wie eine Hofdame und ihr anmutig schwingender Gang bildete einen seltsamen Gegensatz zu dem grobem Kittel und der rauen Hose. Da sie ein Contraire war – ein Mann, der beschlossen hatte, als Frau zu leben –, hätte ich eigentlich gedacht, dass es ihr leichtfallen müsste, wieder Männersachen zu tragen und männliches Verhalten anzunehmen. Von wegen! Aber ich musste ja ganz still sein. Nach vier Jahren, in denen ich so getan hatte, als wäre ich ein Junge, fiel mir die Rückkehr zur Weiblichkeit genauso schwer. Ich beobachtete Delas kleine eilige Schritte und ihr elegantes Auftreten. Sie wirkte fraulicher, als ich es je sein würde.

Ich suchte mir einen Weg durch die Felsen zu ihr und setzte meine Schritte dabei so leicht und sicher, dass mein Herz jubelte. Meine Vereinigung mit dem Spiegeldrachen hatte meine lahme Hüfte geheilt. Ich konnte ohne Schmerzen und ohne zu hinken gehen und laufen. Es hatte nicht viele Zeiten und Gelegenheiten gegeben, wo ich diese herrliche Gabe genießen konnte: ein morgendlicher Wettlauf am Strand, bei dem jeder platschende Schritt ein Freudenschrei gewesen war, und kurze Momente wie dieser: rasche, heimliche Vergnügungen zwischen all der Angst und Trauer.

Dela überwand die kurze Strecke zwischen uns und aus ihrem selbstsicheren Gang wurde ein stolperndes Rennen. Ich ergriff ihre ausgestreckte Hand.

»Geht es ihm schlechter?«, fragte ich.

Delas düsterer Blick und ihre rot geränderten Augen waren mir Antwort genug. Unser Freund Ryko lag im Sterben.

»Meister Tozay sagt, seine zerfetzten Gedärme haben ihn vergiftet.«

Ich wusste von Rykos schrecklichen Verletzungen, aber ich hätte nie gedacht, dass er ihnen erliegen würde. Er war immer so stark. Als Schattenmann, als Mitglied der Eunuchen-Palastwache also, die die königliche Familie beschützte, hatte er sich seine Kraft und seine männliche Energie durch eine tägliche Dosis Sonnenpulver erhalten. Dass er dieses Mittel drei Tage lang nicht hatte einnehmen können, hatte ihn womöglich unheilbar geschwächt. Vor dem Staatsstreich hatte auch ich mehrmals vom Sonnenpulver gekostet, und zwar in der irrigen Annahme, dass ich mich dadurch leichter mit meinem Drachen vereinen könnte. Tatsächlich war das Gegenteil der Fall, da die Droge meine weibliche Energie unterdrückte – und meine Periode. Kaum hatte ich das Pulver vor drei Tagen abgesetzt, hatte ich meine Blutung bekommen. Auf ein so starkes Mittel verzichten zu müssen, hatte dem verletzten Ryko gewiss hart zugesetzt. Ich betrachtete die schwere Wolkenbank am Horizont, die zweifellos durch den Aufruhr der Drachen entstanden war, und fröstelte, als die warme Morgenbrise unversehens einem kalten Wind wich. Bald würde es wieder regnen und es würde weitere Überschwemmungen und Erdbeben geben. Und da Lord Ido die anderen Drachenaugen ermordet hatte, ließ sich keine Drachenkraft dagegen ins Feld führen.

»Tozay besteht darauf, dass wir Ryko zurücklassen und weiterziehen«, setzte Dela leise hinzu, »bevor Sethons Männer kommen.«

Ihre Kehle krampfte sich vor unterdrücktem Schluchzen zusammen. Sie hatte die große schwarze Perle abgelegt – das Symbol ihres Contraire-Daseins –, die an einer goldenen Sicherheitsnadel oberhalb der Luftröhre an ihrem Hals gehangen hatte. Die durch die Haut gestochene Brosche war zu auffällig, doch gewiss hatte es Dela geschmerzt, das Zeichen ihres Zweiseelentums zu entfernen (wobei dieser Schmerz nichts wäre verglichen mit ihrem Kummer, falls wir gezwungen sein würden, ohne Ryko weiterzuziehen).

»Wir dürfen ihn nicht zurücklassen«, sagte ich.

Der stämmige Inselbewohner hatte erbittert gekämpft, um Lord Ido davon abzuhalten, sich meiner Drachenkraft zu bemächtigen. Selbst mit seinen schweren Verwundungen hatte er uns aus dem eroberten Palast in die sichere Obhut des Widerstands geführt. Nein, wir durften Ryko nicht zurücklassen. Aber mitnehmen konnten wir ihn auch nicht.

Dela schlang die Arme um ihren schmächtigen Körper, als wollte sie ihre Verzweiflung wiegen. Ohne die vorgeschriebene höfische Schminke hatten ihre kantigen Züge etwas Männliches, obwohl in ihren dunklen Augen der Schmerz einer Frau lag – einer Frau, die gezwungen war, zwischen Liebe und Pflicht zu wählen. Ich hatte nie mit solcher Hingabe geliebt. Nach allem, was ich gesehen hatte, brachte das nur Leid.

»Wir müssen gehen«, sagte sie schließlich. »Ihr könnt hier nicht bleiben, das wäre zu gefährlich. Und wir müssen den Perlenkaiser finden. Ohne Eure Macht kann er Sethon nicht besiegen.«

Meine in weiblicher Linie auf mich überkommene Macht war die einzige erbliche Drachenaugenmacht im Zwölferkreis. Man erwartete sich viel davon, doch ich hatte noch immer keine Übung darin, keine Kontrolle darüber. Ich strich über das kleine rote Buch, das mit einer lebenden Schnur aus schwarzen Perlen an meinen Arm gebunden war, Perlen, die sich klickend zusammenschoben, wenn ich sie berührte. Immerhin besaß ich das Tagebuch von Kinra, meiner Vorfahrin im Amt des Drachenauges. Jeden Abend versuchte Dela, etwas von der geheimen Frauenschrift zu entziffern, in der es verfasst war. Bisher war sie nur langsam vorangekommen. Das Tagebuch war nicht nur in einer alten Variante dieser Schrift abgefasst, ein Großteil des Textes war zudem noch kodiert. Ich hoffte, Dela würde den Code bald entschlüsseln und von Kinras Vereinigung mit dem Spiegeldrachen lesen. Ich brauchte die Führung und die Erfahrung eines Drachenauges, auch wenn dies nur durch ein altes Tagebuch ging. Und ich brauchte auch Rat. Falls ich meine Kraft darauf verwandte, Kygo zu helfen, seinen rechtmäßigen Thron zurückzuerlangen, brach ich dann nicht den Treueeid? Die alte Vereinbarung verbot es nämlich, Drachenmacht in einem Krieg einzusetzen.

Ich schob meine Bedenken beiseite und fragte: »Habt Ihr die kaiserliche Verordnung gelesen? Sethon nennt sich schon Drachenkaiser, obwohl die Frist, in der Berechtigte Anspruch auf den Thron erheben können, erst in neun Tagen abläuft.«

Dela nickte. »Er hat erklärt, beide Söhne des alten Kaisers seien tot.« Ich hörte die Zweifel in ihrer Stimme. »Und wenn es stimmt?«

»Tut es nicht«, erwiderte ich rasch.

Wir hatten beide gesehen, wie Großlord Sethon seinen kleinen Neffen und dessen Mutter ermordete. Doch der andere Neffe, achtzehn Jahre alt und der eigentliche Thronerbe, war entkommen. Ich hatte gesehen, wie er in Begleitung seiner Kaiserlichen Garde davongaloppiert war.

Dela kaute auf ihrer Unterlippe. »Woher wisst Ihr so genau, dass der Perlenkaiser noch am Leben ist?«

Ich war mir nicht sicher, doch der Gedanke, dass Sethon Kygo aufgespürt und umgebracht haben könnte, war zu schrecklich. »Andernfalls hätten wir davon gehört. Tozay hat ein weitreichendes Netz aus Kundschaftern.«

»Immerhin haben seine Kundschafter nicht herausgefunden, wo er sich aufhält«, entgegnete Dela. »Und Ryko …« Sie wandte den Kopf ab, als hätte der Wind ihr die Tränen in die Augen getrieben.

Nur Ryko wusste, wo seine Kameraden von der Garde den Perlenkaiser versteckt hielten. Vorsichtig wie immer, hatte er dieses Wissen mit niemandem geteilt. Und nun hatte das Blutfieber ihn um den Verstand gebracht.

»Wir könnten ihn noch einmal fragen«, schlug ich vor. »Vielleicht erkennt er uns. Ich habe gehört, es gibt oft noch einen lichten Moment vor …«

»… vor dem Tod?«, brachte sie mühsam hervor.

Ich setzte ihrem Kummer den meinen entgegen. »Ja.«

Sie sah mich kurz an und war wütend, dass ich keine Hoffnung für ihn heuchelte. Dann senkte sie den Kopf.

»Wir sollten zu ihm gehen«, meinte sie. »Tozay sagt, es geht nicht mehr lange.«

Mit einem letzten Blick auf die schweren Wolken raffte ich meinen unförmigen Rock, stieg hinter Dela den Pfad empor und genoss es stumm, lange, trittsichere Schritte zu machen.

Das robuste, vom Wetter gebleichte Fischerhaus war in den letzten Tagen unsere Zuflucht gewesen. Es lag einsam und man konnte gut erkennen, ob sich jemand vom Land her oder über das Wasser näherte. Ich blieb oben am Ende des Weges stehen, um wieder zu Atem zu kommen, und richtete meinen Blick auf das ferne Dorf. Kleine Fischerboote fuhren schon aufs Meer hinaus und darin saßen Widerstandskämpfer und hielten Ausschau nach Sethons Kriegsflotte.

»Wappnet Euch«, sagte Dela, als wir zum Haus kamen. »Sein Zustand hat sich sehr verschlechtert.«

Am Abend zuvor hatte ich noch bis Mitternacht bei Ryko gesessen und den Eindruck gehabt, der Insulaner würde sich tapfer halten. Doch jeder wusste, dass die Geisterstunden vor der Morgendämmerung die gefährlichste Zeit waren für einen Kranken – die kalte, graue Einsamkeit machte es den Dämonen leicht, die unbewachte Lebenskraft aufzuzehren. Dela hatte die frühe Wache an seinem Lager übernommen, doch anscheinend hatte auch ihre liebende Wachsamkeit die dunklen Geister nicht vertreiben können.

Sie hielt sich zurück, als ich die roten Glücksfahnen, die die Schwelle schützten, beiseiteschob und ins Zimmer trat. Der Flehende des Dorfes kniete noch in der gegenüberliegenden Ecke, stimmte aber keine Krankengebete mehr an. Er rief Shola an, die Göttin des Todes, und hatte seine Gewänder mit grobem weißen Tuch bedeckt, um die Königin der Anderwelt zu ehren. Ein Lampion schaukelte an einer roten Schnur, die er in den gefalteten Händen hielt, und sandte sein schwankendes Licht auf die abgespannten Gesichter rings um Rykos Lager. Dort waren Meister Tozay, seine älteste Tochter Vida und der treue, hässliche Solly versammelt. Ich hustete, da der dichte Nelkenrauch, der den Gestank nach Erbrochenem und nach Durchfall überlagern sollte, mir die Kehle zuschnürte.

Im unheimlichen Licht der schwingenden Laterne mühte ich mich, die Gestalt auf der Strohmatratze am Boden zu erkennen. Noch nicht, betete ich, noch nicht. Ich musste mich von ihm verabschieden.

Ich hörte, wie Ryko keuchte, noch bevor ich das allzu rasche Heben und Senken seiner Brust sah. Er hatte nur ein Lendentuch an, seine dunkle Haut war grau und wächsern geworden und seine einst so muskulöse Gestalt war abgemagert und schwach.

Man hatte ihm die festen Leinenverbände abgenommen und seine schwärenden Wunden freigelegt. Seine Hand – schwarz und aufgequollen nach der Folter durch Ido – ruhte auf seiner Brust. Aber noch erschreckender war die lange, klaffende Wunde von der Achsel bis zur Taille. Das geschwollene Fleisch hatte an manchen Stellen die grob vernähte Wunde aufbrechen lassen und man konnte bleiche Knochen und grellrotes Gewebe sehen.

Der Kräuterheiler schlurfte herein. Er hatte eine große Schüssel dabei, aus der beißender Dampf aufstieg, und murmelte mit tiefer Stimme Gebete über der schwappenden Flüssigkeit. Am Vorabend hatte mir dieser freundliche, immer erschöpfte Mann bei meiner Nachtwache Gesellschaft geleistet. Er wusste, dass seine Fähigkeiten angesichts der Verletzungen seines Patienten nicht ausreichten, doch er hatte alles versucht. Und er versuchte es noch immer, obwohl längst klar war, dass Ryko auf dem Goldenen Pfad zu seinen Vorfahren wandelte.

Hinter mir hörte ich Dela erstickt schluchzen. Bei diesem Geräusch sah Meister Tozay auf und winkte uns heran.

»Lady Drachenauge«, sagte er leise und führte mich an seinen Platz bei der Pritsche.

Wir hatten um der Sicherheit willen vereinbart, meinen Titel nicht zu nennen, doch ich sagte nichts. Mit diesem Verstoß brachte Tozay zum Ausdruck, wie hoch er Rykos pflichtbewusstes Leben achtete.

Vida folgte eilig dem Beispiel ihres Vaters und machte Dela Platz. Das Mädchen war kaum älter als ich mit meinen sechzehn Jahren, doch sie trat mit stiller Würde auf, einem Erbteil ihres Vaters. Von der Mutter hatte sie das stete Lächeln und ihre praktische Art, die vor nässenden Wunden und besudelten Laken nicht zurückschreckte.

Dela kniete sich hin und legte ihre Rechte auf Rykos unverletzte Hand. Er rührte sich nicht. Auch nicht, als der Kräuterheiler vorsichtig seine andere, verletzte Hand nahm und sie in die heiße Schüssel tauchte. Der Dampf roch nach Knoblauch und Rosmarin – guten Mitteln, die das Blut reinigten –, doch der Arm sah nicht so aus, als könnte man ihn noch retten.

Ich bedeutete dem Flehenden, mit der Anrufung Sholas aufzuhören. Es war nicht nötig, die Todesgöttin auf Ryko aufmerksam zu machen. Sie würde auch so bald eintreffen.

»Ist er noch einmal zu sich gekommen? Hat er etwas gesagt?«, fragte ich.

»Nichts Verständliches«, erwiderte Tozay und warf einen raschen Blick auf Dela. »Es tut mir leid, aber ihr müsst beide gehen. Meinen Kundschaftern zufolge ist Sethon hierher unterwegs. Wir kümmern uns weiter um Ryko und suchen nach dem Perlenkaiser, doch Ihr müsst im Osten bei Lady Delas Stamm Zuflucht suchen. Wir treffen uns mit Euch, sobald wir Seine Hoheit gefunden haben.«

Tozay hatte recht. Obwohl der Gedanke, Ryko zu verlassen, mir auf der Seele lag wie ein Mühlstein, durften wir unseren Aufbruch nicht länger hinauszögern. Der Osten war unsere beste Chance und dort war überdies der Herrschaftsbereich meines Drachen, ihre Machtbastion. Vielleicht würde meine Anwesenheit in der Hochburg ihrer Kraft unsere Verbindung stärken und mir helfen, die wilde Magie zu beherrschen. Und womöglich konnte der Spiegeldrache sich die zehn beraubten Drachen – falls sie noch einmal auftauchen sollten – dort besser vom Leib halten.

Dela warf dem Anführer des Widerstands einen strengen Blick zu. »Dieses Thema kann doch sicher warten, bis –«

»Ich fürchte, nein, Lady«, gab Tozay sanft, aber unnachgiebig zurück. »Ihr müsst Euch verabschieden, und zwar rasch.«

Sie senkte den Kopf, bemüht, sich mit seiner unverblümten Sachlichkeit abzufinden. »Meine Leute verstecken uns außerhalb von Sethons Reichweite«, erwiderte sie schließlich, »aber das Problem wird ihnen an die Nieren gehen.«

Tozay nickte. »Solly und Vida werden euch begleiten.«

Ich sah, wie Vida sich hinter Dela straffte. Wenigstens eine von uns war bereit, die Herausforderung anzunehmen.

»Sie wissen, wie man die Verbindung zu anderen Widerstandsgruppen herstellt«, fügte Tozay hinzu, »und können sich als eure Diener ausgeben. Ihr werdet nur eines von vielen Kaufmannspaaren auf einer Wallfahrt in die Berge sein.«

Dela richtete den Blick wieder auf Ryko. Sie hob seine reglosen Finger an die Wange und im Licht der schwankenden Lampe sah man den kummervollen Ausdruck in ihren Augen.

»Das kann schon sein«, meinte ich und wandte den Blick von diesem zärtlichen Bild ab, »aber jeder Ausrufer verbreitet unsere Beschreibung und zudem hängt sie an jedem Baum.«

»Bisher werdet Ihr noch als Lord Eon beschrieben«, sagte Tozay. Sein Blick huschte über meinen aufrechten, starken Körper. »Und als verkrüppelt. Und die Beschreibung von Lady Dela fordert alle auf, nach einem Mann oder nach einer Frau zu suchen, ist also ebenso nutzlos.«

Ich wurde noch immer als Lord Eon beschrieben? Dabei war ich fest davon ausgegangen, Ido habe Sethon erzählt, dass ich ein Mädchen bin – sei es unter Zwang, sei es, um etwas mit ihm auszuhandeln. Es ergab keinen Sinn, dass er mich schützte. Vielleicht hatten der Spiegeldrache und ich Idos Wesen tatsächlich verändert, als wir seinen verkümmerten Herzpunkt heilten und seinem Geist Mitleid aufzwangen. Immerhin hatte diese erste Vereinigung mit meinem Drachen auch meine Hüfte geheilt. Ich legte die Hand auf meine Gürteltasche, in der ich die Totentafeln meiner Vorfahren Kinra und Charra aufbewahrte, und betete im Stillen darum, die Veränderung möge von Dauer sein. Damit meinte ich nicht nur den Sinneswandel von Lord Ido, sondern auch meine wundersame Heilung. Ich würde es nicht ertragen, meine Freiheit wieder zu verlieren.

»Sethon wird nicht allein nach Euch suchen, Lady Drachenauge«, murmelte Meister Tozay und führte mich am Ärmel ein paar Schritte beiseite. »Er wird nach allen fahnden, die Euch nahestehen, um sie als Geiseln zu nehmen. Nennt mir die Namen derer, die Ihr in Gefahr glaubt. Wir werden alles tun, um sie zu finden.«

»Meine Dienstmagd Rilla und ihr Sohn Chart«, erwiderte ich rasch. »Sie sind vor der Eroberung des Palasts geflohen.« Ich dachte an Chart. Verwachsen, wie er war, würde er stets Aufsehen erregen – und sei es nur, indem er andere verscheuchte, die nicht von seinem Unglück befleckt werden wollten. Ich empfand ein kurzes Frohlocken: Nie wieder würde man mich als Krüppel bespucken oder mich fortjagen. »Bestimmt hat Rilla sich mit ihm in die Einsamkeit geflüchtet.«

Tozay nickte. »Wir werden die Suche in den Mittleren Provinzen beginnen.«

»Und Dillon, Idos Lehrling, dürfte in Gefahr sein, doch nach ihm sucht Ihr ja bereits. Seht Euch vor: Er ist nicht ganz bei Verstand und auch Sethon hat es wegen des schwarzen Buchs bestimmt auf ihn abgesehen.«

Ich erinnerte mich an den Wahnsinn in Dillons Blick, als er mir das schwarze Buch entwand. Ihm war klar, dass es entscheidend war für Idos Machtpläne, und er hatte gehofft, damit bei seinem Drachenauge um sein Leben feilschen zu können. Stattdessen waren nun Sethon und die gesamte Armee hinter ihm her. Armer Dillon. Er begriff nicht genau, was in dem kleinen Buch stand, er wusste nur, dass es das Rätsel der Perlenkette enthielt. Doch auf den Seiten stand noch ein Geheimnis, ein Geheimnis, vor dem sogar Lord Ido Angst hatte: die Anleitung, wie jemand von königlichem Blut den Willen und die Kraft jedes Drachenauges binden konnte.

»Sind das alle, die womöglich in Gefahr sind, Mylady?«, fragte Tozay.

»Vielleicht …« Ich zögerte, die nächsten Namen zu nennen. »Seit ich ganz klein war, habe ich meine Familie nicht mehr gesehen und ich erinnere mich kaum an sie. Sethon wird doch wohl nicht –«

Tozay schüttelte den Kopf. »Er wird alles daransetzen. Sagt mir also: Wenn er sie aufspürt und gefangen nimmt, kann er Euch mit ihnen erpressen?«

Angst breitete sich bleischwer in meinem Magen aus. Ich nickte und versuchte, mehr als die paar vagen Erinnerungen ans Licht zu holen, die ich an meine Familie hatte. »Ich weiß noch, dass meine Mutter Lillia heißt und dass mein Bruder Peri genannt wurde, doch das war wohl ein Kosename. An meinen Vater erinnere ich mich nur als Papa.« Ich sah Tozay an. »Das ist nicht viel, ich weiß. Aber wir haben an der Küste gelebt – ich erinnere mich an Fischereizeug und an einen Strand –, und als mein Meister mich fand, schuftete ich in der Saline von Enalo.«

Tozay ächzte. »Das ist im Westen. Ich lasse dort Bescheid geben.«

Der Kräuterheiler neben uns hob Rykos tropfende Hand aus der Schüssel, legte sie zurück auf das Lager, beugte sich vor, strich ihm über die Wange und drückte ihm die Fingerspitzen unter den Kiefer.

»Seine Temperatur ist stark gestiegen«, sagte er in die Stille hinein. »Das Todesfieber. Ryko wird sehr bald zu seinen Vorfahren gehen. Es ist Zeit, ihm eine gute Reise zu wünschen.«

Er verbeugte sich und trat ein paar Schritte zurück.

Meine Trauer war so groß, dass mir die Kehle schmerzte. Solly auf der gegenüberliegenden Seite des Lagers hob mit kummerstarrem Gesicht die Faust zum Kriegergruß an die Brust. Tozay seufzte und begann ein leises Sterbegebet.

»Tut doch etwas«, sagte Dela.

Es klang halb flehend, halb anklagend. Ich dachte, sie spräche mit dem Kräuterheiler, doch als ich aufblickte, stellte ich fest, dass sie mich ansah.

»Tut doch etwas«, wiederholte sie.

»Was denn? Ich kann nichts tun!«

»Ihr habt Euch geheilt. Ihr habt Ido geheilt. Jetzt heilt Ryko!«

Ich ließ den Blick über die angespannten Mienen ringsum schweifen und spürte, wie ihre Hoffnung auf mir lastete. »Aber das war im Moment der Vereinigung. Ich weiß nicht, ob ich das noch einmal tun kann.«

»Versucht es.« Dela ballte die Fäuste. »Versucht es einfach. Bitte. Er stirbt.«

Sie hielt meinem Blick stand, so als würde es mich von ihrer Verzweiflung erlösen, wenn sie wegsah.

Konnte ich Ryko retten? Ich hatte angenommen, dass die besondere Macht der ersten Vereinigung von Drache und Drachenauge Ido und mich geheilt hatte. Vielleicht stimmte das ja gar nicht. Vielleicht konnten der Spiegeldrache und ich immer heilen. Doch ich konnte die Macht meines Drachen noch immer nicht gezielt einsetzen. Wenn wir uns vereinigten, um Ryko zu heilen, könnten wir scheitern. Oder die Trauer der zehn beraubten Drachen würde uns zerreißen.

»Eona!« Delas Schmerz riss mich aus meiner Verwirrung. »Tut etwas. Bitte!«

Rykos mühsame Atemzüge klangen inzwischen wie ein Rasseln.

»Ich kann nicht«, flüsterte ich.

Wer war ich, dass ich mit Leben und Tod spielte wie ein Gott? Ich hatte kein Wissen. Keine Übung. Ich war gerade einmal ein Drachenauge.

Und doch war ich Rykos einzige Chance.

»Er stirbt Euretwegen«, sagte Dela. »Ihr verdankt ihm Euer Leben und Eure Macht. Lasst ihn nicht wieder im Stich.«

Das waren harte Worte, doch es stimmte. Ich hatte Ryko belogen und sein Vertrauen missbraucht, und doch hatte er mir den Rücken freigehalten. In der Hoffnung auf meine Macht hatte er gekämpft und gelitten. Was aber hatte es genutzt, diese Macht zu schützen, wenn ich nicht den Mut hatte, mich ihrer zu bedienen?

Ich raffte meinen Rock, kniete mich neben das Lager und suchte instinktiv eine engere Verbindung mit der Erde und ihrer Energie.

»Ich weiß nicht, was geschehen wird«, sagte ich. »Ihr müsst alle ein Stück zurücktreten.«

Der Kräuterheiler lief hastig zu dem Flehenden in die hintere Ecke des Zimmers. Tozay führte seine Tochter und Solly weg vom Bett und wollte dann auch Dela holen, doch diese beachtete seine ausgestreckte Hand nicht.

»Ich bleibe.« Sie bemerkte meinen ablehnenden Blick, doch sie schüttelte den Kopf. »Ich gehe nicht weg.«

»Aber fasst ihn nicht an, während ich meinen Drachen rufe.« Bei meiner ersten Beschwörung des Spiegeldrachen war dessen gewaltig anbrandende Kraft durch Lord Ido gefahren, als dieser mich gegen die Haremsmauer drückte.

Dela ließ Rykos Hand los und lehnte sich zurück.

Der Schlüssel zu dieser heilenden Magie lag vielleicht darin, Ryko so zu berühren, wie Ido mich berührt hatte, als der Drache und ich seinem verkümmerten Geist Mitleid einflößten. Behutsam legte ich meine Hand auf den abgemagerten Brustmuskel über seinem Herzen. Rykos Haut war heiß und sein Puls ging so schnell und leicht wie bei einem gefangenen Vogel.

Ich atmete tief ein, konzentrierte mich auf mein Hua und richtete mein inneres Auge vermittels der pulsierenden Lebenskraft in die Welt der Energie. Plötzlich veränderte sich mein Blickfeld, als wäre ich vorwärtsgetorkelt. Der Raum verwandelte sich in die schimmernde Energielandschaft, die nur ein Drachenauge zu sehen vermag, und verschachtelte Muster wirbelten in allen Farben des Regenbogens. Silbernes Hua strömte durch den durchscheinenden Astralkörper meiner Freunde und durch den Raum, unaufhaltsam nach Osten gezogen, hin zu der gewaltigen Macht des roten Spiegeldrachen und von dem riesigen Ungeheuer im Übermaß wieder zurück. Als ich den Kopf wandte, sah ich den zusammengerollten Rattendrachen im Nordnordwesten. Seine Energie war träge und schwach.

Noch immer waren keine anderen Drachen im Himmelskreis. Warteten sie auf eine neue Möglichkeit, zu ihrer Königin zu eilen?

Grimmig schob ich diese Angst beiseite, öffnete dem Spiegeldrachen meine inneren Pfade und rief im Geiste den Namen aus, den wir gemein hatten. Der Drache antwortete mit einer Welle aus Energie und die süße Würze ihres Grußes erfüllte meine Sinne, bis ich mein Entzücken nicht länger zurückhalten konnte und freudig auflachte.

Auf der anderen Seite des Bettes straffte sich Delas durchsichtiger Leib. Der Kraftpunkt an ihrem Steißbein flackerte wutrot, und der Zorn entzündete die übrigen sechs Punkte, die auf einer Linie vom Kreuzbein bis zum Schädel lagen. Ich sah das so klar, als wäre sie aus Glas. Jeder farbig wirbelnde Energieball schürte den nächsten, obwohl keine Harmonie zwischen ihnen bestand.

Zwar verbarg ich meine Freude, so gut es ging, doch ich hörte nicht auf, Dela zu beruhigen. Die zehn beraubten Drachen konnten jeden Augenblick zurückkehren. Ich überantwortete mich der Kraft des Spiegeldrachen und wurde hineingezogen in eine schwindelerregende goldene Spirale. Einen Augenblick lang erstrahlte alles in hellen, rhythmisch pulsierenden Farben und dazu erklang ein einzelner klarer Ton: das Lied meines Drachen. Dann teilte sich meine Wahrnehmung zwischen Himmel und Erde.

Durch Drachenaugen sah ich von oben Rykos schwindende Lebenskraft, und das Licht in jedem Kraftpunkt flackerte wie eine heruntergebrannte Kerze. Mit meinem Erdenkörper sah ich, wie durch meine durchscheinende Hand goldenes Hua über dem blassgrünen Herzpunkt in Rykos Brust strömte. Genau so hatte ich auch Ido berührt. Ich konzentrierte mich nur auf einen einzigen Gedanken: Gesunde!

Nun war ich nicht mehr nur der Verbindungskanal eines Drachen.

Wir waren Hua.

Als ein Wesen erkannten wir die massiven Verletzungen, die zu schwerwiegend waren für seine geschwächte Lebenskraft. Wir hatten nicht mehr viel Zeit; Ryko war der Geisterwelt bereits ganz nah. Unsere Kraft suchte nach der Feinstruktur des Lebens, die sich in winzigen, hochkomplexen Varianten wiederholte. Wir sangen und erzeugten so eine ruhige Harmonie des Heilens, die goldene Energiefäden in jede Faser des verletzten Körpers sandte und die Gesundung beschleunigte. Wir zogen Kraft aus Erde und Luft, flößten sie Ryko ein und heilten verwundetes Fleisch, durchtrennte Sehnen, zertrümmerte Knochen und einen gebrochenen Geist.

»Heilige Götter«, keuchte der Kräuterheiler aus seiner Zimmerecke. »Seht, seine Wunden schließen sich.«

Seine Worte drangen durch unser Lied und unterbrachen meine Konzentration. Der kurze Ausrutscher erschütterte meine Verbindung mit dem Spiegeldrachen. Ich spürte, wie meine innere Schau flackerte und wie mein Gesichtsfeld auf sein normales Maß schrumpfte. Der Fluss des Hua stockte.

Ryko war noch nicht geheilt, es gab noch viel zu tun.

Ich tastete nach einem Halt in der Energiewelt, da der Faden des Lieds meinen ungeschickten Fingern entglitt. Da ich nur einen Drachenbefehl kannte, den zur Vereinigung, rief ich: Eona! Schon während meines verzweifelten Schreis hörte ich ihr Lied klarer und ich merkte, wie sie mich und meine nachlassende Konzentration wieder hineinzog in die goldene Verschmelzung unseres Hua.

Obwohl unsere Freude erneut aufklang, überschattete ein Zustrom negativer Energie unsere Vereinigung: die zehn beraubten Drachen. Wir stemmten uns gegen ihren lastenden Druck, gefangen zwischen Rykos verzweifelter Not und ihrer auf uns einhämmernden Gewalt.

Wenn unser Lied erneut ins Stocken geriete, würde Ryko sterben.

Wir sangen seine Heilung, doch wir konnten der wilden Energie, die an unserer Verbindung kratzte, kaum standhalten. Um uns herum wurden die zehn beraubten Drachen zu flimmernd blassen, heulenden Umrissen.

Plötzlich bäumte sich der Rattendrache in seiner Ecke auf und an die Stelle seiner lähmenden Schmerzen war eine geschmeidige Schnelligkeit getreten. Er rammte den undurchsichtigen Büffeldrachen neben sich, setzte mit einem Sprung über uns hinweg, segelte in einem Halbkreis durch die Luft und trieb die heranrückenden Drachen zurück. Tief in uns vernahmen wir eine andere Stimme, die vor Anstrengung schrie.

Lord Ido.

Wir schreckten vor dem bitteren Orangengeschmack seiner Kraft zurück, doch diesmal ging es ihm nicht darum, die Kontrolle zu erlangen. Er verteidigte uns.

Der Rattendrache bäumte sich erneut auf und warf sich der ungestümen Energie der zehn beraubten Drachen entgegen. Das Dach des Fischerhauses zerbarst, und Holzschindeln und Staub regneten ins Zimmer. Ein Balken krachte zu Boden und begrub den Flehenden unter sich. Der Silberfluss seines Hua flackerte kurz auf und verschwand.

»Raus«, brüllte Tozay und zerrte Vida zur Tür. Der Kräuterheiler, der neben dem Toten gekniet hatte, rappelte sich auf und rannte den beiden nach.

Dela warf sich über Ryko, um ihn vor den herabstürzenden Trümmern zu schützen. Holzstücke prasselten auf mich ein, doch ich spürte keinen Schmerz. Tozay stieß Vida in Sollys Arme.

»Weg von den Gebäuden«, brüllte er und wandte sich wieder zu Dela.

Jetzt, wo das Dach verschwunden war, fanden wir uns unvermutet jenseits des Zimmers in der schwindelerregenden Umarmung eines tiefdunklen Himmels wieder. Durch Drachenaugen sahen wir, wie Vida, Solly und der Kräuterheiler als helle Gestalten das Haus verließen und zur Dorfstraße eilten. Wir rollten durch die Gewitterwolken und eine brutale Kraft hämmerte auf uns ein. Mit unseren verbundenen Klauen rissen wir die Drachenleiber auf, um uns der Angreifer zu erwehren. Neben uns schirmte der Rattendrache uns gegen den Schlangendrachen ab und dieses Aufeinanderprallen des Hua ließ tief unter uns ein Stück von der Klippe ins Meer stürzen.

Konzentrier dich! Das war Lord Idos Geiststimme, die den Wahnsinn durchstieß. Aufhalten!

Nur wie? Ich wusste nicht, wie!

Meine innere Schau kehrte ins Fischerhaus zurück, wo Tozay Ryko mühsam hochstemmte, und sprang dann wieder in die Drachensicht und zu der am Himmel tobenden Schlacht. Die See unter uns war eine brodelnde Masse aus Energie, sodass Boote gegen die Felsen krachten und einige Hütten am Ufer unter gewaltigen Brechern begraben wurden. Ein gutes Dutzend heller Hua-Punkte stürzten aus den Hütten, doch die Brandung schlug über ihnen zusammen und löschte ihr Licht.

»Eona.« Das war Dela, sie zog mich am Arm.

Ich kam kurz zur Besinnung und sah in ihre wilden Augen. Die Wände drohten einzustürzen und knirschten bereits unter dem mächtigen Ansturm eines sengenden Windes.

»Los«, schrie sie und zog mich zur Tür, während Tozay Ryko schon in den Hof hinaustrug.

Eona! Idos Geistschrei riss mich zurück in den Spiegeldrachen. Wir wirbelten herum und Klauen droschen auf den wendigen rosafarbenen Hasendrachen ein. Über uns stieß der Rattendrache mit dem Tigerdrachen zusammen und der Aufprall hallte durch Idos Gedanken in unsere Vereinigung.

Einen Moment lang befanden wir uns plötzlich in einem anderen Raum, in einem Raum aus Stein. Wir waren an Händen und Füßen gefesselt und ein heftiger Schmerz fuhr durch unseren ausgepeitschten und geschundenen Körper. Idos Körper. Als dessen Drache sich erneut gegen den Angreifer warf, durchlief mich eine weitere Schockwelle und mit einem Mal waren wir klein, hockten unter einem Busch und hatten das schwarze Buch aufgeschlagen in der Hand, während dunkle Worte sich in unseren Geist brannten, nämlich Dillons Findet Eona, findet Eona, findet Eona! Dann war er verschwunden und wir waren wieder im Himmel über dem einstürzenden Fischerhaus, schlugen mit den Klauen um uns und schrien unseren Trotz hinaus, während die zehn beraubten Drachen von allen Seiten auf uns zukamen, um uns einzukreisen.

Sie dürfen den Kreis nicht schließen, krächzte Idos Gedankenstimme voller Schmerz und voller Angst. Gib mir deine Macht.

Nein!

Unten taumelte Dela in den Hof hinaus und schleifte mich mit sich.

Sie werden dich zerreißen. Du wirst sterben. Gib mir deine Macht!

Nein!

Die zehn beraubten Drachen schlugen mit geballter Macht auf uns ein. Wir konnten uns nicht mehr lange halten, doch wir durften Ido unsere Macht nicht überlassen. Nicht, nachdem er im Palast so brutal danach gegriffen hatte.

Hilf mir, sie aufzuhalten! Idos Gedankenstimme war schrill vor Angst.

Zehn schlichte Klagelieder brandeten auf uns ein und strebten nach erleichternder Vereinigung.

Wir konnten nirgendwohin. Wir hatten nicht genug Kraft, nicht genug Wissen. Mit einem Aufschrei der Verzweiflung öffneten wir Ido unsere Pfade.

Seine Kraft fuhr durch uns hindurch und sog all unsere goldene Energie auf. Wir waren leer, wehrlos. Die beraubten Drachen stürzten alle zugleich auf uns ein und ihr Verlangen schnürte uns ein wie ein Schraubstock. Mit eiserner Selbstbeherrschung sammelten Ido und der Rattendrache unsere Energien und verbanden sie mit dem heulenden Wind und den brausenden Wellen.

Mach dich bereit!, schrie Idos Gedankenstimme.

Er warf seine gewaltige Macht nach außen und die Anstrengung drang durch seinen Geist in uns ein. Die gewaltige Explosion sprengte den Drachenkreis und trieb die Tiere auseinander. Unter uns wirbelten die Trümmer des Fischerhauses in den dunklen Himmel, während die Klippe endgültig ins Meer stürzte.

Halt es auf!, brüllte Ido.

Aber wir wussten nicht, wie. Die Schockwelle der Macht traf uns wie ein Hammer und schleuderte mich zurück in meinen Körper. Ganz kurz sah ich Delas Gesicht über dem meinen, und ihre starken Arme wiegten meinen Kopf. Ich schrie und Schmerzen rasten durch jede Faser meines Wesens. Doch diese Qualen spürte nicht ich allein.

Hilf mir, keuchte Idos Gedankenstimme. Ich kann nicht -

Dann zog eine wirbelnde Schwärze mich fort von seinem gequälten Schrei.

2

Mein ganzer Körper zuckte und ich musste die Augen öffnen. Die weißen Schlieren über mir verdichteten sich zu einem Baldachin aus Baumwolle und durch die heruntergelassenen Seitenbahnen flirrte die Sonne. Das helle Licht und der bohrende Schmerz in der Schläfe ließen mich blinzeln. Wieder wurde mein Körper geschüttelt und ich nahm den hochsommerlichen Geruch nach Stroh nun deutlicher wahr. Ich lag auf einer Matte in einem geschlossenen Reisewagen. Behutsam hob ich den Kopf, spähte durch eine Bretterritze auf die vorüberziehende Landschaft und sah überschwemmte Reisterrassen und dass die Ernte vernichtet war.

»Mylady?«

Ryko tauchte am Fußende meines Lagers auf und schwankte, als der Wagen in eine ausgefahrene Spurrinne sackte. Einen Moment lang war ich noch immer in dem Fischerhaus und hatte die Hand auf seinem unter großer Mühe schlagenden Herzen. Dann verschwand diese Erinnerung und ich war wieder im Wagen mit Ryko, der putzmunter und lächelnd vor mir stand. Ich erschauerte und mein Atem stockte kurz: Wir hatten ihn gerettet, der Spiegeldrache und ich. Doch war er wirklich ganz geheilt? Gerade wollte ich ihn danach fragen, da brach ein schwindelerregender Schwall von Bildern über mich herein: das goldene Lied, die zehn beraubten Drachen, die Schlacht.

Lord Ido.

»Er hat sich wieder in mein Bewusstsein geschlichen!«, rief ich mit trocken krächzender Stimme und stützte mich auf die Ellbogen. »Ido war wieder da!«

Und auch Dillon, jedenfalls für einen Augenblick. Da war ich mir sicher, obwohl ich ihn nicht deutlich gesehen hatte. Doch ich spürte noch seine Angst in mir.

Ryko kam näher, wobei er seine rechte Seite mehr belastete. »Was meint Ihr damit, Mylady?«

»Ido hat die anderen Drachen zurückgeschlagen.« Der Widerhall unserer geistigen Vereinigung durchschauerte mich und meine Kopfschmerzen wurden stärker. Dieser Kerl hatte wirklich ungeheure Macht.

»Lord Ido war nicht im Dorf, Mylady.«

»Nein, er hat sich wieder einmal in mein Bewusstsein geschlichen.« Ryko zuckte zusammen, als ich ihn am Arm packte. »Er war in meinem Kopf. Und ich musste ihn gewähren lassen. Verstehst du? Ich musste ihn gewähren lassen, sonst wären wir gestorben, oder –«

»In Eurem Kopf? Wie meint Ihr das?« Ryko trat einen Schritt zurück und das plötzliche Misstrauen in seiner Stimme ließ mich stutzen. »Ido ist ganz sicher tot.«

»Nein.« Ich schloss die Augen und spürte wieder das Gewicht der Fußeisen und den quälenden Schmerz wund gepeitschter Haut. »Sethon hält ihn gefangen. Ich habe durch seine Augen geschaut, und ich glaube, er stirbt.« Ich empfand einen leisen Anflug von Mitleid.

»Ein gerechtes Ende«, keuchte Ryko.

»Nur wenn er zwanzigmal sterben könnte«, erwiderte ich rasch. Ido verdiente mein Mitleid nicht.

Ich setzte mich auf und ein Schwindelgefühl erfasste mich, sodass ich Halt suchen musste und mich an der seitlichen Holzvertäfelung abstützte.

»Ryko, ist sie wach? Geht es ihr gut?« Es war Delas Stimme, die da von draußen hereindrang.

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