Die Insel in der Süßsee

Weit, weit weg, da, wo die Sonne aufgeht, wenn es bei uns dunkel wird, im hinterletzten Winkel des achten Weltmeeres, liegt die Süßsee. Sie schmeckt im Osten nach Melonenlimonade und im Norden ist sie himbeersaftsüß. Im Westen gibt es leckeres Waldmeisterwasser, und im Süden, wo die Milchmuscheln wachsen, kann man bei Vollmond den weltbesten Kakao trinken. Aber das Tollste an der Süßsee ist eine kleine Insel. Sie ist auf keiner Karte zu finden, weil sie kaum jemand kennt, und sie liegt so versteckt, dass dort nur selten ein Schiff landet. Manchmal verirrt sich höchstens etwas Treibgut zu ihr oder vielleicht ein Vögelchen, das sich verflogen hat … Und auf dieser Insel leben die Giraffenaffen!

Sie schlafen kopfüber an Palmenästen, planschen in den Wasserfallduschen und machen eigentlich nur das, wozu sie Lust haben. Sie spielen, singen und tanzen, wann immer sie möchten. Die Giraffenaffen lieben ihre Insel und sie klettern, hangeln und hüpfen den ganzen Tag herum. Deswegen gibt es dort nichts, was sie noch nicht entdeckt haben. Na gut, fast nichts …

Spuckfische und Flaschenpost

Es war ein himmelblauer Sonnentag und es duftete nach frisch aufgewühlter Erde. Die Giraffenaffen spielten gemeinsam im Garten, fläzten sich gemütlich zu den kuscheligen Mompfs unter die Palmen und genossen das schöne Wetter. Nicki trommelte rhythmisch auf Kokosnüssen herum, während Keks, der Koch, reife Früchte erntete. Hin und wieder warf er den anderen eine Erdbeere oder ein paar Kirschen zu, die sie geschickt mit den Mündern auffingen. Nicki musste dabei noch nicht einmal aufhören zu trommeln. Wie immer scharten sich ein paar Kiwiameisen um das Giraffenaffenmädchen. Sie hörten ihr aufmerksam beim Spielen zu und applaudierten begeistert. Frosch sprang zwischen den Beeten hin und her, er und ein paar andere Giraffenaffen pflanzten Blumen und rupften Unkraut. Vivi und Benni spielten mit den Giraffenaffenkindern Fangen. Und die kleine Soya jagte Schmetterlingen hinterher. Nur zwei Giraffenaffen entfernten sich unauffällig von der Gruppe. Sie hatten etwas »viel Wichtigeres« zu tun …

 

Nur wenig später waren die Zwillinge am Zuckersandstrand angekommen. Die Süßsee war ziemlich ruhig. Ganz leicht platschten die Wellen gegen die Felsen am Strand. Voller Vorfreude sprangen Luca und Lea in das türkisgrüne Wasser und tauchten unter. Und was es nicht alles zu entdecken gab! Die tollsten Fische schwammen in dem waldmeistersüßen Gewässer: Glitzerbarsche, deren silberne Schuppen in der Sonne funkelten; Schreischollen, die platt über den Meeresboden krochen; Eisenkarpfen und Schnorchelstichlinge, die aussahen, als hätten sie Taucherbrillen auf … Hier und da kringelte sich eine bunte Seegurke über den sandigen Meeresboden. Und eben war sogar ein Seesternpferdchen vorbeigaloppiert.

 

Ja, Luca und Lea liebten es, im Meer zu planschen. Und heute hatten sie etwas ganz Besonderes vor. Moma und Fabian hatten ihnen von blau-weiß gepunkteten Spuckfischen erzählt, mit denen man wie mit einer Wasserpistole durch die Gegend schießen konnte. So einen Spuckfisch zu erwischen, das wäre doch etwas Feines.

 

Luca zog einen Fisch aus dem Wasser. »Mist, nur ein Glitzerbarsch!«, ärgerte er sich und ließ den schillernden Süßseebewohner wieder in das Wasser gleiten.

»Hier sind Ringmakrelen. Guck mal, Luca!«, rief Lea und winkte ihren Bruder heran. »Und da, siehst du den Eisenkarpfen?«

»Klar! Aber der ist doch schon so alt, dass er rostet!«, antwortete Luca und lachte.

Lea tauchte unter und schoss kurz darauf wieder in die Höhe. »Uääääääähhhh!« Ein überraschend lautes Geheul erklang und Lea schleuderte den gerade gefangenen Fisch schnell wieder ins Meer.

»Oh nein! Hoffentlich hat die Schreischolle uns nicht verraten! Wenn Moma mitkriegt, dass wir hier sind, gibt es wieder Riesenärger«, maulte Lea.

Doch Luca zuckte nur mit den Schultern. »An das Gebrüll sind die anderen doch schon gewöhnt. So oft, wie die Schreischollen hier rumplärren! Ich glaube nicht, dass sich irgendjemand dafür interessiert. Komm, lass es uns mal da drüben versuchen!«

 

Wieder und wieder tauchten die Zwillinge ins Wasser.

»Ich hab einen!«, rief Lea endlich und hielt stolz einen blau-weiß gepunkteten Spuckfisch in die Höhe. Es war sogar ein besonders großes Exemplar, das aufgeregt in ihren kleinen Giraffenaffenhänden zappelte. Dem Spuckfisch gefiel die frische Luft! Vor Begeisterung produzierte er ganz viel Fischspucke. Wieder und wieder schoss die gelbe, klebrige Flüssigkeit aus seinem Maul. Sie spritzte in hohem Bogen über das Meer und landete platschend auf einem Schnorchelstichling, der zufällig gerade seinen Kopf aus den sanften Wellen der Süßsee streckte. Beleidigt verzog er das Gesicht und verschwand schnell wieder im Wasser. Lea und Luca lachten. Luca kämpfte sich zu Lea und sah sich den Spuckfisch genauer an. »Wow! Der ist ja riesig!«, staunte er. »Cool! Damit können wir Fabian sogar nass spritzen, wenn er zehn Giraffenaffenlängen weit weg ist. Das wird ein Spaß!«

 

Aus der Entfernung versuchten sie, den großen Felsen am Strand zu treffen, und nach etwas Übung gelang es ihnen.

»Ein Spuckfisch ist ein tolles Tier. Der Süßsee danken wir dafür, dass dieser Fisch schön spucken kann. Nun schau dir das mal an!«, sangen sie fröhlich, als Luca seine Schwester plötzlich aufgeregt in die Seite stieß.

»Guck mal, da hinten! Was ist das denn?«

Vor Schreck ließ Lea den Spuckfisch aus den Händen gleiten. »Mensch, Luca, jetzt ist der Spuckfisch abgehauen. Wie doof!« Doch Lucas Interesse galt nun etwas anderem. Nicht weit von ihnen entfernt trieb eine Flasche.

»Ist da was drin?«, rief Lea.

Geschickt fischte Luca das Fundstück aus dem Wasser. »Ja! Ein Zettel! Das ist bestimmt eine Flaschenpost!«