Predigtstudien

Herausgegeben

von Wilhelm Gräb (Geschäftsführung),

Johann Hinrich Claussen, Volker Drehsen,

Wilfried Engemann, Klaus Eulenberger,

Dietrich Rössler, Roman Roessler und

Birgit Weyel

Im Jahr erscheinen zwei Halbbände.

Predigtstudien

für das Kirchenjahr 2012/2013

Perikopenreihe V – Zweiter Halbband

Herausgegeben

von Wilhelm Gräb (Geschäftsführung),

Johann Hinrich Claussen, Volker Drehsen,

Wilfried Engemann, Klaus Eulenberger,

Dietrich Rössler, Roman Roessler und

Birgit Weyel

Redaktion: Martin Kumlehn

Kreuz
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Impressum

© Kreuz Verlag

in der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2013

Alle Rechte vorbehalten

www.kreuz-verlag.de

Umschlaggestaltung: Bergmoser + Höller Agentur, Aachen

ISBN (E-Book) 978-3-451-34593-7

ISSN (Buch) 0079-4961

ISBN (Buch) 978-3-451-61180-3

INHALT

Homiletischer Essay


Martin Kumlehn

Das gottesdienstliche Proprium als homiletische Ressource performativer Lebensdeutung

19.05.13 Pfingstsonntag


4 Mose 11,11–12.14–17.24–25:

Kraft zum Leben

Jörg Schneider/Wilhelm Gräb

20.05.13 Pfingstmontag


Johannes 4,19–26:

Aufbruch in die Freiheit

Dietrich Stollberg/Kristian Fechtner

26.05.13 Trinitatis


4 Mose 6,22–27:

Von Angesicht zu Angesicht

Harald Schroeter-Wittke/Inge Kirsner

02.06.13 1. Sonntag nach Trinitatis


Matthäus 9,35–38;10,1(2–4)5–7:

Jesus heute nachfolgen?!

Matthias Liberman/Lars Charbonnier

09.06.13 2. Sonntag nach Trinitatis


Jesaja 55,1–3b(3c–5):

Höret, so werdet ihr leben!

Ingo-Christoph Bauer/Christian Lehnert

16.06.13 3. Sonntag nach Trinitatis


Lukas 19,1–10:

Kleiner Mann – ganz groß

Wolfgang Vögele/Dieter Splinter

23.06.13 4. Sonntag nach Trinitatis


Johannes 8,3–11:

»Die Hölle, das sind die anderen!«

Torsten Wilhelm Wiegmann/Barbara Hanusa

30.06.13 5. Sonntag nach Trinitatis


Lukas 14,25–33:

Vom Rhythmus der Nachfolge

Horst Gorski/Katharina Fenner

07.07.13 6. Sonntag nach Trinitatis


Jesaja 43,1–7:

»Was es ist«

Mareike Rake/Nicole Beckmann

14.07.13 7. Sonntag nach Trinitatis


Lukas 9,10–17:

Und sie aßen und wurden alle satt

Matthias Kempendorf/Redlef Neubert-Stegemann

21.07.13 8. Sonntag nach Trinitatis


Johannes 9,1–7:

Christus – Licht der Welt und Licht des Lebens

Martin Klumpp/Eberhard Schwarz

28.07.13 9. Sonntag nach Trinitatis


Matthäus 13,44–46:

Fundsachen

Ruth Conrad/Martin Weeber

04.08.13 10. Sonntag nach Trinitatis


Johannes 4,19–26:

Zugang zu Gott im Geist und in der Wahrheit

Christian Grethlein/Lutz Friedrichs

11.08.13 11. Sonntag nach Trinitatis


Lukas 7,36–50:

Ärgerliche Störung

Klaus-Dieter Kaiser/Rudolf Gebhard

18.08.13 12. Sonntag nach Trinitatis


Markus 8,22-26:

»Siehst du etwas?«

Hans-Martin Gutmann/Frank Thomas Brinkmann

25.08.13 13. Sonntag nach Trinitatis


Matthäus 6,1–4:

Absichtslose Gottesliebe

Renate Gerhard/Uwe Weise

01.09.13 14. Sonntag nach Trinitatis


1 Mose 28,10–19a:

Nichts ist mehr wie es war

Dieter Beese/Nils Petersen

08.09.13 15. Sonntag nach Trinitatis


Lukas 17,5–6:

Gottvertrauen macht stark

Friedemann Magaard/Lucie Panzer

15.09.13 16. Sonntag nach Trinitatis


Lukas 7,11–16:

Geistesgegenwart

Harald Nehb/Friederike Bräuchle

22.09.13 17. Sonntag nach Trinitatis


Johannes 9,35–41:

Grenzenlos glücklich

Jan Roßmanek/Tobias Woydack

29.09.13 18. Sonntag nach Trinitatis


2 Mose 20,1–17:

Renaissance des Dekalogs

Christa Usarski/Erika Schweizer

29.09.13 Erntedankfest


06.10.13 Matthäus 6,19–23:

Dankbarkeit ist die christliche Form des Glücks

Christian Braune/Johann Hinrich Claussen

29.09.13 Tag des Erzengels Michael und aller Engel


Matthäus 18,1–6.10:

Blickwechsel

Klaus Eulenberger

06.10.13 19. Sonntag nach Trinitatis


Johannes 5,1–16:

Frag-würdig

Stefanie Arnheim/Margrit Wegner

13.10.13 20. Sonntag nach Trinitatis


Markus 2,23–28:

Ein Hauch von Erfüllung

Stefan Egenberger/Klaus Eulenberger

20.10.13 21. Sonntag nach Trinitatis


Johannes 15,9–12(13–17):

»Ihr seid meine Freunde«

Traugott Roser/Carsten Claußen

27.10.13 22. Sonntag nach Trinitatis


Micha 6,6–8:

Das Gute

Christoph Levin/Christopher Zarnow

31.10.13 Reformationsfest


Jesaja 62,6–7.10–12:

Erneuerung mit Zukunft

Christopher Spehr/Christian Mulia

03.11.13 23. Sonntag nach Trinitatis


Matthäus 5,33–37:

Mensch, werde wesentlich!

Rolf Stieber/Gerhard Zinn

10.11.13 Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres


Lukas 18,1–8:

Gerechtigkeit und Trost

Bettina Naumann/Michael Böhme

17.11.13 Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres


Jeremia 8,4–7:

Orientierung finden – wahrhaftig leben

Gerhard Ulrich/Rüdiger Sachau

20.11.13 Buß- und Bettag


Lukas 13,22–27(28–30):

Die enge Pforte

Doris Gräb/Gerald Kretzschmar

24.11.13 Ewigkeitssonntag


Markus 13,31–37:

Von Worten, die nicht vergehen

Martin Hauff/Kristin Merle

Perikopenverzeichnis

Anschriften

Homiletischer Essay

Martin Kumlehn

Das gottesdienstliche Proprium als homiletische Ressource performativer Lebensdeutung

Ernst Lange zufolge zielt die Sonntagspredigt auf eine »Verständigung mit dem Hörer über die gegenwärtige Relevanz der christlichen Überlieferung« (Lange, 20). Eine solche Verständigung kann freilich nur dann gelingen, wenn der Hörer tatsächlich zu erkennen vermag, dass die im und mit dem Text aufgeworfenen Fragen, Einsichten und Überzeugungen etwas mit seinen eigenen Lebenserfahrungen zu tun haben. Lange hat, um diese zentrale Forderung seiner Homiletik näher zu erläutern, ausdrücklich auf das Paradigma der Kasualpredigt verwiesen und gefragt, »ob nicht die Sonntagspredigt in ihrer Problematik von der Kasualrede her verstehbar« (Lange, 22) werde. Denn diese gehe »von einer besonderen Situation, von besonderen Menschen und ihrem Geschick« (ebd.) aus. Und ganz genauso müsse es nun auch der Sonntagspredigt um »das Relevantwerden der christlichen Überlieferung für die spezielle Lebenssituation« (Lange, 47, Hervorhebung M.K.) zu tun sein. Greift man diese Überlegungen Ernst Langes auf, dann legt sich ein texthermeneutisches Verfahren nahe, das den vorgegebenen Predigttext unter anderem daraufhin in den Blick nimmt, welches konkrete Lebensthema eigentlich in bzw. mit ihm aufgerufen wird.

Diese hermeneutische Grundentscheidung konvergiert nun in einer gewissen Weise mit der Beobachtung, dass sich die gottesdienstlichen Proprien der Sonn- und Festtage des Kirchenjahres zum Teil durchaus als spezifisch religiöse Interpretationen existenzieller Lebensfragen und -themen lesen lassen. Das ist im Blick auf die festlichen Höhepunkte des Kirchenjahres bereits vielfach durchbuchstabiert worden. So hat zuletzt Kristian Fechtner gezeigt, wie »sich die Schrittfolge des Jahres mit Phasen menschlichen Lebens und den darin sich artikulierenden Dimensionen menschlicher Existenz verknüpfen« (Fechtner 2007, 145, mit Verweis auf Behringer). Das Weihnachtsfest sieht er eng mit der Erfahrung des »Ur-Vertrauen(s) als Gefühl des Sich-verlassen-Dürfens« verbunden, Ostern stehe im Deutungskontext der »Ich-Identität angesichts von Schuld- und Leiderfahrung«, die pfingstliche Zeit gebe »dem Bedürfnis nach Generativität im Sinne schöpferischen Lebens« Raum, und mit dem Ende des Kirchenjahres gehe es »um Ich-Integrität in den Ambivalenzen gelebten Lebens.« (Fechtner 2007, 146).

Eine konsequent erfahrungsbezogene Lesart des kirchlichen Festkalenders lässt darüber hinaus entdecken, dass sich im Grunde alle einschneidenden biografischen Übergänge und Passagen des Lebenszyklus in ihm abbilden. Exemplarisch sei darum die identitätspsychologische Hermeneutik von Weihnachten, Ostern und Pfingsten um eine lebensgeschichtliche Interpretation drei weiterer Stationen des Kirchenjahres ergänzt: Der Advent macht die ambivalenten Empfindungen nachvollziehbar, die mit dem Erleben einer Schwangerschaft, aber auch mit der Pubertät oder dem Sterben verbunden sind: Vorfreude und Hoffnungen, zugleich aber auch schwer nur zu artikulierende Ängste und Befürchtungen sind für die Vorbereitung auf das »große Ereignis« charakteristisch. Mit Sylvester und Neujahr sind Gefühle und Stimmungen auf dem Plan, die durch die unabweisbare Erfahrung unserer Zeitlichkeit ausgelöst werden. Das vergangene Jahr wird bilanziert, und das neue mit guten Vorsätzen begonnen. In einer eigentümlichen Mischung aus Wehmut und Entschlossenheit können Abschiede noch einmal durchlebt (etwa die Trennung vom Partner) und neue Lebenssituationen (z.B. empty-nest oder der Übergang in den Ruhestand) in Angriff genommen werden (vgl. Fechtner 2001). Christi Himmelfahrt schließlich markiert die Verheißung und die Aufgabe eines unvertretbar eigenen Lebens. Das dokumentieren nicht zuletzt die männerspezifischen Rituale, die sich an diesen Tag angelagert haben: Junge (manchmal auch gar nicht mehr so junge) Männer brechen am Vatertag – in Ostdeutschland sagt man Herrentag – zu einem Ausflug ins Grüne auf und tun dabei all das, was sie als leistungsbereite und disziplinierte Berufsanfänger bzw. als verantwortungsvolle Familienväter sonst nicht (mehr) tun dürfen (vgl. Klie). Wie die Jünger Jesu von nun an auf sich selbst gestellt sind, so sind auch die Männer/Väter spätestens mit dem Auszug aus dem Elternhaus in ein selbstverantwortetes Leben entlassen, was zumeist mit durchaus zwiespältigen Empfindungen verbunden ist und darum in regressiv-orgiastischen Akten rituell bewältigt sein will.

Aber nicht nur in den Erzählungen und Ritualen der kirchenjahreszeitlich stets wiederkehrenden Feste lassen sich lebensgeschichtliche Resonanzen aufspüren, auch die gottesdienstlichen Proprien der »normalen« Sonntage rufen vielfach spezifische Lebensthemen auf. In der Predigtvorbereitung stelle ich jedenfalls immer wieder fest, dass sich die jeweils mit dem Evangelium gleichsam »gesetzte« Thematik häufig auch lebensgeschichtlich entschlüsseln lässt. Einige – mehr oder weniger zufällig gewählte – Beispiele mögen dies illustrieren: »Gelobt sei, der da kommt« (Mt 21,9) – mit dem 1. Advent ist das Thema Ankommen auf dem Plan. »Erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht« (Lk 21,28) – der 2. Advent stellt das Thema Erwartung in den Mittelpunkt. »Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe« (Mt 3,13–17) – der 1. Sonntag nach Epiphanias thematisiert mit der Taufe des Herrn zugleich die menschliche Erfahrung von Mutter- bzw. Vaterschaft. »Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?« (Mk 4,40) – der 4. Sonntag nach Epiphanias fokussiert auf die Erfahrung, den Lebensstürmen zu trotzen. »Der Herr ist mein Hirte« (Ps 23,1) – Miserikordias Domini ruft mit den Worten und Bildern des Wochenpsalms Erinnerungen an die Bewahrung in tiefen Lebenstälern auf. »… der bringt viel Frucht« (Joh 15,5) – Jubilate richtet das Augenmerk auf das Existenzial des Bleibens. »Es sei denn, dass jemand von Neuem geboren werde« (Joh 3,3) – Trinitatis lässt die existenziellen Perspektiven eines neuen Anfangs aufscheinen. »Und verließen alles und folgten ihm nach« (Lk 5,11) – der 5. Sonntag nach Trinitatis, zumal wenn man den Beginn der Abrahamserzählung (alttestamentliche Lesung) mit hinzuzieht, rückt die Lebenserfahrung in den Mittelpunkt, dass nichts bleibt, wie es war, dass das Leben ein beständiger Aufbruch ist: ein Umzug in eine andere Stadt, eine neue Arbeitsstelle, die Kinder gehen aus dem Haus, die Eltern sterben, eine Beziehung zerbricht, ein Lebensabschnitt muss verabschiedet werden. »Sind nicht ihrer zehn rein geworden? Wo sind aber die neun?« (Lk 17,17) – der 14. Sonntag nach Trinitatis ruft die existenzielle Erfahrung der Dankbarkeit auf. »Lazarus, komm heraus!« (Joh 11,43) – der 16. Sonntag nach Trinitatis feiert die todesüberwindende Vitalität des Lebens. »Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal« (Mt 18,22) – der 22. Sonntag nach Trinitatis erinnert an die immer wieder neue Lebensmöglichkeiten eröffnende Vergebung.

Dass bei denen, die den Gottesdienst besuchen, solche Lebensthemen und -erfahrungen bereits beim Hören der jeweiligen Evangelien aufgerufen werden, scheint mir sehr wahrscheinlich. Nun müsste es in der Gestaltung von Gottesdienst und Predigt darum gehen, die lebensgeschichtlichen Resonanzen der biblischen Texte näher zu entfalten und gewissermaßen selbst wiederum erfahrbar zu machen. Wie kann das gelingen? Dazu eine abschließende Überlegung, die sich an einer der Praktischen Theologie benachbarten akademischen Disziplin orientiert: Die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte hat die Wirkungen eines Theaterbesuchs dahingehend näher beleuchtet, in welchem Verhältnis die beobachtbaren »affektiven, physiologischen, energetischen sowie motorischen Veränderungen«, die bei den Zuschauern »im Prozeß der ästhetischen Erfahrung« ausgelöst werden, zu den »Veränderungen des Bedeutungssystems« (Fischer-Lichte, 152) stehen, die ebenfalls festgestellt werden können. Gemeint ist, dass durch die Aufführung eines Theaterstücks das Weltbild, die Wertvorstellungen sowie das Selbstkonzept der Zuschauerinnen und Zuschauer in Fluss geraten, sich verändern, neue Deutungen und Bedeutungen konstituiert werden. Fischer-Lichte kommt zu dem Ergebnis, dass »die ästhetische Erfahrung von Theateraufführungen gerade deshalb als Schwellenerfahrung erlebt wird, weil sie nicht einzelne, spezifische Funktionen betrifft, sondern eine integrale Erfahrung ermöglicht, die auf Veränderung des ganzen Menschen zielt.« (Fischer-Lichte, 152) Die Performance und die Bedeutungskonstitution liegen ineinander – und in diesem Ineinander, das auf die Realisierung durch den »ganzen Menschen« ausgelegt ist, also leibhafte und psychische Elemente miteinander verbindet, liegt das Transformationspotenzial der ästhetischen Erfahrung beschlossen. Symboltheoretisch vorausgesetzt ist dabei, dass sich eben diese Übergangs- oder Schwellenerfahrung paradoxerweise nur in der Weise einer Überschreitung partikularer Weisen der Selbst- und Weltwahrnehmung vollzieht.

Das lässt sich nach meinem Eindruck ohne Weiteres auch auf die gottesdienstliche Performance der Sinndeutung lebensgeschichtlicher Erfahrung übertragen: Denn auch der Gottesdienst und die Predigt in ihm sind ästhetische Erfahrungen, die eine performative Bedeutungskonstitution eröffnen, welche der Gottesdienstbesucher bzw. die Predigthörerin als eine leib-seelische Totalität vollzieht. Anders gesagt: Im gottesdienstlichen Vollzug liegen Deutung und Erfahrung, Erfahrung und Deutung dergestalt ineinander, dass Gottesdienst und Predigt tatsächlich als Performance der Lebensdeutung verstanden werden können. In liturgischer und homiletischer Perspektive sind darum in den gottesdienstlichen Proprien immer auch die biografischen Erfahrungen und die spezifischen Lebensthemen aufzusuchen, von denen her und auf die hin der Predigt eine »Verständigung mit dem Hörer über die gegenwärtige Relevanz der christlichen Überlieferung« (Lange, 20) aufgegeben ist.

Literatur: Hans Gerhard Behringer, Die Heilkraft der Feste. Der Jahreskreis als Lebenshilfe, München 52004; Kristian Fechtner, Schwellenzeit. Erkundungen zur kulturellen und gottesdienstlichen Praxis des Jahreswechsels (PThK 5), Gütersloh 2001; ders., Im Rhythmus des Kirchenjahres. Vom Sinn der Feste und Zeiten, Gütersloh 2007; Erika Fischer-Lichte, Ästhetische Erfahrung als Schwellenerfahrung, in: J. Küpper/ Chr. Menke (Hg.), Dimensionen ästhetischer Erfahrung, Frankfurt am Main 2003, 138–161; Thomas Klie, Vatertag. Gen Himmel – ins Freie, in: Ders., Valentin, Halloween & Co. Zivilreligiöse Fest in der Gemeindepraxis, Leipzig 2006; Ernst Lange, Zur Theorie und Praxis der Predigtarbeit (1968), in: Ders., Predigen als Beruf. Aufsätze zu Homiletik, Liturgie und Pfarramt, hg. von Rüdiger Schloz, München 21987, 9–51.


A

Pfingstsonntag

4 Mose 11,11–12.14–17.24–25:

Kraft zum Leben


Jörg Schneider

I Eröffnung: Entlasten Propheten oder Verwaltungsbeamte die Gemeindeleitung?

Mit Pfingsten verbinde ich den Geburtstag der Kirche oder die Gabe des verbindenden Geistes, nachdem Jesus durch die Himmelfahrt zu einem Abwesenden wurde. Pfingsten geschah nach jüdischem Festkalender an Schavuot. Das Wochenfest steht für die Bundeserneuerung und die Gabe der Gesetzestafeln auf dem Sinai, Pfingsten für die Gabe des Geistes. Beide Gaben schaffen die Lebensermöglichung, die Verbindung. Wer das Gesetz befolgt, hält den Bund. Wer den Geist hat, weiß, dass er oder sie nicht allein ist, weil die Verbindung zum Auferstandenen hält. Für den Einzelnen heißt die Geistgabe, ein eigenes und direktes Verhältnis zu Gott zu haben ohne vermittelnde Instanzen. Auf die Kirche bezogen heißt die Geistgabe, dass sie legitimiert ist, die Beziehung in Gottesdienst mit Predigt, in Seelsorge, Unterricht, Diakonie etc. darzustellen und sakramental zu verwalten.

In der alttestamentlichen Perikope für Pfingsten finde ich andere Themen: die Entlastung eines überforderten Moses, eine begrenzte Geistgabe an ein Gremium, ein Gemeindeleitungsmodell, die Abordnung von Propheten – aber wer will schon Propheten in der Kirchenleitung oder im Kirchengemeinderat haben? Kein Wunder, dass diese Erzählung so gut wie keine biblische Wirkungsgeschichte entfaltet hat …

Hätte es keine andere alttestamentliche Perikope für Pfingsten geben können? Wohl kaum. Dass die Perikope so in die Ordnung genommen wurde, setzt ein typologisches Verfahren voraus: ein Widerspruch zur reformatorischen Predigt nach dem literalen Schriftsinn, aber eine notwendige Praxis. Es gibt Motive, welche zu Pfingsten und eben zu Apg 2 passen, und welche, die nicht passen.

II Erschließung des Textes: Der Druckkessel und das Ventil

Die Perikope wurde aus einem Zusammenhang gelöst, in dem zwei Erzählungen ineinander verwoben sind. Darüber hinaus werden zwei weitere Erzählungen vorausgesetzt: Das Volk des Exodus ist eben erst vom Sinai aufgebrochen (4 Mose 10,12). Nach drei Tagen bereits beginnen die Probleme (4 Mose 10,33). Keine neuen Probleme, sondern alte treten wieder auf; ein Pingpongspiel der verletzten Gefühle, der beginnenden enttäuschenden Alltagsprobleme einer noch beinahe frischen Liebe. Ausgelöst wird der konkrete Konflikt durch behaupteten Mangel an Grundnahrungsmitteln, der aber ein Mangel an Gottvertrauen ist.

In Kapitel 11 baut sich ein Handlungsdruck auf: In Vers 1 ist der Ärger des Volkes noch unbestimmt, eine Unzufriedenheit macht sich nach drei Wüstenwandertagen breit. Der Zorn Gottes taucht deshalb erst am Rand (des Lagers) auf. Ab 11,4 wird der Ärger spezifischer, und er wird durch das »fremde Gesindel« (Plaut, 113) ausgelöst, also noch nicht durch das Gottesvolk. Dann steigert sich der Druck weiter, und die Israeliten stimmen in den Chor ein, der absurd klingt: Die Monotonie des Überflusses nervt. Das Himmelsbrot (Ps 105,40) hängt allen zum Hals heraus, obwohl es nährt und schmeckt. Die Monotonie des Überflusses an durchschnittlicher Nahrung in Ägypten lockt weg von der Monotonie des Überflusses an exquisiter Gottesgegenwart. Falsche Wahl. Ein ganzes Volk, alle und jeder, stimmt in den Chor der Unzufriedenheit ein. Schon ist die Umkehrbewegung im Lager zu sehen – negative Umkehr zurück statt vorwärts zu Gott (»Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes«, Lk 9,62).

Der Ausgangspunkt der Perikope ist der Höhepunkt dieses Druckaufbaus. Wir sind emotional »auf 180«. Moses hat genug davon, dass er immer dasselbe tun muss, nämlich Fürbitte für das murrende Volk halten. Gott hat genug davon, dass er keine Brautzeit mit seinem Volk in der Wüste verbringen kann, wie er es sich vorgestellt hat (vgl. Hos 2,17–19, Jer 2,2). Stattdessen: Verdruss, Unlust, Krise auf der Wanderung nun auch bei den Hauptverantwortlichen, bei Moses und Gott. Hört die gemeinsame Geschichte hier im Nirgendwo auf?

Die Geistgabe an die Berater ist eine Krisenintervention, keine Beseitigung der Ursachen, denn die Krisen treten immer wieder auf. Die Fleischtöpfe bleiben die Hauptkonkurrenz für Gott. Sie sind irdische Herren des Magens und damit schon Anfechtung des ersten Gebots. Nun wird ein Modell vorgestellt, das in ähnlichen Situationen helfen kann. Das Gremium soll den ersten Impuls zur falschen Umkehr entschärfen und vernünftige Lösungen finden. Hier sind wir von den Höhen der Liebesmystik herabgestiegen auf den vielbeschworenen Realismus der Bibel. Immerhin: Das Ideal der alleinigen Gottesbeziehung bleibt als Vision, Verheißung und Wunsch. Die konkrete Liebe zu einem »halsstarrigen Volk« erweist sich als stärker als der Impuls zur Auflösung der Gottesgemeinschaft – auch um den Preis eines Gremiums.

Warum braucht das Gremium Geist und nicht gesunden Menschenverstand? Der gesunde Menschenverstand würde tatsächlich sagen: Kehren wir um in die soziale und kulinarische Sicherheit! Um bei Gott in der Wüste bleiben zu wollen, muss man schon (ein bisschen?) verrückt sein. Die Geistgabe ist die rechte Art der Verrücktheit. Sie gibt den Wagemut und das Vertrauen, dass die Sache gut ausgeht. Darin liegt die Verbindung zur Prophetie. Die kanonischen Propheten sind auf ihre Weise verrückt, und anders als ihre Tempel- und Hofkonkurrenz Gott verantwortlich und nicht den Arbeitgebern. Und Moses als Prophet? Schließlich wird ja von seinem (Propheten-)Geist mitgeteilt. Aus der Sicht des Deuteronomiums ist er kein Ekstatiker, sondern von Gott so durchschaut, dass er ihm sein Volk zur Führung durch schwierige Situationen anvertraut (5 Mose 34,10–12). Moses Prophetie gründet in Demut.

Solche Leute braucht die Kirche, hat sie aber nicht immer. Diese Unbestimmtheit liegt schon im Text. Die Frage ist, ob die Gremienmitglieder nach ihrer Geistgabe nicht aufhörten oder nicht weitermachten. Versteht man unter Prophetie Verzückung, dann war es für Moses besser, dass sie aufhörten. Versteht man darunter Kommunikation der Klarheit Gottes und Krisenintervention, dann sollten sie weitermachen – bis heute.

Ich schlage vor, den nachfolgenden Kontext zu berücksichtigen, denn er weist besser auf Apg 2 als andere Bestandteile der Perikope. Eldad und Medad werden, obwohl nicht vor Ort, geistbegabt. Das Gremium besteht nun aus 72 Personen, also aus jedem Stamm sechs Vertreter. Damit ist die optimale Repräsentanz erreicht. Hier kann man eine Universalisierung auf das ganze Volk sehen. Denn in der Universalisierung erst ergibt sich eine sinnvolle Pfingstgeschichte. Dabei ist auch in Apg 2,1 nicht klar, wer »alle« sind. Die katholische Lesart der »Bible de Jérusalem« (Paris 1978, 1573) zu Apg 2,1, Anm. d) ist, dass »alle« nur der apostolische Leitungskreis ist, eine evangelische würde doch auf die Geistbegabung der ganzen Urgemeinde als Nukleus der Kirche abheben. Vers 7 »Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa?« (vgl. 1,11) deutet aber auf den engeren Jüngerkreis hin … Die Konsequenzen sind weitreichend. Der Text bleibt merkwürdig unentschieden. Dafür interpretiert Petrus das Geschehen mit Joel 3 und öffnet die Perspektive auf wirklich alle – alle Israeliten. Noch ist Pfingsten partikular, die Geistgabe ist ein Prozess.

III Impulse: Der Geist entlastet!

Über was predige ich? Die Verführung liegt in der Verwobenheit der lebensnahen, starken Manna-Episode mit der abstrakteren Geschichte über die Geistgabe oder Prophetenbegabung (noch mal zwei verschiedene Predigten), sodass die Manna-Episode die Predigt regieren könnte. Ich meine, dass das Wagnis eingegangen werden sollte, denn die Manna-Episode gibt das Beispiel eines Problems, das gelöst werden muss. Beide Geschichten bedingen sich und können nur um den Preis im einen Fall einer moralisierenden und im anderen Fall einer langweiligen Verallgemeinerung voneinander gelöst werden. Deshalb würde ich über die Perikope hinausgehen, den Kontext erzählen und damit der Geschichte zurückgeben. Auch Pfingsten ist Geschichte in Geschichten, ein legitimierender Anfangsimpuls in der kritischen Gründungsphase einer Gemeinde (später einer Kirche). Das verbindet die Perikope mit Apg 2: Die Gottesgeschichte geht weiter.

Auf institutioneller Ebene kann man fragen, welche Mechanismen und welche Menschen bei der Konfliktlösung helfen. Das macht aber noch keine Predigt. Auf individueller Ebene kann man fragen, woher und von wem in Situationen der Ausweglosigkeit Hilfe kommt. Eine Krise wird auch von Gott ernst genommen. Sicher ist, dass der Geist festgefahrene Ansichten und Verhaltensmuster (wenigstens zeitweise) verflüssigt. Der Geist wird in und durch Menschen wirksam. Eine Predigt könnte die Richtung zu wechseln suchen: Nicht zurück nach Ägypten geht der Blick, sondern vorwärts zum »Land der Verheißung«. Nicht zurück auf alten Pfaden, sondern mit dem Geist weiter. Der Geist steht nicht für verzückte Willkür oder geistliche Verführung, sondern für stärkende Betrachtung des Lebens, wie es ist, aus den Verheißungen und Erweisungen der starken Liebe Gottes.

Literatur: W. Gunther Plaut (Hg.), Die Tora in jüdischer Auslegung, Band IV: Bemidbar Numeri, Gütersloh 2008.

B

Wilhelm Gräb

IV Entgegnung: Gottesgeist im Menschengeist

Mit seinem letzten Satz kommt A auf den Punkt, der diesen Text auf die Pfingstpredigt hin in Bewegung bringt. Ich möchte nur nicht so distanziert von der »stärkenden Betrachtung des Lebens« (A) sprechen, sondern direkter von der Lebensenergie, die der Geist freisetzt. Davon wird doch berichtet, sowohl in der diesjährigen Predigtperikope aus 4 Mose 11 wie in dem zentralen Pfingsttext von Apg 2. A stellt heraus: Wo einer schwach wird und die Last nicht mehr tragen kann, stellt der Geist andere zur Seite. Dadurch werden alle wieder fähig, vorwärtszugehen und am Weg in die Freiheit festzuhalten. Sobald der Geist auf Menschen liegt, erneuert sich der Lebensmut – auch wenn sie durch wüstes Gelände gehen müssen.

Womit ich bei der Textinterpretation von A noch Schwierigkeiten habe, das betrifft die Gegenständlichkeit in der Rede von der »Gabe des Geistes«, die er nicht auflöst. Das ist misslich, denn die gegenständliche Vorstellung vom Geist Gottes als einer auf bestimmten Menschen ruhenden »Gabe« verhindert, dass Gottes Geist als Potenz des menschlichen Geistes erkannt wird. Mit der nicht aufgelösten Gegenständlichkeit in der Rede von der Geistesgabe verbindet sich insofern eine weitere Frage, die für mich bei A’s Textinterpretation offengeblieben ist: Wie hängen göttlicher und menschlicher Geist zusammen? Denn das Interessante an diesem Text ist ja gerade, dass es nicht Gottes Geist ist, sondern der Geist des Mose, den Gott nimmt, um ihn auch noch auf andere Menschen zu legen.

Gott gibt den Geist, der auf Mose ruht, weiter an die, die nun mit Mose zusammen die Führungsaufgabe auf dem Weg durch die Wüste übernehmen. Wie sollen wir uns diese Weitergabe des Geistes vorstellen? Sie kommt einer Segenshandlung gleich. Eine Energieübertragung findet statt, von Gott auf Mose, von Mose auf die 70 Ältesten des Volkes Israel. Die Vorstellung scheint ganz offensichtlich die zu sein, dass Gott den Menschen, die er in den Dienst ruft, durch seinen Geist ungeahnte Kräfte und Fähigkeiten gibt. Es zeigt sich, was geschieht, wenn Gottes Geist und menschlicher Geist eins werden. Dann wachsen Menschen über sich hinaus, gewinnen den Mut, auch gegen ihre persönlichen Bequemlichkeitsinteressen und die rückwärtsgewandten Wünsche der Volksmassen den riskanten Weg in die Freiheit weiterzugehen.

Was ist der Geist Gottes, dessen »Ausgießung« wir an Pfingsten feiern? Keine vom menschlichen Geist unterschiedene Größe! Der Geist Gottes, Gottes schöpferischer Geist ist die ursprüngliche Kraft des menschlichen Geistes, über die dieser gleichwohl bzw. gerade deshalb nicht verfügen kann. Der Geist Gottes gibt Mose die Kraft, den Anforderungen des Lebens gerecht zu werden. Und als er es nicht mehr allein schafft, siehe da: Es finden sich Helfer, die ebenfalls Fähigkeiten in sich entdecken, von denen sie zuvor nicht gewusst haben. Das ist die Erfahrung, die im Text beschrieben wird – auch in Apg 2: Menschen erkennen, welch ungeahnte Möglichkeiten in ihnen stecken, trotz allem, was dagegen steht. Sie halten an der Hoffnung fest, sie verlieren die Liebe nicht. Sie empfinden ein unerschütterliches Sinnvertrauen.

Als Geist ist Gott das Licht, in dem wir sehen, die Quelle, aus der wir immer wieder neu unseren Lebensmut schöpfen. Die Geistemphase, wie sie weltweit in vielen christlichen Gemeinden zu beobachten ist, kann ich insofern gut verstehen, auch wenn es mir – wie A – wichtiger ist, darauf zu setzen, dass die schöpferische Kraft des Geistes Gottes in allen unseres Lebensvollzügen wirksam ist – »denn ohne mich könntet ihr nichts tun« (Joh 15,5). Gottes Geist ist überall am Werk, wo Menschen zu tieferer Selbsterkenntnis geführt werden, sich ihnen Dimensionen der Wirklichkeit öffnen, die ihnen zuvor verschlossen waren, ihnen Fähigkeiten zuwachsen, die sie in den Routinen des Alltags vernachlässigt haben.

Gottes Geist ist keineswegs nur auf Christen gelegt, nicht an die Taufe gebunden, schon gar nicht an die Zugehörigkeit zu der im Pfingstgottesdienst versammelten Gemeinde –, das macht gerade diese Perikope aus 4 Mose 11 so stark. Keiner wird behaupten wollen, sie erzähle vom Geburtstag der Kirche oder von der Geistbegabung besonders engagierter Christen und Christinnen. Sie erzählt vom murrenden Volk Israel auf seiner beschwerlichen Wanderung durch unwegsames und unfruchtbares Wüstengelände. Dort geschieht es, dass Menschen plötzlich die Fähigkeit in sich entdecken, anderen, die resignieren, neuen Mut und neue Hoffnung zu geben.

An Pfingsten geht es darum, dass wir die freiliegenden Zugänge zu dieser unerschöpflichen Kraftquelle des göttlichen Geistes sehen. Deshalb stellt A zu Recht alles andere wieder beiseite, was sich vom Kasus oder von diesem Text her für eine Pfingstpredigt ebenfalls thematisch nahelegen könnte. Das alles würde nur dazu führen, den Geist zu einer kirchlichen Angelegenheit zu machen, zu etwas, das einige Menschen, gar nur die sogenannten »Christenmenschen« haben und andere nicht. Wer sich erst einmal auf eine solche Fährte begibt, verbaut sich den Blick darauf, dass uns die biblische Rede vom Geist Gottes – wie sollte sie im Anschluss an 4 Mose 11 überhaupt exklusiv christlich verstanden werden können? – hinweist auf das, was uns Menschen allererst zu Menschen macht.

V Erschließung der Hörersituation: Gottes Geist ist in allen

Es gibt im Leben jedes Menschen die erfüllten Augenblicke. Dann habe ich das Gefühl, dass ich in die Welt passe. Dann möchte ich die ganze Welt umarmen. Ich bin einfach glücklich und merke, wie mir die Dinge, die zu erledigen sind, plötzlich ganz leicht von der Hand oder in den Kopf gehen. Ich bin ganz bei mir selbst und eins mit der Welt. Es sind, so denke ich, zunächst die positiven Erfahrungen, in denen uns bewusst wird, dass wir von Voraussetzungen leben, die wir nicht selbst hervorbringen und hervorbringen können. Möglichkeiten zeigen sich, Fähigkeiten wachsen uns zu, von denen wir gar nicht gewusst haben. Gottes schöpferischer Geist ist es, der uns erfinderisch macht.

Natürlich gibt es im Leben jedes Menschen auch die Phasen, in denen Unglück bedrückt, persönliches Leid erfahren wird, Gewalt und Ungerechtigkeit überall auf der Welt. Sind diese negativen Erfahrungen ein Einwand gegen die Wirkkraft des göttlichen Geistes in jedem Menschen? Doch wohl kaum! Denn gerade in den Wüstengegenden des Lebens können Menschen die Erfahrung machen, dass der Lebensmut sie trotz allem nicht verlässt, dass sie die Hoffnung festhalten, dass eine merkwürdige Lebenszuversicht ihren Blick immer wieder nach vorne richtet. Woher dieser Mut, die Hoffnung, die Lebenszuversicht, auch noch in scheinbar auswegloser Lage? Liegt das in unseren Genen? Sind wir Menschen evolutionär für alle möglichen Überlebenstechniken konditioniert? So kann man unseren unbändigen Lebenswillen sicher auch deuten. Diese evolutionsbiologische Deutung übersieht jedoch, dass sie selbst nicht das Ergebnis evolutionsbiologischer Tatsachen, sondern eben eine Deutung ist, die mit der religiösen auffällig übereinstimmt. Im Grunde muss jeder und jede anerkennen, dass wir von Voraussetzungen leben, die wir selbst nicht in der Hand haben und die wir selbst nicht garantieren können. Leben wir nicht zumeist so, als könnten wir uns darauf verlassen, dass diese Voraussetzungen gegeben sind?

So erfährt jeder und jede die Kraft des göttlichen Geistes. Unser Text drückt das so aus, dass Gottes Geist auf all denen ruht, die er in seinen Dienst ruft. Aber wen unter seinen Geschöpfen ruft Gott nicht in seinen Dienst? Gottes Geist ist die unserem menschlichen Geist innewohnende Schöpferkraft. Sie macht es, dass wir den Lebensmut nicht verlieren, auch dann nicht, wenn die Situation ausweglos erscheint.

Dennoch ist es oft zum Verzweifeln, sehen Menschen keinen Ausweg mehr. Es wird ihnen das Leben zu einer Last, die sie nicht mehr tragen können. Von einer solchen Situation erzählt der Predigttext. Er führt uns in die Wüstengegenden. Aber dort richtet er die Botschaft aus, dass jetzt andere da sein werden, die mir zur Seite stehen. Wenn die eigenen Kräfte nicht ausreichen, dann werden andere meine Last mittragen – hoffentlich. Solche Hoffnung kann die Erzählung von der Geistübertragung in der Wüste bestärken.

Ich denke aber auch, jeder und jede hat diese Erfahrung irgendwann und irgendwo machen können, dass andere Menschen da sind, wenn ich selbst nicht mehr weiter weiß. Deshalb kann es ja auch so schön sein, zu einer christlichen Gemeinde zu gehören, weil ich mich da – hoffentlich – darauf verlassen kann, dass ich in Wüstennot nicht allein bleibe.

VI Predigtschritte: Der unerschöpfliche Lebensquell

Es heißt, Pfingsten sei ein so unanschauliches, vielleicht sogar gespenstisches Fest. Dabei feiern wir an Pfingsten die Lebensenergie, die wir täglich brauchen, ohne die wir keinen Schritt tun könnten. Wir singen jetzt miteinander die ebenso fröhlichen wie sehnsuchtsvollen Pfingstlieder. Wir freuen uns, dass wir den Geist, der uns antreibt und die Kraft zum Leben gibt, spüren. Das ist nicht immer der Fall. Zumeist nehmen wir unser Leben als selbstverständlich hin, die Familie, die Freunde, die Arbeit, die Reisen. Welch ein Glück bedeutet es jedoch bereits, jeden Morgen wieder aufstehen und in einen neuen Tag hineingehen zu können?

Wir kennen natürlich auch die Wüstenstrecken des Lebens, Situationen, in denen wir den Mut verlieren und nicht mehr weiter wollen: »Es hat ja doch keinen Zweck. Es ist alles umsonst. Ich habe mich verrannt. Ich weiß keinen Ausweg mehr. Ich bin doch so allein.« Von einer solchen Situation erzählt die Geschichte von der Weitergabe des Geistes, damals als Mose das Volk Israel durch die Wüste führte. Das Volk hatte keine Perspektive mehr und Mose kam nicht mehr gegen all die Resignation an, die sich im Volk verbreitete. Doch dann geschah es, dass ihm plötzlich klar wurde: »Ich bin ja gar nicht allein. Da sind ja andere neben mir. Sie geben mir und sie geben allen anderen neuen Mut weiterzugehen, die Hoffnung nicht aufzugeben, den Blick nach vorne zu richten.«

Das ist es, was wir an Pfingsten feiern. Der Geist gibt uns die Kraft zum Leben. Er treibt uns voran auch noch auf unwegsamem Lebensgelände. Er sorgt dafür, dass andere mit uns gehen. Er ist in allen. Wenn wir in Situationen geraten, in denen wir nichts mehr spüren von seiner Macht, dann sind andere da, die weiterhelfen. Auch das kann uns zum Pfingstwunder werden: zu erfahren, wenn wir sie brauchen, sind andere Menschen da, die unsere Lebensgeister wieder neu aufwecken.

Wo Menschen wirklich miteinander ins Gespräch kommen über das, was sie als Menschen betrifft und angeht, dort ist – trotz der Verschiedenheit ihrer Sprachen, auch ihrer religiösen Sprachen – Verständigung möglich. Es wird uns bewusst, dass uns als Menschen viel mehr verbindet als uns trennt. Wir erkennen, was uns zu Menschen macht, die sich freuen und die der Zorn packt, die Erfolg haben und scheitern, die zu den Glücklichen gehören und vom Unglück getroffen werden. Das sind wir, mit einem unwahrscheinlichen Willen zum Leben, einem großen Vertrauen in unsere Möglichkeiten, ins Gelingen verliebt.

Liedvorschläge: EG 130,1–3 »O Heilger Geist, kehr bei uns ein«; EG 361,1–2.6–7 »Befiehl du deine Wege«; EG 171,1–4 »Bewahre uns, Gott«


A

Pfingstmontag

Johannes 4,19–26:

Aufbruch in die Freiheit


Dietrich Stollberg

I Eröffnung: Gott ist Geist

Der Text, wunderbare Poesie mit einer Art »Bildhälfte« (Jesus und die Samariterin) und der theologischen Botschaft als »Sachhälfte« (Geist und Wahrheit), scheint für das Fest des Geistes, Pfingsten, wie geschaffen: »Gott ist Geist …« Ja, was denn sonst? »Niemand hat Gott je gesehen …« (Joh 1,18), oder: »Der Herr ist (der) Geist …« (2 Kor 3,17a). Was aber bewirkt der Geist? »Der Buchstabe tötet; der Geist aber macht lebendig.« (2 Kor 3,6) Der Geist begründet den neuen Bund, dem wir dienen (vgl. ebd.). »Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.« (2 Kor 3, 17b) An Freiheit fehlt es überall, auch wenn wir im Vergleich zum Leben unter einer Diktatur Meinungsfreiheit, Redefreiheit und ein paar andere Freiheiten genießen. Unsere Diktatur ist innerlicher Art: In Kirche und Bürgertum herrscht noch immer das Über-Ich, d.h. der Moralismus (theologisch: die Gesetzlichkeit) von 12-Jährigen; und von der Mündigkeit und Verantwortlichkeit Erwachsener sind wir im Allgemeinen weit entfernt.

Eine Frau wie diese Samariterin gälte auch bei uns heute nicht als besonders »anständig«. Mir ist sie trotzdem durchaus sympathisch. Ich stelle mir dazu einen altorientalischen Brunnen vor, eine Zisterne, an vier Seiten mit Stufen hinab begehbar. Dort schöpfen die Frauen Wasser in Krügen, die sie auf dem Kopf nach Hause tragen, dort haben sie Gelegenheit zu einem Schwatz mit den anderen Frauen, und dort sitzen auch die Männer auf den Stufen und debattieren, was sie für wichtig halten. Manchmal stehen ein paar Bäume um das gefasste Wasserloch. Auch dort hockt man – im Schatten und ausruhend gesellig.

Jesus geht mit der Frau weder zimperlich noch moralisierend um. Er spricht sie sehr direkt und (wie damals üblich) ein bisschen patriarchalisch an, will von ihr zu trinken, sagt ihr auf den Kopf zu, was er von ihr weiß, stellt sich auf geheimnisvolle Weise und mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein als der vor, der eine ganz andere Art von »Wasser« zu geben hätte, und provoziert die Frau so, sich für ihn zu interessieren und ihn erst einmal quasi annähernd als »Propheten« zu bezeichnen. Die Gelegenheit will sie nutzen, um eine aktuelle Frage zu stellen – aktuell, weil sie als Samariterin und Jesus als Jude eigentlich nichts miteinander zu schaffen haben sollten: Ist unser heiliger Berg Garizim der richtige Ort der Anbetung oder euer Zion? Ist altisraelitisch oder jüdisch, orthodox, katholisch oder evangelisch, christlich, jüdisch oder moslemisch besser, sind die monotheistischen Religionen den polytheistischen überlegen usw.? Jesus hat aber weder konfessionelle noch andere Berührungsängste, obwohl er einige konservativ jüdische Ansichten äußert (s. u.).

II Erschließung des Textes: Geist, Wahrheit und Freiheit

Die für die Predigt vorgesehene Perikope beschränkt sich auf diese Frage nach dem Ort der Anbetung, der für die religiöse Tradition überhaupt steht, und auf Jesu Antwort, die sie radikal relativiert: weder hier noch dort, sondern »im Geist und in der Wahrheit«. »Der Welt Heiland« macht alte konfessionelle Vorurteile obsolet. Ein vaticinium ex eventu – »es kommt die Zeit und ist schon jetzt …« (Johannes schreibt nach 70 p. C.; »Christus«, d.h. der Messias, ist dabei bereits ein Eigenname geworden) – weiß um den Verlust des Tempels, Vertreibungen und Pogrome. Es hat eine notwendige Spiritualisierung des Glaubens eingesetzt, und es geht um die wahrhaftige Anbetung des »Vaters« beider Traditionen: »Es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben.«

Wahrheit ist für das Johannes-Evangelium zentral: 46-mal kommt der Begriff bei Johannes vor. Er bedeutet Unterschiedliches, ja man kann die Wahrheit auch tun. Christus selbst ist »der Weg, die Wahrheit und das Leben«. Der Geist wird uns »in alle Wahrheit leiten« (Joh 16,13). »Das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat ihn kundgemacht.« (Joh 1,17f.) Das Kapitel endet mit der eigentlichen Wahrheit, die hier erkannt und bezeugt werden soll: Die Heiden, hier Samariter, haben geglaubt und erkannt, »dieser ist wirklich der Welt Heiland« – eine Steigerung der Erkenntnis der Samariterin, Jesus sei »ein Prophet«. Die Wahrheit bedeutet des Weiteren auch Freiheit. Johannes und Paulus, so unterschiedlich ihre Theologie auch sein mag, berühren sich nicht nur an diesem Punkt. Melanchthon fasst zusammen: »Denn was ist aufs Ganze gesehen das Evangelium anderes als die Ausrufung der Freiheit. Kurz: Christentum heißt Freiheit.« (Loci 1521, 7, 21) Freilich sollte man den johanneischen Freiheitsbegriff nicht im Sinne modernen Denkens überstrapazieren: Die Freiheit Christi wird durch Wahrhaftigkeit und Liebe flankiert. Es geht um eine innere Befreiung, eine neue Einstellung, die souverän und unabhängig macht. Charakteristisch für diese Haltung ist ein Moment des Spielerisch-Leichten, das auch religiöse Verkrampfungen überwindet. Vielleicht hilft Luthers »Von der Freiheit eines Christenmenschen« von 1520 weiter – eine radikale Schrift, die ich jetzt nicht zitieren, aber dringend erneuter Lektüre empfehlen will. Für mich ist es die reformatorische Grundschrift schlechthin.

In einer Seitenpointe kommt auch der Anspruch der Juden gegenüber den Samaritern und allen »Heiden« zur Sprache: »Das Heil kommt von den Juden.« Woher kommen unser Glaube, woher unser »Messianismus«? Für Christen, wenigstens in Deutschland, inzwischen beinahe selbstverständlich, noch vor wenigen Jahren keineswegs: Die anmaßende Judenmission schien unerlässlich. Wir haben gelernt, das Neue Testament als Kommentar zur Überlieferung der hebräischen Bibel zu verstehen. »Das Heil kommt von den Juden.«

III Impulse: Worüber würde ich eventuell predigen?

1. Pfingsten und die Pfingstgeschichte nach Apg 2 als »Vorspann«.

2. »Gott ist Geist.« Alle Gottesbilder und theologischen Vorstellungen sind nur Hilfskonstrukte. Das uralte Bilderverbot (Ex 20,4) bleibt wichtig.

3. Die »wahre« Anbetung: Gottesverehrung hängt nicht an bestimmten heiligen Orten, Ritualen oder Lebensstilen. Das richtet sich freilich nicht gegen diese als solche, sondern gegen ihre Verabsolutierung.

4. Wahrheit und Freiheit:

Wahrheit als Mut zu direkter Kommunikation,

Wahrheit als Mut zur eigenen Position und gleichzeitiger Toleranz,

Wahrheit als Mut zur Mitverantwortung,

als Sozialkompetenz und Liebe.

Freiheit gegenüber dem Fremden und Neuen, anderen Lebensstilen,

Erotik und sexueller Freizügigkeit,

anderen kultischen »Orten« und Frömmigkeitsstilen,

anderen Konfessionen und Religionen,

Dankbarkeit gegenüber dem Judentum,

etc.

Literatur: Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen, in: Ders., Ausgewählte Schriften (Inselausgabe), Bd. I, 238–263, Frankfurt am Main 1982; Philipp Melanchthon, Loci communes (lat.–dt.), Gütersloh 21997.

B

Kristian Fechtner

IV Entgegnung: Vom Geist der Freiheit

»Zu Pfingsten hat man frei. (…) An diesem Fest macht man das, wozu man Lust hat.« (Josuttis, 135) Als eines der drei großen kirchlichen Jahresfeste schwächelt Pfingsten; frühsommerlich wird die Tendenz genährt, hinaus zu streben ins Freie, auch ins Kirchenfreie. Und den Montag gibt es gratis mit dazu. Vielleicht müsste man einmal eine kleine praktische Theologie der zweiten Feiertage schreiben, denn sie sind nicht nur liturgisch, sondern auch lebensweltlich keine einfache Zeit. Als liturgiegeschichtliches Erbe einer ursprünglich kompletten Festwoche wohnt ihnen die Erfahrung inne, dass Feste ihre Zeit brauchen, um einen Resonanzraum zu bilden, in dem sie klingen und nachklingen. Dabei hat jeder der zweiten Feiertage zu den verschiedenen Festen heute sein eigenes Gepräge. Anders als der gewöhnliche Wochenrhythmus verstehen sie sich nicht von selbst; sie liegen jenseits von Alltagsroutinen und Sonntagsgewohnheiten, auch die Festereignisse sind schon gefeiert. So sind sie gleichsam ein Surplus, kalendarischer Luxus, damit aber auch angreifbar, insbesondere der Pfingstmontag weckt fortwährend wirtschaftliche Begehrlichkeiten. Weil sie den Gang der Woche aus dem Rhythmus bringen, sind sie Stolpersteine, gelegentlich bringen sie Menschen aus dem Tritt. Alexander Kluge hat im Zusammenhang mit der in den zweiten Feiertag verlängerten Auszeit lakonisch diagnostiziert: »Wenn die Produktion stillsteht, nehmen die Unglücke zu.« (Kluge, 68) Kein Wunder, dass der Hang und Drang besteht, den Pfingstmontag verkaufsoffen zu halten, um Menschen vor der prekären Freiheit des nicht-geschäftigen Lebens zu schützen.

»Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.« (2 Kor 3,17) Mit A setze ich gerne den pfingstlichen Akzent auf die Freiheit im Glauben als »innere Befreiung, eine neue Einstellung, die souverän und unabhängig macht«. Dass A das Evangelium a-moralisch versteht und dem Über-Ich entgegenstellt, lese ich noch immer gerne und zustimmend. Glaube im evangelischen Sinne ist widerständig gegen das »Du sollst« und gegen dessen nur notdürftig getarnte Form des »Du darfst« (»Wir dürfen hoffen, beten, glauben« lauten die imperativischen Erlaubnisse). Und im Geist des Evangeliums überschreitet der Glaube und seine Praxis Grenzen: zwischen zwei Fremden, zwischen einer samaritanischen Frau und einem jüdischen Mann; zwischen unterschiedlichen religiösen Traditionen; zwischen dem, was man vom Leben erwartet, und dem, was sich im Augenblick erfüllt. Unter diesem Vorzeichen steht die Pfingstperikope für einen Grenzübertritt, für den Aufbruch in die Freiheit und Weite des gelebten Lebens. Gewiss, das braucht Mut, Glaubensmut. »Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.« (Joh 14,27) Aus dem Geist Gottes leben, hieße: sich vom Leben nicht einschüchtern lassen.

V Erschließung der Hörersituation aus der Hermeneutik des Textes: Mut zur direkten Kommunikation horizontal und vertikal

A bietet gleich ein ganzes Tableau von homiletischen Impulsen. Ich wähle als Perspektive seine Anregung, Wahrheit als »Mut zu direkter Kommunikation« zu fassen. Um mich nicht im fröhlichen Ungefähr zu verlieren, wende ich mich zurück an den Text und versuche, mit ihm zu erkunden, wie sich solcher Mut erschließt.