Das Hängemattenbuch

Geschichten zum Abschalten

Herausgegeben von German Neundorfer

Impressum

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2013

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlagkonzeption:

Agentur RME Roland Eschlbeck

Umschlaggestaltung: Verlag Herder

Umschlagmotive: © Christian Wheatley/istockphoto.com

ISBN (E-Book) 978-3-451-34572-2

ISBN (Buch) 978-3-451-06576-7

Inhalt

Erstes Kapitel

Irgendwas mit Medien – Vom merkwürdigen Verhalten der Gäste am TV-Abend hinter und vor dem Bildschirm, den Fallstricken des Internets und cineastischen Turbulenzen – nebst einer notwendigen Zwischenbemerkung zur Rechtschreibreform

Ulrich Magin   Talkshow

Frank Elstner   Meine Gäste

Sally Norton   101 Dinge, die du unbedingt getan haben solltest, bevor du 5 Jahre alt bist – 57. Vor dem Fernseher zu Abend essen

Uwe Bork   Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken

Ulrich Magin   Film

Siegfried Rauch   In den Grachten von Amsterdam

Burkhard Spinnen   Rechtschreibreform

Zweites Kapitel

Familienleben – Von der Entdeckung der Hormonkapsel und deren dramatischen Folgen, von Übungseinheiten für werdende Mütter und den technischen Möglichkeiten heutiger Kinder, vom rechten Umgang mit dem Nachwuchs wie auch mit der Schwiegermutter – ergänzt um einen überlebenswichtigen Selbsttest

Nataly Bleuel   Die Hormonkapselthese

Monika Nowotny   Ironmom – Aufwärmübungen mit gesteigerter Intensität

Sally Norton   101 Dinge, die du unbedingt getan haben solltest, bevor du 5 Jahre alt bist – 49. Papis Computer abstürzen lassen

Nataly Bleuel   Bin ich eine gute Mutter?

Yarito Niimura   Die tugendhafte Schwiegertochter

Monika Nowotny   Selbsttest: Wie groß ist Ihr Appellohr?

Drittes Kapitel

Kulinarisches Intermezzo – Von den süßen Verführungen, interkulturellen Spießen sowie dem Zusammenspiel schwebender Engel und alkoholischer Getränke – gewürzt mit einem Streifzug durch die internationale Küche

Irmtraud Tarr   Süßes wagen

Klaus Werle   Der Döner – Karriere einer türkisch-deutschen Gemeinschaftsproduktion

Nicola Kaulich-Stollfuß   New Asia Bar

Ulrich Magin   Küche, internationale

Viertes Kapitel

Neues aus aller Welt – Von wichtigen Hinweisen zur deutschen Autobahn und der Gesellschaft von groben Sandkörnern, von Studien zu kommunikativen Konstellationen und Propellerbooten – erweitert um einen lehrreichen geografischen Exkurs

Christoph von Marschall   Crashkurs Alltag in Amerika

Andrea Vogel und Beatrice Keck   Sandsturm in der Sahara

Yarito Niimura   Das Schweigen

Bettina Klein   Never ever, Everglades

Ulrich Magin   Erdkunde

Fünftes Kapitel

Nicht schon wieder Liebe! – Von der Suche nach der Liebe und dem Schinkenbrot als Trost, vom Tischtennisspiel im Liebeshotel, davon, was man bei einer Hochzeit alles sagen darf, und weiteren amourösen Subtexten – begleitet von Tipps wider die Aufdringlichkeit verstorbener Gattinnen

Tania Konnerth   Auf der Suche nach Liebe

German Neundorfer   Just the two of us

Julia Berger   Hello Kitty im Love Hotel

Dorit Kowitz   Rituale, schöne und tückische

Bastian Obermayer und Philipp Schwenke   Ringfest – Auf der Hochzeit

Lisa Kessler   »Schatz, was denkst du gerade?« – Oder: Und ewig fragt das Weib

Yarito Niimura   Der Geist

Sechstes Kapitel

Glück und Unglück – Von verlorenen Pferden und überhaupt von Gott und der Welt, von den Gefahren, sein Glück als Schatzsucher zu machen, und den Vorzügen des Landlebens – auf den Punkt gebracht durch eine wilde Jagd

Joel ben Izzy   Das verlorene Pferd

Margot Käßmann   Glück genießen

Johannes Dillinger   Die Totengeister als Schatzwächter

Siegfried Rauch   Ein ganz besonderer Bauernhof

Yarito Niimura   Die Jagd des Lebens

Quellenverzeichnis

Informationen zum Buch

Erstes Kapitel

Irgendwas mit Medien

Vom merkwürdigen Verhalten der Gäste am TV-Abend hinter

und vor dem Bildschirm, den Fallstricken des Internets

und cineastischen Turbulenzen – nebst einer notwendigen

Zwischenbemerkung zur Rechtschreibreform

Ulrich Magin
Talkshow

Sechs Jahre lang war der Hamburger Satiriker Wulf Beleites Dauergast in Talkshows – von »Arabella« über »Sonja« bis »Punkt 12« bei RTL. Grund für die Einladungen: Hundefreund Beleites log die Sender an, er sei der Herausgeber des Magazins Kot und Köter – Zeitschrift für den Deutschen Hundefeind. Das Heft, das angeblich dreihundert Stammleser hatte, drucke chinesische Hunderezepte ab. Eingeladen wurde der Mann immer, nachgeprüft (und dabei herausgefunden, dass es das Heft gar nicht gab) hat nie jemand. Selbst seriöse Tageszeitungen berichteten schließlich über den bösen Hundehasser aus der Hansestadt.

Frank Elstner
Meine Gäste

Ich habe »Wetten, dass..?« fast sieben Jahre lang moderiert. Ich stand 39 Mal auf der Bühne. Ich hatte schlaflose Nächte, Lampenfieber, Schweißausbrüche, rote Flecken und schickte manch Stoßgebet in den Himmel. Ich habe mein Möglichstes dafür getan, dass alles klappt, das alles perfekt läuft, und musste trotzdem einsehen, dass Pannen unvermeidbar sind. Manche Pannen sind kleiner – einmal meinte mein Friseur Jürgen Tröndle Sekunden vor dem Auftritt, die Eurovisions-Hymne lief bereits, er müsse noch rasch eine Haarsträhne stutzen, und schnitt mir ins rechte Ohrläppchen, das gar nicht mehr aufhörte zu bluten – und manche sind katastrophal. Eine solche Katastrophe passierte mir 1981 in Kaiserslautern. Es war eine meiner größten Niederlagen. Michel Polnareff, nach dessen »Love Me, Please Love Me«-Musik halb Europa verrückt gewesen ist – ich zähle mich dazu –, sollte auftreten. Ich war stolz, dass er kam. Er war ein exaltierter, ein wahnsinniger Typ mit seinen hellblonden Löckchen und der weißen Sonnenbrille, die er ursprünglich wegen eines Augenleidens trug, bis sie bald sein Markenzeichen wurde. Polnareff kam zur Probe, doch er fand das Bühnenbild, das Pit Fischer für seinen Auftritt entworfen hatte, schauderhaft (dabei waren Pits Szenengestaltungen europaweit anerkannt). Außerdem wollte er nicht nur ein Lied, sondern zwei Lieder singen. Ich war sofort in heller Aufruhr. Polnareff durfte auf gar keinen Fall absagen, sonst fehlte mir der Star, ich jagte ihm also Sylvie nach: »Hol mir den zurück!« Sie spricht perfekt Französisch, sie umgarnte Polnareff, sie schmeichelte ihm, was für ein toller Sänger er sei, wie wichtig für diese Sendung, und tatsächlich versprach er aufzutreten. Leider vergaß Polnareff dieses Versprechen über Nacht wieder. Am nächsten Tag stellte mir das Hotel folgende Nachricht von ihm zu: »Cher Frank, ich habe noch mal darüber geschlafen, aber diese Sendung, das ist nichts für mich und meine Musik. Melde dich, wenn du in Paris bist!«

Sogar mit einem Freund hätte ich es mir fast einmal verscherzt: mit dem großartigen Filmproduzenten Arthur Cohn. Friede Springer und ich hatten einst die Ehre, gemeinsam mit ihm in einer Privatvorstellung in einem Basler Kino seine erschütternde Dokumentation »The Final Solution« zu sehen. Cohn hatte mir Michel Piccoli als Gast vermittelt, der die Hauptrolle in einem aktuellen Film von ihm spielte, und ich versprach Cohn, bei dieser Gelegenheit ein bisschen Werbung für seinen Film zu machen. Ich brach mein Versprechen. Ich vergaß es einfach. Ich plauderte mit Piccoli während der Show über manches, nur nicht über seinen neuen Film. Ich fragte ihn kein einziges Mal danach. Piccoli war nicht böse deswegen, Cohn war außer sich. Er tobte am Telefon. Es hat eine Weile gedauert und viele besänftigende Worte meinerseits benötigt, bis sich sein Ärger gelegt hatte. Darüber, dass wir uns bis heute gut verstehen, bin ich wirklich froh.

Im Laufe jeder Karriere gibt es Momente, in denen man innerhalb weniger Sekunden sein Renommee verspielen kann. Auf einen Fauxpas muss gar nicht gleich der Todesstoß folgen, aber das Geschehene hinterlässt oft Spuren. Die sind mal mehr, mal weniger bitter. Als Bettina Schausten, die Leiterin des ZDF-Hauptstadtbüros, im Interview mit dem damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff auf dessen Frage, ob sie denn 150 Euro Übernachtungskosten von Freunden nehmen würde, mit Ja antwortete, war das Netz sofort voller Spott und Hohn und Schausten-Witzen. Sie konnte einem leidtun. »Wann ›schausten‹ vorbei?« fand ich allerdings wirklich originell.

Gefährlich für meine Laufbahn hätte der 15. Dezember 1984 werden können. »Wetten, dass..?« war dieses Mal in Bremen zu Gast, es war die 25. Sendung, ein kleines Jubiläum also. Einer der Gäste war Fred Sinowatz, seinerzeit österreichischer Bundeskanzler, der wegen des geplanten Baus eines Wasserkraftwerks östlich von Wien, das ein wunderbares Stück Natur und den Lebensraum vieler Tiere zerstört hätte, heftig in der Kritik stand. Plötzlich stürmten mitten in der Sendung fünf Umweltschützer die Bühne und hielten ein Transparent mit der Aufschrift: »Nicht wetten – Donauauen retten« hoch. Sie hatten das Spruchband in einem Pelzmantel eingeschmuggelt und nannten sich Robin Wood. Mein Aufnahmeleiter und zwei seiner Mitarbeiter waren sofort zur Stelle, versuchten die Störenfriede von der Bühne zu zerren, ohne zu rabiat vorzugehen. Trotzdem begann eine Prügelei. Intuitiv sprang ich auf, rief: »Halt, stopp, in meiner Sendung wird keiner rausgeschmissen.« Alles mit ansehen mussten ausgerechnet mein erster luxemburgischer Kandidat und mein jüngster österreichischer Kandidat, der damals erst sechzehn Jahre alt gewesen ist. Seither habe ich die beiden, Serge Spellini und Albin Wallinger, besonders ins Herz geschlossen, wir saßen damals ja sozusagen im selben Boot.

Das Lampenfieber,das während einer Sendung immer mehr nachlässt, meldet sich in so einer Situation mit Wucht zurück. Alles ist wieder da: Herzklopfen, Schweißausbrüche, Nervosität. Ich wollte den jungen Leuten den Wind aus den Segeln nehmen, indem ich sie zu Wort kommen lasse. Ich fragte den Bundeskanzler, ob er nach der Sendung bereit für ein Gespräch mit Robin Wood sei. Gott sei Dank stimmte Sinowatz zu. Wer weiß, was passiert wäre, wenn er nein gesagt hätte. Die fünf gingen besänftigt von der Bühne. In der Hotelbar, so erzählten mir später einige Gäste, haben sie noch mal kräftig gebechert und ihren Auftritt ausgelassen gefeiert.

Man muss sich genau überlegen, ob und welchen Politiker man in seine Sendung einlädt. Oft haben sie das Reden in Phrasen verinnerlicht und sind nicht gerade die amüsantesten Gäste. Aber es gibt Ausnahmen. Norbert Blüm zum Beispiel, der von 1982 bis 1988 den Posten des Bundesministers für Arbeit und Soziales innehatte. Als er zu »Nase vorn« kam, hatte er gerade keinen guten Stand bei den Zahnärzten, die Blüms neue Gebührenordnung strikt ablehnten. Wir hatten uns ein besonderes Spiel für ihn ausgedacht und drei Zahnärzte eingeladen, die ihm, ihrem »Problempatienten«, die Angst nehmen sollten. Am Ende stimmten dann die Zuschauer darüber ab, wem das am besten gelungen ist. Nur: Die Zahnärzte kannten ihren Patienten nicht. Norbert Blüm hat sich tatsächlich in den Zahnarztstuhl auf unserer Bühne gelegt, den Mund geöffnet und uns alle verblüfft. Er gab eine großartige Figur ab. Mich wunderte das nicht, denn Blüm und ich kennen uns gut. Bis heute verbindet uns nicht irgendeine politische Überzeugung, sondern einfach nur große Sympathie füreinander. Die Blüms verbringen ihre Urlaube besonders gerne in Finnland, irgendwo in der Pampa, ohne jeglichen Luxus, als seien sie immer noch Studenten. Manchmal fragte ich mich allerdings, was die Blüms tatsächlich unter Einfachheit verstehen, einem Begriff, der durchaus Interpretationsspielraum lässt. Meine Frau Britta und ich machten uns also auf den Weg, sie in ihrer Einsamkeit zu besuchen. Der Zeitpunkt war in doppelter Hinsicht perfekt, denn erstens nahte eine Sonnenfinsternis und zweitens hatte Norbert Geburtstag. Wir wollten ihn überraschen und weihten nur Marita ein. Wir flogen nach Helsinki, dann weiter nach Rovaniemi, der Hauptstadt Finnisch-Lapplands, in deren unmittelbarer Nähe der Polarkreis liegt. Für die letzte Strecke der Reise mieteten wir uns einen Wagen, verfuhren uns natürlich, schließlich gab es noch keine Navigationssysteme, und erreichten nach mehr als zwei Stunden Umhergeirre endlich unser Ziel. Hierhin also zogen sich die Blüms zurück, wenn sie absolute Ruhe suchten. Ein See, Wald drum herum, ein hoher Himmel, Stille, keine Hotels, keine Pensionen, nur eine Art Rundhaus, das wie ein abgesägter Leuchtturm aussah, und zwei Holzhütten im Abstand von jeweils fünfzig Metern. Die Tür der einen Hütte zierte ein Herz, es war das Plumpsklo, die andere war die Gästeunterkunft. Auf dem weit in den See hinein gebauten Holzsteg stand ein Tisch, gedeckt fürs Frühstück. Norbert saß dort in Badehose und schaute Richtung Wasser. Wir schafften es, uns ihm bis auf zehn Meter zu nähern, bevor er uns entdeckte. Wiedersehensfreude. Wir sangen Happy Birthday. Marita eilte heran. »Norbert«, sagte ich, »mach dir keine Sorgen, wir stören nicht lange, dein Urlaub soll dein Urlaub bleiben, wir wollten nur mal sehen, wie es sich so als Einsiedler lebt.« Wir blieben übers Wochenende. Obwohl ein Ferienhausvermieter höchstwahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hätte, war es für die Blüms das Paradies. Britta und ich schliefen auf einem Feldbett, für Frischverliebte kein Problem, nur auf das Plumpsklo ging keiner von uns gern. Das Wetter war durchwachsen. Es störte nicht. Eine Lieblingsbeschäftigung von Norbert und mir wurde, über den Steg zu rennen und ins Wasser zu springen. Nicht weit vom Ufer schwamm eine kleine Badeinsel aus Holz, auf der wir uns ausruhten. Die Sonnenfinsternis erlebten wir auf einer größeren Insel, zu der ein Schiff fuhr, auf dem Norbert nicht weiter auffiel. Für die Mitreisenden war er einfach nur ein kleiner, etwas untersetzter Mann mit sehr freundlichen Augen. Hier erkannte ihn niemand – mich natürlich auch nicht. Wir genossen es, unter Menschen Mensch zu sein.

Sally Norton
101 Dinge, die du unbedingt getan haben solltest, bevor du 5 Jahre alt bist

57. Vor dem Fernseher zu Abend essen
Mami meint, Kinder sollten ihre Mahlzeiten an einem großen Tisch mit karierter Tischdecke einnehmen, von ihrem Tag erzählen und dabei klassische Musik hören. Wir wissen aber alle, dass du spätestens mit acht wie alle anderen auch vor der Kiste hängen, Cola trinken und Käsestangen essen wirst. Aber diese Zeit ist noch nicht gekommen – Mamis Traum ist noch nicht zerplatzt, du musst also vorsichtig vorgehen.

Fang langsam an … Frag nach einer gesunden Zwischenmahlzeit, während du Bob der Baumeister schaust. Mami wird sich dermaßen freuen, dass du nach einer Schüssel Bananenscheiben gefragt hast, dass sie gar nicht merkt, was sich gerade zugetragen hat.

Mach sie Schritt für Schritt, Tag für Tag, allmählich mürbe. Von Obst geh zu vollwertigen Lebensmitteln über, die Krümel verursachen (Vollkorntoast ist optimal). Eh du dich versiehst, wirst du den Tisch verlassen und vor einer Natursendung deinen Nachtisch essen dürfen.

Und von dort sind es nur noch wenige Schritte zum Nonplusultra – Pizza American Style zu Marienhof. Himmlisch.

Merke: Wenn du herausgefordert wirst, weise Mami darauf hin, dass sie genau das selber tut, wenn du im Bett bist.

Uwe Bork
Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.  Galileo Galilei

»Das Internet ist tot!« Die Nachricht kommt unerwartet, und sie kommt aus dem ersten Stock. Dort steht auf einem ausgedienten Schreibtisch bei uns seit Neuestern ein Computer, der nach dem Auszug unserer Kinder und der damit verbundenen Mitnahme ihrer Heimelektronik nun den Beweis dafür erbringt, dass wir technologisch noch nicht ganz zum alten Eisen gehören. Nach der Lektüre einer mittelgroßen Bibliothek mehr oder minder unverständlicher Handbücher habe ich ihn drahtlos mit dem weltweiten Netz verbunden. Per WLAN, wie wir Fachleute sagen.

Seitdem sind wir drin. Meine Frau und ich surfen, was die Flatrate hält und die Augen vertragen. Wir bestellen unser Abendessen beim Pizza-Service um die Ecke jetzt online, betrachten unser handtuchgroßes Grundstück fasziniert aus der Weltraumperspektive und befragen stündlich den nächstbesten Wettervogel im weltweiten Netz nach der Wahrscheinlichkeit verheerender Sturmfluten, Schneestürme oder Starkregen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Alles geht ja im Internet, nur jetzt ist es eben …

»Tot! Alles tot!« Die Stimme meiner auf den virtuellen Wellen surfenden Ehefrau nimmt ein Timbre an, als hätte ein Angriff aus dem Weltall gerade die halbe Menschheit dahingerafft. »Kannst du bitte schnell mal raufkommen? Ich komm nirgendwo mehr rein!« Auf den ersten Blick wirkt alles ganz normal. Der Bildschirm zeigt eine Art Zeitungsseite, die sich von ihrem papierenen Gegenstück allenfalls dadurch unterscheidet, dass sie aussieht, als seien bei ihrem Entwurf alle Farben eines Malkastens wahllos und gleichzeitig verwendet worden. Für die gewählten Schrifttypen und die Größe der Buchstaben vertrauten die Webdesigner dann anscheinend ebenfalls auf das Zufallsprinzip.

»Kuckma«, werde ich aus einem Mund aufgeklärt, dem gemeinhin allenfalls in Augenblicken höchster Erregung etwas anderes als druckreifes Deutsch entströmt, »kuckma, die Maus bewegt sich nichmamea!«

Von so viel augenscheinlicher Hilflosigkeit sehe ich mich zu einer ritterlichen Blitzexpertise herausgefordert und nehme vorsichtig eine Korrektur an der Darstellung des elektronischen Krankheitsbildes vor. Mit der angesichts weiblicher Empfindlichkeiten gebotenen männlichen Zurückhaltung stelle ich gleichzeitig eine erste, quasi semiprofessionelle Diagnose.

»Die Maus, mein Schatz, das ist dieser hellgraue Plastikknubbel unter deiner rechten Hand, und die bewegt sich augenscheinlich doch noch recht gut. Was sich aber absolut nicht mehr bewegt, das ist der Cursor, also dieser kleine Pfeil auf dem Bildschirm, den du mit der Maus steuerst.« Ich lege eine Kunstpause ein, wie sie selbst einem Professor Brinkmann in der Schwarzwaldklinik angesichts eines medizinischen Problemfalles nicht ausdrucksvoller gelungen wäre. »Wahrscheinlich hat sich bloß der Server aufgehängt.« Punkt.

»Ist mir doch scheißegal, wer oder was sich da aufgehängt hat. Ich wollte mir jedenfalls gerade ein neues Rezept für Ravioli mit Ricottafüllung ausdrucken, und wenn das verdammte Ding hier jetzt nicht bald wieder funktioniert, kannst du am Wochenende Käsebrot essen!« Ausrufezeichen.

Nun gut: Die Sprache wirkt vielleicht etwas rau und ungeschliffen, aber wo die unumschränkte Herrscherin über mein Herz – und damit meist auch über meinen Magen – Recht hat, da hat sie nun einmal Recht. Mit anderen Worten: Es ist höchste Zeit, aktiv zu werden. Superman sollte langsam mit seinem Landeanflug beginnen.

Während ich noch heftig über das Problem des versickerten Datenflusses nachdenke, bedauere ich schon gleichzeitig die momentane Leere unseres familiären Nestes. Wie anscheinend allen Mitgliedern ihrer Generation ist es auch unseren Kindern gegeben, jedwedes elektronische Gerät intuitiv zu verstehen. Während es Menschen jenseits der durchschnittlichen Lebensmitte manchmal bereits schwerfällt, einen thermostatisch gesteuerten Toaster fachgerecht in Betrieb zu setzen oder den Symbolen einer handelsüblichen Fernbedienung für einen ebenfalls handelsüblichen Fernseher mehr Sinn abzugewinnen als einer mit Hieroglyphen bedeckten Stele aus der Zeit der ägyptischen Pharaonen, bereitet es unseren Nachgeborenen allem Anschein nach noch nicht einmal Schwierigkeiten, einen fernöstlichen Festplattenrecorder blind zu programmieren. Oder eben einen bewegungsunfähigen Computer wieder aus seinem Koma zu erlösen.

Wenn also unser Sohn oder unsere Tochter jetzt da wären, würde es wahrscheinlich keine Minute dauern und das Ravioli-Rezept erschiene wieder auf dem Schirm und wäre fit für den Drucker. Leider sind beide aber momentan nicht da, und das stellt mich momentan vor ernsthafte Probleme. Ich muss wohl oder übel eigene Kräfte entwickeln.

Ich gehe also wieder ein Stockwerk tiefer in unser Wohnzimmer und entscheide mich für die zweitbeste Möglichkeit nach einem akuten Notfalleinsatz unserer Kinder: Ich vertraue auf meinen Servicevertrag und rufe unseren Telefondienstleister an. Das Telefon funktioniert ja glücklicherweise noch.

Zu meiner eigenen Überraschung werde ich schon nach zwei oder drei Freizeichen aus der Warteschleife in die Zielgerade geschleudert. »Hier ist die Störungsstelle …«, tönt es mir aus dem Hörer entgegen, und ich wundere mich einen Moment lang, dass die Stimme so mechanisch klingt wie eine der Sprechpuppen aus unserem längst aufgelösten Kinderzimmer. Die Irritation löst sich jedoch sofort in Luft auf, als ich barsch und ohne jede menschliche Betonung angewiesen werde: »Wenn Sie ein technisches Problem haben, drücken Sie die Eins!«

Ein Sprachcomputer, natürlich! Uns technikbegeisterten Männern macht doch niemand etwas vor! Deshalb sind wir auch sofort in der Lage, unser Verhalten auf jede beliebige neue Situation einzustellen. Ich spare mir also den anerkannt unwiderstehlichen Schmelz maskulinen Charmes in meiner Stimme und drücke einfach die Eins.

Nichts passiert. Oder jedenfalls nicht gleich. Erst nach gefühlten mehreren Stunden des Wartens zum quälenden Klang klirrender Klingeltonakkorde dringe ich bis zu einem veritablen Menschen am anderen Ende der Leitung durch.

Bestenfalls ein Etappensieg. Wer einmal die Gelegenheit hatte, den Service eines Callcenters zu erleben, weiß vermutlich, wovon ich rede. Zunächst bekomme ich in gepflegtem Bariton den unvergänglichen Evergreen aller Hotlines ins Ohr geschraubt: »Haben Sie es schon einmal mit einem Neustart versucht?« Als ich dies wortkarg bejahe, wird mir mit einer Freundlichkeit, gegen die jeder Volkspolizist der untergegangenen DDR ein Diplom für Dienst am Kunden verdient hätte, ein Technikerbesuch für Donnerstag der übernächsten Woche in Aussicht gestellt. Als kleine Gegenleistung erwarte man von mir – außer einer kaum erwähnenswerten Fahrtkostenpauschale –, dafür nicht mehr als am entsprechenden Nachmittag zwischen Eins und Fünf ein Zeitfenster von vier Stunden für den Techniker zu öffnen, sprich: zu Hause zu sein. Und am besten, ich würde nicht nervös, denn wenn sich anderswo Probleme ergäben, könnte sich der Techniker auch verspäten. Nur ein ganz kleines bisschen natürlich.

Mit der unübertrefflichen Selbstbeherrschung eines mehrfach in Asche gewendeten indischen Saddhus entgegne ich in einfachen Worten, dass ich leider bei einem mit spitzem Bleistift kalkulierenden Chef in Lohn und Brot stünde und mich angesichts einer nicht gerade überschäumenden Konjunktur deshalb nicht beliebig aus meinem Büro verabschieden könne.

In einem Konter von arktischer Kälte bekomme ich knapp mitgeteilt, meine persönliche Situation möge zwar tragisch sein, aber solle man mir denn nun helfen oder nicht? Und auf ein klein wenig Entgegenkommen meinerseits müsse man einfach rechnen können. Wenn ich allerdings so gar keine Möglichkeiten sähe …

Sauer wie eine Kiste ungezuckerter Zitronenlimonade knalle ich den Hörer auf die Gabel. Oder drücke doch zumindest mit aller Entschiedenheit, die einem hilflosen Kunden zu Gebote steht, den Knopf mit dem roten Symbol für ›Gespräch beenden‹.

Mit mir nicht, Leute, mit mir nicht! Ihr sprecht mit seiner Hoheit König Kunde, dem Herrscher über die weltweite Nachfrage und dem Lenker der globalen Konsumströme! Vergesst das bloß nicht! Nachdem ich einige Male tief durchgeatmet habe, wird mir klar: Geholfen hat dieser spontane Ausbruch allenfalls meiner Psychohygiene, gelöst hat er mein Problem nicht im Mindesten.

König Kunde schlägt schmerzhaft in der Realität auf. Ich habe ein schlechtes Gewissen, aber an einer kleinen Notlüge von Zeit zu Zeit dürften sogar die meisten Heiligen kaum vorbeikommen:

»Schatz, ich bin gleich so weit! Es kann sich nur noch um Sekunden handeln.« Ein Spruch: so alt, so abgegriffen. Und so unsterblich.

Ehrlicherweise müsste ich gegenüber der Frau meiner Tage und Nächte unumwunden zugeben, dass ich auch nicht die Spur einer Ahnung habe, was unseren Computer dazu bewogen haben könnte, uns seit einer guten halben Stunde nur noch ein unbewegtes Standbild zu zeigen. Aber könnte ich das wirklich zugeben angesichts einer Frau, die mir immer noch zutraut, sogar das Bedienprogramm für den zeitversetzten Betrieb unseres Geschirrspülers zu begreifen? Nie und nimmer!

Nicht nur, dass wir Männer uns gegen die digitale Dominanz unserer Kinder behaupten müssen, wir befinden uns auch in einer globalen Abwehrschlacht gegen die permanenten Übergriffe des Feminismus. Immer mehr Frauen können mittlerweile nicht nur mindestens so gut einparken wie wir selbst, sie finden dank Navi auch jede Adresse bis knapp vor dem Ende der Welt. Wir befinden uns in einer Epoche wahrhaft grundlegender Umwälzungen, und da können wir Männer schließlich keinen Meter unseres technologischen Herrschaftswissens preisgeben.

Ich ziehe mich auf unsere Terrasse zurück, schließe leise die Tür hinter mir und wähle die Handynummer meines Sohnes. »Hey«, flüstere ich konspirativ in unser Telefon, als wäre ich der Sesamstraße entsprungen und hätte auf der Innenseite meines Mantels die neuesten Buchstaben im Angebot, »hey du, unser Computer hat sich aufgehängt, unser Netz ist tot. Neustart habe ich schon versucht, hat aber nichts gebracht. Weißt du vielleicht, woran das liegen könnte?« Knapper und präziser hätte selbst Julius Caesar seine Schlachtaufstellungen im Gallischen Krieg nicht schildern können.

Mein Sohn schweigt. Er hat es schon immer gemocht, wenn man ihm Aufgaben stellt, an denen ein anderer schon gescheitert ist. Und wenn dieser andere der eigene Vater ist: umso besser!

»Habt ihr irgendeine Fehlermeldung bekommen? Irgendein Programm, aus dem man plötzlich aussteigen musste oder so?«

Das einzige Programm, aus dem ich plötzlich aussteigen musste, war wieder einmal ein spannender Krimi, der im Fernsehen gerade lief, als mich der Ruf des Schicksals ereilte. Oder vielmehr der meiner Frau. Aber um mich geht es hier ja leider nicht.

»Ich glaube nicht. Ich habe jedenfalls nichts gesehen. Es läuft einfach absolut gar nichts mehr, weißt du: Das Ding reagiert einfach nicht mehr. Alles tot.«

So häufig wie in den letzten Minuten benütze ich dieses Wort normalerweise noch nicht einmal an Allerheiligen, Allerseelen und dem Totensonntag zusammengenommen. Es fehlt nicht mehr viel, und dieser moribunde Sprachgebrauch wird sich auf meine Stimmung legen, die bis vor wenigen Minuten noch heiter war wie ein sommerlicher Sonnentag an der Adria.

»Vielleicht ist es irgendwas mit einem der Treiber …«

Nachdenklich lässt mein Sohn diese Vermutung in die Tiefen der Unendlichkeit entweichen.

»Vielleicht ist bei den Registrierungsdateien was verrutscht. Das ist mir neulich auch passiert, als ich was neu installieren wollte!« Mein Sohn verwickelt mich in ein Gespräch, das er mit mir völlig unverständlichen Wörtern spickt. Er will wissen, ob ich irgendwelche ominösen ›Admin-Rechte‹ habe, die augenscheinlich haushoch über den Menschenrechten stehen, ob ich in den letzten Stunden etwa herrenlose ›Applets‹ ›downgeloadet‹ hätte, die womöglich nicht vollkommen vertrauenswürdig waren, oder ob ich wenigstens wüsste, ob man bei mir ›zippen‹ könnte.

Ich fühle mich wie auf die Schulbank zurückgedrückt. Das letzte Mal war ich so ahnungslos, als ich vor der entscheidenden Englischarbeit in der 10a lieber mit meiner damaligen Freundin Natascha im Kino gekuschelt hatte, anstatt Vokabeln zu lernen. Was sich – zumindest schulisch – am nächsten Tag fürchterlich rächte.

Mein Sohn ist es inzwischen offenbar müde geworden, einem Blinden die Schönheiten der Farbe zu erklären. Stattdessen kündigt er an – »ich bin sowieso gerade in der Gegend« –, gleich vor der Tür zu stehen und die Sache höchstpersönlich in die Hand zu nehmen.