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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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1. Auflage 2015

© 2015 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH,

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Redaktion: Antje Steinhäuser

Umschlaggestaltung: Laura Osswald

Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

ISBN Print: 978-3-86883-676-9

ISBN E-Book (PDF): 978-3-86413-839-3

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-86413-840-9

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Inhalt

Vorwort

Teil 1: Die Ärzte früher!

Westberlin

Ho! Ho! Ho Chi Minh! vs. Geh doch rüber! – Wie alles begann

Als ich den Punk erfand …

Trafen sich zwei Punks und pressten Fleisch auf Vinyl

Anders als beim letzten Mal

Wie Die Ärzte einen Sänger verloren und die Klomusik erfanden

Bravopunks

Mit Jim Rakete zu neuen Höhen

Ein Lied über Zensur

Sahnie, Hagen und die Sache mit der Geschwisterliebe

Zum letzten Mal

Mit dem Club der Arschlöcher nach Westerland

Lied vom Scheitern

Depp King Moskito und der Briefeschreiber

Teil 2: Die Bestie in Menschengestalt

Ekelpack

Schreiende Arschlöcher und ein umgedrehter Spieß

Herrliche Jahre

Männer mit Bärten, Männer mit Masken und ein Geili-Geili-Supertyp

Popstar

Kein Bravo für Lara Croft am Ballermann

Sie tun es

Von Toten Hosen, Spendierhosen und ein wenig Haue

Teil 3: Ist das alles?

Außerirdische

Inglourious Bela: Zurück in die Realschule

Wunderbare Welt des Farin U.

Solo im Dutzend und gemeinsam mit Geräusch

Vorbei ist vorbei

Abwärts-Bingo und die Rückkehr einer Schallplatten-Legende

Komm zurück

Ein Küchenjunge und der immer sterbende Star

Allein in der Nacht

Als ein Punkt verschwand, eine Band aber nicht

Licht am Ende des Sarges

Oh mein Gott, was macht BelaFarinRod?

Schlusswort

Quellen

Vorwort

Gutes wird gerne kopiert, und wer Erfolg hat, findet schnell Nachahmer. Das trifft auf die Musik ebenso zu wie auf zahllose andere Bereiche. Jedem erfolgreichen Interpreten wird nachgeeifert, jede gefeierte Band kopiert. Mit einer Ausnahme: Seit mehr als 30 Jahren feiern die ärzte immer wieder neue Erfolge, besetzen Spitzenplätze der Charts und spielen ausverkaufte Tourneen. Doch in all diesen Jahren und Jahrzehnten gab es kaum einen nennenswerten Versuch, dem Stil dieser Band etwas abzuschauen, ihn gar zu imitieren. Natürlich existieren diverse sogenannte Coverbands, die auf Volksfesten oder Familienfeiern ihre bekannten Hits einfach nachspielen, aber niemand hat sich die ärzte zum Vorbild genommen und ihnen wirklich nachgeeifert. Und wenn es doch jemanden gab, dann ist er kläglich gescheitert. Was natürlich zu der Frage nach dem Warum führt, auf die es wiederum eine klare Antwort gibt: Weil es nicht geht. Nur die ärzte können Musik machen, wie sie die ärzte spielen. Nur die ärzte können Texte schreiben und Reime reimen, wie es die ärzte tun. Denn kaum eine andere Musikgruppe ist so eng mit den Persönlichkeiten der Macher verflochten, wie es bei der Band aus Berlin der Fall ist. Ohne Farin Urlaub, ohne Bela B und auch ohne Rodrigo González wird es nie möglich sein, die ärzte zu kopieren – nur diese drei Köpfe gemeinsam können das machen, was die ärzte tun.

Weil die ärzte nicht nur eines der erfolgreichsten, sondern gemeinsam auch das wohl ideenreichste und intelligenteste Musikprojekt Deutschlands seit Jahrzehnten darstellen. Diese Aussage mag Außenstehende so überraschen, wie sie Fans eventuell verstört. Gerade intelligente Pop- oder Rockmusik ist schließlich ein Thema, das eher für die Grönemeyers dieser Welt steht. Und damit für eine musikalische Art und Weise, die weder die ärzte noch deren Anhänger mögen. Gerade dieser Band Intelligenz vorzuwerfen, hat aber damit zu tun, dass sie eben nicht das tun, was normalerweise unter solch intelligenter Rockmusik verstanden wird. Sie quälen ihre Zuhörer nicht mit gewollt verkopften Inhalten oder schwermütig grüblerischen Texten. Ihre Schläue verbirgt sich hinter einem »Leck mich«: Sie machen ihr Ding und halten sich nicht an Konventionen. Als Deutschland in den Neunzigerjahren nach der Wiedervereinigung unter Ausländergewalt und einer wachsenden rechten Szene ächzte, mühten sich Musiker im ganzen Land, die passende Antwort auf dieses Problem zu finden. Die meisten scheiterten, weil sie mit bleiernem Ernst an die Sache herangingen. Das war verständlich, aber eben nicht zielführend. Die ärzte machten es anders und zwar wesentlich schlauer. Das Ergebnis kennt auch mehr als 20 Jahre nach Veröffentlichung noch jeder. »Schrei nach Liebe« wurde zu einem kaum alternden Klassiker deutscher Rockmusik – und zu jenem Titel, der den Ausruf »Arschloch!« radiotauglich machte. Es gibt viele ähnliche Beispiele für die nur auf den ersten Blick oberflächliche Umgangsweise mit komplexen Themen, die erst auf den zweiten Blick ihre wahre Tiefe erkennen lässt. »Manchmal haben Frauen …« etwa, das in wenigen Strophen mehr über Emanzipation, Chauvinismus und Gewalt gegen Frauen aussagt, als es manche Bücher tun. Oder das weniger bekannte Stück »Meine Freunde«, das in vollkommener Lockerheit von der Selbstverständlichkeit der Homosexualität erzählt – und daneben auch unbeschwert das Thema Sadomasochismus behandelte, als verklemmte Großstädter nicht ahnten, dass sie einmal in Scharen ein Buch mit dem Titel Shades of Grey kaufen würden.

Trotz alledem werden die inzwischen zu Mittfünfzigern gereiften Gründer der Gruppe bis heute vielfach nicht als erwachsen wahrgenommen. Was auch damit zusammenhängt, dass sie sich niemals Mühe gaben, das zu sein, was der Durchschnittsmensch als erwachsen und reif akzeptiert. In Interviews alberten und albern sie gern herum. Was anderen Musikern als fast schon anarchisches Statement abgenommen würde, wird bei diesem Trio traditionell als pubertäres Gehabe gewertet. So war es noch in den Neunzigerjahren einfach unvorstellbar, dass im Fernsehen oder dem Radio das Wort »ficken« zu hören sein würde. Auch die ärzte kannten natürlich diese Regel – und nutzten eine Live-Übertragung eines ihrer Konzerte zu einem Protest dagegen. Einem Protest, der ohne Protestieren auskam: In fast jeder Pause zwischen den einzelnen Titeln sagten sie genau dieses Wort und begingen damit einen Tabubruch, den Tausende Zuhörer live verfolgen konnten. Als wäre das nicht genug, überzeugten sie auch noch die Zuhörer, die ebenfalls vielstimmig den Menschen an den Radios und natürlich den Verantwortlichen des Senders eben jenes Wort zuriefen. Kritiker mögen nun sagen, dass sich dahinter keine intellektuelle Großtat verbirgt. Was sicher richtig ist. Trotzdem steht auch dieser Fall dafür, dass die ärzte eben eine Band sind, die eine eigene Meinung hat und sich nicht scheut, genau diese zu äußern.

Was am Ende auch zu einem weiteren Thema führt, das Anhängern ebenso wie Gegnern ein ablehnendes Schaudern vermitteln dürfte: Kunst. Natürlich ist Musik an sich immer auch eine Kunstform. Nur hat der Begriff Kunst im Allgemeinen oftmals einen eher zähen und tranigen Beigeschmack, der sich nur schwer mit einer Band wie die ärzte in Einklang bringen lässt. Tatsächlich aber haben gerade die ärzte von ihrer Gründung an mit dem Begriff Kunst gespielt, indem sie ihn auf ihre eigene Art und Weise überhöht und damit ins Absurde umgekehrt haben. Immer wieder wurde gesagt und geschrieben, dass sich die ärzte anfangs als Parodie auf zeitgenössische Popgruppen der Achtzigerjahre sahen – und genau so verhielten sie sich auch. In frühen Interviews sagten sie aber ebenfalls, dass sie wohl als Dadaisten durchgehen könnten, wenn sie nicht so erfolgreich wären. Und kaum ein Begriff trifft besser auf die ärzte zu als der des Dadaisten. Waren es doch gerade die Dadaisten, die bürgerliche Klischees und herkömmliche Kunstformen ablehnten und die das taten, indem sie diese parodierten.

Niemand muss jedoch fürchten, dass sich dieses Buch in Ergüssen über intelligente Rockmusik oder eine längst vergessene Kunstform ergeht. Denn im Endeffekt sind die ärzte vor allem auch eine Band mit einer äußerst spannenden und kurzweiligen Geschichte. Sie galten als meistindizierte Musikgruppe der westlichen Welt, sie wurden von manchen schon totgesagt, als sie ein Gründungsmitglied schlicht und einfach rauswarfen. Die ärzte lösten sich sogar auf, als sie glaubten, dass sie alles erreicht hatten – nur um sich wenige Jahre danach wiederzuvereinigen und Erfolge zu feiern, die alles Bisherige in den Schatten stellten. Und das alles nur, weil sich zwei Teenager zufällig über den Weg liefen und weil der eine einen Gitarristen suchte, während der andere immerhin eine Gitarre besaß.