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Inhaltsverzeichnis























































Ich bin noch immer wissensdurstig

Wenn ich auf die 76 abenteuerlichen Jahre meines Lebens zurückblicke, möchte ich gerne mein „Noch-immer-Hier-Sein“ feiern. Auch wenn ich mittlerweile ruhiger geworden bin, bin ich gerne hier. Eine meiner großen Leidenschaften im Leben war das Reisen, aber ich muss leider sagen, dass dies heute nicht mehr der Fall ist. Damit bin ich durch. Ich bin gerne dort, wo ich bin. Und ich bin gerne ruhig.

Der Gedanke, völlig verschreckt in einem Flughafen umherzulaufen, weil ich fürchte, dass die wie Gauner herumstehenden Security-Leute meine Terrierhündin Terry nicht mit mir ins Flugzeug lassen, ist mein schlimmster Albtraum. Was ist bloß mit uns geschehen? Wir ducken uns gehorsam in Furcht, und dabei kümmert uns kaum die einzige Sache, vor der wir wirklich Angst haben sollten: unsere Akzeptanz der ausgemachten Sache, dass die Terrorismusgefahr unsere Reisefreiheit beschränkt.

Diese Schlussfolgerung habe ich hinter mir. Ich glaube nicht, dass der Terrorismus der wirkliche Grund dafür ist, dass wir zu salutierenden Robotern geworden sind. Ich glaube, wir haben es versäumt, zu erkennen, dass der Terrorismus nur eine bequeme Entschuldigung für die Machthaber ist, um uns sanft in Richtung jener Umnachtung dirigieren zu können, die gefügige und nicht aufmuckende Bürger aus uns macht, sodass wir uns der Autorität willig unterwerfen.

Thomas Paine ist immer mein Idol gewesen. Er schrieb darüber, dass es dem gesunden Menschenverstand entspricht, eine Revolution zu beginnen, und pries das Zeitalter der Vernunft anstelle der Religion. Natürlich wurde er auf einem Armenfriedhof beerdigt, irgendwo, wo niemand ihm die Ehre erweisen kann. Er hat zu sehr gegen die Konventionen verstoßen, was denjenigen nicht gefiel, denen es in erster Linie um politische Popularität und die Aufrechterhaltung des Status quo ging. Leute wie er sind normalerweise nicht diejenigen, denen die großen Denkmäler und Schreine gewidmet werden.

Das Blut der Gründerväter fließt durch meine Adern, denn ich bin in Virginia geboren und aufgewachsen, dem wahren Geburtsort der amerikanischen Revolution. Es war auch der Ort der metaphysischen Führung – des Freimaurerordens. Aber ich werde später noch auf Begriffe wie „Metaphysik“ eingehen. Ich habe auch das religiöse Schubladendenken schon lange hinter mir gelassen, weil ich atmen wollte. Dafür gibt es die Freiheit.

Ich finde es interessant und es ist wohl kein bloßer Zufall, dass ich während der Regierung von George W. Bush an Asthma erkrankt bin. Ich war so frustriert von seiner Idiotie und dem Schaden, den er angerichtet hat, dass ich buchstäblich nicht atmen konnte. Ich landete dreimal in der Notaufnahme und erlebte jedes Mal, wie es sich anfühlen muss, den Erstickungstod zu sterben. Ich hatte das Gefühl, dass auch das Land der Freien erstickte. So abgestumpft, wie die Leute waren, merkten sie es noch nicht einmal, dass sie ihr eigenes Leben und ihre Gedanken nicht mehr unter Kontrolle hatten. Ob die Attentate vom 11. September von anderen Leuten als Osama bin Laden und Al-Qaida geplant wurden, weiß ich nicht. Aber der 11. September hat sicher zu den Bemühungen beigetragen, unsere individuelle Freiheit abzuschaffen, die unser unveräußerliches Recht sein sollte und deren Verteidigung der Hauptgrund sein sollte, weswegen wir überhaupt jemals einen Krieg führen. Man hat uns gesagt, dass wir patriotisch kämpfen und diejenigen töten sollen, die uns unserer Freiheiten berauben. Wir haben bin Laden nicht gebraucht. Wir haben es geschehen lassen, indem wir unsere eigenen politischen Führer nicht hinterfragt haben, die behaupteten, dass die nationale Sicherheit für uns an erster Stelle stünde.

Für mich ist das Durchsuchen meiner Taschen und das Abtasten meines Körpers und meines Hundes verfassungswidrig. In Los Angeles ließ mich ein großer, dicker, schmuddelig aussehender Typ mit Terry (sie wiegt fast 13 Kilo) viermal durch die Security laufen, weil meine Bordkarte nicht richtig eingescannt wurde. Ich fauchte wie eine Katze und hasste diese autoritären Männer, die ihre Macht über mich ausübten – über eine bekannte und (zugegebenermaßen) privilegierte Frau. Später erfuhr ich, dass der Kerl gefeuert worden war. Vielleicht hatte er ja Rosie O’Donnell schikaniert.

Das Reisen hier und im Ausland erinnert mich dauernd daran, dass wir anfangen, uns vor uns selbst und unseren Nachbarn zu fürchten, denn Furcht ist die stärkste Massenvernichtungswaffe. Ich will meinen Abscheu vor solchen Zuständen nicht hinter mir lassen. Aber ich habe das Reisen hinter mir gelassen, wenn es nicht absolut nötig ist oder solange ich nicht mit einem Raumschiff von Außerirdischen zu einem Planeten fliegen kann, wo solche Probleme angeblich gelöst sind.

Es ärgert mich sehr, dass ich mir wegen all dieser Security-Schikanen das Reisen abgeschminkt habe. Wo immer ich früher auch hinging, habe ich vielschichtige Erfahrungen gemacht. Ich habe so viel über mich selbst gelernt, denn wenn ich in eine fremde Umgebung geworfen wurde, war ich alles, was ich hatte und worauf ich mich verlassen konnte. Ich bin nie als privilegierte Person verreist. Ich habe sogar selten die erste Klasse genommen. Ich wollte die „echte“ Welt erleben, fernab von der elitären Welt, in der ich gelebt habe, seit ich mit nur 20 Jahren nach Hollywood gekommen war. Wenn die Leute mich erkannt haben, bin ich dem Strom gefolgt, wohin er mich trieb, und meistens habe ich neue Freunde gefunden.

Durch das Reisen habe ich unendlich viel gelernt. Es hat mir die Gabe gegeben, andere Standpunkte und andere „Realitäten“ zu sehen und zu erleben. Seit der Anfangszeit des Films hat die amerikanische Kinoleinwand um die ganze Welt gereicht, und ich habe festgestellt, dass die Leute, wo immer ich hinging, mir ihre privatesten Geheimnisse erzählten, vermutlich weil ich berühmt war und sie irgendwie das Gefühl hatten, mich deshalb zu kennen. Sie fühlten sich geschmeichelt, weil ich mich für sie interessierte und ihnen zuhörte. Ich lernte schnell, dass meine amerikanische Version der Wahrheit nicht unbedingt diejenige aller anderen war. Die Wahrheit war nicht nur relativ, sie änderte sich dauernd.

Ich stellte fest, dass das Leben selbst ein Theater war. Jede Kultur spielte ihre eigene Rolle. Manchmal waren die Figuren, denen ich auf meinen Reisen begegnete, gemein und unmoralisch. Manchmal waren sie freundlich und vertrauenswürdig. Manchmal waren die Ereignisse komisch, manchmal dramatisch. Ich habe mein ganzes Leben lang eine amerikanische Frau gespielt; auf Reisen konnte ich also aus dieser festgelegten Rolle ausbrechen und das Gefühl haben, einer anderen Kultur anzugehören. Ich begann, eine objektivere Sicht auf mich selbst zu entwickeln, und mein Standpunkt in Bezug auf fast alles wurde flexibler. Als ich 40 Jahre alt war, betrachtete ich Dinge, die mir zuvor moralisch falsch erschienen wären, als Lektionen für mich, nicht als Urteile … selbst im Hinblick auf den Tod.

Ich erinnere mich daran, wie ich einmal in Bangkok, Thailand, einen klong (eine Wasserstraße) entlangfuhr. Ich konnte die Aktivitäten der klong-Bewohner sehen, während ich in meinem gemieteten Kanu vorbeiglitt. In einer Entfernung von nicht mehr als 30 Metern beugte sich plötzlich ein ganz kleines Baby über die Seite des Familienkanus und stürzte kopfüber ins Wasser. Ich suchte angestrengt mit meinem Blick nach ihm. Die Eltern hörten sein Husten und Gurgeln, wandten sich um, aber taten nichts, um ihr Kind zu retten. Es verschwand unter Wasser und ertrank. Ich saß fassungslos da, wollte selbst ins Wasser gehen, um das Kind zu retten, aber mein Guide hinderte mich daran. Aus buddhistischer Sicht sollte man sich nie in den karmischen Willen Gottes einmischen. Wären die Eltern oder wäre sonst jemand ins Wasser gesprungen, um das Kind zu retten, dann hätte man ihm damit für den Rest seines Lebens eine Verpflichtung auferlegt. Das Leben des Kindes hätte seinem Retter gehört. Und das war ein Schicksal, das ein Buddhist niemals freiwillig einem anderen auferlegen würde.

Für einen Buddhisten ist der Tod ohnehin nur eine andere Form des Lebens. Der Tod ist Teil der Lebenszyklen. Leben und Tod werden nicht im Hinblick auf das Überleben oder den Verlust einer Person betrachtet. In das Schicksal des ertrinkenden Kindes durfte man sich nicht einmischen. Das Ergebnis wurde als Teil des Willens Gottes akzeptiert. Aus dem gleichen Grund wird das Töten verabscheut, denn der Akt des Tötens ist eine Einmischung in Gottes Willen. Für einen Buddhisten besteht ein tief greifender Unterschied zwischen dem Töten und dem Sterbenlassen. Schicksal und Bestimmung sind ihre Philosophie und Religion. Ich erinnere mich an einen Freund, der einen Privatjet besaß und sagte, er würde nie einen buddhistischen Piloten haben wollen, denn dieser Pilot wäre zu gelassen, wenn es darum ginge, einen Crash zu vermeiden – wieder einmal Schicksal und Bestimmung.

Einige Tage nachdem ich den Tod des Kindes miterlebt hatte, ging ich zu einem Thai-Boxing-Wettkampf. Das Thai-Boxing unterscheidet sich insofern von allen anderen Boxsportarten, dass es erlaubt ist, überallhin und auf jegliche Art und Weise zu treten. Die Boxer trugen ein Suspensorium in der Hose, um sich zu schützen, aber darüber hinaus gab es keinerlei Polsterung oder Schutz. In einer Zeremonie vor dem Spiel betraten die Boxer den Ring, beteten zu Buddha und erwiesen ihm die Ehre. Jeder Boxer betete für das Wohlergehen seines Gegners, nicht für sich selbst. Eine Musikgruppe begann zu spielen, während jeder Boxer in wohlwollender Ehrfurcht vor dem Schicksal seines Gegners rituelle Tanzbewegungen und stilisierte Pantomimen ausführte. Dann wurde ein Signal gegeben, auf das hin die Boxer anfingen, den Gegner mit Fäusten und Füßen zu treten, zu schlagen, zu stoßen und zu verprügeln. Es war alles erlaubt. Einer der Boxer trat den anderen an den Kopf und brach ihm das Genick. Der Mann starb auf der Stelle.

Ich konnte es nicht glauben, dass dies ein populärer Sport bei den friedlichen Thai sein sollte, aber die riesige Menschenmenge tobte vor Begeisterung. Zwei neue Boxer betraten den Ring, sprachen die rituellen Gebete und verneigten sich mit Pantomime und rituellem Tanz vor Buddha. Der Kampf begann. Der eine schlitzte dem anderen mit seinem Ellbogen die Stirn auf, sodass ihm Blut übers Gesicht lief. Das Gebrüll der Menge beim Anblick des Blutes war ohrenbetäubend. Ihr anerkennendes Geschrei übertönte noch die extrem laute Musik, die gespielt wurde. Es wurde ein Arzt gerufen, aber die Menge schrie wild im Chor: „Lass ihn kämpfen!“ Der verwundete Boxer stampfte mit dem Fuß, bis der Arzt wegging. Wieder brüllte die Menge anerkennend. Der verwundete Boxer griff seinen Gegner an und schmierte dabei sein Blut über beide Körper. Sein Gegner trat ihm weiter in die Kopfwunde, sodass diese immer größer wurde. Überall spritzte Blut. Die Menge war im Rausch. Ich war geschockt und geradezu außer mir vor Wut. Der Arzt kam zurück und wurde von der Menge ausgebuht. Zwei Tragbahren wurden angefordert, da die Kopfwunde nun völlig offen war. Beide Boxer sahen eher wie menschliches Protoplasma als wie Menschen aus. Schließlich wurde zum großen Verdruss des Publikums der Boxkampf beendet.

Ja, Thailand war ein Paradox. Aber sind wir das nicht alle? Was der eine als Vergnügen betrachtet, ist für den anderen die Hölle.

Ich fing an, mir Gedanken darüber zu machen, ob ein solch blutrünstiger populärer Sport für die Thais ein Ventil für ihre unterdrückte Wut und ihre Unterordnung darstellte. War dieser Sport für sie ein Mittel, um ihre Feindseligkeit und ihre Wut abzulassen (Emotionen, die vielleicht in uns allen aufsteigen)? Vielleicht sind gewalttätige Sportarten notwendig und den anderen Dingen vorzuziehen, die wir einander antun könnten.

In Thailand wurde mir wieder einmal bewusst, wie provinziell meine Wertvorstellungen waren. Alles, was ich wusste, hatte ich innerhalb des beschränkten Horizonts meiner Kindheit gelernt – von meinen Eltern, von den Schulen, die ich besucht hatte, und von der Nachbarschaft, in der ich aufgewachsen war. Als Kind und Heranwachsende im „Land der Freien“ war ich nicht dazu erzogen worden, über den Tellerrand dessen hinauszusehen, was meine konservativen Lehrer mich wissen lassen wollten. Meine Eltern versuchten immer, mich vor Schaden zu schützen, wenn ich es wagte, zu vieles auszuprobieren. Tatsächlich bauten sie einen ein Meter hohen emotionalen Zaun um mich herum. Ich lernte jedoch, darüberzuspringen. Dann bauten sie ihn noch etwas höher. Auch über diesen Zaun sprang ich drüber. Sie jagten mir nie Angst ein – sie wollten mich nur schützen. Vielleicht habe ich so viele gefährliche Abenteuer in meinem Leben gesucht, weil meine Eltern mir zeigten, dass es eine Menge potenziell unheimlicher Dinge da draußen in der Welt gibt, aber dies nicht in einer Art und Weise taten, die meine Neugier erstickt hätte. Tatsächlich brachten sie mir bei, wie man springt. Das habe ich mein ganzes Leben lang getan. Absichtlich oder unabsichtlich brachten meine Eltern mir bei, über meine eigenen Mauern im Leben zu springen und etwas zu wagen.

Wenn ich auf einige meiner Erfahrungen zurückblicke, fasziniert es mich, an welche davon ich mich als wichtig erinnere. Die Erfahrung des Herzens einerseits und die geistigen und körperlichen Erfahrungen andererseits scheinen sich zu unterscheiden. Wenn ich heute ein Buch nur über meine Reisen schreiben sollte, käme ein anderes Buch dabei heraus als diejenigen, die ich in der Vergangenheit geschrieben habe. Genau genommen habe ich überall, wohin ich ging, immer mich selbst gesucht. Diese Reise zu meinem Ich, bei der ich meinen Glauben und meine Wertvorstellungen beurteilte, war die wichtigste Reise von allen, egal ob ich dabei zu Hause lebte oder in weit entfernten Ecken der Welt. Diese Reise hat mich zu meiner Suche geführt, bei der ich die wahre Bedeutung von Spiritualität verstehen wollte. Ich habe gelernt, dass ich selbst wirklich alles erschuf. Ich habe versucht, die Figur zu verstehen, zu der ich mich im Theater des Lebens selbst erschuf.











Anmerkung der Übersetzerin (A. d. Ü.)

US-amerikanische Schauspielerin und Fernsehmoderatorin.

Ich mache mir keine Gedanken mehr darüber, was ich nicht tun sollte

Ich mag das Älterwerden, weil ich all die Dinge vergessen kann, die in der Vergangenheit wichtig waren. Damals glaubte ich, es sei wichtig, ob ich bei einer Premiere hohe Absätze trug oder nicht. Können Sie sich das vorstellen? Im Lauf der Jahre habe ich erkannt, dass das „Theater“ der Vergangenheit einem Regiebuch gefolgt ist, in dem ich keine Rolle mehr spielen will.

Je älter ich werde, umso abenteuerlicher werden meine Regiebücher, vielleicht sogar riskant. Aber ein sicheres Regiebuch macht keinen Spaß. Das habe ich gelernt, indem ich meine Eltern beobachtet habe. Ich habe den sicheren Hafen meiner Eltern und meiner Kindheit vor langer Zeit verlassen, um mit dem Wind zu segeln. Ich habe die Welt erkundet und erkundet, und die Reise hat mich immer wieder nach innen geführt.

Ich habe das Theater des Krieges, das Theater der Politik in Washington, das Theater der Fernsehnachrichten wahrgenommen … Wenn wir Menschen die Regiebücher für unser Spiel in den Theatern der Realität schreiben würden, dann würde ich mein Regiebuch gerne ändern. Ich würde mich dazu entschließen, das Theater der inneren Wahrheit zu erkunden.

Ich werde immer versuchen, Männer und Frauen zu verstehen

(insbesondere an einem Filmset)

Ich habe viele Schauspielerinnen als Freundinnen, die etwa so alt wie ich sind, und wenn wir zusammenkommen, diskutieren wir, wie schwierig es (immer gewesen) ist, eine Frau in diesem Filmgeschäft zu sein, das von Jugend, Sex und Schönheit besessen ist. Wir wissen, dass wir hartnäckig und zäh sein mussten, aber haben wir dabei auch unsere weibliche Verletzlichkeit verloren? Was nützt uns weibliche Verletzlichkeit überhaupt? Ich denke nicht, dass Männer wirklich darauf aus sind.

Wenn ich die Bilder an meiner Erinnerungswand betrachte, die Wand bei mir zu Hause, wo ich Hunderte von Fotografien aufgehängt habe, die Filme und viele verschiedene Augenblicke meiner Lebensreise dokumentieren, sind die Gesichter, die mich anblicken, fast alle die von Männern. Nun ja, in den letzten zehn Jahren wurde ich von den Gesichtern von Elizabeth, Nicole, Jane, Meryl, Sophia und einigen anderen getröstet. Die Männer waren vielleicht brillante Schauspieler, den Frauen jedoch weder im Hinblick auf Verlässlichkeit noch Intelligenz noch Mut ebenbürtig. Entgegen der allgemeinen Annahme führen Frauen, die bei Filmen zusammenarbeiten, keinen „Zickenkrieg“ gegeneinander. Im Gegenteil, sie halten zusammen, im Allgemeinen gegen einen unsensiblen Mann, der das Sagen hat. Beim Dreh von Magnolien aus Stahl – Die Stärke der Frauen war unser Regisseur Herb Ross andauernd unfreundlich zu Dolly Parton und zu der Newcomerin Julia Roberts. Wir anderen kritisierten ihn dafür. Der Film war fantastisch und Julia wurde zum größten Weltstar. Frauen kommunizieren auf der Ebene von Gefühlen und des Herzens. Männer hingegen bleiben meistens auf der oberflächlichen Ebene der Logik und des Verstandes. Früher gab es ein bekanntes Sprichwort, das bei den Sets in Hollywood die Runde machte: „Heirate nie eine Schauspielerin – sie ist so viel mehr als eine Frau. Heirate nie einen Schauspieler – er ist so viel weniger als ein Mann.“

Ich muss jedoch bekennen, dass ich mich immer zu meinen männlichen Schauspielerkollegen hingezogen gefühlt habe. Ich fand männliche Schauspieler sehr faszinierend, insbesondere wenn es um Eitelkeit ging. Die Eitelkeit männlicher Schauspieler ist eine unüberwindliche Mauer. Sie wissen es selbst. Robert Mitchum war für mich eine Lektion in Sachen Widersprüchlichkeit. Es schien ihm oft peinlich zu sein, wenn der Visagist oder der Chefkameramann sein scharf geschnittenes Gesicht in ein vorteilhafteres Licht rückten. Er machte gern selbstironische Witze über sein Gesicht, aber wenn er wegging, dann ganz gewiss in dem typischen stolzierenden Mitchum-Gang – seine ganze Körpersprache sagte: „Leg dich bloß nicht mit mir an! Ich bin ein zäher Kerl, der mit den Wanderarbeitern auf den Frachtzügen gefahren ist.“ Seine Stimme, die er lässig über seine Schulter dröhnen ließ, hatte eine gut geübte tiefe Tonlage. Ja, er war seiner Meinung nach ein richtiger Mann, aber ich sah etwas anderes. Er sagte gern: „Ich werde dieses Scheißdrehbuch spielen, nur damit kein anderer es machen muss. Besser ich als die anderen.“ Er war ein extrem intelligenter Mann mit einem absoluten Gedächtnis, der nicht viel Zeit brauchte, um seinen Text zu lernen oder eine Rolle zu analysieren. Aber seine schwerfällige Körpersprache schien etwas zu verdecken, was er nicht enthüllen wollte: Er kämpfte nicht gerne. Er stritt sich auch nicht gerne (stattdessen dozierte er lieber), und was seine Fähigkeit, wichtige Entscheidungen zu treffen, anging, muss ich sagen, dass er ein emotionaler Feigling war. Seine ganze physische Körperkunst, seine Stimme, seine Standpunkte, mit denen er sich selbst darstellte – alles diente tatsächlich nur dazu, sein tiefstes Geheimnis zu verdecken: Er war entscheidungsunfähig. Er war im Wesentlichen passiv. Das Leben passierte ihm. Ich passierte ihm. Er selbst tat kaum jemals etwas, um etwas passieren zu lassen.

Zu meiner Teenagerzeit war er mein größter Schwarm gewesen. Ich liebte seinen riesigen Körper und die Art und Weise, wie er sich im Film bewegte. Es war, als würde er unter Wasser große Schritte machen. Sein kantiges Gesicht und seine beschützerisch wirkenden Arme ließen mich ins Schwärmen geraten. Als wir dann in Spiel zu zweit die Hauptrollen spielten, hatte ich das Vergnügen, meinen Teenagerschwarm kennenzulernen, konnte ihn jedoch vom Standpunkt einer Erwachsenen aus beurteilen. Ich verliebte mich sehr in ihn. Eines der wunderbaren Dinge beim Filmemachen ist, dass die eigenen Fantasien entweder wie eine Blase platzen oder intakt bleiben. Mit ihm hatte ich ein bisschen von beidem, bis ich begriff, dass er ein faszinierender Mann war, aber nicht der Richtige für mich. Es ist wahrscheinlich ein Zeichen von Reife, vorwärtszugehen und diese Blasen platzen zu lassen – aber es macht mehr Spaß, sich seine Fantasien zu bewahren, wenn man es kann!

Die offenherzige Atmosphäre, die bei einem Filmset herrscht, macht es einem leicht, jemanden kennenzulernen, und manchmal verliebt man sich auch. Zunächst einmal geht es in einem Film um den Ausdruck menschlicher Emotionen. Daher begreifen alle teilnehmenden Schauspieler und Schauspielerinnen, dass man nicht nur der Rolle auf den Grund gehen muss, sondern auch sich selbst. Zweitens gibt es zwischen den einzelnen Drehs viel Zeit, um die Gefühle, Konflikte und Unsicherheiten der anderen, mit denen man zusammenarbeitet, zu erkunden. Drittens weiß jeder am Set, dass alles, was dort passiert, auch dort bleibt. Das Team weiß es, die Schauspieler wissen es und auch die Leute aus der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit wissen es. Sobald man das Set verlässt und wieder in der realen Welt lebt, gibt es keinen solchen Schutz.

Man hat also ein Umfeld, wo Emotionen diskutiert werden und wo mit ihnen offen experimentiert wird; man hat viel Zeit, um zu erkunden, wer man ist, wer man nicht ist und wer man werden möchte; und man wird vor Klatsch geschützt, denn so lauten die Spielregeln. Und es ist ein Spiel – wie das Leben; ein Spiel über das Spiel des Lebens. Deshalb will die Außenwelt unbedingt wissen, was an einem Set passiert.

Wenn eine Liebesszene gedreht wird und ein aggressiver Schauspieler sich alle Kleider vom Leib reißt, um sich auf die Hauptdarstellerin zu stürzen, die ihre Kleider möglicherweise ebenfalls ablegt oder auch nicht, dann wird das Team einfach mit dem Beleuchten und Bewegen des Equipments fortfahren, der Regisseur wird winken, dass man weiterfilmen soll und sagen: „O.k., das ist gut für die Rollenentwicklung“, der Pressesprecher wird die Stirn runzeln und sich fragen, wie man mit TMZ umgehen soll, die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit wird sofort etwas mitbekommen und anfangen, Klatsch zu verbreiten – und wenn die beiden spärlich bekleideten Schauspieler sich tatsächlich mögen, wer weiß? Das Leben ist ohnehin ein Film. (Diese Geschichte ist übrigens wirklich passiert … und sie ist unter vielen Schauspielerkollegen passiert … manchmal auch mit mir … , aber das ist eine andere Geschichte.)

Was passiert, wenn einige der schönsten Leute der Welt körperlich und emotional nahe beisammen sind, ist das Thema, das jede Woche den Großteil der Boulevardblätter füllt. Es gibt seltene und reife Beziehungen, die bestehen bleiben, nachdem die Romanze in der Fantasiewelt des Film-Make-ups vorbei ist. Ich weiß das. Es ist mir ziemlich oft passiert. Die meisten Ehepartner/-innen von Schauspielerinnen und Schauspielern wissen, dass es nur ein Geduldspiel ist – ob sie ihre Eifersucht unter Kontrolle halten und sich in Geduld üben können.

Ich glaube, dass ich die Schauspieler, mit denen ich zu tun hatte, gerne studierte, weil ich einen so komplizierten Vater hatte. Ich fühlte mich zu Männern hingezogen, die ähnlich kompliziert waren. Indem ich versuchte, sie zu verstehen, hatte ich viel zu tun. Ich war gleichsam ein Ein-Frau-Suchkommando, das versuchte, einen Eindruck davon zu bekommen, wie der Mann, den ich liebte, damals wirklich war. Sie wussten sicher nicht mehr über sich selbst als ich. Sie drückten sich um ihre eigene Suche, indem sie auf der Leinwand andere Männer wurden. Ich wiederum drückte mich um meine eigene Suche, indem ich sie anstatt mich selbst erforschte. Daher habe ich die Schauspielerei nie so ernst genommen. Ich spielte, wenn der Regisseur „Action“ schrie. In der Anfangszeit meiner Karriere dachte ich nie groß über das Drehbuch nach oder über die Rolle, die ich spielte. Ich tat es einfach, wenn ich es tat. Doch die Suche danach, wer eine andere Person wirklich war, bereitete mir unendliches Vergnügen, und ich konnte mich endlos damit beschäftigen. In gewisser Weise war die Schauspielerei eine Mittel für mich, um andere Menschen zu erkunden.

Als ich später mit Yves Montand zusammenarbeitete, faszinierte mich zunehmend die intellektuelle Kunst des Singens und Schauspielens. Er hatte gerade eine Liebesaffäre mit Marilyn Monroe hinter sich. Auch das faszinierte mich, denn ich hatte so viel darüber gehört, was mit ihr los war, als sie Filme mit Billy Wilder machte. Ich war auch eine große Bewunderin von Simone Signoret. Yves nahe zu sein bedeutete, mehr über Simone zu lernen. Wir spielten zusammen in Meine Geisha. Der Film wurde komplett in Japan gedreht, mit dessen Kultur niemand von uns vertraut war. So wurden wir alle in eine fremde Umgebung geworfen und waren dadurch gezwungen, auf dem komplett japanischen Set zusammenzuhalten, um zu verstehen, was los war.

Wenn ich auf alle meine romantischen Beziehungen in der Filmwelt zurückblicke, die für die bürgerliche Welt anscheinend immer so faszinierend sind, dann war Sex grundsätzlich kein Thema. Für mich und den betreffenden Mann ging es mehr darum, unsere Identität zu erkunden und auf emotionaler Ebene zu kommunizieren. Auf dieser Grundlage kann man so viel lernen, was wertvoll ist und das innere Wachstum fördert. Das Schreckgespenst Sex kann die echte Kommunikation beeinträchtigen, da es so kompliziert und mit Schuldgefühlen, Machtspielen und Schauspielerei belastet ist, egal wie befriedigend es in körperlicher Hinsicht sein mag.

Als eine Person, deren Hobby und Berufung seit 76 Jahren das Studium des menschlichen Charakters und der menschlichen Natur gewesen ist, fühle ich mich qualifiziert genug, um über das Thema von Männern in führenden Positionen zu debattieren – und damit meine ich nicht nur Schauspieler. Letztendlich hatte ich mehr Beziehungen mit Journalisten und führenden Politikern als mit Schauspielerkollegen. Ich glaube, ich habe mich gern unter die Mächtigen gemischt. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, wenn man ganzen Gesellschaften helfen kann (wie führende Politiker es tun können) oder wenn man die Machenschaften eben dieser Politiker aufdecken kann, um dafür zu sorgen, dass sie ehrlich bleiben (wie Journalisten es tun können). Mit ihnen werde ich nie durch sein.




A. d. Ü.

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