Cover
Titelei.tif

Für die echte Bob und Heidi Flint,
für die echte Verena und die echte Lilli,
für Sonja und Sönke und Carola –
und natürlich für Jarpur und Snegla,
aber die werden das Buch
ganz bestimmt nicht lesen

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Prolog

Dies ist das vierte Abenteuer der Wilden Hühner. Für alle, die sie noch nicht kennen: Die Wilden Hühner sind eine Mädchenbande, fünf Hühner gibt es: Sprotte, Melanie, Trude, Frieda und Wilma. Natürlich sind die Pygmäen, ihre ärgsten Feinde und Manchmal-Freunde, diesmal auch wieder dabei. Und es gibt da noch einige wichtige Personen, zweibeinige und vierbeinige, über die ich hier aber noch nichts verraten möchte.

Ach ja, Theater spielen die Hühner diesmal auch (zumindest drei von ihnen): Romeo und Julia von William Shakespeare. Falls ihr genauer wissen wollt, was Wilma, Trude und Frieda da ständig auswendig lernen und vor sich hin murmeln – im 2. Kapitel erklärt Trude das, finde ich, ziemlich gut.

So, und jetzt sind die Hühner dran: Vorhang auf für Sprotte, Frieda, Trude, Melanie und Wilma …

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Die Sonne schien Sprotte ins Gesicht, als sie aus der Schultür trat. Es war ein wunderschöner Herbsttag. Der große Pausenhof war rot und gelb vom Laub und die Luft schmeckte so warm, als klebe der Sommer noch an den Häusern. Aber Sprotte stapfte mit so finsterer Miene zu ihrem Rad, dass zwei Erstklässler ihr erschrocken aus dem Weg gingen. Sonne! Bunte Blätter!, dachte sie verächtlich, während sie den Rucksack unter ihren Gepäckträger klemmte. Ich will Regen, kübelweise Regen und grauen Himmel. Zu so einem Unglückstag passt kein schönes Wetter. »Bis morgen!«, rief ihr irgendjemand zu, aber sie hob nicht einmal den Kopf. Wortlos stieg sie auf ihr Rad und machte sich auf den Heimweg.

»Fünf minus!«, murmelte sie, als sie ihr Rad in den Hausflur schob. »Das ist immerhin eine Verbesserung zum letzten Mal. Obwohl sich Sechs plus netter anhörte.« Müde schloss sie die Wohnungstür auf und hängte ihre Jacke an die Garderobe.

»Na endlich!«, rief ihre Mutter aus der Küche. »Hier wartet ein wunderbares Festmahl auf dich und du brauchst eine halbe Ewigkeit für deinen Schulweg. Was war denn los?«

»Ach, gar nichts!«, antwortete Sprotte. Was sollte sie auch sonst sagen? Mit einer Fünf hat man es nicht besonders eilig, nach Hause zu kommen. Nein. Ihre Mutter wusste nichts von der Sechs plus, und von der Fünf minus würde Sprotte ihr auch nichts sagen. Denn sonst war es vorbei mit den Treffen der Wilden Hühner, mit den gemütlichen Nachmittagen in ihrem Bandenquartier und all dem, was im Leben Spaß machte. Stattdessen würde Sprotte sich wieder mit diesem muffigen Englisch-Nachhilfelehrer herumstreiten müssen. Nein, noch bestand kein Grund zur Panik, überhaupt nicht. Das waren Ausrutscher, nichts als zwei Ausrutscher. Wenn sie sich das nur oft genug sagte, würde sie es schon irgendwann glauben.

Bevor Sprotte in die Küche ging, blieb sie noch schnell vorm Spiegel stehen und zwang ein Lächeln auf ihr Gesicht. Sehr überzeugend fiel es nicht aus, aber ihrer Mutter schien das nicht aufzufallen.

»Ich glaube, ich stell alles noch mal in den Backofen«, sagte sie, als Sprotte sich zu ihr an den Tisch setzte. »Oder magst du kaltes Moussaka?«

»Kein Problem«, murmelte Sprotte und musterte ungläubig die Köstlichkeiten auf ihrem Teller. »Du hast Essen beim Griechen bestellt? Mitten in der Woche?«

»Ja, wieso nicht? Ich glaube, wir leben seit fast einer Woche nur von Pommes frites und Tiefkühlerbsen.« Ihre Mutter zupfte verlegen an der Tischdecke. Tatsächlich, auf dem Küchentisch lag eine Tischdecke. Sprotte hatte nicht mal gewusst, dass sie so etwas besaßen. Beunruhigt runzelte sie die Stirn.

»Mam, was ist los?«, fragte sie.

Ihrer Mutter verrutschte das Lächeln.

»Was soll los sein? Ich dachte, wir machen es uns mal wieder so richtig nett. Weil ich die ganze Woche so wenig Zeit hatte.«

Sprotte stocherte in ihrem Moussaka herum. Sie glaubte kein Wort.

Viel Zeit hatten sie doch nie füreinander gehabt. Seit Sprotte denken konnte, arbeitete ihre Mutter als Taxifahrerin. Um Geld zu verdienen, denn Sprottes Vater hatte sich davongemacht, als Sprotte gerade sechs Monate alt war. Trotzdem hatten sie es immer nett miteinander gehabt, sehr nett sogar. Aber dann war der Klugscheißer aufgetaucht. Kaum ein halbes Jahr war das nun her, und seitdem war alles anders.

Früher war Sprotte jeden Sonntag zu ihrer Mutter ins Bett gekrochen. Sie hatten zusammen gefrühstückt, den Fernseher ans Bett gestellt und sich alte Filme angesehen. Aber seit dieser Kerl sich unter der Decke breit gemacht hatte, mied Sprotte das Schlafzimmer ihrer Mutter, als hausten Klapperschlangen darin.

»Willst du ein paar Weinblätter?«

Sprotte schüttelte den Kopf und ließ ihre Mutter nicht aus den Augen. Sie wich Sprottes Blick aus und wurde auf der Stelle knallrot. Na bitte.

»Mam, was ist los?«, fragte Sprotte noch einmal. »Du willst mir doch irgendwas Unangenehmes beibringen. Hast du Oma etwa wieder versprochen, dass ich ihr im Garten helfe? Ich hab keine Zeit! Wir haben höllenviel Schularbeiten auf!«

»Ach was, mit Oma hat das gar nichts zu tun!«, antwortete ihre Mutter. »Iss, sonst ist wirklich alles kalt.« Aber sie selbst aß auch nicht, sondern stocherte nur abwesend in ihrem Salat herum.

Oma Slättberg, Sprottes Großmutter mütterlicherseits, war nicht gerade das, was man sich unter einer netten Oma vorstellt. Aber wenn Sprottes Mutter Taxi fuhr, blieb Sprotte nichts anderes übrig, als bei ihrer Großmutter zu bleiben. Auch wenn sie sich da so manchen Nachmittag im Gemüsegarten den Rücken krumm arbeiten musste. Obwohl sie viel lieber mit dem Hund ihrer Oma spazieren gegangen wäre. Noch letztes Jahr hatte Sprotte fünfzehn Hennen vor dem Schlachtbeil gerettet. Aber das ist eine andere Geschichte.

Warum gab es mitten in der Woche Essen vom Griechen?

Sprotte holte tief Luft. »Mam, sag bloß nicht, der Klugscheißer will hier einziehen!«

»Unsinn.« Ihre Mutter legte verärgert die Gabel hin. »Und hör endlich auf, ihn Klugscheißer zu nennen.«

»Wenn er aber nun mal einer ist!«

»Bloß, weil er es gewagt hat, dir zu sagen, dass Margarine mit zwei a geschrieben wird?«

»Wer Einkaufszettel nach Rechtschreibfehlern durchsieht, ist ein Klugscheißer!« Sprottes Stimme war laut geworden, und ihrer Mutter standen die Tränen in den Augen.

»Er ist immer noch hundertmal besser als die Kerle, die deine Freundinnen mir auf den Hals geschickt haben!«, schniefte sie. Schon fast ein Jahr war es her, dass die Wilden Hühner auf die Idee gekommen waren, eine Kontaktanzeige für Sprottes Mutter aufzugeben, aber sie trug es ihnen immer noch nach. Prustend putzte sie sich die Nase.

»Deine Wimperntusche ist verschmiert!«, murmelte Sprotte. »Okay, ich nenn ihn nicht mehr ›Klugscheißer‹. Hühnerehrenwort. Aber dann erzählst du mir jetzt endlich, was der Grund für dieses …«, sie stopfte sich eine Gabel kaltes Moussaka in den Mund, »… Festmahl ist. Abgesehen davon, dass du nicht kochen kannst.«

Ihre Mutter nahm die Serviette, die neben ihrem Teller lag, und tupfte damit an ihren verschmierten Augen herum. »Ich brauch Urlaub«, murmelte sie, ohne Sprotte anzusehen. »Seit mindestens drei Jahren bin ich jetzt schon nicht mehr weggefahren. Aus der Amerikareise im Frühling ist nichts geworden und im Sommer wolltest du nicht von deinen Freundinnen weg. Aber jetzt kriegst du bald Herbstferien und …«, sie stockte, »na ja, da dachten wir, wir könnten einfach ein paar Tage an die Ostsee fahren.«

Sprotte runzelte die Stirn. »Wir? Was für ein ›wir‹ meinst du? Wir und der …«, sie schluckte das Wort noch gerade rechtzeitig hinunter. »Wir und dein, dein Schnuckiputz? Oder wie du ihn sonst nennst.«

Sprottes Mutter betrachtete das Tischtuch. Ihre Gabel. Ihre Fingernägel. Nur Sprotte sah sie nicht an. »Ich und Thorben dachten…«, begann sie, brach ab und spielte schon wieder mit der Gabel herum. »Wir dachten, wir würden gern mal … ach, verdammt!« Sie warf die Gabel so heftig auf den Teller, dass sie im Zaziki liegen blieb. »Mein Gott, ich benehme mich, als müsste ich dir ein Verbrechen gestehen!«, rief sie. »Dabei ist doch wirklich nichts dabei.«

»Wobei?« Sprotte wusste, dass die Antwort furchtbar sein würde. Sie wusste es einfach. Keinen Bissen bekam sie mehr herunter.

»Wir würden gern allein wegfahren!«, sagte ihre Mutter und guckte zur Decke hinauf, als würde sie gerade der Lampe dort oben das Herz brechen und nicht ihrer völlig fassungslosen Tochter. »Ganz allein. Ohne Kinder.«

Da war es heraus.

Sprotte spürte, wie ihre Mundwinkel zu zucken begannen. So war das also. »Wir« hieß jetzt nicht mehr: Mam und Sprotte. »Wir« hieß jetzt: Mam und der Klugscheißer. Weiße, heiße Wut stieg in ihr auf, machte sich breit, bis Sprotte sie in jedem Zeh und jedem Finger spürte. Sie umklammerte das Tischtuch, das alberne geblümte Tischtuch, und hätte es am liebsten heruntergerissen, damit all das verlogene Wir-wollen-es-uns-nett-machen-Essen auf dem Fußboden landete.

Sprotte spürte, wie ihre Mutter sie besorgt beobachtete. »Ohne Kinder? Was für Kinder habt ihr denn noch am Hals außer mir? Gibt es noch was, was ich wissen sollte?«

»Charlotte, hör auf!« Ihre Mutter wurde so blass wie die Servietten, die sie neben die Teller gelegt hatte. Servietten, so etwas benutzten sie sonst auch nie. Sprotte hielt immer noch das Tischtuch fest. »Für dich habe ich mir natürlich auch etwas überlegt!«, hörte sie ihre Mutter sagen. Sprottes Kopf fühlte sich so leer an. Und ihr Herz sowieso.

»Eine Freundin von mir hat einen Reiterhof, du kennst sie nicht, ich bin mit ihr zur Schule gegangen …« Ihre Mutter sprach so schnell, dass sie sich fast in ihren eigenen Worten verhaspelte. »Sie hat den Hof schon ein paar Jahre, ich hab’s nie geschafft, sie mal dort zu besuchen, du weißt ja, ich habe Angst vor Pferden. Aber es soll dort wirklich sehr schön sein. Also, ich habe sie angerufen und sie hat in den Herbstferien noch Plätze frei und es ist auch gar nicht so teuer. Deshalb …«, Sprotte hörte, wie sie tief Luft holte, »habe ich dich für die erste Ferienwoche gleich angemeldet.«

Sprotte biss sich auf die Lippen. Ein Reiterhof. Ich mag keine Pferde, wollte sie sagen. Das weißt du ganz genau. Dieser Reitkram ist was für Zicken. Aber sie brachte kein Wort heraus. In ihrem Kopf war nur ein einziges Wort zu finden. Verräterin. Verräterin, Verräterin, Verräterin.

Es klingelte an der Tür.

Sprottes Mutter zuckte zusammen, als hätte jemand durchs Fenster geschossen.

»Soll ich mal raten, wer das ist?«, fragte Sprotte. Plötzlich waren wieder Worte da. Aber es war kein freundliches darunter, nicht ein einziges. Sie schob ihren Stuhl zurück und ging in den Flur.

»Du hättest wenigstens mal sagen können, dass du es verstehst!«, rief ihre Mutter ihr nach. »Ein paar Tage, du meine Güte, das ist doch nicht zu viel verlangt.«

Sprotte drückte auf die Klingel und öffnete die Haustür. Sie hörte, wie der Klugscheißer die Treppen heraufsprang, als wollte er einen Rekord aufstellen. Sprotte zog sich ihre Jacke an.

»Ich kann ja verstehen, dass du beleidigt bist!«, rief ihre Mutter aus der Küche. »Aber andere Mädchen würden sich darum reißen, auf einen Reiterhof zu fahren …«

Sprotte steckte ihren Hausschlüssel ein. Sie hörte den Klugscheißer schwer atmend die letzten Stufen hinter sich bringen.

»Hallo, Sprotte«, sagte er und steckte den Kopf durch die Tür.

Sprotte schob sich an ihm vorbei. »Für dich ›Charlotte‹«, sagte sie. »Kannst du dir das vielleicht endlich mal merken?«

»Na, die hat ja wieder eine Laune!«, hörte sie ihn sagen. Dann zog er die Haustür hinter sich zu. Sprotte sprang die Stufen hinunter, viel schneller als er. Und obwohl sie kaum atmen konnte vor Wut.

»Sprotte!«, rief ihre Mutter ihr nach. Mit unglücklichem Gesicht beugte sie sich über das Geländer. Sie hasste es, durchs Treppenhaus zu schreien. »Wo willst du hin?«

»Weg!«, antwortete Sprotte. Schob ihr Rad wieder auf die Straße und knallte die Haustür hinter sich zu.

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Sprotte wusste genau, wo sie hinwollte. Seit fast einem Jahr hatten die Wilden Hühner ein Hauptquartier: einen großen Wohnwagen, den Trude mitsamt dem Grundstück, auf dem er stand, von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte. Kurz bevor ihre Eltern sich scheiden ließen.

Selbst an diesem Tag, der schon so viel Kummer gebracht hatte, fühlte Sprotte sich besser, sobald sie die schlaglochübersäte Straße hinunterfuhr. Der Wohnwagen stand ganz am Ende. Von der Straße aus konnte man ihn nicht sehen. Eine hohe, verwilderte Weißdornhecke umgab das Grundstück und der Wagen stand weit hinten, am Waldrand, unter einer großen Eiche, von der seit Wochen die Eicheln auf sein Blechdach prasselten. Wenn es dunkel wurde, klang das unheimlich. Als ob ein Riese mit seinen Fingern auf das Dach trommelt, sagte Frieda immer.

Frieda war Sprottes beste Freundin. Ihre allerbeste Schon-immer-und-für-ewig-Freundin. Auch wenn sie sich manchmal so heftig stritten, dass sie tagelang nicht miteinander sprachen. Sprotte sah Friedas Fahrrad schon von Weitem, es lehnte neben dem Schild, das Wilma aus einem Besen und einer alten Schranktür gebaut hatte: Privat hatte sie auf das dunkle Holz gepinselt. Betreten für Füchse und Urwaldzwerge strengstens verboten. Wenn ich das geschrieben hätte, dachte Sprotte, während sie ihr Rad abschloss, dann wären mindestens fünfzehn Rechtschreibfehler drin. Wilma machte keine Rechtschreibfehler. Frieda auch nicht. Aber bei der letzten Englischarbeit hatte es Sprotte nicht mal geholfen, dass Frieda ihr ständig das Heft hingeschoben hatte. Nein, da hatte gar nichts mehr geholfen. Schluss!, dachte Sprotte und öffnete das klapprige Gatter in der Hecke. Keine Schulgedanken mehr und keine an Verräter-Mütter.

Trude war auch schon da. Ihr Fahrrad lag hinter der Hecke. Sprotte stolperte fast darüber in dem hohen Gras, das den ganzen Sommer nicht gemäht worden war. Es kitzelte an den Beinen und reichte Sprotte bis an die Knie. Nur um den Auslauf herum, in dem die Hennen scharrten, die letztes Jahr noch Sprottes Großmutter gehört hatten, war das Gras heruntergetreten, damit kein Fuchs sich unbemerkt an den Zaun heranschleichen konnte. Sobald Sprotte sich dem kahl gepickten Auslauf näherte, hoben die Hennen die Köpfe und staksten hastig auf sie zu.

»Na, ihr?«, sagte Sprotte und schob ihnen ein Büschel Löwenzahnblätter durch den Maschendraht. Gierig zupften die Hennen ihr das frische Grün aus den Fingern. Sprotte pflückte ihnen noch ein paar Blätter, dann richtete sie sich auf und schaute sich um.

So sah für sie das Paradies aus. Wild und weit. Nach feuchtem Gras duftend. Und in der Mitte musste genau so ein Wohnwagen stehen. Blau, bemalt mit Sternen, Planeten und was Trudes Vater sonst noch eingefallen war. Quer über die Tür hatte Melanie DIE WILDEN Hühner geschrieben, mit Goldlack. Und hinter dem einzigen Fenster hing die Gardine, die Trude eigenhändig genäht hatte.

Als Sprotte die schmale Treppe zur Wohnwagentür hinaufstieg, hörte sie Friedas Stimme. »Und wohnt kein Mitleid droben in den Wolken, das in die Tiefe meines Jammers schaut?« Du meine Güte, sie probten schon wieder. Seit den Sommerferien hatten Frieda und Wilma nichts anderes im Kopf. Die beiden waren in die Theatergruppe eingetreten, die die neue Deutschlehrerin an der Schule gegründet hatte. Und was wollten sie aufführen? Romeo und Julia. Sprotte seufzte. Jeden Mittwoch probten sie nachmittags in der Schule, und vor der Premiere, das hatten die beiden schon angekündigt, würden sie noch öfter proben. Frieda ging außerdem dienstags zu ihrer Straßenkinder-Gruppe, für die sie samstags auch ab und zu Geld sammelte. Dann waren da noch Wilmas Nachhilfetage (niemand von ihnen verstand, wobei Wilma Nachhilfe brauchte), Trudes Gitarrenunterricht (den sie hasste) und Melanies Willi-Tage. (Willi war Melanies Freund, seit mehr als anderthalb Jahren schon.) Es kam nicht sehr häufig vor, dass alle Wilden Hühner gemeinsam in ihrem Bandenquartier saßen. Aber irgendjemand war fast immer da, wenn Sprotte zum Wohnwagen kam.

Im Wagen duftete es nach Tee. Frieda stand in der Kochecke, rührte versonnen in einer Schüssel herum und redete dabei mit lauter Stimme vor sich hin: »Oh, süße Mutter, stoß mich doch nicht weg! Nur einen Monat, eine Woche Frist. Wo nicht, bereite mir das Brautbett …«

»Hochzeitsbett«, berichtigte Trude. Sie lag ausgestreckt auf der großen Matratze am anderen Ende des Wohnwagens, neben sich eine angebrochene Tafel Schokolade und vor sich Friedas Textbuch. Als Sprotte die Tür hinter sich zuzog, hob sie den Kopf.

»Na, was hat deine Mutter zu der Arbeit gesagt?«, fragte sie. »Meine hat sich wegen der Vier minus so aufgeregt, als wäre ich sitzen geblieben.«

»Meine Mutter regt sich nie wegen der Schule auf«, antwortete Sprotte und warf ihre Jacke auf eine der Bänke am Fenster. »Sie kriegt bei schlechten Arbeiten bloß immer diesen Trauerblick. Als wäre jemand gestorben. Was wird das, was du da rührst?«

»Waffelteig«, antwortete Frieda. »Mit unseren eigenen Eiern. Wir sind heute nämlich ausnahmsweise mal wieder vollständig. Melanie und Wilma wollen auch noch kommen. Ach ja«, sie holte eine kleine Schale aus dem Schrank über der Spüle und hielt sie Sprotte hin, »sieh mal, was unsere Hennen noch gelegt haben. Weihnachtskugeln! Es gibt bestimmt nicht viele Hühner, die so was hinkriegen.«

Trude kicherte und wischte ein paar Schokoladenkrümel von Friedas Textbuch. »Immer noch besser als die Mottenkugeln, die wir letzte Woche in den Nestern gefunden haben, oder?«

Natürlich wussten sie alle, wer solche Eier in ihren Stall schmuggelte. Die Pygmäen, ihre alten Feinde und Manchmal-Freunde, hatten ihr Bandenquartier im angrenzenden Wald, und jedes Mal, wenn die vier sich langweilten, statteten sie dem Stall der Wilden Hühner einen Überraschungsbesuch ab und hinterließen dort im Heu die seltsamsten Dinge. Eine ganze Sammlung von diesen Mitbringseln hatten die Mädchen schon: Gartenzwerge, Überraschungseier, Plastikschlümpfe. Wenn sie eine Woche lang nichts fanden, waren sie fast enttäuscht. Aber diesmal betrachtete Sprotte die Weihnachtskugeln, als wären sie an allem Ärger schuld, den sie an diesem Tag gehabt hatte. »Ich find das überhaupt nicht lustig«, sagte sie, während Frieda die Kugeln zurück in den Schrank stellte. »Und wenn ich jemals einen von den Urwaldzwergen in unserem Stall erwische, sperr ich ihn so lange darin ein, bis er vor Hunger den Hühnermist frisst.«

Frieda und Trude wechselten einen überraschten Blick.

»He, he, was ist denn los mit dir?«, fragte Frieda. »Liegt dir die schlechte Arbeit doch noch im Magen? Ich üb mit dir für die nächste, wenn du willst.«

»Nein, es ist was anderes«, murmelte Sprotte. »Es geht um meine Mutter.« Schon war es raus, dabei hatte sie sich fest vorgenommen, nicht darüber zu reden. Aber es tat so weh. Wie ein Splitter, der ihr im Herzen steckte.

»Was ist mit deiner Mutter?« Frieda goss noch etwas Milch in den Teig.

»Oh, süße Mutter, stoß mich nicht von dir«, murmelte Trude.

»Sie will wegfahren.« Sprotte tauchte den Finger in die Schüssel und schleckte ihn ab. »Mit dem Klugscheißer. Und ohne mich.«

»Jetzt in den Ferien?«, fragte Frieda und holte das Waffeleisen aus dem Schrank, das Trudes Mutter ihnen überlassen hatte. »Na ja, die zwei wollen eben auch mal allein sein.«

»Genau.« Trude rollte sich auf den Rücken. »Wenn Mütter sich verlieben, stören Töchter nun mal. Vor allem, wenn sie die Begeisterung für den Kerl nicht teilen können.« Trude sprach aus Erfahrung. Seit ihre Eltern geschieden waren, hatte Trudes Mutter schon zweimal einen neuen Freund gehabt. Und ihr Vater lebte längst mit einer anderen Frau zusammen.

Sprotte schwieg. Es verunsicherte sie, dass ihre Freundinnen die Treulosigkeit ihrer Mutter so leicht nahmen. Irgendwie linderte es aber auch den Schmerz.

»Wer ist denn der Glückliche?«, fragte Frieda, während sie den Teig auf dem eingefetteten Waffeleisen verteilte. »Immer noch dieser Fahrlehrer?«

Sprotte nickte. »Sie will mich auf einen Reiterhof schicken«, sagte sie und starrte mit angeekeltem Gesicht zum Fenster hinaus.

Frieda vergaß fast das Waffeleisen zuzudrücken. »Und da guckst du so trübselig in die Gegend?«

»Was denn für ein Reiterhof?« Trude rappelte sich von der Matratze auf.

Sprotte stellte fünf Teller und Tassen auf den kleinen Tisch vorm Fenster. »Gehört einer Schulfreundin von Mam«, sagte sie.

»Klingt nach verdammt guten Ferien«, meinte Trude – und spähte zum Fenster hinaus. »He, seht mal, wer da kommt: Mercutio. Wenn die hört, dass du auf einen Reiterhof fährst, wird sie vor Neid kein Stück Waffel herunterbekommen.«

»Was für ’n Mercutio?« Besorgt lugte Sprotte über Trudes Schulter – und sah Wilma eilig wie immer auf den Wohnwagen zustapfen. Vor dem Hühnerauslauf blieb sie abrupt stehen, bückte sich und begann Gras für die zeternden Hennen zu rupfen.

»Wilma spielt Mercutio. Den besten Freund von Romeo«, erklärte Trude. »Du weißt doch, Mercutio wird umgebracht, weil er in den Streit zwischen den Montagues und den Capulets gerät.«

»Die Pest auf eure beiden Häuser!«, zitierte Frieda. »Sie haben Würmerspeis’ aus mir gemacht!«

»Aha«, murmelte Sprotte. »Ehrlich gesagt, ich hab keine Ahnung, worum es in dem Stück geht. Ich weiß nur, dass es schlecht ausgeht.«

»Pass auf, ich erklär es dir!« Trude rückte sich die Brille zurecht. »Also, in Verona leben zwei Familien, die seit Urzeiten verfeindet sind.« Sie stellte acht Gläser auf den Tisch. »Die Montagues …«, sie schob vier Gläser nach links, »und …«, sie schob vier Gläser nach rechts, »die Capulets. Die beiden sind schlimmer verfeindet als Hühner und Pygmäen, viel, viel schlimmer. Aber Romeo, der einzige Sohn der Montagues, verliebt sich in Julia, die einzige Tochter der Capulets. Die zwei heiraten sogar heimlich.« Trude nahm ein Glas von links und eins von rechts und schob sie zusammen, bis sie sacht aneinanderstießen. »Aber was machen die anderen? Die wissen von nichts. Die kämpfen weiter miteinander. Romeos bester Freund Mercutio …«, Trude setzte ein Glas von links in die Mitte, »… kämpft mit Tybalt, dem Cousin von Julia.« Trude nahm ein Glas von rechts und stieß es so unsanft gegen das andere, dass es umkippte. »Tot!«, sagte sie. »Mercutio stirbt durch Tybalts Degen. Romeo ist rasend vor Schmerz. Er vergisst Julia, er vergisst alles, er tötet Tybalt.« Mit Schwung kippte Trude auch das andere Glas um. »Romeo wird verbannt. Er darf Verona nie wieder betreten. Nie wieder. Wie soll er Julia wiedersehen?« Mit einem tiefen Seufzer schob Trude die zwei Gläser auseinander, die sie zu Anfang so zärtlich vereint hatte. »Weil Julia so viel weint, kommen ihre Eltern auf die Idee, sie zu verheiraten. Eltern verstehen manchmal wirklich überhaupt nichts.« Trude drehte Julias Glas gedankenverloren in ihrer Hand. »Julia weiß keinen Ausweg. Sie besorgt sich ein Gift, das sie in tiefen Schlaf fallen lässt, aber Romeo denkt, sie ist wirklich tot, und vergiftet sich. Als Julia ihn so tot neben sich findet, ersticht sie sich und …« Trude schob die Gläser wieder zusammen. »Montagues und Capulets versöhnen sich am Grab ihrer Kinder.«

»Du meine Güte«, murmelte Sprotte.

»Wilma ist wirklich ein toller Mercutio«, sagte Trude. »Aber Romeo ist ein echtes Problem. Wir haben nur drei Jungen in der Theatergruppe: die zwei aus der Parallelklasse und Steve, und von denen will keiner die Rolle spielen. Also ist Nora jetzt unser Romeo. Torte hatte sich auch gemeldet, aber beim Vorsprechen hat er sogar bei der Sterbeszene gekichert.«

Das konnte Sprotte sich vorstellen. Steve und Torte gehörten beide zu den Pygmäen. Genau wie Willi, Melanies Freund.

»Und Fred, warum spielt der nicht mit?«, fragte Sprotte. Fred war der vierte der Pygmäen – und ihr unangefochtener Chef. »Fred wär doch ein guter Romeo.« Wieso hatte sie das gesagt?

»Ach, findest du?«, sagte Trude. »Na, Frieda war jedenfalls sehr erleichtert, dass Torte die Rolle nicht bekommen hat. Schließlich nervt er sie immer noch mit Liebesbriefen. Außerdem kann sie sich ja einfach jemand anders vorstellen, wenn Nora sie küsst. Zum Beispiel …«

»Geht euch gar nichts an, wen ich mir vorstelle«, unterbrach Frieda sie. »Verflixt, jetzt ist mir wegen dem albernen Gerede fast die Waffel angebrannt! Füttert Wilma immer noch die Hühner?«

Im selben Moment ging die Tür auf, so plötzlich, dass Sprotte sie fast an den Kopf bekam. »Diese Hühner sind verrückt!«, schimpfte Wilma. »Die Finger habe ich mir wund gerupft und sie mit mindestens einer Tonne Gras gefüttert, aber sie jammern immer noch herum, als würden wir sie verhungern lassen!«

»Hallo, Mercutio«, sagte Sprotte und schloss die Tür hinter sich.

»Oh, sie haben es dir erzählt?« Wilma stemmte die Arme in die Seiten. »Oh zahme, schimpfliche, verhasste Demut!«, stieß sie zwischen den Zähnen hervor und griff an die Hüfte, als stecke dort nicht die Wasserpistole, die sie immer bei sich trug, sondern ein Degen. »Die Kunst des Raufens trägt den Sieg davon: Tybalt, du Rattenfänger! Willst du dran?«

»Du meine Güte!« Sprotte ließ sich mit einem tiefen Seufzer auf die Bank sinken. »Ihr seid wirklich alle völlig verrückt geworden. Vielleicht ist es ganz gut, dass ich in den Ferien verschickt werde.«

»Verschickt?« Wilma bekam von Trude erklärt, was Sprotte in den Herbstferien bevorstand. Und wurde blass vor Neid. »Ein Reiterhof!«, murmelte sie.

»Wo bleibt Melanie eigentlich?«, sagte Frieda und stellte den Teller mit den puderzuckerweißen Waffeln auf den Tisch. »Ich dachte, sie wollte auch kommen.«

»Ach, die knutscht noch vorn an der Straße mit Willi herum«, antwortete Wilma und setzte sich. »Die zwei haben gedacht, ich seh sie nicht, aber was eine geübte Spionin ist …« Wilma war eine sehr geübte Spionin. Wann immer die Wilden Hühner etwas über die neuesten Pläne der Pygmäen wissen wollten, schickten sie Wilma los. Sie war es auch gewesen, die herausgefunden hatte, wo die Jungen ihr neues Baumhaus gebaut hatten. Aber in letzter Zeit war sie voll und ganz mit dem Auswendiglernen ihrer Rolle beschäftigt gewesen.

Sie hatten alle schon ihre erste Waffel verputzt, als Melanie kam. »Tut mir leid«, stieß sie hervor, während sie sich atemlos aus ihrer Jacke schälte. »Aber meine große Schwester geht ständig in meinen neuen Stiefeln weg und ich kann dann ewig lange auf dem Dachboden nach meinen alten suchen.«

»Wie lange hast du denn gebraucht, um dir die Ausrede auszudenken?«, fragte Sprotte mit vollem Mund.

»Wieso Ausrede?« Melanie wurde so rot wie die Blumen, die sie auf die Kühlschranktür gepinselt hatte. Und Frieda verschluckte sich fast an ihrer Waffel.

»Ich hab euch gesehen!«, verkündete Wilma und klopfte Frieda den Rücken, bis sie wieder Luft bekam. »Dich und Freds Leibwächter.«

»Er ist nicht Freds Leibwächter«, fuhr Melanie sie an. »Aber du hast offenbar nichts Besseres zu tun, als ständig anderen Leuten hinterherzuspionieren.«

»Weißt du schon das Neueste?«, fragte Frieda, um das Thema zu wechseln. Und Sprotte musste noch einmal von den Plänen ihrer Mutter erzählen.

»Wie lange fährst du?«, fragte Melanie und machte sich über die warme Waffel her, die Frieda ihr auf den Teller legte.

»Fünf oder sechs Tage, fast die ganze erste Ferienwoche«, murmelte Sprotte. »Aber lassen wir jetzt das Thema, ja? Wenn ich bloß daran denke, was da für Zicken rumlaufen werden. Reden bestimmt den ganzen Tag über nichts als Pferde und wie süß sie sind.« Stöhnend vergrub sie das Gesicht in den Händen.

»Moment mal!« Wilma setzte ihren Becher ab. »Warum fahren wir nicht alle zusammen? Das würden doch bestimmt die allerallerbesten Ferien, die wir je hatten.«

Überrascht sahen die andern sich an.

»Stimmt, das wäre wunderbar«, murmelte Frieda. »Ich würde zu gern mal wieder reiten.«

»Und wer soll das bezahlen?« Melanie runzelte die Stirn. »Meine Eltern würden mir einen Vogel zeigen, wenn ich sie darum bitten würde.« Melanies Vater war seit fast zwei Jahren arbeitslos und ihre Mutter hatte bisher nur schlecht bezahlte Aushilfsjobs gefunden. Im letzten Herbst waren sie deshalb schon in eine kleinere Wohnung gezogen.

»Na, so teuer kann die Sache nicht sein«, sagte Wilma, »sonst könnte Sprottes Mutter es auch nicht bezahlen. Stimmt’s?«

Sprotte nickte. »Ihr würdet wirklich mitkommen wollen?«, fragte sie ungläubig.

»Natürlich.« Frieda zuckte die Achseln. »Mir graust schon vor den Ferien. Meine Mutter ist als Urlaubsvertretung eingeteilt und Titus hat irgendein Karateturnier und wird sich bestimmt ständig vorm Babysitten drücken.« Frieda hatte einen großen und einen kleinen Bruder. Den großen, Titus, fanden sie alle unausstehlich. Der kleine, Luki, war zuckersüß, aber es war sehr anstrengend, auf ihn aufzupassen.

»Was ist mit dir, Trude?«, fragte Wilma.

Trude rückte sich die Brille zurecht. »Ich würde an sich gern mitkommen«, sagte sie zögernd. »Aber … ob ich auf so ein Pferd überhaupt raufkomm …«

»Ach, das ist halb so schwer«, sagte Frieda. Sie war die Einzige von ihnen, die schon mal Stunden in einer Reitschule genommen hatte, aber die Reitlehrer dort hatten Pferde und Schüler so herumkommandiert, dass Frieda seit dem Ende der Sommerferien nicht mehr hinging. Wilma hatte es da schon besser gehabt, sie hatte eine Tante auf dem Land, die sie schon mit vier Jahren auf ein Pferd gesetzt hatte.

»Wir fahren!«, rief Wilma und schlug auf den Tisch, dass die Teetassen klirrten. »Alle zusammen! Es muss einfach klappen! Weil ich sonst nämlich wieder die allerfurchtbarsten, langweiligsten, schulbücherverseuchtesten Ferien vor mir habe! Bitte!« Sie hob flehend die Hände zur Wohnwagendecke. »Ich wette, meine Mutter hat schon wieder all diese wunderbar wichtigen Rechtschreib- und Mathematikübungsbücher aus der Bücherei besorgt!«

»Die Wette würdest du bestimmt gewinnen«, stellte Frieda fest. Keine von ihnen beneidete Wilma um ihre Mutter.

»Also, dann fragt ihr zu Hause, ob ihr mitdürft?« Sprotte konnte nicht glauben, dass ihr schwarzes Unglück sich in etwas so Wunderbares wie Wilde Hühner-Ferien verwandeln könnte. »Wir fahren zusammen?«

»Ja!« Frieda hob ihren Becher. »Denn wir sind die Wilden Hühner. Wir trennen uns nie.«

»Nur in dringenden Notfällen«, sagte Wilma und stieß ihren Becher gegen Melanies. »Alle für eine und eine für alle!«

»Hört sich gut an«, sagte Melanie. »Ist das auch aus Romeo und Julia