Cover
Titelei.tif

Für Frederik, Anne, Simone, Sebastian, Lina,
Katharina, Hannes, Tina und alle anderen
Wilden Hühner und Pygmäen

ill_978-3-7915-0451-3_025.tif

ill_978-3-7915-0451-3_026.tif

Kleiner Prolog

Das da links sind sie, die Wilden Hühner – Sprotte und ihre beste Freundin Frieda, die schöne Melanie und Trude, die ein bisschen zu dick und Melanies größte Bewunderin ist. Einen ganzen Sack voll Abenteuer haben sie schon gemeinsam erlebt, seit Sprotte die Idee hatte, eine echte Mädchenbande zu gründen. Dabei mochten die vier sich am Anfang nicht mal besonders. Aber dann wurden sie die Wilden Hühner, trafen sich jeden Tag nach der Schule, tranken Tee, fütterten die Hühner von Sprottes Oma, lösten das Rätsel des schwarzen Schlüssels – und waren plötzlich Freundinnen. Richtige Freundinnen.

Ach ja, die Wilden Hühner sind nicht die einzige Bande, von der in dieser Geschichte die Rede sein wird. Da gibt es nämlich noch vier Jungs, die mit den Hühnern in dieselbe Klasse gehen. Sie nennen sich die Pygmäen, tragen alle einen Ohrring und haben den Wilden Hühnern schon eine Menge Ärger gemacht – bis sie ihnen buchstäblich ins Netz gingen, aber das ist eine andere Geschichte …

Jetzt herrscht Frieden zwischen Hühnern und Pygmäen. Seit vier Monaten. Eine verflixt lange, langweilige Zeit, finden die Jungs …

Und damit sind wir schon in einer neuen Geschichte. Also, Vorhang auf für die Wilden Hühner.

ill_978-3-7915-0451-3_001.tif

»Hier rein!«, rief Sprotte und riss die Abteiltür auf.

»Schnell, beeilt euch.«

Sie warf ihre Reisetasche auf einen Sitz, die Jacke auf den nächsten und ließ sich selbst auf den Platz am Fenster plumpsen.

»Mann, hast du es wieder eilig!«, stöhnte Frieda. Mit ihrem vollgepackten Rucksack blieb sie fast in der Abteiltür stecken.

»Wo sind die andern?«, fragte Sprotte.

»Kommen gleich«, antwortete Frieda und bugsierte den Rucksack ins Gepäcknetz.

»Leg deine Jacke auf den leeren Sitz da«, sagte Sprotte.

»Und zieh den Vorhang zu. Dass hier nicht noch andere reinkommen.«

Draußen auf dem Gang schoben sich ein paar Jungs aus ihrer Klasse vorbei. Fred streckte Frieda die Zunge raus, Torte und Steve schielten um die Wette.

»Guck dir die Idioten an.« Frieda kicherte, schnitt ihre scheußlichste Grimasse und schielte zurück. Dann zog sie den Vorhang zu. Die Jungs klopften gegen die Scheibe und drängelten ins Nachbarabteil.

»Also«, Frieda ließ sich wieder auf ihren Sitz fallen. »Die Pygmäen sind nebenan. Bis auf Willi. Aber der kommt wohl noch.«

»Na, das kann ja lustig werden«, sagte Sprotte und legte die langen Beine auf den Sitz gegenüber.

Jemand schob die Abteiltür auf. Melanie, auch die Schöne Melanie genannt, steckte den Kopf durch den Vorhang. »Wie sieht’s aus, ist hier noch Platz für zwei Wilde Hühner?«

»Hereinspaziert«, sagte Sprotte. »Ist Trude bei dir?«

»Klar.« Melanie schob eine riesige Reisetasche ins Abteil.

»Morgen«, murmelte Trude verschlafen.

»Meine Güte.« Sprotte half Melanie, ihre Riesentasche ins Gepäcknetz zu hieven. »Was hast du denn alles mitgenommen? Deinen ganzen Schminktisch, oder was?«

»Haha!« Melanie setzte sich neben Frieda und strich sich die Locken aus dem Gesicht. »Klamotten natürlich. Am Meer weiß man nie, wie das Wetter wird.«

Sprotte zuckte die Achseln. »Hauptsache, du hast deine Kette dabei.«

»Na, was denkst du denn?« Melanie polierte mit einem Taschentuch ihre Lackschuhe. Um ihren Hals baumelte ein Kettchen mit einer Hühnerfeder. Genau wie bei den drei andern, nur dass deren Federn an Lederbändern hingen.

Die Feder um den Hals war das Bandenzeichen, und nur ein echtes Wildes Huhn durfte sie tragen.

»Ich glaub, es geht los«, sagte Trude.

Mit einem Ruck setzte sich der Zug in Bewegung. Langsam fuhr er aus dem dunklen Bahnhof hinaus ins Sonnenlicht.

»Genau das richtige Wetter für unsere Inselreise, was?« Melanie zog eine Tüte Gummibärchen aus der Jacke und hielt sie den andern dreien hin. »Hier, auf eine tolle Klassenfahrt.«

Sprotte und Frieda bedienten sich, aber Trude schüttelte den Kopf. »Nee, danke, ich bin auf Diät.«

»Seit wann das denn?«, fragte Sprotte.

»Seit vorgestern.« Verlegen zupfte Trude an ihrem Pony herum. »Ein Pfund hab ich schon abgenommen. Jedenfalls fast.«

»Auf Diät bei einer Klassenfahrt?« Melanie kicherte. »Keine schlechte Idee. Bei dem Essen, das uns wahrscheinlich erwartet.«

»Stimmt.« Sprotte guckte aus dem Fenster und schrieb mit dem Finger ihren Namen auf die staubige Scheibe. Der Zug fuhr über eine Eisenbahnbrücke. Unter ihnen glitzerte der schmutzige Fluss im Sonnenlicht. »Wisst ihr was, ich bin richtig aufgeregt.«

»Ach ja? Gestern wolltest du uns noch alle überreden, krankzuspielen, damit wir zu Hause bleiben können«, sagte Frieda.

»Ja, gestern«, sagte Sprotte. »Gestern ist vorbei.«

Nebenan sangen die Pygmäen Fußballlieder.

»Vollkommen unbegabt«, stellte Melanie fest. »Was meint ihr, sollen wir auch mal was singen?«

Sprotte stöhnte. »O nein! Verschon uns bitte.«

»Melanie hat eine gute Stimme«, sagte Trude. »Sie singt sogar im Chor. Erster Sopran.« Trude war Melanies größter Fan. Sie himmelte sie an. Vierundzwanzig Stunden am Tag.

»Na wunderbar!« Spöttisch verzog Sprotte das Gesicht. »Aber wenn sie hier singt, spring ich aus dem Fenster.«

Melanie machte gerade den Mund auf, um darauf etwas nicht sehr Freundliches zu erwidern, als es an der Abteiltür klopfte.

»Der Schaffner«, wisperte Trude. »Mein Gott, wo hab ich denn bloß meine Fahrkarte?«

Aber es war nur Torte, das kleinste und lauteste Bandenmitglied der Pygmäen.

»Hallo, ihr Federviecher!«, rief er. »Hier ist eine Nachricht für euch.«

Dann warf er Frieda einen zusammengerollten Zettel in den Schoß, machte einen Knicks und knallte die Tür wieder zu.

»Oh!« Melanie verdrehte die Augen. »Ich wette, das ist eine Liebesnachricht. Torte hat schon lange ein Auge auf Frieda geworfen.«

»Quatsch!«, murmelte Frieda, aber krebsrot wurde sie trotzdem.

»Er hat Melanie auch schon mal Liebesbriefe geschrieben«, flüsterte Trude mit Verschwörerstimme.

»Na, das ist aber schon ’ne Ewigkeit her«, sagte Sprotte.

»Los, Frieda, lies endlich vor.«

Widerstrebend rollte Frieda den Zettel auseinander. Die übrigen Hühner beugten sich neugierig vor.

»Kein Liebesbrief«, stellte Sprotte fest. »Das ist Freds Klaue.«

Fred war der Chef der Pygmäen.

»›Warnung an die Wilden Hüner‹«, las Frieda vor. »O Mann, nicht mal ›Hühner‹ schreibt der richtig. Warum nennen die sich nicht einfach ›die Analphabeten‹?«

»Was denn für ’ne Warnung?«, fragte Trude. Beunruhigt rückte sie ihre Brille zurecht.

»Moment«, Frieda strich den Zettel glatt, »das ist gar nicht so leicht zu entziffern. ›Hiermit verkünden wir, die berüchtichten Pygmäen, das der Friedensvertrak mit den jämmerlichen Wilden Hünern an fremden Orten nicht gültig ist. Also nehmt euch in Acht, Hüner. Unterschrift: die Pygmäen.‹«

Frieda hob den Kopf. »O nein, jetzt geht das wieder los.«

»Hab ich’s mir doch gedacht!«, rief Sprotte. Sie klatschte in die Hände. »Wunderbar, das werden sie bereuen.«

»Aber auf dem Schiff gilt der Friedensvertrag doch noch, oder?«, fragte Trude. Schon bei dem Gedanken an die Fähre, die sie zur Insel bringen sollte, wurde sie leicht grün im Gesicht.

»Nicht dass die mir die Kotztüten klauen. Ich werd nämlich bestimmt seekrank.«

Sprotte zuckte die Achseln. »Das ist Verhandlungssache, würde ich sagen. Ich werd das mit Fred klären.«

»So sehr schaukeln diese Fähren auch gar nicht«, sagte Frieda.

»Und außerdem …«, Melanie kicherte, »außerdem ist das doch gar nicht schlecht für deine Diät.«

Darüber konnte Trude nur gequält lächeln.

ill_978-3-7915-0451-3_002.tif

Trude wurde seekrank. Obwohl das Meer an diesem Tag ganz friedlich war und die alte Fähre, die sie nahmen, überhaupt nicht ins Schlingern kam.

Aber Trude war nicht die Einzige. Auch Frau Rose, ihre Lehrerin, verschwand ständig auf dem Klo, und Steve, der Hauszauberer der Pygmäen, bekam nicht einen Kartentrick zustande. Schon bald war sein rundes Gesicht so grün wie der Fußboden der Cafeteria.

Während Trude die Überfahrt auf dem stinkigen Fährenklo verbrachte, hing Melanie die ganze Zeit mit Fred und Torte vor einem Spielautomaten. Sprotte fand das angesichts des gekündigten Friedensvertrages ziemlich geschmacklos, aber sie hatte keine Lust, sich zu ärgern. Stattdessen ging sie mit Frieda an Deck. Sie guckten aufs Meer, ließen sich den salzigen Wind um die Nase wehen und fühlten sich wunderbar. Frieda war froh, ein paar Tage von zu Hause wegzukommen, denn seit ihre Mutter wieder arbeitete, musste sie noch öfter als früher auf ihren kleinen Bruder aufpassen. Und Sprotte – Sprotte fand, dass es eigentlich nichts Besseres gab, als mit der besten Freundin an einer Schiffsreling zu lehnen und aufs Meer hinauszusehen. Und Frieda war ihre beste Freundin.

»Wäre nicht schlecht, so eine Möwe zu sein, was?«, sagte Frieda. »Würde mir, glaub ich, gefallen.«

»Da müsstest du aber den ganzen Tag nur rohen Fisch essen.« Sprotte beugte sich über die rostige Reling und spuckte runter in die grauen Wellen. »Ich glaub, ich wär lieber Piratin. Auf einem großen Segelschiff, wo über einem die Segel im Wind knattern und die Taue knarren. Da würde ich jede Nacht im Mastkorb schlafen, bis ich alle Sterne auswendig wüsste.«

»Hört sich auch nicht schlecht an«, seufzte Frieda. Sie blinzelte in die Sonne. »Guck mal da vorne. Ich glaub, das ist unsere Insel.«

Vom Schiff ging es gleich in einen Bus. Als der endlich vor dem Landschulheim vorfuhr, war es früher Nachmittag.

Frau Rose war immer noch ein bisschen wackelig auf den Beinen von der Schiffsfahrt, aber trotzdem schaffte sie es, die ganze Klasse einigermaßen still um sich zu versammeln. Herr Staubmann, Deutschlehrer und »männliche Begleitperson« bei dieser Reise, stand wie immer etwas abwesend in der Gegend herum und guckte gelangweilt. »Also«, Frau Roses Stimme klang etwas zittriger als sonst. »Unsere Zimmer sind im ersten Stock, den rechten Flur hinunter. Kein Geschubse, kein Gedrängel, für jeden von euch ist ein Bett da. Ihr bringt jetzt in aller Ruhe euer Gepäck auf die Zimmer, und um vier Uhr treffen wir uns wieder hier unten in der Eingangshalle und machen einen kleinen Strandspaziergang. Einverstanden?«

»Strandspaziergang!« Torte verdrehte die Augen. »Hört sich nicht sehr aufregend an.«

Frau Rose guckte ihn ein Mal an, und er war still. So was konnte sie perfekt.

»Was ist mit Essen?«, fragte Steve besorgt. Sein Gesicht hatte wieder die übliche rosige Farbe.

»Mittagessen gibt’s hier immer um Punkt eins«, sagte Frau Rose. »Also bekommen wir heute nichts. Deshalb solltet ihr ja auch alle etwas Proviant mitbringen.«

»Den hab ich schon aufgegessen«, sagte Steve mit kläglicher Stimme.

»Und ausgekotzt!«, fügte Fred mit breitem Grinsen hinzu.

»Du wirst schon nicht vom Fleisch fallen, Steve«, brummte Willi. »Bis zum Abendbrot reicht deine Speckschicht ganz bestimmt.«

Steve wurde rot, und Frau Rose klatschte in die Hände.

»Also«, sagte sie, »auf die Zimmer mit euch. Herr Staubmann und ich machen nachher einen Rundgang.«

»Los!«, zischte Sprotte den anderen Hühnern zu. »Das erste Zimmer ist unsers.«

So schnell sie konnten, rannten sie los. Mit Melanies Riesentasche war das allerdings gar nicht so einfach. Zwar half Trude ihr beim Tragen, aber trotzdem wurden sie auf der Treppe von etlichen anderen überholt. Das erste Zimmer war schon voll, als die Wilden Hühner oben waren. Im nächsten saßen zwei Jungen.

Außer Atem stürzte Sprotte in das dritte.

»Verflixt, Sechserzimmer!«, schimpfte sie. »Sind das hier alles Sechserzimmer?«

Frieda und Melanie kamen herein und guckten sich um. »Also, ich schlaf oben«, sagte Melanie. »Unten krieg ich keine Luft.«

»Ich nehm das da.« Sprotte schleppte ihre Tasche zum obersten Bett am Fenster. »Okay?«

»Mir ganz egal«, sagte Frieda und stellte ihren Rucksack auf das Bett darunter.

»Wo bleibt denn Trude?«, fragte Sprotte nervös. Schon ein paar Mal hatte jemand den Kopf durch die Tür gesteckt, aber noch war niemand anders ins Zimmer gekommen.

»Trude ist die Tasche aufgegangen«, sagte Melanie und steckte sich ein Kaugummi zwischen die schneeweißen Zähne. »Mitten auf der Treppe. Die muss jetzt erst mal ihre ganzen Sachen aufsammeln.«

»Wie, da hast du sie allein gelassen?«, fragte Frieda. »Sie hat dir doch auch geholfen mit deiner Riesentasche.«

»Na, ich musste doch erst mal meine Tasche aufs Zimmer bringen!«, sagte Melanie empört.

»Ich geh ihr helfen!« Frieda lief zur Tür.

»Aber wie soll ich denn allein die ganzen Betten frei halten?«, rief Sprotte ihr nach.

»Ach, das schafft ihr schon«, antwortete Frieda. Dann war sie verschwunden.

Melanie und Sprotte guckten sich an.

»Du brauchst gar nicht so zu gucken!«, fauchte Melanie. »Jetzt bin ich wieder schuld, was?«

Wieder ging die Zimmertür auf. Drei Mädchen aus ihrer Klasse guckten herein.

»Ist hier noch was frei?«, fragte die eine schüchtern. Wilma hieß sie. Neben ihr stand Matilda, die noch ganz neu in der Klasse war.

»Klar ist hier noch frei«, sagte Nora, die dritte. Sie schob sich an den anderen beiden vorbei ins Zimmer.

»Nee, ist es nicht.« Ärgerlich versperrte Sprotte ihr den Weg. »Frieda und Trude kommen gleich noch.«

»Na und?« Nora warf ihre Tasche auf das obere Bett, das noch frei war. »Bleiben noch zwei Betten übrig. Das kann doch sogar ein Hühnerhirn erfassen.«

Sprotte kniff die Lippen zusammen. Melanie sagte gar nichts. Die putzte schon wieder an ihren Schuhen herum.

»Hallo!« Frieda kam mit der schnaufenden Trude im Schlepptau ins Zimmer zurück.

»Seht ihr?« Sprotte verschränkte die Arme. »Die zwei gehören zu uns. Eine von euch muss raus.«

Wilma und Matilda guckten sich an. »Also, ich geh nicht«, sagte Wilma. »Es ist nur noch nebenan was frei. Und da sind die Zicken. Da geh ich nicht rein.«

»Tja, herzliches Beileid, aber eine von euch muss da wohl rein!« Schnell nahm Sprotte Trude ihre Tasche ab und warf sie auf das Bett unter Melanies.

Die saß oben und bürstete ihre Haare. »Ich kann auch rübergehen«, sagte sie. »Macht mir nichts, wirklich.«

»Spinnst du?« Entgeistert guckte Sprotte zu ihr hoch. »Wir haben doch geschworen zusammenzubleiben. Hast du das vergessen?«

»Geschworen! Oje!« Nora schnitt eine Grimasse, holte ein Comicheft aus ihrer Tasche und machte es sich damit auf ihrem Bett bequem. »Ach ja, ihr vier seid ja ’ne Bande. Wilde Enten oder so was.«

Wütend guckte Sprotte zu ihr hinüber.

Wilma und Matilda standen immer noch in der Tür.

»Ach, ich geh schon«, murmelte Matilda.

Ohne noch irgendjemand anzusehen, zog sie ihre Tasche wieder auf den Flur hinaus. Die Tür machte sie hinter sich zu.

Vorwurfsvoll guckte Frieda Sprotte an. »Hättest du nicht ein bisschen netter sein können? Die ist sowieso so viel alleine. Und jetzt muss sie auch noch ins Zickenzimmer. Und sich da jeden Abend das Gerede über Jungs und Klamotten anhören.«

»Also, so schlimm sind die nun auch nicht«, sagte Melanie.

»Ach ja?« Sprotte warf ihr einen ärgerlichen Blick zu. »Na, du warst ja ganz scharf drauf, rüberzukommen.«

»Hört doch auf, euch zu streiten!«, rief Trude. Ihr schossen die Tränen in die Augen. Trude hatte nah am Wasser gebaut.

Mit zufriedenem Lächeln stellte Wilma ihre Tasche auf das Bett unter Noras. Dann setzte sie sich daneben.

»Wisst ihr was?« Aufgeregt wippte sie auf der Matratze herum. »Eigentlich wollte ich sowieso in euer Zimmer. Ich möchte nämlich auch ein Wildes Huhn werden.«

Sprotte runzelte die Stirn. »Ach ja? Geht aber nicht. Vier sind genug. Außerdem …«, sie rieb sich die Nase, »außerdem muss man erst mal mindestens ein Abenteuer bestehen, um ein Wildes Huhn zu werden. Eine Prüfung, verstehst du?«

»Was denn für eine Prüfung?«, fragte Trude verblüfft. »Also, ich hab keine …«

Sprotte warf ihr einen warnenden Blick zu, und Trude klappte den Mund schnell wieder zu.

»Weißt du was, Wilma?«, Melanie sprang von ihrem Bett runter. »So supertoll ist es sowieso nicht, ein Wildes Huhn zu sein.«

Sprotte sah aus, als würde sie jeden Moment platzen.

»Obwohl«, fuhr Melanie fort, »man hat schon eine Menge Spaß, eine ganze Menge. Zum Beispiel, wenn man Fische fängt.«

»Fische?«, fragte Wilma verständnislos.

»Pygmäenfische«, sagte Melanie.

Die anderen Hühner grinsten. O ja, an dieses Abenteuer erinnerten sie sich alle. Und die Pygmäen würden es auch bestimmt ihr Leben lang nicht vergessen. Wirklich erstaunlich, dass sie sich nach der Niederlage trauten, den Friedensvertrag zu brechen.

»Wo sind die Pygmäen denn eigentlich abgeblieben?«, fragte Sprotte.

»Können wir ja mal rausfinden«, sagte Frieda. »Wie geht’s dir, Trude?«

»Och, seit der Boden nicht mehr wackelt, ganz gut«, antwortete Trude.

Wilma sprang von ihrem Bett auf. »Kann ich mitkommen?«, fragte sie.

»Nein!«, sagte Sprotte und machte die Tür auf.

Melanie streckte den Kopf aus dem Zimmer. »Nichts los auf dem Flur!«, meldete sie. »Es stinkt nur nach Staubmanns Zigaretten.«

»Na, dann los!«, flüsterte Sprotte.

Leise wie alte Indianer huschten die Wilden Hühner auf den Flur hinaus.

Nora rührte sich nicht hinter ihrem Comicheft, aber Wilma guckte neidisch hinter ihnen her.

ill_978-3-7915-0451-3_003.tif

Die Pygmäen steckten in einem Viererzimmer, am anderen Ende des Flurs. Direkt hinter den Waschräumen. Es war nicht schwer, das herauszufinden, denn ihre Tür stand sperrangelweit offen und Tortes Stimme war den ganzen Flur runter zu hören. Er erzählte wieder mal Witze, über die nur er selber lachte.

Und Frieda. Frieda war die Einzige in der Klasse, die bei Tortes Witzen loskichern musste. Jetzt auch.

»Hör auf zu kichern!«, flüsterte Sprotte, während sie sich an die offene Tür heranschlichen.

»’tschuldigung!«, flüsterte Frieda, aber sie kicherte gleich wieder los.

»Na gut, dann bleibst du eben hier«, zischte Sprotte. »Du und Trude, ihr kriegt raus, wo die Lehrerzimmer sind. Komm, Melanie.« Lautlos schlichen die beiden weiter, bis sie direkt neben der offenen Tür der Pygmäen standen.

»He, guckt mal«, verkündete Steve gerade, »ich kann einen neuen Trick.«

»Den kennen wir schon, Stevie«, sagte Fred. »Willi, mach mal die Tür zu. Zeit für eine Hühnerbesprechung.«

»Okay.« Schritte kamen näher. Melanie und Sprotte drückten sich, so eng es ging, an die Wand.

»Moment mal«, hörten sie Willi sagen. »Hier riecht’s doch nach …«

Mit einem Satz war er auf dem Flur.

»Hallo, Melanie«, sagte Willi mit seinem schönsten Frankenstein-Grinsen. »Wusste ich doch, dass das dein Parfüm ist. He, Fred, guck mal, wer da ist.«