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Titelseite

Für Lionel, der die Tür zu dieser Geschichte fand
und oft mehr über sie wusste als ich,
Freund und Ideenfinder,
unersetzlich auf beiden Seiten
des Spiegels

Und für Oliver,
der dieser Geschichte immer wieder
englische Kleider schneiderte, damit der Brite und
die Deutsche sie zusammen erzählen konnten

Die Nacht atmete in der Wohnung wie ein dunkles Tier. Das Ticken einer Uhr. Das Knarren der Holzdielen, als er sich aus dem Zimmer schob – alles ertrank in ihrer Stille. Aber Jacob liebte die Nacht. Er spürte ihre Dunkelheit wie ein Versprechen auf der Haut. Wie einen Mantel, der aus Freiheit und Gefahr gewebt war.

Draußen ließen die grellen Lichter der Stadt die Sterne verblassen und die große Wohnung war stickig von der Traurigkeit seiner Mutter. Sie wachte nicht auf, als Jacob in ihr Zimmer schlich und die Nachttischschublade aufzog. Der Schlüssel lag gleich neben den Pillen, die sie schlafen ließen. Das Metall schmiegte sich kühl in seine Hand, als er wieder auf den dunklen Flur hinaustrat.

Im Zimmer seines Bruders brannte wie immer noch Licht – Will hatte Angst im Dunkeln –, und Jacob überzeugte sich, dass er fest schlief, bevor er das Arbeitszimmer ihres Vaters aufschloss. Ihre Mutter hatte es nicht mehr betreten, seit er verschwunden war, doch Jacob stahl sich nicht zum ersten Mal hinein, um dort nach den Antworten zu suchen, die sie ihm nicht geben wollte.

Es sah immer noch so aus, als hätte John Reckless erst vor einer Stunde und nicht vor mehr als einem Jahr zuletzt an seinem Schreibtisch gesessen. Über dem Stuhl hing die Strickjacke, die er oft getragen hatte, und ein benutzter Teebeutel vertrocknete auf einem Teller neben dem Kalender, der die Wochen eines vergangenes Jahres zeigte.

Komm zurück! Jacob schrieb es mit dem Finger auf die beschlagenen Fenster, auf den staubigen Schreibtisch und die Scheiben des Glasschranks, in dem immer noch die alten Pistolen lagen, die sein Vater gesammelt hatte. Aber das Zimmer war still und leer und er war zwölf und hatte keinen Vater mehr. Jacob trat gegen die Schubladen, die er schon so viele Nächte vergebens durchsucht hatte, zerrte in stummer Wut Bücher und Zeitschriften aus den Regalen und riss die Flugzeugmodelle herunter, die über dem Schreibtisch hingen, voll Scham über den Stolz, den er empfunden hatte, als er eins davon mit rotem Lack hatte bepinseln dürfen.

Komm zurück! Er wollte es durch die Straßen schreien, die sieben Stockwerke tiefer Schneisen aus Licht zwischen die Häuserblocks schnitten, und in die tausend Fenster, die leuchtende Quadrate aus der Nacht stanzten.

Das Blatt Papier fiel aus einem Buch über Flugzeugtriebwerke, und Jacob hob es nur auf, weil er die Handschrift darauf für die seines Vaters hielt. Aber er erkannte seinen Irrtum schnell. Symbole und Gleichungen, die Skizze eines Pfaus, eine Sonne, zwei Monde. Nichts davon machte Sinn. Bis auf einen Satz, den er auf der Rückseite des Blattes fand.

DER SPIEGEL ÖFFNET SICH NUR FÜR DEN, DER SICH SELBST NICHT SIEHT.

Jacob wandte sich um und sein Spiegelbild erwiderte seinen Blick.

Der Spiegel. Er erinnerte sich noch gut an den Tag, an dem sein Vater ihn aufgehängt hatte. Wie ein schimmerndes Auge hing er zwischen den Bücherregalen. Ein Abgrund aus Glas, in dem sich verzerrt all das spiegelte, was John Reckless zurückgelassen hatte: sein Schreibtisch, die alten Pistolen, seine Bücher – und sein ältester Sohn.

Das Glas war so uneben, dass man sich kaum darin erkannte, und dunkler als das anderer Spiegel, aber die Rosenranken, die sich über den silbernen Rahmen wanden, sahen so echt aus, als würden sie im nächsten Moment welken.

DER SPIEGEL ÖFFNET SICH NUR FÜR DEN, DER SICH SELBST NICHT SIEHT.

Jacob schloss die Augen.

Er kehrte dem Spiegel den Rücken zu.

Tastete hinter dem Rahmen nach irgendeinem Schloss oder Riegel.

Nichts.

Er blickte immer wieder nur seinem eigenen Spiegelbild in die Augen.

Es dauerte eine ganze Weile, bis er begriff.

Seine Hand war kaum groß genug, um das verzerrte Abbild seines Gesichts zu verdecken, aber das Glas schmiegte sich an seine Finger, als hätte es auf sie gewartet, und plötzlich war der Raum, den er hinter sich im Spiegel sah, nicht mehr das Zimmer seines Vaters.

Jacob drehte sich um.

Durch zwei schmale Fenster fiel Mondlicht auf graue Mauern, und seine nackten Füße standen auf Holzdielen, die mit Eichelschalen und abgenagten Vogelknochen bedeckt waren. Der Raum war größer als das Zimmer seines Vaters und über ihm hingen Spinnweben wie Schleier im Gebälk eines Daches.

Wo war er? Das Mondlicht malte ihm Flecken auf die Haut, als er auf eines der Fenster zutrat. An dem rauen Sims klebten die blutigen Federn eines Vogels, und tief unter sich sah er verbrannte Mauern und schwarze Hügel, in denen ein paar verlorene Lichter glimmten. Er war in einem Turm. Verschwunden das Häusermeer und die erleuchteten Straßen. Alles, was er kannte, war fort, und zwischen den Sternen standen zwei Monde, von denen der kleinere rot wie eine rostige Münze war.

Jacob blickte sich zu dem Spiegel um und sah darin die Angst auf dem eigenen Gesicht. Aber Angst war ein Gefühl, das ihm schon immer gefallen hatte. Sie lockte an dunkle Orte, durch verbotene Türen und weit fort von ihm selbst. Sogar die Sehnsucht nach seinem Vater ertrank in ihr.

Es gab keine Tür in den grauen Mauern, nur eine Luke im Boden. Als Jacob sie öffnete, sah er die Reste einer verbrannten Treppe, die in der Dunkelheit verschwand, und für einen Augenblick glaubte er unter sich einen winzigen Mann an den Steinen hinaufklettern zu sehen. Aber ein Scharren ließ ihn herumfahren.

Spinnweben fielen auf ihn herab und etwas sprang ihm mit einem heiseren Knurren in den Nacken. Es klang wie ein Tier, doch das verzerrte Gesicht, das die Zähne nach seiner Kehle bleckte, war so bleich und faltig wie das eines alten Mannes. Er war sehr viel kleiner als Jacob und mager wie eine Heuschrecke. Seine Kleider schienen aus Spinnweben gemacht, das graue Haar hing ihm bis zur Hüfte, und als Jacob seinen dürren Hals packte, gruben sich gelbe Zähne tief in seine Hand. Mit einem Aufschrei stieß er den Angreifer von seiner Schulter und stolperte auf den Spiegel zu. Der Spinnenmann kam erneut auf die Füße und sprang ihm nach, während er sich Jacobs Blut von den Lippen leckte, doch bevor er ihn erreichte, presste Jacob schon die unverletzte Hand auf sein verängstigtes Gesicht. Die dürre Gestalt verschwand ebenso wie die grauen Mauern und er sah hinter sich wieder den Schreibtisch seines Vaters.

»Jacob?«

Die Stimme seines Bruders drang kaum durch das Klopfen seines Herzens. Jacob rang nach Atem und wich vor dem Spiegel zurück.

»Jake, bist du da drin?«

Er zog sich den Ärmel über die zerbissene Hand und öffnete die Tür.

Wills Augen waren weit vor Angst. Er hatte wieder schlecht geträumt. Kleiner Bruder. Will folgte Jacob wie ein junger Hund und Jacob beschützte Will auf dem Schulhof und im Park. Und verzieh ihm manchmal sogar, dass ihre Mutter ihn mehr liebte.

»Mam sagt, wir sollen nicht in das Zimmer.«

»Seit wann tue ich, was Mam sagt? Wenn du mich verrätst, nehme ich dich nie wieder mit in den Park.«

Jacob glaubte, das Glas des Spiegels wie Eis im Nacken zu spüren. Will lugte an ihm vorbei, aber er senkte den Kopf, als Jacob die Tür hinter sich zuzog. Will war vorsichtig, wo sein Bruder leichtsinnig, sanft, wo er aufbrausend, ruhig, wo er rastlos war. Als Jacob nach seiner Hand griff, bemerkte Will das Blut an seinen Fingern und blickte ihn fragend an, aber Jacob zog ihn wortlos zu seinem Zimmer zurück.

Was der Spiegel ihm gezeigt hatte, gehörte ihm. Nur ihm.

Die Sonne stand schon tief über den Mauern der Ruine, aber Will schlief immer noch, erschöpft von den Schmerzen, die ihn seit Tagen schüttelten.

Ein Fehler, Jacob, nach all den Jahren der Vorsicht. Er richtete sich auf und deckte Will mit seinem Mantel zu.

All die Jahre, in denen er eine ganze Welt sein Eigen genannt hatte. All die Jahre, in denen aus der fremden Welt das Zuhause geworden war. Vorbei. Schon mit fünfzehn hatte Jacob sich für Wochen hinter den Spiegel gestohlen. Mit sechzehn hatte er nicht einmal mehr die Monate gezählt und trotzdem hatte er sein Geheimnis bewahrt. Bis er es einmal zu eilig gehabt hatte. Hör auf, Jacob. Es ist nicht mehr zu ändern.

Die Kratzwunden am Hals seines Bruders waren gut verheilt, aber am linken Unterarm zeigte sich schon der Stein. Die blassgrünen Adern trieben bis hinunter zur Hand und schimmerten in Wills Haut wie polierter Marmor.

Ein Fehler nur.

Jacob lehnte sich gegen eine der verrußten Säulen und blickte hinauf zu dem Turm, in dem der Spiegel stand. Er war nie hindurchgegangen, ohne sich zu vergewissern, dass Will und seine Mutter schliefen. Aber seit ihrem Tod gab es auf der anderen Seite nur noch ein leeres Zimmer mehr, und er hatte es nicht erwarten können, die Hand wieder auf das dunkle Glas zu pressen und fortzukommen. Weit fort.

Ungeduld, Jacob. Nenne es beim Namen. Eine deiner hervor-stechendsten Eigenschaften.

Er sah immer noch Wills Gesicht hinter sich im Spiegel auftauchen, verzerrt von dem dunklen Glas. »Wo willst du hin, Jacob?« Ein Nachtflug nach Boston, eine Reise nach Europa, es hatte viele Ausreden im Lauf der Jahre gegeben. Jacob war ein ebenso einfallsreicher Lügner, wie sein Vater es gewesen war. Doch diesmal hatte seine Hand sich schon auf das kühle Glas gepresst – und natürlich hatte Will es ihm nachgetan.

Kleiner Bruder.

»Er riecht schon wie sie.«

Fuchs löste sich aus den Schatten, die die zerstörten Mauern warfen. Ihr Fell war so rot, als hätte der Herbst es ihr gefärbt, und am Hinterlauf sah man noch die Narben, die die Falle hinterlassen hatte. Fünf Jahre war es her, dass Jacob sie daraus befreit hatte, und seither wich die Füchsin ihm nicht von der Seite. Sie bewachte seinen Schlaf, warnte ihn vor Gefahren, die seine stumpfen Menschensinne nicht wahrnahmen, und gab Rat, den man besser befolgte.

Ein Fehler.

Jacob trat durch den Torbogen, in dessen verbogenen Angeln immer noch die verkohlten Reste des Schlossportals hingen. Auf der Treppe davor sammelte ein Heinzel Eicheln von den zersprungenen Stufen. Er huschte hastig davon, als Jacobs Schatten auf ihn fiel. Spitznasig und rotäugig, in Hosen und Hemden, die sie aus gestohlenen Menschenkleidern nähten – die Ruine wimmelte von ihnen.

»Schick ihn zurück! Deshalb sind wir hergekommen, oder?« Die Ungeduld in Fuchs’ Stimme war nicht zu überhören.

Aber Jacob schüttelte den Kopf. »Es war falsch, ihn hierher zu bringen. Es gibt nichts auf der anderen Seite, das ihm helfen könnte.«

Jacob hatte Fuchs von der Welt erzählt, aus der er kam, aber sie wollte nicht wirklich davon hören. Ihr reichte, was sie wusste: dass es der Ort war, an den er allzu oft verschwand und mit Erinnerungen zurückkam, die ihm wie Schatten folgten.

»Und? Was glaubst du, was hier mit ihm passieren wird?«

Fuchs sprach es nicht aus, doch Jacob wusste, was sie dachte. In dieser Welt erschlugen Männer ihre eigenen Söhne, sobald sie den Stein in ihrer Haut entdeckten.

Er blickte hinunter auf die roten Dächer, die sich am Fuß des Schlosshügels in der Dämmerung verloren. In Schwanstein flammten die ersten Lichter auf. Die Stadt sah von fern aus wie eines der Bilder, die man auf Lebkuchendosen druckte, aber seit ein paar Jahren durchzogen Eisenbahngleise die Hügel dahinter, und aus Fabrikschornsteinen stieg grauer Rauch in den Abendhimmel. Die Welt auf der anderen Seite des Spiegels wollte erwachsen werden. Aber das Steinerne Fleisch, das seinem Bruder wuchs, hatten nicht mechanische Webstühle oder andere moderne Errungenschaften gesät, sondern der alte Zauber, der in ihren Hügeln und Wäldern hauste.

Ein Goldrabe landete auf den zersprungenen Fliesen. Jacob scheuchte ihn fort, bevor er Will einen seiner finsteren Flüche zukrächzen konnte.

Sein Bruder stöhnte im Schlaf. Die Menschenhaut machte dem Stein nicht kampflos Platz und Jacob spürte den Schmerz wie seinen eigenen. Nur aus Liebe zu seinem Bruder war er immer wieder in die andere Welt zurückgekehrt, auch wenn seine Besuche von Jahr zu Jahr seltener geworden waren. Ihre Mutter hatte geweint und ihm mit der Fürsorge gedroht, ohne je zu ahnen, wohin er verschwand, aber Will hatte ihm die Arme um den Hals geschlungen und gefragt, was er ihm mitgebracht hatte. Heinzelschuhe, die Mütze eines Däumlings, einen Knopf aus Elfenglas, ein Stück schuppige Wassermannhaut – Will hatte Jacobs Mitbringsel unter dem Bett versteckt und die Geschichten, die er ihm dazu erzählte, schon bald für Märchen gehalten, die er nur für ihn erfand.

Nun wusste er, dass sie alle wahr waren.

Jacob zog ihm den Mantel über den entstellten Arm. Am Himmel waren schon die zwei Monde zu sehen.

»Pass auf ihn auf, Fuchs.« Er erhob sich. »Ich bin bald zurück.«

»Wo willst du hin? Jacob!« Die Füchsin sprang ihm in den Weg. »Es kann ihm niemand mehr helfen!«

»Wir werden sehen.« Er schob sie beiseite. »Sorg dafür, dass Will nicht in den Turm hinaufgeht.«

Sie blickte ihm nach, als er die Treppe hinunterstieg. Die einzigen Stiefelabdrücke auf den vermoosten Stufen waren seine eigenen. Kein Mensch kam hierher. Die Ruine galt als verflucht und Jacob hatte schon Dutzende von Geschichten über ihren Untergang gehört. Aber nach all den Jahren wusste er immer noch nicht, wer den Spiegel in ihrem Turm hinterlassen hatte. Ebenso wenig, wie er je herausgefunden hatte, wohin sein Vater verschwunden war.

Ein Däumling sprang ihm in den Kragen. Jacob bekam ihn gerade noch zu fassen, bevor er ihm das Medaillon vom Hals riss, das er trug. An jedem anderen Tag wäre er dem kleinen Dieb auf der Stelle gefolgt. Däumlinge horteten beachtliche Schätze in den hohlen Bäumen, in denen sie hausten. Doch er hatte schon viel zu viel Zeit verloren.

Ein Fehler, Jacob.

Er würde ihn wiedergutmachen. Aber Fuchs’ Worte folgten ihm, während er den steilen Hang hinunterstieg.

Es kann ihm niemand mehr helfen.

Wenn sie recht hatte, würde er schon bald keinen Bruder mehr haben. Weder in dieser noch in der anderen Welt.

Ein Fehler.

Das Feld, über das Hentzau mit seinen Soldaten ritt, roch immer noch nach Blut. Der Regen hatte die Gräben mit schlammigem Wasser gefüllt, und hinter den Mauern, die beide Seiten zur Deckung errichtet hatten, war der Boden bedeckt mit herrenlosen Flinten und zerschossenen Helmen. Kami’en hatte die Pferde- und Menschenleichen verbrennen lassen, bevor sie zu verwesen begannen, aber die gefallenen Goyl lagen noch dort, wo sie gestorben waren. Schon in wenigen Tagen würden sie nicht mehr von den Steinen zu unterscheiden sein, die aus der zertretenen Erde ragten, und die Köpfe derer, die in vorderster Linie gekämpft hatten, waren, wie es Goylsitte war, in die Hauptfestung gebracht worden.

Noch eine Schlacht. Hentzau war sie leid, aber diese würde hoffentlich für eine Weile die letzte gewesen sein. Die Kaiserin war endlich bereit zu verhandeln und selbst Kami’en wollte Frieden. Hentzau presste sich die Hand vors Gesicht, als der Wind Asche von der Anhöhe herabwehte, auf der sie die Leichen verbrannt hatten. Sechs Jahre über der Erde, sechs Jahre ohne schützenden Fels zwischen ihm und der Sonne. Die Augen schmerzten ihm von all dem Tageslicht, und die Luft wurde mit jedem Tag kälter und machte seine Haut spröde wie Muschelkalk. Hentzaus Haut glich braunem Jaspis. Nicht die feinste Farbe, die ein Goyl haben konnte. Er war der erste Jaspisgoyl, der je in die obersten Militärränge aufgestiegen war, aber die Goyl hatten vor Kami’en auch noch nie einen König gehabt, und Hentzau gefiel seine Haut. Jaspis war eine wesentlich bessere Tarnfarbe als Onyx oder Mondstein.

Kami’en hatte unweit des Schlachtfelds Quartier bezogen, im Jagdschloss eines kaiserlichen Generals, der, wie die meisten seiner Offiziere, gefallen war. Die Wachen vor dem zerstörten Tor salutierten, als Hentzau auf sie zuritt. Den Bluthund des Königs nannten sie ihn, seinen Jaspisschatten. Hentzau diente Kami’en schon, seit sie gemeinsam die anderen Anführer bekämpft hatten. Zwei Jahre hatten sie gebraucht, um sie alle zu töten, aber danach hatten die Goyl zum ersten Mal einen König gehabt.

Die Straße, die vom Tor zum Schloss hinaufführte, war gesäumt von marmorweißen Statuen, und während Hentzau an ihnen vorbeiritt, amüsierte er sich nicht zum ersten Mal darüber, dass Menschen ihre Götter und Helden durch Abbilder aus Stein verewigten, während sie seinesgleichen für ihre Haut verabscheuten. Selbst die Weichhäute mussten es zugeben. Stein war das Einzige, was blieb.

Die Fenster des Schlosses waren zugemauert, wie die Goyl es bei allen Gebäuden taten, die sie besetzten, doch erst auf der Treppe, die in die Vorratskeller hinabführte, umgab Hentzau endlich die wohltuende Dunkelheit, die man unter der Erde fand. Nur wenige Gaslampen erleuchteten die Gewölbe, die nun statt Vorräten und verstaubten Jagdtrophäen den Generalstab des Königs der Goyl beherbergten.

Kami’en. Sein Name bedeutete in ihrer Sprache nichts anderes als Stein. Sein Vater hatte eine der untersten Städte befehligt, aber Väter zählten bei ihnen nicht viel. Die Mütter zogen sie auf, und mit neun war ein Goyl erwachsen und auf sich gestellt. Die meisten erkundeten danach die Untere Welt auf der Suche nach unentdeckten Höhlen, bis selbst steinerne Haut die Hitze dort nicht länger ertrug. Doch Kami’en hatte immer nur die Obere Welt interessiert. Er hatte lange in einer der Höhlenstädte gelebt, die sie über der Oberfläche gebaut hatten, weil es in den unteren Städten zu voll wurde, und dort zwei Menschenangriffe überlebt. Danach hatte er begonnen, ihre Waffen und Kriegstechniken zu studieren, und sich in ihre Städte und Militärlager geschlichen. Mit neunzehn hatte er ihre erste Stadt erobert.

Als die Leibwachen Hentzau hereinwinkten, stand Kami’en vor der Karte, die seine Eroberungen und die Positionen seiner Gegner zeigte. Die Figuren, die ihre Truppen verkörperten, hatte er nach seiner ersten gewonnenen Schlacht anfertigen lassen. Soldaten, Kanoniere, Scharfschützen, Reiterfiguren für die Kavallerie. Die Goyl waren aus Karneol, die Kaiserlichen aus Silber, Lothringen trug Gold, die Armeen im Osten Kupfer und Albions Truppen marschierten in Elfenbein. Kami’en blickte auf sie herab, als suchte er nach einem Weg, sie alle gemeinsam zu schlagen. Er trug Schwarz, wie immer, wenn er die Uniform ablegte, und seine rote Haut schien noch mehr als sonst aus Feuer gemacht. Nie zuvor war Karneol die Hautfarbe eines Anführers gewesen. Bei den Goyl war Onyx die Farbe der Fürsten.

Kami’ens Geliebte trug wie immer Grün, Schichten aus smaragdfarbenem Samt, die sie einhüllten wie die Blätter einer Blüte. Selbst die schönste Goylfrau verblasste neben ihr wie ein Kiesel neben geschliffenem Mondstein, aber Hentzau verbot seinen Soldaten immer wieder, sie anzusehen. Nicht umsonst gab es all die Geschichten über Feen, die Männer mit einem Blick in Disteln oder hilflos zappelnde Fische verwandelten. Ihre Schönheit war Spinnengift. Das Wasser hatte sie und ihre Schwestern geboren, und Hentzau fürchtete sie ebenso sehr wie die Meere, die an den Steinen der Welt nagten.

Die Fee streifte ihn nur mit einem Blick, als er eintrat. Die Dunkle Fee. Selbst ihre eigenen Schwestern hatten sie verstoßen. Es hieß, dass sie Gedanken lesen konnte, aber Hentzau glaubte das nicht. Sie hätte ihn längst getötet für all das, was er über sie dachte.

Er kehrte ihr den Rücken zu und beugte den Kopf vor dem König. »Ihr habt mich rufen lassen.«

Kami’en griff nach einer der Silberfiguren und wog sie in der Hand. »Du musst jemanden für mich finden. Einen Menschen, dem das Steinerne Fleisch wächst.«

Hentzau warf der Fee einen raschen Blick zu.

»Wo soll ich da suchen?«, erwiderte er. »Davon gibt es inzwischen Tausende.«

Menschengoyl. Früher hatte Hentzau seine Klauen zum Töten benutzt, doch nun ließ der Zauber der Fee sie Steinernes Fleisch säen. Wie alle Feen konnte sie keine Kinder gebären, also schenkte sie Kami’en Söhne, indem jeder Klauenhieb seiner Soldaten einen seiner Feinde zum Goyl machte. Niemand kämpfte mitleidloser als ein Menschengoyl gegen seine früheren Artgenossen, aber Hentzau verabscheute sie ebenso sehr wie die Fee, deren Zauber sie erschaffen hatte.

Auf Kami’ens Mund hatte sich ein Lächeln gestohlen. Nein. Die Fee konnte Hentzaus Gedanken nicht lesen, aber sein König schon.

»Keine Sorge. Der, den du finden sollst, ist leicht von den anderen zu unterscheiden.« Kami’en stellte die silberne Figur zurück auf die Karte. »Die Haut, die ihm wächst, ist aus Jade.«

Die Wachen wechselten einen raschen Blick, aber Hentzau verzog nur ungläubig den Mund. Die Lavamänner, die das Blut der Erde kochten, der augenlose Vogel, der alles sah – und der Goyl mit der Jadehaut, der den König, dem er diente, unbesiegbar machte … Geschichten für Kinder, um die Dunkelheit unter der Erde mit Bildern zu füllen.

»Welcher Kundschafter hat Euch das erzählt?« Hentzau strich sich über die schmerzende Haut. Schon bald würde sie durch die Kälte mehr Risse haben als zersplittertes Glas. »Lasst ihn erschießen. Der Jadegoyl ist ein Märchen. Seit wann verwechselt Ihr die mit der Wirklichkeit?«

Die Wachen senkten nervös die Köpfe. Jeden anderen Goyl hätten solche Worte das Leben gekostet, aber Kami’en zuckte nur die Schultern.

»Finde ihn!«, sagte er. »Sie hat von ihm geträumt.«

Sie. Die Fee strich über den Samt ihres Kleides. Sechs Finger an jeder Hand. Jeder für einen anderen Zauber. Hentzau spürte, wie der Zorn in ihm erwachte. Der Zorn, der ihnen allen im steinernen Fleisch nistete wie die Hitze im Schoß der Erde. Er würde für seinen König sterben, wenn es nötig war, aber es war etwas anderes, nach den Traumgespinsten seiner Geliebten zu suchen.

»Ihr braucht keinen Jadegoyl, um unbesiegbar zu sein!«

Kami’en musterte ihn wie einen Fremden.

Euer Majestät. Hentzau ertappte sich immer öfter dabei, dass er Scheu hatte, ihn beim Namen zu nennen.

»Finde ihn«, wiederholte Kami’en. »Sie sagt, es ist wichtig, und bisher hatte sie immer recht.«

Die Fee trat an seine Seite, und Hentzau malte sich aus, wie er ihr den blassen Hals zudrückte. Aber nicht einmal das brachte Trost. Sie war unsterblich und irgendwann würde sie ihm beim Sterben zusehen. Ihm und Kami’en. Und dessen Kindern und Kindeskindern. Sie alle waren ihr Spielzeug, ihr sterbliches, steinernes Spielzeug. Aber Kami’en liebte sie, mehr als die beiden Goylfrauen, die ihm drei Töchter und einen Sohn geschenkt hatten.

Weil sie ihn verhext hat!, flüsterte es in Hentzau. Doch er beugte den Kopf und legte die Faust ans Herz. »Was immer Ihr befehlt.«

»Ich habe ihn im Schwarzen Wald gesehen.« Selbst ihre Stimme klang nach Wasser.

»Der ist sechzig Quadratmeilen groß!«

Die Fee lächelte, und Hentzau spürte, wie Hass und Furcht ihm das Herz erstickten.

Ohne ein Wort löste sie die Perlenspangen, mit denen sie ihr Haar hochsteckte wie eine Menschenfrau, und fuhr mit der Hand hindurch. Schwarze Motten flatterten ihr zwischen den Fingern hervor, mit blassen Flecken auf den Flügeln, die aussahen wie Schädel. Die Wachen öffneten hastig die Türen, als sie auf sie zuschwärmten, und auch Hentzaus Soldaten, die draußen auf dem dunklen Korridor warteten, wichen zurück, als die Motten an ihnen vorbeiflogen. Sie alle wussten, dass ihre Stiche selbst durch Goylhaut drangen.

Die Fee aber steckte sich die Spangen zurück ins Haar.

»Wenn sie ihn gefunden haben«, sagte sie, ohne Hentzau anzusehen, »werden sie zu dir kommen. Und du bringst ihn sofort zu mir.«

Seine Männer starrten sie durch die offene Tür an, aber sie senkten hastig die Köpfe, als Hentzau sich umwandte.

Fee.

Verflucht sollte sie sein, sie und die Nacht, in der sie plötzlich zwischen ihren Zelten gestanden hatte. Die dritte Schlacht, der dritte Sieg. Und sie war auf das Zelt des Königs zugegangen, als hätte das Stöhnen der Verwundeten sie geboren und der weiße Mond, der über den Toten stand. Hentzau war ihr in den Weg getreten, aber sie war einfach durch ihn hindurchgegangen, wie Wasser durch porösen Stein – als gehörte auch er schon zu den Toten –, und hatte seinem König das Herz gestohlen, um sich die eigene herzlose Brust damit zu füllen.

Selbst Hentzau musste zugeben, dass die besten Waffen nicht halb so viel Schrecken verbreiteten wie ihr Fluch, der das weiche Fleisch ihrer Gegner in Stein verwandelte. Aber er war sicher, dass sie den Krieg auch ohne sie gewonnen hätten und dass der Sieg so viel besser geschmeckt hätte.

»Ich werde den Jadegoyl auch ohne Eure Motten finden«, sagte er. »Falls er tatsächlich mehr ist als ein Traum.«

Sie antwortete ihm nur mit einem Lächeln. Es folgte ihm bis hinauf ins Tageslicht, das ihm die Augen trübte und die Haut springen ließ.

Verflucht sollte sie sein.

Wills Stimme hatte so anders geklungen. Clara hatte sie kaum erkannt. Erst all die Wochen ohne ein Lebenszeichen von ihm und dann dieser Fremde am Telefon, der nicht wirklich sagte, warum er anrief.

Die Straßen schienen noch voller als sonst und der Weg endlos lang, bis sie endlich vor dem alten Apartmenthaus stand, in dem er und sein Bruder aufgewachsen waren. Von der grauen Fassade starrten Gesichter aus Stein, die verzerrten Züge zerfressen von Abgasen. Clara blickte unwillkürlich zu ihnen hinauf, als der Portier ihr die Tür aufhielt. Sie trug immer noch den blassgrünen Krankenhauskittel unter dem Mantel. Sie hatte sich nicht die Zeit genommen, sich umzuziehen, sondern war einfach losgelaufen.

Will.

Er hatte so verloren geklungen. Wie ein Ertrinkender. Oder jemand, der sich verabschiedet.

Clara zog das Gitter des alten Aufzugs hinter sich zu. Sie hatte den Kittel auch getragen, als sie Will zum ersten Mal begegnet war, vor dem Zimmer, in dem seine Mutter gelegen hatte. Sie arbeitete oft an den Wochenenden im Krankenhaus, nicht nur, weil sie das Geld brauchte. Fachbücher und Universitäten ließen allzu oft vergessen, dass Fleisch und Blut sehr wirkliche Dinge waren.

Siebter Stock.

Das kupferne Namensschild neben der Tür war so angelaufen, dass Clara unwillkürlich mit dem Ärmel darüberwischte.

RECKLESS. Will machte sich oft lustig darüber, wie wenig der Name zu ihm passte.

Hinter der Wohnungstür stapelte sich die ungeöffnete Post, aber im Flur brannte Licht.

»Will?«

Sie öffnete die Tür zu seinem Zimmer.

Nichts.

In der Küche war er auch nicht.

Die Wohnung sah aus, als wäre seit Wochen niemand zu Hause gewesen. Aber Will hatte gesagt, dass er von dort anrief. Wo war er?

Clara ging vorbei an dem leeren Zimmer seiner Mutter und an dem seines Bruders, den sie noch nie zu Gesicht bekommen hatte. »Jacob ist verreist.« Jacob war immer verreist. Manchmal war sie nicht sicher, ob es ihn überhaupt gab.

Sie blieb stehen.

Die Tür zum Arbeitszimmer seines Vaters stand offen. Will betrat das Zimmer nie. Er ignorierte alles, was mit seinem Vater zu tun hatte.

Clara trat zögernd hinein. Bücherregale, ein Vitrinenschrank, ein Schreibtisch. Die Flugzeugmodelle, die darüberhingen, trugen den Staub wie schmutzigen Schnee auf den Flügeln. Das ganze Zimmer war verstaubt und so kalt, dass sie ihren Atem sah.

Zwischen den Bücherregalen hing ein Spiegel.

Clara trat darauf zu und strich über die silbernen Rosen, die den Rahmen bedeckten. Sie hatte noch nie etwas Schöneres gesehen. Das Glas, das sie umfassten, war so dunkel, als wäre die Nacht darin ausgelaufen. Es war beschlagen, und dort, wo sich Claras Gesicht spiegelte, war der Abdruck einer Hand zu sehen.

Das Laternenlicht füllte die Straßen von Schwanstein wie verlaufene Milch. Gaslicht und hölzerne Kutschräder, die über holpriges Kopfsteinpflaster rollten, Frauen in langen Röcken, die Säume nass vom Regen. Die feuchte Herbstluft roch nach Rauch, und Kohlenasche schwärzte die Wäsche, die zwischen den spitzen Giebeln hing. Es gab inzwischen einen Bahnhof gleich gegenüber der Postkutschstation und ein Telegrafenbüro. Ein Fotograf bannte steife Hüte und berüschte Röcke auf Platten aus Silber, und Fahrräder lehnten an Hauswänden, an denen Plakate vor Wassermännern und Goldraben warnten. Nirgendwo ahmte die Spiegelwelt die andere Seite so eifrig nach wie in Schwanstein, und Jacob hatte sich natürlich schon oft gefragt, wie viel von alldem durch den Spiegel gekommen war, der im Arbeitszimmer seines Vaters hing. Im Museum der Stadt gab es ein paar Dinge, die verdächtig nach der anderen Welt aussahen. Ein Kompass und eine Kamera kamen Jacob sogar so bekannt vor, dass er sie für das Eigentum seines Vaters hielt, aber niemand hatte ihm sagen können, wohin der Fremde verschwunden war, der sie hinterlassen hatte.

Die Glocken der Stadt läuteten den Abend ein, als Jacob die Straße hinunterging, die zum Marktplatz führte. Vor einem Bäckerladen verkaufte eine Zwergin geröstete Kastanien. Der süße Duft mischte sich mit dem Geruch der Pferdeäpfel, die überall auf dem Straßenpflaster lagen. Die Idee des Automotors war bislang nicht durch den Spiegel gedrungen, und das Denkmal auf dem Marktplatz war das Reiterstandbild eines Fürsten, der in den umliegenden Hügeln noch Riesen erschlagen hatte. Er war ein Vorfahre der derzeitigen Kaiserin, Therese von Austrien, deren Familie nicht nur Riesen, sondern auch Drachen so erfolgreich gejagt hatte, dass beide in ihrem Herrschaftsgebiet als ausgestorben galten. Der Zeitungsjunge, der neben dem Denkmal die neuesten Nachrichten in den Abend rief, hatte deshalb sicher nie mehr als den Fußabdruck eines Riesen oder die Spuren von Drachenfeuer an der Stadtmauer zu Gesicht bekommen.

Entscheidende Schlacht, hohe Verluste … General gefallen … geheime Verhandlungen mit den Goyl …

Es herrschte Krieg in der Spiegelwelt und er wurde nicht von Menschen gewonnen. Vier Tage waren vergangen, seit Will und er einem ihrer Stoßtrupps in die Arme gelaufen waren, aber Jacob sah sie immer noch aus dem Wald kommen: drei Soldaten und einen Offizier, die steinernen Gesichter feucht vom Regen. Augen aus Gold und schwarze Klauen, die den Hals seines Bruders aufrissen … Goyl.

»Pass auf deinen Bruder auf, Jacob.«

Er drückte dem Jungen drei Kupfergroschen in die schmutzige Hand. Der Heinzel, der auf seiner Schulter hockte, beäugte sie voll Misstrauen. Viele Heinzel schlossen sich Menschen an und ließen sich von ihnen füttern und kleiden, was allerdings nichts an ihrer ständig schlechten Laune änderte.

»Wo stehen die Goyl?« Jacob nahm sich eine Zeitung.

»Keine fünf Meilen von hier.« Der Junge zeigte nach Südosten. »Wenn der Wind günstig stand, hat man die Schüsse gehört. Aber seit gestern ist es still.« Er schien fast enttäuscht. In seinem Alter klang selbst der Krieg nach Abenteuer.

Die kaiserlichen Soldaten, die aus dem Wirtshaus neben der Kirche kamen, wussten es sicher besser. ZUM MENSCHENFRESSER. Jacob war Zeuge bei dem Ereignis gewesen, das dem Wirtshaus seinen Namen gegeben und seinen Besitzer den rechten Arm gekostet hatte.

Albert Chanute stand mit mürrischer Miene hinter dem Tresen, als Jacob in die dunkle Schankstube trat. Chanute war ein so feister Klotz von Mann, dass man ihm nachsagte, Trollblut in den Adern zu haben – nicht gerade ein Kompliment in der Spiegelwelt –, aber bis der Menschenfresser ihm den Arm abgehackt hatte, war Albert Chanute der beste Schatzjäger von ganz Austrien gewesen, und Jacob war viele Jahre bei ihm in die Lehre gegangen. Chanute hatte ihm gezeigt, wie man es hinter dem Spiegel zu Ruhm und Reichtum brachte, und Jacob hatte zum Ausgleich verhindert, dass der Menschenfresser dem alten Schatzsucher auch noch den Kopf abschlug.

Die Wände des Schankraums waren bedeckt mit Andenken an Chanutes ruhmreichere Tage: der Kopf eines Braunwolfs, die Ofentür aus einem Lebkuchenhaus, ein Knüppelausdemsack, der von der Wand sprang, wenn ein Gast sich nicht benahm, und, gleich über dem Tresen, aufgehängt an den Ketten, mit denen er seine Opfer gefesselt hatte, ein Arm des Menschenfressers, der Chanutes Schatzjägertage beendet hatte. Die bläuliche Haut schimmerte immer noch wie Echsenleder.

»Sieh an! Jacob Reckless.« Chanutes mürrischer Mund verzog sich tatsächlich zu einem Lächeln. »Ich dachte, du wärst in Lothringen, auf der Suche nach einem Stundenglas.«

Chanute war eine Legende als Schatzjäger gewesen, aber Jacob hatte inzwischen einen mindestens ebenso guten Ruf auf diesem Gebiet, und die drei Männer, die an einem der fleckigen Tische saßen, hoben neugierig die Köpfe.

»Werde deine Kundschaft los!«, raunte Jacob Chanute über den Tresen zu. »Ich muss mit dir reden.«

Dann stieg er hinauf zu der Kammer, die seit Jahren der einzige Ort war, den er in dieser oder der anderen Welt sein Zuhause nannte.

Ein Tischleindeckdich, ein Gläserner Schuh, der Goldene Ball einer Prinzessin – Jacob hatte schon vieles in dieser Welt gefunden und für viel Geld an Fürsten und reiche Händler verkauft. Aber in der Truhe, die hinter der Tür der schlichten Kammer stand, bewahrte er die Schätze auf, die er für sich behalten hatte. Sie waren sein Handwerkszeug und Rettung in vielen Notlagen gewesen, aber Jacob hätte nie gedacht, dass sie ihm eines Tages würden helfen müssen, seinen eigenen Bruder zu retten.

Das Taschentuch, das er als Erstes aus der Truhe nahm, war aus einfachem Leinen, aber wenn man es zwischen den Fingern rieb, brachte es zuverlässig ein bis zwei Goldtaler hervor. Jacob hatte es vor Jahren von einer Hexe bekommen, für einen Kuss, der ihm noch Wochen auf den Lippen gebrannt hatte. Die anderen Dinge, die er in seinem Rucksack verstaute, sahen ebenso unscheinbar aus: eine silberne Schnupftabakdose, ein Schlüssel aus Messing, ein Zinnteller und ein Fläschchen aus grünem Glas. Doch jedes einzelne hatte ihm schon mindestens einmal das Leben gerettet.

Die Schankstube war leer, als Jacob die Treppe wieder herunterstieg, und Chanute saß an einem der Tische und schob ihm einen Becher Wein hin, sobald er sich zu ihm setzte.

»Also? Welchen Ärger hast du diesmal?« Chanute warf dem Wein einen begehrlichen Blick zu, aber er selbst hatte nur ein Glas Wasser vor sich stehen. Früher war er so oft betrunken gewesen, dass Jacob die Flaschen vor ihm versteckt hatte, obwohl Chanute ihn dafür jedes Mal verprügelt hatte. Der alte Schatzjäger hatte ihn oft geschlagen – auch wenn er nüchtern gewesen war –, bis Jacob eines Tages seine eigene Pistole auf ihn gerichtet hatte. Chanute war auch in der Höhle des Menschenfressers betrunken gewesen, und vermutlich hätte er seinen Arm behalten, hätte er damals geradeaus sehen können. Danach hatte er das Trinken aufgegeben. Der Schatzjäger war ein lausiger Vaterersatz gewesen, und Jacob war immer etwas auf der Hut vor ihm, aber wenn irgendjemand wusste, was Will retten konnte, dann war es Albert Chanute.

»Was würdest du tun, wenn einer deiner Freunde die Klauen der Goyl zu spüren bekommen hätte?«

Chanute verschluckte sich an seinem Wasser und musterte Jacob, als wollte er sichergehen, dass er nicht von sich selbst sprach.

»Ich hab keine Freunde«, grunzte er. »Und du auch nicht. Man muss ihnen trauen und darin sind wir beide nicht gut. Wer ist es?«

Aber Jacob schüttelte nur den Kopf.

»Ach ja. Jacob Reckless liebt es geheimnisvoll! Wie konnte ich das vergessen?« Chanutes Stimme klang bitter. Er hielt Jacob trotz allem für den Sohn, den er nie gehabt hatte. »Wann haben sie diesen Freund erwischt?«

»Vor vier Tagen.«

Die Goyl hatten sie unweit eines Dorfes angegriffen, in dem Jacob nach dem Stundenglas gesucht hatte. Er hatte unterschätzt, wie weit ihre Stoßtrupps schon in kaiserliches Gebiet vordrangen, und Will hatte nach dem Angriff solche Schmerzen gehabt, dass sie Tage für den Rückweg gebraucht hatten. Zurück, wohin? Es gab kein Zurück mehr, aber Jacob hatte nicht das Herz gehabt, Will das zu sagen.

Chanute fuhr sich durch das borstige graue Haar. »Vier Tage? Vergiss es. Dann ist er schon halb einer von ihnen. Erinnerst du dich noch an die Zeit, in der die Kaiserin sie in allen Farben gesammelt hat und dieser Bauer uns einen Toten als Onyx andrehen wollte, dem er die Mondsteinhaut mit Lampenruß gefärbt hatte?«

Ja, Jacob erinnerte sich. Die Steingesichter. So hatte man sie damals noch genannt und Kindern Geschichten über sie erzählt, um ihnen Angst vor der Nacht zu machen. Während er mit Chanute umherzog, hatten sie gerade begonnen, auch in Höhlen über der Erde zu hausen, und jedes Dorf hatte Goyl-Hetzjagden organisiert. Aber inzwischen hatten sie einen König und er hatte aus den Gejagten Jäger gemacht.

Neben der Hintertür raschelte es und Chanute zog sein Messer. Er warf es so schnell, dass er die Ratte im Sprung an die Wand nagelte.

»Diese Welt geht zugrunde«, knurrte er und schob den Stuhl zurück. »Die Ratten werden groß wie Hunde. Auf der Straße stinkt es wie in einer Trollhöhle von all den Fabriken und die Goyl stehen nur ein paar Meilen von hier.«

Er hob die tote Ratte auf und warf sie auf den Tisch.

»Es gibt nichts, was gegen das Steinerne Fleisch hilft. Aber wenn es mich erwischt hätte, würde ich zu einem Hexenhaus reiten und im Garten nach einem Busch mit schwarzen Beeren suchen.« Chanute wischte sich das blutige Messer am Ärmel ab. »Allerdings muss es der Garten einer Kinderfresserin sein.«

»Ich dachte, die wären alle nach Lothringen gezogen, seit nicht nur die Kaiserin, sondern auch die anderen Hexen sie jagen?«

»Aber ihre Häuser sind noch da. Die Büsche wachsen dort, wo sie die Knochen ihrer Opfer vergraben haben. Die Beeren sind das stärkste Gegenmittel gegen Flüche, von dem ich weiß.«

Hexenbeeren. Jacob musterte die Ofentür, die an der Wand hing. »Die Hexe im Schwarzen Wald war eine Kinderfresserin, oder?«

»Sie war eine der schlimmsten. Ich hab in ihrem Haus mal nach einem dieser Kämme gesucht, die dich in eine Krähe verwandeln, wenn du sie ins Haar steckst.«

»Ich weiß. Du hast mich vorgeschickt.«

»Tatsächlich?« Chanute rieb sich verlegen die fleischige Nase. Er hatte Jacob weisgemacht, dass die Hexe ausgeflogen war.

»Du hast mir Schnaps auf die Wunden gegossen.« Man sah die Abdrücke ihrer Finger immer noch an seinem Hals. Es hatte Wochen gedauert, bis die Brandwunden geheilt waren. Jacob warf sich den Rucksack über die Schulter. »Ich brauche ein Packpferd, Proviant, zwei Flinten und Munition.«

Aber Chanute schien ihn nicht gehört zu haben. Er starrte auf seine Trophäen. »Gute alte Zeiten«, murmelte er. »Die Kaiserin hat mich dreimal persönlich empfangen. Auf wie viele Male hast du es gebracht?«

Jacob rieb das Tuch in seiner Tasche, bis er zwei Goldtaler zwischen den Fingern fühlte.

»Zweimal«, sagte er und warf die Taler auf den Tisch. Er brachte es inzwischen auf sechs kaiserliche Audienzen, aber Chanute machte die Lüge sehr glücklich.

»Steck das Gold wieder ein!«, brummte er. »Ich nehme kein Geld von dir.« Dann hielt er Jacob sein Messer hin.

»Hier«, sagte er. »Es gibt nichts, was diese Klinge nicht zerschneidet. Ich hab so eine Ahnung, dass du sie nötiger brauchen wirst als ich.«