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»Dieses Buch ist von poetischen, ergreifenden und intelligenten Stimmen erfüllt, die uns zu einer neuen und vertieften Aufmerksamkeit für unseren leidenden Planeten aufrufen. Diesen Ruf zu hören und zu beantworten stellt bereits einen Weg zu echtem Erwachen dar, der die uns innewohnende Zughörigkeit zu dieser lebendigen Welt und ihrer alles durchdringenden Heiligkeit offenbart.«

– TARA BRACH, Ph.D.

Autorin von Nach Hause kommen zu sich selbst: Im eigenen erwachten Herzen Zuflucht und Geborgenheit finden (Koha) und Mit dem Herzen eines Buddha: Heilende Wege zu Selbstakzeptanz und Lebensfreude (O.W. Barth)

»Die Stimmen in diesem Buch stellen einen unverzichtbaren Weckruf sowie eine Botschaft der Hoffnung und Dringlichkeit dar. Ihre Vision repräsentiert eine sowohl ökologisch als auch spirituell nachhaltige Zukunft.«

– REVEREND FLETCHER HARPER,

Leiter von GreenFaith, www.greenfaith.org

»Spirituelle Ökologie ist eine hervorragende Sammlung wohlüberlegter Beiträge von Menschen, die in die Tiefe gegangen sind, um unsere Beziehung zur Erde zu verstehen. Es erscheint in einer Zeit, die für die Menschheit von entscheidender Bedeutung ist.«

– BARRY LOPEZ,

Landschaftsfotograf und Autor von Arktische Träume (Fischer),

Gewinner des National Book Award

Llewellyn Vaughan-Lee (Hrsg.)

Spirituelle
Ökologie

DER RUF der ERDE

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Bücher haben feste Preise.
1. Auflage 2015

Inhalt

Llewellyn Vaughan-Lee

Einleitung

Häuptling Oren Lyons

Auf das Naturgesetz hören

Thomas Berry

Die Welt des Staunens

Thich Nhat Hanh

Die Glocken der Achtsamkeit

Häuptling Tamale Bwoya

Die Offenbarung von Laikipia, Kenia

John Stanley & David Loy

Am Rande des Abgrunds: Die Evolutionskrise des menschlichen Geistes

Mary Evelyn Tucker & Brian Thomas Swimme

Der nächste Übergang: Die Evolution der Rolle der Menschheit innerhalb des Universums

Schwester Miriam MacGillis

Die Arbeit der Genesis Farm – ein Interview

Wendell Berry

Beiträge

Winona LaDuke

In der Zeit der heiligen Stätten

Vandana Shiva

Annadana: Das Geschenk der Nahrung

Susan Murphy

Das Koan der Erde

Satish Kumar

Die drei Dimensionen der Ökologie: Erdboden, Seele und Gesellschaft

Joanna Macy

Das »Ergrünen« des Selbst

Geneen Marie Haugen

Die Erde imaginieren

Jules Cashford

Gaia & die Anima mundi

Bill Plotkin

Für die Seele der Welt sorgen

Sandra Ingerman

Medizin für die Erde

Pir Zia Inayat Khan

Persische und indische Visionen der lebendigen Erde

Fr. Richard Rohr

Die Schöpfung als Körper Gottes

Llewellyn Vaughan-Lee

Der Ruf der Erde

Epilog

Anmerkungen

Danksagung

Einleitung

DIE ERDE ist in Bedrängnis und ruft nach uns. Mit Erdbeben und Tsunamis, Stürmen und Überflutungen, noch nie dagewesener Hitze und Dürre signalisiert sie uns, wie extrem sie sich mittlerweile im Ungleichgewicht befindet. Es gibt bereits Hinweise darauf, dass sich ihr Ökosystem als Ganzes sogar einem »Kippunkt« oder einem »Zustandswandel« nähert, an dem es zu unumkehrbaren Veränderungen mit unvorhersehbaren Konsequenzen kommt.

Manche von uns – Gruppen wie Einzelpersonen – hören diesen Ruf und reagieren auf diese Zeichen mit Ideen und Handlungen, die unsere kollektive Aufmerksamkeit auf unsere nicht nachhaltige, materialistische Lebensweise lenkt und darauf, wie dieser Lebensstil zur ökologischen Zerstörung, zu einer vermehrten Umweltverschmutzung und dem Raubbau an den Arten beiträgt. Doch traurigerweise entspringt diese Reaktion zu einem großen Teil genau derselben Denkweise, die dieses Ungleichgewicht verursacht hat: nämlich der Überzeugung, dass wir von der Welt getrennt seien – von einer Welt, die irgendetwas »da draußen« darstellt und ein Problem ist, das wir lösen müssen.

Doch die Welt ist keineswegs ein Problem, das es zu lösen gilt, sondern ein lebendes Wesen, zu dem auch wir gehören. Sie ist ein Teil unserer selbst, und wir sind ein Teil ihrer leidenden Ganzheit. Solange wir nicht unserer Vorstellung von der Abgetrenntheit auf den Grund gehen, kann es keine Heilung geben. Und der tiefste Teil unserer Abgetrenntheit von der Schöpfung besteht darin, dass wir ihre heilige Natur vergessen haben, die auch unsere eigene heilige Natur ist. Als unsere monotheistische westliche Kultur damit begann, die vielen Schöpfungsgötter und -göttinnen zu verdrängen, die heiligen Haine zu fällen und Gott in den Himmel zu verbannen, traten wir in einen Kreislauf ein, der uns eine Welt hinterlassen hat, die auf eine für indigene Völker undenkbare Weise bar alles Heiligen ist. Die natürliche Welt und die Menschen, die ihre Weisheit weitertragen, wissen, dass die Schöpfung und ihre vielen Bewohner heilig sind und zusammengehören. Unsere Abtrennung von der natürlichen Welt mag uns die Früchte der Wissenschaft und Technologie beschert haben, aber sie hat uns auch jeder instinktiven Verbindung mit der spirituellen Dimension des Lebens beraubt – der Verbindung zwischen unserer Seele und der Seele der Welt sowie des Wissens, dass wir alle Teil eines einzigen lebendigen und spirituellen Wesen sind.

Genau diese Ganzheit ruft nun nach uns und bedarf unserer Antwort. Sie bedarf unserer Rückkehr zu unseren eigenen Wurzeln und unserer Verwurzelung; unserer Beziehung zum Heiligen in der Schöpfung. Nur von einem Ort der heiligen Ganzheit und Verehrung aus können wir mit der Heilungsarbeit beginnen, die darin besteht, die Welt wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Dieses Buch ist eine Sammlung von Antworten auf den Ruf der Erde. Jede davon stellt eine unterschiedliche Reaktion auf diesen Ruf dar und bietet ihre eigene Art der Achtsamkeit und der Erinnerung daran, was heilig ist – so, wie wir alle antworten müssen, und zwar jeder auf seine ganz eigene Weise, damit wir hier wieder präsent sein und die Erde sowohl in unserem Herzen und unserer Seele als auch mit unserem Verstand und unseren Händen halten können.

Diese Antworten werden nicht als Lösung eines Problems angeboten, denn die Welt ist kein Problem, sondern ein lebendes Wesen in Not. Die Anzeichen des globalen Ungleichgewichts – die Tsunamis, die Zerstörung der Korallenriffe – stellen mehr als nur physische Symptome dar. Wie Thich Nhat Hanh schreibt, sind sie »Glocken der Achtsamkeit«, die uns dazu aufrufen, aufmerksam zu sein, aufzuwachen und zuzuhören. Die Erde braucht unsere Aufmerksamkeit. Sie braucht uns, damit wir ihr helfen, ihren Körper zu heilen, dem wir durch unsere Ausbeutung Schaden zugefügt haben, und auch zur Heilung ihrer Seele, die durch unsere Entweihung verletzt worden ist, weil wir ihre heilige Natur vergessen haben. Nur, wenn wir uns daran erinnern, was heilig ist, können wir die Aufmerksamkeit auf unsere gegenwärtige Zwangslage richten.

Die verschiedenen Beiträge können als unterschiedliche Beschreibungen dieser Reise betrachtet werden, die wir jetzt aus unserer seelenlosen, materialistischen Ödnis in ein Land unternehmen müssen, das reich an Sinn und Bedeutung ist und einen heiligen Daseinszweck hat; ein Land, das den Namen und Ort eines jeden seiner Myriaden von Bewohnern kennt. Auf dieser Seite hier, wo sich unsere Welt jetzt befindet, führen wir alle unsere separaten Leben und sind im Inneren unseres verängstigten individuellen Selbst isoliert. Auf der anderen Seite spüren wir jedoch die Muster der gegenseitigen Wechselbeziehungen, die uns nähren und unterstützen; wir können als einzelne, lebendige Gemeinschaft vertraut miteinander verkehren; wir spüren die geheimnisvolle Magie einer Welt, die von heiligen Bedeutungen und einem heiligen Daseinszweck erfüllt ist. Nur von diesem anderen Ufer aus können wir darauf hoffen, unsere Welt zu heilen und ihr dabei zu helfen, sich von diesem Albtraum des Materialismus zu befreien, der ihre zerbrechliche und zauberhafte Schönheit zerstört. Nur dann können wir wieder zu unserem uralten Erbe als Wächter der Erde zurückkehren.

Die Beiträge dieses Buches stellen eine Reihe unterschiedlicher Perspektiven in Bezug auf das Erwachen dar, dass sich vor Beginn dieser Reise vollziehen muss. So hören wir zum Beispiel von Häuptling Oren Lyons, dem Glaubenshüter des Schildkröten-Stammes der Nation der Onondaga, dessen Worte von der Autorität und dem Wissen eines der gegenwärtigen Weisheitshüter des Landes getragen sind – jener Menschen, die unsere Aufmerksamkeit wieder auf die Vorrangstellung des Naturgesetzes richten; von Pater Thomas Berry, dessen Stimme zu den ersten gehört, die uns einen großen Teil unseres gegenwärtigen Verständnisses der spirituellen Ökologie vermittelt haben, und der große Trauer darüber geäußert hat, dass es den europäischen Siedlern in Nordamerika nicht gelungen ist, die Herrlichkeit des Landes und der Spiritualität seiner Völker zu erkennen und der die verzweifelte Notwendigkeit einer Wiedererlangung unseres Gefühls für das Staunen und die Verehrung zum Ausdruck bringt; vom buddhistischen Zen-Mönch Thich Nhat Hanh, der uns dazu drängt, aufzuwachen, die Zeichen zu erkennen, die uns die Erde in ihrer Not schickt und eine neue, auf Freundlichkeit und Mitgefühl beruhende Lebensweise zu kultivieren. Wir begegnen einer Vielzahl unterschiedlicher Betrachtungsweisen, die aus den buddhistischen, keltischen, christlichen, persischen und indischen Traditionen sowie aus jenen der amerikanischen Ureinwohner und der Sufi stammen; wir schauen durch die Brille der Systemtheorie, des heiligen Landes, des Gebrauchs der Vorstellungskraft, der Heiligkeit der Nahrung, der Welt der Archetypen und einer neuen Geschichte von einem lebendigen, intelligenten Universum. Wir hören die Stimmen und Visionen eines afrikanischen Stammeshäuptlings, eines Bauern und beliebten Dichters, einer katholischen Nonne, die sich auf eine erdbasierende Spiritualität gründet, eines Franziskanermönchs, eines amerikanischen Schamanen, eines indischen Arztes und Aktivisten, eines Wildnisführers und vieler anderer mehr.

Als Herausgeber bin ich all jenen zutiefst zu Dank verpflichtet, die ihre Stimme in diese Sammlung von Antworten auf eine sowohl spirituelle als auch materielle Weltkrise eingebracht haben. Sie alle sprechen auf unterschiedliche Weise dieselbe Botschaft aus: die Notwendigkeit zur Wiedererlangung unserer natürlichen Spiritualität, des der Natur innewohnenden Geistes. Nur wenn unsere Füße wieder lernen, auf heilige Weise zu gehen, und unsere Herzen erneut die wahre Musik der Schöpfung hören, können wir die Welt wieder ins Gleichgewicht bringen.

Zugleich ist zwischen diesen Zeilen jedoch auch eine Warnung zu finden – manchmal verborgen,, manchmal offen ausgesprochen. Wenn wir weiterhin die Heiligkeit allen Lebens ignorieren und die Kluft zwischen Geist und Materie nicht wieder überbrücken, wird unser Planet immer mehr aus dem Gleichgewicht geraten. Wenn die Seele ihrer spirituellen Verbindung beraubt wird, beginnt das Leben, wie wir es kennen, auseinanderzufallen und zu sterben. Dieser Prozess hat in geringem Maße bereits begonnen, doch wir wissen nicht, wie rasch er sich beschleunigen wird und wann wir den »Kippunkt« erreichen werden. Wir müssen dringend wieder unsere Funktion als Wächter der physischen und heiligen Welt beanspruchen. Wir müssen uns daran erinnern, warum wir hier sind. Um Wendell Berry zu zitieren:

»Für die Erde zu sorgen, ist unsere älteste, würdigste und schließlich auch vergnüglichste Verantwortung. Unsere einzige gerechtfertigte Hoffnung besteht darin, zu hegen, was noch von ihr verblieben ist, und ihre Erneuerung zu fördern.«

LLEWELLYN VAUGHAN-LEE, Herausgeber

Seht, meine Geschwister, der Frühling ist gekommen;

die Erde hat die Umarmung der Sonne empfangen, und

bald schon werden wir das Ergebnis dieser Umarmung sehen!

Jeder Samen ist erwacht, und so auch das Leben der Tiere.

Durch diese mysteriöse Kraft erlangen auch wir

unser Sein, und deshalb gewähren wir unseren Nachbarn,

sogar unseren tierischen Nachbarn, dasselbe Recht,

dieses Land zu bewohnen, wie auch uns selbst.

TATANKA YOTANKA, SITTING BULL

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Der Hüter des Glaubens des Schildkrötenclans der Onondaga-Nation, HÄUPTLING OREN LYONS, ist für die Erhaltung der Bräuche und Traditionen seines Volkes verantwortlich und repräsentiert zugleich dessen Botschaft an die Weltgemeinschaft. Hier spricht er über die spirituellen Gesetze der Natur und über den absoluten Charakter dieser Gesetze. Wir müssen unsere Lebensweise verändern und den Krieg gegen Mutter Erde beenden. Wir müssen wieder lernen, die Natur zu respektieren, dankbar zu sein und das Leben zu genießen.

 

Auf das Naturgesetz hören

HÄUPTLING OREN LYONS

NEYAWENHA SKANNOH. Das bedeutet: »Ich danke dir dafür, dass es dir gut geht.« Dieser Gruß selbst vermittelt bereits etwas von der Art, wie Indianer denken und wie ihre Gemeinschaft funktioniert.

Was dir und der Erde widerfährt, geschieht uns allen und betrifft also auch uns alle. Wir haben hier gemeinsame Interessen. Irgendwie müssen wir versuchen, die Machthaber davon zu überzeugen, den eingeschlagenen Kurs zu ändern. Wir müssen verantwortungsvoller werden und damit beginnen, uns mit unseren zukünftigen Gegebenheiten auseinanderzusetzen, um sicherzustellen, dass es für unsere Kinder und für das Volk überhaupt eine Zukunft gibt. Darum geht es. Das ist sowohl uns, als auch dir von Nutzen.

Angesichts der Kämpfe und Anliegen, mit denen wir uns als einfache Leute, als menschliche Wesen und als Spezies konfrontiert sehen, müssen wir uns miteinander verbünden und Dinge wie jene tun, die wir bereits unternehmen – einander begegnen, uns austauschen, lernen. Letzten Endes kommt es auf den Willen an, darauf, wie es in deinem Herzen aussieht. Die indianischen Völker haben bis zum heutigen Tage überlebt, weil wir über einen starken Willen verfügen. Wir sind nicht der Ansicht, dass wir uns einfügen sollten. Wir sind nicht der Ansicht, dass wir unsere Lebensweise aufgeben sollten. Und eben dieser Wille sollte auch in deinem Herzen sein – die Bereitschaft, dem Gedanken, dass es keine Zukunft mehr gibt, nicht zuzustimmen.

Ich persönlich glaube nicht, dass wir bereits den Punkt erreicht haben, an dem es keinen Ausweg aus unserer derzeitigen Lage mehr gibt, aber wir nähern uns ihm. Je weiter wir von einem Punkt entfernt sind, an dem es kein Zurück mehr gibt, umso mehr Möglichkeiten stehen uns noch offen. Doch mit jedem Tag, den wir diesem Punkt näherkommen, verlieren wir die Möglichkeit dieses Tages. Irgendwann werden wir den Moment erreichen, an dem keine weiteren Möglichkeiten mehr verbleiben. Dann wird es keinen Ausweg mehr geben. Dann werden manche Menschen weinen, andere werden einfach fortfahren. Häuptling Shenandoah sagte einmal zu mir: »Ich weiß gar nicht, wo das große Problem sein soll. Es ist sowieso zu spät.« Ich antwortete: »Onkel, was meinst du damit?« »Nun«, sagte er, »sie haben großen Schaden angerichtet. Nun werden sie dafür leiden.« Das ist eine einfache, aber ziemlich zutreffende Bemerkung. Es wurde großer Schaden angerichtet, und die Menschen werden leiden, aber er führte den Gedanken nicht fort, der uns vor langer Zeit in den Prophezeiungen gegeben wurde – nämlich dass es zum Niedergang der Erde kommen würde. Man sagte uns, dass wir das jeweilige Stadium dieses Niedergangs der Erde an zwei wichtigen Alarmzeichen erkennen könnten.

Eines besteht in einer Zunahme der Windgeschwindigkeit. Man sagte uns, dass es dazu kommen werde. Wenn du eine Zunahme der Windgeschwindigkeit feststellst, lebst du in gefährlichen Zeiten. Man sagte uns, das andere Alarmzeichen für den Niedergang der Erde sei die Art des Umgangs der Menschen mit ihren Kindern. Sie sagten, es sei sehr wichtig, darauf zu achten, wie die Menschen ihre Kinder behandeln, denn daran könne man das Stadium des Verfalls der Erde ablesen. Wenn man heute die Zeitung aufschlägt, liest man über die sexuelle Ausbeutung von Kindern, und man erfährt von obdachlosen Kindern, deren Zahl in die Millionen geht. Für uns ist all das ein ernsthaftes Anzeichen des Niedergangs, doch die Gesellschaft kümmert es nicht.

Wir müssen diese Wegweiser also ernst nehmen und damit beginnen, uns zu organisieren und unser Bestmögliches geben. Wir müssen uns zusammenschließen und uns moralisch gegenseitig so gut unterstützen, dass wir nach Hause gehen, dort neu beginnen und das Ganze noch einmal machen können, denn alles beginnt in unserem eigenen Zuhause. Es beginnt genau dort, und zwar mit dir selbst. Es fängt mit dir selbst an und umfasst als nächstes deine Familie. Dann breitet es sich von deiner Familie aus weiter in die Umgebung hinein – so gehst du vor, denn so musst du vorgehen. Es ist eine Entwicklung, die sich von der Basis her ausbreitet. Du kehrst heim und beginnst, Informationen zu verbreiten, du wirst ein wenig enthusiastischer und vertrittst deine Positionen immer ernsthafter, und dann beginnst du, darauf zu beharren, dass die Menschen dich wahrnehmen und dir zuhören. Bildung ist wichtig, und es ist von grundlegender Bedeutung, wie du anderen vermittelst, was wir benötigen.

Die spirituelle Seite der natürlichen Welt ist allgemeingültig. Ihre Gesetze sind allgemeingültig. Wir sind darauf angewiesen – und das gilt für alle Menschen –, miteinander zurechtzukommen. Versuche, zu begreifen, worin diese Gesetze bestehen. Versuche, mit ihnen zurechtzukommen, unterstütze sie und arbeite mit ihnen. Man hat uns vor langer Zeit gesagt, dass das Leben kein Ende haben wird, wenn wir uns so verhalten. Es besteht einfach in Form großer Regenerationszyklen weiter, in diesen großartigen, kraftvollen Kreisläufen der fortwährenden Erneuerung.

Es liegt bei dir, ob du an dieser Regeneration herumbasteln oder sie unterbrechen willst, aber das kann zu schwerwiegenden Konsequenzen führen, denn wie bereits erwähnt, sind die Gesetze allgemeingültig. Bei Naturgesetzen gibt es keine Haftprüfung. Entweder befolgst du sie oder lässt es sein. Wenn du es sein lässt, bezahlst du dafür. So einfach ist das. Wir müssen also unsere Anführer zum Umdenken bewegen, und wenn diese dazu nicht bereit sind, müssen wir neue, bessere Anführer einsetzen. Wir müssen unsere eigenen Anführer hervorbringen und ganz oben einsetzen. Du bist dafür verantwortlich, gute Anführer auf den Schild zu heben. Bringe sie dorthin, wo sie wirklich etwas bewirken und den eingeschlagenen Kurs verändern können.

Ich komme aus Onondaga, und wenn ich an unser Land denke, erinnere ich mich an die Pflanzzeit. Ich stand hinter einem dieser Pflüge, die man hinter ein Pferd spannt. Und wenn man beim Pflügen auf einen Stein traf, flog man in meinem Alter geradewegs über den Pflugsterz. Es war schwer, diesen Pflug zu halten. Ich erinnere mich daran, es war harte Arbeit. Ackern und Bepflanzen ist nun einmal harte Arbeit. Man muss früh aufstehen und hat viel zu tun, aber es stellt eine hervorragende Charakterschulung dar. Es führt auf großartige Weise dazu, erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen und ist das beste Training, das es dafür geben kann. Aber heutzutage ist es schwierig, wieder zum Ackerbau zurückzukehren. Es wird jedoch eine Zeit kommen, in der nur jene, die wissen, wie man etwas anpflanzt, zu essen haben werden.

Und diese Zeit ist gar nicht so weit entfernt. Deshalb müssen all die indianischen Nationen, die ihre Zivilisationen rund um die Nahrung, um Dankfeste und die spirituellen Gesetze aufgebaut haben, wieder auferstehen, um einander daran zu erinnern, wie wichtig all diese Dinge sind. All diese Gemeinschaften sprechen von Gebeten. Wir nennen es zwar nicht so, tun es aber ständig. Wir singen Lieder über die Dämmerung, über Morgenzeremonien und das bald schon bevorstehende Dankfest. Während des ganzen Frühlings und Sommers danken wir. All unsere Zeremonien dienen dazu, zu danken. Wir feiern zwölf Monate im Jahr Dankfeste.

Wenn im Frühling der Saft in den Bäumen steigt, führen wir Dankeszeremonien aus. Wir danken dem Ahorn, dem Häuptling und Anführer aller Bäume. Wir danken allen Bäumen und haben Riten des Dankes während der Pflanzzeit. Dann kommt das Dankfest für die Erdbeeren, die ersten Früchte. Wir danken für die Bienen, den Mais, den Grünmais – wir danken. Erntedank: Die Gemeinde, der Erntevorgang, die Häuptlinge, die Stammesmütter – alle sind mit dabei. Auch die Familien sind da. Wie verschafft man einer Sache Respekt? Indem man genau das tut – dafür zu danken.

Wir müssen das tun. Wir müssen dankbar sein. Das haben wir immer gesagt. Zweierlei hat man uns mitgeteilt: dankbar zu sein, so dass all unsere Rituale Dankeszeremonien werden. Wir haben unsere Nationen auf diesem Grundsatz aufgebaut, und das könnt ihr auch tun. Das andere, wozu man uns riet, ist, das Leben zu genießen. Das ist eine Regel, ein Gesetz – genieße das Leben, denn so soll es sein. Ich weiß, dass du nicht mehr tun kannst, als dir möglich ist, und wenn du das getan hast, sollst du hinausgehen und dein Leben genießen. Nimm dich selbst nicht so ernst. Tue das Beste, was du kannst, aber tue es! So können du und ich Gemeinsamkeit haben. Ich mag zwar den Kopf hängen lassen, jammern oder eingeschnappt sein, aber es wirkt sehr erneuernd, andere Menschen zu treffen, mit ihnen zusammenzusitzen, sich zu unterhalten und all diesen positiven Energien wie zum Beispiel den Absichten der Bio-Ingenieure oder anderer Versammlungen zuzuhören. Ich kann nach Hause gehen und sagen: »Hey, da drüben gibt es einen Haufen guter Leute, die hart daran arbeiten, uns aus all dem herauszuhelfen.« Ich kann unseren Leuten sagen, sie sollen von ihren faulen Hintern aufstehen und etwas unternehmen. Es ist doch wahr – die Menschen sind heutzutage faul. Sie wissen gar nicht mehr, wie man arbeitet.

So ist es, und genau das brauchen wir. Mit harter Arbeit lässt sich alles erreichen. Das war einmal allgemein bekannt und als Gesetz anerkannt. Deshalb würde ich sagen, dass du im Sinne der Idee der Selbsterneuerung und dem Gedanken, gesellschaftlichen Frieden zu erreichen, deinen Anführern und jedem anderen mitteilen solltest, dass es niemals einen Weltfrieden geben kann, solange wir gegen Mutter Erde Krieg führen. Dieser Krieg gegen Mutter Erde bedeutet, zu zerstören, zu verderben, zu töten und zu vergiften. Solange wir das tun, werden wir keinen Frieden haben. Den allerersten Frieden musst du mit deiner Mutter, mit Mutter Erde, schließen.

Dahnayto (»Jetzt bin ich fertig.«)

Salz der Erde

Wasser ist

das Blut der Erde,

es fließt in unserem Blut

und unser Blut trägt Salz.

Die fließenden Gewässer

unserer Mutter Erde

speisen die Gestade

entfaltender Schöpfung.

Wir, ihre Hüter,

kennen den Schmerz,

der uns erkennen lässt.

Wir, das Salz der Erde.

Im still-bewegten,

tiefgründigen Ozean

vereinen sich Tränen

aus Schmerz und Freude.

Wiederkehrend

im Regen,

gereinigt im Dampfe

des Sonnenstrahls.

WERNER HARTUNG

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THOMAS BERRY, einer der einflussreichsten zeitgenössischen Vertreter erdverbundener Spiritualität, betrachtet die Erde als die ursprüngliche Quelle unserer Spiritualität. »Wenn keine Spiritualität in der Erde ist, dann ist da auch keine Spiritualität in uns selbst.« Wir haben vergessen, dass die Offenbarung, die wir in der natürlichen Welt und im weiteren Universum finden, die primäre göttliche Offenbarung ist. Wir müssen den Sinn für das Staunen zurückgewinnen, das aus einer heiligen, tiefen Vernetzung mit der Erde entsteht.

 

Die Welt des Staunens

THOMAS BERRY

WAS SIEHST DU? Was siehst du, wenn du nachts in das Firmament hinaufschaust, in die leuchtenden Sterne, die sich vom Mitternachtshimmel abheben? Was siehst du, wenn der Tag über dem östlichen Horizont anbricht? Was sind deine Gedanken in den letzten Sommertagen, wenn die Vögel in Richtung Süden aufbrechen, oder im Herbst, wenn die Blätter sich braun färben und davongeweht werden? Was sind deine Gedanken, wenn du am Abend über den Ozean hinausblickst? Was siehst du?

Viele frühere Völker sahen in diesen natürlichen Phänomenen eine Welt hinter der vergänglichen Erscheinung, eine beständige Welt, eine Welt, weitergedacht in den Wundern der Sonne und der Wolken bei Tag und der Sterne und Planeten bei Nacht, eine Welt, die den Menschen in tiefgründiger Weise umfasste. Diese andere Welt war Beschützer, Lehrer, Heiler – die Quelle, aus der die Menschen geboren, genährt, geschützt und geleitet wurden, und das Schicksal, zu dem wir zurückkehrten.

Darüber hinaus bot diese Welt die seelische Kraft, die wir Menschen in Krisenzeiten brauchten. Zusammen mit der sichtbaren und der kosmischen Welt bildete die menschliche Welt eine bedeutungsvolle, dreifaltige Daseins-Gemeinschaft. Besonders deutlich finden wir dies im konfuzianischen Denken ausgedrückt, wo der Mensch als Teil eines Dreiklangs betrachtet wurde, den er gemeinsam mit Himmel und Erde bildete. Die kosmische Welt bestand aus Kräften, die wie zur menschlichen Welt in Beziehung stehende Personen behandelt wurden. Man führte Rituale ein, mit deren Hilfe die Menschen sowohl miteinander als auch mit den irdischen und kosmologischen Kräften kommunizieren konnten. Zusammen bildeten sie ein einzige, ganzheitliche Gemeinschaft – ein Universum.

Die Menschen positionierten sich selbst im Zentrum dieses Universums. Da sie verstanden, dass sich das Zentrum des Universums überall befindet, konnte auch die persönliche Zentrierung überall erfolgen. Die Urvölker Nordamerikas etwa boten den Kräften der vier Himmelsrichtungen die heilige Pfeife dar, um einen heiligen Raum zu schaffen, in dem sie in einen Zustand der bewussten Gegenwart dieser Kräfte eintreten konnten. Bei der Jagd holten sie ihren Rat ein, in Kriegszeiten baten sie sie um Stärke, bei Krankheiten um Heilung und um Unterstützung bei der Entscheidungsfindung. Dieses Bewusstsein für die Beziehung zwischen den menschlichen und kosmischen Kräften kommt auch in anderen Kulturen zum Ausdruck. In Indien, China, Griechenland, Ägypten und Rom wurden Säulen errichtet, um eine heilige Mitte abzugrenzen, die als Bezugspunkt für menschliche Angelegenheiten diente und Himmel und Erde miteinander verband.

In anderen Ritualen, mittels derer sich die menschlichen Gemeinschaften durch jahreszeitlich geprägte Danksagungen mit Hilfe der verschiedenen Kräfte einer Schenkungszeremonie selbst bestätigten, erhielten die Sonne, die Erde, die Bäume und die Tiere wiederum Zeichen der persönlichen Dankbarkeit für jene Gaben, die das Leben erst ermöglichen. Offensichtlich nehmen diese Völker die Dinge anders wahr als wir.

Wir haben unsere Verbindung zu dieser anderen, tieferen Wirklichkeit der Dinge verloren. Entsprechend finden wir uns jetzt auf einem verwüsteten Kontinent wieder, auf dem nichts heilig, nichts geweiht ist. Wir haben keine Welt mehr, die aus sich selbst heraus einen Wert hat, keine Welt der Wunder, keine unberührte, urwüchsige, unbenutzte Welt mehr. Wir haben alles benutzt. Im Zuge der »Entwicklung« des Planeten haben wir die Erde auf eine nie dagewesene Kargheit reduziert. Wissenschaftler sagen, dass wir uns inmitten der sechsten Aussterbeperiode in der Geschichte der Erde befinden. Ein solches Aussterben von Lebensformen ist seit dem Verschwinden der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren nicht mehr vorgekommen.

Für uns geht es jetzt nur noch um eines: ums Überleben. Nicht nur auf rein körperlicher Ebene, sondern um das Überleben in einer erfüllten Welt, um das Überleben in einer lebendigen Welt, in der die Veilchen im Frühling blühen und die Sterne geheimnisvoll leuchten – in einer sinnerfüllten Welt. Im Vergleich dazu schwindet die Bedeutung aller anderen Angelegenheiten – sei es im Rechtssystem, in der Regierung, in Religion, Erziehung, Wirtschaft, Medizin oder in den Künsten. Hier herrscht nur deshalb Unordnung, weil wir uns selbst gesagt haben: »Wir wissen! Wir verstehen! Wir begreifen!« In Wirklichkeit jedoch sehen wir, wie schon unsere Ahnen, die auf diesem Land gelebt haben, einen Kontinent, der uns zur Ausbeutung zur Verfügung steht.

Als wir vor etwa vierhundert Jahren erstmals auf diesem Kontinent ankamen, sahen wir außerdem ein Land, in dem wir den monarchischen Regierungen Europas und ihrer Welt des Königtums und der Unterwürfigkeit entfliehen konnten. Vor uns lag ein Land der Fülle, ein Land, in dem wir Grundeigentum besitzen und so nutzen konnten, wie wir wollten. Als wir uns davon befreiten, beherrscht zu werden, wurden wir zum Herrscher über alles andere. Wir sahen in den Zirbelkiefer-Wäldern von New England – Bäume mit bis zu zwei Metern Durchmesser – Wälder, die zu Bauholz verarbeitet werden konnten. Wir sahen Wiesen, die zu Weideland kultiviert werden konnten und Flüsse mit zahllosen Fischen darin. Wir sahen einen Kontinent, der darauf wartete, vom auserwählten Volk der Welt ausgebeutet zu werden.

Als wir als Siedler ankamen, betrachteten wir uns selbst als das religiöseste aller Völker, als das freieste in unseren politischen Traditionen, das gelehrteste an unseren Universitäten, das kompetenteste in unseren Technologien und als am besten dafür gerüstet, jeden ökonomischen Vorteil auszunutzen. Wir sahen uns selbst als einen göttlichen Segen für dieses Land. In Wirklichkeit waren wir ein räuberisches Volk auf einem unschuldigen Kontinent.

Wenn wir an die amerikanische Vorstellung von der »offenkundigen Bestimmung« denken, wünschen wir uns vielleicht, dass jenen Europäern, die damals als erste an dieser Küste ankamen, ein weiser Rat bezüglich unserer wahren Rolle zuteilgeworden wäre. Wir wünschen uns vielleicht, in den letzten vier Jahrhunderten eine Anleitung erhalten zu haben, die lehrt, wie man eine lebensfördernde Spezies wird. Als wir zum ersten Mal an die Küsten dieses Kontinents kamen, hatten wir die einzigartige Gelegenheit, uns und die gesamte Ausrichtung der westlichen Zivilisation zu einer ganzheitlicheren Lebensweise auf diesem Land zu korrigieren.

Stattdessen folgten wir dem Rat der Philosophen der Aufklärung, die auf eine Beherrschung der Natur drängten: Francis Bacon (1561-1626), der die Arbeit des Menschen als den einzigen Weg ansah, dem Land einen Wert zu geben; René Descartes (1596-1650) und John Locke (1632-1704), die eine Trennung des bewussten Selbst von der materiellen Welt vorantrieben. Als wir 1776 die Unabhängigkeit ausriefen, nahmen wir den Rat von Adam Smiths (1723-1790) Der Wohlstand der Nationen: Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen an, einem Buch, das bis heute einen enormen Einfluss auf das Wirtschaftsleben hat. Unsere politische Unabhängigkeit bot einen idealen Rahmen für die Herrschaft der Wirtschaft über die natürliche Welt.

Als Erben der biblischen Tradition glaubten wir, der Planet gehöre uns. Wir haben nie verstanden, dass dieser Kontinent seine eigenen Gesetze hat, die befolgt werden müssen, und seine eigenen Offenbarungen, die es zu verstehen gilt. Wir haben erst vor kurzer Zeit begonnen, die große Gemeinschaft des Lebens hier wahrzunehmen. Wir glauben noch immer nicht, dass wir den Urgesetzen folgen sollten, die diesen Kontinent bestimmen, oder dass wir jedes lebendige Geschöpf ehren sollten – vom kleinsten Insekt bis zum größten Adler am Himmel. Wir erkennen nicht, dass wir dazu verpflichtet sind, uns vor der Majestät der Berge und der Flüsse, der Wälder, des Graslands, der Wüsten und der Küsten zu verneigen.

Die indigenen Völker dieses Kontinents versuchten, uns den Wert des Landes zu lehren, aber unglücklicherweise waren wir so von unserem Traum von der offenkundigen Bestimmung geblendet, dass wir sie nicht verstehen konnten. Stattdessen waren wir empört, weil sie darauf bestanden, ein einfaches Leben zu führen, anstatt fleißig zu arbeiten. Wir wollten sie unsere Lebensweise lehren und zogen niemals in Betracht, dass sie uns stattdessen die ihre vermitteln könnten. Obwohl wir beim Aufbau unserer Siedlungen stets von den hier lebenden Völkern abhängig waren, betrachteten wir uns nie als Eindringlinge in ein heiliges Land, in einen heiligen Raum. Wir haben das Land nie so wahrgenommen, wie sie es taten – als eine lebendige Präsenz, die nicht in erster Linie genutzt, sondern geehrt wird und mit der man Zwiesprache hält.

René Descartes lehrte uns, dass im Singen der Walddrossel, im schwingenden Gang des Wolfes oder in der Bärenmutter, die ihr Junges liebkost, kein lebendiges Prinzip gegenwärtig sei. Da war kein lebendiges Prinzip im durch die weiten Räume des Himmels ziehenden Wanderfalken. Es gab nichts, mit dem man hätte kommunizieren können, nichts, das es zu ehren galt. Die Honigbiene war nur ein Mechanismus, der in der Blume Nektar sammelte und in Honig verwandelte, um den Bienenstock zu ernähren, und der Ahorn war nur ein Werkzeug, das Saft lieferte. Mit den Worten eines namhaften Wissenschaftlers: »Trotz all unserer Vorstellungskraft, unserer Fruchtbarkeit und Macht sind wir nicht mehr als eine Bakterien-Gemeinschaft, modulare Manifestationen kernhaltiger Zellen.«1

Um solchen reduktionistischen und mechanistischen Betrachtungsweisen des Universums zu begegnen, müssen wir unsere Sicht, unser Sehvermögen wiedererlangen. Im einleitenden Absatz von Der Mensch im Kosmos sagt uns Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955): »Sehen: Man könnte sagen, das ganze Leben sei darin beschlossen, [...] Deshalb enspricht die Geschichte der lebenden Wesen zweifellos der Ausgestaltung immer vollkommenerer Augen. [...] Sehen oder zugrunde gehen. In dieser durch das geheimnisvolle Geschenk des Daseins aufgezwungenen Lage befindet sich jedes Element des Universums.«2 Wir müssen endlich damit beginnen, dieses Land in seiner Ganzheit zu erleben. Um den ganzen Kontinent zu sehen, könnten wir uns vorstellen, wir befänden uns im großen zentralen Tal, das zwischen den Appalachen im Osten und den Rocky Mountains im Westen liegt. Hier wären wir über die Breite des Mississippi erstaunt, der durch das Tal und dann weiter in den gewaltigen Golf fließt, der an die südlichen Küsten des Kontinents grenzt. Dieser enorme Strom bildet gemeinsam mit dem Missouri, einem aus dem Nordwesten zuströmenden Nebenfluss, eines der größten Flussysteme des Planeten, das Wasser aus fast dem gesamten Kontinent abführt – von New York und den Appalachen im Osten bis hin zu Montana und den Rocky Mountains im Westen.

Diese Region umfasst die Great Plains, die Prärien aus hohem Gras, die sich von Indiana bis zum Mississippi erstrecken, und die Kurzgras-Ebenen, die auf der anderen Seite des Flusses beginnen und bis zu den Bergen reichen. Dieses Gebiet sollte in ganz besonderer Weise geehrt werden. Die Region im Westen des Flusses besteht aus einem der tiefsten und fruchtbarsten Böden des Planeten. Böden, die anderswo nur einige Zentimeter tief sind, reichen hier einen Meter oder mehr hinab. Sie haben sich aus dem Gebirgsgeröll gebildet, das viele Jahrhunderte lang vom Fluss herabgespült wurde. Große Teile der Bevölkerung sind auf diese Region angewiesen. Ein derart kostbarer Boden ist ein Geschenk, das sorgsam gehegt werden sollte. Dieses Zentrum der kommerziellen Weizen- und später auch Maisproduktion entstand im frühen 19. Jahrhundert im Staat New York und dehnte sich dann nach Westen aus, um heute jene Kornfelder in Kansas zu umfassen, die sich bis jenseits des Horizonts erstrecken.

Wenn wir im Flussbecken des Mississippi stehen, können wir uns nach Westen wenden und das Mysterium, das Abenteuer und die Verheißung dieses Kontinents spüren, und dem Osten zugewandt können wir und seine Geschichte, seine politische Herrschaft und seine wirtschaftlichen Themen wahrnehmen. Westlich von uns befinden sich die erhabenen Küstenmammutbaumwälder, die Bergmammutbäume, Douglasien und Küstenkiefern; in östlicher Richtung stehen Eichen, Buchen, Ahorne, Fichten, Tulpenbäume und Hemlocktannen. Gemeinsam zeugen sie vom Wunder dieses Kontinents und der alles umgebenden See.

Wir könnten auch in die Wüste, hoch in die Berge hinauf oder an die Meeresküsten gehen, um vielleicht tatsächlich zum ersten Mal am östlichen Himmel die Morgendämmerung anbrechen zu sehen – ihren ersten, noch ganz schwachen und violetten Schimmer, der sich über den Horizont ausbreitet, dann das langsame Aufsteigen der großen, goldenen Kugel. Am Abend könnten wir im Westen den flammenden Sonnenuntergang beobachten. Wir würden die Sterne von fernen Himmeln herabsteigen sehen, so nah, dass es beinahe so scheinen würde, als ob wir sie auf Zehenspitzen mit unseren Händen greifen könnten.

Auf dieselbe Weise könnten wir auch den Wechsel der Jahreszeiten betrachten, zum Beispiel das Frühlingserwachen des Landes, wenn die Gänseblümchen auf den Wiesen blühen und der Hartriegel uns seine zarten weißen Blüten entgegenreckt. Wir könnten furchterregende Momente erleben, wenn Sommerstürme am Horizont auftauchen und Blitze über den Himmel zucken, wenn uns im tiefen Wald die Dunkelheit umhüllt oder wenn wir die Welt über uns als ein gewaltiges Aufgebot von sich Geltung verschaffenden Kräften erleben. Wenn wir all das betrachten, könnten wir vielleicht damit beginnen, uns unseren Weg in die Zukunft vorzustellen.

Diese Zukunft betreffend können wir zwei Feststellungen machen. Erstens: Die Erde ist ein Projekt, das nur ein einziges Mal durchgeführt werden kann. Es gibt keine wirkliche zweite Chance. Vieles kann geheilt werden, weil der Planet über ausgedehnte, wenn auch begrenzte Selbstheilungskräfte verfügt. Der nordamerikanische Kontinent wird niemals wieder das sein, was er einmal war. So sehr ist er noch nie zuvor verwüstet worden. Während der vorangegangenen Phasen des Aussterbens blieb das Land transformationsfähig, aber das ist mittlerweile viel schwieriger zu bewirken. Zweitens haben wir uns so sehr eingemischt und die ursprünglichen Kräfte des Kontinents so stark geschwächt, dass er sich nicht mehr alleine weiterentwickeln kann. Deshalb müssen wir uns auf umfassende Weise für seine Zukunft engagieren.

Es ist klar, dass sich auf diesem Kontinent in Zukunft kaum noch Leben entwickeln wird, wenn wir seine Lebensformen nicht fördern und schützen. Zu diesem Zweck muss sich tief in unserer Seele ein Wandel vollziehen. Zwar brauchen wir unsere Technologien, aber das hier geht über Technologie hinaus. Unsere Technologie hat uns betrogen. Es ist ein numinoses Projekt, ein Werk der Wildnis. Wir brauchen eine Transformation, die jener ähnelt, die dem Naturschützer Aldo Leopold (1887-1948) widerfuhr, als er sah, wie das Feuer in den Augen eines Wolfes erlosch, den er erschossen hatte. Von diesem Augenblick an begann er, die Zerstörung wahrzunehmen, die wir über diesen Kontinent bringen. Wie Leopold müssen auch wir erwachen, um die Wildnis selbst als eine Quelle neuer Lebenskraft zu sehen, die ihre eigene Existenz erhält, denn gerade das Wilde ist schöpferisch. Henry David Thoreau (1817-1862) drückte es folgendermaßen aus: »Die Wildheit garantiert die Erhaltung der Welt.«3 Die Gemeinschaft, die sich durch solche Erfahrungen des Wilden einstellt, in denen wir eine Präsenz spüren, die einschüchternd, aber auch atemberaubend in ihrer Schönheit ist, können wir in ihrer Wirklichkeit nicht mehr begreifen, aber sie deutet auf das Heilige, das Sakrale hin.

Das Universum ist die höchste Manifestation des Heiligen. Diese Vorstellung ist für die Etablierung eines Kosmos, für eine einleuchtende Art, das Universum oder auch nur irgendeinen Teil davon zu verstehen, von grundlegender Bedeutung. Deshalb wurde die Geschichte vom Ursprung aller Dinge in den frühesten Phasen menschlichen Bewusstseins als ein höchst nährendes und ursprüngliches mütterliches Prinzip oder als die Große Mutter erlebt. Einige der indigenen Völker dieses Landes erfahren sie als die Mais-Mutter oder die Spinnen-Frau. Jene, die die Mais-Mutter verehren, legen dem Kind einen Maiskolben in die Wiege, um dem Säugling jenes Gefühl der Sicherheit und Besänftigung zu vermitteln, das er braucht, um sich tief geborgen zu fühlen. Von dem Augenblick an, in dem das Kind aus der Wärme und Sicherheit des Mutterleibes in die kühle und sich verändernde Welt des Lebens hineingeboren wird, stellt der Maiskolben eine heilige Präsenz, einen Segen dar.

Wir müssen uns erinnern, dass nicht nur die menschliche Welt, sondern der gesamte Planet in dieser heiligen Umarmung sicher gehalten wird. Diese Präsenz und Sicherheit brauchen wir unser ganzes Leben lang. Heilig ist, was tiefstes Staunen heraufbeschwört. Wir mögen vieles wissen, aber tatsächlich kennen wir nur den Schatten der Dinge. Wir gehen in der Nacht ans Meer und stehen dort am Strand. Wir lauschen dem eindringlichen Brausen der Wellen, die immer höher hinauf reichen, bis sie an ihrer Grenze anlangen und nicht mehr weiter kommen, um dann in einen inneren Frieden zurückzukehren, bis der Mond sie erneut zu diesen Ufern ruft.

So verhält es sich auch mit der Erfüllung einer Vision, die wir erhalten mögen – einen kurzen Augenblick lang. Dann ist sie wieder fort, um nur im tiefen Bewusstsein für jene Präsenz wiederzukehren, die alle Dinge zusammenhält.

Jeden Tag untersuchen die Priester

das Gesetz auf genaueste Weise

und singen endlos die kompliziertesten Sutras.

Doch bevor sie das tun, sollten sie lernen,

wie man die Liebesbriefe liest, die uns Wind

und Regen, Schnee und Mond senden.

IKKYU

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Der zen-buddhistische Mönch, Dichter und Friedensaktivist THICH NHAT HANH hält uns dazu an, aus dem Traum aufzuwachen, der unseren Planeten zerstört. Unsere Achtsamkeit kann unser kollektives Bewusstsein verändern und uns die Macht geben, über das Schicksal unserer Welt zu entscheiden.

 

Die Glocken der Achtsamkeit

THICH NATH HANH

Die Glocken der Achtsamkeit rufen uns zu,

versuchen uns aufzuwecken, sie erinnern uns daran,

genau hinzuschauen, welche Auswirkungen

unsere Lebensweise auf diesen Planeten hat.

DIE GLOCKEN DER ACHTSAMKEIT ertönen. Überall auf der Erde erleben wir Überschwemmungen, immer ausgedehntere Dürreperioden und verheerende Flächenbrände. In der Arktis schmilzt das Eis, während andernorts Tausende durch Wirbelstürme oder Hitzewellen getötet werden. Die Wälder schwinden und die Wüsten dehnen sich aus. Tagtäglich sterben ganze Arten aus, und doch konsumieren wir weiter und missachten den Klang der Glocken.

Wir alle wissen, dass unser schöner, grüner Planet in Gefahr ist. Die Art und Weise, wie wir über diese Erde gehen, hat einen großen Einfluss auf Tiere und Pflanzen. Doch wir verhalten uns so, als ob unser Alltagsleben nichts mit dem Zustand der Welt zu tun hätte. Wir sind wie Schlafwandler, die nicht wissen, was sie tun oder wohin sie unterwegs sind. Ob wir erwachen können oder nicht, hängt davon ab, ob wir achtsam über unsere Mutter Erde zu gehen vermögen. Die Zukunft allen Lebens, einschließlich unseres eigenen, hängt von unseren achtsamen Schritten ab. Wir müssen die Glocken der Achtsamkeit hören, die überall auf unserem Planeten zu hören sind. Wir müssen lernen, so zu leben, dass für unsere Kinder und Enkelkinder eine Zukunft möglich sein wird.

Ich habe den Buddha über die Erderwärmung zu Rate gezogen. Seine Lehre ist sehr klar und eindeutig. Wenn wir weiterhin so leben, wie wir es bisher getan haben, und ohne irgendeinen Gedanken an die Zukunft einfach konsumieren, unsere Wälder zerstören und gefährliche Mengen von Kohlendioxid ausstoßen, dann wird ein verheerender Klimawandel unvermeidbar sein. Unser Ökosystem wird größtenteils zerstört werden. Der Meeresspiegel wird ansteigen und die Küstenstädte werden überflutet werden. Hunderte Millionen Menschen werden zu Flüchtlingen, was zu Kriegen und zum Ausbruch ansteckender Krankheiten führen wird.

Wir brauchen eine Art kollektiven Erwachens. Es gibt unter uns Männer und Frauen, die bereits aufgewacht sind, doch das genügt nicht, denn die meisten Menschen schlafen immer noch. Wir haben ein System geschaffen, das wir nicht kontrollieren können, das uns beherrscht und dessen Sklaven und Opfer wir geworden sind. Die meisten von uns, die ein Haus, ein Auto, einen Kühlschrank, einen Fernseher und so weiter haben wollen, müssen dafür ihre Zeit und ihr Leben opfern. Wir stehen ständig unter Zeitdruck. Früher war es uns noch möglich, drei Stunden in einer entspannten, spirituellen Atmosphäre mit einer Tasse Tee in Gesellschaft von Freundinnen und Freunden zu verbringen. Wir konnten ein Fest veranstalten, um das Blühen einer einzigen Orchidee in unserem Garten zu feiern. Aber heute können wir uns das alles nicht mehr leisten. »Zeit ist Geld!«, heißt unser Motto. Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, in der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden; eine Gesellschaft, in der wir so in unsere eigenen unmittelbaren Probleme verstrickt sind, dass wir es uns nicht leisten können, dessen gewahr zu sein, was mit dem Rest der Menschenfamilie oder unserem Planeten Erde geschieht. Ich muss da an Hühner in einem Käfig denken, die sich erbittert über einige Körner streiten und denen gar nicht bewusst ist, dass sie in wenigen Stunden alle geschlachtet werden.

In China, Indien, Vietnam und anderen Schwellen- oder Entwicklungsländern träumen die Menschen noch immer den »amerikanischen Traum«. Als ob dessen Erfüllung das letzte Ziel der Menschheit wäre – jeder muss ein eigenes Auto haben, ein eigenes Bankkonto, ein eigenes Mobiltelefon, einen eigenen Fernseher. In 25 Jahren wird die Einwohnerzahl Chinas auf 1,5 Milliarden Menschen gestiegen sein. Wenn jeder von ihnen ein eigenes Auto fahren möchte, wird China tagtäglich rund 16 Milliarden Liter Öl benötigen. Aber die Weltproduktion liegt augenblicklich nur bei zirka 13 Milliarden Liter am Tag. Demzufolge ist für China, Indien oder Vietnam der amerikanische Traum nicht zu verwirklichen. Er wird nicht einmal mehr für die Amerikaner möglich sein. Wir können nicht so weiter leben wie bisher. Solch eine Wirtschaft ist nicht zukunftsfähig.