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ÜBER DAS BUCH

Leere Bänke, Kritik von vielen Seiten, Streit über den richtigen Weg: Die Kirche ist in der Krise. Das kann jedoch ein Wendepunkt sein. Welche Zukunft die Kirche in einer pluralen und offenen Gesellschaft hat, beschreibt Kardinal Marx. Ein entscheidender Wegweiser dabei ist für ihn die Botschaft des Evangeliums.

ÜBER DEN AUTOR

Kardinal Reinhard Marx, geboren 1953, ist seit 2008 Erzbischof von München und Freising. Von Papst Franziskus wurde er in das Gremium der neun Kardinäle berufen, das die Reform der Kurie mitberät. Zudem ist Kardinal Marx Koordinator des Vatikanischen Wirtschaftsrates. Seit 2014 ist er Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und wurde 2015 zum zweiten Mal zum Präsidenten der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft gewählt.

REINHARD MARX

Kirche überlebt

Kösel

Copyright © 2015 Kösel-Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt München

ISBN 978-3-641-18182-6

Weitere Informationen zu diesem Buch und unserem gesamten lieferbaren Programm finden Sie unter www.koesel.de

Inhalt

Wie geht’s der Kirche?

Kirche und Gesellschaft

Kirche und der Geist der Freiheit

Kirche – einfach anders?

Kirche ändert sich

Kirche überlebt

Dank

Verwendete Literatur

Abkürzungsverzeichnis

Wie geht’s der Kirche?

Leere Bänke: ein beliebtes Fotomotiv, wenn es um Kirche geht! Wie ein Mantra wird wiederholt, dass die Bedeutung der Kirchen von Jahr zu Jahr abnimmt und viele Menschen sie verlassen. Zurück bleiben leere Bänke. Da stellt sich dann doch die Frage nach dem »Überleben« der Kirche. In einer Welt, die auf Zahlen und Ergebnisse, auf messbare Renditen und sichtbare Erfolge ausgerichtet ist, scheint der Blick auf die Kirche von Jahr zu Jahr eher düsterer zu werden. Ein unaufhaltsamer Prozess?

Vor Jahrzehnten galt als ausgemacht:

Wir alle wissen, dass wir eine ganz andere Entwicklung erlebt haben: Zwar stimmt es, dass in einer modernen und offenen Gesellschaft Gestalt und Gehalt von Religion sich verändern. Religion verschwindet aber nicht, auch die Kirche nicht. Sie verliert zwar vielleicht an Einfluss und Wirkmächtigkeit, aber religiöse Phänomene sind weiterhin außerordentlich virulent und präsent in der öffentlichen Debatte.

Hinzu kommt eine neue Dynamik und Beunruhigung im Bereich der Religionen, besonders durch die fundamentalistischen und fanatischen Ausprägungen des Islam. Aber es gibt auch im christlichen Bereich neue und sich polarisierende Diskussionen. Manchmal sind dann kulturelle, politische und religiöse Motive vermischt und dann wird deutlich, dass auch in sogenannten fortgeschrittenen, modernen Gesellschaften das Thema Religion nicht erledigt ist, beziehungsweise benutzt werden kann für die Verschärfung von Debatten. Denken wir an die Diskussion über das Kopftuch, die sogenannte Homo-Ehe, die Kreuze in öffentlichen Einrichtungen und vieles andere mehr. Die notwendigen Diskussionen und Auseinandersetzungen in einer offenen Gesellschaft bekommen eine besondere Note durch die religiöse Argumentation und durch die Mobilisierung, die dadurch möglich wird. All das geschieht innerhalb einzelner Gesellschaften, aber auch im Rahmen weltweiter Auseinandersetzungen. Von einem Verschwinden religiöser Thematik, Sprache und Symbolik kann jedenfalls nicht die Rede sein. Im Gegenteil.

Wir erleben also durchaus eine Verschärfung der religiösen Debatten und Kämpfe. Nichts deutet darauf hin, dass sich dies in nächster Zeit erledigen wird. Der von Samuel Huntington 1996 beschworene »Kampf der Kulturen« (»clash of civilizations«) findet heute weit mehr Zustimmung als vor zwei Jahrzehnten. Für mich zeigt sich deutlich, dass die Frage der Religion eine zentrale Frage für die Zukunft nicht nur unseres Gemeinwesens, sondern der Welt geworden ist.

Umso wichtiger ist es, darüber nachzudenken, wie Religion und Religionen sich in der Zukunft weiterentwickeln. Wie können sie ein Beitrag sein für ein besseres Miteinander in einer globalisierten und sehr heterogenen Welt? Im Blick auf die Entwicklung der Welt und die drohenden Gefahren sollten die Religionen, und da denke ich besonders an das Christentum, nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung sein. Der große Philosoph und Politiker André Malraux (19011976) hat vor einigen Jahrzehnten schon prophezeit, dass das 21. Jahrhundert religiös sein wird oder nicht mehr sein wird. Und es ist wahr: Viele halten mittlerweile Religion für eine notwendige Voraussetzung für das Überleben der Menschheit und für ein gutes Miteinander in einer zusammenwachsenden Welt. Aber welche Religion wird das sein? Können die Religionen sich auf einen Weg begeben, der sie befähigt, diesen Beitrag zu leisten? Und wie sieht es mit dem Christentum aus? Geht es bei der Frage um das Überleben der Kirche letztlich nicht auch um die Frage: In welcher Welt wollen wir leben? Was soll Grundlage unseres Zusammenlebens sein? Welche Werte und Zielvorstellungen sollen uns leiten?

Im Augenblick nehmen wir eher wahr, dass die Religionen und auch das Christentum sich im Zustand starker innerer Auseinandersetzungen befinden. In einer globalisierten und pluralen Welt – noch einmal konkretisiert und verdichtet in einer offenen Gesellschaft mit Zuwanderung, verschiedenen Religionen und Kulturen – prallen die Unterschiede eben doch stärker aufeinander. Das gilt auch für eine Weltkirche wie die katholische, in der die Einheit der Kirche ein hohes Gut ist und dennoch spürbar wird, wie die verschiedenen Erfahrungen und Lebensäußerungen des Glaubens sich stärker und unmittelbarer begegnen als jemals in der Geschichte. Die eine, globale katholische Kirche ist erst auf dem Weg, konkrete Gestalt anzunehmen.

Dieses Spannungsfeld zeigt sich besonders stark in zwei Tendenzen: Der Wunsch nach Einheit kann auch zu einer Uniformität führen, die zu vieles und zu viele ausschließt. Andererseits bergen Vielfalt und Pluralität die Gefahr des Relativismus und damit des Auseinanderbrechens einer Gemeinschaft. Religion und Kirche befinden sich in einer spannungsreichen Gemengelage, die auch den Charakter einer gewissen Unübersichtlichkeit hat. Das führt dann auch dazu, mit einfachen Antworten diese Unübersichtlichkeit klären zu wollen.

Wie könnte die Zukunft aussehen? Werden die Religionen die Probleme verschärfen oder sind sie ein Teil der Lösung, damit die Menschheitsfamilie einen guten Weg gehen kann? Kann man überhaupt von den Religionen allgemein sprechen? Gibt es nicht viele Mischformen? Wird nicht allzu oft Religion benutzt für ideologische und politische Zwecke oder verflüchtigt sie sich im Westen, in Europa und in anderen offenen Gesellschaften eher hin zu einer unverbindlichen Tradition oder einem starken Gefühl für wichtige Augenblicke des Lebens? Vor allem: Wird etwa das Christentum in der Sozialform der Kirche, insbesondere der katholischen Kirche, überleben oder wird es zersplittert sein in Gruppen und Flügel, vielfältige Gemeinschaften, die der Pluralität der Menschen und ihrer Lebensweisen eher gerecht werden?

Auf dem Weg zu einer neuen Sozialgestalt

Es ist unmöglich und auch nicht beabsichtigt, all diese grundsätzlichen Fragen, die uns in den nächsten Jahrzehnten bewegen werden, in diesem Buch zu beantworten. Die Fragen können nur den Horizont aufreißen, in dem eine konkrete Frage genauer bedacht werden soll, nämlich: Wie sieht es aus mit der Zukunft der katholischen Kirche in einer offenen Gesellschaft? Ist Kirche überlebt? Überlebt Kirche sich? Wie lebt sie?

Ich glaube, dass die Entwicklung hin zu einer offenen, pluralen, freien Gesellschaft, in der sich die Demokratie als Staatsform entwickelt hat, positiv ist, auch vom Glauben her die richtige Entwicklung war und von den Grundoptionen des Evangeliums gedeckt wird. Diese Entwicklung wird sich langfristig auch in anderen Ländern und Kulturen durchsetzen, so glaube und hoffe ich. Die Kirche wird für die Zukunft ihren Ort suchen müssen in einer solchen Gesellschaft und Kultur. Das hat Folgen für ihr Auftreten, ihre Verkündigung und ihre Sozialformen, wenn sie zugleich daran festhält, das Evangelium grundsätzlich möglichst vielen Menschen, ja allen Menschen, so zu bezeugen, dass sie es aufnehmen können, verstehen können und sich für die Botschaft und Person Christi entscheiden können.

Wenn sich auch die alte Säkularisierungsthese nicht bestätigt hat, so bleibt doch die große Herausforderung einer wirklich neuen Evangelisierung in einer Welt, in einer Kultur, in der etwa Transzendenz nicht mehr wie selbstverständlich zum Leben dazugehört und sich die Wahrheit der Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus lebenspraktisch beweisen muss. Das Alter und die Autorität einer Institution schützen weder vor dem Niedergang, noch reichen sie aus als Quelle der Erneuerung. Wer darauf baut, sollte sich eher bemühen, die Kirche zum Weltkulturerbe zu erklären.

Als gläubige Menschen vertrauen wir dem Wort des Herrn: »Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt 28,20). Diese Verheißung, dass Jesus Christus mit uns geht, bedeutet aber nicht, dass wir nicht all unsere Fähigkeiten, all unsere Kräfte, all unser Denken mobilisieren müssen, um auf die Herausforderungen der Zeit zu antworten und Kirche für die Menschen zu sein. Es geht ja nicht um das Überleben der Institution Kirche. Sondern es geht darum, ob möglichst allen Menschen das Evangelium von Jesus Christus verkündet wird. Die Kirche ist kein Selbstzweck, kein geschlossener Kreis, der sich selbst genügt und froh ist, dass nicht so viele unsere Kreise stören, sondern im Gegenteil: Sie ist eine Gemeinschaft, die ausgerichtet ist auf die ganze Welt, auf alle Menschen. Es kann und darf uns nicht gleichgültig lassen, wenn wir immer weniger Menschen mit unserer Botschaft erreichen und einbeziehen in das Leben mit Christus. Dieser missionarische, evangelisierende Impuls, der besonders von Papst Franziskus ausgeht und sein Schreiben Evangelii Gaudium (das heißt übersetzt: »Freude des Evangeliums«) prägt, hat nichts zu tun mit einem Geist der Macht und des Einflusses. Es geht nicht um den Gedanken: Wenn die Kirche größer ist, ist sie wichtiger, sondern darum, dass viele Menschen Christus finden, den Weg, die Wahrheit und das Leben (vgl. Joh 14,6). Und deswegen führt auch kein Weg daran vorbei, innerhalb der Kirche Debatten und Auseinandersetzungen über diesen Weg in die Zukunft zu führen.

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Alle tragen Verantwortung für den Weg der Kirche. Da gibt es keine einfache Unterscheidung zwischen der »lehrenden« und der »lernenden« Kirche. Denn wir sind alle miteinander mit unseren Gaben aufgerufen, das Evangelium zu bezeugen. Jeder und jede an seiner und ihrer Stelle. Die Bischöfe und Priester sollen dem ganzen Volk Gottes helfen, diese Berufung zu leben. Das Zweite Vatikanische Konzil hat unterstrichen, dass die Bischöfe als Nachfolger der Apostel in besonderer Weise verantwortlich sind für das Miteinander in der Kirche, für die Einheit, für die Wahrung des Glaubens, für die Ermutigung aller. Und auch die nicht-kirchliche Öffentlichkeit nimmt diese besondere Verantwortung wahr, der wir uns nicht entziehen dürfen und die nicht nur auf die Kirche ausgerichtet ist, sondern auf alle Menschen. Deshalb sind die Kollegialität der Bischöfe und die Gemeinschaft der Bischöfe mit dem Papst von so außerordentlicher Bedeutung für das gemeinsame Zeugnis. Und ich bin mir sehr bewusst, dass ich einmal von Christus zur Rechenschaft gezogen werde. Ja, es braucht gerade im Blick auf die Zukunft der Kirche eine entschiedene Gelassenheit, aber auch Mut und die Anstrengung des Verstandes. Um den Weg in die Zukunft zu gehen, braucht es beides: Beten und Denken!